Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 2. Theil - 12 - Von der Selbst-Überwindung
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- 0:00Unterkapitel 12 von der Selbstüberwindung Friedrich
- 0:05Nietzsche lässt seine Hauptfigur Zarathustra in diesem Abschnitt
- 0:08zu den sogenannten weisesten Menschen sprechen.
- 0:11Damit meint er Philosophen, Gelehrte und Denker.
- 0:15Diese weisen Menschen behaupten von sich selbst, dass sie ein
- 0:18starker Wille zur Wahrheit antreibt, sie sagen also, sie
- 0:22wollen die Welt ganz objektiv erkennen und erforschen, genauso
- 0:25wie sie wirklich ist. Zarathustra sieht das aber ganz
- 0:29anders. Er sagt, dieser angebliche Wille
- 0:32zur Wahrheit ist in Wirklichkeit etwas ganz anderes.
- 0:36Es ist eigentlich der tiefste Wunsch, alles in der Welt so zu
- 0:39verändern und anzupassen, dass der menschliche Verstand es
- 0:42überhaupt erst greifen und begreifen kann.
- 0:46Die Weisen wollen die Welt glatt, logisch und berechenbar
- 0:49machen, sie wollen, dass sich die ganze Welt dem menschlichen
- 0:52Geist unterordnet, und genau das nennt Nietzsche den Willen zur
- 0:56Macht. Der Begriff Wille zur Macht ist
- 0:59eines der allerwichtigsten Konzepte bei Nietzsche.
- 1:02Er bedeutet nicht einfach nur, dass ein Mensch über andere
- 1:05Menschen herrschen oder sie unterdrücken will, vielmehr ist
- 1:09der Wille zur Macht der tiefste innere Antrieb eines jeden
- 1:12Lebewesens, es ist der Drang, sich zu entfalten, zu wachsen,
- 1:16die eigene Umgebung zu formen und immer stärker zu werden.
- 1:20Auch wenn die Gelehrten also schöne Worte über das gute und
- 1:23das Böse machen, wollen sie in Wahrheit die Welt nach ihren
- 1:26eigenen Vorstellungen erschaffen und Formen.
- 1:29Das ist ihre Art, Macht auszuüben.
- 1:32Zarathustra benutzt dann ein sprachliches Bild, um zu
- 1:35erklären, wie diese Werte in der Welt wirken, er vergleicht das
- 1:39einfache Volk, also die breite Masse der Menschen, mit einem
- 1:42Fluss, auf diesem Fluss schwimmt ein kleines Boot.
- 1:46In diesem Boot sitzen feierlich die Werte und
- 1:48Moralvorstellungen, die von den weisen Menschen erschaffen
- 1:51wurden. Die Weisen haben dem Volk diese
- 1:54festen Vorstellungen davon gegeben, was gut und was böse
- 1:58ist. Der Fluss der Zeit und des
- 2:00Lebens treibt das Boot immer weiter, das bedeutet das Leben
- 2:04und die Gesellschaft verändern sich zwar ständig, aber sie
- 2:06tragen die alten, festgelegten Werte immer mit sich mit.
- 2:10Das gefährliche an dieser ganzen Entwicklung ist laut Zarathustra
- 2:13aber nicht das unruhige Volk oder der Fluss.
- 2:16Die wahre unaufhaltsame Kraft dahinter ist der ewig
- 2:20erschaffende Wille des Lebens selbst.
- 2:21Eben dieser Wille zur Macht, um diesen Willen zur Macht besser
- 2:26zu verstehen, hat Zarathustra das Leben der Menschen und aller
- 2:29anderen Lebewesen ganz genau beobachtet.
- 2:32Er ist tief in das Herz des Lebens eingedrungen und hat
- 2:35dabei 3 grundlegende Regeln herausgefunden, erstens, jedes
- 2:39Lebewesen ist von Natur aus ein gehorchendes Wesen.
- 2:43Man muss sich immer irgendjemandem oder irgendetwas
- 2:45fügen. Zweitens, Wer nicht in der Lage
- 2:49ist, sich selbst zu gehorchen, dem wird von anderen befohlen,
- 2:53das heißt, wenn ein Mensch keine eigene innere Stärke und
- 2:56Disziplin hat, um sein Leben selbst zu lenken, wird er
- 2:59automatisch zum Diener von jemand anderem, er braucht dann
- 3:02jemanden, der ihm sagt, was er tun und lassen soll.
- 3:06Drittens, es ist viel schwerer zu befehlen als zu gehorchen,
- 3:10derjenige, der Befehle gibt. Trägt nämlich die ganze Last und
- 3:13die Verantwortung für alle, die ihm gehorchen.
- 3:17Diese Verantwortung kann einen Menschen leicht erdrücken, ein
- 3:20Anführer geht ein großes Risiko ein, und jedes Mal, wenn er
- 3:23befiehlt, wagt er etwas. Zarathustra erklärt weiter, dass
- 3:28auch der Mensch, der nur sich selbst Befehle gibt, einen hohen
- 3:31Preis dafür zahlen muss, er muss nämlich sein eigener Richter
- 3:35sein, eigener Rächer und sein eigenes Opfer werden.
- 3:39Das bedeutet, wer sich selbst zwingt, besser zu werden und
- 3:42über sich hinauszuwachsen, der muss extrem streng zu sich sein.
- 3:46Er muss sich selbst bestrafen und alte, bequeme Teile von sich
- 3:50selbst aufgeben oder leiden lassen, um sein höheres Ziel zu
- 3:53erreichen. All dies geschieht wegen des
- 3:56Willens zur Macht, der Schwächere dient dem Stärkeren,
- 3:59nicht einfach nur so der Wille des Schwächeren überredet ihn
- 4:02dazu zu dienen, damit er zumindest über jemanden
- 4:05herrschen kann, der noch schwächer ist als er selbst.
- 4:08Das ist die einzige Freude, auf die er nicht verzichten möchte.
- 4:12Der allergrößte und stärkste aber gibt sich vollkommen hin
- 4:16und riskiert für die Macht sogar sein eigenes Leben.
- 4:19Das ist das höchste Risiko und gleicht einem Spiel mit dem Tod.
- 4:23Das Leben selbst hat Zarathustra sein größtes Geheimnis verraten,
- 4:28das Leben sagte zu ihm wörtlich Ich bin das, was ich immer
- 4:31selber überwinden muss, dies ist der Kernbegriff dieses Kapitels,
- 4:36die sogenannte Selbstüberwindung.
- 4:38Dieser Begriff bedeutet bei Nietzsche, dass das Leben
- 4:41niemals einfach nur stillstehen, ausruhen und bleiben kann, wie
- 4:45es ist, um lebendig zu bleiben und sich weiterzuentwickeln,
- 4:49muss das Leben ständig seine alten Formen, seine alten
- 4:52Gewohnheiten und seine alten Werte angreifen und zerstören.
- 4:56Nur so kann es etwas neues, Höheres und Stärkeres
- 4:59erschaffen, das Leben muss also immer wieder über sich selbst
- 5:03hinauswachsen, selbst wenn das bedeutet, dass Altes und
- 5:06Liebgewonnenes dafür sterben muss.
- 5:08Die Menschen nennen das oft den Drang nach Fortpflanzung oder
- 5:11das Streben nach einem Ziel. Aber im Grunde ist es immer nur
- 5:15das eine, der Wille zur Macht. Manche Philosophen glauben, dass
- 5:19alle Lebewesen nur einen einfachen Willen zum Dasein oder
- 5:23einen Überlebenstrieb haben, sie denken, das wichtigste Ziel
- 5:27jedes Lebewesens ist es, einfach nur am Leben zu bleiben.
- 5:31Zarathustra sagt, dass diese Idee völlig falsch ist.
- 5:34Etwas, das noch gar nicht existiert, kann auch keinen
- 5:37Willen haben. Und etwas, das bereits am Leben
- 5:40ist, muss nicht mehr danach streben, am Leben zu sein.
- 5:43Es ist es ja schon, deshalb ist der wahre Antrieb in der Welt
- 5:47nicht das bloße Überleben, wo Leben ist, da ist auch der Wille
- 5:51zur Macht, das Leben will nicht nur einfach existieren, es will
- 5:55wachsen, herrschen und sich ausdehnen, weil das Leben eine
- 5:59ständige Selbstüberwindung ist, gibt es laut Zarathustra auch
- 6:03kein ewiges, Unveränderliches, Gutes und Böses.
- 6:07Werte und Moralvorstellungen sind nicht für alle Zeiten fest
- 6:10am Himmel festgeschrieben. Sie sind Erfindungen der
- 6:13Menschen und dienen nur als Werkzeuge, um in einer
- 6:16bestimmten Zeit macht auszuüben. Da das Leben aber immer weiter
- 6:20geht, wächst und mächtiger wird, müssen auch die alten
- 6:24menschlichen Werte immer wieder neu bewertet und überwunden
- 6:27werden, wie bei einem Ei, dessen Schale irgendwann zerbrechen
- 6:30muss, damit neues Leben schlüpfen kann.
- 6:33So muss auch eine alte Ordnung zerbrechen.
- 6:35Damit eine neue, stärkere Wahrheit entstehen kann.
- 6:38Wer also ein echter Schöpfer sein will, der neue Werte und
- 6:42eine neue, bessere Welt erschaffen möchte, der muss
- 6:44zuerst ein Vernichter sein, er muss alte Werte, alte
- 6:48Traditionen und alte Vorstellungen von gut und böse
- 6:52rücksichtslos zerstören, er muss das alte Haus einreißen, um
- 6:55Platz für das neue zu machen. Daher gehören für Zarathustra
- 6:59auch das sogenannte Böse, also das zerstören, und die höchste
- 7:03Güte. Also das Kreative erschaffen
- 7:06untrennbar zusammen. Man darf keine Angst davor
- 7:09haben, alte und bequeme Wahrheiten kaputt zu machen,
- 7:12denn, so sagt Saratustra Es gibt immer noch sehr viele neue
- 7:16Häuser für die Zukunft zu bauen.