Latest / Kinderschutz im Dialog – der Systemversteher-Podcast / Inobhutnahme & Co - Wenn Kinderschutzprozesse eskalieren
Transcript
- 0:10Kinder-Schutz im Dialog.
- 0:14Der Systemversteher-Podcast mit Carsten
- 0:18Schüler und
- 0:20Alexandra Foss.
- 0:26Hallo, mein Name ist Alexandra Foss Ich bin Kinderschutzreferentin bei den Systemverstehern.
- 0:31Mein Name ist Carsten Schüler.
- 0:32ich bin Geschäftsbereitsleiter bei den Systemverstehern.
- 0:35In unserer ersten Folge haben wir ein bisschen angerissen worum es in diesem Podcast gehen soll und dass wir uns mit kinderschutz beschäftigen und dazu im Dialog sein wollen.
- 0:43Und heute wollen wir ein bisschen darauf gucken, was passiert wenn genau diese Prozesse, nämlich Kinderschutzprozesse eskalieren und in ihre finale Phase gehen.
- 0:53Dazu gibt es einen Kinder-Schutzbericht aus dem Jahr 2024, der zeigt, dass es über siebzigtausend festgestellte Kindeswohlgefährdungen gegeben hat an dem Fachkräfte entscheiden mussten, dass hier akute Kindeswohlbeförderung vorliegen.
- 1:10und mich interessiert Was geht dir als erstes durch den Kopf Casten, wenn du solche Zahlen hörst?
- 1:17Das ist zu viel.
- 1:18Das Erste was mir durch den Kopf geht, das sind wahnsinnig hohe Zahlen und das spiegelt gleichzeitig auch unsere Realität wieder.
- 1:27also ich gebe mal so eine Zahl wir haben vor der Pandemie um die hundertfünfundachtzig Anfragen gab für unsere naja etwas über hundredfünftvierzig Plätze die wir so haben im stationären Bereich.
- 1:39Wir sind mittlerweile bei konstant über tausend Anfragen im Jahr.
- 1:45Und das ist eine wahnsinnige Entwicklung.
- 1:50und das Schlimme ist ja, dass es nicht nur quantitativ so ist sondern auch qualitativ.
- 1:55Das heißt die Kinder, die wir sehen, den geht´s auch immer schlechter und das ist keine gute Entwicklung.
- 2:02Total!
- 2:03Und das zeigt doch noch mal oder was bedeutet in Obhutname?
- 2:07Und dass es so viele oder die Notwendigkeit so oft gibt zeig... Wir haben in der letzten Folge oder in der ersten Folge einmal drüber gesprochen.
- 2:16Was gibt es so für Hilfen?
- 2:17Du hast hier benannt, siebenzwanzig Fortfolgend und wir haben uns damit beschäftigt ambulante, teilstationäre Maßnahmen.
- 2:23Wir haben auch noch Hilfen nach Paragraph 18 also Mutter-Vater-Kind Einrichtungen das in Obbutname nie isoliert steht.
- 2:30Also wenn's dann wirklich eskaliert, wenn es den akuten sofortigen Schutz braucht dass das am Ende von Maßnahmen steht. Einer langen Kette von Maßnahmen meistens.
- 2:41Ganz selten finden den Obhutnamen aus dem Nichts heraus statt, wenn es vorher gar keine Anzeichen gab, keinen Unterstützungsmaßnahmen und trotzdem gibt es sie.
- 2:53Gibt es Momente für dich in denen sich ein Obhuthname in diesem Spannungsfeld zwischen Schutz- und invasiven Eingriff anfühlt?
- 3:04Was denkst du dazu?
- 3:07Das erste was mir dazu einfällt ist, dass wir gerade als Fachkräfte nicht vergessen dürfen, was das für ein Eingriff ist.
- 3:14Das finde ich steht mal so
- 3:15vor allem. Also wir sprechen davon, dass Kinder von ihren Eltern oder von ihren Bezugspersonen mit denen sie leben, auf die sich verlassen, die ihnen eine wie auch immer geartete Sicherheit geben herausgerissen werden und wir sprechen dann ja davon, dass das ja nur dann passiert, wenn man denkt, dass das herausnehmen aus diesen Systemen weniger schlimm ist als was ihnen in diesem System passiert.
- 3:47Und das ist krass finde ich wenn man sich das mal so klar macht also ein Kind um es mal jetzt sogar ganz klassisch zu formulieren bei Mama und Papa rauszunehmen da können wir so einigermaßen ausmalen was davor gefallen sein muss.
- 4:00damit mein das tut denn das ist ja auch.
- 4:05Also das schadet einem kind.
- 4:06ja Also per se schadet das einem Kind, wenn du es von Mama und Papa wegnimmst.
- 4:11Das heißt, dass was vorher an Schädigung gar gewesen sein muss, muss ja größer sein.
- 4:16Und ich finde, dass ... Wenn man sich das klarmacht, dann bekommt man ganz schön viel Respekt vor der Arbeit, die wir so machen.
- 4:23Also, wenn ich mit einem Kind arbeite, was diese Erfahrung mit Erwachsenen gemacht hat... Was bedeutet das eigentlich?
- 4:30Was heißt das für das Vertrauen zum Beispiel, was Kinder dann überhaupt noch in Erwachsener haben?
- 4:37da ist nicht viel an Vertrauen, zurecht, in Erwachsene.
- 4:41Und das ... ist zum Beispiel etwas, was ich immer wieder versuche auch zu schulen, wenn ich mit Mitarbeitenden spreche, dass ich sage dieses Vertrauen müssen wir überhaupt erst erarbeiten.
- 4:51Da können wir nicht davon ausgehen, dass es einfach so da ist, sondern das müssen wir aber überhaupt erst mal wieder erarbeiten?
- 4:57Ja, das ist das, was mir durch den Kopf geht dabei.
- 4:59Total!
- 4:59Weil Kinder ja in dieser Situation auch schon erlebt haben also Die Menschen, mit denen sie zusammenleben auf die Sie sich verlassen im Ursprung.
- 5:10Da ist irgendwas irrevasibel... zerstört worden zu sagen, es gibt die Notwendigkeit.
- 5:14Du bist so gefährdet da zu Hause dass ein anderer Erwachsener den Kinder meistens noch nicht mal kennen entscheidet Da kannst du nicht bleiben.
- 5:22also auch wieder eine Abhängigkeit gehen.
- 5:24keine Selbstbestimmungen diesen Prozess haben in den meisten Fällen.
- 5:28Es gibt Kinder und Jugendliche Die sich selbst melden um ihn Obhutnahme bitten die selbstbestimmt sagen ich habe erkannt Und auch die haben Verletzung ihres Grundvertrauens erlebt sonst würden sie das nicht sagen.
- 5:39Ich kann hier nicht mehr bleiben.
- 5:40und um ihn Obhutnahme bitten.
- 5:42Alle anderen betrifft es aber insoweit, dass sie ausgediefert sind von Entscheidungen Erwachsener und dann an einen Ort kommen den Sie vielleicht nicht kennen.
- 5:49Wir haben hier bei uns auf dem Gelände ein großen Campus.
- 5:52wir haben verschiedene Maßnahmen.
- 5:53manchmal sind Kinder zuerst in unseren teilstationären Angeboten, sodass sie zumindest die Örtlichkeit ein bisschen kennen.
- 5:59wenn wir die Möglichkeit haben und es zu Inobhutnahme kommen muss hier einen Platz anzubieten Dann ist zumindest der Ort bekannt und ansonsten werden Kinder aus ihren Bezügen herausgerissen zu fremden Menschen, zu fremen Orten und müssen alles neu aufbauen.
- 6:17Also das ist wirklich ein hoher Eingriff!
- 6:19Und auch wenn wir gucken uns solche Prozesse über das Familiengericht laufen dann ist ja das was das Familien-Gericht abfragt.
- 6:25immer sind alle anderen Maßnahmen wirklich ausgeschöpft.
- 6:29also so wie du sagst All das wird erst mal überprüft, und dann ist zu der Entscheidung gekommen worden.
- 6:34Nichts davon mehr ist bürgsam und greift um Schutz irgendwie sicherzustellen.
- 6:38Schutzpläne greifen nicht, Vereinbarungen greifen nicht, Kontrollaufträge greifen nicht ... Um den Schutz innerhalb der Kernbezüge sicherzustellen.
- 6:49Absolut!
- 6:50Und genau das ist eben entscheidend.
- 6:55aber eher dass ein Jugendamt entscheidet so etwas eben nur dann, wenn wirklich alles andere versagt hat.
- 7:02Wenn nichts anderes mehr funktioniert aus pädagogischen Gründen.
- 7:06Übrigens auch aus finanziellen Gründen!
- 7:09Ich meine das kostet ja auch wahnsinnig viel so eine stationäre Unterbringung.
- 7:12Deswegen ist ja diese landläufige Meinung so Ja, kommt es Jugendamt und nimmt die Kinder weg?
- 7:17Nee, also allein der Kämmerer hätte was dagegen?
- 7:20weil es einfach unfassbar viel Geld kostet.
- 7:23Und wenn es an trotzdem dazu kommt, dann ist eben auch wahnsinnig viel vorgefallen.
- 7:27Und das finde ich immer so entscheidend, dass Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe sich das immer wieder klarmachen.
- 7:36Und immer wieder neu vor Augen führen was ist da alles schon bereits gelaufen bevor hier der erste Tag ist?
- 7:43Und manchmal erlebe ich in Einrichtungen bei uns immer weniger weil wir dazu sehr viel schulen.
- 7:50aber Na ja, also dann gibt es Regeln und dann gibt's so Dinge an die sich halten müssen.
- 7:56Die Kinder und Jugendlichen... Und man geht so davon aus, dass sie das schon machen.
- 8:01Ich denke immer, woher nehmen wir das?
- 8:04Woher nehmen wir so eine Idee?
- 8:07Das sind Kinder und Jüngliche, die haben erlebt, dass Erwachsene ihnen nichts Gutes wollen.
- 8:13Die haben erlebt, dass man sich auch bei Erwachsen auf gar keinen Fall verlassen kann.
- 8:19und ziemlich sicher haben sie erlebt, dass Erwachsene ihn geschadet haben.
- 8:24Und ich finde das führt eigentlich ... Wenn man das zu Ende denkt dazu, dass du eine ganze Menge Respekt bekommst und dass du unfassbar demütig wirst wenn du diesen Kindern begegnest.
- 8:37also dass du diesen ganzen Prozess mit großer Demutbegegnung und sagst okay wir versuchen jetzt mal was wir gemeinsam tun können damit es dir wieder besser geht und wir können mal gemeinsam schauen wie wir das miteinander hinbekommen.
- 8:51Aber ich setze, wenn nicht klug bin, nichts
- 8:53voraus.".
- 8:55Und du hast gerade was gesagt, was ich total wichtig finde, dass das bei uns immer weniger passiert, weil wir dazu schulen und... Das ist auch so ne?
- 9:01Also wir vertreten ja hier in die sehr klare Haltung, dass wir auf Beziehung und Bindung setzen, Dass wir Kinder da abholen und nehmen wollen, wo sie stehen und mehr auf unser Name.
- 9:10den interpretiere ich beispielsweise so zu sagen Wir sind Systemversteher!
- 9:13Wir geben uns die Mühe diese Kinder verstehen zu wollen In den Systemen.
- 9:17also wenn wir drauf schauen gucken, dann kann man ja auch den einzelnen Mensch als System begreifen.
- 9:25Wie sie da abzuholen wo sie sind in ihrem System ihnen eine Möglichkeit zu geben anzukommen Beziehung zu leben Bindung zu leben und dann mal zu gucken was brauchst du denn gerade?
- 9:34Und wie können wir das gestalten?
- 9:36und natürlich haben auch wir Regeln und Strukturen weil miteinander funktionieren muss.
- 9:40aber Das, worauf wir an erster Stelle setzen.
- 9:43Das ist Bindung und Beziehung.
- 9:44Und das finde ich total wertvoll.
- 9:45Ich erlebe es in den Teams, in denen ich bin, wo wenn wir sprechen immer Gefährdungen wie Wertschätzend die mit den Kindern und Jugendlichen umgehen?
- 9:53Wie viel die Teams reingeben, die einzelnen Mitarbeiter reingehen daran Interesse an den tatsächlichen Erlebensrealitäten zu haben?
- 10:01Und manchmal müssen wir dann miteinander noch mal in den Abgleich gehen zu sagen Was ist denn auch das, was wir uns vorstellen, was wir uns wünschen?
- 10:07Und was ist das, dass ein Kind in dem man es mitbringt gerade auch kann.
- 10:12Da gut in den Diskurs dazu zu gehen.
- 10:16Das tun wir sehr gewissenhaft bei uns.
- 10:19Weil uns wahnsinnig wichtig ist, dass Kinder hier einen sicheren Ort finden können.
- 10:23Gerade nach dem Prozess der Inobhutnahme einfach alles Wahnsinnig irritiert ist.
- 10:30Die ersten Tage nach si einer Inobhutnahme total ... intensiv ja auch sind und die wenigsten Kinder entscheiden sich dafür zu sagen, ich will das jetzt so.
- 10:42Sondern es ist immer geboren aus Not heraus!
- 10:46Ist es.
- 10:47Und gleichzeitig ist es bei uns auch bei uns immer wieder eine Entwicklung, die immer wieder von neuem beginnt.
- 10:53also dass es nichts auf das wir uns verlassen können, dass das jetzt für alle Zeiten so ist und auch wir müssen immer wieder im Dialog bleiben so damit diese Haltung sich zunehmend setzt, weil das ist ja... Wenn du das lange machst diese Arbeit dann ist es einfach ein normaler Anfang.
- 11:13Ein normaler Anfang ist ein Kind ist irgendwann hier und dann beginnt halt die Arbeit und dann ist dieser Arbeit auch schnell wieder Alltag so und sich immer wieder zu stoppen und zu sagen hey Moment mal!
- 11:24Das ist für dich vielleicht gerade Routine aber dass es für dieses Kind das Einschneideste was ihm in seinem ganzen Leben passiert ist Das heißt, das Durchbrechen der eigenen Routine.
- 11:35Ich glaube, dass ist ein ganz entscheidender Faktor und da ist man auch nie mitfertig so.
- 11:41Da sind wir als Einrichtung nie mit fertig.
- 11:44Das ist etwas, wo wir gemeinsam immer wieder schauen müssen wie wir eigentlich dafür sorgen, dass es eben nicht zur Routine wird.
- 11:52Total!
- 11:53Und da sind wir dran, das immer wieder zu denken und uns bewusstzumachen.
- 11:58Manchmal fällt es uns auf weil uns die Situation begegnen manchmal tun wir das sehr wissentlich.
- 12:02Wir haben Prozesse dafür dass wir das eben frisch halten weil das so wichtig ist Da gut zu gucken.
- 12:10Was glaubst du ist das Neben dem Angebot von Bindung und Beziehung das wichtigste für Kinder nach einer Inobhutnahme in den ersten Tagen hier bei uns?
- 12:18was brauchen sie?
- 12:20Sicherheit.
- 12:21Ich glaube das eine allerwichtigste ist, dass wir versuchen mit allem was uns zur Verfügung steht, Sicherheit zu vermitteln.
- 12:30Und nicht davon ausgehen, dass es funktioniert aber nicht nachlassen damit und das ist ein Paradoxum den wir uns immer wieder stellen müssen.
- 12:40also ich versuche etwas herzustellen und ich weiß dass das am Anfang auch immer wieder scheitern wird und trotzdem darf ich nicht nachlassen das herzustellen und darf vor allem die Schuld, wenn es nicht klappt, nicht irgendwie dem Kind zuzuschieben.
- 12:56Sondern vielmehr das als normalen Prozess zu begreifen, dass lange dauert diese Sicherheit und auch zu erlangen.
- 13:03Aber das Wichtigste ist doch am Anfang zu sagen du bist jetzt hier und es ist okay.
- 13:09Und du bist verwirrt und wütend und ohnmächtig und das ist ok!
- 13:16Wir gucken jetzt mal was du brauchst so...
- 13:18würde sozusagen so eine Erlaubnis für erleben und auch erstmal ausleben von Überforderungen.
- 13:24Und dass das dieser Anteil von Sicherheit, weil Sicherheit ist ja total individuell.
- 13:27Das was für mich Sicherheit bedeutet in meinem Kontext, ist es vielleicht nicht für dich und für Kinder nochmal ganz anders und da aber eben auch zu schauen, was er lebt und lebt es auch aus ein Kind, einen Jugendlicher der hier bei uns ankommt und darauf einzusteigen?
- 13:41Natürlich genau!
- 13:43Genau darum geht's diese... alles ist erstmal okay.
- 13:47Also alles ist okay.
- 13:48Und jedes Kind hat eine andere Form mit diesem schwerwiegende Eingriff umzugehen, hat eine anderen Form auch sich dazu zu verhalten und das ist erstmal grundsätzlich ok.
- 13:59Für mich heißt guter Grund also die Idee zu haben Menschen verhalten sich aus einem guten Grund auf eine bestimmte Art und Weise.
- 14:10Das gilt natürlich für diese Kinder in besonderer Maße zu sagen ja dass was Du dort zeigst.
- 14:16Da haben wir eine Idee, woher das kommt.
- 14:18Manchmal zeigen sich Dinge nach zwei Jahren und dann hast du nicht sofort vor Augen was ist der gute Grund für das Verhalten so?
- 14:26Und trotzdem auch da wieder ... Wir dürfen nie aufhören, nach diesem guten Grund zu suchen.
- 14:32Vor allem ist es auch eine Haltungsfrage davon auszugehen, dass es diesen guten Grund gibt.
- 14:38Wenn mir das Verhaltene eines Kindes merkwürdig vorkommt, habe ich noch nicht genug verstanden Und nicht, dann muss sich das Kind noch mehr anpassen.
- 14:48Sondern habe ich noch nicht ausreichend genug verstanden und ... natürlich!
- 14:54Ich kann auch trotzdem manchmal in Situationen kommen, wo ich anfange zu verstehen und trotzdem merke, ich komme nicht weiter.
- 15:01Auch das kann es geben so.
- 15:03Das heißt übrigens auch nicht, dass wir Kinder in Zusammenleben nicht auch was abverlangen müssen.
- 15:08Wir sind hier im Gruppenkontexten, das geht häufig gar nicht anders.
- 15:13Aber wir dürfen uns eben nicht wundern, dass das für das Kind eine riesige Herausforderung ist und dass das wahnsinnig anstrengend ist.
- 15:19Und dass es nicht mal so zu leisten ist.
- 15:22Absolut!
- 15:22Wenn wir Prozess darauf gucken, dann müssen wir ja auch verstehen, dass der Inobhutname-Prozess an sich... total individuell ist und in ganz vielen Situationen maximal überfordernd, weil da Erwachsene miteinander gesprochen haben.
- 15:34Es ist was festgestellt worden, was gravierend ist.
- 15:37Und Inobhutnamen laufen sehr unterschiedlich ab.
- 15:39Es gibt den Inobhutnamen an Betreuungsorten wo die Kinder vorher sind also da sprechen wir über Kindergarten, Schule aus denen dann heraus im Inobhut genommen werden muss wenn wir von einer wirklich akuten Gefährdung ausgehen.
- 15:51es gibt den Inobhutnamen aus dem häuslichen Kontext manchmal unter Beteiligung von Polizei, Ordnungsamt, Veterinäramts... Also ja wirklich auch Situationen, die maximal belastend sind.
- 16:02Absolut!
- 16:03Und du musst dir mal vorstellen das und vielleicht doch die Menschen hier zuzuhören.
- 16:09Du musst dir immer vorstellen was das für eine Situation ist?
- 16:14Wir gehen ja immer so davon aus, da kommen Kinder aus Gewaltkontexten und es ist super dass wir die daraus nehmen.
- 16:20und so Ja das stimmt also bis ja auch definitiv so.
- 16:24Nur gleichzeitig stell dir vor, wenn du Kinder hast.
- 16:26Du bringst dein Kind morgens in die Kindergarten und während des Kindergartens kommt die Polizei und das Jugendamt in diesen Kindergaten gefahren und nimmt dein Kind
- 16:36mit.".
- 16:38Also ich bitte immer jeden sich mal klar zu machen was das bedeutet?
- 16:43Was bedeutet es für eine Mama und einem Papa?
- 16:46Und nur weil sie auf einer Art Verhalten haben wie echt scheiße für das Kind war heißt es ja noch lange nicht dass die nicht ähnliche Empfindungen haben, wie wir die auch hätten.
- 16:55wenn es plötzlich zu so einer krassen Situation kommt.
- 16:59Und von dem Kind mal ganz zu schweigen... Also Wir können ja von außen betrachtet der Meinung sein und zurecht ja auch der Meinung sein das bestimmte Dinge nicht gehen.
- 17:09Gewalt in jeder Form und wir haben ja von darüber gesprochen und dann hat man ja schon tausend Versuche unternommen diese Gewalt zu unterbinden und das hat alles sich funktioniert.
- 17:19also alles gut fachlich Aber trotzdem, das Kind kennt es gar nicht anders.
- 17:26Das Kind kennt nur diesen Rahmen und dann kommen plötzlich Menschen, die es nicht kennt, Polizisten ein Jugendamten zum Glück machen, die das übrigens ... aber für das Kind ist es... Ich bin im Kindergarten und plötzlich ist meine Welt nicht mehr so wie vorher.
- 17:41Und das ist erst Mal und das macht wahnsinnig Angst.
- 17:43Total!
- 17:44Natürlich gibt es auch Kinder zum Glück und das erleben wir ja immer wieder, dass neben dieser Angst irgendwann auch kommt, ich bin jetzt wirklich in Sicherheit weil natürlich spüren Kinder auch zu Hause ist etwas nicht okay.
- 17:58Und natürlich ist es auch zum Glück so, dass wir immer wieder auch hören – also ich habe selber ja stationär gearbeitet und bin ja nicht immer schon Leitung gewesen sondern bin im stationären Settings groß geworden sozusagen als Pädagoge – immer wieder das du auch hörst diese langweilige Vorhersehbarkeit die wir haben, dieses Wenn das, dann passiert das.
- 18:20Und so und der Tag verläuft so und so.
- 18:22Und diese Vorhersehbarer, ja?
- 18:26Diese Gruppenstrukturen und so, die geben natürlich auch Sicherheit.
- 18:30Ich hab schon gespiegelt bekommen von Kindern von Jugendlichen, dass sie gesagt haben genau das lässt mich entspannen.
- 18:37Dass ich weiß wenn ich das und das mache... Berechenbarkeit!
- 18:42Absolute Berechenbarkeit.
- 18:43Wenn ich das mache passiert das und es Und das ist nicht mal so, und das ist auch nicht abhängig vom Erzieher.
- 18:50Das ist immer so!
- 18:52Das macht wahnsinnig viel aus ... Na klar, zum Glück erleben wir das auch immer wieder.
- 18:59Ich würde sogar sagen es ist in der Regel so, wenn dann erst einmal verstanden worden ist hier passiert mir nix, hier schlägt mich niemand, hier gibt's keine sexuellen Grenzüberschreitungen, keine psychischen Grenzüberstreichung.
- 19:16Ah, okay.
- 19:17Ich bin in Sicherheit und das ist natürlich auch ein gutes Gefühl nach dem ersten Schreck und nach der ersten Schreckminute und den ersten Schrecktagen und der Frage was machen jetzt diese komischen Erwachsene mit mir die ich ja auch nicht kenne so?
- 19:29Und ich kann da anknöpfen weil du hast gerade gesagt du hast deinen berufliche Erfahrung aus dem stationären Bereich.
- 19:36Ich habe meinen beruflichen Hintergrund in langjähriger Jugendamtsarbeit und kann auch da sagen, dass ich auch nachher in Inobhutnahmen Kinder- und Jugendliche erlebt haben.
- 19:45Die in Hilfeplangesprächen sitzen und formulieren können und sagen können Danke dafür!
- 19:50Das war richtig das war irgendwie total viel und ich war überfordert und die Anfangszeit war schwierig und na klar.
- 19:56also aus all den guten Gründen die wir eben benannt haben aber die trotzdem eben auch sagen können Ich habe erkennen dürfen, ich habe lernen dürfen was Sicherheit bedeutet und ich bin froh darum.
- 20:07Also ein Obhutname kann auch in der Rückschau auf jeden Fall in der Situation immer erstmal ein belastendes Erlebnis gar keine Frage egal in welchem Kontext Belastung löst es aus aber trotzdem was richtig richtig Gutes sein wenn Schutz erlebbar begreifbar für überwört
- 20:26Total.
- 20:27Genau,
- 20:28und das darf man ... Das ist ja auch das, woraus wir vielleicht auch schöpfen in unserer Arbeit so, ne?
- 20:34Dass dann Kinder- und Jugendliche in einem Prozess merken, okay hier ist wirklich ein guter Ort für mich.
- 20:41Und das ja auch spiegeln.
- 20:43Ich glaub', dass es ja vielleicht auch was, was diese Arbeit so wertvoll macht und was vielleicht auch viele KollegInnen antreibt, dass sie das merken bei allem, was es kostet Und bei allem, was es mich auch kostet.
- 21:00Ich mach diesen Ort zu einem wertvollen Ort für dieses Kind für diesen Jugendlichen.
- 21:05Das ist ein Ort wo der hoffentlich in der Rückschau sagt das war für mich ein guter Ort.
- 21:10So!
- 21:11Das war ein Ort da verbinde ich positives mit.
- 21:13Das sind ja wir die das gestalten können.
- 21:16Wir, die dafür sorgen können wie Kinder und Jugendliche irgendwann mal wenn sie dreißig Jahre alt sind und zurückgucken mit welchen Gefühlen sie auf diesen Ort schauen, den wir hier geschaffen haben.
- 21:28Wir begleiten ja nicht nur Biografien, sondern wir schreiben die mit!
- 21:32Also wir schreiben Biographie mit und das finde ich eine wahnsinnige Verantwortung.
- 21:36aber darin liegt auch eine riesengroße Chance Und übrigens sehe ich einen sich tatsächlichen Zusammenhang zwischen der Demut mit dem man herangeht an diese Kinder und Jugendlichen und sich sagt okay dass du jetzt erstmal keinem vertraust ist total ok.
- 21:53Und einem positiven Hilfeverlauf, wo das Kind danach zwei Jahre sagt ja und es ist auch okay.
- 22:02Es ist sicherer hier für mich.
- 22:05Ja vielleicht, emotional vermisse ich Mama und Papa aber die Schläge vermisse nicht.
- 22:12und die Prügel, die ich bezogen habe oder die Gewalt in anderen Formen, die vermisse sich nicht.
- 22:17Im Gegenteil, ich fühle mich jetzt sicher.
- 22:19also glaube es gibt eine Korrelation zwischen Ein Zusammenhang dazwischen, wie begegne ich Menschen und wie ist dann so ein Hilfeverlauf?
- 22:30Total.
- 22:30Und ich finde du hast gerade was ganz Wichtiges gesagt nämlich auch nochmal zu sagen Kinder dürfen in den Inobhutnahmeprozessen und dann in den Unterbringungen hier vermissen und gleichzeitig hier sicheren Ort finden.
- 22:41Ich finde, das ist ein ganz entscheidender Punkt, dass wir nicht absprechen oder dass Kinder hier nicht ankommen müssen und sagen müssen, es ist hier das beste Leben überhaupt, sondern dass sie trotzdem fühlen dürfen und sollen auch... ich vermisse da was!
- 22:54Also weil es hat sich ja grundlegend einfach etwas verändert als total entscheidend.
- 23:00Das Kinder- und Jugendliche-Gespüren haben eine Erlaubnis, hier zu sein, aber gleichzeitig auch unsererseits zu spüren, ist es okay zu vermissen und es ist okay an manchen Tagen eben trotz allem das nicht gut finden zu dürfen.
- 23:16Und das ist wieder das was unsere Haltung widerspiegelt.
- 23:18zu sagen wir nehmen dich an!
- 23:20Wir nehmen dich auch an mit diesem Gefühl und wollen dir begegnen und dich begleiten.
- 23:24und ich erlebe das immer daran dass wenn ich mit Kollege*innen hier spreche und dann so Geschichten höre wie ach ich wollte ihr mal erzählen der Jugendliche der schon lange nicht mehr bei uns ist jetzt sein eigenes Leben hat.
- 23:34er hat mir geschrieben kommen noch mal in Kontakt.
- 23:37Und auch Kinder und Jugendliche, die eben aus Inobhutnahmegründen hier gelandet sind.
- 23:41Das finde ich total interessant weil das ja auch nochmal spiegelt so wie haben wir tatsächlich auch Leben- und Erleben mitgestaltet?
- 23:48Und das möglich zu machen ist ein ganz großes Kompliment.
- 23:52wenn dann zurückkommt dass hier eine Zeit verbracht werden konnte, Erlebnisse, eine Korrektiverfahrung gesammelt werden konnte die ein Leben lang unterstützt. Absolut, ja.
- 24:05Und an die man auch zurückdenken will in dem man auch kommt noch mal.
- 24:09Also das finde ich, sagt ja auch viel aus, grenzigt es dann diese Erfahrung aus meinem Leben aus, bin dem entwachsen oder beschäftige ich mich nochmal sehr bewusst damit und komme zurück?
- 24:18Und Alex, dieser Ambivalenz die ist ja meinen Augen nicht die Ausnahme sondern diese Ambivalenzen sind ja die Regel.
- 24:26Ja!
- 24:28Wenn wir allein schon sich das klar zu machen, dass Kinder des Jugendlichen mit ambivalenten Gefühlen hier sind und dass das dazugehört, dass es ein Stück Normalität ist.
- 24:39Auch das führt ja dazu, dass sich manches normalisiert und dann für dich auch wieder handhabbarer macht im stationären Alltag.
- 24:49Und was wir ja immer wieder erleben und was Kolleginnen ja auch immer wieder spiegeln aus dem stationären Bereich umso mehr du begreifst Trotz allem, was für dich auch häufig unvorstellbar ist, dass diesen Kindern passiert ist an Gewaltformen.
- 25:05Mama bleibt Mama und Papa bleibt Papa – das ändert sich nicht!
- 25:10Und ich finde, Kolleginnen die das verinnerlichen, dass das so ist und dass das daneben steht neben der Tatsache von teilweise wirklich Gewalt-Formen, die man sich gar nicht vorstellen mag.
- 25:25Wenn man das nebeneinander stellen kann Und diese Freiheit, den Kindern und Jugendlichen auch gibt.
- 25:32Die Freiheit in dieser Ambivalenz zu bleiben... ...und die Erlaubnis haben das auch äußern zu können,... ...dann ist es eine gute Grundlage für einen optimalen Hilfeverlauf.
- 25:44Ja!
- 25:44Für Beziehungsgestalter.
- 25:46Das A&O an dem täglichen Leben was die Kinder und Jugendliche hier bei uns verbringen.
- 25:52Darum geht es.
- 25:53Beziehungsgestaltung liegt ja all unsere... All unsere Wirksamkeit im pädagogischen Alltag liegt ja in meinen Augen, wenn ich das so sagen darf wie ich es erlebt habe und wie ich das auch so im Laufe meines Berufslebens immer wieder erlebt habe.
- 26:13Es geht also erstens um Beziehungen zweitens um Beziehungen und drittens um Beziehung.
- 26:19Das ist der Punkt!
- 26:20Also was anderes haben wir nicht zur Verfügung?
- 26:22Wir haben uns zur Verfügung und wir haben zur Verfügung dass wir uns in Beziehung geben Und in diesen Beziehungen können heilsame Prozesse entstehen.
- 26:33So, in diesem Beziehung kann Aufrichtung geschehen und ... In dieser Beziehung kann auch Grenzsetzung geschehn.
- 26:42Total!
- 26:43Ich bin überhaupt niemand der gegen Grenzsetzungen ist, will ich auch mal klar sagen so.
- 26:47Verstehende Pädagogik heißt überhaupt nicht dass man keine Grenzen sieht aber du ziehst Grenzen in einer Beziehung.
- 26:53also wenn mich Menschen fragen ja Also was kann ich denn machen, damit der Luis das auch macht?
- 27:03Was ich sage.
- 27:05Dann sag' ich immer ja ... Was glaubst du denn?
- 27:08Was könnte das sein?
- 27:09Und letztendlich wenn ich sage, Luis geht schlafen und Luis sagt Du kannst mich mal!
- 27:16Wenn sich Luis dann irgendwann entscheidet doch schlafen zu gehen, dann ausschließlich deswegen weil ich eine Beziehung hab wo Luis irgendwann sagt Ahja, das ist jetzt auch blöd.
- 27:25Also irgendwie würde ich das jetzt auch nicht total aufs Spiel setzen und finde es irgendwie blöd.
- 27:31Und in diesem Beziehungsrahmen entscheide ich mich, mal das zu machen was die da will oder was der da will, auch wenn ich das gar nicht einsehe also welches Kind sieht schon ein, dass es schlafen gehen sollte.
- 27:41Also meine zumindest nicht so.
- 27:48Das bleibt ja etwas externes, selten intrinsisch Und, aber das Kinder sozusagen dann sagen ja komm ich leg mich jetzt hin und so.
- 27:59Das sagt was mit Beziehungsgestaltung zu tun ist halt nichts damit zu tun dass er also wenn du das jetzt nicht machst ja dann Ja was denn da?
- 28:06Also dann zum Glück nix weil alles andere ist zum Glück verboten so.
- 28:15und Wenn es das nicht wäre dann wären wir wieder in dabei Kinder in Machtabhängigkeiten zu geben, aus denen sie gerade kommen.
- 28:24Und das wäre fatal und es ist nicht die Aufgabe von Kindern-Jugendhilfe.
- 28:29Die Aufgabe ist, dass ich mich in eine Beziehung gebe, dass sie mich übrigens auch verletzlich mache immer wieder so aufs Neue und dass ich vielleicht auch lerne im solchen Prozess, dass es nicht nur um das Kind geht sondern dass es immer auch um mich geht klingt jetzt ein bisschen pathetisch.
- 28:47Auf einer Reise bin ich selber auch immer wieder neu kennenzulernen.
- 28:50so, weil das bedeutet Beziehungsgestaltung und auch professionelle Beziehungsgestaltung.
- 28:55Und in dem Kontext würde ich auch noch mal sagen ... Weil es ist so einen Vorurteil mit dem ich mal aufräumen will Es geht in pädagogischen Beziehungen niemals um professionelle Distanz.
- 29:09Es geht um professionelle.
- 29:10Nähe
- 29:11Absolut Unterstreich zu hundert Prozent würd auch immer sagen, sowohl meine persönliche Haltung – auch die, die wir hier leben.
- 29:19Es ist ja immer Beziehung und Bindung statt Erziehung!
- 29:22Wir wollen begleiten, wir wollen unterstützen Und wir wollen nicht erziehen.
- 29:28Also wir wollen nicht an Kindern ziehen.
- 29:30Wir wollen Rahmen geben.
- 29:31Das ist das, glaube ich, was du auch aufgreifst mit Regel- und Grenzsetzung Die darf und muss es geben.
- 29:37Wir wollen einen sicheren Rahmen bieten in dem man sich dann in Bindung und Beziehungen sehr frei bewegen kann weil der Entwicklung möglich macht.
- 29:45Und ich glaube, das ist ... was es dazu braucht, ist der Dialog und damit finden wir in gutem Bogen.
- 29:52dazu zu sagen, warum machen wir das hier im Dialog bleiben?
- 29:55Das machen wir in Prozessen nach- und mit Inobhutnamen.
- 29:59die Zahlen zeigen dass es gravierend ist wie viele Kinder in einer Situation der Inobhutnahme erleben und wie wichtig es ist im Dialoge zu bleiben und sich auszutauschen und daher würde ich sagen, bedanken wir uns für das Zuhören und freuen uns wenn euch die Folge gefallen habt.
- 30:20Und ihr beim
- 30:20nächsten Mal wieder dran bleibt, wenn es wieder heißt.
- 30:24Kinderschutz
- 30:26im Dialog
- 30:29der Systemversteher Podcast mit Carsten Schüler und Alexandra Foss.