Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Anhang - Narr in Verzweiflung - Rimus remedium - Mein Glück! - Nach neuen Meeren
Transcript
- 0:00Narr in Verzweiflung dieses Gedicht erzählt die Geschichte
- 0:04eines Narren, der sich in einem Zustand der Verzweiflung
- 0:07befindet. Der Narr steht hier als Symbol
- 0:10für den kreativen, unkonventionellen Künstler oder
- 0:12Denker zu Beginn beklagt der Narr sein eigenes Schaffen, er
- 0:16blickt auf das, was er mit seinem Narrenherz und Narrenhand
- 0:20auf Tisch und Wand geschrieben hat, und ist unsicher geworden,
- 0:24er fragt sich, ob sein Werk wirklich dazu da war, die Welt
- 0:27zu schmücken. Doch dann wird er mit der harten
- 0:29Kritik der anderen der Gesellschaft konfrontiert.
- 0:33Diese Stimmen, sagen Narrenhände, schmieren nur
- 0:36herum, man muss diesen Tisch und diese Wand reinigen, bis auch
- 0:40die letzte Spur von diesem Gekritzel verschwunden ist.
- 0:44Sie entwerten seine Kunst als bloße Schmiererei, in seiner
- 0:48Verzweiflung gibt der Narr nach, er akzeptiert das Urteil der
- 0:52anderen und sagt, erlaubt, ich mache es selbst Er greift zu
- 0:57Schwamm und Besen und wird selbst zum Kritiker und
- 1:00Zerstörer seines eigenen Werkes. Er lernt, ein Wassermann zu
- 1:03sein, jemand, der alles reinigt und glatt wischt, nachdem die
- 1:07Arbeit getan ist und alles wieder leer und sauber ist,
- 1:10wendet sich der Narr jedoch an seine Kritiker, er fordert sie
- 1:14heraus und sagt, nun, da alles sauber ist, würde ich gerne
- 1:18sehen, wie ihr die ihr euch für so klug haltet, diesen Tisch und
- 1:22diese Wand mit eurer Weisheit beschreibt.
- 1:25Das Gedicht endet mit 3 Punkten, was andeutet, dass die Kritiker
- 1:29schweigen. Sie haben nichts zu sagen und
- 1:32nichts zu schaffen, was Nietzsche damit sagen will.
- 1:35Das Gedicht thematisiert den ewigen Konflikt zwischen
- 1:38Kreativität und Kritik, der Narr ist der schaffende Geist, der
- 1:43aus dem Herzen heraus handelt, vielleicht chaotisch und
- 1:46unperfekt, aber authentisch, die Kritiker sind diejenigen, die
- 1:50nur zerstören, Ordnen und reinigen können.
- 1:54Aber selbst steril und unkreativ sind.
- 1:57Nietzsche zeigt, wie der kreative Mensch durch die
- 1:59ständige Kritik in Verzweiflung gestürzt werden und sogar dazu
- 2:02gebracht werden kann, sein eigenes Werk zu verleugnen.
- 2:06Doch am Ende wird die Lehre der reinen Kritik entlarvt, wer nur
- 2:09kritisieren kann, kann selbst nichts erschaffen, der Narr mag
- 2:14ein Narr sein, aber er ist derjenige, der die leere Wand
- 2:18überhaupt erst beschrieben hat, Rimus Remedium.
- 2:24Der Titel Dieses Gedichtes ist Latein und bedeutet Reim als
- 2:27Heilmittel. Der deutsche Untertitel lautet
- 2:30oder wie kranke Dichter sich trösten damit ist das zentrale
- 2:34Thema schon benannt, die Kunst als Überlebensstrategie in
- 2:37Zeiten tiefsten Leidens. Das Gedicht ist ein fieberhafter
- 2:41Monolog eines kranken Dichters, er fühlt sich von der Zeit
- 2:45gequält, die er als eine sabbernde alte Hexe beschreibt,
- 2:48die langsam voranschreitet. Sein ganzer Körper und Geist
- 2:52schreien vor Ekel gegen die scheinbar endlose, sinnlose
- 2:55Ewigkeit. Der Schmerz fühlt sich an, als
- 2:58würde er mit fliegenden Dolchen eine Botschaft in seinen Körper
- 3:02schreiben. Diese Botschaft lautet, die Welt
- 3:05hat kein Herz und es wäre dumm, ihr deshalb gram zu sein, die
- 3:10Welt ist also gleichgültig gegenüber seinem Leid,
- 3:13verzweifelt sehnt sich der Dichter nach Betäubung, er ruft
- 3:16nach Betäubung. Fieber und Gift um seinen Geist
- 3:20zur Ruhe zu bringen. Er fragt sich nach dem Sinn
- 3:23seines Leidens, zu welchem Lohne es folgt ein Ausbruch des Zorns,
- 3:28den er aber sofort wieder bereut.
- 3:31Die Szene wird dramatisch, plötzlich springt die Tür auf,
- 3:34der kalte Regen sprüht auf sein Bett und der Wind löscht das
- 3:38Licht, das Chaos bricht vollends über ihn herein, in diesem
- 3:42Moment der totalen Auflösung und des Unheils kommt ihm die
- 3:45rettende Erkenntnis. Er wettet, dass er diese Nacht
- 3:48nicht überleben würde, wenn er jetzt nicht 100 Reime hätte.
- 3:53Was Nietzsche damit sagen will. Für Nietzsche ist die Kunst und
- 3:57insbesondere die Dichtkunst keine bloße Unterhaltung,
- 4:01sondern eine existenzielle Notwendigkeit im Angesicht einer
- 4:04kalten, herzlosen Welt und überwältigenden körperlichen und
- 4:08seelischen Schmerzes bietet die Kunst die einzige Rettung, der
- 4:12Reim ist hier das Heilmittel. Die Fähigkeit, das unerträgliche
- 4:16Chaos des Lebens in eine Form zu bringen, es in Worte und
- 4:19Rhythmen zu fassen, gibt dem leidenden Halt das Schaffen von
- 4:23Kunst ist für den Dichter in diesem Gedicht der einzige Weg,
- 4:26nicht am Leiden zu zerbrechen, es ist ein Akt der
- 4:30Selbstbehauptung gegen die Sinnlosigkeit und den Schmerz
- 4:33der Existenz. Mein Glück, dieses Gedicht ist
- 4:39eine Momentaufnahme reinen Glücks und einer tiefen
- 4:41Verbundenheit mit dem Ort, an dem es spielt.
- 4:44Venedig Nietzsche beschreibt darin einen ruhigen Vormittag
- 4:48auf dem Markusplatz. Inhalt und Erklärung das Gedicht
- 4:52beginnt mit dem Anblick der Tauben auf dem Markusplatz in
- 4:55Venedig, der Platz ist still, es herrscht eine friedliche
- 4:59Vormittagsruhe der Dichter, also Nietzsche selbst, fühlt sich
- 5:03müßig und inspiriert in dieser gelassenen Stimmung schickt er
- 5:06seine Lieder, also seine Gedanken und Gedichte wie
- 5:10Taubenschwärme in den blauen Himmel.
- 5:12Er spielt mit ihnen, lockt sie wieder zu sich zurück, um sie
- 5:15weiterzuformen und ihnen noch einen letzten Schliff zu geben.
- 5:19Diesen schöpferischen, unbeschwerten Moment bezeichnet
- 5:22er als mein Glück im zweiten Teil des Gedichts wendet sich
- 5:26der Blick nach oben zum Himmel über dem Markusdom, er
- 5:30beschreibt ihn als ein stilles, himmelsdach Blaulicht von Seide,
- 5:35das schützend über dem prächtigen Bauwerk schwebt.
- 5:38Er ist so ergriffen von diesem Anblick, dass er
- 5:40widersprüchliche Gefühle hegt. Er liebt, fürchtet und beneidet
- 5:45den Dom zugleich, er hat das Verlangen, die Seele dieses
- 5:48Bauwerks ganz in sich aufzusaugen, fragt sich aber
- 5:51gleichzeitig, ob er sie jemals wieder hergeben könnte, doch er
- 5:55verwirft diesen Gedanken und genießt einfach nur den Anblick,
- 5:59den er als Augenwunderweide bezeichnet.
- 6:02Auch das ist für ihn mein Glück. Der dritte Abschnitt ist dem
- 6:07Glockenturm, dem Campanile, gewidmet.
- 6:10Nietzsche beschreibt ihn als strengen Turm, der mit der Kraft
- 6:13eines Löwen emporsteigt, siegreich und doch mühelos.
- 6:17Er stellt sich vor, wie der Klang der Glocken über den Platz
- 6:19hallt und vergleicht ihn mit einem französischen Akzent, so
- 6:23prägnant und klar, er fühlt sich dem Turm verbunden und erkennt
- 6:27in dessen Standhafter seidenweicher Präsenz sein
- 6:30eigenes Glück wieder, äh, im letzten Teil des Gedichts wendet
- 6:34sich Nietzsche der Musik zu. Er fordert die Musik auf, noch
- 6:37zu warten, bis die Schatten des Abends länger werden und die
- 6:40Nacht hereinbricht. Für Töne sei es am hellen Tag
- 6:44noch zu früh, denn erst in der Dämmerung und Nacht entfalten
- 6:47die goldenen Verzierungen der Gebäude und die romantische
- 6:50Stimmung ihre volle Wirkung. Der Tag biete noch genügend Zeit
- 6:54für seine eigenen Tätigkeiten, für das Dichten, das heimliche
- 6:58Beobachten und das einsame Nachdenken, und auch diese
- 7:01Erwartung, dieser Reichtum an bevorstehender Zeit.
- 7:05Ist für ihn mein Glück. Das Gedicht fängt also
- 7:08verschiedene Facetten eines perfekten Moments ein, die
- 7:11kreative Leichtigkeit, die überwältigende Schönheit der
- 7:15Architektur, die majestätische Ruhe des Turms und die Vorfreude
- 7:19auf die künstlerische Inspiration der Nacht.
- 7:21Jeder dieser Aspekte trägt zu seinem Gefühl des vollkommenen
- 7:24Glücks bei, nach neuen Meeren. Dieses kurze, aber kraftvolle
- 7:30Gedicht ist ein Symbol für Aufbruch, Selbstvertrauen und
- 7:34die philosophische Reise ins Unbekannte.
- 7:37Nietzsche nutzt hier das klassische Bild der Seefahrt, um
- 7:40seine eigene geistige Reise zu beschreiben, Inhalt und
- 7:43Erklärung das Gedicht beginnt mit einer klaren
- 7:46Absichtserklärung, dorthin will ich der Sprecher, also Nietzsche
- 7:51hat ein Ziel vor Augen, auch wenn dieses Ziel nicht genau
- 7:54benannt wird, es geht um die Richtung, um den Aufbruch
- 7:58selbst. Er vertraut dabei ganz auf sich
- 8:00selbst und seinen Griff. Ein Ausdruck für seine
- 8:04Fähigkeit, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und die
- 8:07Dinge zu meistern. Das Meer liegt offen vor ihm ins
- 8:11Blaue, was für unbegrenzte Möglichkeiten, aber auch für das
- 8:15Ungewisse steht. Das Genueser Schiff ist dabei
- 8:19ein persönliches Symbol. Nietzsche schrieb dieses Gedicht
- 8:22während seiner Zeit in Genua, einer Hafenstadt, die für ihre
- 8:26Seefahrertradition bekannt ist. Das Schiff steht also für sein
- 8:30eigenes Leben und seine Philosophie, die nun in
- 8:32unbekannte Gewässer aufbricht. In der zweiten Strophe
- 8:36beschreibt er das Gefühl dieses Aufbruchs, alles erscheint ihm
- 8:40neu und neuer, was eine große Begeisterung und die Freude an
- 8:43der Veränderung ausdrückt. Die Zeile mittags schläft auf
- 8:47Raum und Zeit vermittelt ein Gefühl der Zeitlosigkeit und des
- 8:50Innehaltens, in diesem Moment höchster Intensität scheint die
- 8:54gewöhnliche Wahrnehmung von Raum und Zeit aufgehoben zu sein.
- 8:58Am Ende des Gedichts steht die Konfrontation mit der
- 9:01Unendlichkeit. Er beschreibt, wie ihn das
- 9:04Ungeheuere Auge der Unendlichkeit anblickt.
- 9:07Dieses Bild hat eine doppelte Bedeutung, es ist faszinierend
- 9:11und ehrfurchtgebietend, aber auch potenziell erschreckend.
- 9:14Es ist der Moment, in dem der Philosoph, der alle alten
- 9:17Sicherheiten hinter sich gelassen hat, der unendlichen
- 9:20Weite des Daseins ohne vorgegebene Antworten direkt ins
- 9:23Auge blickt. Zusammengefasst ist nach neuen
- 9:26mehreren ein Ausdruck von Nietzsches Philosophischem
- 9:28Programm, dem Mut, alte Werte und Wahrheiten zu verlassen, das
- 9:33Land hinter sich abbrechen, sich auf die eigene Kraft zu
- 9:36verlassen und sich den tiefsten und vielleicht auch
- 9:38gefährlichsten Fragen des Lebens zu stellen, symbolisiert durch
- 9:42die offene und unendliche See.