Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Viertes Hauptstück - 159-163
Transcript
- 0:00Unterkapitel 159 die Kunst, dem Künstler gefährlich Nietzsche
- 0:03erklärt, dass die Kunst für den Künstler selbst gefährlich sein
- 0:08kann, wenn sie ihn zu stark ergreift.
- 0:11Wenn ein Künstler sehr stark von seiner Kunst eingenommen wird,
- 0:14zieht ihn das oft in die Vergangenheit zurück, er wendet
- 0:17sich Zeiten zu, in denen die Kunst noch mächtiger war als
- 0:20heute, das wirkt auf den Künstler zurückbildend er fängt
- 0:23an, plötzliche Gefühlsaufwallungen zu verehren.
- 0:29Glaubt vielleicht wieder an Götter oder Dämonen und sieht
- 0:32die Natur als beseelt an. Gleichzeitig beginnt er, die
- 0:35Wissenschaft zu hassen, weil sie die Welt nüchtern erklärt, er
- 0:39wird launisch wie die Menschen in der Antike und wünscht sich,
- 0:42dass die geordneten Verhältnisse seiner Zeit umgestürzt werden.
- 0:46Dabei verhält er sich oft heftig und unvernünftig wie ein Kind.
- 0:50Nietzsche sagt, dass der Künstler an sich schon ein Wesen
- 0:53ist, das in seiner Entwicklung stehen geblieben ist.
- 0:55Er bleibt ein Stück weit immer Kind oder Jugendlicher.
- 0:59Durch die intensive Beschäftigung mit der Kunst wird
- 1:01er nun noch weiter in frühere Entwicklungsstufen der
- 1:04Menschheit zurückversetzt. Das führt schließlich zu einem
- 1:07Konflikt, der Künstler passt nicht mehr in seine eigene Zeit
- 1:11und Gerät in Streit mit den Menschen um ihn herum, die
- 1:14moderner Denken, das Ende solcher Künstler ist oft traurig
- 1:19Nietzsche nennt als Beispiele die antiken Dichter Homer und
- 1:22Eschylus, die der Legende nach am Ende ihres Lebens in
- 1:25Schwermut, also in tiefer Traurigkeit.
- 1:28Lebten und starben Unterkapitel, 160 geschaffene Menschen in
- 1:34diesem Unterkapitel kritisiert Nietzsche die Behauptung, dass
- 1:39Dichter und Dramatiker Theaterautoren, wirkliche
- 1:41Charaktere oder Menschen erschaffen.
- 1:44Er nennt das eine schöne Täuschung und Übertreibung.
- 1:47Nietzsche argumentiert so, wir verstehen im echten Leben wahre,
- 1:52lebendige Menschen gar nicht besonders gut.
- 1:56Wir machen uns meist nur ein sehr oberflächliches Bild von
- 1:59ihnen. Wenn nun ein Künstler einen
- 2:01Charakter für ein Theaterstück oder einen Roman erschafft, dann
- 2:04entspricht dieser Charakter genau unserem oberflächlichen
- 2:07Wissen. Diese Kunstfiguren sind oft sehr
- 2:10einfach gestrickt, haben viel Licht und viel Schatten, aber
- 2:14sie sind nicht so komplex wie echte Menschen, sie sind eher
- 2:16wie Gespenster oder Schattenrisse, ein echter Mensch
- 2:19ist das Ergebnis von vielen notwendigen Entwicklungen und
- 2:22Widersprüchen. Wir erkennen diese Notwendigkeit
- 2:25im echten Leben aber oft nicht. Die erfundenen Figuren der
- 2:29Künstler wirken nur deshalb so echt auf uns, weil wir daran
- 2:32gewöhnt sind, auch echte Menschen nur grob und
- 2:34vereinfacht wahrzunehmen, auch in der bildenden Kunst, also bei
- 2:38Malern und Bildhauern, ist es ähnlich, wenn man sagt, ein
- 2:42Künstler drücke die Idee eines Menschen aus, ist das laut
- 2:45Nietzsche Unsinn, der Künstler sieht nur die Oberfläche, die
- 2:49Haut, er kann gar nicht das Innere des Menschen darstellen.
- 2:53Weil die Kunst von der Unwissenheit über das Innere
- 2:55lebt. Die Kunst ist für das Auge und
- 2:57die Ohren da, nicht für die wissenschaftliche Analyse von
- 3:00Physikern oder Philosophen, Unterkapitel, 116,
- 3:05Selbstüberschätzung im Glauben an Künstler und Philosophen in
- 3:08diesem Abschnitt beschäftigt sich Nietzsche mit einem Fehler,
- 3:13den wir Menschen oft machen, wenn wir Kunst oder Philosophie
- 3:16betrachten. Wir neigen dazu, uns selbst und
- 3:19unser eigenes Urteil zu überschätzen.
- 3:23Nietzsche beschreibt das Problem so.
- 3:25Wir glauben oft, dass ein Kunstwerk oder ein Künstler
- 3:28besonders gut sein muss, nur weil wir uns davon stark berührt
- 3:31oder ergriffen fühlen. Wir denken, wenn mich das so
- 3:35tief bewegt, dann muss es von höchster Qualität sein.
- 3:39Nietzsche sagt aber, dass wir hier erst einmal beweisen
- 3:41müssten, dass wir selbst überhaupt einen guten Geschmack
- 3:44und ein richtiges Urteil haben, und das ist oft gar nicht der
- 3:48Fall. Er nennt Beispiele aus der
- 3:50Geschichte. Um das zu beweisen.
- 3:53Er erwähnt Gianlorenzo Bernini, einen italienischen Bildhauer
- 3:57und Architekten des Barock, der für seine sehr dramatischen und
- 4:00bewegten Werke bekannt war. Nietzsche erwähnt auch den
- 4:03sogenannten asianischen Stil in der Redekunst, das war ein sehr
- 4:08überladener und prunkvoller Stil, der nach dem berühmten
- 4:11griechischen Redner Demosthenes in Mode kam.
- 4:14Diese Stile haben die Menschen über Jahrhunderte hinweg
- 4:17begeistert und beherrscht. Aber nur, weil sie damals alle
- 4:21Menschen ergriffen haben, heißt das nicht, dass sie für alle
- 4:24Ewigkeit gut und richtig sind. Nietzsche meint, Wir sollten
- 4:28nicht zu sicher sein, wenn wir an einen Künstler glauben,
- 4:30dasselbe gilt für die Philosophie und die Religion,
- 4:34viele Menschen glauben, dass eine Religion oder eine
- 4:37philosophische Lehre wahr sein muss, weil sie glücklich macht
- 4:40oder ein schönes Gefühl gibt. Nietzsche vergleicht das mit
- 4:44einem verrückten Menschen, der eine fixe Idee hat, die ihn sehr
- 4:47glücklich macht. Nur weil dieser Irrsinnige sein
- 4:50Glück genießt, heißt das noch lange nicht, dass seine
- 4:53wahrhafte Idee auch vernünftig oder wahr ist.
- 4:56Genauso beweist das Glücksgefühl, dass eine Religion
- 4:59auslöst, nicht, dass die Religion die Wahrheit sagt.
- 5:03Zusammenfassend warnt Nietzsche davor, unser eigenes Gefühl als
- 5:06Maßstab für Wahrheit und Qualität zu nehmen, dass wir
- 5:10etwas toll finden, beweist nichts über den wahren Wert der
- 5:13Sache. Unterkapitel 162 Kultus des
- 5:19Genius aus Eitelkeit in diesem Unterkapitel erklärt Nietzsche,
- 5:24warum wir manche Menschen als Genies verehren und warum das
- 5:27eigentlich viel mit unserer eigenen Eitelkeit zu tun hat.
- 5:31Nietzsche sagt, Wir denken gerne gut von uns selbst, aber wir
- 5:35erwarten nicht von uns, dass wir zum Beispiel ein Meisterwerk der
- 5:38Malerei wie eines von Raffael entwerfen können, auch trauen
- 5:42wir uns nicht zu, eine so dramatische Szene zu schreiben.
- 5:46Wie sie in einem Theaterstück von William Shakespeare
- 5:48vorkommt. Wenn wir nun sehen, dass jemand
- 5:51anderes so etwas großartiges kann, reden wir uns ein, dass
- 5:54diese Fähigkeit etwas ganz Außergewöhnliches, fast
- 5:58übernatürliches ist. Wir sagen, es ist ein Wunder
- 6:02oder ein ganz seltener Zufall, wenn wir religiös sind, nennen
- 6:05wir es eine Begnadigung von oben, also ein Geschenk Gottes,
- 6:11warum tun wir das? Nietzsche sagt, Das fördert
- 6:14unsere Selbstliebe. Also unsere Eitelkeit.
- 6:17Denn wenn wir einen großen Künstler als Genie bezeichnen,
- 6:21stellen wir ihn ganz weit weg von uns.
- 6:23Wir betrachten ihn als eine Art Wundertier oder Monster, mit dem
- 6:27wir uns gar nicht vergleichen müssen, wenn wir glauben, dass
- 6:30seine Kunst wie durch Zauberei entstanden ist, dann müssen wir
- 6:33uns nicht schlecht fühlen, dass wir das nicht können.
- 6:36Nietzsche nennt ein Beispiel von Johann Wolfgang von Goethe
- 6:40selbst Goethe, der eigentlich neidlos war, nannte Shakespeare
- 6:43einen Stern der Fernsten Höhe Damit sagte er indirekt,
- 6:48Shakespeare ist so weit weg und unerreichbar wie ein Stern,
- 6:51deshalb muss man ihn nicht beneiden.
- 6:54Nietzsche erklärt also, wir nennen Menschen Genies und
- 6:57verehren sie fast wie Götter, damit wir nicht neidisch sein
- 7:00müssen, wenn wir denken würden, dass diese Menschen einfach nur
- 7:04sehr hart gearbeitet haben und klug waren, dann müssten wir uns
- 7:07fragen, warum wir das nicht auch geschafft haben, indem wir sie
- 7:11zu übernatürlichen Wesen erklären, schützen wir unser
- 7:14eigenes Selbstwertgefühl. Unterkapitel 163 der Ernst des
- 7:19Handwerks hier räumt Nietzsche mit dem Mythos auf, dass große
- 7:24Werke einfach so durch bloße Begabung oder Inspiration
- 7:27entstehen. Er spricht über den Ernst des
- 7:31Handwerks, also die harte, disziplinierte Arbeit, die
- 7:33hinter jeder großen Leistung steckt, er fordert uns auf,
- 7:38nicht mehr nur von angeborenen Talenten zu reden, es gibt viele
- 7:41große Männer in der Geschichte. Die anfangs gar nicht so viel
- 7:45Talent hatten. Sie sind groß geworden, weil sie
- 7:48Eigenschaften hatten, über die man heute nicht so gerne
- 7:50spricht, weil sie nach Arbeit klingen und nicht nach Magie.
- 7:54Diese großen Menschen waren wie ernsthafte Handwerker, sie haben
- 7:58gelernt, erst einmal die kleinen Teile perfekt zu bauen, bevor
- 8:01sie sich an ein großes Ganzes gewagt haben, sie haben sich
- 8:04Zeit gelassen, sie hatten mehr Lust daran, die kleinen Dinge
- 8:08gut zu machen, als sofort mit einem großen, blendenden Effekt
- 8:11zu prahlen. Nietzsche gibt sogar ein Rezept,
- 8:15wie zum Beispiel jemand ein guter Novellist, also ein Autor
- 8:18von kurzen Erzählungen werden kann.
- 8:20Er sagt, es ist leicht zu erklären, aber die Ausführung
- 8:24ist harte Arbeit, man müsste hunderte kleine Entwürfe
- 8:26schreiben, man müsste lernen, Geschichten in der kürzesten und
- 8:30besten Form zu erzählen, man müsste unermüdlich Menschen
- 8:33beobachten, Typen sammeln und zuhören, wie andere erzählen,
- 8:38man sollte sich wissen aus vielen Wissenschaften aneignen,
- 8:41um künstlerische Wirkungen zu erzeugen.
- 8:43Man sollte über die Gründe nachdenken, warum Menschen so
- 8:46handeln, wie sie handeln. Nietzsche sagt, man müsste diese
- 8:49Übungen 10 Jahre lang machen, erst dann, wenn man all das in
- 8:53seiner Werkstatt geschaffen und geübt hat, kann man mit seinen
- 8:56Werken an die Öffentlichkeit gehen, aber wie machen es die
- 8:59meisten Menschen, sie fangen nicht mit den kleinen Teilen an,
- 9:03sondern wollen sofort das große Ganze schaffen, sie haben
- 9:07vielleicht einmal einen guten Einfall und bekommen
- 9:09Aufmerksamkeit. Aber danach machen sie immer
- 9:12schlechtere Sachen, weil sie das Handwerk nicht gelernt haben.
- 9:15Das ist ganz natürlich. Nietzsche sagt Also, Genie ist
- 9:19keine Zauberei, es ist das Ergebnis von jahrelanger
- 9:22ernsthafter Arbeit, sammeln, Ordnen und üben, so wie ein
- 9:26Handwerker sein Handwerk lernt.