Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 5 - 366-369
Transcript
- 0:00Unterkapitel 366 angesichts eines gelehrten Buches in diesem
- 0:07letzten Abschnitt beschreibt Nietzsche seine sehr persönliche
- 0:10Art, mit Büchern und Ideen umzugehen.
- 0:13Er stellt sich und seine Art als das Gegenteil des typischen
- 0:16Gelehrten dar, er sagt, er gehört nicht zu den Menschen,
- 0:19die ihre Gedanken am Schreibtisch zwischen Büchern
- 0:21entwickeln, seine Philosophie entstehe draußen in der
- 0:25Bewegung, beim Gehen, klettern oder tanzen.
- 0:29Am liebsten in der freien Natur, an einsamen Bergen oder am Meer.
- 0:34Für ihn müssen Ideen lebendig sein, die ersten Fragen, die er
- 0:38an ein Buch stellt, sind daher metaphorisch, kann es gehen,
- 0:42mehr noch kann es tanzen. Die meisten gelehrten Bücher
- 0:46fallen bei diesem Test durch, Nietzsche empfindet sie als
- 0:49etwas gedrücktes und Bedrückendes, in ihnen spüre man
- 0:53die Stubenluft und die Enge des Raumes, in dem sie geschrieben
- 0:56wurden. Man könne förmlich das geklemmte
- 0:59Eingeweide des Autors spüren, der über sein Papier gebeugt
- 1:02sitzt. Ein solches Buch spiegelt für
- 1:05ihn die Seele des Gelehrten wider, die durch ihr Handwerk,
- 1:08ihre Spezialisierung krumm geworden ist.
- 1:11Jeder Spezialist Sunice hat seinen Buckel, eine Art geistige
- 1:15Verformung durch seine einseitige Tätigkeit, deshalb
- 1:19empfindet er nach der Lektüre eines gelehrten Buches zwar
- 1:22Dankbarkeit, aber vor allem Erleichterung.
- 1:25Er unterscheidet dann aber zwischen 2 Typen von
- 1:27Schreibenden auf der einen Seite steht der echte, ehrliche
- 1:31Gelehrte, er ist ein Meister seines Fachs und zahlt dafür
- 1:35einen hohen Preis, nämlich seinen Buckel, er ist vielleicht
- 1:38verformt, aber er ist aufrichtig auf der anderen Seite steht der
- 1:42Literat, eine Figur, die Nietzsche verachtet, der Literat
- 1:47ist kein echter Meister, sondern nur ein gebildeter Scharlatan,
- 1:51ein Ladendiener des Geistes. Er tut so, als wüsste er alles,
- 1:56repräsentiert das Wissen aber nur, ohne es wirklich zu
- 1:59besitzen. Er ist ein Schmarotzer der
- 2:01Bildung, Nietzsche schließt, indem er sagt, dass er die
- 2:05echten Gelehrten trotz ihres Buckels segnet, er teilt mit
- 2:09ihnen die Verachtung für die oberflächlichen Literaten und
- 2:12dafür, dass sie ihren Geist nicht verkaufen und Meinungen
- 2:15haben, die man nicht in Geldwert ausdrücken kann, Unterkapitel,
- 2:20367. Wie man zuerst bei Kunstwerken
- 2:24zu unterscheiden hat in diesem Abschnitt schlägt Nietzsche eine
- 2:29grundlegende Methode vor, um Kunst zu verstehen und zu
- 2:32bewerten. Er sagt, man müsse jede Form von
- 2:35Kunst, sei es ein Gedanke, ein Gedicht, ein Gemälde, eine
- 2:39Komposition oder sogar ein Gebäude, in eine von 2
- 2:42Kategorien einteilen. Die erste Kategorie nennt er die
- 2:45Monologische Kunst. Das Wort Monologisch leitet sich
- 2:49von Monolog ab, also einem Selbstgespräch.
- 2:53Diese Art von Kunst entsteht, wenn der Künstler ganz für sich
- 2:56allein arbeitet. Er denkt nicht an ein Publikum,
- 2:59an Kritiker oder an irgendwelche Zeugen, sein Schaffen ist ein
- 3:02reiner Ausdruck seiner selbst, so als würde er seine innersten
- 3:06Gedanken und Gefühle in eine Form bringen, ohne sich darum zu
- 3:09kümmern, ob es jemand sieht oder hört.
- 3:12Ein zentrales Merkmal dieser Kunst ist, dass der Künstler
- 3:15dabei die Welt vergisst. Er ist so in seinen
- 3:18Schaffensprozess vertieft, dass die Außenwelt für ihn nicht mehr
- 3:21existiert. Nietzsche nennt diese Kunst auch
- 3:24die Musik des Vergessens, weil sie aus einem Zustand der
- 3:27völligen Selbstvergessenheit entsteht.
- 3:29Die zweite Kategorie ist die Kunst vor Zeugen, das ist jede
- 3:33Kunst, die mit dem Bewusstsein geschaffen wird, dass sie von
- 3:36anderen wahrgenommen wird. Der Künstler hat hier immer ein
- 3:39Publikum im Kopf, er denkt darüber nach, wie sein Werk auf
- 3:43andere wirken wird, Nietzsche macht hier eine interessante
- 3:46Beobachtung, er sagt, dass sogar Kunst, die auf den ersten Blick
- 3:50sehr persönlich und monologisch erscheint.
- 3:52In Wirklichkeit oft für Zeugen gemacht ist.
- 3:55Als Beispiel nennt er die Lyrik des Gebets.
- 3:58Wenn ein gläubiger Mensch betet, spricht er vielleicht allein,
- 4:01aber er richtet seine Worte an Gott.
- 4:04Gott ist in diesem Moment der Zeuge für einen Frommen, so
- 4:08Nietzsche, gibt es keine wirkliche Einsamkeit, weil Gott
- 4:12immer da ist. Die Idee der wahren Einsamkeit,
- 4:15in der man Kunst nur für sich selbst erschafft, sei eine
- 4:18Erfindung der Gottlosen, also derjenigen.
- 4:21Die nicht mehr an einen göttlichen Zeugen glauben.
- 4:23Zusammenfassend sagt Nietzsche also, dass die wichtigste Frage,
- 4:27die man sich bei einem Kunstwerk stellen sollte, lautet, hat der
- 4:31Künstler es aus einem inneren Bedürfnis heraus nur für sich
- 4:34selbst geschaffen, oder hatte er dabei ein Publikum, einen Zeugen
- 4:38im Sinn? Diese Unterscheidung ist für ihn
- 4:41der Schlüssel zum Verständnis der wahren Natur eines
- 4:43Kunstwerks. Unterkapitel, 368 der Zyniker
- 4:50redet. In diesem Kapitel lässt
- 4:53Nietzsche einen Zyniker sprechen, eine Figur, die
- 4:55provokant und schonungslos ihre Meinung sagt.
- 4:59Der Zyniker greift hier die Musik von Richard Wagner an, die
- 5:02zu Nietzsches Zeit sehr populär war, seine Kritik ist aber keine
- 5:06typische Kunstkritik, die sich mit Harmonie oder Melodie
- 5:09beschäftigt, stattdessen ist sie, wie er sagt, eine
- 5:13physiologische Kritik, das bedeutet, er beschreibt, wie
- 5:17Wagners Musik auf seinen Körper wirkt.
- 5:19Der Zyniker erklärt, dass er kaum noch atmen kann, wenn er
- 5:22diese Musik hört. Seine Füße protestieren, weil
- 5:26sie sich bewegen wollen, der Körper verlangt nach klaren,
- 5:30einfachen Rhythmen wie Takt, Tanz oder Marsch, nach allem,
- 5:34was mit geordneter Bewegung zu tun hat.
- 5:37Die Musik sollte den Körper beleben und ihm eine Art
- 5:39Leichtigkeit und Freude an der Bewegung geben, Wagners Musik
- 5:43tut für ihn das genaue Gegenteil, er fragt sich, was
- 5:47sein Körper eigentlich von Musik will.
- 5:49Die Antwort ist Erleichterung. Er wünscht sich, dass die Musik
- 5:53sein Bleiernes leben vergoldet und ihm hilft, seine Schwermut
- 5:57zu überwinden. Das Drama auf der Bühne, die
- 6:00moralischen Ausbrüche und die übertriebenen Gesten der
- 6:02Schauspieler interessieren ihn nicht, er sagt von sich selbst,
- 6:06er sei antitheatralisch Geartet, Wagner hingegen sei durch und
- 6:11durch ein Mann des Theaters, ein Meister der Pose und der großen
- 6:14Geste, selbst. In seiner Musik gehe es ihm
- 6:17nicht primär um die Musik selbst.
- 6:20Der Zyniker wirft Wagner vor, dass bei ihm die Musik nur ein
- 6:23Mittel zum Zweck sei. Der eigentliche Zweck sei die
- 6:26Attitüde, also die dramatische Pose und die bühnenreife
- 6:30Darstellung. Die Musik dienen nur dazu, die
- 6:33Gesten der Schauspieler zu verstärken und eindrucksvoller
- 6:36zu machen. Der Zyniker erzählt dann, wie er
- 6:38einem Wagner Anhänger diese Kritik erklärt hat.
- 6:41Er fügte hinzu, dass das Theater ein Ort der Unehrlichkeit sei.
- 6:46Als Einzelner lügt man im Theater, man belügt sich selbst,
- 6:50man gibt seine eigene Meinung und seinen Geschmack an der
- 6:52Garderobe ab und wird Teil der Masse.
- 6:56Im Theater ist man nicht mehr man selbst, sondern nur noch
- 6:59Volk, Publikum, Herde, die Dummheit der Masse wird
- 7:03ansteckend und der Nachbar regiert, man wird selbst zum
- 7:07Nachbarn. Die ironische Antwort des Wagner
- 7:10Anhängers auf diese körperliche Kritik war.
- 7:13Sie sind also eigentlich nur nicht gesund genug für unsere
- 7:16Musik. Damit wird der Zyniker als krank
- 7:19abgestempelt, weil sein Körper die angeblich so kraftvolle
- 7:22Musik nicht verträgt. Unter Kapitel 369 unser
- 7:28Nebeneinander dieses Kapitel handelt von einem inneren
- 7:32Widerspruch, den Nietzsche bei Künstlern beobachtet, er nennt
- 7:36es eine unheimliche Verschiedenheit, die in ihnen
- 7:39existiert. Es geht um die Trennung zwischen
- 7:42dem persönlichen Geschmack eines Künstlers und seiner
- 7:44schöpferischen Kraft. Nietzsche stellt die These auf,
- 7:48dass diese beiden Aspekte im Künstler nebeneinander
- 7:51existieren, sich aber getrennt voneinander entwickeln können,
- 7:54in unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Stufen der
- 7:57Reife. Das kann dazu führen, dass ein
- 8:00Musiker sein Leben lang Musik komponiert, die seinem eigenen
- 8:03hochentwickelten Geschmack eigentlich widerspricht, er muss
- 8:08diesen Widerspruch nicht einmal bemerken.
- 8:10Sein Geschmack kann sich weiterentwickeln, während seine
- 8:13kreative Kraft auf einer anderen Stufe stehen bleibt oder
- 8:16umgekehrt seine Hände und sein Geist produzieren etwas, das
- 8:20sein Herz und sein Ohr vielleicht gar nicht mehr
- 8:22schätzen. Nietzsche beschreibt dann einen
- 8:25bestimmten Typus von Künstler, den er Mutter von Mensch nennt,
- 8:29das ist der unermüdlich schaffende, der ständig neue
- 8:32Werke gebiert. Ein solcher Künstler hat oft gar
- 8:35keine Zeit, über sich und seine Werke nachzudenken oder sie zu
- 8:38vergleichen. Er vergisst, seinen eigenen
- 8:41Geschmack zu pflegen, er lässt ihn einfach stehen, liegen oder
- 8:45fallen. Das Ergebnis ist, dass er Werke
- 8:48erschafft, für deren Beurteilung er selbst nicht mehr reif genug
- 8:51ist. Er sagt dann Dummheiten über
- 8:54seine eigene Kunst, weil sein Intellekt seiner Schöpfung nicht
- 8:56mehr gewachsen ist. Für Nietzsche ist das bei
- 8:59produktiven Künstlern der Normalzustand, er vergleicht es
- 9:02mit Eltern, die ihr eigenes Kind oft am schlechtesten kennen.
- 9:06Um seine These zu untermauern, weitet er den Gedanken auf die
- 9:09gesamte griechische Dichter und Künstlerwelt aus.
- 9:12Er behauptet, die Griechen hätten nie wirklich gewusst, was
- 9:15sie taten, sie schufen ihre unsterblichen Werke aus einem
- 9:19Instinkt heraus, ohne sie intellektuell vollständig zu
- 9:21durchdringen. Dieser Gedanke betont Nietzsches
- 9:24Idee, dass große Kunst oft aus einer unbewussten, triebhaften
- 9:28Kraft entsteht und nicht aus Reiner, bewusster Absicht.