Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 4. Theil - 12 - Das Abendmahl
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen vierter Teil
- 0:04unter Kapitel 12 das Abendmahl an dieser Stelle der Geschichte
- 0:11wird die feierliche Begrüßung zwischen Zarathustra und seinen
- 0:13Gästen, den sogenannten höheren Menschen, unterbrochen.
- 0:17Der Wahrsager, der ebenfalls ein Gast ist, drängt sich nach
- 0:20vorne, er tut dies wie jemand, der keine Zeit mehr zu verlieren
- 0:24hat, er fasst Zarathustra an der Hand und erinnert ihn an ein
- 0:28Versprechen. Der Wahrsager sagt, dass das
- 0:31Reden zwar gut sei, aber eine Sache jetzt noch viel wichtiger
- 0:35sei. Er hat Hunger, er fragt
- 0:37Saratustra ganz direkt, ob er ihn nicht zu einem Mahl, also zu
- 0:41einem Essen eingeladen habe, da die Gäste weite Wege hinter sich
- 0:45haben, möchte der Wahrsager nun nicht nur mit Worten und Reden
- 0:48abgespeist werden, der Wahrsager beschwert sich ein wenig, er
- 0:52sagt, dass die Gäste bereits viel über das Erfrieren,
- 0:55Ertrinken, ersticken und andere körperliche Nöte gesprochen
- 0:58haben. Aber niemand habe bisher an
- 1:00seine ganz persönliche Not gedacht, nämlich an das
- 1:03Verhungern und verdursten. Als die Tiere von Zarathustra,
- 1:07der Adler und die Schlange diese Worte hören, laufen sie
- 1:10erschrocken davon, sie erkennen nämlich, dass das Futter, das
- 1:14sie an diesem Tag gesammelt haben, niemals ausreichen wird,
- 1:17um diesen hungrigen Wahrsager satt zu machen.
- 1:20Der Wahrsager spricht weiter und betont, dass er nicht nur Essen,
- 1:23sondern vor allem weinen möchte. Er hört zwar wie Zarathustra
- 1:27viele weise Worte spricht die wie klares Wasser plätschern,
- 1:31aber der Wahrsager sagt ganz offen, er selbst ist kein
- 1:34geborener Wassertrinker wie Zarathustra.
- 1:37Hier nutzt Friedrich Nietzsche starke Bilder, das Wasser steht
- 1:41bei Nietzsche oft für die reine, Ungetrübte und harte Wahrheit,
- 1:45Zarathustra kann diese reine Wahrheit ertragen, aber der
- 1:49Wahrsager und die anderen höheren Menschen sind noch müde,
- 1:52verzweifelt. Und nicht stark genug für diese
- 1:55reine Wahrheit. Deshalb sagt der Wahrsager, dass
- 1:58Wasser für müde und Verwelkte nicht taugt, sie brauchen Wein,
- 2:03der Wein steht hier für eine Art Rausch, für Trost oder eine
- 2:06Erleichterung, die ihnen hilft, plötzlich gesund zu werden und
- 2:10neue Kraft zu schöpfen. Als der Wahrsager nach Wein
- 2:13verlangt, mischt sich einer der beiden Könige ein, nämlich der
- 2:16König zur Linken, der sonst eher schweigsam ist.
- 2:20Er beruhigt den Wahrsager und erklärt, dass er und der andere
- 2:23König bereits für ausreichend Wein gesorgt haben.
- 2:26Sie haben einen ganzen Esel voll mit Wein mitgebracht, das
- 2:30einzige, was ihnen jetzt noch für ein richtiges Festmahl
- 2:32fehle, sei Brot. Daraufhin fängt Zarathustra an
- 2:36zu lachen, er erklärt, dass gerade Brot etwas ist, was
- 2:39Einsiedler, also Menschen, die wie er einsam in der Natur
- 2:42leben, nicht haben, dann wandelt Zarathustra einen sehr bekannten
- 2:46Satz aus der christlichen Bibel ab, in der Bibel heißt es.
- 2:50Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort,
- 2:53das aus dem Mund Gottes kommt. Zarathustra aber sagt, der
- 2:58Mensch, lebt nicht vom Brot allein, sondern auch vom Fleisch
- 3:01guter Lämmer, Nietzsche spielt hier ganz bewusst mit
- 3:04christlichen Motiven, das ganze Kapitel heißt das Abendmahl, was
- 3:09eine direkte Anspielung auf das letzte Abendmahl von Jesus
- 3:12Christus mit seinen Jüngern ist. Doch anstatt wie im Christentum
- 3:15Brot und Wein als Symbole für Demut und Selbstaufgabe zu
- 3:18teilen. Will Zarathustra ein Fest des
- 3:20Lebens feiern? Er spricht von gebratenem
- 3:23Fleisch, von Salbei, von Wurzeln, Früchten und Nüssen, es
- 3:28soll ein kräftiges, irdisches und lebensbejahendes Mahl sein,
- 3:31keine fromme Zeremonie. Zarathustra bestimmt, dass sie
- 3:35nun gemeinsam dieses gute Mahl zubereiten wollen, dabei stellt
- 3:39er eine klare Regel auf, wer mitessen will, muss auch
- 3:43mitarbeiten, das gilt auch für die Könige.
- 3:46In zarathustras Welt gelten die alten gesellschaftlichen
- 3:49Rangordnungen nicht mehr. Hier darf und muss auch ein
- 3:52König ein Koch sein. Mit diesem Vorschlag sind fast
- 3:56alle einverstanden, nur ein Gast wehrt sich dagegen, der war
- 3:59freiwillige Bettler, dieser Mann hatte früher seinen Reichtum
- 4:03aufgegeben, um aus freiem Willen in Armut zu leben, er lehnt
- 4:07Fleisch, Wein und Gewürze ab, er scherzt und fragt Zarathustra,
- 4:13ob man denn extra in die Höhlen und das Hochgebirge gehe.
- 4:16Um solche üppigen Festmähler zu veranstalten.
- 4:19Er erinnert Zarathustra daran, dass dieser doch früher einmal
- 4:22die kleine Armut und den Verzicht gelobt habe.
- 4:26Zarathustra antwortet dem Bettler sehr freundlich und
- 4:29entspannt, er fordert ihn auf, bei seinen eigenen Gewohnheiten
- 4:32zu bleiben, der Bettler soll ruhig weiter seine
- 4:35Getreidekörner zermalmen und sein Wasser trinken, solange ihn
- 4:39das fröhlich macht, dann formuliert Zarathustra einen der
- 4:42wichtigsten philosophischen Gedanken seiner Lehre.
- 4:46Ich bin ein Gesetz nur für die meinen.
- 4:48Ich bin kein Gesetz für alle. Nietzsche drückt damit aus, dass
- 4:53es keine allgemeingültige Moral gibt, die für jeden Menschen
- 4:56gleich ist. Was für den Bettler gut ist,
- 4:58muss nicht für Zarathustra gut sein.
- 5:01Zarathustra lehnt die Idee ab, dass alle Menschen nach
- 5:04denselben Regeln leben müssen, wie es zum Beispiel die
- 5:06christlichen 10 Gebote fordern. Zarathustra erklärt dann, wie
- 5:10die Menschen sein müssen, die zu ihm gehören.
- 5:13Sie müssen starke Knochen und leichte Füße haben.
- 5:16Sie müssen bereit und lustig sein, wenn es um Kriege und um
- 5:18Feste geht. Sie dürfen keine Schwächlinge
- 5:21und keine Träumer sein, sie müssen bereit sein für das
- 5:24schwerste im Leben, aber sie müssen dabei gesund und heil
- 5:27bleiben. Dies ist eine Beschreibung des
- 5:30Übermenschen, jenem idealen Menschenbild Nietzsches, das das
- 5:33Leben in all seinen harten und schönen Facetten bejaht.
- 5:37Zarathustra geht sogar noch weiter und sagt, dass das Beste
- 5:40auf der Welt ihm und seinen Leuten gehört.
- 5:42Und wenn man es Ihnen nicht freiwillig gibt, dann nehmen sie
- 5:45es sich einfach. Er fordert die beste Nahrung,
- 5:48den reinsten Himmel, die stärksten Gedanken und die
- 5:52schönsten Frauen. Dies spiegelt Nietzsches Konzept
- 5:55des Willens zur Macht wider. Starke, lebensbejahende Menschen
- 5:59warten nicht demütig darauf, dass ihnen etwas zugeteilt wird,
- 6:03sie haben die Kraft und den Willen, sich das Beste vom Leben
- 6:06zu nehmen und die Welt nach ihren eigenen starken Werten zu
- 6:09formen. Der König zur Rechten hört diese
- 6:12Worte und ist sehr erstaunt. Er sagt, es sei seltsam, so
- 6:16kluge und lebenspraktische Dinge aus dem Mund eines Weisen zu
- 6:20hören. Normalerweise gelten Weise
- 6:22Männer als weltfremd und unpraktisch, der König lobt
- 6:25Zarathustra und meint, das seltsamste sei, dass dieser
- 6:29Weise eben klug und kein Esel, also kein Dummkopf ist.
- 6:33Genau in dem Moment, als der König das Wort Esel sagt, meldet
- 6:37sich der Esel selbst zu Wort. Er ruft mit scheinbar bösem
- 6:41Willen sein lautes IA dazwischen.
- 6:44Dieses IA klingt wie ein lautes deutsches, ja, es ist ein
- 6:49humorvoller Moment, der diese Szene abschließt.
- 6:52Dieses Ereignis markiert den Beginn der langen gemeinsamen
- 6:55Mahlzeit in der Höhle, der Text schließt damit ab, dass eben
- 6:59dieses Essen in den zukünftigen Geschichtsbüchern als das
- 7:03Abendmahl bezeichnet werden wird.
- 7:05Und bei diesem Mal wurde so der Erzähler, über nichts anderes
- 7:08gesprochen als über die Idee des höheren Menschen.