Latest / Im Krisenmodus / Gaza-Krieg nach fast drei Jahren: Warum der Friedensplan stockt
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- 0:00Fast drei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 ist der Krieg in Gaza noch immer nicht vorbei.
- 0:08Zwar gibt es einen Friedensplan und Gespräche über eine neue politische Ordnung
- 0:11für den Gazastreifen, aber vor Ort ist davon wenig zu spüren.
- 0:15Weiterhin gibt es Angriffe. Viele Menschen leben in Zelten oder beschädigten
- 0:18Gebäuden. Das Gesundheitssystem arbeitet unter extrem schwierigen Bedingungen,
- 0:23und für die Menschen dort ist es völlig offen, wie und wo sie künftig leben sollen.
- 0:29Das zeigt auch die Antwort eines vierjährigen Kindes. Sein Vater Fadi arbeitet
- 0:34als Arzt für Ärzte ohne Grenzen in Gaza.
- 0:37Am Morgen unseres Gesprächs sitzt er mit seinem Sohn beim Frühstück und fragt ihn, wovon er träumt.
- 0:46Er sagte, ich möchte weit weg. Ich fragte ihn, wohin er möchte.
- 0:50Er sagte, ich brauche einen sicheren Ort. Ich möchte keine Bomben mehr hören.
- 0:55Das hat bei mir ein furchtbares Gefühl ausgelöst.
- 0:59Ein vierjähriges Kind, das sich vor allem einen Ort wünscht,
- 1:02an dem es keine Bomben mehr hört.
- 1:05Wie sieht das Leben in Gaza heute aus und warum ist ein dauerhaftes Ende des
- 1:09Krieges trotz Friedensplan und internationaler Vermittlung noch immer so weit entfernt?
- 1:18Im Krisenmodus, der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt mit Journalist Jan Jessen.
- 1:27Hallo, ich bin Jan Jessen, Politikchef der NRZ und Kriegs- und Krisenreporter
- 1:30für die Funke Mediengruppe.
- 1:32Ihr findet meine Artikel in der NRZ, der WAZ, der Berliner Morgenpost und dem Hamburger Abendblatt.
- 1:40Fast drei Jahre nach dem 7. Oktober schauen wir in dieser Folge darauf,
- 1:44wie die Menschen in Gaza heute leben und warum der Krieg noch immer nicht beendet ist.
- 1:50Dafür sprechen wir mit drei Menschen, mit Ali, einem Familienvater aus Gaza,
- 1:55mit Fadi, einem Arzt, der dort für Ärzte ohne Grenzen arbeitet und mit dem Nahost-Experten
- 2:00Jan Busse von der Universität der Bundeswehr in München.
- 2:06Ali und Fadi erzählen, was sie vor Ort erleben. Busse erklärt,
- 2:09warum die politische Umsetzung des Friedensplanes, den US-Präsident Donald Trump,
- 2:14ziemlich genau einem Jahr vorgelegt hat, ins Stocken geraten ist und was passieren
- 2:18müsste, damit aus einer Waffenruhe tatsächlich mehr werden kann.
- 2:24Der Ausgangspunkt des Krieges, das ist an dieser Stelle nochmal ganz wichtig,
- 2:28zu erinnern, ist der 7. Oktober 2023.
- 2:31Dieser fürchterliche Tag, an dem die Hamas und andere bewaffneten Gruppen Israel
- 2:35angegriffen haben, Menschen ermordet haben und Geiseln in den Gazastreifen verschleppten.
- 2:41Israel beginnt daraufhin einen Krieg gegen die Hamas. Die israelische Armee
- 2:45geht massiv im Gazastreifen vor. Große Teile des Küstenstreifens werden zerstört.
- 2:51Ein großer Teil der Bevölkerung wird im Verlauf des Krieges vertrieben.
- 2:55Die humanitäre Lage verschlechtert sich dramatisch.
- 2:59Im September 2025 legt US-Präsident Donald Trump mit dem ihm üblichen großen
- 3:05Applomb einen Friedensplan für Gaza vor. 20 Punkte enthält dieser Gaza-Friedensplan.
- 3:12Trump spricht davon, dass das quasi einer der wichtigsten Pläne in der gesamten
- 3:17Zivilisationsgeschichte sei und jetzt alsbald Frieden in ganz Nahost herrschen werde.
- 3:22Dieser Plan beinhaltet unter anderem einen Waffenstillstand für Gaza,
- 3:27einen Austausch von israelischen Geiseln gegen palästinensische Gefangene.
- 3:33Er beinhaltet die Installation einer Zivilverwaltung und den Wiederaufbau des
- 3:38Gazastreifens und auch die Entwaffnung der Hamas sowie den Abzug der israelischen Truppen.
- 3:46Allerdings ist bis heute noch kein dauerhafter politischer Ausweg gefunden.
- 3:51Wir haben in dieser Folge natürlich, wie immer, wenn man über Gaza berichtet, eine Einschränkung.
- 3:56Unabhängige ausländische Journalistinnen und Journalisten dürfen weiterhin nicht
- 3:59frei in den Gazastreifen einreisen und recherchieren. Das ist ein großes Ärgernis.
- 4:04Das ist eben seit Beginn dieses Krieges so. Immer wieder gab es die Versuche
- 4:09von Journalistinnen und Journalisten aus dem Ausland darauf einzuwirken,
- 4:13auf die israelische Armee, dass wir da reingehen können.
- 4:16Aber das ist bislang nicht erlaubt. Also insofern sprechen wir mit Menschen,
- 4:21die selbst dort leben und arbeiten.
- 4:23Ihre persönlichen Angaben können wir nicht in jedem einzelnen Punkt unabhängig überprüfen.
- 4:28Wir gleichen ihre Aussagen aber so weit wie möglich mit anderen Quellen und
- 4:31bekannten Entwicklungen ab. Einer unserer Gesprächspartner ist Ali.
- 4:36So nennen wir ihn zum Schutz. Er ist Familienvater und kommt aus Raffa im Süden des Gaza-Streifens.
- 4:41Inzwischen lebt er mit seiner Familie in Khan Yunis nach eigenen Angaben in
- 4:45den Ruinen einer zerstörten Stadt.
- 4:48Ihr kennt Ali aus anderen Folgen, die wir schon in diesem Podcast hatten über Gaza.
- 4:54Die Folgen packen wir euch in die Shownotes rein.
- 4:56Ich stehe also mit ihm schon seit längerem in Kontakt, im Grunde genommen seit
- 5:00Beginn des Krieges im Oktober 2023.
- 5:06Ali schickt mir immer wieder Sprachnachrichten, erzählt mir,
- 5:09wie die Lage seiner Familie ist, wie seine persönliche Situation ist und wie
- 5:12die Situation im Gazastreifen generell ist.
- 5:16Seine Familie ist seit Beginn des Krieges nach seinen Angaben mehr als sieben
- 5:19Mal vertrieben worden. Ihr Haus in Raffa ist zerstört.
- 5:22Zeitweise lebt die Familie in Zelten. So beschreibt Ali, was sie in diesen fast
- 5:27drei Jahren erlebt haben.
- 5:29Meine Familie und ich haben eine furchtbare Tortur durchgemacht,
- 5:33einen unerbittlichen Allbetraum.
- 5:37Wir haben nicht richtig das Leid ertragen und eine unaufhörschliche Bombardierung,
- 5:44aus der Luft, vom Land und vom Meer.
- 5:47Dozenten unserer Nachbarin wurden getötet.
- 5:51Wir litten unter Hunger, Angst und Vertreibung. Wir wurden mehr als sieben Mal vertreiben.
- 5:59Das erste Mal aus unserem Haus in Raffach wurde das Follische zergestorben,
- 6:05genau wie die Stadt Raffach selbst.
- 6:07Wir lebten in Zilten und wurden dann mitten in der Nacht vertreiben,
- 6:14wobei wir unser Hab und Gut zurücklassen mussten.
- 6:18Jetzt lebe ich in der Rune eine zurückschuldige Schule.
- 6:23Mehr als sieben Vertreibungen in knapp drei Jahren. Für die Familie bedeutet
- 6:26das, immer wieder zusammenpacken, einen neuen Ort suchen und darauf hoffen, dort bleiben zu können.
- 6:32Ein dauerhaftes Zuhause gibt es nicht mehr.
- 6:35Meine Frau brachte während des Krieges zwei Tochter zur Welt und sie hatten nie genug zu essen.
- 6:43Ich werde diese Nächte nie vergessen, in denen sie vor Hunger weinten.
- 6:49Monatelang bekommen wir nur ein halbes Brot pro Person und Tag.
- 6:54Ich sah mit an, wie mein altester Sohn damals als fünf Jahre alt so abgemarkt war.
- 7:01Dass er nur noch Haut und Knochen war.
- 7:05Ich ging über sieben Kilometer hin und zurück, dem Tod ins Auge,
- 7:11nur um eine Handvoll Essen zu bekommen.
- 7:16Viele meiner Kollegen und Verwandte wurden gedrückt oder verwundet.
- 7:22Seit drei Jahren gehen meine Kinder nicht zur Schule.
- 7:27Seit einiger jahren sehe ich zu meiner frau wische von hand wischt und kocht,
- 7:36Inzwischen hat sich die Versorgung mit Lebensmitteln verbessert.
- 7:39Das ist auch Ausfluss dieses im September vergangenen Jahres vorgelegten Friedensplanes
- 7:44und des danach ausgerufenen Waffenstillstandes.
- 7:46Danach sind die Grenzen geöffnet worden, die Grenzübergänge und es ist einiges
- 7:52mehr an Hilfstransporten reingekommen.
- 7:55Aber von einem normalen Leben ist die Familie noch weit entfernt.
- 7:58Kein regelmäßiges Einkommen, kein eigenes Zuhause, keine Schule für die Kinder,
- 8:03und ein Gesundheitssystem, das selbst unter den Folgen des Krieges leidet.
- 8:07Wie schwierig die medizinische Versorgung heute ist, erlebt Dr.
- 8:10Fadi Al-Madun jeden Tag.
- 8:13Fadi ist 1991 in Gaza geboren und arbeitet seit rund zehn Jahren für Ärzte ohne Grenzen.
- 8:21Er verantwortet die medizinischen Aktivitäten der Organisation in Gazastadt
- 8:25und im Norden des Gazastreifens.
- 8:26Dazu gehören eine spezialisierte Klinik für Brand- und Traumaverletzte sowie
- 8:31drei mobile medizinische Teams.
- 8:34Das Gesundheitssystem arbeitet weiter. Kliniken nehmen Verletzte auf,
- 8:38so sie denn überhaupt noch existieren.
- 8:41Ärztinnen und Ärzte behandeln und operieren, aber Fadi arbeitet unter Bedingungen,
- 8:46die mit einem normalen Krankenhausbetrieb kaum etwas zu tun haben.
- 8:49Es fehlt an medizinischem und chirurgischem Material, viele Geräte sind kaputt,
- 8:53andere können nach Fadis Schilderungen nicht von außen nach Gaza gebracht werden.
- 8:58Actually we have a lot of shortage a lot of lack of resources and now we are
- 9:03working with limit resources here in Gaza a lot of devices cannot Wir haben
- 9:09große Engpässe und es fehlen viele Ressourcen.
- 9:12Wir arbeiten hier in Gaza mit sehr begrenzten Mitteln.
- 9:15Viele Geräte können nicht von außen hereingebracht werden. Gleichzeitig sind
- 9:18viele Maschinen bereits kaputt.
- 9:20Wir versuchen die Patienten mit dem Material und den Ressourcen zu versorgen, die wir haben.
- 9:25Es fehlt auch an medizinischem und chirurgischem Material. Ich erinnere mich
- 9:28an die zweite Evakuierung von Gazastadt im September 2025.
- 9:33Wir saßen 15 Tage in der Klinik fest und haben damit angefangen,
- 9:37Verbandsmaterial zu sterilisieren, nur um die verwundeten Patienten weiter versorgen zu können.
- 9:42Wir versuchen mit unseren begrenzten Mitteln so viel Unterstützung wie möglich zu leisten.
- 9:46Zu sterile und sterile goes, nur um die Wounded Patients zu unterstützen.
- 9:51Das bedeutet, dass wir versuchen, zu unterstützen, wie möglich,
- 9:54mit dem wir, von Unabhängigen Ressourcen haben.
- 9:57Paris' Team beginnt deshalb vorhanden das Material selbst zu sterilisieren,
- 10:00um Verwundete weiter versorgen zu können und die Folgen des Krieges zeigen sich
- 10:04eben nicht nur bei Menschen, die durch Bomben und Schüsse verletzt wurden.
- 10:07Viele Familien leben in Zelten oder provisorischen Unterkünften.
- 10:11Eine normale Küche gibt es da natürlich nicht.
- 10:13Und deshalb berichtet Fadi auch von einer anderen Folge des Krieges.
- 10:17Besonders häufig behandelt sein Team Kinder mit Verbrennungen.
- 10:21Fadi erzählt auch, warum.
- 10:28Ich möchte auch über die Patientinnen und Patienten mit Verbrennungen sprechen.
- 10:31Unter den gegenwärtigen Lebensbedingungen hat die Zahl der Verbrennungen im
- 10:35häuslichen Umfeld zugenommen.
- 10:37Die Menschen kochen heute in Gaza viel häufiger auf offener Flamme.
- 10:41Dadurch steigt die Zahl der Verbrennungen. Viele solcher Fälle kommen zu uns.
- 10:45Am häufigsten betroffen sind Kinder unter zehn Jahren.
- 10:53Diese Kinder verletzen sich nicht unmittelbar beim Angriff. Sie verbrennen sich
- 10:56beim Kochen unter Bedingungen, die dieser Krieg geschaffen hat.
- 10:59Das ist übrigens auch etwas, was wir bei unseren Reisen in Afghanistan oder
- 11:02auch in irakische Flüchtlingscamps immer wieder gesehen haben.
- 11:07Die Leute leben eben unter sehr prekären Bedingungen, arbeiten dann mit so Gaskochern
- 11:11oder mit offenem Feuer oder mit Kerosinkochern und diese Dinger geraten dann
- 11:17natürlich mal schnell in Brand, das kippt um und gerade Kleinkinder verbrennen sich da eben massiv.
- 11:22Das Problem ist eben auch, wenn das nicht vernünftig behandelt wird,
- 11:24diese Verletzungen, dann kriegen die oft so eine überschießende Narbenbildung.
- 11:29Das führt dann zu Kontraktionen, heißt also, die können manchmal ihren Mund
- 11:33dann nicht mehr richtig öffnen oder die Augen schließen oder ihre Arme oder
- 11:36Beine bewegen. Und das sind dann eben so Nachfolgewirkungen von Verbrennungen,
- 11:40die offensichtlich in Gaza nur schwer behandelt werden können.
- 11:44Es fehlen bestimmte Materialien in den Fachärzten, etwa für plastische Chirurgie.
- 11:48Auch bei der Ernährung beschreibt Fadi ein gemischtes Bild.
- 11:52Die Versorgung mit Lebensmitteln hat sich zwar verbessert, aber viele Menschen
- 11:56haben seit Jahren kein regelmäßiges Einkommen mehr.
- 11:58Und das, was jetzt nach Gaza kommt, reicht nach seiner Schilderung nicht für
- 12:02eine ausgewogene Ernährung, die ja gerade Leute brauchen, die krank sind oder die verletzt sind.
- 12:08Look, to be honest, the food supply is better than before the recent piece of plan.
- 12:15But the main idea, they are focused about the food in general,
- 12:19not focused about the healthy food.
- 12:21You can know very well the needs for protein. Um ehrlich zu sein,
- 12:26ist die Versorgung mit Lebensmitteln besser als vor dem jüngsten Friedensplan.
- 12:30Aber es geht vor allem darum, überhaupt Lebensmittel bereitzustellen und nicht um gesunde Ernährung.
- 12:36Die Menschen brauchen Proteine, Vitamine, frisches Gemüse und frisches Obst.
- 12:41Davon gelangt weiterhin nicht genug nach Gaza.
- 12:44Gleichzeitig sind diese Lebensmittel für die Menschen hier sehr teuer.
- 12:47Nach fast drei Jahren Krieg haben die meisten keine Arbeit und keine Einkommensquelle.
- 12:51Ich kann Ihnen ein Beispiel geben. Ein Kilo Obst, etwa Bananen und Mangos,
- 12:55kostet in manchen Gebieten rund 20 Dollar.
- 12:58Unter diesen Bedingungen können viele Familien ihre Kinder nicht angemessen ernähren.
- 13:02Ja, es gibt inzwischen wieder Lebensmittel und wir sehen nicht mehr so viele
- 13:06Fälle von Mangelernährung.
- 13:08Aber wir brauchen weiterhin gesunde Nahrung, so wie vor dem Krieg.
- 13:14Wir haben die Zähne, wir haben keine Zähne, aber wir brauchen noch eine Zähne wie vor der Krieg.
- 13:22Die Lage hat sich also in einzelnen Bereichen verbessert, laut Aussagen von
- 13:26Fadi und Ali, aber Verbesserung bedeutet noch lange nicht Normalität.
- 13:30Und für viele Menschen geht es inzwischen um eine viel grundlegendere Frage,
- 13:35wie soll ihr Leben überhaupt weitergehen.
- 13:38Fadi sagt, dass viele Menschen im Moment kaum die Kraft haben,
- 13:40über politische Pläne oder eine mögliche Zukunft Gazas nachzudenken.
- 13:45Sie versuchen vor allem, den nächsten Tag zu bewältigen.
- 13:54Die Menschen sind heute völlig entkräftet. Sie denken nicht über all diese politischen Fragen nach.
- 13:59Seit langer Zeit laufen sie mehr als einen Kilometer, um einen Kanister Wasser
- 14:03für ihre Familie zu holen.
- 14:05Sie versuchen lediglich, ihre täglichen Probleme zu lösen, etwas zu essen und
- 14:09etwas Wasser zu beschaffen.
- 14:15Für politische Pläne bleibt im Alltag vieler Menschen also kaum Kraft.
- 14:19Trotzdem entscheiden diese Pläne darüber, ob sich ihre Lebensbedingungen überhaupt verändern können.
- 14:24Wer kontrolliert Gaza künftig? Wer sorgt für Sicherheit?
- 14:28Wann beginnt der Wiederaufbau? Und gibt es am Ende eine politische Perspektive
- 14:32für die palästinensische Bevölkerung eben nicht nur in Gaza,
- 14:36sondern auch im besetzten Westjordanland?
- 14:38Um zu verstehen, wie dieser Prozess steht, habe ich mit dem Politikwissenschaftler
- 14:43und der Ostexperten Dr. Jan Busse von der Universität der Bundeswehr in München gesprochen.
- 14:49Busse teilt den Friedensplan in drei Phasen ein. Im ersten sollen die Kampfhandlungen enden.
- 14:55Die Geiseln freikommen und humanitäre Hilfe wieder umfassend zugelassen werden.
- 14:59Diese Phase ist weitgehend abgeschlossen. In der zweiten soll die Hamas entwaffnet
- 15:03werden. Gleichzeitig soll sich Israel schrittweise aus dem Gaza-Streifen zurückziehen.
- 15:07Und erst in der dritten Phase geht es um den Wiederaufbau Gazas und eine Perspektive,
- 15:12für palästinensische Selbstbestimmung und Staatlichkeit.
- 15:15Und man muss sagen, wir stecken da immer noch irgendwo zwischen Phase 1 und
- 15:20Phase 2 fest. Das heißt, wir sind noch weit weg von einem Wiederaufbau.
- 15:24Die humanitäre Situation hat sich zwar verbessert, insbesondere was die Nahrungsmittelversorgung
- 15:30angeht, aber sie ist immer noch schlecht, insbesondere was nämlich die Unterkünfte
- 15:34der Menschen dort angeht.
- 15:35Ganz viele Bewohner des Gazastreifens leben immer noch in Zelten. Das ist sehr prekär.
- 15:42Seuchen und Krankheiten können sich potenziell dort ausbreiten.
- 15:44Und vor allem beginnt jetzt im Herbst und Winter immer die Phase von massiven
- 15:49Regenfällen, denen die Leute dann dort nahezu schutzlos ausgesetzt sind.
- 15:55Ja, das klingt zunächst erstmal nach einem ziemlich klaren Ablauf.
- 15:57Die Kämpfe sollen enden, die humanitäre Hilfe soll wieder anlaufen,
- 16:01dann soll die Hamas ihre Waffen abgeben und Israel sich zurückziehen.
- 16:04Aber genau bei diesem nächsten Schritt gibt es Streit und deswegen stockt das Ganze auch.
- 16:08Also wie gesagt, dieser Friedensplan ist ja im September vergangenen Jahres
- 16:13vorgestellt worden und seitdem ist vergleichsweise wenig passiert,
- 16:18also auch angesichts eben dieses Applomb, mit dem.
- 16:22Der Friedensplan von Trump seiner Zeit vorgestellt worden ist.
- 16:25Nach Busses Darstellung hat die Hamas kürzlich dem Fahrplan zugestimmt,
- 16:29also auch der eigenen Entwaffnung, die israelische Regierung aber nicht.
- 16:33Der Friedensrat hat unter Zustimmung der US-Administration einen Fahrplan zur
- 16:38Entwaffnung vorgelegt, in dem eben die Hamas alle Waffen abgeben soll schrittweise
- 16:43und sich Israel gleichzeitig zurückziehen soll.
- 16:46Und da ist bemerkenswert, dass Hamas tatsächlich diesem Plan jetzt zugestimmt
- 16:51hat, Netanyahu allerdings nicht.
- 16:53Das heißt, auch da haben wir tatsächlich ein Problem, dass es,
- 16:56stockt letzten Endes und wir immer noch weit entfernt sind, diese Phase 2 tatsächlich
- 17:02zu beenden, zu implementieren, um dann irgendwann zu einer Phase des echten
- 17:06Wiederaufbaus und politischer Perspektiven zu kommen. Das ist aktuell der Stand.
- 17:11Die Zustimmung der Hamas bedeutet allerdings nicht, dass sie ihre Waffen tatsächlich
- 17:14abgibt. Es gibt einen Fahrplan, aber dessen Umsetzung ist an Bedingungen verknüpft.
- 17:19Man darf nicht vergessen, der bewaffnete Kampf ist sozusagen die DNA der Hamas.
- 17:26Der bewaffnete Kampf gegen Israel, eben dieser ins Programm der Hamas geschriebene
- 17:31Antisemitismus, Antizianismus und Anti-Israelismus.
- 17:35Und insofern tun sie sich natürlich schwer Waffen abzugeben.
- 17:38Waffen abzugeben bedeutet auch immer Macht abzugeben.
- 17:41Und das ist für eine Organisation, die den Gazastreifen bislang noch immer mit
- 17:46eiserner Hand beherrscht, natürlich etwas schwierig.
- 17:49Die Hamas hat auch die eigene Entwaffnung eben an eine Bedingung geknüpft,
- 17:54die wesentlich ist, nämlich den israelischen Rückzug und da liegt eben auch
- 17:58der nächste große Streitpunkt.
- 18:00Warum Israel zieht sich nicht zurück und die Frage ist natürlich,
- 18:03warum stimmt die israelische Regierung einem solchen Schritt nicht zu.
- 18:07Ein Grund liegt offenbar in der israelischen Innenpolitik. Premierminister Benjamin
- 18:11Netanyahu steht unter dem Druck von Parteien und Wählern rechts von ihm,
- 18:16die weitreichende Zugeständnisse an die Palästinenser ablehnen.
- 18:20Also wir haben im Oktober Wahlen in Israel und Netanyahu wird natürlich den
- 18:25Teufel tun, jetzt Zugeständnisse zu machen, die ihm von rechterstehenden Parteien
- 18:30oder seiner eigenen Wählerbasis als Schwäche ausgelegt werden könnten.
- 18:34Und gerade in diesem Zusammenhang ist es so, dass er ja für sich reklamiert,
- 18:38auch die Perspektive für einen palästinensischen Staat tatsächlich verhindern zu wollen.
- 18:43Und das widerspricht ja letzten Endes auch den internationalen Verpflichtungen
- 18:47und auch dieser Idee des Friedensplans vom letzten Jahr, der eben eine solche
- 18:52Perspektive bewusst offen halten wollte.
- 18:55Aber ich glaube, man darf nicht unterschätzen, dass es wirklich eine historische
- 18:58Gelegenheit ist, die hier momentan im Raum steht, dass nämlich die Hamas sich
- 19:02bereit erklärt hat, sich zu entwaffnen.
- 19:05Das ist etwas, was vor einem Jahr, glaube ich, noch undenkbar war,
- 19:08weil nämlich eben der sogenannte bewaffnete Kampf tatsächlich ein definierendes
- 19:13Merkmal für die Hamas ist. Busse spricht also von einer historischen Gelegenheit,
- 19:16aber von einer, die noch nicht umgesetzt ist.
- 19:19Die Zustimmung zu einem Fahrplan bedeutet nicht, dass die Hamas ihre Waffen bereits abgibt.
- 19:24Die zweite Seite der Vereinbarung, der schrittweise israelische Rückzug,
- 19:27ist ebenfalls offen. Ich glaube, wir haben noch nicht drüber gesprochen. Parallel.
- 19:32Zu dieser Entwaffnung soll es eben auch einen sukzessiven israelischen Rückzug
- 19:36aus dem Gazastreifen geben und da haben wir natürlich das nächste große Problem,
- 19:40denn zum einen ist es so, dass Israel die ursprüngliche Kontrolle von über 50 Prozent
- 19:46des Gazastreifens inzwischen ausgeweitet hat auf 70 Prozent und Netanyahu hat
- 19:50angekündigt, man wolle sich auch überhaupt nicht zurückziehen.
- 19:53Also es ist nicht nur so, dass es von israelischer Seite kein Ende der Kampfhandlungen
- 19:57gibt, sondern aktuell noch eine mangelnde Bereitschaft, tatsächlich sich an
- 20:01diese Phase 2 Vereinbarung zu halten, sich auch aus dem Gazastreifen zurückzuziehen.
- 20:06Und ich glaube, auch da wird sich erst etwas ändern, wenn aus den USA entsprechend dann Druck kommt.
- 20:11Für den Friedensplan ist das eben ein entscheidender Punkt. Die Entwaffnung
- 20:14der Hamas und der israelische Rückzug sind miteinander verknüpft.
- 20:17Wenn die Hamas ihre Waffen abgeben soll, während Israel gleichzeitig seine militärische
- 20:21Kontrolle über große Teile des Gaza-Streifens aufrechterhält,
- 20:24ist die vorgesehene zweite Phase kaum umzusetzen und deshalb richtet sich der
- 20:29Blick auch auf Washington.
- 20:32Das Problem ist, Trump ist eben so ein Präsident, der schnelle Ergebnisse haben
- 20:37will. Wenn er irgendwas rausposaunt, dann muss es quasi am nächsten Tag umgesetzt werden.
- 20:41Für ihn ist es relativ schwierig, auf lange Sicht zu fahren.
- 20:45Er ist kein Freund von langwierigen Verhandlungen, von zehn Verhandlungen.
- 20:48Hat sich jetzt mittlerweile zwischendurch dann auch auf ganz andere Konfliktfelder begeben.
- 20:52Thema Iran-Krieg als ein Beispiel. Jetzt hat er wieder Emissäre in die Ukraine
- 20:57geschickt, die Frieden machen sollen.
- 20:59Iran scheint bei ihm so ein bisschen aus dem Fokus geraten zu sein.
- 21:03Und was bei Trump aus dem Fokus gerät, gerät natürlich auch bei seiner Administration aus dem Fokus.
- 21:07Busse aber hält den Druck der USA für entscheidend. Seiner Einschätzung nach
- 21:11kann Washington die politische Kosten-Nutzen-Rechnung sowohl der israelischen
- 21:15Regierung als auch der Hamas verändern.
- 21:17Ohne äußeren Druck werde sich kaum etwas bewegen, sagt er.
- 21:21Israel ist militärisch, diplomatisch und politisch eng mit den USA verbunden.
- 21:26Die US-Regierung verfügt deshalb über einen erheblichen Einfluss auf die israelische
- 21:31Regierung, erheblicher natürlich auch als der Einfluss europäischer Staaten
- 21:37inklusive Deutschlands.
- 21:39Allerdings gibt es noch einen Faktor, der wichtig sein könnte.
- 21:41Israel schrebt seit Jahren eine Normalisierung seiner Beziehung zu Saudi-Arabien
- 21:45an. Busse sagt, auch dieses Ziel lässt sich nicht dauerhaft von der palästinensischen Frage trennen.
- 21:51Man denke nur daran, dass Israel natürlich ein sehr, sehr großes Interesse daran
- 21:55hat, die diplomatischen Beziehungen zu Saudi-Arabien zu normalisieren.
- 21:59Und da müsste man eigentlich viel stärker ins Schaufenster stellen,
- 22:03dass das nur über den Weg geht, dass es wirklich eine politische Perspektive
- 22:07für palästinensische Selbstbestimmung und staatliche Unabhängigkeit gibt,
- 22:11die ja zumindest angedeutet ist in diesem Friedensplan.
- 22:14Und mit anderen Worten sollte man viel, viel mehr vor Augen führen der israelischen
- 22:18Regierung oder eben auch
- 22:19potenziellen anderen Regierungen, die ohne Netanyahu auskommen,
- 22:23weil wir einfach noch nicht wissen, wie die Wahlen ausgehen,
- 22:25dass das eben dieser Weg nach Riyadh, der führt über Gaza, könnte man eigentlich sagen.
- 22:29Und das sollte eben nicht unterschätzt werden.
- 22:32Die angestrebte Normalisierung mit Saudi-Arabien könnte so damit zum politischen
- 22:36Hebel werden, um konkrete Fortschritte für die Palästinenser einzufordern.
- 22:42Aber selbst wenn die Hamas entwaffnet wird und Israel sich schrittweise zurückzieht,
- 22:46bleibt eine weitere Frage offen.
- 22:48Wer verwaltet Gaza danach? Wer sorgt für Sicherheit?
- 22:52Wer organisiert Schulen, Krankenhäuser und öffentliche Verwaltung?
- 22:54Und wer verhindert, dass nach dem Ende der Kämpfe ein Machtvakuum entsteht?
- 23:00Der Friedensplan sieht dafür eine palästinensische Übergangsverwaltung vor.
- 23:05Nach Busses Darstellung hat sich dieses Gremium bereits gebildet.
- 23:09Die israelische Regierung hat bislang aber nicht zugelassen,
- 23:11dass es seine Arbeit im Gazastreifen aufnimmt. Die Leute sind offensichtlich
- 23:15noch in Kairo und warten darauf, dass sie Zugang in den Gazastreifen bekommen.
- 23:21Eine solche Verwaltung braucht auch Sicherheitskräfte. Bousse warnt davor,
- 23:24jeden Menschen, der unter der Hamas-Regierung als ziviler Polizist gearbeitet
- 23:28hat, automatisch als Kämpfer einzuordnen.
- 23:30Teile der bisherigen Zivilpolizei könnten nach einer individuellen Überprüfung
- 23:34möglicherweise weiterarbeiten.
- 23:36Dabei muss aber natürlich geklärt werden, wer an Kampfhandlungen oder an anderen
- 23:39Gewalttaten beteiligt war.
- 23:42Außerdem haben Jordanien und Ägypten bereits palästinensische Polizisten ausgebildet.
- 23:47Auch Deutschland hat natürlich Erfahrung mit der Ausbildung von Polizistinnen
- 23:51und Polizisten, beispielsweise im Kosovo, auch im Westjordanland gab es solche Ausbildungen.
- 23:57Also da könnte man natürlich was machen. Es gibt auch den Plan.
- 24:01Laut dem Friedensplan, die Absicht, dass man eine Friedenstruppe,
- 24:07eine international Besetzte im Gazastreifen einsetzt, die dafür Ruhe und Ordnung sorgt.
- 24:12Da gibt es allerdings bislang noch nicht besonders viele Nationen,
- 24:15die sich daran beteiligen wollen. Und dementsprechend auch nicht das ausreichende Personal.
- 24:20Die neue Verwaltung müsste definitiv nicht vollständig bei Null beginnen.
- 24:24Es gibt ja auch in den Verwaltungen Menschen, die da arbeiten,
- 24:27die möglicherweise mit der Hamas nicht direkt verbunden sind.
- 24:31Geduldet von der Hamas wurden, aber möglicherweise dann immer ein paar Technokraten
- 24:35sind, die es auch in der neuen Verwaltung bräuchte.
- 24:39Arbeiten könnte sie aber nur, wenn die Kämpfe enden, die politischen Zuständigkeiten
- 24:44geklärt sind und sich Israel tatsächlich schrittweise zurückzieht.
- 24:48Aber selbst eine funktionsfähige Verwaltung in Gaza wäre noch keine Lösung des
- 24:52gesamten israelisch-palästinensischen Konfliktes.
- 24:56Gaza lässt sich politisch nicht dauerhaft vom Westjordanland trennen.
- 25:00Wenn es am Ende eine Perspektive für eine palästinensische Selbstbestimmung
- 25:03geben soll, also sowas wie eine Zwei-Staaten-Lösung, reicht es nicht,
- 25:08nur den Gazastreifen wieder aufzubauen.
- 25:10Auch im Westjordanland verschärft sich die Lage.
- 25:13Also ihr wisst vielleicht, dass das Westjordanland mittlerweile so ein Flickenteppich
- 25:19ist, aufgeteilt in A, B, C Gebiete, die A Gebiete, die unter palästinensischer
- 25:24Zivil- und Sicherheitsverwaltung stehen, die B Gebiete, die,
- 25:29palästinensisch verwaltet werden, aber wo Israel die Sicherheitsverantwortung
- 25:33hat, die C Gebiete, in denen Israel die komplette Kontrolle hat.
- 25:38Das Ganze sieht, wie gesagt, wenn man das auf einer Karte sieht,
- 25:40aus wie ein Flickenteppich und jetzt.
- 25:44Gibt es auch noch das Problem, dass die illegalen Siedlungen,
- 25:48die nach Völkerrecht illegalen Siedlungen, die Israel da weiter ausbaut,
- 25:51noch stärker ausgebaut werden, dass es da noch rasanter geht.
- 25:55Und dazu kommt, das habt ihr sicherlich mitbekommen, auch das große Thema Siedlergewalt.
- 25:59Also einige dieser Siedler, die durchaus als Rechtsextreme zu bezeichnen sind,
- 26:04und die gerade nach dem 7. Oktober mit massiver Gewalt gegen Palästinenserinnen
- 26:08und Palästinenser vorgegangen sind.
- 26:11Und deswegen sagt Busse auch sehr deutlich. Ja, zumindest sind die aktuellen
- 26:16Rahmenbedingungen denkbar schlecht.
- 26:18Und ich glaube, im Westjordanland, wenn wir da hinschauen, dann ist es ja auch
- 26:23da so, dass wir aktuell eine drastische Verschärfung haben, die über dieses
- 26:27Beispiel von E1 hinausgeht.
- 26:28Also wir haben eine Siedlergewalt in beispiellosem Ausmaß.
- 26:32Es gibt im Grunde täglich Übergriffe auf die palästinensische Zivilbevölkerung.
- 26:37Militante Siedler dringen in die sogenannten A-Gebiete vor, wo sie sich früher
- 26:43nie hingewagt haben und versuchen dort eben Häuser unter ihre Kontrolle zu bringen.
- 26:47Der Siedlungsbau ist auf einem Höchststand, wie wir ihn seit dem Beginn des
- 26:52Oslo-Friedensprozesses 1993 nicht mehr hatten.
- 26:55Und die rechtsextremen Vertreter der israelischen Regierung rühmen sich ja auch
- 27:00dessen, dass sie eben eine politische Perspektive für die Palästinenser damit beerdigen wollen.
- 27:05Wenn Siedlungsbau und Siedlergewalt die territoriale Grundlage eines möglichen
- 27:09palästinensischen Staates weiter beschädigen, reicht auch ein Wiederaufbau Gazas
- 27:14nicht für eine dauerhafte Lösung.
- 27:15Also im Gebiet, also wenn man sich vorstellt, die Siedlungen werden jetzt weiter
- 27:20ausgebaut, dieses E1-Gebiet östlich von Jerusalem, das das Westjordanland in
- 27:25den nördlichen und in den südlichen Teil trennen würde.
- 27:29Dann hätte man einzelne Flecken wie den Gazastreifen, wie das Nordwestjordanland,
- 27:35wie das südliche Westjordanland,
- 27:37und wie man da einen funktionsfähigen Staat aufbauen sollte oder kann,
- 27:42dazu fehlt mir persönlich allerdings auch so die Fantasie.
- 27:46Das ist der größere politische Rahmen. Für Ali ist die Frage nach einer politischen
- 27:51Perspektive längst zu einer persönlichen Frage geworden.
- 27:54Kann er seinen Kindern in Gaza noch eine Zukunft bieten?
- 27:58Ein Krieg, der alles zerstört hat, was wir besessen.
- 28:03Sogar unsere Gesundheit und unsere Zukunft.
- 28:08Was haben wir getan, um das zu verdienen?
- 28:12Was haben meine Frau und meine kleinen Kinder getan, um das zu verdienen?
- 28:18Lass Israel doch mein Land nehmen und mir erlauben, meinen Kindern außerhalb
- 28:24dieses Ortes eine Zukunft aufzubauen.
- 28:28Ali formuliert hier keinen politischen Plan und da stimmt damit auch keiner Vertreibung zu.
- 28:33Ihr wisst ja vielleicht, dass
- 28:34einige israelische Politiker mit der Idee liebäugeln, alle zwei Millionen,
- 28:38Menschen, die in Gaza leben, aus dem Gazastreifen herauszubringen,
- 28:43zu evakuieren, in andere Länder
- 28:44umzusiedeln, was völkerrechtlich eine Vollkatastrophe wäre und sicherlich.
- 28:50Israels Image in der Welt massiv beschädigen würde.
- 28:53Aber Verteidigungsminister Katz hat erst kürzlich gesagt, dass man diesen Plan,
- 28:57noch nicht wirklich aufgegeben habe.
- 29:00Und allerdings zeigen ja Alis Worte, wie weit sein Vertrauen in eine Zukunft
- 29:05innerhalb Gazas inzwischen zerstört ist. Und auch Fadi sagt,
- 29:09unser Arzt, dass viele Menschen nicht mehr wissen, welche Zukunft sie ihren
- 29:13Kindern in Gaza bieten können.
- 29:18Wenn man über die Zukunft für sich und seine Kinder nachdenkt,
- 29:21keine Schulen, keine guten Krankenhäuser, kein sicherer Ort zum Leben.
- 29:26Viele Familien hatten Häuser mit drei oder vier Stockwerken.
- 29:29Heute leben sie auf der Straße oder in Zelten.
- 29:32Sie stellen sich eine einfache Frage. Warum sollen wir in diesem Land bleiben,
- 29:37wenn wir all diese Dinge nicht haben?
- 29:41Damit geht es also nicht nur um die Frage, ob der Krieg endet.
- 29:44Es geht darum, ob danach wieder ein Leben entstehen kann, in dem Menschen bleiben
- 29:48wollen. Ein Leben mit Schulen, Krankenhäusern, Sicherheit, einem Zuhause und
- 29:52einer politischen Perspektive.
- 29:54Ich habe Jan Busse deshalb zum Schluss gefragt, was er einem Menschen in Gaza
- 29:58antworten würde, der wissen möchte, wird es im kommenden Jahr besser?
- 30:02Dass ich das hoffe, aber dass man sich dessen überhaupt nicht sicher kann,
- 30:06weil wir momentan einfach ganz großen Grund zum Pessimismus haben und schauen
- 30:11müssen, wie man tatsächlich an kleinen Stellschrauben erstmal zumindest das
- 30:14Schlimmste verhindern kann.
- 30:15Und es muss natürlich weiter die humanitäre Lage im Gazastreifen verbessert
- 30:19werden. Aber das sind natürlich keine guten Aussichten, wenn es wirklich nur
- 30:23um so minimale Veränderungen geht.
- 30:25Das ist eine, wie ich finde, sehr ernüchternde Antwort.
- 30:28Fast drei Jahre nach dem 7. Oktober ist Gaza noch immer weit von einem normalen Leben entfernt.
- 30:34Ein Friedensplan liegt vor. Nach Busses Darstellung hat die Hamas am Fahrplan
- 30:38zugestimmt, der ihre schrittweise Entwaffnung vorsieht.
- 30:41Gleichzeitig soll sich Israel aus dem Gazastreifen zurückziehen.
- 30:44In einer dritten Phase sollen der Wiederaufbau und eine Perspektive für eine
- 30:49palästinensische Selbstbestimmung folgen.
- 30:51Doch zwischen diesen Schritten liegen enorme politische und militärische Hindernisse.
- 30:56Die Kämpfe sind immer noch nicht vollständig beendet. Der israelische Rückzug ist offen.
- 31:01Eine neue Verwaltung kann ihre Arbeit noch nicht aufnehmen und eine politische
- 31:04Perspektive für eine palästinensische Staatlichkeit scheint in ferner Sicht
- 31:09zu sein. Und ich glaube, das ist eben auch ganz wichtig, dass man das immer
- 31:13wieder mal zum Thema macht.
- 31:14Denn es liegt auch in der Verantwortung von Ländern, die keinen so großen Einfluss
- 31:19haben auf Israel wie die USA.
- 31:23Es liegt dann auch in der Verantwortung von Ländern wie Deutschland oder anderen
- 31:26europäischen Staaten, da Druck zu machen, immer wieder darauf hinzuweisen,
- 31:30dass man sich eben erwartet von einem Partner, von einem Freund,
- 31:33dass er da entsprechende Schritte einleitet, um das Leben für die Menschen in
- 31:37Gaza zum Besseren zu gestalten.
- 31:40Und den Palästinensern eben ein Leben in Würde und in Selbstbestimmung zu ermöglichen.
- 31:47Für Menschen wie Ali und Fadi bedeutet das alles, sie wissen weiterhin nicht,
- 31:51wie lange ihre Familien noch ohne sichere Wohnungen, reguläre Schulen und eine
- 31:54verlässliche medizinische Versorgung
- 31:56leben müssen. Der Friedensplan beschreibt eine mögliche Zukunft.
- 32:00Im Alltag der Menschen ist sie allerdings bislang nicht angekommen.
- 32:06Das war die heutige Folge unseres Podcasts im Krisenmodus. Dieser Podcast wurde
- 32:10produziert von Alexander Baumeister.
- 32:13Er ist ebenfalls Journalist und arbeitet bei einem Radiosender der Funke Mediengruppe.
- 32:17Wenn euch diese Folge gefallen hat, liked und folgt uns. Das hilft uns,
- 32:21unsere Arbeit sichtbarer zu machen.
- 32:24Und schreibt uns gerne, was muss passieren, damit aus einem Friedensplan auch
- 32:28für Menschen wie Ali und Fadi eine konkrete Perspektive entsteht.
- 32:32Eure Fragen, Kritik und Themenvorschläge schickt ihr an krisenmodus.funkemedien.de,
- 32:40Passt auf euch auf. Bis dann. Ciao, ciao.