Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 20
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- 0:01Kapitel 20 was sich nicht fügt die Geschichte begann, eine Form
- 0:06anzunehmen, und das war gefährlicher, als wenn sie keine
- 0:08gehabt hätte. Denn eine Geschichte ohne Form
- 0:11lässt einen schlafen und eine Geschichte, die fast steht, hält
- 0:14einen wach. Lena hatte jetzt 2 von dreien,
- 0:17sie zählte sie nachts, wie man Geld zählt, das nicht reicht,
- 0:20wieder und wieder, in der Hoffnung, dass es beim dritten
- 0:23Mal mehr würde, das erste Bein. Ihre Zahlen die 2 Karten der
- 0:27Spalt zwischen Formel und Ergebnis, das zweite Jasmin.
- 0:31Noch hatte sie das Heft nicht, noch lag es in einem Spind, aber
- 0:35sie hatte die Frau, die es führte, sie hatte die Stimme am
- 0:38Telefon, die ruhiger geworden war über die Wochen, das noch
- 0:41nicht, das langsam dünner wurde wie Eis, unter dem das Wasser
- 0:44arbeitet. Sie telefonierten jetzt
- 0:46regelmäßig. Sie und Jasmin vorsichtig in
- 0:50einer Sprache, die beide erst lernen mussten, die Sprache
- 0:53zweier Menschen, die einander vertrauen wollten und sich nicht
- 0:56trauten. Und Lena spürte mit dem Gehör,
- 0:58das sie für solche Dinge hatte, dass das Heft kommen würde,
- 1:01irgendwann, dass Jasmin sich von innen heraus dazu durchrang,
- 1:05Fall um Fall, dass die Frau die behandelte, indem sie schwieg,
- 1:09nicht mehr lange würde schweigen können.
- 1:12Es war seltsam, nach Monaten der Aussichtslosigkeit zum ersten
- 1:15Mal etwas zu haben, das einer Hoffnung ähnelte.
- 1:18Und Lena traute der Hoffnung nicht, weil sie gelernt hatte,
- 1:21dass Hoffnung in ihrem Beruf das gefährlichste war, gefährlicher
- 1:25als Verzweiflung die Verzweiflung machte vorsichtig,
- 1:28die Hoffnung machte schnell und Schnelligkeit kostete
- 1:31Geschichten, sie saß in der Redaktion, die jeden Monat
- 1:34dünner wurde und um sie herum starb das Blatt weiter in
- 1:37kleinen Dosen. Ein weiterer Tisch abgeräumt,
- 1:40eine weitere Rubrik gestrichen. Ein Praktikant, der nicht
- 1:43wiederkam. Brettschneider hatte seit dem
- 1:46Gespräch im Frühjahr nicht mehr gefragt, woran sie arbeite, und
- 1:50sein Nichtfragen war Beredter als jede Frage das Nichtfragen
- 1:53eines Mannes, der hoffte, dass sich das Problem von selbst
- 1:56erledigte, in dem die Reporterin aufgab oder die Zeitung starb,
- 2:00je nachdem, was zuerst kam. Aber sie gab nicht auf.
- 2:03Sie hatte 2 Beine und einen Rahmen, und das war mehr, als
- 2:07sie vor Monaten gehabt hatte, als sie nur ein Tropfen an einer
- 2:10Decke gewesen war. Ein Geräusch, das niemand sonst
- 2:12hörte. Jetzt hatte das Geräusch eine
- 2:15Form, es fehlte nur noch, dass die Form trug, und sie hatte
- 2:18seit einer Woche das Dritte, das sie nicht erwartet hatte, den
- 2:21Rahmen. Ihr Vater war gekommen, langsam
- 2:24die Treppe hoch, mit dem Gesicht eines Mannes, der etwas Schweres
- 2:28trug, und hatte ihr an ihrem Küchentisch erklärt, was
- 2:31halmstedt ihm erklärt hatte. In der ruhigen, ordnenden Art,
- 2:34die er hatte, wenn er etwas wirklich verstanden hatte.
- 2:38Er hatte ihr die 3 Schichten gezeigt, das saubere Gesetz, die
- 2:41schmutzige Verordnung, den Datenschutz, er hatte ihr
- 2:44gesagt, dass es einen Hebel gab, einen wirklichen juristischen,
- 2:48dass ein alter Richter bereit war, ihn zu bauen.
- 2:51Und dass der Hebel nichts wog ohne das, was sie hatte, und
- 2:54nichts ohne das, was ihr fehlte. 3 Beine hatte Theo gesagt, und
- 2:59sie hatte fast gelacht, weil sie das Bild seit Wochen selbst
- 3:01benutzte und weil es etwas tröstliches hatte, dass ein
- 3:04alter Verwaltungsrichter und eine Lokalreporterin, die nichts
- 3:07voneinander wussten, dasselbe Bild fanden von verschiedenen
- 3:10Enden und etwas Erschreckendes, weil es bedeutete, dass das Bild
- 3:14stimmte, dass die Sache wirklich auf 3 Beinen stand und nicht auf
- 3:17zweien, und dass 2 Beine eben kein Stuhl sind, sondern ein
- 3:20Sturz. Ihr Vater hatte anders
- 3:22ausgesehen, als er das erklärte. Anders als sonst.
- 3:26Nicht müde, nicht spöttisch, wach, fast jung, mit einem Glanz
- 3:30in den Augen, den sie seit marlenes Tod nicht mehr an ihm
- 3:32gesehen hatte. Es hatte sie erschreckt und
- 3:35gerührt zugleich, dass der alte Zyniker, der die Liste der
- 3:38leisen Verbesserungen aus Galgenhumor führte, der über
- 3:41jede Hoffnung spottete, bevor ein anderer sie aussprechen
- 3:45konnte, dass ausgerechnet er Feuer gefangen hatte an einer
- 3:48Sache, die ihn umbringen konnte. Sie sah sein Herz, sie sah die
- 3:51Pausen auf der Treppe, sie wusste, was es kostete, und sie,
- 3:55Lena, die Jung war und gesund und an den Beruf glaubte wie an
- 3:58eine Religion, die sie sonst nicht hatte, sie war diejenige,
- 4:01die müde war, ausgebrannt. Manchmal kurz davor, alles
- 4:05hinzuwerfen. Es war verkehrt herum, der alte
- 4:08brannte und die Junge erlosch und sie wusste nicht, was sie
- 4:11davon halten sollte, außer dass es vielleicht so sein musste,
- 4:14dass einer Feuer fing, wenn der andere ausging, damit das Feuer
- 4:18nicht ganz erlosch zwischen ihnen, das dritte Bein fehlte,
- 4:22der Bau, wie die Maschine wirklich rechnete, Schwarz auf
- 4:25weiß, die verborgene Spezifikation, der Beweis, dass
- 4:28die Verordnung etwas anderes tat als das Gesetz erlaubte.
- 4:32Ohne das war alles andere nur ein Verdacht in 2 gestalten.
- 4:35Ein statistischer und ein menschlicher und ein Verdacht,
- 4:38hat ihr Vater gesagt, mit den Worten Halmstedts war vor
- 4:41Gericht nichts schlimmer als nichts, er war ein Bumerang sie
- 4:46sie ging an den Bau, wie man an alles ging, von unten, von der
- 4:50Stadt her, vom konkreten. Vorher aber versuchte sie den
- 4:53geraden weg, weil man den geraden Weg versucht haben muss,
- 4:57bevor man die Umwege rechtfertigen kann und weil sie
- 5:00insgeheim hoffte, dass er sich als versperrt erweisen würde.
- 5:03Ein Nein wäre eine Auskunft gewesen, sie bekam kein nein,
- 5:07sie bekam etwas schlimmeres, sie erreichte im Ministerium einen
- 5:11Referenten, der zuständig war und freundlich und offenbar
- 5:14erleichtert, dass endlich jemand anrief, der sich für seine
- 5:17Arbeit interessierte. Er erklärte ihr die Verordnung
- 5:21gründlich in ganzen Sätzen mit den Paragraphen im Kopf.
- 5:25Er erklärte ihr die Ermächtigungsgrundlage und die
- 5:27Zweckbindung und den Umstand, dass die Datenhoheit beim Land
- 5:31liege und alles, was er sagte, war korrekt und geordnet und in
- 5:34einem Ton vorgetragen, in dem ein Mensch spricht, der seine
- 5:37Sache beherrscht 12 Minuten lang war Lena beeindruckt, dann
- 5:42stellte sie die Frage, die sie sich für den Schluss aufgehoben
- 5:44hatte, und sie stellte sie ganz einfach, ohne Falle.
- 5:47Wie die Gewichtung zustande komme, nicht welche Faktoren,
- 5:51das stehe ja auf der Folie, sondern wie die Zahlen dahinter
- 5:54entstanden seien, wer sie festgelegt habe, woraus es
- 5:58entstand. Eine Pause, in der Lena zum
- 6:00ersten Mal in ihrem Berufsleben hörte, wie ein Mensch am Telefon
- 6:04nicht auswich, sondern schlicht ins leere griff, das ist, sagte
- 6:09der Referent, das ist die fachliche Seite, und dann, nach
- 6:13einer weiteren Pause, die liegt beim Betreiber.
- 6:16Er sagte es ohne Verlegenheit, wie man eine Zuständigkeit nennt
- 6:19und in dem Moment Begriff Lena, dass er nicht mauerte.
- 6:22Er wusste es nicht, er hatte es nie gewusst.
- 6:25Es war nie sein Teil gewesen, er verwaltete den Rahmen eines
- 6:28Bildes, das er nicht gesehen hatte, und er verwaltete ihn
- 6:31ordentlich. Sie fragte, ob die Herleitung
- 6:34dem Land vorliege, er sagte, er gehe davon aus, sie fragte, ob
- 6:38er sie einsehen könne, er sagte, er werde nachfragen.
- 6:42Er rief 2 Tage später zurück, immer noch freundlich, und
- 6:45teilte ihr mit, die technischen Unterlagen seien beim
- 6:48Auftragnehmer hinterlegt und als Betriebsgeheimnis geschützt.
- 6:51Und er klang dabei ein wenig überrascht, als habe er selbst
- 6:54gerade etwas erfahren, das er nicht erwartet hätte.
- 6:57Lena legte auf und saß lange da, sie hatte mit Verschleierung
- 7:00gerechnet und Verschleierung wäre bequemer gewesen, denn
- 7:04Verschleierung hat einen Urheber, den man benennen kann,
- 7:07hier war niemand, es gab kein Zimmer in dem einer saß, der die
- 7:10Zahlen kannte und sie verschwieg.
- 7:12Es gab nur eine Kette von Leuten, die jeweils ihren
- 7:15Abschnitt beherrschten und den nächsten für zuständig hielten
- 7:18und am Ende der Kette lag ein Vertrag mit einem Unternehmen
- 7:22und in dem Unternehmen lag eine Datei und die Datei hatte
- 7:25niemand gelesen, weil niemand dafür bezahlt wurde, sie zu
- 7:28lesen. Das Land hatte sich eine
- 7:30Maschine gemietet und die Bedienungsanleitung nicht
- 7:33mitbestellt, irgendwo wurde diese Maschine gebaut.
- 7:37Eine Software allein war es nicht, das hatte sie verstanden.
- 7:40Es gab eine Infrastruktur, Rechner, Anlagen, etwas
- 7:43physisches, in dem die Stadt zu zahlen wurde, und physisches
- 7:46hatte. Lieferanten und Lieferanten
- 7:48hatten Verträge und Verträge mit der öffentlichen Hand waren,
- 7:51wenn man wusste, wo man suchte, nicht ganz unsichtbar, sie
- 7:54suchte sie, suchte in den Vergabebekanntmachungen, in den
- 7:58dürren Zeilen, die ein Land veröffentlichen muss, auch wenn
- 8:01es lieber Schwiege in den Auftragsregistern, in den
- 8:04Beteiligungen der Landesgesellschaft.
- 8:07Sie suchte, was sie immer suchte.
- 8:08Die Stelle, an der das Allgemeine konkret wurde, an der
- 8:11aus der Initiative eine Adresse wurde, eine Firma, ein Name.
- 8:16Sie hatte einen Vorteil, den die Großen nicht hatten, und sie
- 8:18wusste es, und an manchen Nächten war es das einzige, was
- 8:21sie aufrecht hielt, sie kannte die Stadt, sie kannte die
- 8:24Firmen, seit die Firmen kleiner gewesen waren.
- 8:27Sie wusste, wer hier präzisionsteile machte und wer
- 8:29Gehäuse und wer kühltechnik. Sie hatte über ihre Jubiläen
- 8:33geschrieben und über ihre Entlassungen, sie hatte die
- 8:35Namen in 20 Jahren Lokalteil hundertmal gesetzt.
- 8:39Und als sie die Vergaben neben ihr eigenes Wissen legte, so wie
- 8:42sie die Zuteilungen neben die Armut gelegt hatte, da trat ein
- 8:46Muster hervor, blass, aber da ein paar lokale Betriebe, die
- 8:50plötzlich landesaufträge hatten, größere als ihre Bücher es
- 8:53erklärten, Aufträge für Komponenten, für Systemtechnik,
- 8:57für Infrastrukturvorhaben des Landes in der glatten Sprache,
- 9:00die nichts sagte und alles verbarg.
- 9:02Sie verbrachte Nächte damit, das Geflecht zu entwirren.
- 9:05Die Beteiligungen, die Tochtergesellschaften, die
- 9:08Zweckgesellschaften mit den klangneutralen Namen, hinter
- 9:11denen sich verbarg, wer wem gehörte und wer für wen baute.
- 9:15Es war eine Arbeit, für die niemand sie bezahlte in einer
- 9:18Zeitung, die sie nicht drucken würde an einer Geschichte, die
- 9:21sie vielleicht nie erzählen durfte, und sie tat sie trotzdem
- 9:24mit der Verbissenheit, an der ihre Ehe zerbrochen war und die
- 9:27jetzt das einzige war, was die Geschichte am Leben hielt.
- 9:31Sie las Vergabevermerke, die so geschrieben waren, dass man nach
- 9:343 Sätzen nicht mehr wusste, worum es ging, und genau das,
- 9:37das hatte sie früh gelernt, war kein Versehen, sondern Methode.
- 9:41Wer nicht gefunden werden will, schreibt nicht falsch, er
- 9:44schreibt langweilig, er schreibt so öde, dass das Auge abrutscht,
- 9:48bevor es die Stelle erreicht, an der es wehtut, sie ließ das Auge
- 9:51nicht abrutschen. Sie las die öden Zeilen so wie
- 9:55ihr Vater Inschriften las, Wort für Wort gegen die Müdigkeit und
- 9:59unter der Langeweile ganz unten fand sie die Fäden dünn, aber da
- 10:03die von der Landesgesellschaft zu einem Dienstleister liefen,
- 10:06dessen Name nach nichts klang und von dem Dienstleister zu den
- 10:10Betrieben, die ihm zulieferten, die Komponenten bauten, die
- 10:13Systemtechnik, das Physische, in dem die Stadt zu zahlen wurde,
- 10:17einer der Namen war weit, sie kannte ihn.
- 10:20Präzisionsteile, Mittelstand, 80 Leute.
- 10:23Die Tochter hatte den Betrieb vom Vater Carla weit.
- 10:27Lena hatte vor Jahren über sie geschrieben, eine dieser
- 10:30Mittelstandsgeschichten, die stille Kraft der Region, und sie
- 10:33erinnerte sich an eine knappe, kantige Frau, die das Wort Kraft
- 10:36in der Überschrift gehasst und es ihr gesagt hatte, trocken,
- 10:39ohne Groll, eine, die nicht log, hatte Lena damals gedacht.
- 10:44Eine, die zu stolz war zum Lügen.
- 10:46Genau die dachte Sie jetzt, wenn eine wie die Mitbaute an der
- 10:49Maschine, dann wusste sie, was sie baute, und eine, die zu
- 10:52stolz war zum Lügen, war vielleicht auch eine, die das
- 10:55Schweigen nicht aushielt. Sie fuhr hinaus, zu weit an
- 10:59einem grauen Nachmittag, unter einem Vorwand, der keiner war
- 11:02und beides sein konnte, eine Geschichte über die lokale
- 11:06Wirtschaft, über die neuen Landesaufträge, darüber, wie es
- 11:09den Betrieben gehe mit der neuen Regierung.
- 11:12Es war ein Vorwand, mit dem man fischen konnte, ohne die Angel
- 11:16zu zeigen. Carla Veit empfing sie in einer
- 11:19Glaskanzel über der Halle und Lena erkannte sie wieder,
- 11:22kantiger noch als damals, das Gesicht einer Frau, die 2
- 11:26weitere Krisen überlebt hatte, mit einem Stück weniger Mensch
- 11:29und einem Stück mehr Härte unter ihnen lief die Halle, die
- 11:33Maschinen, die Späne, der Geruch von Öl und Metall und Lena, die
- 11:37mit dem Ohr arbeitete, hörte unter dem Lärm der Maschinen das
- 11:40andere. Das in jedem solchen Raum lag
- 11:43das, was nicht gesagt wurde. Sie begann harmlos, die
- 11:46Auftragslage, die Energie, die amerikanischen Zölle, von denen
- 11:50Lena wusste, dass sie die Branche fraßen.
- 11:53Carla antwortete knapp kaufmännisch, ohne ein Wort zu
- 11:56viel, eine Frau, die Interviews als Verlust verbuchte, als Zeit,
- 12:00die von der Halle abging und dann vorsichtig ließ Lena die
- 12:04Angel sinken, die Landesaufträge.
- 12:07Wie das Laufe mit der Landesgesellschaft?
- 12:09Ob die neue Initiative dem Mittelstand helfe, was man da so
- 12:13produziere für das Land. Und sie sah es geschehen, sie
- 12:16sah, wie die Frau erstarrte, es war fast nichts, ein Mensch, der
- 12:20nicht darauf trainiert war, hätte es übersehen, aber Lena
- 12:23war darauf trainiert, das war ihr Beruf, das einzige, was ihr
- 12:26geblieben war, zu sehen, wann ein Gesicht eine Tür zuschlägt.
- 12:30Carla Veits Gesicht schlug eine Tür zu.
- 12:33Die Hände, die auf dem Tisch gelegen hatten, ruhig
- 12:36kaufmännisch, wurden noch ruhiger, zu ruhig die Stille
- 12:39einer Hand, die sich zwingt, nicht zu verraten, was im
- 12:42Inneren Rast. Lena kannte diese Stille, sie
- 12:45hatte sie an sich selbst, sie hatte sie an Jasmin gesehen, an
- 12:49jedem, der etwas trug, das zu schwer war zum Aussprechen.
- 12:52Wir produzieren Präzisionsteile, sagte Carla, und ihre Stimme war
- 12:57glatt geworden, geschliffen, eine Oberfläche, an der die Hand
- 13:00abrutschte. Was am Ende daraus wird, ist
- 13:03nicht mein Geschäft. Ich mache teile, ich frage
- 13:06nicht, wo sie hingehen, es war eine Lüge, nicht in den Worten,
- 13:10in den Worten war es wahrscheinlich wahr.
- 13:12Ein Zulieferer fragte nicht, es war eine Lüge im Ton, in der
- 13:15Schnelligkeit, mit der sie kam, in der Glätte, die zu glatt war.
- 13:19Lena hörte es so deutlich, wie sie das Räuspern im Landtag
- 13:22gehört hatte, wie sie brettschneiders Nervosität
- 13:25gehört hatte. Dass ich frage nicht, wo sie
- 13:27hingehen hier dasselbe bedeutete wie.
- 13:29Es gibt Gespräche wie es ist nichts gesagt worden, ein Satz,
- 13:33der nicht log, um die Wahrheit zu sagen, sondern um sie
- 13:36zuzuhalten. Diese Frau wusste, wo die Teile
- 13:38hingingen, diese Frau wusste genau, wo sie hingingen und
- 13:41diese Frau würde es nicht sagen und mehr noch, diese Frau litt
- 13:44darunter, dass sie es wusste, das war es, was Lena verwirrte,
- 13:48was nicht ins Bild passte, dass sie sich gemacht hatte.
- 13:50Sie war hergefahren mit der Erwartung, eine Mitschuldige zu
- 13:53finden, eine, die Mitbaute und gut daran verdiente und es vor
- 13:57sich selbst rechtfertigte. Eine, der man das Schweigen
- 14:00abkaufen oder abbringen musste. Was sie fand, war eine Frau, die
- 14:04das Schweigen nicht als Schutz trug, sondern als Strafe, die
- 14:07nicht log, weil die Lüge ihr nützte, sondern weil die
- 14:10Wahrheit etwas zerstören würde, an dem sie hing, die Firma, die
- 14:1480 Leute, das, was von ihr übrig war nach 2 Krisen und einem
- 14:18dritten Geschäft, das sie nicht mehr los wurde.
- 14:20Lena kannte solche Gefangenschaften sie saß selbst
- 14:24in einer in einer sterbenden Zeitung, gehalten von einem
- 14:27Anzeigenkunden, der nervös war, sie hätte die Frau hassen
- 14:30wollen. Es wäre einfacher gewesen, eine
- 14:32Schuldige zu hassen, und sie konnte es nicht, weil sie in dem
- 14:35kantigen, verschlossenen Gesicht etwas erkannte, das sie aus dem
- 14:38Spiegel kannte, einen Menschen, der das richtige sah und das
- 14:42falsche Tat, weil das Richtige zu teuer war.
- 14:45Lena versuchte es noch vorsichtig, ohne die Angel zu
- 14:48zeigen. Ein 2 Fragen mehr, ein Tasten an
- 14:51der zugeschlagenen Tür, aber die Tür blieb zu.
- 14:55Carla Veith wurde Einsilbiger, Kühler, sah auf die Uhr, hatte
- 14:58zu tun, die Halle wartete, sie schob Lena hinaus, höflich, mit
- 15:02der Höflichkeit, die das Gegenteil von Offenheit ist und
- 15:05an der Tür der Kanzel im Hinausgehen sah Lena sie noch
- 15:08einmal an, und für einen Moment, einen einzigen war in dem
- 15:11kantigen Gesicht etwas anderes als Abwehr, etwas, das Lena.
- 15:15Nicht gleich benennen konnte und dass ihr erst auf der Fahrt
- 15:18zurückkam. Nicht Feindseligkeit, Schmerz.
- 15:22Die Frau hatte nicht ausgesehen wie jemand, der etwas verbarg,
- 15:25weil es ihm nützte. Sie hatte ausgesehen wie jemand,
- 15:28der etwas verbarg, das ihm weh tat, das war das Bein, dachte
- 15:31Lena, während sie zurückfuhr durch die graue Stadt.
- 15:34Das war das dritte Bein. Sie hatte es gefunden, sie hatte
- 15:37es gesehen, in einer Glaskanzel über einer Werkhalle, und sie
- 15:40konnte es nicht haben. Es saß hinter dem Gesicht einer
- 15:43Frau, die zu stolz war zum Lügen und es trotzdem tat, weil die
- 15:46Wahrheit sie etwas kostete, das Lena nicht kannte.
- 15:50Die Story stand auf 2 Beinen und einem Schmerz, den eine Fremde
- 15:53nicht hergab, sie bekam Vosswinkel an diesem Nachmittag
- 15:56ans Telefon, für 7 Minuten, weil sein Büro einer Lokalzeitung 7
- 16:01Minuten gab, wenn sie schriftlich anfragte und
- 16:03geduldig war. Sie hatte die 7 Minuten anders
- 16:06geplant, dann hörte sie sich die Frage stellen, die sie nicht
- 16:09hatte stellen wollen, weil kablers Satz ihr seit dem
- 16:12Mitschnitt im Ohr saß. Ob er den Satz seines
- 16:15Landesvorsitzenden teile, dass wer erst seit 3 Jahren hier sei,
- 16:19eben danach komme. Es entstand keine Pause, das war
- 16:23das Erste, was sie sich notierte, ein Mensch, den eine
- 16:27Frage überrascht macht, eine Pause.
- 16:29Vosswinkel antwortete sofort freundlich mit der Geläufigkeit
- 16:32eines Mannes, der diese Frage seit Monaten mehrmals
- 16:35wöchentlich bekommt und für sie einen Absatz hat, wie eine
- 16:38Schublade. Herr Kabler spricht die Sprache,
- 16:41die die Leute an seinen Veranstaltungen sprechen, sagte
- 16:44er, ich spreche die, die zu meiner Aufgabe gehört, das ist
- 16:47keine Meinungsverschiedenheit, Frau Brandt, das ist
- 16:50Arbeitsteilung, sie schreiben ja auch anders für ihre Zeitung,
- 16:53als sie mit Ihrem Vater sprechen.
- 16:56Und bevor sie nachsetzen konnte, war er schon weiter.
- 16:58Und das war das geschickte daran, dass er nicht abwehrte,
- 17:01sondern anbot. Die Initiative enthält kein
- 17:04Kriterium der Staatsangehörigkeit, keines, das
- 17:07können sie nachlesen, es ist veröffentlicht, wenn ihnen
- 17:10jemand etwas anderes erzählt, dann prüfen Sie es und schreiben
- 17:14Sie mir, wo es steht, und ich sehe es mir persönlich an.
- 17:17Lena schrieb mit und wusste, während sie mitschrieb, dass
- 17:20jeder einzelne Satz stimmte und dass sie trotzdem gerade belogen
- 17:23wurde und dass sie nicht würde zeigen können, wo und wenn ich
- 17:27ihnen sage, versuchte sie es, dass es Kriterien gibt, die
- 17:30nicht veröffentlicht sind, dann sagen sie mir bitte welche es
- 17:34klang beinahe interessiert sehen Sie Frau Brandt, ich kenne diese
- 17:38Sorte Vorwurf. Er kommt immer, wenn eine
- 17:41Regierung etwas Neues macht, und er kommt vor allem von Stellen,
- 17:44die selbst Interessen haben, von Instituten, die Fördermittel
- 17:47brauchen, von Verbänden, die für ihre Mitglieder sprechen, von
- 17:50einem Amt, das eine Oppositionspartei jahrelang mit
- 17:53nachrichtendienstlichen Mitteln bearbeitet hat und dem ein
- 17:56Gericht, das inzwischen untersagt hat, eine winzige
- 18:00korrekte Pause. Ich sage nicht, dass sie so eine
- 18:03Stelle sind, ich sage, dass ich es gewohnt bin, bringen sie mir
- 18:06ein Dokument, und wir reden über das Dokument.
- 18:09Bringen Sie mir ein Gefühl, dann reden wir über Gefühle und dabei
- 18:13kommt selten etwas heraus. Sie legte auf und saß da und
- 18:17musste sich eingestehen, dass sie das Gespräch verloren hatte
- 18:21und mehr noch, dass er in 4 von 5 Punkten recht gehabt hatte.
- 18:25Er hatte Kabler nicht verteidigt, er hatte ihn auch
- 18:27nicht fallen lassen, er hatte etwas viel Besseres getan.
- 18:31Er hatte ihn eingeordnet, wie man einen Wetterumschwung
- 18:34einordnet, als Naturerscheinung, für die niemand verantwortlich
- 18:37ist, und war dann höflich zur Sache zurückgekehrt zwischen den
- 18:40beiden Männern lag kein Zentimeter Distanz und es gab
- 18:43kein Zitat, mit dem sich das belegen ließ, man kann nicht
- 18:46drucken, dass jemand nicht widersprochen hat, dachte Lena,
- 18:49man kann nur wissen, dass er es nicht getan hat, und daran
- 18:52allein hat noch nie eine Story gehangen, sie wusste nicht, wie
- 18:56sie an dieses Bein kommen sollte.
- 18:58Das war die Wahrheit, mit der sie an diesem Abend nach Hause
- 19:00kam. In die leere Wohnung, in der die
- 19:02Ehe gewesen war und jetzt die Arbeit war.
- 19:05Dass die Story sich formte und blockierte zugleich, dass sie 2
- 19:08Beine und einen Rahmen hatte und ein drittes Bein, das sie sehen,
- 19:12aber nicht greifen konnte, und dass zwischen dem Sehen und dem
- 19:15Greifen eine Mauer stand, die aus dem Schweigen einer
- 19:18einzelnen Frau gemacht war. Und während sie das dachte, lief
- 19:22im Hintergrund das Radio. Wie immer, weil die Stille in
- 19:25der leeren Wohnung schlimmer war als jede Nachricht und das Radio
- 19:28sprach in dem ruhigen Ton, in dem es die größten Dinge sprach,
- 19:32von den Dingen, die draußen geschahen, jenseits der Stadt,
- 19:35jenseits der Story, und Lena hörte mit halbem Ohr und merkte
- 19:39erst nach und nach, dass das, was sie hörte, kein gewöhnlicher
- 19:42Abend war. Im Osten ging etwas zu Ende.
- 19:45Das sagten sie jetzt offen. Nicht mehr als Möglichkeit, als
- 19:48Prognose, als geschehen. Der Krieg, dessen Linien 3 Jahre
- 19:52lang festgestanden hatten, bewegte sich, riss in großen,
- 19:56unübersichtlichen Stücken, und niemand wusste, was nachkam.
- 20:00Nur, dass es kam. Dass eine Ordnung, die ein
- 20:02halbes Jahrhundert gehalten hatte, ihre Form verlor.
- 20:06Und aus dem Westen von Jenseits des Ozeans kamen die anderen
- 20:10Nachrichten, die seit Monaten dunkler wurden, von einer Macht,
- 20:13die an sich selbst zweifelte, von Bündnissen, die Wankten, von
- 20:17einer Frage, die niemand laut zu stellen wagte, und alle
- 20:20stellten, was geschah, wenn der Schirm, unter dem dieses Land 70
- 20:24Jahre gestanden hatte, sich schloss.
- 20:26Lena saß in der Dunkelheit mit der blockierten Story und dem
- 20:29dritten Bein, dass sie nicht greifen konnte, und hörte zu,
- 20:33wie die Welt draußen sich verschob.
- 20:35Und sie spürte mit dem Gehör, das nie log, dass das, was kam,
- 20:38größer war als ihre Story. Dass die Stürme, von denen das
- 20:42Radio sprach, auf die Stadt Zuliefen und dass sie auf die
- 20:45Stadt Zuliefen, in genau dem Moment, in dem die Stadt am
- 20:48wenigsten gerüstet war, sie zu tragen, mit einer Regierung, die
- 20:51jeden Sturm als Vorwand nehmen würde, die Schlinge enger zu
- 20:54ziehen, mit einer Maschine, die nur darauf wartete, dass die
- 20:57Angst groß genug wurde, um auch die letzten Hemmungen
- 21:00wegzurechnen sie kannte das Muster.
- 21:03Nicht aus Büchern wie ihr Vater, sondern aus 20 Jahren
- 21:06Lokalredaktion. Dass die schlimmsten Dinge nie
- 21:09in der Krise selbst geschahen, sondern in dem, was man aus der
- 21:12Krise machte. Eine Flut, ein Brand, ein
- 21:16Unglück und am nächsten Tag stand in der Verwaltung jemand
- 21:18auf, der gewusst hatte, dass das käme und der jetzt durchsetzte,
- 21:22was er ohne die Flut nie durchgesetzt hätte.
- 21:25Die Angst war das beste Werkzeug, das eine Regierung
- 21:27haben konnte. Besser als jeder Befehl, weil
- 21:30die Angst die Menschen selbst nach dem härteren Rufen ließ,
- 21:32freiwillig, erleichtert, dankbar.
- 21:35Und Lena hörte unter dem ruhigen Ton des Radios, dass die Angst
- 21:39kam, dass sie schon unterwegs war aus dem Osten und aus dem
- 21:42Westen zugleich. 2 Wetterfronten, die auf dieselbe
- 21:45Stadt Zuliefen und dass die Stadt sie empfangen würde, nicht
- 21:49mit Widerstand, sondern mit dem Aufatmen eines Menschen, dem
- 21:52endlich jemand sagte, jetzt werde durchgegriffen.
- 21:56Sie hatte es im Landtag gesehen, in der Wahlnacht den Hund in den
- 21:59Leuten, der Aufsprang, wenn man ihm den Namen sagte.
- 22:02Der Hund würde wieder aufspringen, er wartete nur auf
- 22:05den Sturm. Es war das Ende des Frühlings,
- 22:08draußen wurde es wärmer, die Bäume standen voll, die Stadt
- 22:11richtete sich ein im verlockenden Maß, das jetzt fast
- 22:14normal war, fast bequem, fast schön, aber Lena, die das Leck
- 22:19hörte, hörte unter der Wärme das andere.
- 22:22Dass das verlockende Maß nur die Stille vor dem Riss war, dass
- 22:25irgendwo im Osten und im Westen und in einer Glaskanzel über
- 22:28einer Werkhalle das Wasser schon stieg, dass die Decke
- 22:31durchweichen würde und dass der Sommer, der jetzt kam, kein
- 22:35Sommer der Wärme sein würde, sondern der Sommer, in dem
- 22:37alles, was sich im Frühling so leise gefügt hatte, mit einem
- 22:40Mal nicht mehr zusammenpasste, so wenig wie ihre 2 Karten
- 22:43zusammenpassten, so wenig wie das, was die Stadt sich
- 22:46erzählte, zu dem passte, was mit ihr geschah.
- 22:49Sie schloss den Rechner nicht, sie ließ ihn an die 2 Karten
- 22:52leuchteten in der Dunkelheit und daneben in einer neuen Datei,
- 22:55stand jetzt ein dritter Name, den sie noch nicht hatte, und
- 22:58schon kannte. Sie ließ das Licht brennen, die
- 23:01kleine Insel, und draußen verschob sich die Welt und Lena
- 23:05wartete hellwach auf das Geräusch, das den Sommer kippen
- 23:08würde und diesmal, anders als in der Wahlnacht, wusste sie schon,
- 23:12dass es kommen würde, sie wusste nur noch nicht, wie laut.