Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Viertes Hauptstück - 178-192
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- 0:00Unterkapitel 178 das unvollständige als das wirksame
- 0:06hier erklärt Nietzsche, warum unvollständige Darstellungen oft
- 0:10eine stärkere Wirkung auf uns haben als vollendete.
- 0:13Er nutzt das Bild von Relief Figuren, das sind Skulpturen,
- 0:17die nicht frei stehen, sondern aus einer flachen
- 0:19Hintergrundplatte herausragen. Solche Figuren wirken stark auf
- 0:23unsere Fantasie, weil sie so aussehen, als wären sie gerade
- 0:26dabei, aus der Wand herauszutreten.
- 0:29Doch plötzlich halten Sie inne, dieses Steckenbleiben oder
- 0:33Unfertige regt den Betrachter an.
- 0:36Unser Gehirn fängt an zu arbeiten und will das Bild
- 0:38vervollständigen. Ähnlich ist es laut Nietzsche,
- 0:42wenn ein Gedanke oder eine ganze Philosophie nur unvollständig
- 0:45dargestellt wird, also quasi wie ein Relief, das ist oft
- 0:49wirkungsvoller, als wenn alles bis ins letzte Detail erklärt
- 0:52wird, wenn alles erschöpfend ausgeführt ist, bleibt für den
- 0:55Betrachter oder Leser nichts mehr zu tun.
- 0:58Das unvollständige hingegen überlässt dem Betrachter Arbeit.
- 1:02Er wird angeregt, das, was sich vor ihm abhebt, im Geiste
- 1:05weiterzuentwickeln und das Hindernis zu überwinden, dass
- 1:08die Figur noch festhält. Unterkapitel 179 gegen die
- 1:15Originalen in diesem sehr kurzen Abschnitt stellt Nietzsche eine
- 1:20provokante These über Kunst auf. Er sagt, dass man Kunst am
- 1:24besten dann als Kunst erkennt, wenn sie sich in den
- 1:26abgetragensten Stoff kleidet. Damit meint er, dass Kunstwerke,
- 1:30die bekannte, Vertraute oder gar altmodische Themen und Formen
- 1:34nutzen, oft deutlicher als Kunst wahrgenommen werden als solche,
- 1:38die krampfhaft versuchen, originell und völlig neu zu
- 1:41sein. Das Bekannte erlaubt es uns, die
- 1:44künstlerische Machart besser zu sehen.
- 1:47Unterkapitel 180 Kollektivgeist ne.
- 1:52Nietzsche beschreibt hier, was einen guten Schriftsteller
- 1:55ausmacht. Ein guter Schriftsteller besitzt
- 1:57nicht nur seinen eigenen Geist, also seinen eigenen Verstand und
- 2:00Witz, er hat auch noch den Geist seiner Freunde, das bedeutet,
- 2:04dass ein guter Autor die Gedanken, Anregungen und den
- 2:07intellektuellen Austausch mit seinem Umfeld in sein Werk
- 2:10aufnimmt, er ist also eine Art Sammelbecken für die guten Ideen
- 2:14seiner Umgebung, ein Kollektivgeist und nicht nur ein
- 2:18isoliertes Einzelgenie. Unterkapitel 181 zweierlei
- 2:25Verkennung. Hier geht es darum, wie Leser
- 2:29Schriftsteller oft falsch einschätzen.
- 2:32Nietzsche beschreibt 2 Arten von Unglück oder Missverständnissen.
- 2:36Erstens gibt es die scharfsinnigen und klaren
- 2:38Schriftsteller, ihr Unglück ist es, dass die Leser sie für flach
- 2:42halten, weil sie so verständlich schreiben, glauben die Leser, es
- 2:46stecke keine Mühe dahinter, und geben sich selbst keine Mühe
- 2:49beim Lesen. Zweitens gibt es die unklaren
- 2:53Schriftsteller. Ihr Glück ist es, dass der Leser
- 2:55sich an ihren Texten abmühen muss, um sie zu verstehen.
- 2:59Wenn der Leser dann endlich glaubt, den Sinn verstanden zu
- 3:01haben, freut er sich über seinen eigenen Eifer, diese Freude über
- 3:06die eigene Anstrengung schreibt der Leser dann dem Autor gut, er
- 3:09hält den Autor für tiefgründig, nur weil er schwer zu verstehen
- 3:12war. Unterkapitel 182 Verhältnis zur
- 3:18Wissenschaft. Nietzsche spricht hier über das
- 3:22wahre Interesse an der Wissenschaft.
- 3:24Er behauptet, dass nur diejenigen Menschen ein
- 3:26wirkliches, echtes Interesse an einer Wissenschaft haben, die
- 3:29erst dann richtig begeistert sind, wenn sie
- 3:31selbstentdeckungen machen, solange man nur passiv wissen
- 3:35aufnimmt, bleibt man kühl, erst durch das eigene Forschen und
- 3:39entdecken, also durch die aktive Teilnahme und die
- 3:41Selbstentdeckungen in einem Fachgebiet, beginnt man wirklich
- 3:45warm für die Wissenschaft zu werden.
- 3:47Das eigene Tun ist der Schlüssel zur Leidenschaft für das Wissen.
- 3:52Unterkapitel 183 der Schlüssel in diesem Abschnitt geht es um
- 3:59den Wert von Gedanken für verschiedene Menschen.
- 4:02Ein bedeutender Mensch, also ein großer Denker, kann einem
- 4:06einzigen Gedanken einen enormen Wert beimessen, für ihn ist
- 4:10dieser Gedanke wie ein Schlüssel zu verborgenen Schatzkammern,
- 4:13das heißt? Dieser eine Gedanke eröffnet ihm
- 4:16neue Einsichten oder löst große Probleme für andere Menschen,
- 4:20die Nietzsche hier als unbedeutende bezeichnet, wirkt
- 4:24derselbe Gedanke vielleicht lächerlich, sie verspotten ihn,
- 4:28weil er für sie keinen Nutzen hat, für sie ist dieser Gedanke
- 4:31nicht mehr wert als ein Stück altes Eisen.
- 4:34Nietzsche zeigt hier, dass der Wert einer Idee davon abhängt,
- 4:37wer sie nutzt und was er damit aufschließen kann, Unterkapitel
- 4:42184. Unübersetzbar Nietzsche macht
- 4:47eine kurze Bemerkung über Bücher und Übersetzungen.
- 4:50Er sagt, dass das, was an einem Buch Unübersetzbar ist, weder
- 4:54das Beste noch das Schlechteste an diesem Buch ist.
- 4:57Oft wird angenommen, dass die unübersetzbaren Teile, zum
- 5:00Beispiel Wortspiele oder spezielle sprachliche Nuancen,
- 5:03besonders genial seien. Nietzsche relativiert das, diese
- 5:08Teile sind einfach nur sprachlich gebunden, sagen aber
- 5:10nicht zwingend über die Qualität des Inhalts aus.
- 5:15Unterkapitel 185 Paradoxien des Autors eine Paradoxie ist eine
- 5:23Aussage, die widersprüchlich erscheint, aber dennoch eine
- 5:26Wahrheit enthalten kann. Nietzsche beobachtet hier, dass
- 5:29Leser oft Anstoß an sogenannten Paradoxien eines Autors nehmen,
- 5:34sie finden bestimmte Aussagen unlogisch oder widersinnig.
- 5:38Nietzsche stellt jedoch fest, dass diese Widersprüche oft gar
- 5:41nicht im Buch des Autors stehen, sondern im Kopfe des Lesers.
- 5:46Das bedeutet, der Leser versteht den Zusammenhang nicht richtig
- 5:49oder bringt seine eigenen Vorurteile mit, die dann im
- 5:51Widerspruch zum Text stehen. Der Fehler liegt also oft beim
- 5:55Empfänger, nicht beim Sender unter Kapitel 186 Witz.
- 6:05Dies ist eine sehr kurze Beobachtung über Humor und
- 6:07Intelligenz. Nietzsche sagt, dass die
- 6:10witzigsten Autoren oft nur ein kaum bemerkbares Lächeln
- 6:13erzeugen. Damit meint er, dass echter,
- 6:15feiner Witz nicht unbedingt lautes Gelächter, das sogenannte
- 6:19Schenkelklopfen auslöst. Der intelligente Witz ist subtil
- 6:23und erzeugt eher eine feine innere Erheiterung als einen
- 6:26groben Ausbruch. Unterkapitel 187 die Antithese.
- 6:35Die Antithese ist ein rhetorisches Stilmittel, bei dem
- 6:37Gegensätze gegenübergestellt werden.
- 6:39Zum Beispiel Heiß ist die Liebe, kalt ist der Schnee.
- 6:44Nietzsche warnt vor diesem Stilmittel, er nennt die
- 6:47Antithese, eine enge Pforte. Durch diese Pforte schleicht
- 6:51sich am liebsten der Irrtum zur Wahrheit, das bedeutet, wenn
- 6:56Autoren Dinge zu stark als Gegensätze darstellen,
- 6:58vereinfachen sie die Realität oft zu sehr, die Welt ist selten
- 7:03nur schwarz oder weiß. Durch die Nutzung der Antithese
- 7:06wird dem Leser eine Klarheit vorgetäuscht, die es sogar nicht
- 7:09gibt, und dadurch entstehen Irrtümer, Unterkapitel, 188
- 7:15Denker als stilisten Nietzsche kritisiert hier den Schreibstil
- 7:20vieler Denker, er sagt, die meisten Denker schreiben
- 7:23schlecht, der Grund dafür ist, dass sie uns nicht nur das
- 7:26Ergebnis ihrer Überlegungen mitteilen, also den fertigen
- 7:29Gedanken, stattdessen teilen sie uns auch das Denken der Gedanken
- 7:33mit. Sie schreiben also so, dass man
- 7:36den mühsamen Prozess des Nachdenkens noch spürt.
- 7:39Sie präsentieren den Weg und die Anstrengung mit, anstatt nur die
- 7:43klare fertige Erkenntnis schön formuliert zu präsentieren.
- 7:47Das macht den Stil schwerfällig Unterkapitel 189 Gedanken im
- 7:54Gedicht Nietzsche nutzt hier ein Bild, um das Verhältnis von
- 7:59Inhalt und Form in der Dichtung zu beschreiben.
- 8:02Er sagt, der Dichter führt seine Gedanken festlich daher.
- 8:05Auf dem Wagen des Rhythmus. Das klingt zunächst positiv,
- 8:09aber Nietzsche fügt eine spöttische Begründung hinzu,
- 8:12gewöhnlich deshalb, weil diese zu Fuß nicht gehen können, das
- 8:16bedeutet, die Gedanken in einem Gedicht sind oft für sich allein
- 8:19genommen schwach oder banal. Sie könnten nicht auf eigenen
- 8:23Beinen stehen, logisch überzeugen, deshalb brauchen sie
- 8:26den Rhythmus und den Reim, den Wagen, um überhaupt vorwärts zu
- 8:30kommen. Und Eindruck zu machen unter
- 8:34Kapitel 190 Sünde wider den Geist des Lesers in diesem
- 8:41Abschnitt geht es um das Verhältnis zwischen Autor und
- 8:44Leser, wenn ein Autor sehr talentiert ist, aber sein Talent
- 8:47absichtlich verleugnet oder versteckt, nur um sich auf eine
- 8:50Stufe mit dem Leser zu stellen, begeht er eine Todsünde.
- 8:55Nietzsche meint, dass der Leser ihm das niemals verzeihen wird,
- 8:58falls er es bemerkt. Wenn ein Autor sich dümmer
- 9:01stellt, als er ist, wirkt das herablassend.
- 9:04Der Leser fühlt sich nicht ernst genommen, man darf einem
- 9:07Menschen zwar alles böse nachsagen, aber man muss dabei
- 9:10wissen, wie man seine Eitelkeit wieder aufrichtet, wenn der
- 9:14Autor sich künstlich klein macht, verletzt er die Eitelkeit
- 9:17des Lesers, weil er impliziert, der Leser könne das höhere
- 9:20Niveau nicht verstehen, unter Kapitel 191 Grenze der
- 9:27Ehrlichkeit. Nietzsche spricht hier über die
- 9:31Ehrlichkeit beim Schreiben und den Zwang der Form.
- 9:34Er sagt, dass selbst dem ehrlichsten Schriftsteller
- 9:36manchmal ein Wort zu viel entfällt.
- 9:39Der Grund dafür ist der Wunsch, eine Periode abzurunden, eine
- 9:43Periode ist, in der Rhetorik ein kunstvoll gebauter rhythmischer
- 9:46Satz, um diesen Satz musikalisch oder rhythmisch perfekt zu
- 9:50beenden, fügt der Schriftsteller vielleicht ein Wort hinzu, das
- 9:54inhaltlich gar nicht nötig oder sogar leicht unpräzise ist.
- 9:58Die Schönheit der Form, der Stil siegt hier also kurzzeitig über
- 10:01die absolute Ehrlichkeit des Inhalts.
- 10:05Unter Kapitel 192 der beste Autor Nietzsche definiert hier
- 10:12kurz und bündig, wer der beste Autor ist.
- 10:15Es ist derjenige, der sich schämt, Schriftsteller zu
- 10:17werden. Dies deutet darauf hin, dass ein
- 10:20solcher Autor nicht aus Eitelkeit schreibt oder um
- 10:23berühmt zu werden. Er schreibt wahrscheinlich nur,
- 10:26weil er etwas so Wichtiges zu sagen hat, dass er es nicht für
- 10:29sich behalten kann, obwohl ihm die öffentliche Rolle des
- 10:31Schriftstellers unangenehm ist. Diese Zurückhaltung und
- 10:35Ernsthaftigkeit machen ihn zum besten Autor.