Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 26
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- 0:01Kapitel 26 der gegebene Zeitpunkt sie kam in der dritten
- 0:06Stunde der Nachtschicht und Jasmin wusste noch, bevor sie
- 0:10den Namen auf dem Übergabezettel las, dass es eine von denen sein
- 0:13würde, die zu spät kamen. Das war eine Erfahrung, die man
- 0:16nicht lernte, sondern die sich in die Hände setzte über Jahre.
- 0:20Man hörte den Rettungsdienst auf dem Flur, man hörte die
- 0:23Geschwindigkeit, mit der die Trage geschoben wurde, das
- 0:26Gehetzte Halblaufen der Sanitäter und man wusste, bevor
- 0:29man das Gesicht sah, in welchem Zustand der Mensch war, der
- 0:32gleich durch die Tür kam. Jasmin stand am Stützpunkt, die
- 0:36Hände schon im Handschuh, und in ihr stellte sich jene Ruhe ein,
- 0:40die keine Ruhe war, sondern ihr Gegenteil kontrolliert.
- 0:43Eine Anspannung, die sie gelernt hatte zu glätten, damit die
- 0:46Hände nicht zitterten, wenn es darauf ankam.
- 0:48Die Frau auf der Trage war grau, nicht blass, grau mit der
- 0:52Färbung eines Menschen, dessen Herz die Lunge volllaufen lässt,
- 0:55dessen Blut nicht mehr genug Sauerstoff durch den Körper
- 0:57bringt. Und ihr Atem war das, was Jasmin
- 0:59am wenigsten ertrug, weil es das Eindeutigste war, dieses nasse,
- 1:03rasselnde Ringen, bei dem die Brust arbeitete wie ein
- 1:06Blasebalg gegen einen Widerstand, der von innen kam.
- 1:09Das Brodeln der Flüssigkeit in den Bronchien, die sich mit
- 1:11jedem Atemzug ein Stück höher schob, Lungenödem.
- 1:15Das Herz, das nicht mehr pumpte, staute das Blut zurück und die
- 1:18Lunge ertrank an dem, was das Herz nicht mehr fortschaffte
- 1:22Jasmin sah es in 2 Sekunden und ihre Hände begannen zu arbeiten,
- 1:26bevor ihr Kopf den Befehl gab. Sie kannte die Choreographie,
- 1:30Oberkörper hoch, Sauerstoff, Zugang, das Monitorkabel auf die
- 1:34graue Haut, die unter ihren Fingern kalt und feucht war, der
- 1:38Schweiß eines Körpers, der gegen den eigenen Untergang kämpft.
- 1:41Die Kurven sprangen auf den Schirm und die Zahlen, die sie
- 1:44zeigten, waren die Zahlen eines Menschen am Rand, der Sauerstoff
- 1:48im Keller, der Puls zu schnell und schon unregelmäßig der Druck
- 1:52der Wegsackte der Arzt war da, die Anordnungen kamen.
- 1:56Das Medikament, das dem Herzen Wasser nahm, das andere, das den
- 2:00Druck halten sollte, und Jasmin setzte es um, präzise, mit der
- 2:04Klarheit, die in solchen Momenten alles andere aus ihr
- 2:07verdrängte, die Müdigkeit, die Angst, dass ich in der Krise
- 2:11war, Jasmin nur noch Hände und Blick und die nächste richtige
- 2:14Handlung, das war ihre Stärke, das war ihre Zuflucht.
- 2:17Es war eine seltsame Gnade, diese Verengung, wenn ein Mensch
- 2:21unter ihren Händen starb oder zu sterben drohte, wurde die Welt
- 2:24klein und scharf, schrumpfte auf das Bett, den Monitor, die Haut
- 2:28unter den Fingern, und in dieser Verengung gab es keinen Platz
- 2:31mehr für die Müdigkeit der dritten Nachtschicht in Folge
- 2:33für die Station, die seit Monaten zu wenige waren für die
- 2:36Kollegin, die diese Woche gekündigt hatte, weil sie nicht
- 2:39mehr konnte, für all das. Röckeln, das Jasmins Beruf umgab
- 2:42wie ein Putz, der von den Wänden fiel.
- 2:44In der Krise fiel das alles weg, es gab nur den Körper und das,
- 2:48was er brauchte, und Jasmins Hände, die wussten, was zu tun
- 2:51war, schneller als ihr Kopf sie hatte diesen Beruf gewählt oder
- 2:55er hatte sie gewählt wegen genau dieser Klarheit, dass es einen
- 2:59Ort gab, an dem die Fragen aufhörten, an dem man nicht
- 3:02abwägen musste, woher jemand wirklich kam oder was er wert
- 3:05war, an dem nur eine Frage zählte, die ehrlichste, die es
- 3:08gab. Was hält diesen Menschen am
- 3:10Leben und wie schnell kann ich es tun?
- 3:13Erst als die erste Welle gebrochen war, als die Frau für
- 3:16einen Moment etwas weniger ertrank, Las Jasmin den Namen
- 3:20Roth Petra, geboren vor 52 Jahren.
- 3:24Und dann las sie in der Eile, in den Sekunden, die ihr blieben,
- 3:28während der Arzt die nächste Anordnung gab, die wenigen
- 3:30Zeilen der Vorgeschichte, die der Notarzt übergeben hatte und
- 3:34in diesen Zeilen stand das, was Jasmin das Blut in den Fingern
- 3:37gefrieren ließ, nicht aus Überraschung, sondern aus dem
- 3:40Gegenteil von Überraschung, aus dem furchtbaren Wiedererkennen,
- 3:43eine Herzklappe, hochgradig verengt seit über einem Jahr
- 3:46bekannt, ein geplanter Eingriff, der diese Klappe hätte ersetzen
- 3:50sollen, ein Eingriff, der dreimal verschoben worden war.
- 3:53Zum gegebenen Zeitpunkt, Jasmin hatte das in ihr Heft
- 3:56geschrieben, Fall um Fall über Monate.
- 4:00Sie hatte gewusst, dass es so kommen würde, theoretisch in der
- 4:03kühlen Sprache, der Wahrscheinlichkeit, dass ein
- 4:06System, das planbare Eingriffe nach einem Wert verschiebt,
- 4:09irgendwann einen Menschen so lange verschiebt, bis das
- 4:12Planbare in das akute kippt und das akute zu spät ist.
- 4:16Sie hatte es gewusst, aber wissen war eine Sache und die
- 4:19graue Frau unter ihren Händen war eine andere.
- 4:22Und zwischen beidem lag der ganze Abgrund zwischen einer
- 4:24Zahl in einem Heft und einem Menschen, der ertrank.
- 4:28In ihrem Heft stand Petra Roth schon, ohne dass Jasmin es
- 4:31gewusst hätte, nicht mit Namen, aber als Typ, als Muster, als
- 4:34die Sorte Fall, die sie seit Monaten sammelte, alt genug, arm
- 4:38genug, krank genug, um nach unten zu rutschen und mit einer
- 4:41Diagnose, bei der das Rutschen tödlich war.
- 4:44Sie hatte solche Verläufe vorausgesehen.
- 4:47In der Theorie hatte sie sich ausgemalt, an stillen Nächten
- 4:50fast wie eine Drohung, die sie vor sich selbst aussprach, um
- 4:54sich zu rüsten, aber nichts an dieser kühlen Vorwegnahme hatte
- 4:58sie auf das vorbereitet, was es bedeutete, die Theorie unter den
- 5:02eigenen Händen atmen zu hören, nass und Ringend, mit einem
- 5:05Gesicht, das Grau war und das einmal jung gewesen sein musste,
- 5:09mit Händen, die Schwielig waren von einem Leben Arbeit.
- 5:13Die Statistik hatte ein Gesicht bekommen und das Gesicht rang
- 5:16nach Luft. Und das war der Moment, in dem
- 5:18Jasmin Begriff, dass ihr Heft bisher nur ein halbes Ding
- 5:21gewesen war, eine Sammlung, eine Vorbereitung und dass es jetzt
- 5:25etwas anderes werden musste, denn das war es, was sich Jasmin
- 5:29in diesem Moment mit den Händen an Petra Roths Körper zum ersten
- 5:33Mal ganz erschloss, und es war kein raffinierter Gedanke, es
- 5:36war ein stumpfer, dass niemand diese Frau abgewiesen hatte,
- 5:40niemand. Jetzt, in diesem Augenblick in
- 5:43der Notaufnahme im Akutfall, bekam Petra Roth alles.
- 5:46Das Beste, das schnellste, jede Hand, jedes Medikament, das
- 5:50ganze Arsenal der Intensivmedizin, ohne Frage nach
- 5:53einem Wert, ohne Liste, ohne Score, weil der Notfall heilig
- 5:56war, weil im Notfall niemand sortierte, weil die Triage des
- 5:59akuten nur eine einzige Frage kannte.
- 6:01Wer ist am Kränksten, Wer kommt zuerst hier, am Ende war Petra
- 6:05Roth ganz oben auf der Liste, man warf ihr alles hinterher,
- 6:08nur war es jetzt zu spät. Das war der Witz, der keiner
- 6:11war. Die saubere, höfliche
- 6:13Grausamkeit der ganzen Konstruktion.
- 6:16Man hatte ihr den planbaren Eingriff, der sie vor einem Jahr
- 6:19gerettet hätte, an dem Tag, an dem er noch Routine gewesen
- 6:22wäre, eine Sache von Stunden, ein gutes Ergebnis in fast jedem
- 6:25Fall, man hatte ihr diesen Eingriff verweigert, indem man
- 6:29ihn nie verweigerte, indem man ihn nur verschob zum gegebenen
- 6:32Zeitpunkt, immer wieder, bis die Klappe so eng war, dass das Herz
- 6:35dahinter aufgab, und jetzt, wo das Herz aufgab, bekam sie
- 6:39endlich alles. Die ganze teure heroische
- 6:41Akutmedizin, die ein Bruchteil der Kosten des verschobenen
- 6:44Eingriffs an einem einzigen Tag verbrannte und ihn nichts mehr
- 6:47retten konnte, weil man ein Herz, das ein Jahr gegen eine
- 6:50verschlossene Klappe gearbeitet hat, nicht in einer Nacht
- 6:54zurückholte. Sie hatten sie nicht sterben
- 6:57lassen, Sie hatten sie warten lassen, bis das warten sie
- 6:59tötete, und dann hatten sie alles getan.
- 7:02Jasmin spürte den Zorn aufsteigen heiß, und sie tat mit
- 7:06ihm, was sie mit allem tat, was die Hände hätte zittern lassen.
- 7:09Sie schob ihn weg, hinunter dahin, wo sie ihn später wieder
- 7:12hervorholen würde, wenn die Arbeit getan war.
- 7:15Jetzt war keine Zeit für Zorn, jetzt war nur Zeit für die
- 7:18nächste richtige Handlung, es half nichts.
- 7:22Sie taten alles und es half nichts.
- 7:24Und das war das schwerste an dieser Arbeit.
- 7:26Das, was niemand Verstand, der sie nicht tat, nicht das Sterben
- 7:29der Menschen, an die man nichts mehr hatte wenden können,
- 7:32sondern das Sterben derer, an die man alles wandte, mit jeder
- 7:35Faser, mit dem ganzen können, das man in Jahren erworben hatte
- 7:39und die einem trotzdem unter den Händen wegglitten, weil der
- 7:42Punkt, an dem man sie hätte halten können, Monate zurücklag,
- 7:45an einem Tag, an dem niemand um ihr Bett gestanden hatte.
- 7:49Jasmin hatte das schon zu oft erlebt, um sich Illusionen zu
- 7:52machen und zu oft, als dass es sie kalt gelassen hätte.
- 7:55Das war die Spanne, in der ihr Beruf sie hielt zwischen dem
- 7:58Wissen und dem Nichtgewöhnen. Sie wusste in dem Moment, in dem
- 8:02das Herz in das Flimmern fiel, wie wahrscheinlich es war, dass
- 8:05sie diese Frau zurückholten. Und die Wahrscheinlichkeit war
- 8:08klein. Sie war für jeden im Raum klein,
- 8:11der die Zahlen auf dem Schirm lesen konnte, und trotzdem taten
- 8:14sie weiter, alle mit voller Kraft, weil das die Regel war
- 8:18und mehr als die Regel, weil man einem Menschen die Anstrengung
- 8:21schuldet, auch wenn die Anstrengung verloren ist, weil
- 8:23der Tag, an dem ein Team aufhört, sich anzustrengen,
- 8:26solange noch eine Minute Hoffnung ist.
- 8:28Der Tag ist, an dem es aufhört. Und ein Team zu sein, das man
- 8:31rufen will, wenn man selbst auf der Trage liegt.
- 8:34Also drückten sie und beatmeten und Gaben, und Jasmin zählte,
- 8:38und der Körper unter ihren Händen blieb, was er war, ein
- 8:41Körper, der sich nicht mehr füllte.
- 8:43Das Herz fiel in einen Rhythmus, der keiner war, ein Flimmern und
- 8:47dann in den Stillstand und die Choreographie wechselte, wurde
- 8:51härter körperlicher. Die Wiederbelebung, das drücken,
- 8:54bei dem Jasmin das Brechen unter ihren Händen spürte, das immer
- 8:57kam, dass man nie gewöhnte, der Brustkorb einer
- 9:00zweiundfünfzigjährigen Frau unter dem Gewicht ihrer eigenen
- 9:03Hand ballen. Sie zählte, sie wechselte, der
- 9:06Schweiß lief ihr in die Augen und auf dem Schirm blieb die
- 9:09Linie, was sie war, und der Arzt gab das Medikament und noch
- 9:12eines und sie drückten weiter, lange länger als die Hoffnung,
- 9:16weil man bei einer Zweiundfünfzigjährigen nicht
- 9:17früh aufgibt, weil man bei einer Zweiundfünfzigjährigen alles
- 9:20ausschöpft, jede Minute, die die Leitlinie kennt und noch ein
- 9:24Paar darüber. Und irgendwann in der Stille
- 9:27zwischen 2 Anordnungen, in der jeder im Raum schon wusste, was
- 9:30noch keiner aussprach, hob der Arzt den Blick und sah auf die
- 9:33Uhr. Und Jasmin sah, wie er den Mund
- 9:36öffnete, um die Zeit zu nennen, und sie wusste, was kommen
- 9:39würde. Das einzige, was am Ende noch
- 9:41kam, die Nüchternste endgültigste Form, in der ein
- 9:44Mensch aufhört, ein Datum, eine Uhrzeit, eine Zahl, sie hörte
- 9:48die Zeit nicht. Sie hatte in dem Moment, in dem
- 9:51klar war, dass es vorbei war, getan, was sie immer tat.
- 9:54Das Einzige, was ihr blieb, wenn die Medizin nichts mehr konnte,
- 9:58sie hatte aufgehört zu drücken und stattdessen Petra Roths Hand
- 10:02genommen, die graue, kalte, schwielige Hand einer Frau, die
- 10:05ihr Leben lang gearbeitet hatte, und sie hielt sie fest mit
- 10:08beiden Händen, damit dieser Mensch, der zwischen Fremden
- 10:11starb, unter Schläuchen und Kabeln und dem grellen Licht in
- 10:15der letzten Sekunde, in der vielleicht noch etwas ankam,
- 10:18etwas Warmes spürte. Eine Hand, die hielt.
- 10:21Es war keine Behandlung, es stand in keiner Leitlinie, es
- 10:25war das, was Jasmin für das eigentliche ihres Berufs hielt,
- 10:28das, was übrig blieb, wenn alles andere versagt hatte, dass kein
- 10:32Mensch allein gehen sollte, dass eine Hand da sein sollte bis
- 10:35zuletzt. Sie hatte viele Hände gehalten,
- 10:38das Gehörte zu ihrem Beruf, mehr als die meisten ahnten, die
- 10:41glaubten, Pflege sei Schläuche und Medikamente ein guter Teil
- 10:44davon war dies das Halten einer Hand am Ende, und Jasmin hatte
- 10:48gelernt, es zu tun, ohne dabei selbst zu zerbrechen, hatte eine
- 10:51Art innere Wand gebaut, hinter der sie das eigene Wegschloss,
- 10:54damit sie da sein konnte, für den anderen ganz die Wand hielt,
- 10:58fast immer bei dieser Hand hielt sie nicht, es war nicht die
- 11:01schwielige Haut, nicht das Alter, nicht einmal das Gesicht.
- 11:05Es war das Wissen, das Jasmin hatte, und dass die meisten, die
- 11:08eine sterbende Hand halten, nicht haben.
- 11:10Dass dieser Tod kein Schicksal war, kein Verlauf, den niemand
- 11:14hatte aufhalten können, sondern das Ergebnis einer Reihe von
- 11:17Entscheidungen, die andere getroffen hatten, an
- 11:19Schreibtischen ruhig bei Tageslicht, lange bevor diese
- 11:23Frau auf ihrer Trage lag. Sie hielt die Hand einer Frau,
- 11:26die nicht hätte sterben müssen und durch die Wand, die sonst
- 11:28hielt, sickerte etwas kaltes, dass kein Zorn mehr war und
- 11:32keine Trauer, sondern eine Klarheit, hart wie Metall über
- 11:35das, was sie von nun anzutun hatte.
- 11:38Sie hielt die Hand, bis sie spürte, wie das Letzte aus ihr
- 11:41wich, jene Veränderung, die keinen Namen hat und die man
- 11:44unter den Fingern erkennt, das Übergehen von einem Menschen in
- 11:47einen Körper und dann noch eine Weile darüber hinaus, weil man
- 11:51eine solche Hand nicht sofort loslässt.
- 11:54Sie schrieb es auf in dieser Nacht noch, als die Station
- 11:57wieder still war und der Körper der Petra Rot gewesen war,
- 12:01fortgebracht und das Bett neu bezogen für den nächsten, der zu
- 12:04spät kommen würde. Sie saß im Stützpunkt im Licht
- 12:08der Nachttischlampe mit ihrem Heft, dem Schwarzen, das sie
- 12:11führte, seit sie begriffen hatte, dass das Aufschreiben das
- 12:14einzige war, was sie der Maschine entgegensetzen konnte,
- 12:17und sie schrieb mit der präzisen knappen Hand, die sie für ihre
- 12:20Aufzeichnungen hatte, den schwersten Eintrag, den sie je
- 12:23geschrieben hatte. Sie schrieb nicht, was sie
- 12:26fühlte. Gefühle gehörten nicht in dieses
- 12:28Heft, sie schrieb, was nachweisbar war, weil nur das
- 12:31nachweisbare zählte, den Namen, das Alter, die Diagnose,
- 12:36hochgradige Aortenklappenstenose, das Datum
- 12:39der Erstdiagnose, die Indikation zum geplanten Klappenersatz, die
- 12:443 Verschiebungen mit ihren Daten, mit den Formulierungen,
- 12:47die sie aus der Akte abschrieb, Wort für Wort, Priorisierung,
- 12:51Kapazität zum gegebenen Zeitpunkt die.
- 12:53Die Dekompensation, die Aufnahme im Akkuzustand, die Reanimation,
- 12:58die Zeit des Todes. Es war eine Kette, das war es,
- 13:01was Jasmin, als sie es niederschrieb, mit kalter
- 13:04Klarheit erkannte. Es war eine lückenlose,
- 13:06nachweisbare Kette von der ersten Diagnose über jede
- 13:10Verschiebung bis zu der Zahl auf der Uhr, und jedes Glied war
- 13:13dokumentiert in der Akte, im System, in den höflichen
- 13:16Briefen, die irgendwo in einer Schublade in einer
- 13:19Plattenbauwohnung lagen. Niemand hatte diese Frau
- 13:21getötet. Das war die Verteidigung, die
- 13:23sie schon hören konnte, sauber, untadelig, niemand habe etwas
- 13:27unterlassen, jede Verschiebung sei begründet, jede
- 13:30Priorisierung regelkonform, der Tod ein tragischer
- 13:33Krankheitsverlauf, und es war eine Lüge, eine Lüge, die sich
- 13:37aus lauter wahren Einzelteilen zusammensetzte.
- 13:40Und Jasmin hielt in ihrer Hand in diesem Heft das Werkzeug, mit
- 13:44dem man die Lüge auseinandernehmen konnte, Glied
- 13:47für Glied. Sie kannte die Sprache, in der
- 13:50diese Lüge sich kleidete, weil sie selbst in ihr arbeitete,
- 13:53jeden Tag. Es war eine Sprache, die nie
- 13:56etwas tat, sondern in der die Dinge geschahen, in der niemand
- 13:59verschob, sondern Termine sich verschoben, in der niemand
- 14:02entschied, dass ein Mensch warten musste, sondern eine
- 14:05Priorisierung, eine Reihenfolge ergab.
- 14:08Es war eine Sprache ohne Subjekt, sorgfältig gebaut,
- 14:11damit am Ende niemand die Hand gewesen war, die den Stein ins
- 14:14Rollen brachte. Jasmin hatte gelernt, diese
- 14:18Sprache zu lesen, wie man eine zweite Sprache lernt mit der
- 14:21Zeit, und sie wusste, dass ihre ganze Glätte einem einzigen
- 14:24Zweck diente, dem das am Ende einer Kette von Verschiebungen,
- 14:28an deren Ende ein Toter lag, niemand zu finden war, den man
- 14:32hätte fragen können, warum. Das Heft war ihre Antwort
- 14:35darauf, das Heft hatte Subjekte, es benannte, was die glatte
- 14:39Sprache verschwieg. Dass jede Verschiebung eine
- 14:41Entscheidung war von einem Menschen mit einem Namen, und
- 14:44dass die Summe dieser Entscheidungen eine Frau getötet
- 14:47hatte, die hochgradige Aortenklappenstenose hatte und
- 14:50einen Sohn und schwielige Hände und einen Anspruch auf den
- 14:53Eingriff, den man ihr schuldig geblieben war.
- 14:56Sie hatte sich lange klein gemacht, das war ihre Art
- 14:58gewesen zu überleben in einer Stadt, in der man sie neuerdings
- 15:02fragte, woher sie wirklich komme in einem Beruf, in dem das
- 15:05bleiben schon ein Kampf war. Den Kopf unten, die Arbeit tun,
- 15:10nicht auffallen, nicht die Frau sein, die Ärger macht.
- 15:13Sie war einmal verwarnt worden, weil sie eine Regel gebogen
- 15:16hatte, um zu helfen, und sie hatte gelernt, vorsichtig zu
- 15:19sein, vorsichtig sein hieß Schweigen dokumentieren, ja
- 15:23heimlich für sich, aber schweigen.
- 15:26Sie wusste jetzt in dieser Nacht mit der Hand, in der sie noch
- 15:29die Kälte der anderen Hand spürte, dass das Schweigen
- 15:31vorbei war, nur. Nicht aus Mut.
- 15:34Jasmin misstraute dem Mut, der war billig, der kostete den, der
- 15:37ihn lobte, Nichts, sondern aus etwas klarerem, Härterem, das
- 15:42mit ihrem Beruf zu tun hatte. Sie hatte Begriffen an Petra
- 15:46Roths Bett, dass Schweigen in ihrem Beruf keine Vorsicht war,
- 15:49sondern eine Entscheidung, eine behandlungsentscheidung wer
- 15:52dokumentierte, was er sah, und es dann in einer Schublade ließ,
- 15:56der traf eine Wahl über die nächste, die kommen würde, die
- 15:59zu spät kommen würde, weil niemand das vorige laut gesagt
- 16:02hatte. Schweigen war nicht neutral.
- 16:05Schweigen tötete weiter, leise, höflich, eine nach der anderen.
- 16:09Das war die Erkenntnis, die alles drehte, und sie kam Jasmin
- 16:12nicht als Eingebung, sondern als das, was sie war, eine
- 16:15medizinische Einsicht, dass es im Pflegeberuf keine neutrale
- 16:19Handlung gibt, dass das Nichtstun genauso eine Handlung
- 16:22ist wie das tun mit genauso bestimmbaren Folgen, dass ein
- 16:25unterlassener Handgriff einen Menschen ebenso töten kann wie
- 16:28ein falscher. Man hatte ihr das beigebracht im
- 16:30ersten Jahr als Prinzip mit einem Wort aus dem Recht.
- 16:33Garantenstellung. Die Pflicht dessen, der für
- 16:35einen anderen einsteht, auch durch das, was er unterlässt.
- 16:38Sie hatte es immer auf den Körper bezogen, auf das Bett,
- 16:40auf die Schicht. Jetzt bezog sie es auf das Heft,
- 16:43wenn sie wusste, was sie wusste und schwieg, dann stand sie in
- 16:46der Kette, dann war sie ein Glied wie die an den
- 16:49Schreibtischen, dann unterließ sie etwas, das einen nächsten
- 16:52Menschen das Leben kosten würde. Die Garantenstellung hörte nicht
- 16:56am Rand der Station auf, das hatte ihr niemand gesagt im
- 16:59ersten Jahr, aber es folgte aus allem, was sie gelernt hatte,
- 17:03mit der Strenge eines Schlusses, dem man nicht entkommt.
- 17:06Sie schlug das Heft zu, und sie traf die Entscheidung nicht in
- 17:09einem großen Moment mit Pathos, mit einem Schwur.
- 17:13Jasmin hatte für so etwas keinen Sinn, sie traf sie, wie sie
- 17:16alles traf, nüchtern, als die nächste richtige Handlung in
- 17:20einer langen Reihe, sie würde aussagen, vollständig.
- 17:24Sie würde der Journalistin, die sie kannte, dieser Lena Brandt
- 17:28mit dem genauen, müden Gesicht, die ihr am Küchentisch eines
- 17:31alten Mannes zugehört hatte, das Heft geben.
- 17:34Alles die Namen, die Daten, die Kette, und sie würde, wenn es so
- 17:38weit kam, vor jeder Stelle, die fragte mit ihrem Namen dafür
- 17:41einstehen, was sie gesehen hatte, auch wenn es sie die
- 17:43Stelle kostete, die Sicherheit, den unauffälligen Platz, den sie
- 17:47sich so mühsam gehalten hatte. Draußen wurde es hell, ein
- 17:51dünnes, graues Sommerlicht über den Dächern der Stadt, und
- 17:54Jasmin saß noch einen Moment mit dem geschlossenen Heft unter der
- 17:58Hand und spürte in ihren Fingern die Erinnerung an eine andere
- 18:01Hand. Eine, die sie nicht hatte halten
- 18:03können, lang genug, weil andere lange vor ihr an einem
- 18:07Schreibtisch bei besserem Licht entschieden hatten, dass diese
- 18:10Hand warten konnte, sie würde diese Hand nicht vergessen, sie
- 18:13würde dafür sorgen, dass jemand sie zählte.