Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 3. Theil - 16 - Die sieben Siegel (Oder: das Ja- und Amen-Lied)
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen dritter Teil
- 0:04unter Kapitel 16 die 7 Siegel oder das ja und amenlied.
- 0:12Dieses Kapitel ist wie ein großes, feierliches Lied
- 0:15aufgebaut. Der Titel die 7 Siegel erinnert
- 0:18absichtlich an die Bibel, genauer gesagt an die
- 0:21Offenbarung des Johannes, wo das brechen der 7 Siegel das Ende
- 0:25der Welt einleitet. Friedrich Nietzsche dreht diese
- 0:28Bedeutung hier jedoch komplett um.
- 0:30Für seinen Helden Zarathustra bedeuten die 7 Siegel nicht das
- 0:33Ende oder den Untergang, sondern die absolute und höchste
- 0:36Bestätigung des Lebens. Es ist ein ja und amenlied, also
- 0:40ein Text, in dem Zarathustra allem, was das Leben ausmacht,
- 0:44bedingungslos zustimmt. Das Kapitel ist in 7 Abschnitte,
- 0:48also in 7 Siegel unterteilt, jeder dieser Abschnitte endet
- 0:53mit dem exakt gleichen feierlichen Kehrreim, um den
- 0:56Text gut zu verstehen. Ist es wichtig, diesen Kehrreim
- 0:59gleich zu Beginn zu erklären? Zarathustra ruft am Ende jedes
- 1:03Abschnitts aus, wie sehr er sich nach der Ewigkeit sehnt, er
- 1:06spricht von dem Hochzeitlichen Ring der Ringe, womit er den
- 1:09Ring der Wiederkunft meint. Hier erklärt Nietzsche seinen
- 1:13wichtigsten philosophischen Gedanken, die Ewige Wiederkunft
- 1:17desgleichen. Dieser Gedanke besagt, dass die
- 1:20Zeit kein gerader Strich ist, der irgendwo anfängt und
- 1:22aufhört, sondern ein Kreis, ein Ring.
- 1:26Alles, was im Leben passiert, ist schon unendlich oft passiert
- 1:30und wird noch unendlich oft genauso wieder passieren.
- 1:33Jeder Schmerz und jede Freude kehren immer wieder zurück.
- 1:37Für Zarathustra ist die absolute Lebensbejahung erreicht, wenn
- 1:40ein Mensch diesen Gedanken nicht als Fluch, sondern als größten
- 1:43Segen empfindet. Zarathustra liebt das Leben so
- 1:47sehr, dass er es für immer und ewig immer wiederholen möchte.
- 1:51Er personifiziert die Ewigkeit als eine Frau die einzige Frau,
- 1:55von der er Kinder haben möchte. Diese Kinder stehen sinnbildlich
- 1:59für neue Werte, neue Gedanken und letztlich für die
- 2:03Erschaffung des Übermenschen. Er ruft immer wieder aus, denn
- 2:07ich liebe dich, oh Ewigkeit, hier ist die ausführliche
- 2:12Erklärung der 7 Siegel das erste Siegel.
- 2:17Zarathustra beschreibt sich selbst als einen Wahrsager, der
- 2:20auf einem hohen Bergrücken zwischen 2 Meeren steht.
- 2:24Diese 2 Meere stehen für die Vergangenheit und die Zukunft,
- 2:28er fühlt sich wie eine schwere, dunkle Wolke, die über den
- 2:31Tälern hängt, diese Wolke ist voll von Blitzen, die nur darauf
- 2:35warten, sich zu entladen, der Blitz steht hier für die
- 2:39plötzliche klare Erkenntnis und für das ja zum Leben.
- 2:43Zarathustra sagt, dass er mit diesem Blitz das befreiende
- 2:46Lachen in die Welt bringen will. Wer das Licht der Zukunft
- 2:49bringen will, muss vorher wie ein schweres Gewitter am Himmel
- 2:52hängen, danach folgt zum ersten Mal sein Liebesschwur an die
- 2:56Ewigkeit, das zweite Siegel in diesem Teil blickt Zarathustra
- 3:03auf seine eigene Zerstörungskraft zurück, er
- 3:06spricht davon, wie sein Zorn alte Gräber aufgebrochen und
- 3:09alte, feste, Grenzen, Grenzsteine verschoben hat.
- 3:13Er hat alte Gesetzestafeln und moralische Werte zerbrochen und
- 3:16in die Tiefe rollen lassen. Er hat den Hohn wie einen Besen
- 3:20benutzt, um alte, verstaubte Glaubensvorstellungen
- 3:22Wegzufegen, doch Zarathustra erklärt, dass er kein reiner
- 3:26Zerstörer ist. Er zerstört nur, um Platz für
- 3:29Neues zu schaffen, er sagt, er liebt sogar alte Kirchen und
- 3:34Gottesgräber, aber nur dann, wenn das Dach zerbrochen ist und
- 3:38der reine Himmel hineinblicken kann.
- 3:40Er möchte nicht in dunklen Gewölben sitzen, sondern im
- 3:43Freien. Das bedeutet, er lehnt die
- 3:45Einengenden dunklen Religionen ab und bejaht stattdessen die
- 3:49offene, freie Natur und die Welt an sich.
- 3:53Das dritte Siegel Hier besingt Zarathustra den Rausch der
- 3:58Schöpfung, er stellt sich vor wie ein göttlicher
- 4:01schöpferischer Atemhauch zu ihm kommt, der sogar die Sterne zum
- 4:04Tanzen bringt, er beschreibt, wie er lachend und voller Kraft
- 4:08handelt. Besonders wichtig ist hier das
- 4:11Bild des Würfelspiels er sagt, er Spiele an dem Göttertisch der
- 4:15Erde mit den Göttern Würfel, und zwar so wild, dass die Erde
- 4:18bebt. Dieses Würfelspiel ist ein
- 4:21Symbol für den Zufall, die alten Religionen glaubten an einen
- 4:25festen Plan Gottes, Zarathustra hingegen bejaht den Zufall, das
- 4:30Leben ist unberechenbar und chaotisch wie ein Wurf mit
- 4:33Würfeln. Genau dieses unvorhersehbare,
- 4:36wilde Leben feiert er. Und will daraus Neues
- 4:39erschaffen. Das vierte Siegel Zarathustra
- 4:45spricht davon, dass er aus einem Mischkrug trinkt, in dem alle
- 4:48Dinge gut miteinander vermischt sind, er verbindet die größten
- 4:52Gegensätze miteinander, das Fernste mit dem nächsten, das
- 4:55Feuer mit dem Geist, die höchste Freude, Lust mit dem tiefsten
- 4:59Schmerz leid und das Schlimmste mit dem Besten.
- 5:04Er vergleicht sich selbst mit einem erlösenden Salz.
- 5:07Das dafür sorgt, dass all diese Dinge sich gut verbinden.
- 5:11Damit meint Nietzsche, dass man das Leben nicht in gut und böse
- 5:14aufteilen darf. Ein echtes Ja zum Leben
- 5:17bedeutet, dass man auch das Schmerzhafte, das Dunkle und das
- 5:21Böse akzeptieren muss, denn ohne den Schmerz gibt es auch keine
- 5:24große Freude, alles gehört untrennbar zusammen.
- 5:29Das fünfte Siegel Zarathustra erklärt seine tiefe
- 5:33Verbundenheit zum Meer. Das Meer steht bei Nietzsche oft
- 5:37für das Grenzenlose, das gefährliche und das Unbekannte.
- 5:41Zarathustra liebt das Meer, besonders dann, wenn es wild
- 5:43ist. Und ihm widerspricht.
- 5:45Er vergleicht sich mit einem Seefahrer, der den Drang hat,
- 5:47das Unentdeckte zu finden, wenn er sieht, wie eine Küste, also
- 5:52die Sicherheit des Bekannten, hinter ihm verschwindet, jubelt
- 5:55er auf, er braucht keine festen Ufer und keine vorgegebenen
- 5:59Wahrheiten, er liebt das Risiko und die Weite des Raumes.
- 6:03Weil sie ihm die absolute Freiheit geben, sich selbst und
- 6:06die Welt neu zu erfinden. Das sechste Siegel hier rückt
- 6:13das Bild des Tänzers in den Mittelpunkt, der Tanz ist für
- 6:16Zarathustra der höchste Ausdruck von Freiheit und Leichtigkeit,
- 6:20wenn ein Mensch tanzt, hat er die Schwerkraft überwunden, die
- 6:24Schwere steht bei Nietzsche für alles, was den Menschen
- 6:26niederdrückt, Schuldgefühle, strenge Moral, Traurigkeit und
- 6:31Stures gehorchen. Zarathustra feiert seine eigene
- 6:35Bosheit, aber es ist eine lachende, fröhliche Bosheit, die
- 6:38niemandem wirklich schaden will, sondern sich nur über die
- 6:41starren Regeln lustig macht. Sein höchstes Ziel ist es, dass
- 6:45alles schwere leicht wird, dass jeder Körper zu einem Tänzer und
- 6:48jeder Geist zu einem freien Vogel wird, das ist für ihn das
- 6:52höchste Glück, das siebte Siegel.
- 6:58Im letzten Siegel fasst Zarathustra seine geistige
- 7:00Freiheit noch einmal in einem gewaltigen Bild zusammen.
- 7:04Er stellt sich vor, wie er seine eigenen Flügel ausbreitet und in
- 7:07seinen eigenen, selbst geschaffenen Himmel fliegt, er
- 7:10schwimmt im puren Licht, er hat die Vogelweisheit erlangt, diese
- 7:15Weisheit flüstert ihm zu, dass es kein absolutes oben und kein
- 7:19absolutes unten mehr gibt, das ist eine direkte Absage an alle
- 7:23Religionen und Philosophien, die behaupten, es gebe einen
- 7:26vorgegebenen Himmel. Oben und eine Hölle unten oder
- 7:30klare Regeln für Gut und böse? Für Zarathustra gibt es nur noch
- 7:35den freien Flug des Menschen, der sich seine Ziele und Werte
- 7:38völlig selbstbestimmt, da Worte oft schwer und an alte
- 7:42Bedeutungen gebunden sind, fordert er sich selbst auf,
- 7:44nicht mehr zu sprechen, sondern nur noch zu singen.
- 7:48Das Kapitel endet ein letztes Mal mit dem überschwänglichen
- 7:51Schwur, dass er die Ewigkeit liebt und für immer mit ihr
- 7:54verbunden sein will.