Latest / GedankenGang - True Crime, Skandale und Analysen / Fall Fabian - Der 11te Prozesstag
Transcript
- 0:00Wenn wir in der investigativen Recherche Zeugenaussagen
- 0:03bewerten, dann nutzen wir oft das Bild eines Kompass.
- 0:07Ein verlässlicher Zeuge ist quasi wie ein fehlerfrei
- 0:10kalibrierter Kompass, der zeigt konstant und unbeeindruckt von
- 0:14seiner Umgebung auf die Wahrheit aber was passiert, wenn dieser
- 0:18Kompass durch ein starkes magnetisches Störfeld abgelenkt
- 0:21wird, also zum Beispiel durch das massive Bedürfnis eines
- 0:24Menschen, das eigene Privatleben, den hart
- 0:27erarbeiteten Ruf. Oder ja, die eigene Ehe zu
- 0:30schützen. Das ist genau der Punkt, an dem
- 0:33die Nadel dann eben nicht mehr auf die reine Wahrheit zeigt,
- 0:36sondern auf den Weg des geringsten persönlichen
- 0:38Schadens. Exakt und Hallo erst mal zur
- 0:41heutigen Ausgabe von Gedankengang.
- 0:43Schön, dass du dabei bist. Wir untersuchen heute eine
- 0:47Faktenlage, bei der genau dieses Phänomen im Zentrum steht.
- 0:50Uns liegen die detaillierten Protokolle, Mitschriften und
- 0:53auch Gerichtsreportagen des 11. Verhandlungstages vor.
- 0:57Es geht um den Mordfall des achtjährigen Fabian vor dem
- 0:59Landgericht Rostock. Und du wirst im Laufe dieser
- 1:02Analyse sehr schnell feststellen, wie kompliziert die
- 1:06Wahrheitsfindung in so einem reinen Indizienprozess wird.
- 1:09Vor allem dann, wenn der Hauptzeuge offensichtlich ein
- 1:13massives eigenes Geheimnis schützen will.
- 1:15Ja, lass uns da direkt reingehen.
- 1:17Das ist ja der juristische Kern dieses Verfahrens, oder?
- 1:20Richtig, also wir haben es hier mit einem hochkomplexen
- 1:23Indizienprozess zu tun. Es gibt keine direkten Beweise,
- 1:26keine Tatort Videos, keine eindeutigen Geständnisse der
- 1:29Angeklagten Gina h. Das Gericht muss sich einen
- 1:32Mosaik aus Indizien legen. Und der zentrale Baustein heute
- 1:36ist ein Mann namens Christian D. Genau in der Berichterstattung
- 1:41wird er oft als der erste Tümpelzeuge betitelt.
- 1:44Wenn man sich sein Profil ansieht, der ist nach außen hin
- 1:47völlig unauffällig. Jahrgang 89, verheiratet, Jäger,
- 1:52beruflich im Handel tätig, aber die Ermittlungsakten zeigen da
- 1:56ein ganz klares, verborgenes zweites Leben.
- 1:59Lass uns direkt auf dieses verborgene Bild schauen.
- 2:02Die Dokumente, die wir hier haben, zeigen einen heimlichen
- 2:05Kontakt zur Angeklagten Gina h. Und dieser Kontakt wurde etwa 4
- 2:09Wochen vor der Tat massiv intensiviert.
- 2:12Und bezeichnenderweise lief dieser Austausch über sein
- 2:15Diensthandy. Ja, seine Frau wusste von all
- 2:18dem nichts und wir reden hier ja nicht von ein paar beiläufigen
- 2:22Nachrichten unter bekannten. Die forensische Auswertung der
- 2:25Handys hat über 1400 whatsapp Nachrichten gesichert.
- 2:29Plus rund 10 persönliche Treffen in diesem wirklich sehr knappen
- 2:33Zeitraum. Also wenn ich mir diese
- 2:34Datenmenge ansehe, dann denke ich analytisch sofort, das ist
- 2:39das Muster einer klassischen Affäre.
- 2:41Das liegt extrem nah, ja, aber. Vor Gericht behauptet er
- 2:45stoisch. Das war nur Freundschaft.
- 2:48Er habe ihr lediglich ein offenes Ohr für ihre Probleme
- 2:51mit fabians Vater geboten. Den nennt sie übrigens Adi in
- 2:55den Akten. Juristisch ist dieses Beharren
- 2:57auf einer rein platonischen Beziehung hochriskant und vor
- 3:01allem extrem unglaubwürdig. Die gesicherten Beweise sprechen
- 3:04eine völlig andere Sprache. Es gibt dokumentierte oben ohne
- 3:08Fotos, es gibt Sprachnachrichten von Gina H, in denen sie
- 3:11explizit von einer ich zitiere besonderen Anziehung zwischen
- 3:16den beiden spricht. Es gibt da ja noch diesen ein
- 3:18Chat Verlauf, den ich sehr bemerkenswert finde.
- 3:21Auf ein Foto von Gina H. Im Bett mit Ihrem Hund.
- 3:24Antwortete der Zeuge laut Akten sogar, er wäre, Zitat gerne der
- 3:28Hund. Ja, und wenn ein Zeuge sich
- 3:31trotz dieser erdrückenden Beweislast in den Zeugenstand
- 3:34setzt und auf direkte Nachfrage der Nebenklage oder auch des
- 3:38Richters eine Affäre strikt verneint, dann macht er sich
- 3:42extrem angreifbar. Aber warum macht er das?
- 3:45Ich meine, ich verstehe ja den ersten Impuls, man will die Ehe
- 3:48schützen, wenn die Kriminalpolizei plötzlich
- 3:50unerwartet vor der Tür steht. Aber jetzt sitzt der Untereid im
- 3:53Gerichtssaal. Richtig, es geht um den Mord an
- 3:55einem achtjährigen Jungen. Da muss ihm doch klar sein, dass
- 3:59er mit dieser Krampfhaften nur freundschaftserzählung seine
- 4:02gesamte Glaubwürdigkeit demontiert.
- 4:04Er wird vom Gericht auch ganz direkt gefragt, warum er denn
- 4:07nach weiteren Fotos gefragt habe, wenn doch angeblich
- 4:10überhaupt kein sexuelles Interesse bestand.
- 4:12Und er hat darauf keine logische Antwort.
- 4:14Das ist doch, wenn man es nüchtern betrachtet, ein
- 4:16kompletter Selbstmord im Zeugenstand.
- 4:19Du musst das aus der Perspektive der Wahrnehmungspsychologie
- 4:22betrachten und natürlich aus Sicht der Prozessführung für die
- 4:26Verteidiger von Gina h. Ist dieses Verhalten von
- 4:29Christian D. Ein strategisches Geschenk.
- 4:32Inwiefern? Weil sie ihn als Lügner
- 4:34darstellen können. Exakt.
- 4:36Wenn sie dem Gericht nachweisen können, dass der wichtigste
- 4:39Belastungszeuge in einem zentralen Punkt seiner Aussage
- 4:42nachweislich lügt, und sei es nur aus Scham, Eitelkeit oder
- 4:46eben Angst vor der Ehefrau, dann etablieren sie ein Muster der
- 4:50Unehrlichkeit. Verstehe.
- 4:52Das Gericht stellt sich dann unweigerlich die Frage, wo
- 4:56weicht er noch von der Wahrheit ab, wenn er bei Fotos und Chats
- 5:00lügt, manipuliert er vielleicht auch seine Erinnerungen an den
- 5:03Tatabend. Das leuchtet ein.
- 5:05Seine fehlende Aufrichtigkeit bei einem vermeintlichen
- 5:08Nebenschauplatz, also der Affäre, infiziert sozusagen
- 5:12seine gesamte Aussage. Ganz genau.
- 5:14Und diese Geheimgehaltene enge Verbindung ist ja der einzige
- 5:18Grund, warum Gina h. Ausgerechnet ihn kontaktierte,
- 5:21als Fabian verschwand. Schauen wir uns diese
- 5:24Chronologie mal genau an. Wir gehen auf 10.10., das ist
- 5:28der mutmaßliche Tattag. Laut der digitalen Forensik war
- 5:32das Handy der Angeklagten an diesem Tag über Stunden
- 5:35ausgeschaltet. Was von Kriminalisten ja immer
- 5:38als massives Warnsignal gewertet wird.
- 5:40Richtig? Absolut.
- 5:42Ein Mensch, der laut Zeugenaussagen normalerweise
- 5:45innerhalb von Minuten auf Nachrichten reagiert, ist
- 5:48plötzlich komplett vom Netz. Das fällt auf.
- 5:52Gegen 12:45 Uhr meldet sie sich schließlich wieder bei Christian
- 5:55D. Und die beiden treffen sich dann
- 5:57am Boldsee. Er beschreibt ihr Auftreten an
- 6:00diesem Tag in seinen Vernehmungen bemerkenswert
- 6:02widersprüchlich. Einmal sagt er, sie sei ziemlich
- 6:05down und nervös gewesen, und im nächsten Satz wirkte sie auf ihn
- 6:09eigentlich ganz normal. Das ist eine dieser Unschärfen,
- 6:13die später noch extrem wichtig werden.
- 6:15Da fällt mir noch ein Detail auf, dass die Ermittler digital
- 6:18gesichert haben. Sie schickt ihm an diesem Tag
- 6:20ein Foto von einem Waldweg, angeblich um zu beweisen, dass
- 6:23sie dort ohne Empfang mit ihrem Hund spazieren war.
- 6:26Die Polizei hat das ja ausgewertet.
- 6:28Dieser Weg liegt exakt 1,6 Kilometer vom späteren Tatort
- 6:31entfernt. Später am Abend sendet sie ihm
- 6:35unauffordert Fotos, die zeigen, wie sie den Fußraum ihres Autos
- 6:38reinigt. Ich sehe da eine ganz klare
- 6:41Taktik. Sie baut sich gegenüber ihrem
- 6:43Zeugen aktiv eine zeitliche Abfolge und vor allem eine
- 6:46harmlose Erklärung für mögliche Schmutzspuren im Auto auf.
- 6:49Das ist eine sehr präzise Beobachtung bei der Polizei,
- 6:53behauptete sie später nämlich, ihr Auto ewig nicht geputzt zu
- 6:56haben. Sie platziert also aktiv
- 6:58entlastende Informationen bei ihm.
- 7:00Und am nächsten Tag, dem 11. Oktober, wird diese Manipulation
- 7:05durch sie noch expliziter. Sie schickt Christian D.
- 7:08Sprachnachrichten, in denen sie ganz offen ein Alibi mit ihm
- 7:11absprechen will. Sie sagt wortwörtlich, sie wolle
- 7:15bei der Polizei nicht sagen, dass sie am Vortag zusammen
- 7:19waren, damit er, ich zitiere, nicht mit reingezogen wird.
- 7:24Und genau an diesem Abend des 11.
- 7:26Oktobers passiert bei Christian D.
- 7:28Im Browserverlauf etwas, das mich beim Lesen der Akten
- 7:31wirklich fassungslos gemacht hat.
- 7:32Also analytisch fassungslos. Du meinst die Suchanfragen ja.
- 7:37Er googelt Begriffe wie leichenstarre, er sucht nach
- 7:40Artikeln, ob Wildschweine menschliche Leichen fressen.
- 7:44Und was sagt er heute vor Gericht dazu?
- 7:46Er behauptet ernsthaft, der Kontext dieser suchen sei ein
- 7:50theoretisches Gespräch über Reitunfälle gewesen, weil Gina
- 7:54h. Ja Reiterin sei.
- 7:55Das ist natürlich ne steile These.
- 7:57Ich meine, wir wissen, dass Indizien oft
- 7:59Interpretationsspielraum lassen, aber der Sprung von einem
- 8:03Reitunfall zum Fressverhalten von Wildschweinen an
- 8:05menschlichen Leichen? Das ist soweit hergeholt, das
- 8:09ist schlicht nicht tragbar. Vor allem nicht, wenn man seine
- 8:12früheren polizeilichen Vernehmungen als Vergleich
- 8:15heranzieht. Dort gab er nämlich damals zu
- 8:17Protokoll, Gina h. Habe ihn explizit gebeten, dies
- 8:21in Bezug auf die Suche nach dem Vermissten Fabian zu googeln.
- 8:24Wow. OK, also das ist ne massive
- 8:28Verschiebung der Aussage. Wie bewertet man das juristisch?
- 8:32Das ist aus rechtlicher Sicht extrem gravierend.
- 8:35Er ändert seine Aussage in einem hochbrisanten Punkt.
- 8:39Aber warum macht er das? In der ersten Vernehmung gibt er
- 8:41doch praktisch zu, dass er wusste, in welche Richtung der
- 8:44Fall geht. Er war ein Mitwisser oder
- 8:46zumindest jemand, der einen sehr konkreten, dunklen Verdacht
- 8:49schöpfte, warum wechselt er jetzt zu dieser völlig
- 8:52unlogischen Reitunfallausrede? Weil er versucht, genau diesen
- 8:56gefährlichen Status des Mitwissers wieder loszuwerden.
- 8:59Juristisch ist die Grenze zwischen einem bloßen passiven
- 9:02Zeugen und jemanden, der von einer Straftat weiß oder sogar
- 9:06dabei hilft, Spuren zu verwischen, sehr, sehr schmal.
- 9:09Ah, er will sich also weiter von der Tat distanzieren.
- 9:12Genau, wenn er zugibt, dass er wegen des verschwundenen Fabian
- 9:16nach Verwesungsprozessen gesucht hat, rückt er extrem nah an das
- 9:20eigentliche Tatgeschehen heran. Er macht sich potenziell selbst
- 9:23angreifbar. Hinzu kommt ja ein weiteres
- 9:25Detail aus den Akten. Er hatte bereits am Vorabend
- 9:29nach Vergewaltigungen in Güstrow aus den Jahren 2013 und 2014
- 9:33gegoogelt. Richtig, Gina h.
- 9:35Hatte ihm zuvor angeblich von eigenen Gewalterfahrungen
- 9:38berichtet. Das bedeutet doch, er hat ihre
- 9:40Aussagen systematisch überprüft. Er war misstrauisch, er hat
- 9:45diese Dinge nicht einfach hingenommen, sondern aktiv nach
- 9:48Bestätigung oder Widerlegung im Netz gesucht.
- 9:51Exakt das, und das zerstört die Erzählung des naiven,
- 9:55ahnungslosen Bekannten, der gerne sein möchte, endgültig.
- 9:58Er wusste, dass etwas fundamental nicht stimmt.
- 10:01Und diese Mischung aus Misstrauen, dann diesen
- 10:04unüberlegten Alibi, Absprachen und gezielten Suchen im Netz
- 10:07nach Verwesung, das bereitet ja den Boden für das, was 2 Tage
- 10:11später passiert. Wir blicken nun auf die Nacht
- 10:14des 13. Oktober.
- 10:16Das ist die Nacht, in der die Leiche von Fabian gefunden.
- 10:19Wird diese Nacht am Tümpel, liest sich in den Protokollen
- 10:22völlig irrational, bis man eben die verborgenen psychologischen
- 10:26Motive betrachtet, die du gerade skizziert hast.
- 10:29Gina Age schlägt vor, nachts in den Wäldern bei Kleinupalen nach
- 10:32dem Jungen zu suchen. Und ihre offizielle Begründung
- 10:35dafür? Sie sei dort frühere, mit den
- 10:37Kindern Schlitten gefahren, ja. Wenn du dir das als Zuhörer mal
- 10:40vorstellst, n achtjähriger Junge verschwindet in Güstrau und er
- 10:45soll nachts kilometerweit in ein unwegsames Waldstück laufen, nur
- 10:50weil er da mal Schlitten gefahren ist.
- 10:51Die. Vertreterin der Nebenklage
- 10:53nannte das im Gerichtsaal ja auch völlig absurd.
- 10:55Völlig zurecht. Aber Christian D.
- 10:58Stimmt zu. Er bringt als Jäger eine
- 10:59Wärmebildkamera mit, sie fahren in die Dunkelheit, es nieselt
- 11:03stark. Und dann passiert etwas absolut
- 11:05Entscheidendes. Das ist der wichtigste Punkt für
- 11:08die Anklage der Staatsanwaltschaft an diesem
- 11:10Abend, nämlich die Wegführung. Gina H.
- 11:13Geht vor, sie nutzt lediglich ihr schwaches Handylicht und
- 11:17führt den Zeugen zielstrebig von dem befestigten Waldweg hinab in
- 11:22eine dunkle Senke. Die Polizei hat das später exakt
- 11:25vermessen. Es waren genau 74 Meter vom Weg
- 11:28bis hinunter zum Tümpel. Christian D.
- 11:31Sagt aus, er habe durch seine Wärmebildkamera dort unten
- 11:35nichts Auffälliges gesehen, nur Büsche.
- 11:38Er wollte eigentlich umkehren. Doch Gina h.
- 11:41Drängte laut seiner Aussage massiv darauf, genau dort
- 11:45hinunterzugehen. Und am Tümpel angekommen,
- 11:48leuchtet sie auf den Boden und sagt, hier ist was oder laut
- 11:54einer anderen Vernehmung von ihm.
- 11:57Das ist er. Der Fund selbst ist ja erneut
- 12:00von starken Widersprüchen des Zeugen geprägt.
- 12:02Christian D. Behauptet, er habe den
- 12:04verkohlten Leichnam im Dunkeln zunächst für schwarze Rohre
- 12:07gehalten. Das ist nachts im Wald mit
- 12:08Sicherheit eine verständliche erste Fehlwahrnehmung.
- 12:12Ja, aber dann geht es um die Frage der Berührung.
- 12:14In einer früheren Aussage gab er an, er habe den Körper berührt,
- 12:18spezifisch mit dem Mittelfinger, weil das, und das ist ein Zitat,
- 12:22der längste ist Und das habe sich hart angefühlt.
- 12:25Und vor Gericht heute vor. Gericht spricht er plötzlich
- 12:27davon, die Berührung habe sich weich angefühlt.
- 12:30Das sind diese gefährlichen Diskrepenzen, über die wir
- 12:33sprachen. Als er in dieser Nacht
- 12:34jedenfalls realisiert, was vor ihm liegt, beschreibt er seinen
- 12:37Zustand als Scheuklappen. Er gerät in absolute Panik, will
- 12:42nur noch weg auf dem Weg zurück zum Auto und während der Fahrt
- 12:45herrscht dann Totenstille. Und hier kommen wir an einen
- 12:48Punkt, der in der Aufarbeitung extrem schwer zu fassen ist.
- 12:52Die absolute Passivität des Zeugen.
- 12:55Im Auto fragt Gina H. Laut seiner Aussage, ob sie nun
- 12:59die Polizei rufen sollen. Er lehnt das rigoros.
- 13:02Ab. Seine Begründung lautet.
- 13:03Was wollen wir denen denn erzählen, warum wir in der Nacht
- 13:05da was finden? Da muss ich Kriminalistisch
- 13:07einhaken, denn ich kaufe ihm diese Erklärung schlicht nicht
- 13:11ab. Verbinden wir mal die Fakten,
- 13:13die wir haben, der Mann ist Jäger, er bewegt sich routiniert
- 13:17nachts im Wald. Er betritt diesen völlig dunklen
- 13:20Wald, aber die gute Taschenlampe, die er im Rucksack
- 13:23im Auto hat, lässt er bewusst liegen.
- 13:25Warum? Das ist ne berechtigte Frage.
- 13:27Und als er dann die Leiche des Kindes findet, nachdem das ganze
- 13:30Land sucht, ruft er nicht die Polizei.
- 13:33Er setzt Gina h. Einfach bei einem Nachbarn ab,
- 13:35das ist Olaf K. Über den sprechen wir später
- 13:38noch, und dann fährt er in sein Jagdrevier, klettert auf einen
- 13:41Hochsitz und starrt bis 06:00 Uhr morgens stumm in die Lehre.
- 13:45Mein analytischer Instinkt, sagt mir, der sitzt da oben und
- 13:48kalkuliert sein Alibi. Das ist keine Schockstarre, das
- 13:52ist der kühle Versuch einer Vertuschung.
- 13:54Da halte ich aus fachlicher Sicht dagegen.
- 13:57Wir müssen hier sehr trennscharf zwischen einer juristisch
- 14:00strafbaren Vertuschung und massiver kognitiver Dissonanz
- 14:05unterscheiden. OK, erklär das bitte.
- 14:07Überleg mal, was in seinem Kopf in exakt dieser Sekunde am
- 14:10Tümpel passiert. Er hat sich ein mentales
- 14:13Konstrukt aufgebaut, eine heimliche Beziehung, die er vor
- 14:16seiner Frau verbergen will. Er geht davon aus, dass er
- 14:19gleich eine zwar absurde, aber völlig harmlose Suche im Wald
- 14:23beendet und dann in sein normales Leben zurückkehrt.
- 14:26Und stattdessen? Stattdessen führt ihn diese Frau
- 14:28zielgenau zu der verbrannten Leiche eines Kindes.
- 14:32In diesem Bruchteil einer Sekunde kollabiert seine gesamte
- 14:35Realität. Er begreift, dass er bis zum
- 14:38Hals in ein Tötungsdelikt verwickelt ist.
- 14:40Und die Taschenlampe? Dass er die Taschenlampe im Auto
- 14:43liest, spricht psychologisch eher dafür, dass er dort unten
- 14:46tief im Inneren gar nichts finden wollte.
- 14:49Er wollte es schnell hinter sich bringen.
- 14:51Mhm, verstehe. Und seine Weigerung, die Polizei
- 14:55zu rufen, entspringt meiner Analyse nach nicht dem Wunsch,
- 14:58aktiv einen Mord zu decken. Es ist der pure, egoistische
- 15:02Panikimpuls, sein eigenes Leben, seine Ehe und seinen Ruf zu
- 15:06retten. Er will um jeden Preis
- 15:08verhindern, der Mann zu sein, der nachts mit der
- 15:11Mordverdächtigen an einer Kinderleiche gefunden wird.
- 15:14OK, das psychologische Argument der kognitiven Dissonanz sehe
- 15:18ich. Er friert ein, weil die Realität
- 15:21sein privates Konstrukt zerstört, genau, aber das ändert
- 15:25ja absolut nichts an den fatalen rechtlichen Konsequenzen.
- 15:29Diese Entscheidung hat die Wahrheitsfindung der Polizei
- 15:31massiv verzögert. Absolut.
- 15:33Und genau diese Fragwürdigkeit seines Verhaltens am Tümpel,
- 15:36diese tiefe Verstrickung in Lügen aus purem Selbstschutz,
- 15:40die liefert der Verteidigung im Gerichtssaal ja die perfekte
- 15:43Angriffsfläche. Sie demontieren ihn
- 15:46systematisch. Das ist das klassische legitime
- 15:49Handwerk der Strafverteidigung. Wenn die Anwälte löcker und oben
- 15:52die erdrückenden Indizien der Staatsanwaltschaft, also wie das
- 15:55Ausgeschaltete Handy oder diese zielgenaue Wegführung zum
- 15:59Fundort, wenn sie das nicht sachlich widerlegen können, dann
- 16:02attackieren sie den Überbringer der Nachricht, sie greifen jeden
- 16:05Widerspruch auf und zerlegen ihn.
- 16:07Und die Liste der Diskrepanzen, die sie nutzen können, ist
- 16:09wirklich lang. Da ist die Taschenlampe, die im
- 16:12Auto blieb, da ist das Berühren der Leiche.
- 16:14Harte Beschaffenheit versus weiche Beschaffenheit?
- 16:17Genau. Oder überhaupt berührt versus in
- 16:20einer anderen Vernehmung angeblich gar nicht angefasst.
- 16:23Dann die emotionale Reaktion heute sagt er, er Glaube, Gina
- 16:27h. Habe am Tümpel geweint.
- 16:29Früher gab er an, sie habe nicht geweint.
- 16:32Und ein Punkt, der auf den ersten Blick fast trivial wirkt,
- 16:35ist der Rauchgeruch am 10. Oktober.
- 16:38Ja, das ist spannend. Die Verteidigung fragt ihn
- 16:41gezielt, ob Gina h. Bei der Umarmung am Nachmittag
- 16:44nach Rauch gerochen habe. Heute erinnert er sich nicht,
- 16:47früher verneinte er dem Rauchgeruch explizit.
- 16:50Warum ist dieses scheinbar kleine Detail für die Anwälte so
- 16:53enorm wichtig? Weil es hier um die genaue
- 16:56zeitliche Rekonstruktion der Tat geht.
- 16:59Die Ermittler gehen davon aus, dass die Angeklagte den Mord am
- 17:02Mittag beging, dass sie dann Christian D.
- 17:04Traf und erst viel später an den Tatort zurückkehrte, um den
- 17:08Leichnam zu verbrennen. Das heißt, Wenn der Zeuge
- 17:10aussagt, sie habe beim Treffen am Nachmittag nicht nach Rauch
- 17:14gerochen. Stützt das eigentlich exakt die
- 17:16Zeitleiste der Staatsanwaltschaft?
- 17:18Richtig. Aber, und das ist der
- 17:20strategische Kniff der Verteidigung, geht es hierbei
- 17:23gar nicht zwingend um den Rauch an sich.
- 17:26Es geht darum, dem Gericht vorzuführen, dass die Erinnerung
- 17:29des Zeugen hochgradig instabil ist.
- 17:31Ah, verstehe. Ein Zeuge, der heute weiß ich
- 17:34nicht mehr sagt und früher ein klares Nein lieferte, wird
- 17:38pauschal als unzuverlässig markiert.
- 17:41Exakt und besonders brisant wird das bei einer weiteren Google
- 17:44Suche des Zeugen, die wir noch gar nicht erwähnt haben.
- 17:47Er suchte im Netz danach, ob sich Fingerabdrücke an
- 17:50Brandleichen nachweisen lassen. Seine Erklärung dafür vor
- 17:53Gericht. Er hatte 1, dass ihm etwas
- 17:55angehängt wird, ein Gedanke, der für jemanden in Panik, den wir
- 17:59ja eben skizziert haben, vielleicht sogar nachvollziehbar
- 18:01ist. Aber vor einem Richter wirkt das
- 18:04natürlich katastrophal. Verteidiger Löcker nutzt diese
- 18:07Unsicherheit des Zeugen wirklich meisterhaft als Waffe.
- 18:12Christian D. Schätzte sein eigenes
- 18:14Erinnerungsvermögen im Zeugenstand auf 70 bis 80%.
- 18:18Und Löcker fragt daraufhin in seinem Schlusswort rhetorisch in
- 18:22den Saal. Haben wir heute die 70% oder die
- 18:2530% gehört? Das ist ne extrem effektive
- 18:29Platzierung von Zweifeln. Absolut.
- 18:32Aber wir dürfen die Gegenstrategien der anderen
- 18:34Parteien nicht übersehen. Die Vertreterin der Nebenklage,
- 18:38also der Anwältin der Mutter von Fabian, die geht n völlig
- 18:41anderen Weg. Wie agiert sie in der Befragung?
- 18:44Sie hält sich nicht mit den Lügen über die Affäre auf.
- 18:46Sie zwingt den Zeugen im Kreuzverhör, die Ortswahl der
- 18:50Suche rein analytisch zu betrachten.
- 18:52Sie arbeitet akribisch heraus, dass die Geschichte mit dem
- 18:55Schlittenfahren unlogisch war. Und bringt Christian D.
- 18:58So zu der Erkenntnis, dass er eigentlich als Werkzeug
- 19:01instrumentalisiert wurde. Genau.
- 19:03Und der Oberstaatsanwalt Harald Nowak.
- 19:06Der zieht am Ende eine Bilanz, die das Rauschen dieser ganzen
- 19:09Nebenschauplätze komplett ausblendet.
- 19:12Er fokussiert sich auf die Unumstößlichen Kernfakten.
- 19:15Und die wären. Gina H.
- 19:17Kannte den Ort. Sie ergriff die Initiative.
- 19:21Sie führte den Zeugen im strömenden Regen exakt auf
- 19:23diesen 74 Metern in der Dunkelheit dorthin.
- 19:26Das ist der Kern, der trotz aller menschlichen Schwächen des
- 19:29Zeugen bestehen bleibt. Aber ein Moment im Gerichtssaal
- 19:32hat mich beim Analysieren der Akten wirklich aufhorchen
- 19:35lassen. Die Verteidigung kündigt an,
- 19:38dass Gina h. Sich im weiteren Verlauf des
- 19:40Verfahrens noch selbst äußern werde.
- 19:42Das ist ein sehr wichtiger Punkt.
- 19:44Und gleichzeitig lassen sie durchblicken, dass es entgegen
- 19:47der beharrlichen Aussage von Christian D.
- 19:49Sehr wohl sexuellen Kontakt gab. Wenn wir das mal strategisch
- 19:54betrachten, bereiten die Anwälte hier eine Täter, Opfer, Umkehr
- 19:57vor. Wie meinst du das genau?
- 20:00Na ja, wenn sie aussagt und Christian D.
- 20:02Eine viel aktivere Rolle bei der Tat oder zumindest der
- 20:05Vertuschung zuschreibt. Dann haben wir als
- 20:07Prozessbeobachter doch ein riesiges juristisches Problem.
- 20:10Du beschreibst hier das schaffen von Alternativszenarien.
- 20:13Das ist ein extrem mächtiges Instrument in der
- 20:16Strafverteidigung. Weil es Zweifel sät.
- 20:18Richtig, die Verteidigung muss gar nicht beweisen, dass
- 20:21Christian D. Der Täter war.
- 20:23Sie muss dem Gericht lediglich begründete Zweifel an der
- 20:26alleinigen Täterschaft ihrer Mandantin präsentieren.
- 20:29Und wenn Gina h. In den Zeugenstand tritt und
- 20:32behauptet, Christian D. Sei tiefer involviert gewesen,
- 20:36vielleicht hat er sogar bei der Beseitigung der Spuren geholfen.
- 20:39Dann steht Aussage gegen Aussage.
- 20:41Und da Christian D. Dem Gericht durch seine falschen
- 20:44Angaben zur Beziehung bereits nachgewiesen hat, dass er zur
- 20:47Wahrung seiner eigenen Interessen lügt, wird das
- 20:50Gericht sehr, sehr genau abwägen müssen, wem es überhaupt noch
- 20:54glauben schenkt. Jeder Zweifel, den die
- 20:56Verteidigung an diesem 11. Prozesstag säen konnte, ist das
- 21:00Fundament für eine potenziell entlassene Aussage der
- 21:03Angeklagten in der Zukunft. OK.
- 21:06Wenn du als Zuhörer jetzt das Gefühl hast, in diesem Meer aus
- 21:10Widersprüchen, Halbwahrheiten und juristischen Taktiken den
- 21:14Überblick zu verlieren, lass uns das klar strukturieren.
- 21:17Wir filtern das Rauschen mal heraus, es gibt 5 essentielle
- 21:21Erkenntnisse dieses 11. Prozesstages, die für den
- 21:24weiteren Verlauf entscheidend sind.
- 21:25Fangen wir mit der ersten an. Erstens die digitale
- 21:29Beweisführung. Die forensische Auswertung
- 21:31widerlegt weite Teile der Darstellung des Zeugen über die
- 21:34rein platonische Natur der Beziehung.
- 21:36Diese nachweisbare Unehrlichkeit beschädigt seine allgemeine
- 21:40Glaubwürdigkeit enorm. Zweitens das Handymuster die
- 21:44Tatsache, dass das Telefon der Angeklagten am mutmaßlichen
- 21:47Tattag über Stunden ausgeschaltet war.
- 21:51Das ist ein für sie extrem untypisches Verhalten und wird
- 21:54durch die Angaben des Zeugen unabhängig bestätigt.
- 21:57Das stützt die Zeitleiste der Ermittler massiv.
- 22:00Drittens die Vorabinformationen. Es gab konkrete Alibi Absprachen
- 22:06und Hochverdächtige Google suchen nach Verwesungsprozessen
- 22:09bereits am 11. Oktober, das war Tage, bevor die
- 22:12Leiche offiziell gefunden wurde. Das beweist, dass beide
- 22:15Beteiligte ein massives Störgefühl oder eben konkretes
- 22:19Wissen über die Tat hatten. Viertens, und das ist das
- 22:22wichtigste Indiz der Anklage, die Ortskenntnis.
- 22:26Die Wegführung. Genau.
- 22:27Die Angeklagte führte den Zeugen am 13.
- 22:30Oktober zielstrebig im Dunkeln und bei Regen abseits der Wege
- 22:35direkt zu dem versteckten Fundort.
- 22:37Und Fünftens? Die Unterlassung.
- 22:39Beide Beteiligte Unterließen es nach dem Fund bewusst, die
- 22:42Polizei zu alarmieren. Dieses Schweigen aus reinem
- 22:45Selbstschutz führte dazu, dass Gina h.
- 22:47In derselben Nacht noch Gelegenheit hatte, weiter zu
- 22:49agieren. Und genau dieser Fakt bereitet
- 22:52den Boden für den nächsten Verhandlungstag.
- 22:54Denn am kommenden Dienstag wird Olaf K.
- 22:57In den Zeugenstand treten. Er ist der Mann, weil dem Gina
- 23:00h. Direkt nach der Flucht vom
- 23:02Tümpel abgesetzt wurde. Der sogenannte zweite
- 23:05Tümpelzeuge. Richtig, die Akten deuten stark
- 23:09darauf hin, dass sie noch in derselben Nacht mit ihm erneut
- 23:12zu der Stelle fuhr, um mutmaßlich das exakt gleiche
- 23:15Szenario. Der überraschenden Entdeckung
- 23:18ein zweites Mal zu inszenieren. Wenn er bestätigt, dass auch er
- 23:22gezielt dorthin geführt wurde, dann verfestigt sich das Muster
- 23:26der Staatsanwaltschaft. Die Angeklagte wusste, wo die
- 23:28Leiche lag und brauchte dringend einen scheinbar unbeteiligten
- 23:32Zeugen für das Auffinden. Ein sehr spannender Aspekt für
- 23:35die nächste Analyse. Wir.
- 23:36Haben diese heutige Analyse mit dem Bild des Abgelenkten
- 23:39Komposses begonnen? Du hast heute detailliert
- 23:42gesehen, was passiert, wenn ein Mensch in den Zeugenstand tritt
- 23:45und versucht, gleichzeitig bei der Aufklärung eines Mordes zu
- 23:48helfen und quasi im selben Atemzug das eigene Privatleben
- 23:52abzusichern. Das funktioniert in der Regel
- 23:55nicht. Nein, überhaupt nicht.
- 23:57Wenn wir in solchen komplexen Indizienprozessen auf die
- 24:00Aussagen von Menschen angewiesen sind.
- 24:02Bei denen sich Scham, Panik, Selbstschutz und Fakten zu einem
- 24:06untrennbaren Geflecht verbinden. Wieviel unverfälschte Wahrheit
- 24:10bleibt am Ende überhaupt noch übrig und vor allem reicht diese
- 24:13Wahrheit am Ende aus, um dem Opfer Gerechtigkeit zu
- 24:16verschaffen? Denk mal darüber nach, bis zur
- 24:19nächsten Untersuchung der Faktenlage bei Gedankengang.