Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 5 - 345-347
Transcript
- 0:00Unterkapitel 345 Moral als Problem hier beklagt Nietzsche,
- 0:07dass die Moral bisher nie wirklich als ein Problem
- 0:10behandelt wurde. Er meint damit, dass Philosophen
- 0:13und Denker die Moral nie grundsätzlich in Frage gestellt
- 0:16haben, er beobachtet, dass die meisten Menschen, auch die
- 0:19Philosophen, eine bestimmte Moral einfach als gegeben
- 0:23hinnehmen, sie streiten zwar darüber, was genau gut oder böse
- 0:26ist, aber sie fragen nicht. Warum soll es überhaupt Moral
- 0:30geben? Welchen Wert hat die Moral an
- 0:32sich? Nietzsche kritisiert besonders
- 0:35die englischen Moralphilosophen seiner Zeit.
- 0:38Diese versuchen zwar die Entstehung der Moral zu
- 0:40erklären, aber sie tun dies ohne ihre eigene moralische
- 0:44Überzeugung in Frage zu stellen, Sie gehen zum Beispiel davon
- 0:47aus, dass selbstloses Handeln oder Mitleid der Kern der Moral
- 0:50sind und versuchen dann zu erklären, wie diese
- 0:53Verhaltensweisen entstanden sind.
- 0:56Damit bleiben sie aber Gefangene der christlichen Moral, die sie
- 0:58eigentlich untersuchen wollen. Nietzsche macht einen wichtigen
- 1:02Unterschied die Frage, wie eine Moral entstanden ist, zum
- 1:06Beispiel aus Nützlichkeitserwägungen oder aus
- 1:09religiösen Geboten, ist etwas völlig anderes als die Frage,
- 1:12welchen Wert diese Moral hat. Er vergleicht es mit einem
- 1:15Medikament, der Wert eines Medikaments für einen Kranken
- 1:19hängt nicht davon ab, ob der Kranke versteht, wie es
- 1:22wissenschaftlich wirkt. Genauso kann eine Moral, auch
- 1:25wenn sie aus einem Irrtum entstanden ist, trotzdem einen
- 1:28bestimmten Wert haben. Bisher hat sich aber niemand die
- 1:32Mühe gemacht, den Wert der Moral selbst zu prüfen, die Moral war
- 1:36immer der heilige Ort, an dem auch die größten Zweifler zur
- 1:38Ruhe kamen und nicht weiter fragten, niemand hat es gewagt,
- 1:43die Moral selbst, die Unterscheidung von Gut und böse
- 1:46kritisch zu hinterfragen. Für Nietzsche ist genau das die
- 1:49neue große Aufgabe, man muss die Moral als Problem erkennen.
- 1:53Als etwas, das einer kritischen Untersuchung bedarf.
- 1:57Das ist sein Werk, seine Aufgabe, den Wert der bisherigen
- 2:01Moral in Frage zu stellen. Unterkapitel 346 unser
- 2:08Fragezeichen dieses Kapitel fasst die Gedanken der
- 2:12vorherigen zusammen und stellt die zentrale Frage, das
- 2:16Fragezeichen des Buches Nietzsche beschreibt hier wieder
- 2:19die freien Geister, zu denen er sich zählt.
- 2:22Sie sind keine Atheisten oder Immoralisten im alten Sinne.
- 2:26Der alte Atheist war oft verbittert und kämpferisch, weil
- 2:29er seinen Glauben verloren hatte, die neuen freien Geister
- 2:33aber sind darüber hinaus, sie haben die Einsicht, dass die
- 2:36Welt ohne Gott ist, verinnerlicht, sie sind kalt und
- 2:40hart geworden in dem Wissen, dass das Universum nicht
- 2:43göttlich, nicht moralisch und nicht einmal menschlich ist.
- 2:47Es ist weder gut noch böse, es folgt weder der Vernunft noch
- 2:51dem Mitleid. Die freien Geister haben
- 2:53verstanden, dass alle Werte, die die Menschen der Welt
- 2:56zugeschrieben haben, menschliche Erfindungen sind.
- 2:59Deshalb lachen sie über die frühere Anmaßung des Menschen,
- 3:02sich als Maßstab aller Dinge zu sehen und neben die Welt noch
- 3:05ein und zu setzen, als ob der Mensch etwas getrenntes und
- 3:09Wichtigeres wäre. Aber dieses Lachen führt zu
- 3:12einer neuen, gefährlichen Einsicht, indem die freien
- 3:16Geister, die alten Verehrungen und Ideale überwunden haben,
- 3:19haben sie auch die Verehrung für den Menschen selbst überwunden.
- 3:23Sie sind auf dem Weg zu einem tiefen Pessimismus, einer
- 3:26Verachtung des Menschen. Hier stellt Nietzsche nun die
- 3:29entscheidende Frage, sind wir mit diesem Argwohn gegen alles
- 3:33und jeden nicht in einen neuen Gegensatz geraten?
- 3:37Früher standen wir auf der Seite der Ideale und haben von dort
- 3:40aus die Welt beurteilt, jetzt, da wir diese Ideale als
- 3:44menschliche Erfindungen entlarvt haben, stehen wir auf der Seite
- 3:47einer neuen, Illusionslosen Welt und blicken mit Misstrauen auf
- 3:51uns selbst. Auf den Menschen dieser Argwohn,
- 3:54so Nietzsche, führt die kommenden Generationen vor eine
- 3:58schreckliche Wahl. Entweder ihr schafft eure
- 4:01Verehrungen ab, also alle eure Werte, eure Moral, euren Glauben
- 4:06oder ihr schafft euch selbst ab. Die erste Möglichkeit wäre der
- 4:09Nihilismus, ein Zustand, in dem nichts mehr einen Wert hat,
- 4:14aber, und das ist Nietzsches letztes beunruhigendes
- 4:17Fragezeichen. Wäre nicht auch die zweite
- 4:19Möglichkeit die Abschaffung des Menschen selbst, ebenfalls eine
- 4:23Form von Nihilismus? Das ist das große Fragezeichen,
- 4:27das über den Furchtlosen schwebt.
- 4:29Haben sie mit der Zerstörung der alten Werte den Weg in eine
- 4:32neue, wertlose Lehre beschritten?
- 4:35Unterkapitel 347 die Gläubigen und ihr Bedürfnis nach glauben.
- 4:43In diesem Abschnitt beschäftigt sich Nietzsche mit dem tiefen
- 4:46menschlichen Bedürfnis, an etwas Festes und Unumstößliches zu
- 4:50glauben. Er stellt fest, dass die Stärke
- 4:52des Glaubensbedürfnisses eines Menschen ein Maß für seine
- 4:55innere Kraft, oder genauer gesagt für seine Schwäche ist.
- 4:59Je mehr jemand das Bedürfnis hat, sich an etwas festzuhalten,
- 5:02an dem nicht gerüttelt werden darf, desto schwächer ist er im
- 5:06Grunde. Nietzsche meint, dass das
- 5:08Christentum in Europa auch heute noch für die meisten Menschen
- 5:11notwendig ist weil sie diesen festen Glauben brauchen.
- 5:14Ein Mensch, so seine Beobachtung, wird einen
- 5:17Glaubenssatz immer wieder für wahr halten, selbst wenn er
- 5:20tausendfach widerlegt wurde, solange er ihn nur benötigt.
- 5:25Er nennt dies den Beweis der Kraft, ein Zitat aus der Bibel,
- 5:28das er hier ironisch verwendet. Es geht nicht darum, ob etwas
- 5:32wahr ist, sondern darum, ob der Glaube daran dem einzelnen Halt
- 5:36gibt, dieses Bedürfnis nach einem festen Halt beschränkt
- 5:40sich nicht nur auf Religion. Auch die Metaphysik, also die
- 5:44philosophische Suche nach dem, was hinter der sichtbaren Welt
- 5:47liegt, dient manchen Menschen als Stütze.
- 5:50Nietzsche sieht sogar in der modernen Wissenschaft ein
- 5:52ähnliches Verlangen, der Drang nach absoluter Gewissheit, wie
- 5:56er sich in der wissenschaftlich positivistischen Haltung zeigt,
- 6:00ist für ihn ebenfalls ein Ausdruck dieses Wunsches, etwas
- 6:02Festes zu haben, an das man sich klammern kann hinter all diesen
- 6:06Systemen, sei es Religion, Metaphysik.
- 6:10Oder eine streng positivistische Wissenschaft, erkennt Nietzsche
- 6:13eine Art pessimistische verdüsterung er sieht darin
- 6:16Symptome und Masken eines schwächegefühls Müdigkeit, die
- 6:20Angst vor neuen Enttäuschungen oder auch zur Schau getragener
- 6:23Zorn und Anarchismus. Selbst die intensivsten
- 6:27intellektuellen Strömungen seiner Zeit wie der
- 6:29Nationalismus, den er in Frankreich Chauvinismus und in
- 6:33Deutschland deutsch nennt. Oder der künstlerische
- 6:36Naturalismus. In Paris sind für ihn nur
- 6:38Ausdruck dieses tiefen Bedürfnisses nach einem Glauben,
- 6:41all diese Strömungen bis hin zum Glauben an den Unglauben.
- 6:45Nihilismus zeigen für Nietzsche vor allem eines das Bedürfnis
- 6:50nach einem festen Halt, einem Rückgrat, der Glaube wird dort
- 6:54am dringendsten gesucht, wo der eigene Wille schwach ist.
- 6:57Denn der Wille, so Nietzsche, ist der entscheidende Ausdruck
- 7:01von Selbstherrlichkeit und Kraft.
- 7:04Je weniger ein Mensch in der Lage ist, sich selbst zu
- 7:06befehlen und seinen eigenen Weg zu bestimmen, desto stärker
- 7:10sehnt er sich nach jemandem oder etwas, das ihm Befehle gibt.
- 7:13Sei es ein Gott, ein Herrscher, ein Arzt oder auch nur das
- 7:17Gewissen einer Partei. Aus dieser Beobachtung leitet er
- 7:21eine provokante These über die Entstehung der großen
- 7:23Weltreligionen Buddhismus und Christentum ab.
- 7:26Er vermutet, dass sie in einer Zeit entstanden sind, in der der
- 7:29menschliche Wille massiv erkrankt war.
- 7:32Diese Religionen boten den unzähligen willensschwachen
- 7:35Menschen einen neuen Halt und eine neue Möglichkeit, überhaupt
- 7:39etwas zu wollen. Der Fanatismus, so seine
- 7:42Schlussfolgerung, ist die einzige Willensstärke, zu der
- 7:45auch schwache und unsichere Menschen fähig sind, dabei wird
- 7:48das gesamte Denken und fühlen auf einen einzigen Punkt
- 7:51konzentriert, den der Christ seinen Glauben nennt, wo ein
- 7:55Mensch das Gefühl hat, dass ihm befohlen werden muss, wird er
- 7:58gläubig. Im Gegensatz dazu steht der
- 8:01freie Geist. Ein solcher Geist empfindet
- 8:04Freude an der Selbstbestimmung und einer Freiheit des Willens.
- 8:08Er braucht keinen Glauben und keine Gewissheit, sondern kann
- 8:11sich wie ein Tänzer auf einem Seil auch über Abgründen und in
- 8:15der Unsicherheit halten.