Latest / Ausgeglaubt: ein RefLab-Podcast / Du bist selber schuld!
Transcript
- 0:00Ein Podcast für Menschen, die Glauben neu denken und manchmal alles anzweifeln.
- 0:10Wir sind wieder da, Halleluja!
- 0:20Wir kommen bei "Ausgeglaubt", ihr Lieben, eine neue Folge steht an, ich bin Manuel Schmid,
- 0:28reformierter Theologe, der Zürcher Landeskirche, ich bin Co-Leiter von RefLab und wir nehmen
- 0:37mal wieder gemeinsam im selben Raum auf mit mir im Berner Studio, Sitz Stefan Yutte, Halle
- 0:44Stefan!
- 0:45Ja, hai Mann!
- 0:46Ich freue mich schon richtig auf die Aufnahme, ich finde es ist doch immer ein bisschen anders,
- 0:50wenn wir vor Ort gemeinsam zusammensetzen und dann doch mehr mit von Mimik und Zögern
- 0:56und Blicken, die man sich zuwerfen kann, als wenn wir das dann manchmal machen über unsere
- 1:00digitale Verbindung.
- 1:01Ja, das ist schon gesagt, wir sitzen im Berndaar, wohne und arbeite ich, ich bin jetzt seit
- 1:07drei Jahren bald bei der evangelisch reformierten Kirche Schweiz, bin dort für Theologie, Ethik
- 1:13und Kommunikation zuständig, noch bis im Januar, dann bleibe ich zwar dort, aber dann mache
- 1:19ich Kommunikation und du machst Theologie und Ethik.
- 1:22Wir machen diesen Podcast aber schon viel länger, also diese drei Jahre, wir sind seit
- 1:28fünf Jahren jetzt, oder?
- 1:29Ja, fast sechs schon, ja.
- 1:30Ja, und trotzdem gehen uns die Themen nie aus und das finde ich super, wir haben auch
- 1:35für die heutige Folge ein tolles Thema, wir werden das dann noch ausführen, aber vielleicht
- 1:40schon mal so viel, der Titel lautet "Du bist selbst schuld".
- 1:44Manu, in dem Zusammenhang hast du ein Stoßgebet der Woche.
- 1:52Ja, ich habe ein Stoßgebet, aber ich bin eigentlich nicht selber schuld an dem Stoßgebet,
- 1:57ich bin, lasst uns das jetzt prühen, ich bin dabei, das Manuskript meiner Dissertation
- 2:03fertigzustellen, die ich in Münster, in der Uni Münster geschrieben habe, also so ein
- 2:08religionsphilosophisches Thema eher und da habe ich mich jetzt für eine Online-Open-Access-Veröffentlichung
- 2:16entschieden, weil das einerseits sehr viel günstiger ist als ein gedrucktes Exemplar
- 2:22herauszugeben und andererseits einfacher ist, als jetzt noch irgendwie Verlage zu finden
- 2:26und da noch mit Lektoren und so weiter zu korrespondieren und da fällt aber dann halt auch die Arbeit,
- 2:34das Manuskript druckfertig zu gestalten, fällt auf mich zurück und ich habe mir das relativ
- 2:40einfach vorgestellt, aber das ist ja, ich habe dann die Vorgaben studiert, die für eine
- 2:48solche Veröffentlichung gelten und gemerkt, dass zum Beispiel, das ist nur ein Beispiel,
- 2:52es heißt dann, bei Fußnoten, die müssen alle ganz sauber im Blocksatz gesetzt sein,
- 2:58was eigentlich kein Problem ist, aber es gibt nach dem Fußnoten Zeichen, also nach der
- 3:04Zahl unten, gibt es einen Abstand, der nicht ganz, der so leicht hängend ist, der nicht
- 3:11ganz mit dem Rest, der mit den folgenden Zahlen übereinstimmt und da wird dann empfohlen
- 3:16in der Wegleitung, dass man da einen Tabulator reinsetzt, also einen einheitlichen Abstand,
- 3:22damit es wirklich sauber im Blocksatz ist, gefällt mir auch selber besser, finde ich
- 3:26ganz schön, jetzt das Problem ist, das ist ein 1200-zeitiges Manuskript mit 3000 Anmerkungen
- 3:34und wenn man das jetzt für einen Aufsatz, so mit 30 Anmerkungen, dann hat man das in
- 3:385 Minuten erledigt, aber bei 3000 Anmerkungen einen Tabulator nach der Fußnotenzahl zu
- 3:46setzen, das sind einfach Stunden, wenn nicht Tage, so bietet es der Arbeit und da habe
- 3:52ich wirklich also aufgesäuft und einen Stoßgebet hin Himmel geschickt und gedacht, muss ich
- 3:57mir das jetzt noch antun?
- 3:59Und die Lösung ist natürlich nicht, du hast jemanden beauftragt.
- 4:02Genau, ich habe meine Tochter bezahlt.
- 4:04Yeah!
- 4:05Ich habe mir gesagt, du Kleider Teufel, kriegst du kleines Entgelt und dann habe ich erklärt
- 4:12wie das geht und sie hat mir jetzt die ganzen Fußnoten bearbeitet und das sieht wunderbar
- 4:18aus, sie ist glücklich, ich bin glücklich.
- 4:20Und sie hat schon gelernt, im Kapitalismus kriegt man immer einen Job, aber es macht
- 4:23nicht immer Spaß.
- 4:24Genau.
- 4:25Ja, genau.
- 4:26Ja und du, Stoßgebet?
- 4:28Ja, Stoßgebet ist wirklich so was, ich glaube ich bin selbst schuld, alle werden sagen,
- 4:33dass ich selbst schuld bin daran und ich finde trotzdem, es ist eine Ungerechtigkeit, ich
- 4:37komme also aus dem Urlaub zurück, irgendwie, wann kam ich zurück, 26.07?
- 4:42Nein, nein später, 29.07 komme ich zurück und öffne meine Post und da ist Post drin
- 4:51vom irgendwie 10.07, das ist ein Anschreiben von meinem Fitnessstudio, das ich mein Abo
- 4:58automatisch verlängert, wenn ich nicht bis Ende Monat schriftlich und eingeschrieben
- 5:03bin und da da da da da da, Kündiger.
- 5:05Oh Gott.
- 5:06Es mag ja praktisch sein für gewisse Menschen, dass ich das automatisch verlängert, aber
- 5:12ich hätte irgendwie gerne noch die Wahl zu sagen, nein, ich möchte das doch nicht, und
- 5:17zwar ohne, dass ich, das muss ich vielleicht noch dazu sagen, mein Abo würde sich ja erst
- 5:22im Oktober wieder erneuern müssen, aber ich muss das schon so früh kündigen, oder wenn
- 5:28ich es noch überhaupt nicht auf dem Sturm habe, wenn ich im Urlaub bin und alles und das verlängert
- 5:32sich jetzt einfach automatisch, ja, es stimmt, es steht ganz bestimmt, im Vertrag beim
- 5:36Kleingedruckten, was ich nie lese, steht drin, dass das so ist, und ich hätte das auch besser
- 5:41organisieren können, aber ich denke einfach, ihr seid solche Arschlöcher, weil vielleicht
- 5:46komme ich jetzt aus dem Urlaub zurück vielleicht und denke, oh, ich habe eben ein bisschen mehr
- 5:51gegessen, als ich sollte und ein bisschen weniger trainiert, als ich mir vorgenommen
- 5:55habe, und dann kriege ich ein Schreiben von euch, das mir sagt, ja, und egal, ob du jetzt
- 6:01den Rang wieder findest und kommst oder nicht, du bezahlst jetzt nochmal ein Jahr, und da
- 6:06habe ich wirklich so gedacht, in die Hölle mit Menschen, die solche Verträge erfinden.
- 6:11Jetzt kommt mir gerade den Sinn in Sachen Postzustellung und so, ich habe ja vergeblich
- 6:19auf den Arbeitsvertrag gewartet, den ich von der EKS für meine Stelle im neuen Jahr
- 6:25hätte erhalten sollen, und ich war da ja auch ganz krippelig irgendwie, weil ich das wirklich
- 6:30unter Dach und Fach bringen wollte, auch um nachher sauber kommunizieren zu können,
- 6:34und bevor man einen Vertrag unterschrieben hat, sollte man eigentlich nicht unbedingt
- 6:38an die Öffentlichkeit gehen mit solchen Entscheidungen, und ich habe gewartet und gewartet und hin
- 6:43und her geschrieben mit der Geschäftsführerin hier, und wir konnten uns das alle nicht erklären,
- 6:48wo ist dieser Vertrag geblieben, und irgendwann mit zwei oder drei Wochen vor Spätung kommt
- 6:54der Umschlag zurückgesandt an die Geschäftsführerin der EKS, und jetzt hat der Postbote, hat
- 7:01unsere Adresse nicht gefunden, ist mir seit sechs Jahren nie passiert, dass etwas nicht
- 7:06angekommen ist, wirklich verrückt, und hat dann gelesen, dass der Absender reformierte
- 7:15Kirche Schweiz ist, und hat den Arbeitsvertrag bei uns um die Ecke bei der evangelisch-methodistischen
- 7:25Kirche in den Briefkasten geworfen, und die haben das dann gehabt und haben das wahrscheinlich
- 7:31dann irgendwann geöffnet, um zu sehen, was das ist, da ist mein Arbeitsvertrag drin,
- 7:35da sind ja vertrauliche Informationen, und die haben das dann zurückgeschickt an die
- 7:41EKS, aber mit zeitlicher Verzögerung, und ich frage mich, was hat der Postbote-Gerauch,
- 7:48der irgendwie denkt, Stichwort Kirche, und dann in einer anderen Konfession quasi in einem
- 7:54völlig anderen Kirchenverband denkt, ja, da werfe ich das jetzt mal rein, das wird ja
- 7:58so viele gibt es ja nicht von den Christen. Also an alle Postbotinnen und Postboten, es
- 8:03ist löblich, dass ihr versucht, die kommunischen Beziehungen zu stärken, mit ganz viel eigenen
- 8:09Initiativen, das ist jetzt gegenüber den Methodisten nicht so notwendig, also da gäbe es zwei,
- 8:15drei andere, bei denen ihr anfangen könnt, unser Post zu verteilen.
- 8:19Ja genau, und die wissen jetzt, wieviel ich verdiene, aber genau.
- 8:23Ja, werden wir jetzt sehen, wenn wir ganz viele Bewerbungen kriegen von Methodisten und Methodisten.
- 8:30Ja, gut, kommen wir zum Halleluja.
- 8:33Ich habe ein schönes Halleluja, ich war einmal mehr in Schaffhausen bei Stars in Town jedes
- 8:46Jahr, ist das, das ist so der Abend, den ich mit meiner Schwester reserviert habe, wir
- 8:52aufgrund auch der räumlichen Distanz, sie wohnt in Schaffhausen, ich in der Region Basel,
- 8:57da sieht man sich jetzt schon nicht jede Woche, und das ist, und dann schon gar nicht ohne
- 9:02Kinder und so, deshalb haben wir das vor einigen Jahren so eingerichtet, dass wir einen Abend
- 9:09bei Stars in Town, das ist ein, glaube ich, achttägiges Musikkonzert, Festival in Schaffhausen,
- 9:15wunderschön, gelegen auch mitten in der Stadt am Herrenacker, umgeben von großen alten
- 9:22Häusern, sind da dann so 5000 Leute, jeden Abend gibt es drei Konzerte, und das war
- 9:28jetzt dieses Jahr auch wieder ausnehmend schön, also war richtig, richtig toll, Ray Dalton
- 9:35hat eröffnet, und dann war Joya Marlin eine Schweizer Sängerin, und zum Schluss dann
- 9:42Nelly Furtado, da haben wir jetzt quasi uns der Dreierpackkonzert gegeben, und hier waren
- 9:47in der ersten Reihe, wir standen am Gitter quasi, und das war einfach ein ganz, ganz,
- 9:53ich fand ein richtig, richtig schönes, tolles Erlebnis auch so der Zauber der Musik und
- 9:59auch die Zeit mit meiner Schwester, also etwas zum Genießen, und ich konnte sogar ausblenden,
- 10:05dass zwei Teenager, so im Alter von 14, 15 Jahren, sich in der ersten Reihe am Gitter
- 10:11niedergelassen haben, und praktisch während aller drei Konzerte mit dem Rücken zur Bühne
- 10:19am Boden saßen und auf dem Handy irgendwelche Nachrichten geschickt haben, dann habe ich
- 10:24gedacht, ja, wenn du - Du hast doch noch einen kleinen Stoßgebiet in deiner Halleluja verpackt,
- 10:27gell? - Genau, aber ich, nee, also das Halleluja daran ist, wenn ich in einer bestimmten Verfassung
- 10:33bin und so ein bisschen gereizt und mit kurzer Lunte unterwegs, dann muss ich das dann immer
- 10:38korrigieren und ansprechen, und muss dann immer die Leute irgendwie, ich kann dann nicht auf,
- 10:42ich kann dann nicht auf Mund hocken, und ich konnte das ganz schön ausblenden, habe mich
- 10:47aber dann schon gefragt, wenn man 100 Franken bezahlt für einen Konzertabend, und so früh
- 10:53da ist, dass man es in die erste Reihe schafft und dann quasi die ganze Zeit auf WhatsApp hin
- 10:58und her schreit, was ist da in der Kindheit schiefgegangen? Aber, naja, aber eben, es war
- 11:03ein wunderbarer Abend. Und du? Ja, meinst du, auch mit Musik zu tun, war am Donnerstagabend etwas
- 11:11Träge, Franzi und ich hatten keine Kids zu Hause und haben so überlegt, ja, das müssten wir eigentlich
- 11:18nützen, irgendwas machen, und dann plötzlich haben wir gesehen, ja, ist ja Baskas. Baskas ist so ein
- 11:23Straßenmusik-Festival in Bern, wo ganz verschiedene Künstlerinnen und Künstler in der Altstadt
- 11:30auftreten gleichzeitig, und haben wir uns gedacht, ja, da gehen wir hin, und das war eine
- 11:36mega-schöne Stimmung, also jetzt gar nicht nur von den Bands, sondern man sagt doch immer so ein
- 11:42bisschen, ja, die Schweizer sind steif und Spaßbremsen und so. Nein, die Leute haben getanzt,
- 11:48das war eine Stimmung, und ich muss wirklich sagen, wenn das jetzt im Urlaub gewesen wäre, hätte ich
- 11:53wahrscheinlich wieder so ein Klischee gehabt, ja, ja, im Süden funktioniert das. Man hatte wirklich
- 11:59das Gefühl, dass man hier mitten in Bern in einer schönen südlichen, ja, spaßigen und
- 12:05lustvollen Kultur gelandet ist. Das war richtig toll und habe die Ferien irgendwie noch mal so
- 12:11ganz zurückgeholt und verlängert. Ja, sehr schön, sehr schön, ja. Gut, dann kommen wir zu unserem
- 12:17Thema der Woche. Das Thema der Woche. Ich steige mal ein, aber du kannst dann gleich übernehmen,
- 12:26weil eigentlich Anlass war ein Blogbeitrag, den du geschrieben hast im EKS-Blog mit dem Titel
- 12:33"Kirche, KI und Klima", der wird, wenn diese Folge rauskommt, wird der online sein? Nein, der
- 12:39erscheint erst eine Woche später. Wir machen hier ein bisschen länger Redaktionspause noch,
- 12:45aber nächsten Mittwoch erscheint er dann. Okay, ja, dann können wir ja vielleicht prophetisch den
- 12:51Link schon eintragen. Wir können schon mal drüber sprechen. Aber der Beitrag, ich fand den sehr
- 12:57spannend und auch anregend, weil du aufzeigst, einerseits machst du deutlich, wie im Blick auf
- 13:07Klimawandel ein großes, breites Problembewusstsein vorhanden ist und auch so ein Problembewusstsein,
- 13:15das sich zeigt, in zum Beispiel in Flugscham oder in einem sehr sensibilisierten Einkaufsverhalten
- 13:23und so weiter. Und bei KI ist irgendwie, da sind zwar Ängste vorhanden, so was ist, wenn die KI
- 13:30übernimmt oder wenn das in die falschen Hände kommt und so weiter. Aber ein Bewusstsein dafür,
- 13:35dass die KI auch einfach ein unglaublicher Energiefresser ist und ein bewusster Umgang damit,
- 13:43das hat irgendwie noch nicht in der Breite stattgefunden und du reflektierst das dann in
- 13:49dem Beitrag und fragst sich auch, was können Kirchen dazu beitragen und kommst natürlich in
- 13:55diesem Blogbeitrag auch auf die Frage zu sprechen. Ja, wer hat denn jetzt eigentlich die Verantwortung
- 14:02für einen ökologischen Umgang mit KI und wo müsste man da ansetzen? Und das hat uns dann so ein
- 14:12bisschen weitergehenden Überlegungen geführt zu fragen, im Blick auf gesellschaftliche oder
- 14:17auf völlig virulente Missstände in unserer Zeit. Wem schiebt man den Schwarzen Peter zu? Ja, genau.
- 14:24Also vielleicht muss ich das Ganze noch ein bisschen vom Text noch mal zu lösen, den ich dir
- 14:29schon mal vorabgeschickt habe. Ich glaube, bei mir hat das angefangen, als ich auf Tenerife
- 14:35verlaufen war und diesen Podcast gehört habe, ein Summer Special von Lanz und Precht mit Luisa Neubauer.
- 14:41Ja, habe ich auch gehört. Und ich habe das so mit einem sehr, sehr starken Unbehagen gehört,
- 14:46diese ganze Folge, weil die ganze Anlage war irgendwie so, dass Luisa Neubauer ständig
- 14:53verteidigen musste und zeigen musste, dass sie nicht irgendwie den Teufel an die Wand malt,
- 15:00dass sie nicht apokalyptisch unterwegs ist, dass sie nicht übertreibt und sogar sich dazu
- 15:05verhalten, ob sie vielleicht für die Wut der Klimaleugnerinnen und Leugner nicht auch selbst
- 15:12Verantwortung tragen und für diese Hassbotschaften, die sie jetzt kriegen, wenn sie den Leuten
- 15:18solche Angst machen. Und Luisa Neubauer, da wirklich, ich finde, die hat das Top gemacht,
- 15:24hat immer wieder darauf hingewiesen, dass sie gesagt hat, hey, es geht mir nicht darum,
- 15:28dass ich meiner Nachbarin erklären will, dass sie nicht fliegen darf. Es geht mir nicht
- 15:32darum, dass ich den Leuten sagen will, was sie essen sollen. Es geht darum, dass wir
- 15:37ein politisches Problem haben, dass wir politisch lösen müssen. Und wo wir die Hoffnung nicht
- 15:42einfach aufgeben dürfen, wenn wir selbst hinter die Ansprüche zurückfallen, die wir eigentlich
- 15:47hätten, sondern was wir tun müssen, ist, wir müssen von der Politik fordern, dass Lösungen
- 15:53ergriffen werden, dass das ernst genommen wird. Und ich glaube, der Vergleich wurde
- 15:59dann von Precht gemacht, ich fand den gar nicht so schlecht. Man kann ja dann sagen, ja, aber
- 16:04wir haben ja auch andere Probleme, wie zum Beispiel den Krieg in der Ukraine. Und genau
- 16:09da merkt man, ja, niemand würde beim Krieg in der Ukraine oder bei der Angst, dass Russland
- 16:15uns angreifen könnte, sagen, ja, also, liebe Bevölkerung, jetzt geht's halt mal um Selbstverantwortung,
- 16:21bitte bewaffnet euch gut. Ihr habt ja alle tolle wirksame Küchengeräte zu Hause, macht
- 16:27euch da mal wehrhaft und trainiert das, sondern man wird sofort sagen, ja, jetzt muss man
- 16:32überlegen, wie organisiert man die europäische Verteidigung insgesamt, wie organisiert man
- 16:38die Landesverteidigung, es werden Bütches gesprochen, es werden Waffen gekauft und
- 16:45all das. Das geschieht ja dort, weil ein politischer Wille, eine Dringlichkeit, eine Angst dahinter
- 16:51ist, dass man was tun muss. Und bei anderen Themen tut man genau das nicht, also es werden
- 16:56keine wirklichen politischen Maßnahmen getroffen, sondern nur Absichtserklärungen formuliert.
- 17:02Und man geht dann auf das Individuum zurück und sagt, ja, die ist schon bewusst, dein
- 17:07Konsum steuert das Ganze. Das, was du tust, ist am Schluss entscheidend, weil das wird
- 17:12mit den Füßen abgestimmt, oder? Und ich glaube, dass diese Verlogenheit sich super zeigt,
- 17:18wenn man über die großen Themen, wie zum Beispiel Emissionen durch Flugverkehr spricht,
- 17:25wenn man aber auch und das wird in Zukunft kommen, wir müssen darüber sprechen, über
- 17:29den enormen Energieverbrauch von Large Language Models sprechen muss.
- 17:34Ja, ja, spannend, ich würde das gerne anreichern mit einer Anekdote, die ich vor dem Urlaub
- 17:39erlebt habe, als ich mit einem Freund und Mitarbeiter auf der Terrasse saß und so ein
- 17:47bisschen über Ferienpläne gesprochen habe und da waren noch ein paar andere Leute mit
- 17:51dabei, die mit ihm zusammenarbeiten und so und dann hat er gesagt, er wird sich sehr
- 17:56freuen auf seine Griechenland-Ferien und dann wurde die Frage gestellt von jemandem, ja,
- 18:02wie er denn da hinkomme und dann hat er dann so ganz so ein bisschen Verhalten zugestanden,
- 18:08dass er für sich und seine Kinder Flüge gebucht hat und dann war so eine ganz eigenartige
- 18:14peinliche Stille im Raum oder auf dieser Terrasse und es war irgendwie so völlig mit Händen
- 18:22zu greifen, dass hier jetzt jemand in einem Wahnsinnsrechtfertigungsbedarf gerät und
- 18:29er hat sich dann auch angefangen zu erklären, ja, also er wird sich ja auch ein bisschen
- 18:33schämen und er wüsste ja, dass man das eigentlich nicht sollte, aber es wäre einfach auf Griechenland,
- 18:39wie will man sonst da hinkommen und so und dann hat ein anderer dann erklärt, wie er
- 18:44mit seiner Familie, also auch auf tagelangen Reisen mit Zug und Fähre in die Ferien fährt
- 18:51und dass es also problemlos möglich wäre und dann nachher saß ich dann mit ihm alleine
- 18:57zusammen und es war irgendwie, er war so beschämt durch diesen Austausch und ich habe ihn dann
- 19:05spontan freigesprochen und gesagt, also von mir aus kannst du gerne nach Griechenland
- 19:09fliegen, von mir kriegst du also keine Flugscham auferlegt und so, aber das war eine ganz
- 19:16bizare Situation, die jetzt jemanden betraf, der jetzt wirklich sonst, also sehr, sehr selten,
- 19:25überhaupt sehr selten fliegt und auch ein, würde ich sagen, eher überdurchschnittliches
- 19:30auch ökologisches Bewusstsein mitbringt, aber aus praktischen und finanziellen Gründen
- 19:35jetzt auf einen Griechenlandflug zurückgegriffen hat. Es war einfach, mir ist das so entgegengeschlagen.
- 19:42Dieser Mechanismus oder diese... Ja, also es ist ja nicht einfach ein Mechanismus,
- 19:50also sorry, wenn ich jetzt in der Zwischenfall, weil ich merke wirklich, dass das etwas ist,
- 19:53das mich sehr, sehr wütend macht, weil ich finde, es ist letztendlich eine artistenzlose
- 19:58Übergriffigkeit. Und zwar, also ich habe selbst so ein Beispiel erlebt, du weißt, ich wohne
- 20:06in einem Mehrfamilienhaus, da hat es einen Lift und bin da vom Laufen zurückgekommen,
- 20:11habe meine Post gelehrt, hatte also alle Hände voll und da ist eine schwere Tür, diese erste
- 20:17Tür, also habe ich einfach den Lift genommen, bin da hochgefahren mit dem Fahrstuhl. Und
- 20:22oben im Gang, also ich habe noch die Kopfhörer drin, bei der Hände voll, steht ein Nachbar, der
- 20:28mir signalisiert, dass ich dringend meine Kopfhörer aus den Ohren nehmen muss. Und ich tue das dann,
- 20:35was wirklich mühsam war oder so verschwitzt mit der ganzen Post etc. Und das Einzige,
- 20:40was er mir sagen will ist, hey, du überlegst, erster Stock, Lift nehmen. Und ich habe zum
- 20:48Nächst habe ich wohlwollend gedacht, ah, der macht sich Sorgen um meine Gesundheit, der hat
- 20:52wahrscheinlich nicht kapiert, dass ich laufen war. Und erst im Nachhinein wurde mir dann klar,
- 20:56ne, dem geht es drum, dass er findet, dass ich hier Energie verbraucht habe, die ich nicht
- 21:01verbrauchen darf. Und das sind Dinge, wo ich denke, das tut uns wirklich nicht gut, wenn wir uns
- 21:09gegeneinander wie kleine Klimapolizistinnen und Polizisten verhalten, die einander in
- 21:16rechtfertigungsdruck bringen. Was ich cool finde ist, bei einem Appareau oder von mir aus auch in
- 21:22einem Pro Seminar darüber zu diskutieren, welche Hebel haben wir eigentlich, was spielt
- 21:29eigentlich wirklich eine Rolle, wo kann ich einen Unterschied machen etc. Das finde ich alles cool.
- 21:33Aber dieses Moralisieren ist letztendlich ein Eingeständnis, dass man die Komplexität nicht
- 21:40begriffen hat. Und dass man sie in zwei Weisen nicht begriffen hat. Man hat sich auf der faktischen
- 21:46Ebene nicht begriffen, weil wir werden das Problem nicht lösen über individuellem Konsum. Das ist
- 21:52das eine. Und das andere ist, dass wir sie sozial-psychologisch nicht begriffen haben. Wir werden
- 21:58nicht mit dieser Verbots- und Einschränkungsmentalität die Wände hinkriegen. Ja, ja, würde ich völlig
- 22:05übereinstimmen. Und eben diese Kultur der Anschuldigung des Einzelnen und des schlechten
- 22:12Gewissens und so, die geht, glaube ich, wirklich von einer falschen Prämisse aus. Weil die Prämisse
- 22:20wäre ja dann, wenn der Einzelne weniger Fleisch essen und weniger fliegen würde, dann könnten wir
- 22:27das Ganze aufhalten. Also es ist bei uns quasi, der der der Schwarze Peter, der ist bei uns. Wir
- 22:32müssten das jetzt hinkriegen. Und das lässt völlig außer Acht, dass vom CO2-Ausstoß nur der
- 22:40kleinste Teil auf den privaten Flugverkehr fällt oder so. Wenn überhaupt, dann müsste man da ansetzen,
- 22:48wo die Vielflieger sind, die quasi den ganzen Tag auf Geschäftskosten quasi Millionen vom
- 22:55Meilen pro Jahr zurücklegen. Und auch da, auch das sind jetzt noch nicht unbedingt die Biggies in
- 23:01der Industrie. Da wird CO2 produziert ohne Ende und im Schiffsverkehr. Und keine Ahnung, wo
- 23:10das sind. Also die wirklich, die großen Hebel, an die kriegen wir gar nicht ran, wenn man von der
- 23:18Prämisse ausgeht. Der Einzelne muss sie einfach an der Nase nehmen. Und das andere, das sozial
- 23:25psychologisch, das du angesprochen hast, das gilt ja sogar theologisch. Also mit einem,
- 23:29mit einem Moralismus, der schlechtes Gewissen macht, kommt man eigentlich nicht weit. Man kann,
- 23:35man kann vielleicht so einige Impulse, dann einigen Impulsen begegnen mit einer Kultur des
- 23:41schlechten Gewissens. Aber meistens führt das nicht zu einer wirklichen Verhaltenskontrolle,
- 23:47sondern es führt zu einer Doppelzündigkeit, zu einer, wie sagt man, zu einer Heuchelei. Die
- 23:53Leute fliegen trotzdem und essen trotzdem, was sie wollen, haben aber ein schlechtes Gewissen dabei
- 23:59umstehen dann vielleicht nicht öffentlich dazu oder so. Aber das hilft ja dann gar, genau gar niemandem.
- 24:05Ja doch, es hilft natürlich genau denjenigen Konzernen, die diese Emission verursachen. Also ganz
- 24:12genau den hilft es ja, wenn wir uns schlecht fühlen für den eigenen Konsum und nicht politische
- 24:19Lösungen oder Lösungsansätze dann fordern. Aber ich meine, es hilft nicht für Veränderungen,
- 24:24das ist ja quasi dieser CO2-Fußabdruck von Shell, den sie da groß propagiert und eingeführt haben,
- 24:33oder und was du siehst als Westeuropäer oder als US-Amerikaner, ist einfach, oh mein Fußabdruck
- 24:41ist sehr groß, es geht gar nicht anders. Und das Ganze hat natürlich dann nicht die Wirkung,
- 24:46dass du sagst, ah crazy, ich ziehe jetzt in den Wald und wohne in einem Zelt, sondern was passiert
- 24:52ist, dass du denkst oh Mist, ich bin ja Teil des Problems. Und wenn du dich als Teil des Problems
- 24:58verstehst und das nicht in einem politischen Sinne meinst, sondern wirklich ich, Manu Schmid,
- 25:03bin jemand, der auf das Konto dieses Problems einzahlt, dann kann das enorm lähmend sein,
- 25:09um politisch etwas zu fordern. Aber das, was getan werden muss, kann nur politisch gefordert
- 25:15werden. Und ich glaube, es wäre super sinnvoll, mal über die theologische Dimension des Ganzen
- 25:22zu sprechen, weil das, was wir eigentlich tun ist, etwas, was wir in Religion, in Theologie sehr gut
- 25:28kennen, wir haben ein komplexes Problem, ein sehr komplexes Problem, weil eigentlich nicht mehr
- 25:37durchschaubar ist, was müsste man tun, um zu der Lösung zu kommen, die wir alle wollen. Und das,
- 25:45was jetzt passiert ist, dass man die Komplexität reduziert, indem man dieses Problem, das technische
- 25:54Aspekte hat, das ethische Aspekte hat, das politische Aspekte hat, das wirtschaftliche Aspekte hat,
- 25:59einfach reduziert auf eine moralische Frage, die man dem Individuum stellen darfst du nach
- 26:06Griechenland fliegen, darfst du Fleisch essen etc. Das, was aber die viel interessanter Frage ist,
- 26:12wie kann es sein, dass es günstig ist und sich für mich lohnt, nach Griechenland zu fliegen,
- 26:18angesichts der Emissionen, die das verursachen? Wie kann das politisch gewollt sein? Wie können
- 26:23politisch gewollt heißt ja nicht, dass irgendwelche Funktionäre etwas steuern, irgendwelche dunklen
- 26:29Typen mit eigenen Absichten, sondern politisch bedeutet ja nur, dass ist das, was wir als
- 26:33Volk entscheiden. Das ist das, was wir gemeinsam ausgehandelt haben, das ist ja das politische.
- 26:38Und weil man diese Komplexität dann nicht bearbeitet, macht man eigentlich dasselbe wie in
- 26:45diesen Serien, die diese utopischen Untergangs-Szenarien haben, was am Schluss nur noch drum geht,
- 26:51wie handeln die Akteure in Entscheidungssituationen? Also wir verdichten alles auf individuelle
- 26:57Entscheidungssituationen. Und das ist etwas, was wir natürlich aus der Religion wunderbar kennen,
- 27:03oder dass es gerade in gewissen Strömungen des Christentums nicht darum geht, wie werden
- 27:09wir ein Volk Gottes, um diesen alten Begriff zu nehmen, wie kommen wir gemeinsam dahin,
- 27:17dass das Reich Gottes sich ausbreitet auf Erden, eine Idee von Gerechtigkeit etc.,
- 27:21wir haben alles schon darüber gesprochen, sondern dass man so verdichten sagt, hast du dich für
- 27:26den Herrn Jesus, bis du dir deines Heils gewiss. Ja und das wissen wir aus unserer Religionsgeschichte,
- 27:34dass das immer die schlimmsten Verzerrungen und die dümmsten Momente unserer Religion waren,
- 27:39die hoch peinlich sind. Und genau da müssten wir jetzt als Kirche im Bereich Politik und
- 27:45Gesellschaft lernen und uns sagen, hey, Leute, wir haben das schon ein paar Mal durchgespielt,
- 27:50das kam nicht gut. Lass uns das jetzt anders versuchen. Ja, das sind eine interessante Parallele,
- 27:56die ich gut nachvollziehen kann auf dem Hintergrund auch meiner evangelikalen
- 28:01Sozialisierung, die ja ganz eine eigenartige, finde ich, Kombination aufweist zwischen einem
- 28:10starken Gemeinschaftssinn, das kann man schon sagen, aber einer wirklich radikal individualisierten
- 28:18Frömmigkeit. Also es geht letztlich in Fragen des Heils und der Spiritualität geht es immer um den
- 28:27Einzenden, ich und meine Bibel, ich und mein Herr Jesus, ich und mein Gebet, ich und meine stille
- 28:33Zeit, also meine gelebte Frömmigkeit im Alltag und so. Es ist radikal individualisiert und dann auf
- 28:42weiten Strecken, also es ist ja auch witzig, ich habe Jahre und Jahrzehnte evangelikaler Predigten
- 28:48gehört, die immer die Pointe der Predigten lief immer auf die Handlungsanweisung an den
- 28:55Einzenden hinaus. Und ich habe kaum... Was ist der Call to Action? Genau, genau, und das ist quasi
- 29:01jetzt, ich muss vor der eigenen Türe wischen, das sind meine Hausaufgaben... Was sind deine
- 29:063 Takeouts? Ja, genau, aber es kamen selten bis nie, kamen gesellschaftlicher oder systemische
- 29:14Probleme zur Sprache, die sich nicht einzeln lösen lassen, sondern nur gemeinsam, nur politisch,
- 29:21nur übergeordnet. Ganz, ganz selten, ich muss jetzt allerdings auch den Klammergedanken anfügen,
- 29:27die Art und Weise, wie das jetzt im amerikanischen Evangelikalismus zu einer Wende kommt, wo man
- 29:33nicht mehr nur, das war ja auch sehr apolitisch, was ich mitgekriegt habe als Evangelikale
- 29:38Frömmigkeit und jetzt ist sie sehr politisiert und sehr auf gemeinschaftlichen Gestaltungswillen
- 29:44angelegt, aber in eine Richtung, die ich natürlich dann auch wieder nicht hilfreich finde. Ja,
- 29:49gerade beim Klimaproblem bin ich jetzt, kann man super zeigen, wie das zusammenhängt. Also es
- 29:54sind gar nicht 2 unterschiedliche Mechanismen, die hier greifen, sondern das, was passiert, ist auch
- 30:00wieder etwas, was wir aus der Theologiegeschichte kennen. Man sagt im Prinzip, wie Augustinus das
- 30:06gemacht hat, in einem ontologischen Sinne, wir alle sind zünder durch die Sünde, Adams. Jetzt
- 30:12hast du 2 Möglichkeiten, entweder du kannst dich so dazu verhalten, dass du sagst, ja scheiße,
- 30:16stimmt. Das ist ein Riesenproblem, wie kann ich der Hölle entgehen und dann ist dein ganzes Leben
- 30:22dadurch dominiert, dass du diesen Grundsatz geschluckt hast und sagst, shit, ich bin in einem
- 30:29ganz fundamentalen Sinne schlecht und zwar so schlecht, dass ich eine ganz grausame Strafe
- 30:34verdiene und ich kann jetzt mein Leben nur dafür einsetzen, dieser Strafe zu entgehen. Das ist ganz
- 30:40sicher kein gesundes Verhältnis zum eigenen Leben der eigenen Person und der Welt. Die andere
- 30:46Möglichkeit ist, dies komplett zu bestreiten und zu sagen, nein, das ist genau falsch. Wir sind nicht
- 30:54irgendwie sünder oder nicht perfekt, sondern wir sind die Krone. Wir sind das, was super ist. Wir
- 31:01kommen eigentlich als perfekte Menschen zur Welt und das, was uns dann verderbt ist höchstens die
- 31:08Gesellschaft. Und das, was wir jetzt beobachten können bei dem ganzen Klimathema ist, dass wir
- 31:14Gruppen und Menschen haben, die sich wahnsinnig machen, die wirklich in Angstzustände kommen, wie
- 31:21eine Angst vor der Hölle haben wir es vielleicht auch gewirkt haben muss und tatsächlich in einem
- 31:27apokalyptischen Untergangsszenario leben, dass sie und ihre Kinder treffen werden. Und auf der anderen
- 31:33Seite haben wir aber die Leugner, die sagen ja, also geil, es wurde schon immer ein bisschen wärmer
- 31:39und kälter. An der Spitze steht ein Präsident, der genau das erzählt und das hat natürlich eine
- 31:44enorme Entlastungswirkung dann zu behaupten, ja, das gab es schon immer und dafür sind jetzt wir
- 31:51Menschen, also nicht auch noch zuständig. Und beides ist komplett lähmend, um das Problem zu lösen.
- 31:58Also nur deswegen interessiert mich das ja so. Auch das kann man in der Religionsgeschichte
- 32:02Lernen. Wir wurden keine besseren Gesellschaften dadurch, dass wir uns
- 32:06gegeiselt haben und gesagt haben, dass wir die Allerschlechtesten sind. Wir
- 32:10wurden aber auch keine besseren Gesellschaften dadurch, dass wir
- 32:12gesagt haben, der Mensch ist ein perfektes, vollkommenes Wesen. Lasset uns dem
- 32:17Menschen huldigen. Sondern der Weg, der dazu geführt hat, dass wir bessere
- 32:22Gesellschaften geworden sind, waren Stories, in denen wir gespürt haben, dass
- 32:26das, was wir lösen müssen, sehr wenig mit Moral zu tun hat, sondern ganz viel mit
- 32:31Empathie und Recht. Und ich glaube, genau das sollten wir jetzt wieder zur
- 32:37Anwendung bringen, wenn es um diese ganz großen Fragen der Menschheit geht.
- 32:41Ja, ja. Ich würde gerne noch mal, auch um das zu vertiefen, aber noch mal
- 32:47ein Stichwort aufgreifen, das du vorhin genannt hast, weil ich nicht weiß, ob
- 32:51dieser Hintergrund allgemein bekannt ist. Du hast von CO2-Fußabdruck gesprochen
- 32:57und um das einfach noch mal noch kurz auszuführen, so die Rede vom CO2-Fußabdruck,
- 33:03die ist ja in zumindest investigen Gesellschaften weit verbreitet. Jeder weiß
- 33:09ungefähr, was das ist. Manche haben sogar ein App oder schon Test gemacht, indem
- 33:13sie dann ausfüllen können, ihr Mobilitätsverhalten und so weiter. Und
- 33:17dann wird quasi der Fußabdruck berechnet. Das Ganze, das geht eigentlich zurück.
- 33:23Das wurde so in den 2000er Jahren populär. Und ich glaube, es geht sogar auf
- 33:27einen Schweizer zurück. Dieser Mattis Wackernagel ist, glaube ich, ein Schweizer
- 33:31gewesen, der diesen Begriff zum ersten Mal geprägt hat. Und dann wurde das
- 33:36aufgegriffen witzigerweise oder perfiderweise aufgegriffen in einer
- 33:42PR-Kampagne von British Petroleum, die dann 2004 mit Hilfe einer Werbeagentur
- 33:49das großlanziert haben. Und jetzt fragt man sich, ja, wieso soll jetzt ein Erdöl
- 33:55konzern sensibilisieren für den CO2-Ausstoß. Da schießen sie sich doch
- 34:02selber ins Knie. Aber es ist eben ein ganz perfider Mechanismus der
- 34:08Verantwortungstifusion oder der Verantwortungsübergabe, weil nämlich
- 34:13indem das Augenmerk auf den einzelnen und seinen CO2-Abdruck gerichtet wird, indem
- 34:21man dem einzelnen Aufträgt sich zu fragen, was ist meine Verantwortung, was ist
- 34:26mein CO2-Ausstoß, wie schade ich der Umwelt, wie trage ich zum Klimawandel bei,
- 34:33in dem der Fokus darauf gerichtet wird, wird Aufmerksamkeit abgezogen von den
- 34:40Erdölproduzenten und von den großen Corporations, die eigentlich in die
- 34:45Pflicht genommen werden müssten, entsprechend Verantwortung zu übernehmen,
- 34:50weil sie quasi an der Quelle des Problems sitzen und das ist, was auf den
- 34:56ersten Moment kontraintuitiv klingt, ist bei näherem Hinsehen eine ganz
- 35:03perfide und enorm erfolgreiche Marketingstrategie gewesen, um Konzerne,
- 35:10Erdölproduzenten aus dem Schussfeld zu nehmen und dem Einzelnen die
- 35:15Verantwortung und die Schuld für den Klimawandel zuzuspielen. Also und dieser
- 35:21Mechanismus, der lässt sich in ganz verschiedenen Lebensbereichen nachweisen.
- 35:27Ich füge eine kurze Buchempfehlung hin zu Wolfgang M. Schmidt, der übrigens am
- 35:33Podcast Festival mit mir ein Podcast Gespräch führen wird. Da freue ich mich
- 35:37sehr darauf. Er hat mit er an Christine Klusti ein Buch herausgegeben, so eine
- 35:42Antologie mit ganz verschiedenen auf kurzen Aufsetzen und das Buch steht
- 35:48unter dem Titel "Selber Schuld". Selbst Schuld und da werden die
- 35:54verschiedensten Gesellschafts- und Lebensbereiche durchgegangen und es
- 35:57wird immer das gleiche Muster nachgewiesen, das eigentlich in Zuge einer
- 36:02auch neoliberalen Geisteshaltung. Jeder ist seines eigenen Glücksschmied, jeder
- 36:08muss sein Leben selber in die Hand nehmen, jeder ist verantwortlich für sein
- 36:12Heil- oder Unheil in Zuge einer solchen Geisteshaltung, wird die Verantwortung für
- 36:18alle möglichen systemischen, gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen
- 36:23Probleme auf den Einzelnen abgewälzt und wenn jemand arm ist, dann ist er nicht
- 36:28arm, weil die sozialen Systeme so schwach sind, weil das Krankenkassensystem am
- 36:35Arsch ist und so weiter, weil Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft
- 36:39herrschen, sondern er hat sein Leben nicht in die Hand genommen, er hat sich nicht
- 36:42erfolgreich genug positioniert, er hat sich nicht gut genug verkauft und so
- 36:47weiter und er ist eigentlich an seiner Armut selber Schuld und das ist dann
- 36:51auch die unbarmherzige Rückseite dieser Ideologie oder dieser Geisteshaltung,
- 36:58dass eigentlich, was du vorhin gesagt hast, Empathie und gesellschaftliche
- 37:02Einflussnahme wird unterlaufen durch dieses Mantra, ja er ist ja selber,
- 37:08selber Schuld eigentlich. Also du kannst das ablesen an den politischen Rands
- 37:15und dem politischen Ausfällen, kann man fast sagen, gegen Sozialhilfebezüge,
- 37:21Hartz IV Bezüge, gegen die Sozialschmarotzer, die quasi den Staat
- 37:26unterwandern und die Steuergelder missbrauchen und es wird völlig außer
- 37:32Ach ach gelassen, dass wahrscheinlich sehr viel mehr Gelder verbraten werden oder
- 37:38Steuergelder verloren gehen durch eine total ungerechte Steuerpolitik, durch
- 37:43eine Erbschaftsteuer, die praktisch nicht Existenz ist, durch eine höchstfragliche
- 37:50Vermögenssteuer, da werden die Milliarden in den Wind geschossen und nicht bei
- 37:55den Sozialhilfeempfängern. Ja, also muss nicht mal unbedingt die Sozialhilfeempfänger
- 38:01nehmen, um zu erklären, worum es geht. Es ist doch interessant, dass Kerosin nicht
- 38:05besteuert wird, aber Arbeit schon. Ist krass, oder? Kannst du das, weil das wusste ich
- 38:09nicht, bevor ich deinen Artikel gelesen habe. Und das ist eine politische
- 38:14Entscheidung, dass man sagt, nein, wir wollen Kerosin nicht besteuern. Dadurch
- 38:18entgehen alleine der Schweiz etwa 1,5 Milliarden Steuereinnahmen jedes Jahr,
- 38:22muss man mal vorstellen. 1,5 Milliarden, das ist ziemlich viel. An Steuervolumen.
- 38:27Was entgeht? Weil wir sagen, nein, das wollen wir so günstig haben, wie es
- 38:32irgendwie geht. Und das ist eine politische Entscheidung. Das ist nicht etwas, was der
- 38:36Fall ist in der Welt, sondern das ist etwas, was wir machen. Politisch. Aber das
- 38:41wissen ja ganz viele gar nicht. Oder ganz viele können sich dann aufregen, dass
- 38:45jetzt Züge, Nachtzüge subventioniert werden und viel Geld kosten. Ja, das ist
- 38:50ja nichts im Vergleich zu dem, wie wir den Flugverkehr eigentlich indirekt
- 38:54subventionieren. Und über solche Dinge müsste man ever sprechen. Aber und das
- 39:00ist jetzt genau diese Wirkung, die wir haben, wenn du sagst, nein, du selbst bist
- 39:04eigentlich ein ganz krummes Holz. Du selbst bist das Problem. Woher nimmst du
- 39:10dann noch die Hoffnung und die Motivation, dich für eine
- 39:14gesamtgesellschaftliche Veränderung in dieser Sache einzusetzen? Ja. Und das
- 39:19was so schrecklich ist, was ich dann beobachte jetzt auch im religiösen
- 39:23Sprachspiel, im christlichen Sprachspiel, ist, dass wir total hinter unsere
- 39:28Möglichkeiten zurückfallen. Schleiermacher hat man so schön gesagt, Religion ist
- 39:34weder Moral noch Metaphysik, sondern Anschauung und Gefühl. Das klingt so
- 39:39romantisch und abstrakt, aber ich versuche mal kurz zu sagen, was damit
- 39:43gemein sein könnte. Religion ist nicht der Ort, wo das Wissen über die Welt her
- 39:47kommt. Das meint er mit Metaphysik in der damaligen Zeit. Also Religion ist nicht
- 39:52Wissenschaft. Wissenschaft im Sinne einer Naturwissenschaft. Und sie ist nicht
- 39:57Moral. Also sie ist nicht dasjenige, was uns über das Gute in einem normativen
- 40:03Sinn orientieren soll, sondern sie ist Anschauung und Gefühl. Und das bedeutet,
- 40:08es ist der Ort, an dem Verbundenheit mit allem anderen erlebt werden kann, wo die
- 40:16Natur nicht die Umwelt ist, die mich umgibt, sondern dasjenige ist, was auf
- 40:21mich zukommt, was mich affiziert, was mit mir in Beziehung und in Verbindung schon
- 40:26immer steht. Also darin erfahre ich mich so. Also Religion könnte man vielleicht
- 40:30in heutigen Sprachspielen sagen, ist der Ort, wo ich Empathie-Erfahrungen mache,
- 40:35nicht nur mit meinem Nächsten, sondern mit der ganzen Welt potenziell. Und jetzt
- 40:40kann man das abtun als irgendwelche romantische Floskelei oder so, aber ich
- 40:45glaube, dass da drin etwas ganz ganz Wichtiges verborgen ist, dass wir
- 40:49nämlich als Menschen tatsächlich alle drei Bereiche brauchen. Ich glaube, wir
- 40:54brauchen sowas wie Wissenschaft. Das ist gar keine Frage, weil das
- 40:58orientiert uns über das, was der Fall ist. Damit können wir rationale
- 41:03Entscheidungen treffen. Ich glaube auch, dass es im sehr begrenzten Umfang sowas
- 41:07braucht wie Moral, nämlich indem wir sagen können, naja wir müssen nicht
- 41:11jedes Mal ganz neu drüber sprechen, ob du dir meine Bücher hier einfach mitnehmen
- 41:16kannst oder ob du sie ausleist und ob du mich vorher fragen musst. Sondern wir
- 41:20haben sowas eingelebt, was eine Verhaltenssicherheit gibt, worauf ich
- 41:24rekorieren kann. Weil ich sage, man, das macht man wirklich nicht. Aber und das
- 41:29ist, das ist der Teil, wo dann Religion ganz interessant wird. Wir brauchen eben
- 41:33auch dieses Dritte, dass sich zur Welt nicht wie ein kapitalistischer
- 41:37Wissenschaftler verhält und sie quasi functionalisiert, sondern sie als etwas
- 41:45erlebt, was zugleich eigenständig ist, was seinen Wert angeht und seine Würde
- 41:51angeht und aber mit mir verbunden ist. Und das, was wir tun im Moment durch den
- 41:58Verlust von Religion in dieser Gesellschaft ist, dass wir alles mit einer
- 42:03zweckrationalen Brille anschauen. Also uns sind doch eigentlich die bunten
- 42:08Korallen scheißegal, solange wir da nicht tauchen wollen und solange wir nicht
- 42:13verstehen, dass uns die Luft ausgehen wird, wenn es die nicht mehr gibt. Das ist
- 42:17doch dann das Problem. Und dann entsteht das aber nicht aus einem Mitgefühl, aus
- 42:22einem Affiziertsein, dass man sagt, das ist ja unglaublich, was da unter Wasser
- 42:26ist oder oben am Himmel ist oder in den Wäldern lebt. Sondern es passiert
- 42:31einfach, wenn man sagt, ja, das könnte sich negativ auswirken auf uns. Aber wir
- 42:35sprechen über die Natur und über das Klima, wie über die Zölle des US-Präsidenten.
- 42:41Ja, ja, das finde ich jetzt eine super spannende Spur. Und vielleicht können wir
- 42:45das ein bisschen vertiefen, weil wenn ich dich richtig verstanden habe, dann
- 42:49sprichst du jetzt auch, oder dann war dein Plétoirier auch für eine andere
- 42:55Motivation, um diese Probleme anzugehen.
- 43:00Also die ganze die Anschuldigung des Einzelnen und dieses Geschäft mit dem
- 43:06schlechten Gewissen, das verfängt offenbar ganz, ganz schlecht. Also das führt ganz
- 43:13selten zu nachhaltigen Verhaltensänderungen oder zu wirklichen Verbesserungen der
- 43:18Umstände. Die Leute, wenn man davon ausgeht, dass man es eh nur falsch machen
- 43:23kann und man kriegt ein schlechtes Gewissen eingeredet und man bringt sich
- 43:27selbst unter Druck, das ist nicht der Boden auf dem quasi die, auf dem die
- 43:35Motivation wächst, wirklich etwas beizutragen mit dem eigenen Leben,
- 43:40vielleicht sogar vor sich zu üben und so weiter. Nur ganz kurz, die Motivation
- 43:45mag da schon wachsen, oder? Also die Motivation kann natürlich schon da sein,
- 43:49indem ich ein Schuldgefühl habe und der, oh nein, ich furchtbarer, ich muss mich
- 43:54jetzt bessern. Nur das ist nie, nie, nie nachhaltig. Also das Beispiel ist so wie am
- 43:591. Januar starten alle eine Diät, alle rennen ins Fitnessstudio und alle werden
- 44:04ihr Leben umkämpeln bis zum 7., 8., 9. Januar und dann ist wieder vorbei. Und
- 44:10genau so wirkt Flugscham. Es gab eine Zeit vor Corona, wo wir nicht mehr
- 44:15gepostet haben, wenn wir in Flugzeuge stiegen sind. Da haben wir keine Insta-Stories
- 44:20mehr gemacht, sondern wir haben uns erzählt, wie geil Zugreisen sind, oder?
- 44:25Und haben das gepostet. Irgendwelche langweiligen Videos aus dem Zug, aus
- 44:30fahrenden Zügen. Aber der Punkt ist, das war nicht nachhaltig und sobald die
- 44:34Aufmerksamkeit nicht mehr da war, war keine intrinsische Motivation da, das
- 44:39nicht zu tun. Also ich glaube, das ist der Punkt. Es kann extrem motivieren für
- 44:44zwei Wochen, aber nicht für ein Leben. Ja, ja genau. Also das meine ich auch eben,
- 44:49die, es erwächst keine Befähigung des Menschen wirklich nachhaltig etwas
- 44:57beizutragen oder etwas zu ändern. Und so wie du das jetzt gezeichnet hast, dieses
- 45:03Verständnis von Religion oder von Glauben als ein Bewusstsein, dass wir Teil
- 45:09dieser, ich sage jetzt bewusst, dieser Schöpfung sind, dass wir verwoben sind
- 45:15in alle möglichen Systeme, dass wir auch nicht in jedem System im Zentrum stehen,
- 45:21der Aufmerksamkeit und der Bedeutsamkeit, sondern dass, dass wir hier
- 45:25eigentlich Teil sind von etwas sehr viel Größerem, von etwas auch Schönen und
- 45:31Erhaltenswürdigen, von etwas mit dem wir auch in Beziehung oder ins
- 45:37Verhältnis treten können. Da kommt uns, du hast gesagt, da kommt uns etwas
- 45:41entgegen. Also dieses Bewusstsein, das könnte dazu führen oder kann da zu
- 45:48führen, dass man mit einer positiven Motivation sagt, das ist mir aber auch
- 45:54etwas wert und das, da will ich irgendwie ein positiver Teil davon sein und
- 46:01nicht das Ganze räuberisch ausbeuten oder nur nach meinem Zweck irgendwie zu
- 46:09instrumentalisieren. Ja, lass mich diesen Gedanken vielleicht kurz an der
- 46:13Schöpfungsgeschichte ganz im Beginn der Bibelfest machen, weil ich finde, das ist
- 46:17eine Hammerstelle, wo man das zeigen kann. Oder alle, die das Christentum
- 46:21kritisieren, die religionskritisch sind, sagen immer, ja, ja, Klimakrise, das ist
- 46:26etwas, das hat seine Wurzeln natürlich im Christentum, weil ihr seid ja die mit
- 46:30diesem heiligen Buch, wo drin steht, macht euch die Erde zu untertanen. Also das
- 46:35ist so, ich sage ganz populär, ist das das, was man noch drüber weiß, wenn man es
- 46:40kritisieren will. Ja, aber, das stimmt, aber vorher steht was ganz anderes, nämlich
- 46:46dass unser Auftrag darin besteht, allem Namen zu geben. Und das kann man jetzt so
- 46:53verstehen, dass wir quasi eine wissenschaftliche Kartei führen sollen,
- 46:58wo wir Arten und Unterarten etc. aufführen. Das ist ganz sicher nicht der Fall in
- 47:02diesem Text. Sondern das, was damit gemeint ist, ist, dass wir die jenige
- 47:09geschöpfliche Spezies sind, die den Auftrag hat, das andere, was uns
- 47:15begegnet, als ein Antlitz wahrzunehmen. Also etwas, das einen Namen bekommt.
- 47:20Nicht als etwas Unbestimmtes. Also das heißt, unsere Kernkompetenz, das, was
- 47:28uns als Menschen alle zusammen ausmacht, ist, dass wir fähig sind, Resonanz in
- 47:35Sprache zu überführen. Wir machen Resonanzerfahrungen mit der Welt, wie
- 47:40das eine Katze oder ein Hund natürlich auch tut, also wie das auch Pflanzen tun,
- 47:43das ist gar keine Frage. Aber unsere Begabung liegt darin, das sprachlich
- 47:48auszudrücken. Und was die ungeheure Chance wäre, die darin liegt, wäre eine
- 47:55Empfindsamkeit zu entwickeln für die Welt als ein Stück Welt. Das ist das,
- 48:01was der Mensch kann. Er kann gleichzeitig als Teil von etwas im Wissen, dass er
- 48:07Teil ist von etwas über das ganze sprechen. Und das wäre das große.
- 48:11Da liegt die Wurzel von Religion, wenn ich überzeugt. Das ist der Punkt, warum es
- 48:17Religion gibt. Weil, dass diese Erfahrung ist, dass da nicht nur einfach mehr ist,
- 48:22oder größeres ist, sondern dass da eine Verbundenheit ist, die die Frage danach,
- 48:29ob etwas größer ist als ich oder nicht, völlig obsolet werden lässt, weil man
- 48:34sich nämlich darin schon als Gehalten vorfindet. Und das, was jetzt aber
- 48:38Kirchen tun oder Hilfswerke tun zum Teil auch, ist, dass sie überhaupt nicht auf
- 48:45diesen Kernauftrag gehen, nämlich diese Resonanz auszudrücken, sondern dass sie
- 48:52die ganze Thematik der Welt in ein Moralcode übersetzen und dann sagen, was
- 49:00darf man tun? Wo endet Freiheit? Wo beginnt Verantwortung? Das sind alles Dinge,
- 49:05das findest du in allen Papieren. Wie können wir auch für nächste Generationen da
- 49:09die da da da. Aber das ist alles gut. Das soll es alles auch geben. Es ist Sache
- 49:15der Politik, würde ich sagen. Und da sollen wir uns auch als Christenmenschen
- 49:18einbringen. Aber das, was unersetzbar ist, damit das ganze ein Motor hat, ist die
- 49:25Begeisterung, die wir nur machen über Verbundenheitserfahrungen im
- 49:30konkreten. Ja, was ich jetzt spannend finde an der
- 49:34Ausgangslage oder was mich was mich auch ein bisschen umtreibt. Also wir haben
- 49:40jetzt, ich würde sagen, wir haben eingeholt, dass diese Strategie, die
- 49:46Verantwortung für diese großen unüberschaubar komplexen, systemischen
- 49:52Probleme unserer Welt, inklusive oder allen voran Klimawandel, dass die
- 49:58Strategie die Verantwortung einfach auf den einzelnen abzuschieben und ihm ein
- 50:03schlechtes Gewissen zu machen wegen Flügen oder Fleischkonsum oder so, dass das
- 50:08nicht weit trägt, dass es nicht wirklich an dort ansetzt, wo echte
- 50:14Veränderungen bewirkt werden könnten und dass es auch den einzelnen nicht
- 50:17nachhaltig befähigt, überhaupt individuell auch anders zu leben. Wir
- 50:22haben gesehen, es wäre eine große, es würde eine große Ressource stecken
- 50:27in der Religion, im Glauben, auch in Christlichen Glauben, indem man sich in
- 50:32anderer Weise als Verwoben und Teilhaber dieser Schöpfung begreift, wo ich noch
- 50:41ein bisschen hake ist jetzt, wenn man einsieht, dass in dieser komplexen Welt,
- 50:48dass es sehr viel grundsätzlichere, systemische Fragen zu klären gibt oder
- 50:56dort angesetzt werden müsste, politisch, wirtschaftlich und so weiter, dann kann
- 51:01das ja doch auch bei aller Verbundenheit mit der Schöpfung, kann das doch zu
- 51:05einem gewissen Ohmachtsgefühl führen, dass man denkt ja eigentlich müsste man
- 51:10das und jetzt als Schweizer ist ja auch immer so, wenn man sagt auf nationaler
- 51:15Ebene denke ich ja gut, wenn wir von Klimawandel sprechen, die Schweiz in dieser
- 51:19Größe. Das müsste man doch international, müsste man das angehen, da
- 51:24müsste doch, da müssten quasi wirklich Staatengemeinschaften, müssten verbindliche
- 51:30Resolutionen erlassen, verbindliche Regeln festschreiben und so weiter und dann
- 51:35kann man sich ja, kann man sich aber auch wieder ein Stück weit entmündigt oder
- 51:40handlungsunfähig fühlen, weil man denkt ja was soll ich jetzt machen, soll ich jetzt
- 51:43soll ich jetzt einen Brief an den amerikanischen Präsidenten schreiben, ich
- 51:48kann da gar nicht Einfluss nehmen. Du hast das ja in deinem
- 51:53Blockbeitrag auch am Schluss so angetönt, wo, wo könnte man dann jetzt dieses
- 51:59Gefühl der Handlungsfähigkeit wieder gewinnen, gerade wenn man jetzt inspiriert
- 52:04ist von dieser grundchristlichen Botschaft, ich trete an die Probleme nicht
- 52:08einfach mit einem moralisch schlechten Gewissen heran, sondern mit einem tiefen
- 52:12Bewusstsein, dass ich in dieser von Gott geschenken Schöpfung quasi
- 52:18integriert bin und in Resonanz mit der ganzen Welt auch Verantwortung übernehmen
- 52:24möchte. Ja, ich würde das vielleicht an drei
- 52:26Punkten festmachen. Also es ist eine so, glaube das ein und das betrifft jetzt
- 52:33tatsächlich dann den individuellen Konsum, wenn man so will, ja, dass darin
- 52:38schon auch eine Ressource liegt auf der Seite der Religion, aber halt nicht
- 52:41moralisch, sondern wirklich in der spirituellen Ressource die Religion
- 52:46darstellt, also wer beten kann braucht weniger LGBT. Das ist interessant, wenn
- 52:54du dir überlegst, wie viele Menschen im Moment mit einem Large Language Model
- 52:59ihre Beziehungsprobleme besprechen. Ich will mich darüber wirklich nicht
- 53:04lustig machen, ich sage nur, es gibt auch einen anderen, der wirklich
- 53:08intelligent ist und zuhört, mit dem man sprechen kann. Es sind Erfahrungen, die
- 53:12Menschen machen können, die echte Alternativen sind, ohne dass sie auf
- 53:16irgendetwas verzichten dabei. Es ist jahrhundertelanger probt ist und was
- 53:23Menschen gerettet hat und ihnen gut getan hat. Das ist so mal jetzt wirklich auf
- 53:28der ganz einfachsten Erne. Dann auf der zweiten Ebene ist vielleicht die Art, wie
- 53:32wir politisch drüber sprechen. Wir sprechen ja meistens über den Klimawandel
- 53:37und den Klimaschutz, wie über etwas, das wir in einem Zoo beschützen
- 53:43müssen. Also die Frage ist quasi, es sieht ein bisschen so aus, wie wenn das
- 53:47Klima wäre ein süßer, aber alter Affe, der in einem Gehege ist und jetzt
- 53:55gibt es die, die sagen, hey, auf den dürft ihr nicht immer einprügeln und
- 53:58andere, die sagen, naja, das lohnt sich halt. Jetzt mal so karikiert. Und ich glaube,
- 54:04das was Spiritualität und Religion übrigens überhaupt nicht nur christliche
- 54:08Religion und Spiritualität, da einbringen ist, dass es nicht mehr ein Reden ist
- 54:14über diesen Affen, wenn du so bist, sondern ein Reden über uns selbst, als
- 54:19Teil von diesem Ganzen. Also nicht ein Sprechen über etwas
- 54:23Gegenständliches, sondern über die Natur, die wir selbst sind, an der wir
- 54:30hängen, die unsere Grundlage ist. Und dann der dritte Punkt, und das finde ich,
- 54:37wäre dann etwas, was ich jetzt nicht einfach nur auf Religion beziehen würde,
- 54:41sondern ich würde sagen, es gibt ganz viele motivationale Ressourcen, sich
- 54:45politisch zu engagieren. Und das Schlimmste, was passieren kann, ist, wenn du
- 54:50glaubst, dass es sich nicht mehr lohnt, dass das Spiel eh schon verloren ist.
- 54:56Dass es eh schon nicht fünf vor zwölf, sondern fünf nach zwölf ist. Das ist das
- 55:00Lähmendste, was es gibt. Dann sagst du, okay, jetzt muss ich mich einfach damit
- 55:03arrangieren und dann gebe ich mal ein, weil so einer Weltkarte, wie schlimm wird es
- 55:07etwa in der Schweiz und ziehe ich in die Berge oder bleibe ich am See. Also so ein
- 55:11bisschen so. Und ich glaube, das was eine spirituelle religiöse Haltung dort
- 55:17mitbringen kann, ist, dass man eine gewisse Demut hat und sagt, das Spiel ist noch
- 55:23lange nicht entschieden, wir haben noch lange nicht gesehen, worin der
- 55:27Handlungsspielraum Gottes liegt in der ganzen Frage, das ist das eine. Und das
- 55:31andere ist, dass wir in einem ganz grundsätzlichen Elementaren sind, nie
- 55:37Grund haben, hoffnungslos zu sein. Also es kann letztendlich kommen, was will, wir
- 55:46behalten immer eine Hoffnung. Und ich glaube, das ist etwas, was man dort als
- 55:53religiöse Ressource in Spiel bringen kann. Andere können das aus philosophischen
- 55:57Gründen, aus ästhetischen Gründen, haben Geschichten zu erzählen, warum sie das
- 56:01können. Ich würde überhaupt nicht sagen, dass Religion da das Beste oder das
- 56:05Einzige ist, aber es ist etwas, was ganz bestimmt motivieren kann, sich
- 56:10einzusetzen und politisch zu handeln. Obwohl ich mich jetzt frage, worauf sich
- 56:14diese Hoffnung denn bezieht jetzt in diesem Falle. Also es kann ja nicht sein, es
- 56:19gibt ja auch, es gibt ja auch so Weltflucht Hoffnungen, es gibt auch
- 56:25Hoffnung. Es gibt Christen, die sind sehr hoffnungsvoll, auch im Blick auf den
- 56:29Klimawandel, weil sie entweder glauben, dass, wenn es wirklich spitze auf Knopf
- 56:34kommt, dass dann Gott in seiner Allmacht schon dafür sorgt, dass die
- 56:39Menschheit nicht vernichtet wird. Und noch viel zynischer oder noch viel
- 56:43fataler sind diejenigen, die denken, ja das ganze geht zu Ende, die Menschheit wird
- 56:48vernichtet, aber Gott wird meinen Arsch noch rechtzeitig retten. Das ist
- 56:51das eskapistische, arche Idee, oder? Ja genau, so quasi Entrückung oder die
- 56:56Zukunft, dann gehe ich in eine neue Welt. Ich meine Hoffnung wirklich in dem
- 57:00anderen Sinn, ich meine Hoffnung so, dass man sagt, auch diejenigen, die jetzt unter
- 57:05diesen Klimafolgen, die sie vielleicht am allerwenigsten selbst verursacht haben,
- 57:09leiden, werden Gerechtigkeit erfahren. Ja. Und das, finde ich, ist das Gegenteil
- 57:17eines Defitismus, der sagt, na ja, den Armen geht's halt immer dreckiger und die
- 57:23reichen werden dann schon irgendeine Technologie-Lösung finden, wie sie sich
- 57:27retten können. Ja. Also ich glaube, dass man das auch philosophisch herleiten
- 57:32kann, dass man das auch humanistisch herleiten kann, aber ich glaube, dass
- 57:35Religion da tatsächlich eine absolut selbstverständliche Grundhaltung hat,
- 57:41zu sagen, nein, nein, damit kommt ihr nicht durch. Ja, aber es muss dann auch eine
- 57:46Qualität von Hoffnung sein, die sich nicht mit dem Gedanken tröstet, dass am
- 57:52Ende jeder Mensch Gerechtigkeit erfahren wird und auch diejenigen, die unter
- 57:58den, ich sage jetzt mal unter den Klimasünden oder der Unverantwortlichkeit des
- 58:03Westens und der Gefressigkeit des Westens im Blick auf Energieverbrauch und so
- 58:09weiter, die, die darunter am stärksten gelitten haben, die werden dann irgendwann
- 58:14spätestens in, in der, im Jenseits oder so werden die dann auch kompensiert, sondern
- 58:21ja, also es muss eine Hoffnung sein, die quasi die
- 58:27hofft auf eine Gerechtigkeit am Ende und durch diese Hoffnung, umso motivierter
- 58:35ist Gerechtigkeit in dieser Welt, zur Gerechtigkeit in dieser Welt schon
- 58:39beizutragen so, dass, dass eine darf das andere nicht, nicht känzeln, weißt du was
- 58:44ich meine, man sagt ja, am Schluss wird es dann, Gott wird dann schon Gerecht
- 58:47aufteilen und jedem und so und wird dann, es wird sich alles auflösen, deshalb
- 58:53müssen wir uns jetzt hier nicht mehr so kümmern. Ja, man, das finde ich mega
- 58:57wichtig, was du da anmahnt und ich glaube, dass wir gerade sehen, dass in dieser
- 59:02kapitalistischen Logik, die wir betreiben, genau das ja schon passiert, also dass wir
- 59:08quasi auf Kosten anderer versuchen unsere Schuld zu tilgen. Beispiel, du kannst
- 59:13deinen Flug kompensieren, also wir haben einen Ablasshandel eingeführt, oder?
- 59:18Und die Idee ist ja immer, dass die Lösung unseres Problems, dass wir am
- 59:23Flughafen in Kloten verursachen, die Lösung dafür ist somewhere else und
- 59:29genau das ist ja dieses kitschig kindische religiöse Bild, dass die
- 59:34Lösung für die Gerechtigkeitsprobleme dieser Welt ist somewhere else, also das
- 59:39kommt dann im Himmel, aber das was ja die christliche Vorstellung wäre von
- 59:47einer Zukunft, auf die wir wirklich hoffen, ist ja nicht, dass wir alle in den
- 59:52Himmel kommen, sondern dass die Erde himmlisch wird und das bedeutet es, es
- 59:57kann nicht ohne, dass es hier gerechter wird, überhaupt einen Himmel geben.
- 1:00:02Also es gibt diesen Himmel ja nicht anders als hier, aber der ist uns
- 1:00:09halt nun mal verheißen. Uns ist nicht verheißen, dass wir entdrückt werden und
- 1:00:13keine Probleme haben werden, sondern dass wir künftig in einer Welt leben werden,
- 1:00:19in der wir Gottes Kinder sind und das jetzt schon sein können, das meinte ich.
- 1:00:25Ja, ich glaube, wir müssen hier einen, wie sagt man, einen Doppelpunkt setzen und
- 1:00:34langsam zum Schluss kommen. Ich habe ja das Thema eingeführt, dann hättest du
- 1:00:39eigentlich das, wie sagen wir, das Amen der Woche.
- 1:00:46Ja, ich mache es ganz kurz, keiner ist schuld und nur zusammen sind wir verantwortlich.
- 1:00:56Ah, da könnte ich jetzt gerade weiter diskutieren, aber wir lassen das jetzt
- 1:01:01bleiben und wünschen euch eine wunderbare Woche.
- 1:01:04Was steht an bei dir, Manu?
- 1:01:06Ach, wir nehmen ja am Freitag auf, deshalb ausnahmsweise,
- 1:01:13normalerweise nehmen wir ja Montags auf. Deshalb steht jetzt erst mal das
- 1:01:17Wochenende an und ich habe gemerkt, meine Frau hat mich schon gefragt, was hast
- 1:01:21du so vor am Wochenende, weil sie die Erfahrung gemacht hat, wenn ich nichts
- 1:01:25vor habe, werde ich dann immer ganz unzufrieden, wenn das Wochenende nicht
- 1:01:28bietet, was ich mir stillschweigen, doch erwartet habe, so irgendwie.
- 1:01:32Ich habe noch keine großen Pläne, aber so ein bisschen was auf meinem neuen
- 1:01:37Keramikgrill zu bereiten, das wäre schon für die Sädenhygiene ganz gut.
- 1:01:42- Und das ohne schlechtes Gewissen. - Ja, genau, super.
- 1:01:47Cool, schön, dass ihr dran geblieben seid bis jetzt.
- 1:01:50Ich habe noch eine ganz kleine Ankündigung für diejenigen von euch,
- 1:01:53die sich für das Thema Missbrauch und Kirche interessieren.
- 1:01:57Findet eine sehr wichtige Tagung statt mit ganz, ganz tollen Gästen,
- 1:02:02die wir gewinnen konnten in Zürich, in der Paulus Akademie.
- 1:02:06Es geht um spirituellen Missbrauch.
- 1:02:08Davon habt ihr vielleicht schon gehört, oft sprich man über spirituellen
- 1:02:11Missbrauch in der Anbahnung von sexuellen Missbrauch, aber das Problem ist
- 1:02:16viel größer und geht viel weiter.
- 1:02:18Spiritueller Missbrauch hat viele Gesichter und ist gerade in Religionsgemeinschaften,
- 1:02:25gerade dort, wo wir überzeugt sind, dass wir Gutes tun und einander gut tun,
- 1:02:29besonders wirkmächtig. Wenn euch das interessiert, dann bindet ihr alle
- 1:02:33Informationen dazu auf der Webseite der EKS.
- 1:02:37Das ist E-K-S-E-E-R-S-Punk-C-H und ihr findet es auch in den Show-Note
- 1:02:44und könnt darauf klicken, wäre toll, euch da zu sehen.
- 1:02:47Und Manu, natürlich freuen wir uns mega drauf, euch am Podcast fest zu sehen.
- 1:02:52Mit oder ohne großem Spezialticket, wir werden dort Zeit, hoffentlich ihr auch.
- 1:02:57Und wenn wir uns noch nicht kennen, dann sprecht uns doch an, das freut uns.
- 1:03:00Manu hat immer etwas weniger Zeit als ich, aber er nimmt sich die dann.
- 1:03:05Ja, auf jeden Fall. Man sieht sich gute Woche, tschüs, tschüs.
- 1:03:10Alles wird gut, das Reflab-Podcast-Festival.
- 1:03:19Erlebe an zwei Tagen Live-Offnahmen von Podcasts, wie Unterfahrerstöchtern,
- 1:03:26Kaffeefreitag, Hossa Talk, die sogenannte Gegenwart und vielen anderen
- 1:03:35Mit dabei sind auch Olivia Roilin, Niklaus Branschen, Thorsten Dietz
- 1:03:41und natürlich das Reflab.
- 1:03:44Am 6. und 7. September kauf jetzt dein Ticket auf Reflab-Festival.ch.
- 1:03:52Alles wird gut.