Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Fünftes Hauptstück - 234-238
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- 0:00Unterkapitel 234 Wert der Mitte des Wegs in diesem Abschnitt
- 0:07spekuliert Nietzsche über die Zukunft der Menschheit und die
- 0:10Rolle des Genies. Er vermutet, dass das Auftreten
- 0:13von Genies vielleicht nur auf eine bestimmte Zeitspanne in der
- 0:16Geschichte der Menschheit beschränkt ist.
- 0:18Er nennt dies die Mitte des Wegs, die Zukunft der Menschheit
- 0:22könnte so aussehen, dass alles geregelt, sicher und mäßig ist
- 0:27In einem solchen perfekten Zustand würde aber die wilde
- 0:29Energie fehlen, die nötig ist, um Genies hervorzubringen.
- 0:34Nietzsche glaubt, dass die hohen Leistungen des Intellekts, also
- 0:37der Intelligenz und der Kunst, auf Energievorräten beruhen, die
- 0:40in sehr alten wilden Zeiten angesammelt wurden.
- 0:44Unsere Vorfahren waren leidenschaftlich, gewalttätig
- 0:47und voller wilder Triebe, diese Energie wurde über Generationen
- 0:51weiter vererbt und hat sich schließlich in geistige Energie
- 0:54verwandelt. Wenn nun die Menschheit immer
- 0:57zivilisierter und zahmer wird, dann wird diese wilde Energie
- 1:01nicht mehr gezüchtet. Die Quelle versiegt.
- 1:05Das bedeutet, in der Zukunft könnte es keine großen Genies,
- 1:09keine ekstatische Kunst und keine tiefen religiösen Gefühle
- 1:12mehr geben, weil die Voraussetzung dafür die Wildheit
- 1:15und das Leiden fehlt. Nietzsche malt das Bild eines
- 1:19vollkommenen Staates der Zukunft, in dem das Leben zwar
- 1:22angenehm, aber ohne große Spitzen ist.
- 1:25Die Menschen von heute Leben in dieser mittleren Zeit, in der
- 1:29noch genug Energie aus der Vergangenheit da ist, aber schon
- 1:32genug Zivilisation herrscht, um diese Energie geistig zu nutzen.
- 1:36Er sagt voraus, dass Dinge wie die Lust am Lügen, am ungenauen,
- 1:40am symbolischen und am Rausch, also alles, was Kunst und
- 1:44Religion ausmacht, in der Zukunft verachtet werden
- 1:46könnten. Die Menschen würden dann
- 1:48vielleicht mit Sehnsucht zurückschauen auf die Zeiten, in
- 1:51denen der Staat noch unvollkommen.
- 1:53Und die Gesellschaft noch halb barbarisch war, weil das die
- 1:56Zeiten waren, in denen das Leben noch intensiver und
- 1:59schöpferischer war. Unterkapitel, 235 Genius und
- 2:06idealer Staat in Widerspruch in diesem Abschnitt beschäftigt
- 2:11sich Nietzsche mit der Frage, ob ein perfekter Staat, wie ihn
- 2:14sich zum Beispiel die Sozialisten vorstellen,
- 2:16tatsächlich gut für die Menschheit wäre.
- 2:19Er sieht hier einen großen Konflikt.
- 2:22Die Sozialisten haben das Ziel, für möglichst viele Menschen ein
- 2:25angenehmes Leben und Wohlstand zu schaffen.
- 2:28Nietzsche nennt dies den vollkommenen Staat, er warnt
- 2:32jedoch davor, er glaubt, dass eine solche Gesellschaft den
- 2:35Boden zerstören würde, auf dem große Geister und genial
- 2:39veranlagte Menschen wachsen. Mit Genius meint Nietzsche hier
- 2:43einen Menschen mit außerordentlicher geistiger
- 2:45Schöpferkraft und Intelligenz. Nietzsche erklärt, dass diese
- 2:49starke geistige Energie oft aus schwierigen Bedingungen
- 2:52entsteht. Die große Kraft eines Genies
- 2:55wurzelt oft in einem wilden, leidenschaftlichen und
- 2:58gewaltsamen Charakter des Lebens, wenn man nun den Staat
- 3:01so gestaltet, dass alles warm, gemütlich und sicher ist, dann
- 3:05fehlt die Reibung und die Herausforderung, die Menschheit
- 3:09würde in einem solchen Staat matt werden, also ihre Energie
- 3:13und Spannkraft verlieren in einer so bequemen Welt.
- 3:16Könnte kein Genius mehr entstehen.
- 3:19Es gibt also einen Widerspruch zwischen dem warmen,
- 3:21mitfühlenden Herzen, das das Leid der Menschen abschaffen
- 3:24will, und dem großen Verstand. Wer sich nur von Mitleid leiten
- 3:29lässt und alles wilde und harte aus dem Leben entfernen will,
- 3:33handelt unlogisch, denn genau aus diesem wilden Boden bezieht
- 3:37der Intellekt seine Kraft. Nietzsche sagt, dass höchste
- 3:40Intelligenz und das wärmste Herz selten in einer Person
- 3:43zusammenkommen. Ein weiser Mensch muss daher den
- 3:47Wunsch nach reinem Wohlleben für alle ablehnen, weil ihm das
- 3:50Fortbestehen höherer Menschen wichtiger ist als die
- 3:52Bequemlichkeit der Masse. Nietzsche zieht hier einen
- 3:56Vergleich zur Religion, er sagt, dass das Christentum die
- 3:59Menschen eher dümmer gemacht hat, weil es sich auf die Seite
- 4:02der geistig Armen gestellt hat und den Verstand oft
- 4:05unterdrückte, ein vollkommener Staat würde ähnlich wirken und
- 4:08die Entstehung großer Geister verhindern.
- 4:11Zum Schluss spricht er über den Zweck des Staates.
- 4:14Der Staat ist eigentlich eine kluge Einrichtung, um die
- 4:16Menschen voreinander zu schützen.
- 4:18Aber wenn man diesen Schutz übertreibt und den Staat zu sehr
- 4:21verfeinert, wird das Individuum, also der einzelne Mensch,
- 4:25dadurch geschwächt und schließlich aufgelöst.
- 4:28Damit würde der Staat seinen ursprünglichen Zweck verfehlen,
- 4:32Unterkapitel 236 die Zonen der Kultur.
- 4:39Nietzsche verwendet in diesem Abschnitt ein Bild aus der
- 4:41Geographie, um die Geschichte der menschlichen Kultur zu
- 4:44erklären. Er vergleicht verschiedene
- 4:46Zeitalter mit Klimazonen, er sagt, dass vergangene Kulturen
- 4:50wie ein tropisches Klima waren, in den Tropen gibt es gewaltige
- 4:54Gegensätze, sehr heiße Tage, plötzliche Unwetter, leuchtende
- 4:58Farben, aber auch große Gefahren wie wilde Tiere, genauso waren
- 5:03die Menschen früherer Zeiten, sie hatten heftige
- 5:05Leidenschaften, verehrten das plötzliche.
- 5:08Das geheimnisvolle und das schreckliche ihre Gefühle
- 5:12wechselten schnell und extrem. Unsere heutige Kultur hingegen
- 5:15vergleicht Nietzsche mit der gemäßigten Zone.
- 5:18Hier ist das Klima kühler und gleichmäßiger, der Himmel ist
- 5:22hell, aber nicht so glühend, die Luft ist rein, manchmal aber
- 5:26auch scharf und kalt. Nietzsche beschreibt, wie wir
- 5:29auf die Vergangenheit blicken. Wenn wir sehen, wie früher wilde
- 5:33Leidenschaften durch religiöse oder philosophische
- 5:35Vorstellungen gebändigt wurden, wirkt das auf uns fremd.
- 5:39Es ist, als würden wir zusehen, wie riesige Schlangen Tiger
- 5:42zerdrücken. Faszinierend, aber auch
- 5:45unheimlich. Uns fehlt heute diese wilde
- 5:48Fantasie, selbst in unseren Träumen erleben wir nicht mehr
- 5:51das, was frühere Völker im wachen Zustand sahen.
- 5:54Manche Künstler mögen bedauern, dass diese tropische Hitze der
- 5:58Kultur verschwindet, weil sie von starken Gefühlen leben.
- 6:02Aber Nietzsche meint, Wir sollten darüber nicht traurig
- 6:04sein. Wir sollten uns glücklich
- 6:06schätzen, dass wir in einer sichereren, kühleren und
- 6:09vernünftigeren Zeit leben, auch wenn sie vielleicht etwas
- 6:12nüchterner wirkt. Er betont, dass der Künstler oft
- 6:15den Fortschritt leugnet, weil er die alten wilden Zeiten
- 6:18vermisst. Aber der denkende Mensch erkennt
- 6:21den Wert der Mäßigung an. Unterkapitel, 237, Renaissance
- 6:28und Reformation. Hier stellt Nietzsche 2 große
- 6:32historische Bewegungen gegenüber die italienische Renaissance und
- 6:36die deutsche Reformation. Die Renaissance, also die
- 6:40Wiedergeburt der antiken Kunst und Kultur in Italien, sieht
- 6:43Nietzsche sehr positiv, sie brachte viele gute Dinge hervor,
- 6:47die unsere moderne Kultur prägen, die Befreiung des
- 6:50Denkens, den Zweifel an Autoritäten, die Begeisterung
- 6:53für Wissenschaft und die Erforschung der Natur und des
- 6:56Menschen. In der Renaissance wurde das
- 6:58Individuum, also der einzelne Mensch.
- 7:01Entfesselt. Es war eine Zeit voller Energie
- 7:04und Wahrhaftigkeit. Nietzsche nennt es das Goldene
- 7:07Zeitalter dieses Jahrtausends, trotz aller Fehler, die es auch
- 7:11gab. Dagegen stellt er die
- 7:13Reformation, die von Deutschland ausging, er bezeichnet sie als
- 7:17einen Protest von zurückgebliebenen Geistern, die
- 7:20Menschen der Reformation waren noch im Mittelalter verhaftet,
- 7:24sie wollten die moderne Freiheit und die Rückkehr zur Antike
- 7:26nicht. Stattdessen brachten sie mit
- 7:29ihrer religiösen Strenge und Halsstarrigkeit die Menschheit
- 7:32wieder zurück. Die Reformation erzwang eine
- 7:34Gegenreaktion der katholischen Kirche, die sogenannte
- 7:37Gegenreformation. Das führte dazu, dass das
- 7:41Christentum sich verteidigen musste und dadurch wieder
- 7:43stärker und gewaltsamer wurde. Nietzsche glaubt, dass die
- 7:47Reformation das vollständige Erwachen der Wissenschaft und
- 7:50die Verschmelzung des antiken und des modernen Geistes um 2
- 7:53bis 3 Jahrhunderte verzögert hat.
- 7:56Er sagt, dass die Deutschen daran schuld sind, dass die
- 7:58großartige Entwicklung der Renaissance nicht vollendet
- 8:01wurde. Er erklärt auch, warum Luther
- 8:04Erfolg hatte. Es lag an einem Zufall der
- 8:06Politik. Der damalige Kaiser wollte
- 8:09Luther nutzen, um Druck auf den Papst auszuüben, und der Papst
- 8:13unterstützte Luther heimlich, um die deutschen Fürsten gegen den
- 8:16Kaiser auszuspielen, ohne dieses seltsame Zusammenspiel der
- 8:20politischen Mächte wäre Luther wahrscheinlich verbrannt worden,
- 8:23wie andere Reformator vor ihm. Wäre das passiert, so meint
- 8:27Nietzsche, wäre die Aufklärung also das Zeitalter der Vernunft,
- 8:31vielleicht viel früher und strahlender aufgegangen.
- 8:34Unterkapitel 238 Gerechtigkeit gegen den werdenden Gott in
- 8:42diesem Abschnitt geht es um die Betrachtung der Geschichte und
- 8:44die Vorstellung von Gott, wenn man sich die gesamte Geschichte
- 8:48der Kultur ansieht, wirkt sie oft chaotisch, es ist ein
- 8:52Durcheinander von gut und böse, von wahren und falschen.
- 8:56Nietzsche sagt, dieser Anblick kann einen fast seekrank machen,
- 9:00um diesen Schwindel zu ertragen, haben sich die Menschen eine
- 9:03Trostidee ausgedacht, die Vorstellung eines werdenden
- 9:07Gottes, das bedeutet, man stellt sich vor, dass hinter all dem
- 9:11Chaos ein göttlicher Plan steckt, der sich langsam
- 9:14entwickelt. Die Geschichte wird dann nicht
- 9:16mehr als blindes und sinnloses Spiel von Kräften gesehen,
- 9:20sondern als der Weg Gottes, der sich in den Schicksalen der
- 9:23Menschen offenbart. Das macht die Geschichte zu
- 9:26einer Art göttlichem Theaterstück.
- 9:28Nietzsche kritisiert diese Sichtweise, er nennt sie eine
- 9:32Vergottung des Werdens, das ist eine metaphysische Idee, also
- 9:36eine Vorstellung, die über die erfahrbare Welt hinausgeht.
- 9:40Er sagt, dass diese Idee zwar tröstlich war für frühere
- 9:43Generationen von Gelehrten, aber dass sie gefährlich ist.
- 9:46Man sollte nicht versuchen, die Geschichte so umzudeuten, dass
- 9:49alles einen höheren Sinn ergibt, wenn es diesen Sinn vielleicht
- 9:52gar nicht gibt. Wer heute die Entwicklung der
- 9:55Welt nüchtern und ohne religiöse Brille betrachtet, spürt diesen
- 9:58Trost nicht mehr. Er sieht das Elend und die
- 10:01Zufälligkeit der Geschichte, ohne zu glauben, dass ein Gott
- 10:05dahinter steckt. Nietzsche meint, man sollte
- 10:08seinen Spott über die alten Ansichten zügeln, aber man muss
- 10:11erkennen, dass diese Vorstellung eines werdenden Gottes ein
- 10:15Irrtum war.