Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 1. Theil - 21 - Vom freien Tode
Transcript
- 0:00Unterkapitel 21 vom Freien Tode Zarathustra spricht in dieser
- 0:06Rede über ein Thema, das in der menschlichen Gesellschaft oft
- 0:09mit Angst und Trauer verbunden ist, den Tod.
- 0:13Doch Zarathustra betrachtet den Tod aus einer völlig anderen,
- 0:16neuen Perspektive. Er beginnt mit der Feststellung,
- 0:20dass die meisten Menschen nicht zum richtigen Zeitpunkt sterben,
- 0:23viele Klammern sich zu lange an das Leben und sterben zu spät.
- 0:27Während andere durch Zufall oder Krankheit viel zu früh aus dem
- 0:30Leben gerissen werden. Deshalb verkündet er eine Lehre,
- 0:33die für die Ohren der Menschen sehr fremd und befremdlich
- 0:36klingt. Man soll lernen, genau zur
- 0:38rechten Zeit zu sterben Zarathustra kritisiert zunächst
- 0:42scharf diejenigen, die ein inhaltsleeres und unbedeutendes
- 0:45Dasein führen, er nennt sie die Überflüssigen, da sie keine
- 0:49eigenen Werte erschaffen und keinem höheren Ziel folgen.
- 0:53Wer das Leben nie in seiner ganzen Tiefe ergriffen hat.
- 0:56So argumentiert er, der wird auch nie ein Verständnis für den
- 0:59natürlichen Abschluss dieses Lebens entwickeln.
- 1:02Diese Menschen verharren ziellos in der Welt, ohne ihr jemals
- 1:05einen echten Sinn verliehen zu haben.
- 1:08Zarathustra spottet über ihr leeres Verweilen und kritisiert
- 1:11bitter, dass sie krampfhaft an einer Existenz festhalten, die
- 1:14sie ohnehin nie wirklich mit Taten gefüllt haben.
- 1:18Trotz ihrer Bedeutungslosigkeit nehmen diese überflüssigen
- 1:20Menschen ihr eigenes Sterben furchtbar wichtig.
- 1:25Zarathustra vergleicht sie mit einer völlig leeren, hohlen
- 1:27Nuss, die trotzdem noch mit großem Aufwand geknackt werden
- 1:31will. Alle Menschen machen ein großes
- 1:33Drama aus dem Sterben, aber niemand hat bisher verstanden,
- 1:36wie man den Tod wirklich feiert, das Sterben ist noch kein Fest
- 1:40für die Menschen, weil sie nicht wissen, wie man einen
- 1:43Lebensabschluss feierlich begeht.
- 1:46Zarathustra möchte seinen Zuhörern einen anderen Weg
- 1:48zeigen, er preist den Vollbringenden Tod.
- 1:52Damit meint er ein Sterben, das man wählt, nachdem man sein
- 1:56Lebenswerk vollständig erbracht hat.
- 1:58Wenn ein Mensch sein höchstes Ziel erreicht hat, soll er in
- 2:01diesem Moment des Triumphs sterben.
- 2:04Ein solcher Tod passiert nicht einfach aus Versehen, sondern er
- 2:08ist gewollt, dieser Mensch stirbt als Sieger, umgeben von
- 2:12Freunden und Menschen, die voller Hoffnung in die Zukunft
- 2:15blicken. Ein solcher Tod hinterlässt bei
- 2:17den Lebenden keinen endlosen, lähmenden Schmerz.
- 2:20Sondern er wird zu einem Stachel und einem Gelöbnis.
- 2:23Das bedeutet, das heldenhafte Sterben dieses Menschen stachelt
- 2:27die Hinterbliebenen an und bringt sie dazu, sich selbst zu
- 2:30versprechen, ebenfalls ein so großes und erfülltes Leben zu
- 2:33führen. Im krassen Gegensatz dazu steht
- 2:36der Tod, wie ihn die meisten Menschen erleben, er ist wie ein
- 2:40Dieb, der sich heimlich und ungewollt Heranschleicht, oft in
- 2:43Form von Altersschwäche, Unfall oder schwerer Krankheit.
- 2:47Zarathustra verabscheut diesen zufälligen Tod.
- 2:50Bei dem der Mensch völlig machtlos ist.
- 2:53Er lobt stattdessen den Freien Tod.
- 2:56Der Freie Tod ist kein Sterben aus Verzweiflung oder
- 2:59Lebensmüdigkeit, sondern ein Sterben aus freier Entscheidung
- 3:02und innerer Stärke. Er kommt, weil der Mensch selbst
- 3:06es so will. Wann aber ist der Moment
- 3:08gekommen, um diesen freien Tod zu wählen?
- 3:11Zarathustra erklärt, Wer in seinem Leben ein großes Ziel
- 3:15erreicht hat und einen geistigen Erben besitzt.
- 3:18Also jemanden, der die eigenen Ideen und Werke in die Zukunft
- 3:21trägt, der will aus Respekt vor diesem Ziel und seinem Erben
- 3:25genau zur rechten Zeit sterben. Er will nicht warten, bis er
- 3:28alt, schwach und eine Last für andere wird.
- 3:32Wer sein Werk schützen will, hängt keine Weltengrenze im
- 3:34Tempel des Lebens auf, er ruiniert sein Andenken nicht
- 3:37durch einen erbärmlichen Verfall.
- 3:40Zarathustra nutzt nun ein sehr anschauliches Bild, er sagt, er
- 3:44wolle nicht den Seildrehern gleichen.
- 3:46Ein Seildreher ist ein Handwerker, der Seile herstellt
- 3:49und bei dieser Arbeit muss er immer weiter rückwärts gehen und
- 3:52zieht sein Werk endlos in die Länge.
- 3:55Genau das tun viele Menschen mit ihrem Leben, sie ziehen es
- 3:59künstlich in die Länge, gehen dabei geistig und körperlich
- 4:02immer weiter rückwärts und verlieren ihre würde.
- 4:05Wer lange berühmt bleiben und in guter Erinnerung gehalten werden
- 4:08will, der muss lernen, sich rechtzeitig von der Ehre zu
- 4:11verabschieden. Er muss die schwere Kunst
- 4:14beherrschen, zur rechten Zeit zu gehen, selbst wenn jemand große
- 4:18Wahrheiten ausgesprochen hat, verliert er das Recht, diese zu
- 4:21verkünden, wenn er nur noch ein kraftloser, zahnloser Greis ist.
- 4:25Um das zu verdeutlichen, fügt er eine weitere Metapher hinzu, Man
- 4:29muss aufhören, sich von anderen aufessen zu lassen, wenn man am
- 4:32besten schmeckt, das heißt, man soll sich zurückziehen, wenn man
- 4:36auf dem Höhepunkt seiner Kraft ist und von den Menschen am
- 4:39meisten bewundert wird. Wenn man zu lange bleibt, fangen
- 4:42die Menschen an, einen aus reinem Mitleid zu ertragen.
- 4:46Manche Menschen vergleicht er mit sauren Äpfeln, diese hängen
- 4:50bis in den späten Herbst am Baum des Lebens, sie werden alt,
- 4:54bekommen eine gelbe Haut und viele Falten, aber sie werden
- 4:57niemals reif, weich oder süß, sie klammern sich nur aus reiner
- 5:01Feigheit an den Ast ihres Lebens.
- 5:04Zarathustra ärgert sich über solche Menschen und wünscht sich
- 5:06einen gewaltigen Sturm, der all dieses morsche und vom Wurm
- 5:10zerfressene Obst vom Baum des Lebens herunterschüttelt.
- 5:14Er ärgert sich auch über die Religionen und Prediger, die den
- 5:16Menschen beibringen, das irdische Leiden geduldig zu
- 5:19ertragen und auf einen natürlichen, langsamen Tod zu
- 5:22warten. Er wünscht sich Prediger, die
- 5:24den Mut zu einem schnellen, selbstbestimmten Tod lehren.
- 5:28An dieser Stelle wendet sich Zarathustra, einem der
- 5:31bekanntesten und umstrittensten Beispiele der Geschichte, zu.
- 5:34Er spricht von jenem Hebräer, womit Jesus von Nazareth gemeint
- 5:38ist. Dies ist eine zentrale externe
- 5:41Interpretationseinordnung in Nietzsches Werk.
- 5:45Zarathustra sagt, dass dieser Hebräer, den die Prediger des
- 5:48langsamen Todes so sehr verehren, viel zu früh gestorben
- 5:51sei und dass er so Jung am Kreuz starb, wurde für die restliche
- 5:55Menschheit zu einem großen Verhängnis.
- 5:57Wie begründet Zarathustra das? Er erklärt, dass Jesus in seiner
- 6:01Jugend nur tiefe Schwermut, Tränen und den Hass der
- 6:04Strenggläubigen kennengelernt habe, weil er das Leben auf der
- 6:08Erde nur als Ort des Leidens und des Hasses erlebte, entwickelte
- 6:12er eine Lehre, die das irdische Leben ablehnt und sich nach dem
- 6:16Tod und einer Erlösung in einer anderen himmlischen Welt sehnt.
- 6:20Er wurde von der Sehnsucht nach dem Tod überfallen Zarathustra
- 6:25bedauert diesen frühen Tod zutiefst.
- 6:27Er spekuliert, wäre Jesus am Leben geblieben, wäre er in die
- 6:31Einsamkeit der Wüste gegangen und hätte er Abstand von den
- 6:34Priestern und den sogenannten guten und Gerechten genommen,
- 6:37dann hätte er sich weiterentwickelt.
- 6:39Wenn Jesus die Zeit gehabt hätte, zu einem reifen Mann
- 6:42heranzuwachsen, dann hätte er gelernt, die Erde und das
- 6:45irdische Leben zu lieben, er hätte gelernt zu lachen und sich
- 6:49an der Welt zu erfreuen. Zarathustra ist fest davon
- 6:52überzeugt, Jesus war im Grunde seines Herzens ein so edler und
- 6:55ehrlicher Mensch. Dass er seine eigenen
- 6:58Lebensverneinenden Lehren widerrufen und zurückgenommen
- 7:00hätte, wenn er nur ein höheres Alter erreicht hätte.
- 7:04Doch er war noch unreif, ein junger Mensch schwankt oft
- 7:07extrem in seinen Gefühlen, er liebt stürmisch, aber er hasst
- 7:11auch Mensch und Erde sehr schnell, wenn er enttäuscht
- 7:14wird. Ein reifer Mann hingegen hat
- 7:16diese jugendliche Schwermut abgelegt und versteht das
- 7:19Verhältnis von Leben und Tod viel besser, ein wirklich reifer
- 7:23Mensch ist fähig, ein heiliger Neinsager zu sein.
- 7:27Er kann ganz bewusst und heilig nein zum weiteren Leben sagen,
- 7:30wenn die Zeit abgelaufen ist, in der er noch voller
- 7:33Schaffenskraft, ja zum Leben sagen konnte.
- 7:36Zum Ende seiner Rede wendet sich Zarathustra eindringlich an
- 7:39seine Freunde und Schüler, er bittet sie darum, dass ihr
- 7:43eigenes Sterben niemals zu einer Beleidigung für die Menschheit
- 7:47oder die Erde werden darf, wenn sie sterben soll in ihrem Tod
- 7:51noch ihre ganze Lebensfreude, ihr Geist und ihre Tugend
- 7:55leuchten. Ihr Tod soll am Himmel stehen
- 7:58wie ein leuchtendes Abendrot am Ende eines herrlichen Tages.
- 8:03Wenn das nicht gelingt, dann war ihr sterben ein Fehlschlag, er
- 8:07selbst gibt seinen Freunden ein klares Versprechen ab, wenn
- 8:10seine Zeit gekommen ist, soll sein Abschied von dieser Welt so
- 8:13vollendet sein, dass seine Freunde dadurch die Erde und das
- 8:16Dasein nur noch mehr lieben lernen, sein Lebensende soll
- 8:20kein düsteres Ereignis sein. Sondern wie ein leuchtendes
- 8:24Abendrot wirken, das Mut macht. Danach sehnt er sich danach,
- 8:28wieder ganz 1 mit der Erde zu werden und friedlich in den
- 8:31ewigen Kreislauf jener Natur zurückzukehren, aus der er einst
- 8:34hervorgegangen ist. Zarathustra schließt mit dem
- 8:37Bild eines großen Spiels, er sagt, er habe in seinem Leben
- 8:42ein hohes Ziel gehabt, dieses Ziel war wie ein goldener Ball,
- 8:46den er in die Luft geworfen hat, seine Freunde sind nun die Erben
- 8:49dieses Ziels. Er wirft ihnen diesen goldenen
- 8:52Ball, also sein Lebenswerk und seine lebensbejahende Lehre zu.
- 8:57Er kündigt an, dass er nun noch ein wenig auf der Erde verweilen
- 9:00und sich ausruhen möchte und bittet seine Freunde, ihm dieses
- 9:03Zögern auf der Erde zu verzeihen, bevor er bereit ist,
- 9:06selbst den Freien Tod zu wählen.