Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 13
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- 0:01Kapitel 13 der Aufstieg es ging schnell im Frühling und Niklas
- 0:06merkte es zuerst an den Händen der anderen.
- 0:09Früher hatten ihm Hände gezeigt, wo es lang ging im Lager, die
- 0:12Hand des Vorarbeiters, am Tor die Hand, die ihm das Armband
- 0:16umlegte, in der App der Pfeil, der ihm sagte, wohin als
- 0:19nächstes sein Leben lang hatte er Händen gehorcht.
- 0:23Jetzt im Frühling kamen die Hände zu ihm.
- 0:26Sie kamen mit Fragen, Kleinen, beiläufigen.
- 0:28Niklas, Wo soll das Hin, Niklas, hast du noch einen Wagen frei,
- 0:32Niklas, fragst du mal Mike, ob das passt und das neue, das
- 0:35ungeheure, das er anfangs kaum glauben konnte, war, dass die
- 0:38Antwort von ihm kam, dass die Leute warteten, bis er etwas
- 0:42sagte und dann taten, was er gesagt hatte, dass sein Wort
- 0:45eine Folge hatte. Die Bewegung wuchs in diesen
- 0:48Wochen schneller, als irgendwer hinterherkam.
- 0:51Es kamen immer mehr Leute zu den Festen, zu den Versammlungen, zu
- 0:55dem Eintopf aus den großen Töpfen, weil draußen in der
- 0:58Stadt immer mehr funktionierte, und die Leute wissen wollten,
- 1:01wer dafür sorgte. Und weil drinnen in der Halle
- 1:03jemand ihren Namen sagte und mit den Leuten kam, Material kamen,
- 1:07Transporte kamen, Routen mehr als einer allein fahren konnte
- 1:11und irgendwann, ohne dass es je jemand laut beschlossen hätte,
- 1:14war Niklas der, der die Fahrten einteilte.
- 1:17Der mit dem Überblick, der die Stadt im Kopf hatte und die
- 1:20Wagen und die Leute. Und der morgens sagte, Wer wohin
- 1:23fuhr und abends prüfte, ob alles angekommen war und dann im April
- 1:28änderte sich was in den Kisten war.
- 1:30Es kam ohne Ankündigung so wie alles kam.
- 1:34An einem Montag standen im hinteren Teil der Halle 40
- 1:36Paletten, die dort vorher nicht gestanden hatten, in Folie
- 1:40gewickelt mit einem Etikett aus 2 Silben.
- 1:42Und Mike sagte, das Laufe jetzt hiermit, es sei ein Auftrag, ein
- 1:47richtiger, mit Rechnung und Frist von der Firma, die für das
- 1:50Land die Technik mache, und die brauche jemanden, der das Zeug
- 1:53in die Fläche bringe, in die Ämter, in die Kliniken, in die
- 1:55Jobcenter. Man habe den Zuschlag bekommen.
- 1:58Niklas fragte nicht, wie man an so einen Zuschlag kommt, es kam
- 2:02ihm nicht in den Sinn, er hatte sein Leben lang in Betrieben
- 2:05gearbeitet, in denen Aufträge einfach da waren wie Wetter, was
- 2:09ihm in den Sinn kam, war das andere, und es traf ihn an einer
- 2:13Stelle, an der er weich war, dass die Bewegung ihren Leuten
- 2:16Arbeit gab. Sandra sagte es an diesem Abend
- 2:19an der Ausgabe zwischen 2 Töpfen ganz nebenbei, und sie sagte es
- 2:23nicht als Werbung. Sie sagte es, wie man eine
- 2:25Selbstverständlichkeit sagt, dass es doch besser sei, das
- 2:28Geld bleibe bei denen, die es brauchten, als dass es eine
- 2:31Spedition Einstecke, die keinen von ihnen je eingestellt hätte.
- 2:352 aus der Halle bekamen an diesem Montag einen Vertrag,
- 2:38Tobi war einer davon und Tobi, der seit 4 Jahren in Fremden
- 2:42lagern Regale entlang gelaufen war.
- 2:44Stand da mit dem Blatt in der Hand und wusste nicht wohin mit
- 2:47dem Gesicht. Später würde Niklas an diesen
- 2:50Abend denken und begreifen, was er gesehen hatte und es würde
- 2:54ihn mehr beschämen als das meiste andere, dass sie ihm
- 2:57bewiesen hatten, was sie behaupteten.
- 2:59Wir kümmern uns um die unseren, sie hatten es nicht nur gesagt,
- 3:02sie hatten es getan vor seinen Augen mit Verträgen und Fristen
- 3:06und einem Wagenschlüssel, nur dass die Arbeit, die sie den
- 3:09ihren Gaben, darin bestand. Das Ding in die Stadt zu tragen,
- 3:12dass die Iren aussortierte und dass jeder Vertrag, den einer
- 3:16von ihnen bekam, an einem Tresen endete, an dem einer von ihnen
- 3:20aufhören würde zu existieren. Mike nannte es nicht
- 3:23Beförderung, Mike nannte gar nichts.
- 3:26Mike verteilte nur Verantwortung wie Gewicht, dass man jemandem
- 3:29auf die Schultern legt, um zu sehen, ob er es trägt.
- 3:32Und Niklas trug es gern, weil das Gewicht auf seinen Schultern
- 3:35ihm zum ersten Mal sagte, dass seine Schultern zu etwas
- 3:38Taugten, außer zum Tragen fremder Pakete.
- 3:41Mein Mann für die Logistik, sagte Mike Einmal zu einem
- 3:44anderen im Vorbeigehen und zeigte mit dem Kopf auf Niklas
- 3:48und Niklas, hörte es und trug den Satz den ganzen Tag mit sich
- 3:51herum wie etwas Warmes in der Tasche, mein Mann.
- 3:55Er gehörte jemandem, er war jemandes Mann.
- 3:58Nach Jahren, in denen er niemandes irgendetwas gewesen
- 4:00war, gehörte er, er war gut darin, das überraschte ihn
- 4:04selbst. Er hatte nie gewusst, dass er
- 4:06gut in etwas sein konnte, das nicht bloß tragen war, aber die
- 4:10Stadt lag in seinem Kopf wie eine Karte, die er sich nie
- 4:13hatte merken müssen, weil er sie gefahren war, tausendmal, jede
- 4:17Ampel, jede Baustelle, jede Stelle, an der man zur
- 4:20Hauptverkehrszeit nicht durchkam.
- 4:22Er wusste es im Körper, und jetzt konnte er es brauchen.
- 4:25Er teilte die Wagen so ein, dass keiner leerfuhr er kannte die
- 4:28Fahrer. Wer schnell war und wer
- 4:30trödelte, wer eine Adresse fand und wer dreimal anrief.
- 4:33Tobi fuhr für ihn und 23 andere, und sie hörten auf ihn nicht,
- 4:38weil er sie anschrie, das tat er nie, sondern weil das, was er
- 4:41sagte, stimmte, weil seine Einteilung aufging, weil die
- 4:44Sachen ankamen, wo sie hin sollten, wann sie hin sollten,
- 4:48abends, wenn alles durch war, saßen sie manchmal noch
- 4:51zusammen. Am Lager mit einem Bier und
- 4:54redeten über nichts. Über den Tag, über die Touren.
- 4:57Und Niklas saß dabei und war einer von ihnen und mehr als
- 5:01einer von ihnen zugleich, der, zu dem sie aufsahen ein bisschen
- 5:05und das ein bisschen war für einen, der nie zu irgendwem
- 5:08gehört hatte, der ganze Himmel eine Mannschaft, Leute, die
- 5:11abends mit ihm ein Bier tranken und die sagten, Frag den Niklas,
- 5:14der Weiß das. Er hatte nicht gewusst, dass ihm
- 5:17das fehlte, weil man nicht weiß, dass einem etwas fehlt, das man
- 5:20nie gehabt hat. Jetzt hatte er es, und jetzt
- 5:23wusste er es und er hatte Geld, nicht viel, aber genug, dass er
- 5:27die Heizung wieder bezahlte, dass der Akku seines Lebens
- 5:29nicht mehr jeden Abend bei 11% stand und ihm Angst machte.
- 5:33Die Bewegung steckte ihm etwas zu.
- 5:35Für die Logistik Bar ohne Papiere, und es war nicht viel,
- 5:39aber es war regelmäßig und Regelmäßigkeit war etwas, das
- 5:42Niklas seit dem Lager nicht mehr gekannt hatte.
- 5:44Ein Boden unter den Füßen statt des Freien Falls von Auftrag zu
- 5:48Auftrag. Er wachte morgens auf und
- 5:51wusste, was der Tag bringen würde und dass man ihn brauchte
- 5:54und dass am Ende des Tages etwas dabei heraussprang, das war
- 5:57alles, was er je gewollt hatte, es war so wenig und es war
- 6:00alles. Das erste Mal, dass er macht
- 6:03über einen anderen hatte, merkte er nicht gleich als das, was es
- 6:06war. Es war ein Morgen, an dem zu
- 6:09wenige Fahrer da waren und zu viele Fahrten anstanden und
- 6:12einer kam zu ihm, ein Älterer, einer von denen, die schon
- 6:16länger dabei waren als Niklas und wollte die gute Tour, die
- 6:19Kurze, die in der Stadt blieb, weil er rücken hatte und die
- 6:22lange über Land ihm weh tat, und Niklas, der die Einteilung
- 6:25machte, sah den Mann an und sah die Liste in seinem Kopf und
- 6:29sagte tut mir leid. Die Kurze fährt Tobi, du nimmst
- 6:33die lange und der Mann sah ihn an mit einem Blick, in dem etwas
- 6:36war, das Niklas kannte, von der anderen Seite der Blick eines
- 6:40Menschen, der etwas braucht und der weiß, dass die Entscheidung
- 6:43bei einem anderen liegt und der sich klein macht, weil das sich
- 6:46klein machen manchmal hilft und Niklas spürte, wie es in ihm
- 6:49etwas tat, dieser Blick einziehen, ein Wärmen, ein
- 6:53leises, schlechtes, gutes Gefühl, dass der Mann ihn so
- 6:57ansah, dass er es war, bei dem die Entscheidung lag.
- 7:00Er hätte ja sagen können, es hätte ihn nichts gekostet, die
- 7:03Touren zu tauschen, aber er sagte nicht ja und er wusste in
- 7:07dem Moment nicht genau warum und erst viel später, als alles
- 7:10vorbei war, verstand er es. Er sagte nicht ja, weil das Nein
- 7:13sagen sich besser anfühlte, weil ein Mensch, der sein Leben lang
- 7:17gehorcht hat, in dem Moment, in dem er zum ersten Mal
- 7:20entscheiden darf, die Entscheidung schmeckt wie etwas
- 7:22Süßes und das Nein süßer als das, ja, weil das Nein die Macht
- 7:26beweist und das ja sie verschenkt.
- 7:28Der Mann fuhr die lange Tour. Niklas sah ihm nach und in ihm
- 7:34war der Rausch, der kleine, warme Rausch des Gesehenwerdens,
- 7:37der sich jetzt verwandelt hatte, der mehr geworden war, der
- 7:40Rausch des Gesehenwerdens als der, der entscheidet und ganz
- 7:44hinten an der Stelle, an die er die kalten Dinge schob, regte
- 7:48sich etwas kurz ein Bild, Mike, der die Gesichter in 2 Spalten
- 7:52sortierte, der alte Mann mit der Plastiktüte, der in die Falsche
- 7:55rutschte, Niklas schob es weg. Er war nicht Mike, er teilte nur
- 8:00Touren ein. Das war etwas anderes, das
- 8:02musste etwas anderes sein. Trotzdem kam der Gedanke wieder
- 8:06in den Tagen danach leise, immer wenn er einteilte, wer die gute
- 8:10Tour bekam und wer die schlechte, Wer vorne stand und
- 8:13wer hinten, dass er anfing, die Leute zu sehen, wie Mike sie
- 8:17sah, nicht als Gesichter, als Posten, der ist schnell, den
- 8:22kann ich brauchen, der jammert, den stell ich hinten an.
- 8:26Der fragt zu viel, mit dem ist Vorsicht.
- 8:28Es ging von selbst. Das war das beunruhigende, es
- 8:31ging ganz von selbst. Das sortieren, sobald man die
- 8:33Macht hatte, einzuteilen. Man fing an, die Menschen nach
- 8:36ihrer Brauchbarkeit zuordnen, ohne es zu wollen, weil das
- 8:39Ordnen die Arbeit leichter machte und weil die, die
- 8:42brauchbar waren, einen mochten dafür, dass man sie brauchte.
- 8:45Niklas merkte, dass er die brauchbaren lieber mochte, dass
- 8:48er froh war, wenn einer schnell war und nicht fragte und
- 8:51genervt, wenn einer langsam war und jammerte und dass dieses
- 8:54mögen und genervt sein. Eine Sortierung war dieselbe,
- 8:57die Mike mit den Gesichtern machte.
- 8:59Er wollte nicht so denken, aber er dachte schon so und das
- 9:03Schlimme war nicht, dass es ihm wehtat, sondern dass es ihm
- 9:06nicht wehtat, dass es sich richtig anfühlte, praktisch
- 9:09vernünftig, dass die brauchbaren eben vorne stehen und die
- 9:12anderen hinten, so läuft es ja, so muss es ja laufen, sonst
- 9:16läuft gar nichts, er hätte stutzen müssen bei diesem
- 9:18Gedanken. Er hätte sich fragen müssen, wer
- 9:21ihn selbst einteilte, in welche Spalte an welcher Stelle, hinter
- 9:25welcher Tür. Aber er fragte nicht, weil das
- 9:27Fragen wehgetan hätte, und Niklas war ein Meister darin
- 9:31geworden, das wegzulassen, was weh tat.
- 9:34Das Büro lag in einem unscheinbaren Bau in der Nähe
- 9:37des Bahnhofs, ein Geschäftshaus, wie viele mit einem
- 9:40Klingelschild, auf dem Nichts stand, was nach der Bewegung
- 9:43aussah, nur ein Name, der nach Beratung klang, nach
- 9:46Versicherung, nach nichts. Niklas lieferte dorthin seit
- 9:49Wochen die versiegelten Kisten, die er nicht aufmachte, und
- 9:53holte andere ab. Und meistens nahm sie einer an
- 9:55der Tür entgegen und Niklas kam nie weiter als bis zum Flur.
- 9:59An diesem Tag kam er weiter. Er hatte eine Lieferung, die
- 10:03eilte. Mike hatte angerufen,
- 10:05persönlich, bring das sofort hoch 2.
- 10:08Stock, Raum am Ende, frag nicht, Klingel nicht lange und Niklas
- 10:12trug die Kiste hoch 2 Stockwerke und am Ende des Flurs war eine
- 10:16Tür halb offen und dahinter war ein Raum in dem eine Besprechung
- 10:19lief oder gerade zu Ende ging und Niklas der die Kiste tragen
- 10:23und abstellen sollte trat ein und für ein paar Sekunden bevor
- 10:27jemand die Tür schloss sah er hinein.
- 10:29Es waren Leute im Raum, die nicht zur Bewegung gehörten.
- 10:33Das sah Niklas sofort mit dem Blick, den er für so etwas
- 10:36hatte, den Blick des Ausgelieferten für die, die
- 10:38liefern lassen, Anzüge, gute glatte Männer und eine Frau, die
- 10:44aussahen wie die mit den Hemden im Glaskasten über dem Lager,
- 10:47die Sorte Mensch, die Schlüssel hat und nicht trägt.
- 10:50Und zwischen Ihnen Mike, der hier anders aussah als auf den
- 10:53Festen, nicht der Mann mit dem Telefon am Rand der Wärme,
- 10:56sondern einer, der dazu gehörte, der mit den Anzügen auf
- 10:59Augenhöhe stand, an einem Tisch auf dem Laptop standen und
- 11:03Papiere lagen, an der Wand hing ein Bildschirm, groß und auf dem
- 11:07Bildschirm war eine Karte. Niklas brauchte einen Moment, um
- 11:11zu erkennen, dass es die Stadt war, seine Stadt von oben aber
- 11:15zerlegt in Felder, in Flächen, die verschiedene Farben hatten,
- 11:18blau und Grün, und ein helleres grün, freundliche Farben, kein
- 11:22Rot und über die Farben liefen Zahlen, und Niklas Verstand die
- 11:25Zahlen nicht und die Felder nicht, er sah nur, dass jemand
- 11:28seine Stadt zerlegt hatte in Stücke, die verschiedene Werte
- 11:31hatten, und dass die Werte etwas bedeuteten, das die Leute im
- 11:34Raum ernst nahmen. Er spürte es im Körper, bevor er
- 11:37es im Kopf hatte, dass dieser Raum kalt war, kälter als der
- 11:40Flur, obwohl die Heizung lief. Es war nicht die Luft, es war
- 11:45die Art, wie die Leute auf die Karte sahen, ruhig, sachlich,
- 11:48wie man auf eine Tabelle sieht, auf Zahlen, die man addiert und
- 11:52die Karte war doch die Stadt, seine Stadt, die Straßen, in
- 11:55denen Menschen wohnten, die er kannte, die Blocks am Rand, in
- 11:58denen er aufgewachsen war, alles zerlegt in Felder mit Werten,
- 12:02als wäre es kein Ort, an dem man lebte, sondern ein Lager, das
- 12:05man inventarisiert. Visierte Niklas hatte ein Lager
- 12:08von innen gesehen, 3 Jahre lang. Er kannte den Blick, mit dem man
- 12:11Regale ansieht, mit dem man zählt, was wo steht und was es
- 12:14bringt. Es war derselbe Blick, nur dass
- 12:17sie hier kein Lager ansahen, sie sahen die Stadt an wie ein
- 12:20Lager. Und irgendwo in den Feldern, das
- 12:23wusste Niklas nicht und spürte es doch irgendwo in den blauen
- 12:27und grünen Flächen ohne Rot, lag auch sein Block, lag auch die
- 12:30Wohnung, in der seine Mutter saß, ein Posten, eine Zahl, ein
- 12:34Wert, den jemand in diesem kalten Raum an dem ruhigen Tisch
- 12:37ausgerechnet hatte, ohne sie je gesehen zu haben.
- 12:40Er hörte auch Worte in den Sekunden, bevor die Tür sich
- 12:43schloss. Worte, die nicht seine Waren.
- 12:46Einer der Anzüge sagte etwas von Daten, dass die Daten jetzt
- 12:49sauber durchliefen, dass die Abdeckung gut sei.
- 12:52Mike sagte etwas von dem Index, dass der Index greife, dass man
- 12:56bei den Wartelisten schon sehe, dass es wirke, und die Frau
- 12:59sagte ein Wort, das Niklas nicht kannte und dass ihm trotzdem im
- 13:03Ohr blieb, weil sie es so beiläufig sagte, so
- 13:05selbstverständlich, wie man den Namen eines Kollegen sagt.
- 13:09Einen Firmennamen, 2 Silben, glatt, modern, nach nichts
- 13:13klingend, derselbe Name, der auf den versiegelten Kisten stand,
- 13:17die Niklas seit Wochen fuhr, ohne ihn zu lesen.
- 13:20Jetzt hörte er ihn ausgesprochen in dem Raum mit der zerlegten
- 13:24Stadt an der Wand, und er legte ihn ab, ohne es zu wollen, an
- 13:27die Stelle, an die er die kalten Dinge schob, zu dem Etikett, das
- 13:31er nicht gelesen hatte, das. Dann war einer der Anzüge an der
- 13:35Tür freundlich und nahm Niklas die Kiste ab.
- 13:38Mit einem Danke stellen Sie s hier ab und schob die Tür zu
- 13:42sanft, ohne Eile, aber endgültig und Niklas Stand wieder im Flur
- 13:46mit leeren Händen und der Raum mit der Karte und den Zahlen und
- 13:49den Worten war hinter der Tür verschwunden, als hätte es ihn
- 13:53nicht gegeben. Niklas stand im Flur und
- 13:56schüttelte es ab, das kalte wie man Regen Abschüttelt mit den
- 13:59Schultern, es ging ihn nichts an ein.
- 14:02Eine Kiste hochbringen, das war sein Teil, was die da oben damit
- 14:05machten mit ihren Karten und ihren Zahlen, das war ihr Teil
- 14:09und jeder hatte seinen Teil. So lief es, so musste es laufen,
- 14:13er ging die 2 Stockwerke wieder hinunter und mit jeder Stufe
- 14:16wurde das kalte weniger und das warme Meer das Vertraute der
- 14:20Transporter unten der Schlüssel in der Tasche, die nächste Tour,
- 14:23die Anstand bis er unten war, hatte er den Raum fast
- 14:27vergessen, die Karte fasst die Worte fasst fast.
- 14:31Etwas blieb ganz klein, ein Span unter dem Nagel, das Wort aus 2
- 14:35Silben, das er nicht kannte und das ihm doch im Ohr lag.
- 14:38Aber er drückte es weg, dahin, wo das andere lag, und ging zur
- 14:42Arbeit, weil Arbeit das Beste war gegen das kalte Arbeit und
- 14:45Gebrauchtwerden und das Display, das wieder anstieg, sobald er
- 14:48den Motor anließ. Mike kam später aus dem Büro,
- 14:52fand Niklas, der unten am Transporter wartete, und klopfte
- 14:55ihm auf die Schulter. In der guten,
- 14:57kameradschaftlichen Art, die Niklas jedes Mal ein Stück
- 15:00wärmte. Gut gemacht, sagte Mike schnell,
- 15:04zuverlässig, du fragst nicht lange, eine Pause, das da oben,
- 15:09er machte eine kleine Kopfbewegung zum Gebäude hin,
- 15:12das vergisst du ja, du hast da nichts gesehen, du hast eine
- 15:15Kiste hochgebracht, mehr nicht, klar klar, sagte Niklas.
- 15:19Gut, Mike sah ihn an den prüfenden Blick und in dem Blick
- 15:23war diesmal etwas, das fast Anerkennung war, fast Wärme, die
- 15:26Wärme eines Mannes, der einen anderen für brauchbar befunden
- 15:29hat. Du bist in Ordnung, Niklas, du
- 15:31verstehst, wie das läuft, man redet nicht über alles, man
- 15:35macht seinen Teil und hält den Mund, und dafür gehört man dazu,
- 15:39die meisten kapieren das nicht, du schon.
- 15:42Und Niklas nickte. Und das Lob lief in ihn wie
- 15:44Strom, lud ihn auf, du verstehst, wie das läuft, du
- 15:48gehörst dazu und er dachte nicht darüber nach, dass er gar nicht
- 15:51verstand, wie es lief, dass er die Karte nicht verstanden hatte
- 15:54und die Zahlen nicht und die Worte nicht, dass du verstehst.
- 15:57Eine Lüge war, die Mike ihm schenkte und die er dankbar
- 16:00annahm. Er verstand nicht, wie es lief,
- 16:03er verstand nur, dass man ihn brauchte, weil er nicht
- 16:05verstand, oder genauer, weil er nicht fragte und dass das
- 16:09Nichtfragen der Preis war für das dazugehören und dass er
- 16:12diesen Preis gern zahlte, weil das dazugehören alles war,
- 16:15wonach er hungerte. Er fuhr zurück an dem Abend
- 16:19durch die Stadt, die jetzt grün wurde, an den Rändern die ersten
- 16:22Bäume, und er hatte den vollen Tank und den Schlüssel, der ihm
- 16:26gehörte und das Lob in den Ohren und das Display in ihm stand
- 16:29voll randvoll, so voll, dass kein Platz blieb für die kalten
- 16:33Dinge, die er weggeschoben hatte.
- 16:35Die zerlegte Stadt an der Wand, die Farben ohne Rot, das Wort
- 16:39Index, den Firmennamen aus 2 Silben, den alten Fahrer mit dem
- 16:42Rücken, der die lange Tour fahren musste, weil Niklas es so
- 16:46entschieden hatte und weil das. Das entscheidend süß gewesen
- 16:48war. Er hätte denken können, er hatte
- 16:50alles in den Händen gehabt an diesem Tag, alle Stücke, die
- 16:54Kiste, die Karte, die Worte, den Namen, ein anderer hätte sie
- 16:58zusammengesetzt, hätte gefragt, was eine Maschine, die eine
- 17:01Stadt in Felder mit Werten zerlegt, mit Wartelisten zu tun
- 17:05hat und was Wartelisten mit Menschen und was das alles mit
- 17:08den freundlichen Farben ohne Rot, aber Niklas setzte nichts
- 17:12zusammen. Er hatte die Worte nicht, mit
- 17:14denen man so etwas zusammensetzt.
- 17:16Daten und Index waren keine Wörter aus seiner Welt, sie
- 17:19glitten an ihm ab wie Regen an einer Plane, und das war kein
- 17:22Zufall, das war der Grund, warum man ihn ausgesucht hatte, weil
- 17:26die Wahrheit durch einen Mann, der die Worte für sie nicht hat,
- 17:29hindurchgehen kann, ohne ihn zu berühren, ohne dass er sie hält,
- 17:33ohne dass er sie versteht. Zu Hause in der kleinen Wohnung,
- 17:36die jetzt wärmer war, weil er die Heizung wieder bezahlen
- 17:39konnte von dem, was die Bewegung ihm zusteckte, dachte Niklas an
- 17:43seine Mutter. Er dachte daran, dass er sie
- 17:46anrufen würde, bald und ihr sagen, dass es ihm gut ging,
- 17:49dass man ihn brauchte, dass er endlich jemand war, sie hatte
- 17:52sich ihr Leben lang sorgen gemacht um ihn, 3 Jobs, immer am
- 17:56Rand, immer in Angst, dass aus ihrem Jungen nichts wird.
- 18:00Jetzt würde er ihr sagen können, schau Mama, es ist gut geworden,
- 18:04sie kümmern sich um Leute wie uns, endlich kümmert sich mal
- 18:07wer um Leute wie uns. Er wusste nicht, dass er an
- 18:10diesem Abend einen Namen mit nach Hause getragen hatte, der
- 18:13alles war ein Schlüssel zu allem und dass er ihn weggeschoben
- 18:16hatte, ungelesen Ununterstanden an die Stelle, an die er die
- 18:20kalten Dinge schob. Er wusste nicht, dass er die
- 18:22Wahrheit in der Hand gehabt hatte, und sie hatte fallen
- 18:24lassen, weil sie zu kalt war, um sie zu halten.
- 18:27Und weil das halten den vollen Tank in ihm hätte Leerlaufen
- 18:30lassen, mit einem Schlag schwarz.
- 18:32Er wusste nur, dass er dazu gehörte, dass auf ihn Verlass
- 18:35war, dass das Display voll war und in der Dunkelheit an der
- 18:39Stelle, an die die kalten Dinge wanderten, lagen sie jetzt zu
- 18:42mehreren, das Etikett und die Karte und der Name aus 2 Silben
- 18:46und der Blick des alten Fahrers. Und sie warteten geduldig wie
- 18:50kalte Dinge, warten auf den Tag, an dem etwas käme, das groß
- 18:53genug wäre, sie alle auf einmal zu wecken.
- 18:56Niklas ahnte diesen Tag nicht, er schlief gut in dieser Nacht,
- 19:00zum ersten Mal seit Jahren, ohne Angst vor dem Morgen, ein Mann,
- 19:03der dazu gehörte und der nicht wusste, wozu.