Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 2- 104-107
Transcript
- 0:00Unterkapitel 104 vom Klange der deutschen Sprache
- 0:05Zusammenfassung des Inhalts Nietzsche analysiert den Klang
- 0:10der deutschen Sprache. Er meint, das moderne
- 0:13Schriftdeutsch sei aus den Kanzleien, also den
- 0:15Verwaltungsbüros der Höfe, entstanden.
- 0:18Die Menschen ahmten diesen offiziellen Stil nach, um
- 0:21vornehm zu wirken, dadurch sei die geschriebene Sprache
- 0:24wichtiger geworden als die Gesprochene.
- 0:27Und diese Ziererei und Vornehmtuerei sei zur Grundlage
- 0:31der gemeinsamen deutschen Sprache geworden.
- 0:33Er beschreibt, wie die Sprache früher eher bäuerisch Klang und
- 0:37dann durch den Einfluss romanischer Sprachen veredelt
- 0:39wurde. Heute aber beobachtet er eine
- 0:42neue, schreckliche Entwicklung, die Deutschen beginnen, einen
- 0:46Klangzauber nachzuahmen, der eine Gefahr für die Sprache sei,
- 0:50es ist ein höhnischer, kalter, gleichgültiger Ton in der
- 0:53Stimme, den Nietzsche als Offizierdeutsch bezeichnet.
- 0:57Der preußische Offizier sei der Erfinder dieses Tons, obwohl der
- 1:01Offizier als Militär eigentlich bescheiden sei, wirke er, sobald
- 1:04er spricht, als die Unbescheidenste und
- 1:06geschmackloseste Figur Europas die deutschen Sunnitsche
- 1:11bewundern diesen Ton und ahmen ihn nach.
- 1:14Besonders schlimm sei der laute, befehlende Tonfall, der nun in
- 1:17den Städten herrsche. Er fragt sich, ob die Deutschen
- 1:20wirklich ein musikalisches Volk sein können, wenn sie sich
- 1:23sprachlich so militarisieren. Er befürchtet, dass sie bald
- 1:27nicht nur militärisch sprechen, sondern auch militärisch
- 1:30schreiben werden. Einfache Erklärung hier
- 1:36kritisiert Nietzsche den Klang und die Melodie der deutschen
- 1:39Sprache seiner Zeit, er sieht eine unheilvolle Entwicklung
- 1:43nach der Reichsgründung 1871 und dem Aufstieg Preußens orientiert
- 1:48sich die Gesellschaft am preußischen Militär, der
- 1:51Schneidige, Befehlende und oft arrogante Ton des Offiziers wird
- 1:55zum Vorbild. Nietzsche, der ein extrem feines
- 1:58Gehör für sprachliche Nuancen hatte, empfindet diesen Klang
- 2:02als Unmusikalisch, kalt und anmaßend.
- 2:06Er hört darin einen Mangel an Wärme und Gefühl, für ihn ist
- 2:10Sprache Musik und der Klang der deutschen Sprache wird durch
- 2:13diesen neuen Tonfall hässlich und hart, er macht sich Sorgen,
- 2:16dass dieser Sprachstil auch das Denken beeinflussen wird, wenn
- 2:20die Sprache militärisch wird, so seine Befürchtung, werden es
- 2:23auch die Gedanken. Es ist eine Kulturkritik, die
- 2:27sich am Klang der Sprache festmacht.
- 2:30Er trauert einer Natürlicheren Melodiöseren und weniger von
- 2:33preußischer Härte geprägten Sprache nach.
- 2:37Unterkapitel 105 die Deutschen als Künstler Zusammenfassung des
- 2:44Inhalts Nietzsche beschreibt den Charakter der Deutschen, wenn
- 2:49sie in Leidenschaft geraten. Anders als andere Völker, die
- 2:53vielleicht auch in der Leidenschaft noch eine gewisse
- 2:55Form waren, benimmt sich der Deutsche dann ungeschickt und
- 2:58hässlich. Er denkt nicht mehr an sein
- 3:00Benehmen, nur wenn es ihm gelingt, sich ins Erhabene und
- 3:04entzückte zu steigern, dann, so Nietzsche, wird sogar der
- 3:08Deutsche schön, er meint, dass die deutschen Künstler genau
- 3:12diese Ahnung haben, dieses Wissen darum, dass die Schönheit
- 3:16für sie erst auf einer extremen Höhe erreichbar ist.
- 3:19Treibe sie in die Höhe und Überhöhe und in die
- 3:22Ausschweifungen der Leidenschaft.
- 3:24Ihr tiefes Verlangen, sei es, über die eigene Hässlichkeit und
- 3:27Ungeschicktheit Hinauszukommen, hinzu einer besseren,
- 3:31leichteren, südlicheren und sonnenhafteren Welt ihre
- 3:35künstlerischen Krämpfe, so schließt er, seien oft nur
- 3:38Anzeichen dafür, dass sie tanzen möchten, er nennt sie arme
- 3:43Bären, in denen versteckte Nymphen und waldgötter ihr Wesen
- 3:46treiben. Und mitunter noch höhere
- 3:48Gottheiten. Einfache Erklärung dieser
- 3:54Abschnitt ist eine Mischung aus Kritik und einer fast
- 3:56liebevollen Beschreibung des deutschen Wesens, in der Kunst.
- 4:00Nietzsche sieht die Deutschen als ein Volk, dem die natürliche
- 4:03Anmut und Leichtigkeit fehlt, die er zum Beispiel bei den
- 4:06Italienern oder Franzosen bewundert, wenn ein Deutscher
- 4:09leidenschaftlich wird, verliert er die Kontrolle und wird
- 4:12formlos, doch genau aus diesem Mangel.
- 4:16Entsteht in der Kunst eine besondere Kraft?
- 4:18Der deutsche Künstler, so Nietzsche, strebt mit aller
- 4:21Macht nach einer Schönheit, die ihm von Natur aus nicht gegeben
- 4:26ist. Er muss sich zu ihr
- 4:27Hinaufkämpfen dieses verzweifelte Streben nach dem
- 4:31Schönen, nach einer südlicheren Welt ist für Nietzsche die
- 4:35treibende Kraft der deutschen Kunst, zum Beispiel in der Musik
- 4:39das Bild vom Tanzenden Bären ist berühmt geworden.
- 4:43Der Bär ist von Natur aus schwerfällig und ungelenk, aber
- 4:46in ihm steckt eine Sehnsucht nach Tanz und Leichtigkeit.
- 4:49Die Nymphen und Waldgötter die deutsche Kunst ist für Nietzsche
- 4:53dieser tanzende Bär, äußerlich vielleicht ungeschickt und
- 4:57krampfhaft, aber innerlich von einer tiefen Sehnsucht nach
- 5:00Schönheit und Erlösung erfüllt, Unterkapitel 106 Musik als
- 5:06Fürsprecherin, Zusammenfassung des Inhalts.
- 5:12Ein neuerer, also jemand mit neuen Gedanken, spricht zu
- 5:16seinem Schüler. Er sagt, er habe Durst nach
- 5:19einem Meister der Tonkunst, der seine Gedanken in Musik
- 5:21übersetzen könne, damit sie den Menschen besser zu Ohr und
- 5:24Herzen dringen. Mit Tönen könne man die Menschen
- 5:27zu jedem Irrtum und jeder Wahrheit verführen, denn wer
- 5:31könne schon einen Ton widerlegen.
- 5:33Der Schüler fragt daraufhin, also möchtest du für
- 5:36Unwiderlegbar gelten, der neuerer antwortet, er möchte,
- 5:41dass sein Gedanke. Der Keim zu einem Baum wird
- 5:45damit eine Lehre zu einem Baum wird, muss sie eine Zeitlang
- 5:48geglaubt werden. Sie muss für Unwiderlegbar
- 5:51gelten. Ein Keim werde immer nur
- 5:54vernichtet, aber niemals widerlegt.
- 5:57Als der Schüler das hört, ruft er begeistert, aber ich glaube
- 6:01an deine Sache und halte sie für so stark, dass ich alles sagen
- 6:04werde, was ich noch gegen sie auf dem Herzen habe.
- 6:08Der Neuerer lacht und sagt, diese Art von Jüngerschaft sei
- 6:11die Beste. Aber sie sei auch gefährlich und
- 6:14nicht jede Lehre vertrage sie. Einfache Erklärung in diesem
- 6:20Dialog in Form einer Parabel erklärt Nietzsche die Macht der
- 6:23Musik und die Natur des Glaubens, der Neuerer ist ein
- 6:27Philosoph wie Nietzsche selbst. Er hat neue radikale Ideen, die
- 6:32aber rein verstandesmäßig schwer zu vermitteln sind, sie sind
- 6:36widerlegbar, er sehnt sich nach der Musik.
- 6:39Weil Musik nicht argumentiert, sondern direkt auf das Gefühl
- 6:42wirkt. Musik kann eine Idee
- 6:45unwiderlegbar machen, indem sie ihr eine emotionale Kraft
- 6:48verleiht, gegen die der Verstand machtlos ist.
- 6:52Eine Idee, die von Musik getragen wird, wird nicht mehr
- 6:55analysiert, sondern gefühlt und geglaubt.
- 6:59So kann aus einem kleinen Gedanken Keim eine mächtige
- 7:02Weltanschauung Baum werden, der Schüler versteht das sofort.
- 7:07Seine Reaktion nun erst recht alle Gegenargumente vorbringen
- 7:11zu wollen, zeigt, dass er ein wahrer starker Schüler ist.
- 7:15Er will die Lehre nicht einfach blind glauben, sondern sie auf
- 7:18die härteste Probe stellen. Ein Gedanke, der solch eine
- 7:22kritische Prüfung übersteht, ist wirklich stark der neuerer
- 7:26Nietzsche freut sich darüber, denn er sucht keine blinden
- 7:30Anhänger, sondern starke Geister, die seine Lehre nicht
- 7:33nur annehmen, sondern sich an ihr Messen und durch sie
- 7:36wachsen. Unterkapitel 107 Unsere letzte
- 7:42Dankbarkeit gegen die Kunst. Zusammenfassung des Inhalts Dies
- 7:49ist eines der berühmtesten Kapitel des Buches.
- 7:52Nietzsche argumentiert, dass wir der Kunst unsere letzte und
- 7:55tiefste Dankbarkeit Schulden, ohne die Kunst, so meint er,
- 7:59wäre die Einsicht, die uns die Wissenschaft heute gibt, gar
- 8:02nicht auszuhalten. Die Wissenschaft zeige uns
- 8:05nämlich die allgemeine Unwahrheit und Verlogenheit der
- 8:08Welt. Sie decke auf, dass vieles, was
- 8:10wir für wahr halten, nur ein Wahn und Irrtum ist, der aber
- 8:14eine notwendige Bedingung unseres Lebens ist.
- 8:17Diese Redlichkeit der Wissenschaft würde uns in den
- 8:20Ekel und den Selbstmord treiben, wenn wir nicht eine Gegenmacht
- 8:23hätten. Diese Gegenmacht ist die Kunst.
- 8:28Nietzsche nennt sie den guten Willen zum Scheine.
- 8:31Die Kunst erlaubt es uns, die Welt nicht in ihrer Nackten, oft
- 8:34sinnlosen Wahrheit sehen zu müssen.
- 8:37Sie erlaubt uns, die Dinge auszurunden und zu Ende zu
- 8:41dichten. Durch die Kunst wird das Dasein
- 8:44als ästhetisches Phänomen für uns erträglich, wir müssen uns
- 8:48zeitweilig von uns selbst ausruhen, indem wir aus einer
- 8:51künstlerischen Ferne auf uns lachen oder über uns weinen, wir
- 8:55müssen den Helden und den Narren in unserer eigenen Leidenschaft
- 8:58nach Erkenntnis entdecken. Gerade weil wir im Grunde
- 9:02schwere und ernsthafte Menschen sind, brauchen wir die Kunst als
- 9:05eine Schelmenkappe. Sie gibt uns die Freiheit, über
- 9:09den Dingen, es wäre ein Rückfall, wenn wir mit unserer
- 9:12strengen Redlichkeit ganz in die Moral geraten würden.
- 9:16Wir sollen auch über der Moral stehen können, über ihr Schweben
- 9:20und spielen. Einfache Erklärung hier,
- 9:25formuliert Nietzsche einen seiner Kerngedanken.
- 9:29Die moderne Wissenschaft zerstört alle alten Gewissheiten
- 9:31und Illusionen. Sie zeigt uns, dass es keinen
- 9:34Gott, keine kosmische Ordnung und keinen eingebauten Sinn im
- 9:38Leben gibt. Diese Erkenntnis ist für den
- 9:40Menschen niederschmetternd, wenn wir diese Wahrheit in ihrer
- 9:44ganzen Härte an uns heranlassen würden, fänden wir das Leben
- 9:47unerträglich, hier springt die Kunst als Retterin ein, Kunst
- 9:52ist für Nietzsche nicht nur Dekoration, sondern eine
- 9:55lebensnotwendige Funktion. Sie ist die Fähigkeit des
- 9:59Menschen, die Welt zu verschönern und ihr einen Sinn
- 10:02zu geben, den sie von sich aus nicht hat.
- 10:06Sie ist eine Art Heilige Lüge, die uns das Leben ermöglicht.
- 10:10Der berühmte Satz als ästhetisches Phänomen ist das
- 10:14Dasein ewig gerechtfertigt, der so ähnlich in seiner früheren
- 10:18Schrift die Geburt der Tragödie steht, fasst diese Idee
- 10:21zusammen, wir können das Leben nur ertragen und lieben, wenn
- 10:25wir es wie ein Kunstwerk betrachten.
- 10:28Die Kunst gibt uns die nötige Distanz, um auch über uns selbst
- 10:31und unsere eigene tragische Suche nach Wahrheit lachen zu
- 10:34können. Sie bewahrt uns davor, zu
- 10:37verbissenen Moralisten oder zynischen Nihilisten zu werden,
- 10:41sie ist die Kraft, die das Leben bejaht, indem sie es gestaltet
- 10:44und verwandelt, sie ist unsere letzte Zuflucht und unser
- 10:48höchster Ausdruck von Freiheit.