Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Neuntes Hauptstück - 606-613
Transcript
- 0:00Unterkapitel 606 Begierde nach tiefem Schmerz hier analysiert
- 0:07Nietzsche das Wesen der großen Leidenschaft.
- 0:09Er beobachtet, dass eine starke Leidenschaft, selbst wenn sie
- 0:12vorbei ist, Spuren hinterlässt. Sie hinterlässt eine dunkle
- 0:16Sehnsucht nach sich selbst, auch wenn die Leidenschaft
- 0:19verschwindet, werfen wir ihr noch einen verlockenden Blick
- 0:22hinterher. Nietzsche fragt sich, warum das
- 0:25so ist. Er kommt zu dem Schluss, dass
- 0:28selbst der Schmerz, den die Leidenschaft verursacht hat,
- 0:30eine Art von Lust gewesen sein muss.
- 0:33Er benutzt das Bild der Geißel, also einer Peitsche, es muss uns
- 0:38irgendwie gefallen haben, von der Leidenschaft geschlagen
- 0:40worden zu sein. Der Grund dafür liegt in der
- 0:43Alternative, die mäßigen, ruhigen Empfindungen, die nach
- 0:46der Leidenschaft folgen, erscheinen uns oft Schal und
- 0:49langweilig, der Mensch sonitsche zieht oft sogar ein heftiges
- 0:54Unlustgefühl. Also einen starken Schmerz einer
- 0:57matten, Kraftlosen Lust vor. Wir wollen lieber intensiv
- 1:01fühlen, auch wenn es wehtut als nur schwach und langweilig zu
- 1:04empfinden. Unterkapitel 607 Unmut über
- 1:10andere und die Welt in diesem Unterkapitel erklärt Nietzsche
- 1:15ein psychologisches Phänomen, dass wir oft im Alltag erleben.
- 1:19Wir ärgern uns über andere Menschen, obwohl der eigentliche
- 1:22Grund für unseren Ärger bei uns selbst liegt.
- 1:25Nietzsche beschreibt es so. Wir lassen unseren Unmut häufig
- 1:29an anderen aus. Eigentlich sind wir aber
- 1:31unzufrieden mit uns selbst. Warum tun wir das?
- 1:35Nietzsche sagt, Wir wollen damit unser eigenes Urteil vernebeln
- 1:38und uns selbst täuschen, wir wollen nicht wahrhaben, dass wir
- 1:42uns geirrt haben oder dass wir selbst einen Fehler gemacht
- 1:45haben. Stattdessen suchen wir Gründe im
- 1:48Nachhinein, lateinisch a posteriori warum wir wütend
- 1:52sind. Wir konzentrieren uns auf die
- 1:55Fehler und Mängel der anderen Personen.
- 1:57Dadurch lenken wir uns davon ab, unsere eigenen Fehler zu sehen.
- 2:01Wir verlieren uns selbst aus den Augen.
- 2:04Nietzsche kritisiert in diesem Zusammenhang besonders streng
- 2:06religiöse Menschen. Er sagt, dass diese Menschen,
- 2:10die sich selbst gegenüber sehr harte Richter sind, gleichzeitig
- 2:13diejenigen waren, die über die Menschheit im Allgemeinen am
- 2:16schlechtesten geredet haben. Er stellt fest, dass es den
- 2:20typischen Heiligen, der sich selbst alle Sünden zuschreibt
- 2:23und anderen alle Tugenden lässt, in der Realität nie gegeben hat.
- 2:27Das ist eine Illusion, genauso wenig gab es jemals den
- 2:31Menschen, der nach den Regeln des Buddhismus sein Gutes
- 2:34versteckt und nur sein Schlechtes zeigt.
- 2:37Wir neigen dazu, unseren inneren Ärger nach außen zu projizieren,
- 2:40um unser Selbstbild zu schützen. Unterkapitel 608 Ursache und
- 2:47Wirkung verwechselt. Nietzsche spricht hier über eine
- 2:51große Selbsttäuschung, die wir fast unbewusst vollziehen.
- 2:54Es geht um das Verhältnis zwischen unserem Charakter und
- 2:57unseren Überzeugungen, wir suchen uns unbewusst genau die
- 3:01Grundsätze, Lehrmeinungen oder Prinzipien aus, die zu unserem
- 3:05Temperament passen, wenn wir diese dann angenommen haben,
- 3:08drehen wir die Geschichte um, es sieht dann so aus, als hätten
- 3:12diese Grundsätze unseren Charakter geformt und uns halt
- 3:15gegeben. Wir tun so, als wären unsere
- 3:17Prinzipien die Ursache für unser Wesen.
- 3:20In Wahrheit, so Nietzsche, ist es genau umgekehrt unser Wesen,
- 3:25unser Charakter war zuerst da, unser Charakter ist die Ursache
- 3:29dafür, dass wir überhaupt so denken und urteilen, wie wir es
- 3:32tun. Wir suchen uns die Prinzipien,
- 3:34die zu uns passen, warum spielen wir uns selbst diese Akkomödie
- 3:38vor? Nietzsche nennt 3 Gründe,
- 3:42Trägheit, Bequemlichkeit und vor allem Eitelkeit.
- 3:46Wir möchten gerne als Menschen erscheinen, die fest und
- 3:48beständig sind, die aus einem Guss sind in ihrem Wesen und
- 3:53denken, wenn wir so wirken, als hätten wir feste Prinzipien, die
- 3:56uns formen, dann verschafft uns das Achtung, Vertrauen und macht
- 4:01bei anderen Menschen. Wir täuschen also Kausalität,
- 4:05Ursache und Wirkung vor, um besser da zu stehen unter
- 4:09Kapitel 609 Lebensalter und Wahrheit.
- 4:16Nietzsche beschreibt hier, wie sich unser Verhältnis zur
- 4:18Wahrheit im Laufe des Lebens verändert.
- 4:21Er unterscheidet dabei 3 Phasen. Junge Leute lieben vor allem das
- 4:25interessante und das Absonderliche, ihnen ist es
- 4:28dabei oft egal, ob eine Sache wahr oder falsch ist.
- 4:31Solange sie nur spannend oder ungewöhnlich ist.
- 4:34Reifere Geister, also Menschen in einem etwas
- 4:36fortgeschritteneren Alter, lieben an der Wahrheit vor allem
- 4:39das, was daran interessant oder besonders ist.
- 4:42Sie suchen also immer noch den Reiz, in der Wahrheit erst die
- 4:46ganz ausgereiften Köpfe, die älteren und weisen Menschen
- 4:49lieben die Wahrheit auch dort, wo sie schlicht und einfach
- 4:52erscheint, sie schätzen die Wahrheit selbst dann, wenn sie
- 4:55für den gewöhnlichen Menschen langweilig wirkt.
- 4:58Sie haben nämlich bemerkt, dass die Wahrheit an sich das höchste
- 5:01ist, was der Geist besitzen kann, diese höchste Form des
- 5:05Geistes zeigt sich oft in einer sehr einfachen, bescheidenen Art
- 5:08und Weise, sozusagen mit der Miene der Einfalt.
- 5:12Unterkapitel 610, die Menschen als schlechte Dichter in diesem
- 5:19Abschnitt vergleicht Nietzsche das Leben der Menschen mit der
- 5:22Arbeit von schlechten Dichtern. Ein schlechter Dichter hat oft
- 5:26schon die erste Zeile eines Verses geschrieben und sucht nun
- 5:29krampfhaft nach einem Reim für die zweite Zeile.
- 5:32Der Gedanke wird dabei von der Notwendigkeit bestimmt, einen
- 5:35Reim zu finden, anstatt frei zufließen.
- 5:38Ähnlich verhalten sich Menschen in der zweiten Lebenshälfte.
- 5:41Nietzsche sagt, sie werden ängstlicher.
- 5:44Sie versuchen krampfhaft, Handlungen, Anstellungen oder
- 5:47Verhältnisse zu finden, die zu ihrem früheren Leben passen.
- 5:51Alles soll äußerlich zusammenklingen wie ein Reim in
- 5:53einem Gedicht. Das Problem dabei ist, ihr Leben
- 5:57wird nicht mehr von einem starken, ursprünglichen Gedanken
- 6:00beherrscht und immer wieder neu bestimmt, stattdessen wird ihr
- 6:04Leben nur noch von der Absicht geleitet, dass alles
- 6:07zusammenpasst, dass man einen Reim findet.
- 6:10Sie verlieren die kreative Kraft, ihr Leben neu zu
- 6:13gestalten und verwalten nur noch die Vergangenheit.
- 6:15Damit es harmonisch aussieht. Unterkapitel 611 Langeweile und
- 6:23Spiel Nietzsche analysiert hier den Ursprung des Spiels und der
- 6:28Langeweile und verbindet beides mit der Arbeit.
- 6:32Zuerst zwingt uns das Bedürfnis, zum Beispiel Hunger zur Arbeit,
- 6:36wir arbeiten, um dieses Bedürfnis zu stillen.
- 6:39Doch wenn wir immer wieder arbeiten, gewöhnen wir uns
- 6:42daran. Die Arbeit selbst wird zu einem
- 6:44Bedürfnis in den Pausen, wenn wir eigentlich satt sind und
- 6:48unsere ursprünglichen Bedürfnisse gestillt haben,
- 6:50überfällt uns plötzlich die Langeweile.
- 6:53Was ist diese Langeweile? Nietzsche erklärt sie als die
- 6:57Gewöhnung an die Arbeit. Wir haben jetzt ein neues
- 7:00Bedürfnis entwickelt, das Bedürfnis zu arbeiten, tätig zu
- 7:04sein, wenn wir nichts zu tun haben, leiden wir darunter.
- 7:08Um dieser Langeweile zu entgehen, gibt es 2 Wege.
- 7:12Entweder arbeitet der Mensch weiter, obwohl er eigentlich
- 7:15schon genug hat, um seine Bedürfnisse zu decken, oder er
- 7:19erfindet das Spiel, das Spiel ist im Grunde nichts anderes als
- 7:22Arbeit, die kein anderes Bedürfnis stillt als das
- 7:25Bedürfnis nach Arbeit selbst. Wir spielen, um tätig zu sein,
- 7:29wenn jemandem das Spiel überdrüssig wird und er keinen
- 7:32Grund zur Arbeit hat, weil er satt ist, dann kann ein dritter
- 7:35Zustand eintreten. Dieser Zustand verhält sich zum
- 7:38Spiel so wie das Schweben zum Tanzen oder das Tanzen zum
- 7:41Gehen. Es ist eine selige, ruhige
- 7:44Bewegtheit, dies ist die Vision, die Künstler und Philosophen vom
- 7:47Glück haben, ein Zustand jenseits von Arbeit, Spiel und
- 7:51Langeweile, Unterkapitel, 612, Lehre aus Bildern Nietzsche lädt
- 7:59uns zu einem Gedankenexperiment ein.
- 8:02Wenn man eine Reihe von Bildern von sich selbst betrachtet, die
- 8:04von der späten Kindheit bis zur Reife des Mannes reichen, macht
- 8:08man eine interessante Entdeckung.
- 8:10Man stellt fest, dass der erwachsene Mann dem Kind
- 8:12ähnlicher sieht als dem Jugendlichen, das bedeutet, dass
- 8:16es im Jugendalter eine Phase gab, in der man sich von seinem
- 8:19eigentlichen Grundcharakter entfernt hat.
- 8:22Nietzsche nennt das eine zeitweilige Alination, also eine
- 8:25Entfremdung in der Jugend zerren viele Einflüsse an uns.
- 8:29Leidenschaften, Lehrer, politische Ereignisse.
- 8:33Wir werden hin und hergerissen. Doch später, wenn wir reifer
- 8:37werden, gewinnt die gesammelte Kraft unseres Wesens wieder die
- 8:40Oberhand. Wir kehren zu unserem festen Maß
- 8:43zurück, die Einflüsse der Jugend wirken zwar in uns fort, aber
- 8:47sie bestimmen uns nicht mehr allein unser grundlegendes
- 8:50Empfinden und denken setzt sich wieder durch, die Jugend war
- 8:54eine stürmische Zeit der Ausnahmen und Einflüsse von
- 8:57außen. Aber das Mannesalter kehrt zur
- 8:59eigentlichen Natur zurück, die schon im Kind sichtbar war.
- 9:03Das äußere die Bilder, spiegelt also diese innere Entwicklung
- 9:07wider. Unterkapitel, 613, Stimmklang,
- 9:12der Lebensalter, hier geht es um die Art und Weise, wie Menschen
- 9:17in verschiedenen Lebensaltern sprechen und wie das auf andere
- 9:20wirkt, wenn Jugendliche reden, egal ob sie loben, tadeln oder
- 9:25dichten. Gefällt das älteren Menschen oft
- 9:27nicht. Der Ton der Jugend ist ihnen zu
- 9:30laut, aber gleichzeitig dumpf und undeutlich.
- 9:33Nietzsche vergleicht diesen Ton mit dem Schall in einem leeren
- 9:36Gewölbe, weil der Jugend noch die Fülle der eigenen Natur und
- 9:40Erfahrung fehlt, klingt alles hohl und hallend, was sie sagen,
- 9:44kommt nicht wirklich aus ihnen selbst, sondern ist oft nur ein
- 9:48Nachklang von dem, was sie in ihrer Umgebung gehört haben.
- 9:52Da ihre Gefühle, Neigung und Abneigung viel stärker sind als
- 9:55die Gründe, die sie dafür haben, entsteht dieser dumpfe Ton.
- 9:59Es fehlt die Substanz, ein Kennzeichen der Jugend ist es,
- 10:03dass viel Lärm um wenig Inhalt gemacht wird.
- 10:06Ganz anders ist der Ton des reiferen Alters, er ist streng,
- 10:10kurz angebunden und mäßig laut, aber er trägt sehr weit, weil
- 10:14alles deutlich artikuliert, also klar ausgesprochen und
- 10:18durchdacht ist. Wenn man schließlich ins
- 10:20Greisenalter kommt, wird der Ton oft wieder milder und
- 10:24nachsichtiger. Nietzsche sagt, er wird
- 10:27Verzuckert, in manchen Fällen kann das Alter den Ton aber auch
- 10:31versäuern.