Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 5 - Vorrede + 343-344
Transcript
- 0:00Buch 5 Wir furchtlosen Vorspiel zum fünften Buch Nietzsche
- 0:07beginnt dieses Buch mit einem kurzen Zitat auf Französisch von
- 0:10einem Feldherrn namens Turenne. Es lautet übersetzt du zitterst
- 0:15Kadaver, du würdest noch mehr zittern, wenn du wüsstest, wohin
- 0:18ich dich führe. Dieses Zitat ist wie ein Motto
- 0:21für das ganze Buch. Der Kadaver ist der eigene
- 0:24Körper, der menschliche Teil in uns, der Angst hat.
- 0:29Der Sprecher ist der Geist oder der Wille, der diesen
- 0:31ängstlichen Körper zwingt, sich gefahren und unangenehmen
- 0:34Wahrheiten zu stellen. Nietzsche sagt, damit wir die
- 0:38Furchtlosen zwingen, uns selbst an Orte des Denkens zu gehen,
- 0:42die uns Angst machen, weil wir wissen, dass es notwendig ist,
- 0:47unter Kapitel 343, was es mit unserer Heiterkeit auf sich hat.
- 0:55In diesem Kapitel spricht Nietzsche über das, was er das
- 0:58größte und wichtigste Ereignis der neueren Zeit nennt, den Tod
- 1:02Gottes. Was er damit meint, ist nicht,
- 1:05dass eine Person namens Gott gestorben ist.
- 1:08Er meint, dass der Glaube an den christlichen Gott in Europa
- 1:11seine Glaubwürdigkeit und seine Macht verloren hat, für Hunderte
- 1:16von Jahren war dieser Glaube das Fundament für alles, für die
- 1:20Moral, für den Sinn des Lebens, für die Ordnung der
- 1:23Gesellschaft. Die Menschen wussten, was gut
- 1:26und was böse ist, weil es in der Bibel stand.
- 1:29Sie hatten Hoffnung und Trost, weil sie an ein Leben nach dem
- 1:32Tod glaubten. Nietzsche sagt nun, dieses
- 1:36Fundament ist zerbrochen, die Menschen glauben nicht mehr
- 1:39wirklich daran, zumindest nicht mehr so tief und
- 1:41selbstverständlich wie früher. Das Problem ist, die meisten
- 1:45haben noch gar nicht verstanden, was das bedeutet, er vergleicht
- 1:49dieses Ereignis mit dem Licht eines fernen Sterns, das erst
- 1:52nach langer Zeit auf der Erde ankommt.
- 1:55Die Nachricht vom Tod Gottes ist zwar da, aber die Menschen haben
- 1:58die Konsequenzen noch nicht begriffen.
- 2:00Nietzsche beschreibt, was passieren wird, wenn die
- 2:03Menschen es verstehen, alles, was auf dem Glauben an Gott
- 2:06aufgebaut war, wird zusammenbrechen, das betrifft
- 2:09vor allem die gesamte europäische Moral.
- 2:12Die Vorstellungen von Gut und Böse, von Mitleid, von
- 2:15Nächstenliebe, all das wird seinen Halt verlieren, es wird
- 2:19eine Zeit des Umsturzes, der Zerstörung und des Chaos geben.
- 2:24Eine lange Dunkelheit wird über Europa hereinbrechen.
- 2:27Wer aber sind wir, die diese Entwicklung schon jetzt sehen?
- 2:31Nietzsche spricht hier von den Philosophen und den freien
- 2:35Geistern, für sie ist diese Nachricht vom Tod Gottes keine
- 2:39schlechte Nachricht, im Gegenteil, sie empfinden eine
- 2:42neue Art von Glück, Erleichterung und Heiterkeit, es
- 2:46fühlt sich für sie an wie eine neue Morgenröte, warum, weil der
- 2:50Horizont jetzt wieder frei ist. Ohne die festen Regeln und die
- 2:54alten Wahrheiten des christlichen Glaubens ist es
- 2:56wieder erlaubt, alles zu hinterfragen.
- 2:59Das Meer des Wissens liegt wieder offen da und die Schiffe
- 3:02der Denker können wieder in jede Richtung auslaufen, egal wie
- 3:05gefährlich die Reise ist. Jedes Wagnis des Denkens ist
- 3:08wieder erlaubt, die Heiterkeit, von der Nietzsche spricht, ist
- 3:12also keine oberflächliche Fröhlichkeit, sondern die Freude
- 3:16darüber, dass das Denken wieder frei ist und man sich auf eine
- 3:19ungewisse, aber offene Zukunft zubewegen kann.
- 3:23Unter Kapitel 344 inwiefern auch wir noch fromm sind in diesem
- 3:30Kapitel geht Nietzsche noch einen Schritt weiter.
- 3:33Er sagt, dass selbst die Wissenschaftler und Philosophen,
- 3:35die nicht mehr an Gott glauben, immer noch eine Art von Glauben
- 3:39haben, ihre Arbeit, die Wissenschaft, ist nicht so
- 3:42voraussetzungslos, wie sie denken, er erklärt das so, die
- 3:46Wissenschaft hat ein oberstes Gebot, nämlich den Willen zur
- 3:50Wahrheit. Ein Wissenschaftler will die
- 3:52Wahrheit herausfinden, egal was es kostet, er will sich nicht
- 3:56täuschen lassen, und er will auch andere nicht täuschen.
- 4:00Nietzsche fragt nun, warum ist Wahrheit so wichtig, warum ist
- 4:04sie wichtiger als alles andere, wichtiger als Glück als das
- 4:07Leben selbst. Dieser unbedingte Glaube daran,
- 4:11dass Wahrheit das wichtigste ist, kommt nicht aus der
- 4:14Wissenschaft selbst. Er ist, so Nietzsche, ein
- 4:17Überbleibsel der alten Religion. Es war der christliche Glaube,
- 4:21der über Jahrhunderte lehrte, dass Gott die Wahrheit ist und
- 4:24dass die Wahrheit etwas göttliches ist.
- 4:27Dieser Glaube ist so tief in der europäischen Kultur verankert,
- 4:30dass er auch dann noch weiter wirkt, wenn man nicht mehr an
- 4:33Gott glaubt. Die Wissenschaftler haben also
- 4:35den Glauben an Gott aufgegeben, aber den Glauben an die
- 4:38göttliche Wichtigkeit der Wahrheit behalten, das ist für
- 4:42Nietzsche ein Problem, denn was, wenn die Wahrheit gar nicht gut
- 4:46für das Leben ist? Was, wenn Unwahrheit?
- 4:49Irrtum oder Täuschung für das Leben manchmal nützlicher sind
- 4:53der Wille zur Wahrheit könnte dann ein lebensfeindlicher Wille
- 4:57sein, der Glaube an die Wissenschaft ruht also selbst
- 5:00auf einem Glauben, den Nietzsche eine metaphysische Überzeugung
- 5:04nennt, die Wissenschaftler und freien Geister sind also auch
- 5:08noch fromm, weil sie ihr Feuer, also ihre Leidenschaft für die
- 5:11Wahrheit, von einer Flamme nehmen, die ein
- 5:14jahrtausendealter Glaube entzündet hat.
- 5:16Er stellt am Ende die entscheidende Frage.
- 5:19Was ist der Wille zur Wahrheit? Eigentlich ist er der Wille,
- 5:23sich nicht täuschen zu lassen, oder ist es der Wille, nicht zu
- 5:27täuschen und warum sollte man sich eigentlich nicht täuschen
- 5:31lassen? Vielleicht ist das Leben ja
- 5:33gerade auf Täuschung und Illusion aufgebaut, der Glaube,
- 5:37dass Wahrheit immer besser ist als Unwahrheit, ist für
- 5:40Nietzsche selbst eine moralische Annahme, die man hinterfragen
- 5:43muss.