Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 3 - 126-133
Transcript
- 0:00Unterkapitel 126 mystische Erklärungen in diesem sehr
- 0:06kurzen Abschnitt übt Nietzsche Kritik an Erklärungen, die
- 0:09geheimnisvoll und tiefgründig klingen, aber bei näherer
- 0:12Betrachtung nichts erklären. Er sagt, dass solche mystischen
- 0:17Erklärungen oft für besonders tief gehalten werden, die
- 0:20Wahrheit sei aber, dass sie nicht einmal oberflächlich sind,
- 0:24man kann sich das so vorstellen, jemand fragt, warum ein Auto
- 0:27fährt. Und bekommt zur Antwort, Es wird
- 0:31von einem inneren Autogeist bewegt.
- 0:33Das klingt vielleicht geheimnisvoll, erklärt aber
- 0:36absolut nichts über den Motor, das Benzin oder die Räder.
- 0:41Nietzsche meint, dass solche Wagen spirituell klingenden
- 0:44Antworten nur so tun, als wären sie tief, in Wirklichkeit
- 0:48weichen sie einer echten Erklärung aus, sie sind also
- 0:51nicht nur nicht tief, sie kratzen nicht einmal an der
- 0:54Oberfläche des Problems, sie sind leere Worte.
- 0:59Unterkapitel 127 Nachwirkung der ältesten Religiosität hier
- 1:06beschäftigt sich Nietzsche mit der Idee des Willens.
- 1:09Er sagt, dass die meisten Menschen glauben, der Wille sei
- 1:12eine einfache, klare und direkte Kraft, die unsere Handlungen
- 1:16verursacht, wenn jemand zum Beispiel zuschlägt, denken wir,
- 1:20er hat es getan, weil er es wollte.
- 1:23Nietzsche hält diesen Glauben für einen Rest aus uralten
- 1:26religiösen Zeiten. Damals dachten die Menschen,
- 1:30dass hinter jedem Ereignis ein Wille steckt, zum Beispiel der
- 1:33Wille eines Gottes, der einen Blitz schickt, er zerlegt die
- 1:37Idee des Wollens in ihre Bestandteile, um zu zeigen, wie
- 1:41komplex sie wirklich ist. Erstens sagt er damit überhaupt
- 1:45ein Wille entstehen kann, muss ein Wesen eine Vorstellung von
- 1:48Lust und Unlust haben. Man will etwas, weil man sich
- 1:52davon Freude verspricht oder weil man Schmerz vermeiden will.
- 1:56Zweitens ist das Gefühl von Lust oder Schmerz selbst bereits eine
- 1:59Interpretation, ein und derselbe Reiz kann von unserem Verstand
- 2:04mal als angenehm, mal als unangenehm gedeutet werden, es
- 2:08ist also nicht der Reiz selbst, sondern unsere Deutung, die das
- 2:11Gefühl erzeugt. Drittens, so schließt, ergibt es
- 2:15Wille, Lust und Schmerz nur bei intellektuellen Wesen.
- 2:19Die zu solchen Deutungen fähig sind.
- 2:21Die überwältigende Mehrheit der Organismen auf der Welt hat
- 2:25nichts davon, deshalb kritisiert er den Philosophen Schopenhauer.
- 2:30Schopenhauer hatte die berühmte Theorie aufgestellt, dass die
- 2:33ganze Welt im Grunde nur aus einem einzigen blinden Willen
- 2:36zum Leben besteht. Für Nietzsche ist das nichts
- 2:40anderes als die moderne philosophische Form einer
- 2:42uralten mythologischen Vorstellung.
- 2:45Er wirft Schopenhauer vor, nie wirklich analysiert zu haben,
- 2:48was Wille eigentlich ist, sondern einfach den Glauben der
- 2:52Masse übernommen und zu einer großen Theorie aufgeblasen zu
- 2:55haben. Der Wille ist für Nietzsche kein
- 2:58einfacher Befehl, sondern das komplexe Ergebnis vieler
- 3:01verschiedener Triebe, Gedanken und Interpretationen,
- 3:07Unterkapitel, 128, der Wert des Gebetes.
- 3:13Nietzsche meint, das Gebet sei vor allem für Menschen erfunden
- 3:16worden, die von sich aus keine eigenen tiefen Gedanken haben
- 3:20oder keine Momente spirituelle Erhabenheit erleben.
- 3:23Was sollen solche Menschen an heiligen Orten oder in wichtigen
- 3:26Momenten des Lebens tun, die eigentlich Ruhe und würde
- 3:30erfordern, damit sie nicht stören, so Nietzsche, hat man
- 3:34ihnen das Gebet als eine Art mechanische Arbeit gegeben, es
- 3:38ist eine Beschäftigung, die aus dem Aufsagen von Formeln.
- 3:42Dem Wiederholen von Worten und einer festgelegten Haltung von
- 3:45Händen und Augen besteht, ob man nun Mantras murmelt, einen
- 3:49Rosenkranz betet oder unzählige Namen Gottes wiederholt.
- 3:53Die Hauptsache ist, dass man für eine Weile beschäftigt und ruhig
- 3:57gestellt ist. Diese Routine Sonitsche hat
- 4:00einen praktischen Nutzen, sie macht diese Menschen für eine
- 4:04Zeitlang schöner und menschenähnlicher, weil sie
- 4:06ihnen eine Haltung der Ruhe und des Ernstes verleiht.
- 4:10Er geht aber noch einen Schritt weiter und sagt, dass selbst die
- 4:13wirklich religiösen Menschen, die er für eine seltene Ausnahme
- 4:17hält, ihre müden Stunden haben. Auch für sie kann diese fromme
- 4:21Mechanik des Gebets in Momenten der Erschöpfung eine wohltuende
- 4:25Stütze sein für die breite Masse, aber die Armen im Geiste
- 4:30ist diese Routine fast alles, was sie von Religion haben,
- 4:34Ihnen das Gebet wegzunehmen, würde bedeuten, Ihnen ihre
- 4:37Religion zu nehmen. Unterkapitel 129 die Bedingungen
- 4:44Gottes dieses Kapitel ist ein kurzes, spöttisches
- 4:48Gedankenspiel. Nietzsche zitiert zuerst den
- 4:51Reformator Martin Luther, der gesagt haben soll, Gott selber
- 4:55kann nicht ohne Weise Menschen bestehen, das bedeutet, Gott
- 4:59braucht kluge Menschen, die an ihn glauben, über ihn nachdenken
- 5:03und seine Lehren interpretieren. Ohne sie würde die Idee von Gott
- 5:06in der Welt keinen Halt finden. Nietzsche findet diesen Gedanken
- 5:11gut, fügt aber mit einem Augenzwinkern hinzu.
- 5:14Aber Gott kann noch weniger ohne unweise Menschen bestehen, das
- 5:19ist die Pointe, denn während die Weisen vielleicht nötig sind, um
- 5:22die Theologie zu formen, so sind es doch die Unweisen, die
- 5:26breiten Massen, die einfach und ohne zu fragen glauben, die das
- 5:29Fundament jeder Religion bilden, ohne die vielen Menschen, die
- 5:33nicht zweifeln, sondern einfach vertrauen, könnte sich eine
- 5:37Religion gar nicht halten. Gott braucht die einfachen
- 5:40Gläubigen also noch viel dringender als die klugen
- 5:43Theologen. Unterkapitel, 130 ein
- 5:48gefährlicher Entschluss dieses Kapitel besteht nur aus einem
- 5:53einzigen, aber sehr wirkungsvollen Satz.
- 5:56Der christliche Entschluss, die Welt hässlich und schlecht zu
- 5:59finden, hat die Welt hässlich und schlecht gemacht.
- 6:03Nietzsche beschreibt hier das, was man heute eine
- 6:06selbsterfüllende Prophezeiung nennen würde.
- 6:08Er meint, dass das Christentum, in dem es die Welt als einen
- 6:12sündigen, Gefallenen und im Grunde schlechten Ort darstellt,
- 6:16die Menschen dazu gebracht hat, sie auch genau so wahrzunehmen.
- 6:20Die Brille, die das Christentum den Menschen aufgesetzt hat,
- 6:23färbt alles, was sie sehen, dunkel, indem man ständig von
- 6:27Sünde, verderben und der Unvollkommenheit des irdischen
- 6:30Lebens spricht, erzieht man die Menschen dazu, genau darauf zu
- 6:34achten und das schöne, Starke. Und Freudvolle zu übersehen oder
- 6:40ihm zu misstrauen. Der Glaube, die Welt sei
- 6:42schlecht, schafft also erst die Erfahrung einer schlechten Welt,
- 6:47die Welt an sich ist vielleicht weder gut noch schlecht, aber
- 6:50die christliche Interpretation hat sie in den Augen der
- 6:53Menschen hässlich gemacht. Unterkapitel, 131, Christentum
- 7:00und Selbstmord Nietzsche stellt hier eine provokante historische
- 7:05These auf. Er behauptet, dass zur Zeit der
- 7:08Entstehung des Christentums im Römischen Reich eine große
- 7:11Lebensmüdigkeit herrschte. Viele Menschen hatten ein tiefes
- 7:15Verlangen, ihr Leben zu beenden. Das Christentum, so Nietzsche,
- 7:19nutzte dieses Verlangen geschickt als einen Hebel seiner
- 7:22Macht, es verbot den direkten Selbstmord streng und erklärte
- 7:26ihn zur Sünde, gleichzeitig bot es aber 2 alternative Wege an,
- 7:31die im Grunde auch auf eine selbstauslöschung Hinausliefen.
- 7:34Diese aber als etwas Heiliges und Erstrebenswertes
- 7:37darstellten. Der erste Weg war das Martyrium,
- 7:41man starb für seinen Glauben und bekam dafür das ewige Leben im
- 7:45Paradies versprochen, das machte den Tod zu einem Sieg, der
- 7:50zweite Weg war der des Asketen, zum Beispiel eines Mönchs oder
- 7:54Einsiedlers durch Fasten, beten und die Abkehr von allen
- 7:58weltlichen Freuden entleibte man sich langsam selbst.
- 8:02Dieses langsame Selbstveranlasste sterben wurde
- 8:05als besonders heilig angesehen, indem das Christentum also den
- 8:09Wunsch nach dem Tod nicht bekämpfte, sondern ihn in
- 8:12kontrollierte und für die Kirche nützliche Bahnen lenkte, gewann
- 8:15es enorme Macht über die verzweifelten Menschen dieser
- 8:18Zeit, Unterkapitel 132 gegen das Christentum auch dieses Kapitel
- 8:27ist sehr kurz, Nietzsche schreibt.
- 8:30Jetzt entscheidet unser Geschmack gegen das Christentum
- 8:33nicht mehr unsere Gründe. Er will damit sagen, dass die
- 8:37Zeit der großen logischen und philosophischen Debatten
- 8:39darüber, ob die Lehren des Christentums wahr oder falsch
- 8:43sind, vorbei ist. Für ihn und andere moderne
- 8:46Denker vorbei ist. Es geht nicht mehr darum,
- 8:49Argumente auszutauschen, die Entscheidung gegen das
- 8:53Christentum ist vielmehr eine Frage des Geschmacks, also eine
- 8:57ästhetische und persönliche Entscheidung.
- 8:59Das Weltbild des Christentums, seine Werte, seine Betonung von
- 9:03Sünde und jenseits seine Moral, all das empfindet der moderne
- 9:07Geist, wie Nietzsche ihn versteht, als unattraktiv, als
- 9:11nicht mehr lebenswert oder erstrebenswert.
- 9:14Es ist wie mit einer Musikrichtung oder einem
- 9:16Kleidungsstil, den man nicht mehr mag, man argumentiert nicht
- 9:20dagegen, man wendet sich einfach ab, weil er dem eigenen
- 9:24Lebensgefühl nicht mehr entspricht.
- 9:27Unterkapitel. 133 Grundsatz hier stellt Nietzsche eine
- 9:34langfristige Prognose auf. Er sagt, es gibt bestimmte
- 9:37grundlegende Annahmen, er nennt sie Hypothesen, auf die die
- 9:41Menschheit immer wieder zurückkommen muss, weil sie für
- 9:44das Überleben und das Verständnis der Welt notwendig
- 9:47sind. Das sind zum Beispiel
- 9:49grundlegende logische Prinzipien oder naturwissenschaftliche
- 9:53Erkenntnisse. Eine solche notwendige Annahme,
- 9:56so Nietzsche. Ist auf lange Sicht immer
- 9:59mächtiger als der stärkste Glaube an etwas unwahres, wie
- 10:02zum Beispiel der christliche Glaube.
- 10:05Er stellt also die praktischen, überlebensnotwendigen Wahrheiten
- 10:08der Wissenschaft gegen die Glaubenswahrheiten der Religion.
- 10:12Eine Religion kann vielleicht für einige 1000 Jahre die Welt
- 10:15beherrschen, aber Nietzsche denkt in viel größeren
- 10:18Zeiträumen. Er fügt hinzu, dass auf die
- 10:21Dauer hier 100000 Jahre bedeutet, über eine so lange
- 10:24Zeitspanne, so seine Überzeugung.
- 10:27Wird sich das, was sich im Leben bewährt und als nützlich
- 10:30erweist, immer gegen einen Glauben durchsetzen, der auf
- 10:33Unbeweisbaren oder sogar falschen Annahmen beruht?