Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 4 - 294-299
Transcript
- 0:00Unterkapitel 294 gegen die Verleumder der Natur in diesem
- 0:07Kapitel greift Nietzsche eine bestimmte Art von Menschen an,
- 0:10die er als Verleumder der Natur bezeichnet.
- 0:14Er beschreibt sie als Menschen, bei denen jeder natürliche Trieb
- 0:17und jede angeborene Neigung sofort als etwas krankhaftes,
- 0:20hässliches oder sogar schändliches angesehen wird.
- 0:24Diese Menschen, so argumentiert er.
- 0:26Haben uns die falsche Idee eingeredet, dass die
- 0:28menschlichen Instinkte von Natur aus Böse sind.
- 0:32Sie sind die Ursache für eine große Ungerechtigkeit gegen
- 0:35unsere eigene Natur und gegen die Natur im Allgemeinen.
- 0:39Nietzsche ist überzeugt, dass es viele Menschen gebe, die ihren
- 0:42Trieben mit Anmut und ohne Sorgen folgen könnten, aber sie
- 0:46tun es nicht aus Angst vor diesem eingebildeten bösen Wesen
- 0:50der Natur. Der Grund, warum es so wenig
- 0:53wahre Vornehmheit unter den Menschen gibt.
- 0:55Liegt genau in dieser Angst das Kennzeichen des vornehmen
- 0:59Menschen, so erklärt Nietzsche, wird immer sein, keine Furcht
- 1:03vor sich selbst zu haben. Ein vornehmer Mensch erwartet
- 1:06von sich selbst nichts schändliches, er folgt seinen
- 1:10Impulsen und fliegt dorthin, wohin es ihn treibt, frei und
- 1:14ohne Bedenken, wie ein freigeborener Vogel im Kern ist
- 1:18dies ein Frontalangriff auf die Idee der Erbsünde oder der
- 1:21angeborenen Sündhaftigkeit des Menschen.
- 1:24Wie sie vor allem im Christentum gelehrt wird.
- 1:26Nietzsche argumentiert, dass diese Sichtweise eine
- 1:29Verleumdung der Natur ist. Sie erzeugt Angst und Scham und
- 1:33hindert die Menschen daran, ein volles, starkes und nobles Leben
- 1:36zu führen. Der vornehme Mensch hingegen
- 1:39bejaht seine Natur, anstatt sie zu verurteilen.
- 1:43Unterkapitel 295 kurze Gewohnheiten.
- 1:50In diesem Abschnitt spricht Nietzsche über seine Liebe zu
- 1:53kurzen Gewohnheiten. Er beschreibt sie als ein
- 1:56unschätzbares Mittel, um viele verschiedene Dinge und
- 1:59Lebensweisen kennenzulernen und sie bis auf den Grund zu
- 2:02verstehen, auch sowohl ihre schönen als auch ihre bitteren
- 2:06Seiten zu erfahren. Er sagt, seine ganze Natur sei
- 2:09auf kurze Gewohnheiten ausgelegt, sowohl körperlich als
- 2:13auch geistig. Er beschreibt einen inneren
- 2:16Zustand, bei dem er immer wieder glaubt, eine neue.
- 2:19Kurze Gewohnheit sei nun die endgültige, die ihn für immer
- 2:23befriedigen wird. In diesem Moment fühlt er sich,
- 2:27als hätte er das ewige Glück gefunden und beneidet sich
- 2:30selbst dafür. Diese neue Gewohnheit gibt ihm
- 2:33ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit, sodass er nichts
- 2:36anderes mehr braucht und keine Lust hat, Vergleiche
- 2:39anzustellen, andere Dinge gering zu schätzen oder gar zu hassen,
- 2:44doch nach einer Weile ist die Zeit dieser Gewohnheit vorbei.
- 2:48Sie verlässt ihn nicht, weil sie ihm zuwider geworden ist,
- 2:51sondern ganz friedlich. Er ist sozusagen satt von ihr
- 2:56und sie von ihm. Man trennt sich in Dankbarkeit,
- 2:59wie 2 Freunde, die sich die Hände zum Abschied reichen,
- 3:03sofort wartet aber schon etwas Neues an der Tür und mit ihm der
- 3:07Glaube, dass dieses Neue nun das einzig wahre und richtige sein
- 3:10wird. Nietzsche wendet dieses Prinzip
- 3:13auf alles an, auf Essen, Gedanken, Menschen.
- 3:17Städte, Gedichte, Musik, Lehren und sogar auf die Art, wie er
- 3:22seinen Tag gestaltet. Im Gegensatz dazu hasst er
- 3:26dauerhafte, lange Gewohnheiten, er hat das Gefühl, dass eine
- 3:30lang andauernde Gewohnheit wie ein Tyrann ist, der ihm die Luft
- 3:34zum Atmen nimmt. Dies passiert zum Beispiel, wenn
- 3:38man einen festen Beruf hat, immer mit denselben Menschen
- 3:41zusammen ist, an einem Ort wohnt oder immer auf die gleiche Weise
- 3:45gesund ist. Für Nietzsche wäre ein Leben,
- 3:48das nur aus starren, dauerhaften Gewohnheiten besteht, das
- 3:51Fürchterlichste, was er sich vorstellen kann.
- 3:54Eine Art Verbannung wie in Sibirien.
- 3:57Er ist sogar dankbar für sein eigenes Elend und seine
- 3:59Krankheiten, weil sie ihm immer wieder Hintertüren öffnen, durch
- 4:03die er den dauerhaften Gewohnheiten entkommen kann.
- 4:07Unterkapitel 296 der feste Ruf. Hier denkt Nietzsche über den
- 4:15Wert eines festen Rufs nach. Früher, sagt er, war ein Fester,
- 4:20also ein berechenbarer Ruf extrem nützlich in
- 4:24Gesellschaften, die vom Instinkt der Herde geprägt sind, also wo
- 4:27die Gruppe wichtiger ist als der Einzelne, ist es auch heute noch
- 4:31für jeden am besten, wenn er seinen Charakter und seine
- 4:34Beschäftigung als unveränderlich darstellt, selbst wenn das
- 4:37innerlich gar nicht stimmt. Der Satz, auf ihn kann man sich
- 4:42verlassen. Er bleibt sich gleich, ist in
- 4:44gefährlichen Situationen das größte Lob, das die Gesellschaft
- 4:47vergeben kann. Die Gruppe fühlt sich sicher,
- 4:50wenn sie in einer Person ein zuverlässiges Werkzeug hat, sei
- 4:53es in dessen Tugend, Ehrgeiz oder Denkweise, die Gesellschaft
- 4:58ehrt diese Verlässlichkeit und diese Unwandelbarkeit in den
- 5:01Ansichten und Zielen einer Person, diese Wertschätzung, die
- 5:05eng mit der Moral der Sitte verbunden ist, erzieht die
- 5:08Menschen zu festen Charakteren, alles, was wechselhaft ist.
- 5:12Das Umlernen oder die persönliche Veränderung wird
- 5:15dadurch in Verruf gebracht und als schlecht angesehen.
- 5:19Nietzsche stellt fest, dass diese Denkweise, so nützlich sie
- 5:22für die Gesellschaft auch sein mag, für die Erkenntnis, also
- 5:26für das Streben nach Wahrheit, äußerst schädlich ist.
- 5:30Denn der wahre Wille zur Erkenntnis erfordert genau das
- 5:33Gegenteil. Man muss bereit sein, jederzeit
- 5:36seine bisherige Meinung zu hinterfragen und allem
- 5:39misstrauisch gegenüber zu stehen, was in einem selbst fest
- 5:42werden will. Die Haltung des erkennenden, der
- 5:45sich ständig wandelt, steht im Widerspruch zum festen Ruf und
- 5:49wird deshalb als unehrenhaft betrachtet, die Versteinerung
- 5:53der Ansichten hingegen wird geehrt.
- 5:55Nietzsche sagt, dass wir heute immer noch unter dem Einfluss
- 5:58dieser alten Wertung leben. Es ist schwer zu leben, wenn man
- 6:02das Urteil von Jahrtausenden gegen sich spürt.
- 6:05Wahrscheinlich war die Erkenntnis deshalb lange Zeit
- 6:08mit einem schlechten Gewissen verbunden, und die größten
- 6:11Denker der Geschichte litten unter Selbstverachtung und einem
- 6:14geheimen Elend. Unterkapitel 297 widersprechen
- 6:21können. Nietzsche erklärt hier, dass die
- 6:25Fähigkeit, Widerspruch zu ertragen und sogar zu wollen,
- 6:29ein hohes Zeichen von Kultur ist.
- 6:32Manche Menschen, so sagt er, wissen sogar, dass der höhere
- 6:35Mensch den Widerspruch gegen sich selbst wünscht und
- 6:38hervorruft. Warum um einen Hinweis auf eine
- 6:42Ungerechtigkeit in sich zu bekommen, die ihm bisher
- 6:44unbekannt war. Die Fähigkeit, Widerspruch zu
- 6:48ertragen, das widersprechen können, ist für Nietzsche mehr
- 6:52als nur eine Tugend. Er nennt es das eigentlich
- 6:54große, neue und erstaunliche unserer Kultur.
- 6:58Es ist der entscheidende Schritt, den der befreite Geist
- 7:01macht. Ein befreiter Geist ist für
- 7:04Nietzsche jemand, der sich von den alten starren
- 7:06Moralvorstellungen und Gewohnheiten gelöst hat, die
- 7:10Entwicklung eines guten Gewissens bei der Feindseligkeit
- 7:13gegen das Gewohnte, das überlieferte und das Heilige ist
- 7:16der größte Fortschritt des Geistes.
- 7:19Wer, so fragt Nietzsche am Ende, weiß das schon wirklich?
- 7:24Unterkapitel 298 Seufzer dieses sehr kurze Kapitel ist wie ein
- 7:31persönlicher Seufzer Nietzsches formuliert.
- 7:34Er beschreibt, wie er unterwegs eine Einsicht Erhaschte und sie
- 7:37schnell mit den nächstbesten schlechten Worten Festmachte,
- 7:40damit sie ihm nicht wieder entfliegt.
- 7:43Jetzt aber, so klagt er, ist diese Einsicht an diesen dürren
- 7:47Worten gestorben, sie hängt schlaff in den Worten.
- 7:50Und er weiß kaum noch, wie er ein so großes Glück haben
- 7:53konnte, als er diesen Vogel, also die Einsicht, gefangen hat,
- 7:59was Nietzsche hier beschreibt, ist das Problem eine tiefe,
- 8:02lebendige Erkenntnis in die starre Form der Sprache zu
- 8:05zwingen, in dem Moment, in dem die Einsicht in Worte gefasst
- 8:09wird, verliert sie ihre Lebendigkeit und ihre
- 8:12ursprüngliche Kraft, die Worte sind nur noch ein schwacher
- 8:16toter Abglanz der ursprünglichen Erfahrung.
- 8:18Und der Denker blickt wehmütig auf den Moment zurück, als die
- 8:21Einsicht noch lebendig und frei war.
- 8:25Unterkapitel 299 was man den Künstlern ablernen soll
- 8:32Nietzsche stellt hier die Frage, wie können wir die Dinge schön
- 8:36anziehend und begehrenswert machen, wenn sie es von Natur
- 8:40aus nicht sind, denn er geht davon aus, dass die Dinge an
- 8:43sich niemals schön sind. Die Antwort findet er bei den
- 8:47Künstlern. Aber auch bei den Ärzten.
- 8:50Ärzte lehren uns, wie man etwas Bitteres erträglich macht, indem
- 8:53man es verdünnt oder Zucker und Wein hinzufügt.
- 8:57Künstler aber sind die wahren Meister darin, solche
- 9:00Kunststücke zu vollbringen. Nietzsche rät uns, von ihnen zu
- 9:04lernen und dabei sogar noch Weiser zu sein als sie.
- 9:08Er listet verschiedene Techniken der Künstler auf, die wir auf
- 9:11unser eigenes Leben anwenden können, sich von den Dingen
- 9:14entfernen. Manchmal müssen wir Abstand
- 9:17gewinnen, damit wir vieles nicht mehr sehen und stattdessen
- 9:21vieles hinzusehen müssen, um überhaupt noch etwas zu
- 9:24erkennen. Das schafft eine neue
- 9:26Perspektive, die Dinge aus einem neuen Blickwinkel betrachten,
- 9:31man kann sie um die Ecke oder wie in einem Ausschnitt sehen,
- 9:35das bedeutet, man konzentriert sich nur auf einen Teil und
- 9:39blendet den Rest aus, die Dinge so stellen, dass sie sich
- 9:43teilweise verstellen. Man erlaubt nur einen
- 9:45perspektivischen Durchblick, was sie geheimnisvoller macht, sie
- 9:50durch gefärbtes Glas oder im Licht der Abendröte anschauen,
- 9:54das verändert die Stimmung und die Farbe der Wahrnehmung, ihnen
- 9:57eine Oberfläche oder Haut geben, die nicht ganz durchsichtig ist.
- 10:02Das schafft eine geheimnisvolle Tiefe, all das zu Nietzsche
- 10:06sollen wir von den Künstlern lernen, wir sollen aber weiser
- 10:10sein als sie. Denn bei den Künstlern hört
- 10:12diese feine Kraft meistens dort auf, wo die Kunst aufhört und
- 10:16das Leben beginnt. Wir aber, so fordert er, sollen
- 10:20die Dichter unseres eigenen Lebens sein, und zwar gerade im
- 10:24kleinsten und alltäglichsten, wir sollen unser Leben selbst zu
- 10:28einem Kunstwerk machen.