Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Zweites Hauptstück - 106-107
Transcript
- 0:00Unterkapitel 106 am Wasserfall in diesem kurzen, aber sehr
- 0:06wichtigen Abschnitt nutzt Friedrich Nietzsche ein Bild aus
- 0:09der Natur, um eines der größten philosophischen Probleme zu
- 0:12erklären. Die Frage, ob der Mensch einen
- 0:15freien Willen hat oder ob alles vorherbestimmt ist.
- 0:19Das Bild vom Wasserfall Nietzsche bittet uns, uns einen
- 0:24Wasserfall vorzustellen. Wenn wir das Wasser herabstürzen
- 0:27sehen, beobachten wir unzählige krümmungen, Wellen und das
- 0:31Brechen des Wassers. Für unser Auge sieht das alles
- 0:34sehr wild, frei und zufällig aus.
- 0:38Wir haben das Gefühl, das Wasser könne sich bewegen, wie es will,
- 0:41Nietzsche sagt jedoch, das ist eine Täuschung, wenn wir
- 0:46mathematisch alles ganz genau berechnen könnten, würden wir
- 0:48erkennen, dass jede einzelne Bewegung, jeder Spritzer und
- 0:52jede Welle absolut notwendig ist.
- 0:54Das Wasser kann gar nicht anders fließen, als es fließt.
- 0:57Es folgt strengen Naturgesetzen. Dass wir es als frei empfinden,
- 1:02liegt nur daran, dass wir die komplexen Berechnungen nicht
- 1:04sehen können, die Übertragung auf den Menschen Nietzsche
- 1:11überträgt dieses Bild nun 1 zu 1 auf den Menschen, er sagt, dass
- 1:15es bei unseren Handlungen ganz genauso ist.
- 1:18Wir glauben, wir hätten einen freien Willen und könnten uns
- 1:21beliebig entscheiden. Aber Nietzsche behauptet, dass
- 1:23auch jede menschliche Handlung mathematisch berechenbar wäre,
- 1:27wenn man nur alle Informationen hätte.
- 1:29Hier führt Nietzsche ein Gedankenexperiment ein, das in
- 1:32der Philosophie oft mit dem Begriff des La Placession Dämons
- 1:36verglichen wird, er sagt, wenn es einen allwissenden Verstand
- 1:40gäbe, also jemanden, der alles weiß und unendlich schnell
- 1:44rechnen kann, dann könnte dieser Verstand jede einzelne Handlung
- 1:48eines Menschen vorhersagen, und zwar nicht nur für die nächste
- 1:51Minute. Sondern bis in die fernste
- 1:53Zukunft. Dieser allwissende Verstand
- 1:56könnte jede Handbewegung und jeden Gedanken voraussehen, so
- 1:59wie er berechnen könnte, wie das Rad der Welt weiterrollt die
- 2:04Täuschung des freien willens, warum glauben wir trotzdem, dass
- 2:09wir frei sind? Nietzsche erklärt das so, der
- 2:12Mensch, der handelt, steckt in einer Illusion, er spürt den
- 2:16Drang zu handeln, aber erkennt nicht die unzähligen Ursachen,
- 2:19die ihn zu dieser Handlung zwingen.
- 2:21Wie Erziehung, Gene, Umwelt, Triebe, weil er die Ursachen
- 2:26nicht sieht, nennt er es Willkür oder freien Willen.
- 2:31Nietzsche schließt dieses Unterkapitel mit einem harten
- 2:34Urteil ab, auch diese Täuschung selbst, also der Glaube daran,
- 2:38dass wir einen freien Willen haben, ist Teil des großen
- 2:41Mechanismus, dass wir uns frei fühlen, ist also selbst eine
- 2:45Notwendigkeit, und vorher bestimmt, es gibt in Nietzsches
- 2:48Augen in diesem Abschnitt keine echte Freiheit.
- 2:51Sondern nur die Illusion von Freiheit, Unterkapitel, 107,
- 2:57Unverantwortlichkeit und Unschuld.
- 3:01Dieses Unterkapitel ist eines der längsten und bedeutendsten
- 3:04in diesem Buch, Nietzsche führt hier die Gedanken aus dem
- 3:08vorherigen Abschnitt konsequent zu Ende und erklärt, was es für
- 3:11unser Leben bedeutet, wenn es keinen freien Willen gibt, der
- 3:16bittere Tropfen der Erkenntnis. Nietzsche beginnt mit einer
- 3:21Warnung. Er sagt, dass die nun folgende
- 3:24Erkenntnis für den Menschen wie ein bitterer Tropfen ist, den
- 3:27man schlucken muss. Die Erkenntnis lautet, der
- 3:30Mensch ist für seine Taten und für sein Wesen völlig
- 3:33unverantwortlich. Nietzsche erklärt, warum das so
- 3:36bitter schmeckt. Bisher waren die Menschen stolz
- 3:38darauf, verantwortlich zu sein, man betrachtete die
- 3:42Verantwortung als den Adelsbrief der Menschheit, also als das,
- 3:45was uns besonders und wertvoll macht.
- 3:48Wenn wir nun erkennen, dass wir gar nicht verantwortlich sind,
- 3:51weil wir keinen freien Willen haben, wie in Unterkapitel 106
- 3:54gezeigt, verlieren wir diesen Stolz.
- 3:58Das Ende von Lob und Tadel, wenn niemand für seine Taten
- 4:03verantwortlich ist, dann sind auch unsere moralischen Urteile
- 4:06falsch, niemand hat verdienst daran, wenn er etwas Gutes tut,
- 4:10niemand hat schuld daran, wenn er etwas Böses tut, Nietzsche
- 4:14vergleicht uns mit Pflanzen oder Kunstwerken.
- 4:17Wir können eine Pflanze bewundern, weil sie schön ist
- 4:20oder gut riecht. Aber wir würden die Pflanze
- 4:22nicht loben, als hätte sie sich angestrengt, so zu sein.
- 4:27Genauso verhält es sich mit dem Menschen, wir können Kraft,
- 4:30Schönheit und Fülle an einem Menschen bewundern, aber wir
- 4:34dürfen ihm das nicht als moralisches Verdienst anrechnen,
- 4:39die Chemie der Gefühle Nietzsche betrachtet Gefühle und
- 4:43Handlungen wie ein Chemiker. Er sagt, dass es keinen
- 4:47prinzipiellen Unterschied zwischen guten und bösen
- 4:50Handlungen gibt. Es gibt keinen Unterschied der
- 4:53Gattung, sondern nur des Grades. Gute Handlungen sind oft nur
- 4:57verfeinerte Sublimierte, böse Handlungen, böse Handlungen sind
- 5:02oft nur vergröberte oder verdummte, gute Handlungen,
- 5:06alles, was wir tun, tun wir aus einem einzigen Grund, wir wollen
- 5:10uns selbst wohlfühlen, selbstgenuss oder vermeiden, uns
- 5:14schlecht zu fühlen. Das gilt für den Heiligen, der
- 5:17sich Aufopfert, genauso wie für den Verbrecher.
- 5:21Beide folgen ihrem inneren Drang, die Rolle des Verstandes,
- 5:26Intelligenz, was entscheidet nun, ob jemand zum Verbrecher
- 5:31oder zum Heiligen wird? Laut Nietzsche ist es der Grad
- 5:34der Intelligenz und der Urteilsfähigkeit, jeder Mensch
- 5:38will Lust gewinnen und Unlust vermeiden.
- 5:41Der Dumme oder leidenschaftliche wählt dabei Wege, die
- 5:43kurzfristig Lust bringen, aber langfristig Schaden, zum
- 5:47Beispiel ein Verbrechen aus Rache.
- 5:49Der Kluge wählt Wege, die langfristig besser sind, zum
- 5:52Beispiel Verzicht oder Fairness. Nietzsche sagt wörtlich zwischen
- 5:58Guten und bösen Handlungen gibt es keinen Unterschied der
- 6:00Gattung, sondern höchstens des Grades, es hängt davon ab, wie
- 6:05gut unser Verstand Intelligenz in der Lage ist zu beurteilen,
- 6:08was uns wirklich nützt. Der Schmerz und der Trost, diese
- 6:15Einsicht zu akzeptieren, tut weh.
- 6:17Nietzsche beschreibt es als Wunden, die dem Menschen
- 6:20geschlagen werden, wenn man begreift, dass alle Helden und
- 6:23Heiligen im Grunde nur ihrem Egoismus und der Notwendigkeit
- 6:26folgten, fühlt man sich enttäuscht, die Welt scheint
- 6:29grau zu werden, aber, und das ist der wichtige Wendepunkt in
- 6:33diesem Kapitel, nach dem Schmerz kommt der Trost.
- 6:37Nietzsche vergleicht diesen Prozess mit den Schmerzen einer
- 6:40Geburt oder dem Schlüpfen eines Schmetterlings.
- 6:43Der Schmetterling muss seine Hülle zerreißen und sich
- 6:46durchzwängen, das tut weh und blendet ihn zunächst, aber
- 6:50danach ist er frei, das neue Evangelium, die Unschuld des
- 6:56Werdens Nietzsche verkündet hier eine neue Art von Freiheit, wenn
- 7:01alles notwendig ist, dann ist auch alles unschuldig.
- 7:05Der Mensch ist nicht böse, weil er sündig ist.
- 7:08Er handelt so, weil er muss. Wir müssen kein schlechtes
- 7:11Gewissen mehr haben, wir müssen niemanden mehr hassen, weil wir
- 7:15verstehen, dass der andere nicht anders kann.
- 7:18Nietzsche nennt dies die Unschuld des Werdens wir
- 7:21erkennen, dass der Mensch sich entwickelt, wie alles in der
- 7:24Natur, wir hören auf, moralisch zu urteilen, zu sagen, das ist
- 7:29böse und fangen an, natürlich zu urteilen, zu sagen, das ist
- 7:34schädlich. Oder das ist krank.
- 7:37Fazit des Unterkapitels am Ende steht ein Ausblick auf eine
- 7:43Weise Menschheit, wenn wir aufhören, uns und andere für
- 7:46Dinge zu verurteilen, für die wir nichts können, werden wir
- 7:50ruhiger. Wir betrachten das Leben und die
- 7:53Menschen dann nicht mehr mit Hass oder blinder Liebe, sondern
- 7:56mit dem Auge eines Forschers, Beobachtend, Verstehend und
- 8:00Überschauend. Nietzsche gibt zu, dass wir die
- 8:03alte Gewohnheit, Dinge moralisch zu bewerten, lieben und hassen,
- 8:07noch in uns haben. Aber durch die neue Erkenntnis
- 8:10wird diese Gewohnheit schwächer. Er hofft auf eine Zukunft, in
- 8:14der die Menschen unschuldig sind, weil sie wissen, dass
- 8:17niemand schuld hat. Das ist für ihn der Weg zur
- 8:21wahren geistigen Freiheit.