Latest / DAZWISCHEN Der Sachsen-Anhalt-Podcast / Seelische Gesundheit in Sachsen-Anhalt: ein System am Limit
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- 0:00Auf einen Therapieplatz wartet man fünf bis sechs Monate. Stellen Sie sich
- 0:04vor, ein Kind, das zu viel Angst hat, um zur Schule zu
- 0:06gehen, hat überhaupt erst nach fünf Monaten die Therapie begonnen. Und
- 0:11dann kann man erst anfangen zu gucken, was es braucht, um da
- 0:15wieder den Weg in die Schule zu finden. Das ist unheimlich viel
- 0:17Lebenszeit. Da wird ganz viel verloren unterwegs. Das sagt die Psychotherapeutin Sabine
- 0:24Ahrens Eiper. Mit ihr habe ich anlässlich des Tags der seelischen Gesundheit
- 0:28gesprochen, der jedes Jahr am 10. Oktober stattfindet. Sabine Ahrens Eiper ist
- 0:33nicht nur Psychotherapeutin, sie war Vertretungsprofessorin für klinische Kinder- und Jugendpsychologie
- 0:39und ist seit 2024 Vizepräsidentin der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer. Außerdem ist sie in der Vertreterversammlung
- 0:45der Kassenärztlichen Vereinigung für Sachsen-Anhalt. Sie blickt also aus ganz verschiedenen Blickwinkeln
- 0:51auf das Thema seelische Gesundheit. Sie kennt sich aus mit Sachsen-Anhalt,
- 0:55einem der Länder, in denen psychische Erkrankungen besonders stark zunehmen. Aber was
- 1:00heißt das überhaupt? Werden wirklich immer mehr Menschen krank, oder gibt es
- 1:03heute nur mehr oder vielleicht auch bessere Diagnosen? Wie sieht die Versorgungslage
- 1:08in Sachsen-Anhalt aus? Und vor welchen Herausforderungen stehen die Therapeutinnen und
- 1:12Therapeuten? All das besprechen wir in der heutigen Folge von Dazwischen. Untertitel
- 1:28im Auftrag des ZDF für funk 2017. Vorher werfen wir aber einen
- 1:29Blick auf die aktuelle politische Situation in Sachsen-Anhalt, denn da ist
- 1:33einiges passiert. Am 6. Oktober hat die konstituierende Sitzung des Landtags stattgefunden,
- 1:38und der AfD-Politiker Tobias Rausch ist zum Landtagspräsidenten gewählt worden. Er
- 1:44hat die Wahl mit 48 von 82 anwesenden Stimmen gewonnen. Und das
- 1:48hat für Aufregung gesorgt. Warum? Die AfD hat 39 Stimmen. Das BSW,
- 1:54das angekündigt hatte, Rausch zu wählen, hat fünf Stimmen. Das sind insgesamt
- 1:5744, und das hätte eigentlich auch gereicht, um für Rausch zu stimmen.
- 2:02Es sind ja aber viel mehr Stimmen zusammengekommen. Das heißt, es müssen
- 2:06dann noch andere Abgeordnete von anderen Parteien mitgestimmt haben. Ich schätze sehr
- 2:10Marie, dass du nicht sagst: „Ich hab's euch ja gesagt.“ Ich hab
- 2:14darüber nachgedacht. Es ist ja tatsächlich so ein bisschen das, was du
- 2:17auch vorher gesehen hast, was passieren könnte. Also die Wahl ist geheim.
- 2:22Wir wissen natürlich nicht ganz genau, wer da mitgewählt hat. Noch Ministerpräsident
- 2:27Sven Schulze hatte seine Fraktion ja eigentlich dazu angehalten, sich komplett zu
- 2:30enthalten. Insgesamt haben das bei dieser Wahl aber nur fünf Menschen getan.
- 2:35Da scheint ein bisschen Uneinigkeit darüber zu sein, wem man dann folgt.
- 2:39Was das für die Ministerpräsidentenwahl bedeutet, das werden wir noch sehen, denn
- 2:44die soll ja erst im Dezember stattfinden. Ulrich Siegmund von der AfD
- 2:48will neuer Ministerpräsident werden und präsentiert sich zurzeit auch sehr zuversichtlich, da
- 2:53genug Stimmen von den anderen Fraktionen dazu zu bekommen. Zumindest bei der
- 2:57Wahl des Landtagspräsidenten hat das offenbar geklappt. Ja, also hinzu kommt ja
- 3:01auch, dass der Vizepräsident des Landtags, Hans Thomas Till, schneller geworden ist,
- 3:06ebenfalls AfD-Politiker. Dazu haben AfD und BSW vorher noch extra die
- 3:11Geschäftsordnung des Landtags geändert. Denn eigentlich muss der Vizepräsident aus einer anderen
- 3:16Fraktion kommen. Man kann schon sagen oder vermuten, dass diese Wahl
- 3:21jetzt so ein bisschen richtungsweisend ist. Ein Test von der AfD, wie
- 3:25es werden könnte, wenn denn Siegmund sich zum Ministerpräsidenten wählen lässt. Hat
- 3:30er genug Leute hinter sich? Ja, du hast ja eben schon gesagt,
- 3:32es gab auch viel Diskussionen, natürlich nach der Wahl, aber eigentlich auch
- 3:36schon im Vorfeld. Da haben viele Stimmen davor gewarnt, dass der Landtagspräsident
- 3:40von der AfD gestellt wird. Sowohl aus der Politik als auch aus
- 3:43der Zivilgesellschaft gab es Protest. In Magdeburg hat es am 6. Oktober
- 3:47vor dem Landtag eine Protestveranstaltung gegeben. Und Leonhard war für uns mit
- 3:52dabei. Leonhard, wie hast du die Veranstaltung vor Ort erlebt? Genau, ich
- 3:55war schon relativ früh da, schon bevor die Wahlen stattgefunden haben. Da
- 3:59waren auch schon einige Menschen auf dem Domplatz. Die haben in einer
- 4:02Aktion zusammen die ersten 20 Artikel des Grundgesetzes vorgelesen. Und das klang
- 4:07so, nach dem Ziel oder nach dem Verhalten der Anregner, darauf
- 4:14aufzunehmen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen oder den
- 4:22Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gefährden. Entfasst uns nicht. Genau, es waren
- 4:32also relativ viele bekannte Aktivisten da, die wir auch schon in unserem
- 4:36Podcast zum Teil gehört haben, zum Beispiel Max Schneller, der auch maximaldemokratisch
- 4:40sich nennt, oder Pascal Begrich vom Miteinander e.V. Es war auch
- 4:44viel internationale Presse tatsächlich da. Und insgesamt, ja, ich würde sagen, so
- 4:48ungefähr 500 Menschen, die da protestiert haben und ein Zeichen setzen wollten
- 4:53zusammen. Und wie ging es den Menschen so? Ich stell mir das
- 4:58schon zumindest ergreifend vor, wenn 500 Leute vor dem Landtag stehen und
- 5:01das Grundgesetz vorlesen im Chor. Ja, die Stimmung war so ein bisschen
- 5:05gemischt. Ich hatte das Gefühl, auf der einen Seite waren die relativ
- 5:08froh, dass sie da zusammengekommen sind und sich gegenseitig gestärkt haben und
- 5:13einfach Gesicht gezeigt haben und das Gefühl hatten, wir sind hier nicht
- 5:16alleine. Auf der anderen Seite hatte ich den Eindruck, die waren ein
- 5:20bisschen erschöpft und desillusioniert zum Teil. Die haben sich keine Illusionen gemacht,
- 5:25dass sie da was an der Wahl noch mal ändern können. Sondern
- 5:28es ging wirklich darum, wir müssen hier aber trotzdem laut sein und
- 5:31zeigen, dass wir noch da sind. Ich hab die auch noch mal
- 5:33gefragt, warum sie da sind. Da haben die mir Folgendes gesagt: Es
- 5:38geht darum, dass wir befürchten, dass der mutmaßlich neu gewählte Landtagspräsident einer
- 5:43Partei entstammt, die das Grundgesetz nicht so geil findet. Das Grundgesetz ist
- 5:47für uns ein Gesetz, was nicht allzu alltäglich sein sollte, was nicht
- 5:49in Vergessenheit geraten sollte und was Maßstab jeglichen politischen Handelns aller Regierungen
- 5:54in ganz Deutschland sein sollte. Es ist wichtig, gemeinsam da zu sein,
- 5:58Gesicht zu zeigen für eine Alternative zur Alternative für Deutschland, für ein
- 6:03demokratisches und weltoffenes Sachsen-Anhalt. Und zu zeigen, wir nehmen das nicht
- 6:08einfach so hin, dass hier irgendwie die Seiten der Macht von der
- 6:13AfD ergriffen werden. Um Gesicht zu zeigen, um zu zeigen, dass wir
- 6:18nach der Wahl nicht aufgeben und dass der Kampf gegen Rechtsextreme in
- 6:22Landtagen weitergehen wird. Selbst wenn die AfD in Sachsen-Anhalt die meisten
- 6:27Stimmen geholt hat, ist es noch nicht vorbei. Wir werden dieses Land
- 6:31nicht den Extremisten überlassen. Genau, dann kamen auch zwischendurch AfD-Abgeordnete vorbei,
- 6:37auch Ulrich Sigmund. Da gab es ein großes Pfeifkonzert. Die Leute waren
- 6:40aber sehr entschlossen und haben ihm das Grundgesetz um die Ohren gebrüllt
- 6:44und gesagt, wir machen hier auf jeden Fall weiter und wir wollen
- 6:46uns nicht provozieren lassen, sondern wir wollen hier für das stehen, wofür
- 6:50wir stehen. Das war alles noch vor der Wahl. Und nach der
- 6:53Wahl, es wurde ja in Etappen gewählt, erst der Landtagspräsident, dann der
- 6:57Vizepräsident. Und je länger das ging, desto mehr leerte sich dann aber
- 7:01der Domplatz und desto enttäuschter wurde auch die Stimmung. Und so gegen
- 7:05zwei Uhr ungefähr war dann auch eigentlich nichts mehr los auf dem
- 7:09Platz. Und Max Schneller, den wir ja auch schon im Podcast hatten,
- 7:12der hat sich dann auch auf Instagram extrem enttäuscht geäußert über die
- 7:16Ereignisse des Tages. Ich bin ehrlicherweise sauer, ihr merkt es, und ich
- 7:19empfehle euch einfach die Worte ehrlich. Da ist Wut, da ist Frust
- 7:22und auch sehr viel Enttäuschung in mir. Ich hab dann nach der
- 7:26Wahl direkt nach der Wahl die Rede von Suse Tübohrer-Seitlitz gesehen,
- 7:31die sich ja direkt dann auch geäußert hat im Parlament und da
- 7:34auch noch mal alle demokratischen Parteien dazu aufgerufen hat, dass man eben
- 7:37zusammenarbeitet und auch noch mal klargemacht hat, wie wichtig eben doch dieses
- 7:41Amt des Landtagspräsidenten ist, auch um die Opposition zum Beispiel eben
- 7:45auch zu schützen vor dem, was da passiert. Und da bin ich
- 7:48auch gespannt, wie das dann in der Praxis aussehen wird. Ja, und
- 7:51vor allem, ich finde, wenn man jetzt schon sieht, natürlich wie Menschen
- 7:55in Sachsen-Anhalt bewegt, was da gerade passiert, dass sie morgens vor
- 7:59den Landtag gehen, ja, bin ich wirklich gespannt, wie das jetzt die
- 8:03nächsten Wochen noch weitergeht. Vielen Dank, Leo, für deine Eindrücke. Ja, wie
- 8:08geht's euch denn mit dieser Situation? Wenn ihr gedankenlos werden wollt, konstruktive
- 8:13Kritik zu unseren Folgen oder Themenvorschläge, schickt sie uns einfach per Mail
- 8:17an dazwischen@detektor.fm oder auch gerne eine WhatsApp-Nachricht. Die
- 8:21Nummer findet ihr in den Show Notes. Untertitel im Auftrag des ZDF
- 8:30für funk 2017. Marie, wir haben ja ganz am Anfang unseres Podcasts,
- 8:32nämlich in der zweiten Folge, über die Krankentage in Sachsen-Anhalt gesprochen.
- 8:37Das ist ziemlich gut gelaufen. Wir haben auch damals schon gemerkt, dass
- 8:40da noch mehr ist, was man sich anschauen muss. Ja, weil's ein
- 8:43sehr vielschichtiges Thema ist. Damals war eher der Ausgangspunkt, dass wir gucken
- 8:48wollten, warum hat Sachsen-Anhalt eigentlich die meisten Krankentage in ganz Deutschland?
- 8:53Und du hast dann unter anderem erzählt, dass vor allem psychische Erkrankungen
- 8:57eine der Hauptursachen für die vielen Fehltage sind. Und in einigen Landkreisen
- 9:02sogar die häufigste. Genau, so ist es. Je nach Krankenkasse gehen nämlich
- 9:05zwischen 13 und 20 Prozent aller Krankentage im Land auf psychische Erkrankungen
- 9:10zurück. Das sieht man auch in anderen Statistiken. Das Robert Koch Institut
- 9:14hat sich zum Beispiel mal angeschaut, wie häufig psychische Erkrankungen zwischen 2012
- 9:18und 2023 in der ambulanten Versorgung diagnostiziert wurden. Bundesweit stieg dieser Anteil
- 9:24auch, und zwar von 35 auf gut 40 Prozent. Den stärksten Anstieg
- 9:29aller Bundesländer gab es aber in Sachsen-Anhalt. Seit 2023 hatte
- 9:33hier fast jeder zweite gesetzlich versicherte Erwachsene, der eben ambulante Versorgung in
- 9:38Anspruch genommen hat, mindestens eine dokumentierte psychische Diagnose. Okay, also es gibt
- 9:43auf jeden Fall mehr Diagnosen. Das muss ja aber nicht unbedingt bedeuten,
- 9:47dass es auch wirklich mehr Menschen mit psychischen Erkrankungen gibt. Also holen
- 9:52sich vielleicht die Menschen einfach nur mehr Hilfe und bekommen dadurch eine
- 9:55entsprechende Diagnose? Genau, das war so ein bisschen der Ausgangspunkt für diese
- 9:59Folge heute. Das wollte ich unbedingt herausfinden. Deswegen habe ich diese Frage
- 10:03an Sabine Ahrens Eiper von der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer weitergegeben. Im Erwachsenenbereich sehen
- 10:09wir schon eine Verdopplung der Krankentage in den letzten zehn Jahren, sowohl
- 10:16bei Frauen als auch bei Männern. Aber rein von der Forschung her
- 10:21gibt es hier keine Zunahme der psychischen Erkrankungen. Vielleicht wird es jetzt
- 10:27besser festgestellt, dass man vorher eher wegen psychosomatischer Beschwerden, Schlafproblemen, krankgeschrieben wurde
- 10:34und jetzt besser erkannt wird, dass es sich hier doch um eine
- 10:37psychische Störung, eine Depression, handelt. Bei den Kindern und Jugendlichen haben die psychischen
- 10:43Störungen definitiv zugenommen. Und durch die Pandemie und verschiedene andere gesellschaftspolitische Krisen
- 10:50hat sich einfach bei den Kindern und Jugendlichen eine zunehmende Belastung ergeben.
- 10:54Also eine Steigerung des psychotherapeutischen Bedarfs. Das war für uns in den
- 10:58Praxen sehr merklich, insbesondere während Corona. Und ist aber auf einem relativ
- 11:02hohen Stand stehen geblieben. Also noch mal, wir haben ziemlich stabile Zahlen
- 11:07bei den Erwachsenen, die vor allem mit Depressionen und Angststörungen kommen. Aber
- 11:12zum Beispiel auch der Anteil an Alkoholerkrankungen ist in Sachsen-Anhalt überdurchschnittlich.
- 11:16Und Suchterkrankungen zählen zu den psychischen Erkrankungen. Und bei den Kindern und
- 11:21Jugendlichen merklich gestiegene Zahlen, die haben auch mit Angstzuständen zu kämpfen. Aber
- 11:26eben auch Essstörungen haben enorm zugenommen und eben auch selbstverletzendes Verhalten bis
- 11:31hin zu Suizidversuchen. Das mit der Belastung und psychischer Gesundheit von Kindern
- 11:35und Jugendlichen, das hat man ja in den letzten Jahren wirklich auch
- 11:39mehr diskutiert. Da gibt es auch alarmierende Zahlen, wie das sich beispielsweise
- 11:44bei Essstörungen bei jungen Mädchen mehr als verdoppelt hat. Aber das ist
- 11:48ja nicht nur ein Problem in Sachsen-Anhalt. Ja, das stimmt. Aber
- 11:51es gibt in Sachsen-Anhalt ein paar Besonderheiten, die wie ein Katalysator
- 11:55wirken. Wir haben ja zum Beispiel in unserer Folge über das Bildungssystem
- 11:59schon darüber gesprochen. Sachsen-Anhalt hat die höchste Quote von jungen Menschen,
- 12:03die die Schule ohne Abschluss verlassen, nämlich jeder Zehnte. Und wenn erst
- 12:08mal ein schulvermeidendes Verhalten da ist, ist es auch besonders schwierig, bei
- 12:13uns die Kinder und Jugendlichen auch wieder in die Schule zurückzubringen. Da
- 12:17haben wir im Moment als Kammer auch eine enge Zusammenarbeit mit der
- 12:22Justizministerin Sachsen-Anhalt, weil die das Problem auch erkannt hat und mit
- 12:26Sorge sieht. Dann haben wir eine hohe Armut unter Kindern und Jugendlichen.
- 12:31Und ich denke, das spielt schon eine große Rolle. Gerade Kinder und
- 12:37Jugendliche aus ärmeren Familien haben ja einfach ein erhöhtes Risiko psychischer Erkrankungen.
- 12:42Also da glaube ich, kommen verschiedene Lagen zusammen. Dann sind wir ja
- 12:47auch ein Bundesland mit viel ländlichem Bereich. Und gerade im ländlichen Bereich
- 12:53ist die Versorgung von Kindern und Jugendlichen besonders schwach. Ja, das heißt,
- 12:58wir haben einfach wenig Möglichkeit, sehr frühzeitig da einzuwirken, dass die Kinder
- 13:03wirklich gleich einen Therapieplatz kriegen, wenn sie ihn brauchen. Lass uns doch
- 13:07vielleicht genau darüber noch mal kurz sprechen. Wie läuft das mit der
- 13:10Therapieplatzsuche? Ich weiß aus meinem persönlichen Umfeld, das ist wirklich nicht easy.
- 13:16Und mein persönliches Umfeld bewegt sich in der Großstadt, vor allem auch
- 13:18in Leipzig. Erst mal braucht man auf jeden Fall ein Erstgespräch. Und
- 13:22das kann man relativ unkompliziert beispielsweise über die 116 117 oder eben
- 13:28die Webseite der 116 117 beantragen. Genau, und da sagt der Gesetzgeber,
- 13:33man soll innerhalb von vier Wochen da einen Termin für dieses Erstgespräch
- 13:36bekommen. Da sagt Sabine Ahrens Eiper schon, da hakt es zum ersten
- 13:40Mal. Man bemüht sich da zwar sehr, aber man kriegt eben den
- 13:43Bedarf nicht so abgedeckt, dass diese Frist in Sachsen-Anhalt immer eingehalten
- 13:47wird. Dann kommt dieses Erstgespräch. Da guckt erst mal ein Psychotherapeut oder
- 13:51eben auch eine Psychotherapeutin, was ist denn da eigentlich los? Ist das
- 13:56tatsächlich ein Fall für eine ambulante Psychotherapie oder ist das vielleicht eher
- 14:00was für eine Reha, für eine Kur? Braucht es hier vielleicht bei
- 14:03Kindern und Jugendlichen eher so was wie eine Erziehungsberatung? Also die Therapeuten
- 14:07und Therapeutinnen haben da wirklich so eine Lotsenfunktion, erst mal zu gucken,
- 14:10was haben wir hier überhaupt vorliegen? Und wenn bei dem Erstgespräch dann
- 14:14rauskommt, ja, eine ambulante Psychotherapie, die wäre gut, dann beginnt die Suche
- 14:19eben für viele Patienten und Patientinnen häufig von vorn. Wenn der Patient
- 14:23Glück hat, ist da, wo er die Sprechstunde gemacht hat, auch ein
- 14:27Therapieplatz frei. Das ist eigentlich das Optimale. Das ist aber auch nicht
- 14:32die Regel. Dann wird man sozusagen wieder zurückgeworfen in den Teich und
- 14:36muss versuchen, einen Therapieplatz zu bekommen. Und auf einen Therapieplatz wartet man
- 14:42fünf bis sechs Monate. Ja, und das finde ich ja total krass,
- 14:47weil dir geht es bei dieser Suche ja nicht gut. Du musst
- 14:50erst mal überhaupt die Kraft aufbringen, die ganzen Nummern rauszusuchen, dort anzurufen.
- 14:57Das hat dann vielleicht auch noch was mit Charme zu tun. Und
- 14:59wenn es richtig schlecht läuft, rufst du ja nicht nur bei einer
- 15:02Praxis an, du rufst bei richtig vielen an. Das ist ja eher
- 15:06der Regelfall, dass du bei vielen anrufst. Genau, das ist der Regelfall.
- 15:08Und du musst bei jeder Praxis noch mal deine Geschichte kurz neu
- 15:13erzählen, in einem Zustand, in dem du eigentlich Hilfe brauchst. Also ich
- 15:17finde es wirklich krass, dieses System. Und wenn es euch gerade auch
- 15:21nicht gut geht und ihr Infos sucht, wir haben in den Shownotes
- 15:24euch ein paar Links eingefügt. Und auch im Newsletter bekommt ihr noch
- 15:27ein paar Infos dazu. Aber Katja, sag mal, diese Probleme, die hat
- 15:33Frau Ahrens Eiper ja eigentlich recht klar benannt. Wenn das bekannt ist,
- 15:39warum steuert man denn nicht einfach nach? Warum gibt es nicht mehr
- 15:42Therapeutinnen und Therapeuten? Warum wird es den Menschen, die Hilfe brauchen, nicht
- 15:46einfacher gemacht? Ja, da kommen wir an einen ziemlich zentralen Punkt, nämlich
- 15:50die sogenannte Bedarfsplanung. Wie viele Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sich irgendwo mit Kassensitz
- 15:57niederlassen können, das wird nämlich nicht einfach danach entschieden, wie viele Menschen
- 16:01einen Therapieplatz brauchen und suchen, so wie du es vorgeschlagen hast, was
- 16:05man aus Patientinnen- und Patienten-Sicht nachvollziehen kann. Das ist ein
- 16:09bisschen komplizierter. Der Bund gibt über den gemeinsamen Bundesausschuss die Regeln für
- 16:13die Bedarfsplanung vor. Und in Sachsen-Anhalt setzt die Kassenärztliche Vereinigung diese
- 16:18dann gemeinsam mit den Krankenkassen in einen regionalen Bedarfsplan um. Und da
- 16:23gibt es wiederum dann auch noch gerade für den ländlichen Bereich besondere
- 16:26Herausforderungen. Und die Bedarfsplanung ist unterschiedlich für Stadt und Land, weil man
- 16:34grundsätzlich bei der ärztlichen Versorgung davon ausgeht, dass man bis zu einer
- 16:38Stunde fahren kann, um zum Arzt zu kommen. Also dass jetzt die
- 16:43Menschen, die 100 Kilometer rund um Magdeburg wohnen, wenn sie zum Arzt
- 16:46wollen, schon auch nach Magdeburg fahren. Da ist ja sicherlich auch was
- 16:50dran. Stellen Sie sich eine Familie vor mit drei Kindern, und die
- 16:54wollen einmal in der Woche eins davon zur Psychotherapie bringen. Da können
- 16:57sie nicht eine Stunde hinfahren, eine Stunde dort sein, wieder eine Stunde
- 17:00zurückfahren. Das ist unmöglich. Und dieser Fehler, also dieser Unterschied zwischen Land
- 17:08und Stadt, der besteht aber weiterhin und der führt unter anderem dazu,
- 17:12dass wir in den ländlichen Bereichen so schlecht versorgt sind. Und weiterhin
- 17:17orientiert sich die Bedarfsplanung ja immer an der Bevölkerungsdichte und am Alter
- 17:23der Bevölkerung, an der Morbidität und nicht an den Prävalenzzahlen, wie viele
- 17:29psychische Erkrankte habe ich da eigentlich. Und das geht in die Berechnung
- 17:34seit jeher nicht ein. Und das fände ich jetzt doch schon mal
- 17:38schön, wenn hier Forschung und Praxis und Politik zusammenarbeiten würden und mal
- 17:43aus rein wissenschaftlicher Sicht genau schauen würden, dieser Bereich, wie viele Kinder
- 17:50leben hier, welche Erkrankungsraten an psychischen Störungen haben wir hier. Und wenn
- 17:55wir jetzt mal nur die Hälfte von denen versorgen wollten, wie viele
- 17:58Therapeuten bräuchten wir da? Und die Bedarfsplanung funktioniert so aber nicht. Und
- 18:03das ist, glaube ich, nicht mehr zeitgemäß. Genau, und vielleicht nur um
- 18:08das auch noch mal zu betonen: Also nicht jeder Therapeut, jede Therapeutin
- 18:11behandelt zum Beispiel auch Kinder und Jugendliche. Dafür braucht es eine spezielle
- 18:15fachliche Qualifikation. Und ich fand dieses Beispiel mit einmal in der Woche,
- 18:20das Kind eine Stunde dahin fahren, eine Stunde da sein, eine Stunde
- 18:23zurückfahren, das ist schon sehr eindringlich. Weil wer soll so was leisten?
- 18:28Also sind die Herausforderungen im ländlichen Raum einfach noch mal deutlich größer.
- 18:33Und na ja, davon hat Sachsen-Anhalt sehr, sehr viel. Genau, und
- 18:36deswegen wollte ich mir diese Herausforderung auch noch mal ein bisschen konkreter
- 18:39anschauen. Vorher nur noch ein ganz kurzer Exkurs. Wir haben jetzt vor
- 18:43allem über die ambulante Psychotherapie gesprochen. Es gibt ja aber auch Menschen,
- 18:47die brauchen zum Beispiel Hilfe von einem Psychiater oder einer Psychiaterin. Die
- 18:51brauchen vielleicht Medikamente oder die müssen sogar stationär behandelt werden. Und da
- 18:55sieht das Bild ehrlicherweise noch mal ein bisschen anders aus. Der Medizinische
- 18:59Dienst hat sich 16 stationäre Einrichtungen und Tageskliniken in Sachsen-Anhalt angeschaut,
- 19:04hat die geprüft und dann festgestellt, dass mehr als zwei Drittel der
- 19:08kontrollierten Einrichtungen nicht die vorgeschriebene Personalstärke erreichen. Also fehlt es in allen
- 19:13Bereichen an Personal oder sind es bestimmte? Ja, es gibt auf jeden
- 19:16Fall zu wenig Psychiater und auch Psychiaterinnen, auch im niedergelassenen Bereich. Es
- 19:20gibt aber auch in diesen Kliniken zum Beispiel zu wenig Ergo-
- 19:24und Bewegungstherapeuten und eben auch so was wie Pfleger im Nachtdienst. Da
- 19:28sehen wir auch, Fachkräftemangel kommt da natürlich schon an. Und ab 2027
- 19:32könnte sich das noch mal ein bisschen verschärfen, denn diese Einrichtungen, die
- 19:36eben diese Personalplanung nicht erfüllen, die sollen finanzielle Sanktionen leisten müssen. Und
- 19:42Kritiker befürchten natürlich, dass dadurch dann eben auch Behandlungsplätze gestrichen werden und
- 19:46Patientinnen und Patienten länger auf eine Behandlung warten müssen. Klar, weil es
- 19:50einfacher ist, Behandlungsplätze zu streichen und so auf den richtigen Personalschlüssel zu
- 19:55kommen, als umgedreht das Personal zu finden. Genau, vor allem, wenn es
- 19:58eben nicht da ist. So, jetzt aber noch mal zu den Herausforderungen
- 20:08im ländlichen Raum. Dafür habe ich mit Anja Liese gesprochen. Die kennt
- 20:12den Unterschied zwischen Stadt und Land sehr gut, denn sie hatte mal
- 20:15eine Psychotherapiepraxis in Magdeburg und jetzt behandelt sie Menschen in der Hohen
- 20:20Bürde in Ackendorf. Und sie sagt, es ist wirklich eine komplett andere
- 20:24Welt. Und es beginnt schon mit ganz alltäglichen Dingen, dass die natürlich
- 20:30durch dieses Auf-dem-Land-Leben auch von den Arbeitszeiten her in
- 20:34Schichtdiensten noch auswärts arbeiten. Also ich finde die Koordinierung der Termine schwieriger.
- 20:41Also auch gerade bei denen, die jetzt in Schichten arbeiten. Und ich
- 20:45kann ja auch nicht ausnahmslos abends arbeiten. Da macht es sich natürlich
- 20:50gut, wenn die Spät- und Nachtschichten haben, aber das geht dann
- 20:53eben nicht wöchentlich. Anja Liese arbeitet deshalb viel mit der Gruppentherapie. Die
- 20:57findet dann immer abends statt, sodass sie möglichst viele ihrer Patientinnen und
- 21:01Patienten möglichst jede Woche sieht. Aber es geht dann eben auch weiter
- 21:05mit so Fragen, wie kommen denn eigentlich die Leute zu ihren Terminen?
- 21:09Dann sagt sie, es gibt halt viel Komorbidität. Die haben teilweise Rollator
- 21:13und Rollstuhl. Es fährt kein Bus. Dann müssen die mit dem Krankentransport
- 21:16kommen. Das ist auch für Praxen, die nicht rollstuhlgerecht sind, eigentlich unmöglich.
- 21:20Weil wir auch auf dem Land sehr komorbide Patienten haben, also die
- 21:26noch andere Erkrankungen haben. Es ist ja bekannt, dass im Osten die
- 21:30Menschen früher kränker sind, auch zum Älterwerden hin. Und dann auch Einschränkungen
- 21:37der Mobilität. Gerade jetzt wieder eine junge Frau da mit Rollator.
- 21:42Also wie die dann rankommen? Ja, Busverbindungen sind schwierig. Teilweise mit Krankentransport
- 21:49mit Rollstuhl habe ich auch. Also da sind dann immer die
- 21:53Praxen, die auch rollstuhlgerecht Behandlung möglich machen, natürlich sehr gefragt. Praxen, die
- 21:58nicht barrierefrei sind, sind also für viele Patienten und Patientinnen auch ein
- 22:03Ausschlusskriterium. Und na ja, wenn es auf dem Land eh schon nicht
- 22:06so viele gibt, macht es das dann natürlich nicht unbedingt leichter. Zumal
- 22:11eigentlich muss man sich na ja dann auch noch beim Therapeuten oder
- 22:14der Therapeutin ja auch noch wohlfühlen. Es muss ein Vertrauensverhältnis entstehen, sonst wird
- 22:20es da nicht wirklich zum Therapieerfolg kommen. Ja, das wäre natürlich optimal.
- 22:23Aber was macht man eben, wenn man nicht die Wahl hat? Also
- 22:26in der Stadt, auch wenn es da jetzt auch nicht superleicht ist,
- 22:29aber da geht man eben vielleicht noch mal woanders hin. Das ist
- 22:32schon ein bisschen einfacher als auf dem Land. Und das gilt eben
- 22:36auch noch für ganz viele andere Dinge, hat mir Anja Liese erzählt.
- 22:39Und auch die Versorgung mit Soziotherapie, Ergotherapie, Logopädie, alles das, was so
- 22:47dringendrum noch das Gesamtbild verbessern würde. Oder auch die Teilhabe am gesellschaftlichen
- 22:52Leben. Also Sie können auch mal ins Kino gehen. Sie können auch
- 22:56mal. Das ist auf dem Land natürlich extrem schwieriger. Und wenn
- 23:00Sie dann hier jemanden depressiv haben, der vielleicht auch noch körperlich eingeschränkt
- 23:06alleine nirgendwo hin kann, in der Stadt ist das viel einfacher zu
- 23:11organisieren. Weil um jede Ecke ist eine Physiotherapie. Und Sie können da
- 23:15auch mit Straßenbahn hinfahren oder so. Das ist hier auf dem Land
- 23:19schwieriger. Es ist besser geworden in den letzten Jahren. Auch da sind
- 23:23mehr Angebote da. Aber es ist immer noch nicht so wie in
- 23:26Magdeburg. Ja, so bis ins letzte Detail, was da alles dranhängt, das
- 23:31hab ich so bislang auch noch nicht durchdacht, obwohl ich mich viel
- 23:34mit dem Thema beschäftigt habe. Sag mal, gibt's vielleicht auch Sachen, die
- 23:39im ländlichen Raum besser funktionieren? Das wollte ich von Anja Liese auch. 00:23:43.000 --> 00:23:47.000 wissen. Die hat Folgendes gesagt: Es ist auch belegt in der Forschung,
- 23:47dass die familiären Strukturen auf dem Land anders sind. Also, viele
- 23:53wohnen noch auf großen Gehöften, oft sehr eng mit Großeltern und Eltern. Ich glaube,
- 23:59auf dem Land wird das eher angestrebt, dass man in einer Familie
- 24:03enger zusammenbleibt. Und das kann mehr Unterstützung bedeuten für den Einzelnen, der
- 24:10erkrankt ist. So viel vielleicht zu der besonderen Situation im ländlichen Raum.
- 24:19Und da merkt man schon, die Herausforderungen sind ziemlich komplex und gar
- 24:23nicht so einfach zu lösen. Aber klar, es würde natürlich schon helfen,
- 24:27wenn es dort einfach mehr Therapeutinnen und Therapeuten gäbe. Auch Anja Liese
- 24:31hat mir noch mal gesagt, dass man diese Bedarfsplanung dringend anpassen müsste,
- 24:35weil sie nicht den tatsächlichen Bedingungen entspricht. Na gut, aber die Diskussion
- 24:40die rund um Psychotherapie in diesem Jahr geführt wurde, weist ja eher
- 24:45in eine andere Richtung. Im April wurde festgelegt, dass die psychotherapeutischen Leistungen
- 24:50um 4 bis 5 Prozent gekürzt werden. Die Umsetzung wurde zwar vom Landessozialgericht
- 24:56Berlin-Brandenburg im Juli im Eilverfahren gestoppt, aber damit ist dieses ganze
- 25:01Thema ja noch nicht vom Tisch. Nee, ganz und gar nicht. Also,
- 25:04die Kassenärztliche Bundesvereinigung, die ja auch die Interessen von Psychotherapeutinnen und Therapeuten
- 25:09vertritt, hat gegen diese Honorarkürzungen und deren Berechnungsgrundlage Klage erhoben. Über
- 25:15diese Klage ist aber noch nicht entschieden. Das Landessozialgericht hat jetzt erst
- 25:19mal nur gesagt, dass die Honorarabsenkung nicht vollzogen werden darf, solange eben
- 25:24diese Klage noch nicht durch ist. Was dabei rauskommt, ist aber noch
- 25:27offen. Sabine Ahrens Eiper sagt, wenn die Kürzungen tatsächlich kommen sollten, dann
- 25:32würde das schon eine enorme wirtschaftliche Schwächung der Praxen bedeuten. Zumal man
- 25:37ja auch noch sagen muss, es gab ja dann in diesem Jahr
- 25:39gleich noch einen zweiten Vorstoß in eine ganz ähnliche Richtung. Und das
- 25:44andere Gesetz, das im Juli beschlossen wurde, dieses GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz, würde
- 25:52dazu führen, dass Menschen, die offiziell nur einen halben Sitz haben, und
- 25:57das sind sehr viele in Sachsen-Anhalt, also wenn man es ganz
- 26:00genau nimmt, nur noch 18 Sitzungen in der Woche durchführen sollen, beziehungsweise
- 26:05bezahlt bekommen. Und wir müssen ja alle in der Arbeit. Wir
- 26:09können ja nur machen, wofür wir auch Geld bekommen. Man kann nicht
- 26:12erwarten, dass die Menschen im Ehrenamt weiterhin tätig sind. Das würde ein
- 26:16Kinderarzt oder ein Facharzt auch nicht machen. Und dass also die Leistung
- 26:20auf diesen halben Sitz begrenzt würde. Und wenn es so umgesetzt würde,
- 26:26wie es gedacht ist, würde also die Berechnung variieren, so ein bisschen
- 26:31zwischen einem Fünftel und einem Drittel der Behandlungsplätze wegfallen. Das wäre für
- 26:35Sachsen-Anhalt, ich kann es nicht anders sagen, eine Vollkatastrophe. Also, wenn
- 26:39das so eintritt, wie es jetzt gedacht ist, ab Januar wird das
- 26:43für die Versorgung erhebliche Einschnitte mit sich bringen. Also über alle Altersgruppen
- 26:47hinweg. Also, es gibt quasi gerade zwei aktuelle Entwicklungen, die die Versorgungssituation
- 26:52enorm zuspitzen könnten, wenn sie denn so kommen. Und das ist, sagt
- 26:57Sabine Ahrens Eiper, doppelt schade. Denn in ihrer Wahrnehmung war man in
- 27:00den letzten zehn bis 15 Jahren in Sachsen-Anhalt eigentlich auf einem ganz
- 27:04guten Weg. Auch Anja Liese hat mir das bestätigt, dass sich da
- 27:07eben viele Dinge positiv entwickelt haben. Es gab mehr Nachwuchs, deutlich mehr
- 27:11Niederlassungen als vor zehn bis 15 Jahren. Auch so eine gestiegene Akzeptanz von
- 27:16psychischen Erkrankungen, bessere Angebote auf dem Land. Und jetzt eben diese gesetzlichen
- 27:21Vorstöße. Mal so ganz fernab von der finanziellen Situation für Therapeutinnen und
- 27:26Therapeuten machen solche Diskussionen ja auch gesellschaftlich was mit uns. Ja, also
- 27:31ich finde es auch absolut kontraproduktiv. Wir haben in den letzten Jahren
- 27:35viel geschafft, was Prävention angeht, Entstigmatisierung. Dass es keine Schande ist, zum
- 27:40Psychotherapeuten zu gehen, sondern dass es eher gut ist, wenn man sich
- 27:44um seine psychische Gesundheit auch kümmert. Dass es auch von Arbeitgebern anders
- 27:48gesehen wird. Dass es von Schulen auch eher befördert wird. Und jetzt
- 27:55ist das ja ein völliger Gegentrend zu sagen: Nee, das braucht man
- 27:59nicht oder das ist alles übertrieben. Und in der Masse brauchen wir
- 28:04das nicht. Also, das halte ich wirklich für einen fatalen Fehler. Äh,
- 28:10absolut. Ich finde auch, die Zeichen deuten da eher so auf Rückschritt
- 28:14hin. Eigentlich würde ich es auch eher als Erfolg verbuchen, dass wir
- 28:18ein bisschen davon weggekommen sind von so Sprüchen wie: Reiß dich einfach
- 28:22mal zusammen und du musst da durchgehen. Aber wenn natürlich die Möglichkeiten
- 28:26wieder genommen werden, dass du dir Hilfe suchen kannst, dann entwickeln wir
- 28:30uns auch gesellschaftlich wieder zurück. Jetzt ist Sabine Ahrens Eiper, haben wir
- 28:37ja ganz am Anfang der Folge schon gesagt, nicht nur Psychotherapeutin, sondern
- 28:40auch Vizepräsidentin der Ostdeutschen Psychotherapeutenkammer und in der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung.
- 28:49Sie hat ja vielleicht Optionen, sich noch mehr Gehör zu verschaffen. Wie
- 28:53geht man denn in diesen, ich nenne es jetzt mal, Gremien mit
- 28:56dieser Entwicklung um? Ja, das fand ich ganz spannend, weil Sabine Ahrens
- 29:00Eiper da eben mit so verschiedenen Interessen quasi auch konfrontiert ist und
- 29:05die auch so in einer Person vereint. Und sie sagt, es ist
- 29:09auf jeden Fall ein Vorteil, weil sie zum Beispiel eben auch mal
- 29:11so Einblicke bekommt in die Versorgungsdenke der Kassenärztlichen Vereinigung, kurz KV. Aus
- 29:18meiner Sicht hat es einen hohen Synergieeffekt. Und um da miteinander zusammen
- 29:24auch vielleicht Modelle entwickeln zu können, wie man die Versorgung verbessern kann,
- 29:29da ist unsere KV auch wirklich absolut kooperativ. Und aus meiner Sicht
- 29:34liegt das Problem eher auf Bundesebene, sowohl mit der Bemessung der Versorgung
- 29:41also wie das eigentlich erfolgt und mit den Gesetzen, mit denen wir
- 29:44da jetzt zu kämpfen haben. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie
- 29:47das wäre, wenn wir als Kammer, als Ostdeutsche Psychotherapeutenkammer, nicht so gut
- 29:53mit der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt kommunizieren könnten. Weil wir haben ja
- 29:58sowohl als Kammer als auch als KV ein hohes Interesse an Versorgung.
- 30:04Wir wollen, dass psychisch kranke Menschen möglichst gut versorgt werden. Und gleichzeitig
- 30:09wollen wir als Kammer natürlich auch für unsere Mitglieder eintreten, dass die
- 30:14ein halbwegs auskömmliches Leben haben können und jetzt nicht alle finanziell ruiniert
- 30:19werden, weil ihre Praxen nicht mehr laufen. Das ist aber auch im
- 30:22Interesse der KV, weil die wollen ja auch, dass ihre Niedergelassenen weiter
- 30:25tätig sein können und Versorgung leisten. Aber das Problem, das wir haben,
- 30:29sehe ich wirklich auf Bundesebene. Einmal, dass diese Bemessung, wie viele Psychotherapeuten
- 30:35braucht denn so ein Bundesland, so veraltet ist. Und dann jetzt mit
- 30:39der aktuellen Gesundheitspolitik. Also, das finde ich wirklich nach wie vor ein
- 30:45Affront. Ein Affront gegen unseren Berufsstand und eine Katastrophe für die Versorgung.
- 30:50Was jetzt tatsächlich mit diesen Honorarkürzungsplänen und auch dem Beitragsstabilisierungsgesetz passiert,
- 30:58werden wir jetzt wahrscheinlich erst mal abwarten müssen. Gibt es denn Dinge,
- 31:02die die Therapeutinnen und Therapeuten ganz unabhängig davon fordern? Ja, was ich
- 31:07zum Beispiel auch noch nicht wusste, ist, dass es keinen Rahmen dafür
- 31:11gibt, dass sich Therapeuten oder Therapeutinnen zum Beispiel mit der Schule oder
- 31:15mit Kinderärzten, vielleicht auch so was wie Schulsozialarbeitern, dass die sich besprechen.
- 31:19Also, wenn sie das tun, um zum Beispiel ein besseres Bild von
- 31:22einem Kind oder von einem Jugendlichen zu bekommen, dann ist das quasi
- 31:26ehrenamtlich. Und selbst dann ist das natürlich rechtlich auch nicht so ganz
- 31:30ohne. Also, wenn ich mich jetzt zu einer Fallbesprechung treffe mit dem
- 31:35Jugendamt oder mit dem Schulpsychologen oder mit der Kinderärztin, auch nur telefoniere,
- 31:41das kommt im System nicht vor. Ja, und das ist ein Fehler.
- 31:45Also, wir bräuchten wirklich so klassische Möglichkeiten, miteinander zu sprechen und miteinander
- 31:52Fallbesprechungen zu machen. Man müsste jetzt überlegen, wie mache ich das mit
- 31:58Datenschutz gesichert, Videokonferenzen oder persönlich. Aber es gibt dafür kein Geld
- 32:03und es gibt dafür auch keinen Rahmen, was das heißt. Man ist
- 32:06dazu weder verpflichtet, noch wird es in irgendeiner Form unterstützt. Ich finde
- 32:11das krass. Und ehrlicherweise kennt man das auch an anderen Stellen, dass
- 32:14Leute, die eigentlich was Gutes tun wollen, sich dann über bestimmte
- 32:18Gegebenheiten hinwegsetzen müssen und einerseits sagen: Ich rede einfach mal mit der
- 32:23Schulsozialarbeiterin, weil das wäre das Beste für das Kind. Dass sie sich
- 32:26in so einer Grauzone bewegen und schlimmstenfalls sogar bestraft werden könnten dafür.
- 32:32Du kommst ja gerade bei Kindern und Jugendlichen eigentlich gar nicht drumherum.
- 32:36Wenn du über Probleme sprichst, die die in der Schule haben, dann
- 32:39brauchst du Menschen, die sie in der Schule erleben. Das können die
- 32:42Eltern nicht leisten. Da musst du Termine machen mit einer Klassenlehrerin oder
- 32:45auch mit einer Horterzieherin. Alle machen das ehrenamtlich, denn auch die werden
- 32:49dafür nicht bezahlt. Das finde ich auch total verrückt. Und bei
- 32:52den Therapeutinnen und Therapeuten, wenn die das dann so, ich sage jetzt
- 32:55mal wirklich unbezahlt in ihrer Freizeit ohne rechtlichen Rahmen machen, dann ist
- 32:59das, finde ich, auch deswegen krass. Weil mir Sabine Ahrens Eiper erzählt
- 33:03hat, dass die in Sachsen-Anhalt auch im bundesweiten Vergleich tatsächlich richtig
- 33:08viel Arbeit haben. In Sachsen-Anhalt führen wir die Statistik alljährlich mit
- 33:14an. Wir sind immer auf den ersten drei Plätzen, an wie viel
- 33:17Patienten wir versorgen und wie viele Stunden wir an Leistungsvolumen durchführen. Sind
- 33:23wir bundesweit immer unter den Top Dreien. Also, wir arbeiten richtig viel.
- 33:28Aber trotzdem können wir diesen Bedarf nicht vollständig decken. Okay, also ich
- 33:32fasse das noch mal zusammen. In Sachsen-Anhalt gibt es tatsächlich immer
- 33:36mehr Diagnosen, dass Menschen an einer psychischen Erkrankung leiden. Im Erwachsenenbereich sind
- 33:43die Zahlen gestiegen, weil sie heute häufiger diagnostiziert werden. Im Kinder-
- 33:48und Jugendbereich, weil es tatsächlich immer mehr junge Menschen gibt, die eine
- 33:53psychische Erkrankung haben. In den letzten zehn bis 15 Jahren ist eigentlich
- 33:57ganz viel gut gelaufen. Die Angebote auch auf dem Land haben zugenommen.
- 34:01Auch wenn es immer noch vor allem für Kinder und Jugendliche zu
- 34:04wenig Therapeutinnen und Therapeuten gibt. Trotzdem gibt es ein paar Lücken, was
- 34:09den Rahmen für den Austausch mit Schulen oder Kinderärzten betrifft. Und die
- 34:14Diskussionen, die jetzt gerade geführt werden, führen wahrscheinlich zu einer Zuspitzung
- 34:19der Versorgungslage als zu einer Entspannung, richtig? Ja, ganz genau. Und selbst
- 34:23wenn die Honorarkürzungen und das Beitragsstabilisierungsgesetz so, wie sie jetzt geplant sind,
- 34:29nicht kommen, bleibt die Bedarfsplanung laut unserer Gesprächspartnerin ein riesengroßes Problem, weil
- 34:35sie einfach nicht mehr zeitgemäß und nicht realistisch ist. Das Beispiel mit
- 34:39einmal in der Woche, das Kind eine Stunde irgendwo hinfahren, eine Stunde
- 34:42da bleiben, eine Stunde zurückfahren, das bleibt, glaube ich, im Kopf. Deswegen
- 34:45sagt Sabine Ahrens Eiper auch: Wenn ich eine Sache ändern könnte,
- 34:49dann würde ich mehr Niederlassungsmöglichkeiten für Kinder- und Jugendpsychotherapeuten vor
- 34:54allem im ländlichen Bereich. Das würde die Situation dort für die Familien
- 34:59deutlich verbessern. Und das würde ausstrahlen in die Schulen, zu den Kinderärzten.
- 35:05Langfristig hätten wir weniger psychisch kranke Erwachsene, weil sie eben im Kindes-
- 35:09und Jugendalter schon einen Platz gefunden hätten. Das hätte ganz viele
- 35:13positive Folgen: weniger AU-Zeiten im Erwachsenenalter. Ich glaube, das wäre eine
- 35:18Maßnahme, die ganz, ganz viel Positives nach sich ziehen würde. Ja, wir
- 35:27haben heute viel über psychische Belastung und Erkrankung gesprochen. Und was dabei
- 35:32auch rausgekommen ist: Mehr als jeder Dritte hat irgendwann im Laufe seines
- 35:35Lebens eben mal damit zu kämpfen. Wenn es euch auch so geht,
- 35:39dann scheut euch nicht, euch Hilfe zu holen. Eine gute Orientierung bietet
- 35:42hier zum Beispiel das Online-Angebot der Techniker Krankenkasse. Dazu mal Steffi
- 35:46Suchand, die Leiterin der Landesvertretung in Sachsen-Anhalt. Viele können aufgrund der
- 35:51Komplexität des Systems gar nicht erkennen, wo er mit seinen Sorgen richtig
- 35:54aufgehoben ist. Da sind wir ein relativ guter Wegweiser mit unseren Angeboten
- 35:58auch im Online-Format. Was gibt es für Angebote auch in der
- 36:03normalen Regelversorgung? Wir haben zum Beispiel auch auf unserer Internetseite dann Angebote,
- 36:09wo man einen entsprechenden Fragenkatalog mal durchgeht und dann für sich sagt:
- 36:14Hm, was kommt denn da raus? Ist da eine Empfehlung, du müsstest
- 36:17vielleicht mal einen Arzt aufsuchen oder mach mal ein paar Entspannungsübungen? Das
- 36:21heißt erst mal ein Bewusstsein dafür zu entwickeln: Bin ich hier auch
- 36:26gefährdet, von meinem Stress in eine psychische Erkrankung abzudriften? Oder habe ich
- 36:33jetzt vielleicht nur ein Gefühl, dass mir es nicht gut geht? Und
- 36:37weitere Infos findet ihr natürlich noch in den Shownotes und natürlich auch
- 36:41in unserem Newsletter. Ansonsten haben wir heute ja schon recht viel über
- 36:46ländliche Regionen gesprochen. Und das werden wir gewisserweise auch nächste Woche noch
- 36:51machen. Dann geht es aber um ein etwas anderes Thema, und zwar
- 36:54geht es um Äcker, Ernte, Klimawandel. Wir beschäftigen uns mit dem Thema
- 36:59Landwirtschaft in Sachsen-Anhalt. Das ist ein ziemlich wichtiger Wirtschaftszweig. Wir wollten
- 37:04mal wissen: Wie geht es den Landwirten, vor welchen Herausforderungen stehen sie
- 37:08und wie schauen sie in die Zukunft? Da bin ich auf jeden
- 37:11Fall schon ganz gespannt, welche Erkenntnisse wir dann ernten können. Bis dahin
- 37:16macht's gut und bis nächste Woche. SWR 2021. Untertitel im Auftrag des
- 37:30ZDF für funk 2017. Untertitel im Auftrag des ZDF für funk 2017.