Latest / DAZWISCHEN Der Sachsen-Anhalt-Podcast / Migration in Sachsen-Anhalt: Die Situation vor der Landtsagswahl
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- 0:00Kennen Sie tatsächlich eine migrantische Person? Kennen Sie Ihre migrantischen Nachbarn? Sitzen
- 0:07Sie tatsächlich zu Hause? Sind Sie tatsächlich arbeitslos? Wer bringt Ihnen die
- 0:13Pakete nach Hause? Wer bedient Sie an der Kasse in der Kaufhalle?
- 0:18Wer arbeitet in den Industrien? Welche Menschen begegnet Ihnen dann in Ihrem
- 0:24Alltag? Das sagt Undra Dressler, Geschäftsführerin des Landesnetzwerks Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt, kurz
- 0:32LAMSA, auf die Frage, wie sie auf Vorurteile gegenüber Migrantinnen und Migranten
- 0:37reagiert. Und damit hat sie sicher ganz schön zu tun, denn laut
- 0:41Umfragen ist Migration das wichtigste politische Thema in Sachsen-Anhalt. Es gibt
- 0:46viele Menschen, die sagen, es gibt zu viel Zuwanderung, es gibt Probleme,
- 0:50wir schaffen die Integration nicht. Und auf der anderen Seite haben 10
- 0:54Prozent der Menschen, die in Sachsen-Anhalt leben, eine Migrationsgeschichte. Es geht
- 0:58also um die Frage, wie können wir als Gesellschaft gut zusammenleben? Wie
- 1:02können wir Probleme lösen? Denn dass das gelingt, ist laut Experten allein
- 1:06schon aus wirtschaftlicher und demografischer Sicht wichtig. Das haben uns ja auch
- 1:10verschiedene Experten, zum Beispiel in unserer Folge zur Wissenschaftsfreiheit oder zur Wirtschaft,
- 1:15gesagt. Menschen mit Migrationsgeschichte sind der einzige Weg raus aus der Überalterung
- 1:20und dem Fachkräftemangel in Deutschland. Deswegen schauen auch nicht nur Migrantinnen und
- 1:25Migranten mit Sorge auf die bevorstehende Landtagswahl. Wenn die AfD es tatsächlich
- 1:29schaffen sollte, die meisten Stimmen zu holen, möglicherweise sogar in Regierungsverantwortung zu
- 1:34kommen, wird das erhebliche Auswirkungen auf das Leben von Menschen mit Migrationsgeschichte
- 1:39und auch auf unsere Gesellschaft und damit auf uns alle haben. Kein ganz
- 1:44einfaches, aber ein enorm wichtiges Thema heute also bei Dazwischen. Katja, mit
- 1:58dieser Podcast-Folge sind es tatsächlich nur noch zwei Monate. Ja, zwei
- 2:03Monate bis zur Wahl. Das ist schon ein bisschen verrückt, finde ich.
- 2:05Ja, ich hatte das tatsächlich vor ein paar Tagen, als ich
- 2:07in den Kalender geschaut habe, und ich habe wirklich die Wochen gezählt.
- 2:11Hat es mich irgendwie so ein bisschen überrascht, obwohl wir uns ja
- 2:14eigentlich die ganze Zeit mit dieser Wahl beschäftigen. Und ich glaube, das
- 2:17liegt daran, dass wir uns gerade in so einer komischen Zwischenphase befinden.
- 2:22Also einerseits haben wir jetzt noch zwei Monate, das ist überhaupt nicht
- 2:25mehr viel, und wir haben so viele große, schwere und entscheidende Themen
- 2:29noch auszuhandeln und zu besprechen. Und gleichzeitig liegt jetzt über allem schon
- 2:34diese merkwürdige Sommerschwere, die irgendwie lähmt und mich irgendwie in dieser
- 2:39Vorwahlsituation ganz schwermütig auch macht. Wie geht's dir? Ja, ehrlich gesagt, ich
- 2:44würde auch gerne manchmal einfach an den See fahren und den Sommer
- 2:48genießen und irgendwie nicht mehr über diese großen Probleme, die wir als
- 2:52Gesellschaft gerade haben, mich mit denen einfach nicht mehr beschäftigen. Und gleichzeitig
- 2:56steht eben diese Wahl an in meiner Heimat, in der ja auch
- 2:59meine Familie noch lebt und arbeitet. Und ja, es bewegt mich irgendwie
- 3:03schon sehr. Absolut, mich auch. Und ich finde, das ist auch eine
- 3:06der ganz großen Herausforderungen, so ganz grundsätzlich in diesem Job, wenn man
- 3:12sich mit einem Thema beschäftigt oder in dem Fall mit einem Bundesland,
- 3:16in dem man ja verwurzelt ist, in dem man persönliche Beziehungen hat.
- 3:20Weil wir müssen diese Themen einfach behandeln. Und wir versuchen natürlich so
- 3:26objektiv wie es geht darauf zu schauen. Aber klar ist auch, Journalismus
- 3:29kann nicht absolut objektiv sein, weil wir sind nun mal Menschen. Wir
- 3:34haben Emotionen, wir haben eine persönliche Meinung. Und ganz frei davon können
- 3:39wir uns nie machen. Und das macht ja was mit uns, was
- 3:41da in Sachsen-Anhalt passiert. Ja, unbedingt. Und es sind ja auch
- 3:44riesengroße Themen, mit denen wir uns jetzt beschäftigen. Ihr habt das auch
- 3:47schon gemerkt, auch in diesem Podcast, dass wir so mit immer weniger
- 3:51werdenden Zeit zur Wahl dann auch die großen Themen uns natürlich anschauen
- 3:55und auch viel das Wahlprogramm der AfD. Warum nicht? Weil wir das
- 3:59jetzt so ganz besonders hervorheben, sondern weil die AfD eben Umfragewerte hat
- 4:04von über 40 Prozent. Und damit einfach ja wirklich sich da viel
- 4:08entscheiden wird bei dieser Wahl. Ja, und die AfD ist bereits im
- 4:12Landtag oder auch im Bundestag vertreten, demokratisch gewählt. Aber es ist nun
- 4:16mal eine Partei, die vor allem der Landesverband in Sachsen-Anhalt als
- 4:20gesichert rechtsextremistisch eingestuft ist. Ja, und das hast du eben schon angesprochen.
- 4:25Das macht es manchmal eben so ein bisschen schwierig mit der eigenen
- 4:29Haltung. Das ist ja auch noch mal ein Unterschied zur Meinung. Aber
- 4:32natürlich bin ich als Journalistin auch verpflichtet, als vierte Gewalt in diesem
- 4:37Staat auch die Demokratie zu verteidigen. Und wir sehen eben, wenn wir
- 4:42eine gesichert rechtsextremistische Partei haben, dass da die Grenzen der Demokratie oft
- 4:47überschritten werden oder der demokratischen Werte. Und dass es dann eben auch
- 4:51schwierig ist, da neutral oder objektiv draufzuschauen. Oder wo ist da die
- 4:56Grenze zwischen Haltung und Meinung? Das macht es manchmal ziemlich schwierig, finde
- 4:59ich. Ja, und unsere Aufgabe ist ja einfach, da bestimmte Dinge auch
- 5:02einzuordnen und deutlich zu markieren. Das sind Forderungen, das ist eine Politik,
- 5:08die da betrieben wird, die einfach demokratischen Grundwerten widerspricht, die all das
- 5:15was auch unser Grundgesetz schützt, Vielfalt, eine offene Gesellschaft, beschneiden würde. Und
- 5:21wir wollen natürlich in diesem Podcast das verstehen. Was sind denn die
- 5:24Beweggründe, dass trotz alldem etwa 40 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt
- 5:29ja gerade die AfD wählen wollen? Und ich glaube, was dabei noch
- 5:33mal wichtig ist zu sagen, es geht hier nicht um einzelne politische
- 5:37Forderungen. Wir haben ja zum Beispiel auch in unserer vorletzten Folge zur
- 5:40Wirtschaft besprochen, dass es zum Beispiel im AfD-Programm auch Dinge gibt,
- 5:44die man erst mal per se nicht schlecht finden muss. Es geht
- 5:48um das große Gesamtbild. Da ist es manchmal schon sehr dringend notwendig,
- 5:52Dinge in den Kontext zu setzen und einzuordnen. Und das ist natürlich
- 5:56ein Spagat. Ich bin mir sicher, nicht nur für uns, sondern für
- 5:59alle, die sich beruflich damit auseinandersetzen. Und das ist auch eine Herausforderung
- 6:04in der Folge heute. Ja, bevor wir damit anfangen, vielleicht noch die
- 6:07Frage an euch: Wie geht's euch denn mit all diesen Themen? Was
- 6:10bewegt euch so zwei Monate vor der Wahl? Schreibt uns doch eine
- 6:14Mail an dazwischen@detektor.fm. Ihr findet uns aber auch in
- 6:18den sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Mastodon. Einfach mal nach detektor
- 6:23fm suchen. Untertitel im Auftrag des ZDF für funk 2017. Wir haben
- 6:29es ganz am Anfang dieser Folge ja schon gesagt: Laut einer Infratest
- 6:32DiMA-Befragung halten sehr viele Menschen in Sachsen-Anhalt das Thema Migration
- 6:36für das wichtigste politische Problem in diesem Bundesland. Anders als beim Deutschlandtrend,
- 6:42wo auf Platz eins Wirtschaft landet. Wenn man jetzt in die Daten
- 6:46des Statistischen Bundesamtes schaut, sieht man, Sachsen-Anhalt ist im deutschlandweiten Vergleich
- 6:50eines der Länder mit dem niedrigsten Anteil an ausländischer Bevölkerung, also jene
- 6:55ohne deutschen Pass, worunter eben auch Menschen aus EU-Ländern fallen. Und
- 6:59das sind etwas mehr als 192.000 Menschen. Ins Verhältnis gesetzt zu
- 7:04etwa 2,1 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ist das wirklich nicht so
- 7:09viel, also unter 10 Prozent. Und trotzdem haben viele Menschen in Sachsen
- 7:13Anhalt da Sorgen und Ängste. Das kann man in den Kommentarspalten unter
- 7:17Artikeln oder auf Social Media lesen. Aber man merkt das eben natürlich
- 7:20auch einfach in Gesprächen. Und ich finde es an dieser Stelle wichtig,
- 7:23einzuräumen, dass es da natürlich auch Probleme gibt. Also lange haben Kommunen
- 7:27zum Beispiel über die Verteilungsstüssel von Geflüchteten geklagt. Und natürlich gibt es
- 7:32auch Menschen mit Migrationshintergrund, die Straftaten begehen. Da müssen wir nicht drüber
- 7:35sprechen, sind eben auch nur Menschen. Und diese etwa zehn Prozent, die
- 7:38sind ja auch keine homogene Gruppe. Also da sind natürlich Menschen dabei,
- 7:42die erst in den letzten Jahren als Geflüchtete nach Deutschland gekommen sind,
- 7:46aber auch Menschen, die seit Jahrzehnten hier leben und einfach keinen deutschen
- 7:49Pass haben. Migration ist ja kein neues Phänomen. Das ist eigentlich, finde
- 7:53ich, so etwas Urmenschliches. Wir sind ja schon immer auch weitergezogen. Und
- 7:58auch in der DDR gab es Migration, vor allem in Form von
- 8:01staatlich organisierter Vertragsarbeit. Da kamen auch schon Menschen hierher aus Vietnam, aus
- 8:06Polen, aus Mosambik, Angola oder Ungarn. Nur dass die da wahrscheinlich nicht
- 8:10ganz so sichtbar waren, weil der Staat das nicht wollte. Wenn wir
- 8:14uns nur die Geflüchteten anschauen, muss man sagen, laut Daten des Bundesamtes
- 8:18für Migration und Flüchtlinge hat die Zahl der in Deutschland gestellten Asylanträge
- 8:232016 ja einen Höchststand erreicht. Und seitdem ist diese Zahl aber mit
- 8:28kleinem Schwenker nach oben aufgrund des Ukraine-Kriegs gesunken. Ja, ich glaube,
- 8:34es geht ja aber auch nicht nur um die reine Anzahl. Es
- 8:37geht ja auch so ein bisschen um gefühlte Wahrheiten, wann immer man
- 8:39über dieses Thema spricht. Es wird zum Beispiel auch wieder darüber gesprochen,
- 8:43ob Migrantinnen und Migranten arbeiten gehen. Das finde ich immer paradox, weil
- 8:47es da so parallele Erzählungen gibt. Also entweder die gehen gar nicht
- 8:50arbeiten und leben vom Staat. Ja, entweder das oder sie sagen, die
- 8:55nehmen den Deutschen die Arbeitsplätze weg. Alles schon gehört, alles leider schon
- 8:59oft gehört. Aber lass uns da mal genauer hinschauen. Denn das kann
- 9:02man ja aufbrechen. Nehmen wir mal die Beschäftigungsquote. Bei sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ohne
- 9:08deutschen Pass lag diese in Sachsen-Anhalt zuletzt bei 55 Prozent. Bei
- 9:15Menschen mit deutschem Pass in Sachsen-Anhalt lag die, glaube ich, bei
- 9:1766 Prozent und ist damit auf jeden Fall noch immer höher. Ja,
- 9:21aber insgesamt haben Menschen ohne deutschen Pass so das Wörtchen der Statistik
- 9:26extrem aufgeholt in den letzten Jahren. Und die Lücke, die wir da
- 9:29sehen, hat ja vor allem immer noch strukturelle Ursachen. Zum Beispiel, ob
- 9:33und was für eine Arbeit ich finde, hängt vor allem mit meinem
- 9:36Aufenthaltsstatus zusammen und ob mein Abschluss überhaupt anerkannt wird. Natürlich auch klar,
- 9:42wie gut ich Deutsch spreche. Denn im Vergleich zu anderen Ländern ist
- 9:45Englisch einfach als Berufssprache bei uns immer noch nicht so gern gesehen.
- 9:49Machen viele Firmen noch nicht. Und natürlich erhalte ich viele Jobangebote nicht
- 9:54nur über die Bundesagentur für Arbeit. Ich glaube, das kennen wir alle.
- 9:57Über Kontakte geht immer noch wahnsinnig viel. Und wenn ich kein Netzwerk
- 10:02habe, dann fehlen mir diese einfach. Wir haben es am Anfang der
- 10:05Folge schon gesagt: Sachsen-Anhalt ist stark auf Zuwanderung angewiesen, um dem
- 10:09Fachkräftemangel zu begegnen. Allein schon, weil es aufgrund des demografischen Wandels überhaupt
- 10:14gar nicht aus sich selbst heraus die Lücke schließen könnte. Darüber haben
- 10:18wir ja auch schon in unserer Start-up-Folge oder auch der
- 10:21vorletzten Folge über die Wirtschaft gesprochen. Hört da gern noch mal rein,
- 10:24wenn ihr die verpasst habt. Und darüber hinaus würde ja jetzt schon
- 10:28sehr viel ohne diese Menschen zusammenbrechen. Bestes Beispiel ist da, glaube ich,
- 10:32der Gesundheitssektor. Absolut. Egal ob in der Pflege oder unter der Ärzteschaft
- 10:37sehr viele Menschen haben dort eine Migrationsgeschichte. Im Jahr 2025 stieg zum
- 10:42Beispiel die Zahl ausländischer Ärzte laut Ärztekammer Sachsen-Anhalt auf 2035 Medizinerinnen
- 10:48und Mediziner. Sie machen damit mittlerweile einen Anteil von etwa 14 Prozent
- 10:52aus. Ja, ich glaube, die will man sich dann nicht wegwünschen und
- 10:55mal überlegen, was das für das Medizinsystem heißt. Wir haben ja ganz
- 10:59am Anfang dieser Folge schon mal Undra Dressler vom LAMSA gehört. Das
- 11:03ist ein Verein, der etwa 120 verschiedene Organisationen, aber auch Einzelpersonen aus
- 11:07ganz Sachsen-Anhalt vereint und sich für die Interessen von Menschen mit
- 11:11Migrationsgeschichte einsetzt. Wie geht es denen denn gerade, wenn eine Mehrheit in
- 11:16Sachsen-Anhalt sagt, Migration ist das wichtigste Problem in diesem Land? Also
- 11:21sie hat mir gesagt, dass es schon immer so war, dass Menschen
- 11:23mit Migrationsgeschichte in Sachsen-Anhalt jeden Tag in irgendeiner Form Rassismus erleben.
- 11:28Beim Einkaufen, im Supermarkt, auf der Arbeit, beim Arztbesuch. Aber dass sie
- 11:33schon merken, wie diese Vorurteile, Einfeindungen und auch Ausgrenzungen zunehmen. Also unsere
- 11:40Erfahrung zeigt, auch in den letzten Jahren insgesamt, auch die gesamte Stimmung
- 11:46und die gesamte Situation und vor allem das Leben und der Alltag
- 11:50der migrantischen Bevölkerung in Sachsen-Anhalt sich stark verändert hat. Vor allem
- 11:55seit dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt hat sich die Situation extrem verschärft.
- 12:03Wir können auch als Landesnetzwerk eine extreme Zunahme der rassistischen Vorfälle dokumentieren
- 12:09und auch feststellen. Und das ist halt der Alltag der Menschen. Also
- 12:14sie erleben jetzt viel häufiger rassistische Vorfälle, Beleidigungen, Bedrohungen, auch teilweise in
- 12:21ihrem nahen Umfeld. Bedeutet auch von ihrer Nachbarschaft erfahren sie das, wenn
- 12:26es auf der Tür steht, wenn hier "Ausländer raus" oder ein Hakenkreuz
- 12:30auf der Tür bemalt wird. Das sind ja reelle Bedrohungen, reelle Ängste.
- 12:37Ich habe ja dann meine Kinder und ist meine Familie sicher? Also
- 12:41da muss man dann wirklich um eigene Sicherheit, meine Familie muss sich
- 12:45Sorgen machen und Gedanken machen. Und deshalb haben wir
- 12:49auch bei unseren Communities, bei unseren Mitgliedern auch sozusagen die Stimmung erfasst
- 12:54beziehungsweise auch erfragt. Und da konnten wir auch feststellen, dass über 80
- 12:58Prozent darüber nachdenken, Sachsen-Anhalt zu verlassen. 80 Prozent! Das kann man
- 13:05sich gar nicht vorstellen. 80 Prozent, die dann einfach weg sind, weil
- 13:10sie sich in ihrem eigentlich gewählten Zuhause, in ihrer eigentlichen Umgebung nicht
- 13:16mehr sicher fühlen. Ja, absolut. In einem Positionspapier schreibt LAMSA deshalb auch:
- 13:21Sachsen-Anhalt ist ein Ort, in dem es sich zu leben lohnt. Die nicht enden wollende Migrationsdebatte vermittelt Menschen mit Migrationsgeschichte seit
- 13:25Jahrzehnten Ausschluss und Nichtzugehörigkeit. Damit Sachsen-Anhalt lebenswert und lohnenswert für
- 13:31Zuwanderung bleibt, braucht es Visionen für ein wirklich weltoffenes Land. Ein weltoffenes
- 13:37Land, das ist jetzt nicht unbedingt das, woran ich bei Umfragewerten von
- 13:43über 40 Prozent für die AfD denke. Eher das Gegenteil. Und dafür
- 13:47muss man sich nur mal das Wahlprogramm anschauen. Sie wollen das Grundrecht
- 13:51auf Asyl abschaffen, einen sofortigen und totalen Einwanderungsstopp für Menschen aus ausgewählten
- 13:55Nicht-EU-Ländern verhängen, die Hürden für die Einbürgerung erhöhen, auf die
- 14:00Anwerbung sogenannter kulturfremder Fachkräfte verzichten, Remigrationslotsen statt Integrationslotsen. LAMSA sieht darin nicht
- 14:05nur einen Angriff auf Menschen mit Migrationshintergrund, sondern auch auf Grundrechte und
- 14:09die Demokratie und hat ganz konkrete Forderungen an eine zukünftige Landesregierung in
- 14:14Sachsen-Anhalt gestellt. Dazu später mehr. Jetzt mal davon abgesehen, dass viele
- 14:19dieser Forderungen ja auch auf Landesebene gar nicht umsetzbar sind und da
- 14:22auch nicht hingehören. Wenn natürlich solche Dinge im Programm der zurzeit stärksten
- 14:26Partei stehen, dann ist total nachvollziehbar, wie groß die Sorge bei Menschen
- 14:30mit Migrationsgeschichte sein muss, dass die AfD im September nicht nur die
- 14:34meisten Stimmen holen könnte, sondern auch die Verantwortung bekommt. Genau, und Rathlessler
- 14:39hat mir zum Beispiel diese Geschichte dazu erzählt: Eine junge Frau hat
- 14:43mir vor Kurzem erzählt: "Mein Leben funktioniert gerade nur bis zur Landtagswahl.
- 14:49Also ich lebe in einer Phase bis 6.9. Ich kann momentan
- 14:53nicht klar denken. Ich kann nicht jetzt sozusagen, wie wird es für
- 14:56mich, wie wird es ab 7. September weitergehen, wie wird mein Leben
- 15:01sein, wie sieht meine Zukunft aus? Also ich kann gar nicht darüber
- 15:04nachdenken, weil ich so extrem auch damit beschäftigt bin, was passiert und
- 15:09hoffentlich passiert das nicht." Und sozusagen, um mit meinen Ängsten umzugehen. Und
- 15:14deshalb würde ich sagen, tatsächlich überwiegt die Ängste und die Verunsicherung. Das
- 15:19finde ich wirklich krass. Ich habe ja auch für die Start-up-
- 15:22Folge mit einem jungen Start-up aus Magdeburg gesprochen. Und auch da
- 15:25habe ich ähnliche Sachen gehört, weil es eben auch da um Gründer
- 15:29und Gründerinnen geht, die nicht aus Deutschland stammen und die eben auch
- 15:32bis zur Landtagswahl warten wollen, ob sie dieses Start-up in Sachsen
- 15:35Anhalt gründen oder eben auch nicht. Und gleichzeitig, und es war Unra
- 15:39Dressler auch sehr wichtig zu sagen, es gibt genauso aber auch Menschen
- 15:44in ihrem Netzwerk, in diesen Communities, die LAMSA vertritt, die aus dieser
- 15:48Angst gerade eine Stärke entwickeln. Jetzt erst recht, nach dem Motto:
- 15:53"Sehr stark entschlossen, die gut drei Monate bis zur Landtagswahl zu nutzen,
- 15:59um auch die Stimmung zu ändern und um zu zeigen, wie viel
- 16:05Mehrwert die MigrantInnen in Sachsen-Anhalt bringen, was das bedeutet, vielfältig miteinander
- 16:12gemeinsam zusammenzuleben." Und das ist ja wiederum eine der wesentlichen Dinge, die
- 16:17sich LAMSA ohnehin zur Aufgabe gemacht hat: Vorurteile aufbrechen, für die Interessen
- 16:22und Sichtbarkeit von Menschen mit Migrationsgeschichte entstehen. Dazu gehört zum Beispiel die
- 16:27bereits im Herbst gestartete Kampagne "Mund aufmachen". Die soll Alltagsrassismus sichtbarer machen
- 16:32und einfach dazu aufrufen, genauer hinzusehen, hinzuhören und nicht zu schweigen. Oder
- 16:38die sogenannten Tür-zu-Tür-Gespräche. Untertitel im Auftrag des ZDF 2021.
- 17:02Wie kann ich mir das vorstellen? Tatsächlich kannst du es dir genau
- 17:06so vorstellen. Es geht darum, mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Dafür
- 17:11finden diese Gespräche in verschiedenen Städten statt, zum Beispiel in Halle oder
- 17:15in Stendal und in Dessau. Und diejenigen, die mitmachen, sind eigentlich alles
- 17:20ehrenamtliche Helferinnen und Helfer von LAMSA. Die wurden vorher natürlich noch mal
- 17:25gezielt geschult: Wie geht man in Kontakt mit Menschen? Man fährt natürlich
- 17:29nicht mit der Tür ins Haus und sagt: "Hallo, wir wollen über
- 17:31Politik reden." Wie gehe ich aber auch mit vielleicht brenzligen Situationen um?
- 17:35Denn natürlich, wenn man an Türen einfach klingelt, kann hinter dieser Tür
- 17:38auch jemand sein, der oder die eher aggressiv reagiert. Und ja, die
- 17:44Idee ist einfach, durch Viertel zu gehen und ins Gespräch zu kommen
- 17:47über die Landtagswahl, über Politik. Und je nachdem, wer da aufmacht, natürlich
- 17:52verändern sich die Gespräche. Also ist da eine Person mit einer eigenen
- 17:55Migrationsgeschichte, dann geht es LAMSA natürlich darum, darauf aufmerksam zu machen: "Nutz
- 17:59deine Stimme, wenn du ein Wahlrecht hast, und geh demokratisch wählen." Oder
- 18:03einfach so ein bisschen auszuloten und wenn ihnen Menschen mit Vorurteilen zum
- 18:07Beispiel begegnen, diese aufzubrechen. Das klingt auf jeden Fall nach einem sehr
- 18:12offenen Konzept, wo sehr viel Raum ist, sozusagen, dass Dinge auch einfach
- 18:15sich entwickeln dürfen. Ja, LAMSA sagt, das ist auch total wichtig, denn
- 18:20zum Kampf gegen Rassismus und Vorurteile und für Demokratie gehört nämlich ein
- 18:26ganz bewusster, offener Dialog. Und die Landesgeschäftsführerin Unra Dressler erklärt die Idee
- 18:31quasi noch mal so: "Wir merken und wir bekommen das auch so
- 18:35zurückgespiegelt, dass Miteinander sprechen, miteinander ins Gespräch kommen, sich gegenseitig interessieren, die
- 18:42Zeit nehmen für meine Nachbarin, für meinen Nachbar auf der Straße, das
- 18:47fehlt einfach. Und wir merken das, und wir möchten mit den Menschen
- 18:49ins Gespräch kommen, in den Dialog kommen, um wirklich auch diese Themen
- 18:53also Demokratie, was bedeutet Demokratie für uns alle, wie wertvoll ist Demokratie
- 18:59für uns, was würde dann passieren, wenn es die demokratischen Verhältnisse nicht
- 19:03mehr gäbe? Und darüber wollen wir die Menschen einfach zum Nachdenken bringen."
- 19:09Wichtige Botschaft ist, dass man unterschiedliche Meinungen haben kann, aber respektvoll und
- 19:15mit Menschenwürde sich gegenseitig auch behandeln kann und das stehen lassen kann.
- 19:21Und schlussendlich besteht unser gemeinsames Leben, Zusammenleben. Das ist ja schon
- 19:26auch ein Gedanke, der sich durch viele unserer Folgen durchzieht, also dass
- 19:29es eben Austausch, Dialog braucht, um trotz unterschiedlicher Meinungen oder vielleicht auch
- 19:34Lebensweisen gut gemeinsam leben zu können. Absolut. Und mich hat natürlich interessiert,
- 19:40was LAMSA da so bei diesen Tür-zu-Tür-Gesprächen erlebt und
- 19:43bin deshalb nach Stendal gefahren. Es war Samstagmorgen, wir haben uns an
- 19:47einer Straßenkreuzung getroffen, in der Nähe vom Stadtsee. Dort ist ein Viertel
- 19:52mit relativ vielen Wohnblöcken, wie man die irgendwie so kennt. In Dessau
- 19:56gibt es sie auch. Und dort hat Heike Kanter, die leitet das
- 20:00Projekt, erst einmal alle in Empfang genommen. "Herzlich willkommen! Ich sehe strahlende
- 20:08Gesichter. Wir sind alle schon ein wenig aufgeregt, was heute hier passieren
- 20:11wird. Wir haben noch Material vorbereitet, was wir euch mitgeben, sogenannte Giveaways."
- 20:17Die Idee von den Tür-zu-Tür-Gesprächen ist ja, spontan an
- 20:20den Türen zu klopfen, die Tür zu klingeln, und wir wissen nicht,
- 20:22ob uns jemand öffnet. Falls uns jemand nicht öffnet, hinterlassen wir der
- 20:26Person einen Türanhänger mit unserem wichtigsten Motto: "LAMSA verbindet" und einem QR
- 20:34Code, der auf unsere zehn Forderungen mit Blick auf die anstehende Landtagswahl
- 20:38verweist. Über diese Forderungen sprechen wir später noch genauer. Wie sah das
- 20:43denn dann konkret da in Stendal aus? Wie viele Leute wart ihr?
- 20:46Also, es waren so zwölf Ehrenamtliche da, und die wurden dann
- 20:50in so Zweier- bis Dreiergruppen eingeteilt. Es gab für jede Gruppe
- 20:54so zwei Beutel mit eben Infomaterial, Gummibärchen, Frühstücksbrettchen aus Holz. Es sollte
- 20:59so ein besonderes Goodie sein, wenn ein Gespräch wirklich toll verlief. Und
- 21:03ich wurde dann Daniel und Johan zugeteilt. Johan lebt in Leipzig, hat
- 21:07dort Soziologie studiert und schreibt momentan ihren ersten Roman. Und Daniel
- 21:11lebt eigentlich in Brandenburg und ist tatsächlich Migrationsforscher an der Martin Luther
- 21:16Universität Halle-Wittenberg. Und ich wollte natürlich wissen, warum Sie an einem
- 21:20Samstag bei diesen Tür-zu-Tür-Gesprächen mitmachen. Es gibt ja immer
- 21:24diese Erzählung: "Wir sind zu wenig im Gespräch." Und die einfachste Möglichkeit
- 21:28ist ja einfach, an den Türen zu klingeln und das zu tun.
- 21:31Ich bin auch sehr aufgeregt. Ich war sehr lange Pizzafahrer. Ich kenne
- 21:36die Situation, dass man klingeln muss, aber da war immer klar, was
- 21:38zu tun ist. Bei Johan war es ein bisschen anders. Ich glaube,
- 21:42die Aufregung kommt erst, wenn wir vor der Tür stehen. Gerade ist
- 21:44es noch so voll weit weg, auch wenn das Haus direkt da
- 21:46ist. Aber es fühlt sich gerade noch sehr unwirklich an. Ich finde
- 21:50es sehr unintuitiv, von Tür zu Tür zu gehen und bei Leuten
- 21:52anzuklopfen und zu sagen: "Lassen Sie uns über Politik reden." Nachdem man
- 21:56sein ganzes Leben gesagt bekommen hat, man soll Politik meiden, wenn man
- 21:59Leute nicht gut kennt. Kann ich absolut nachvollziehen. Ich glaube, um das
- 22:03zu machen, muss man schon auch echt der richtige Typ Mensch sein.
- 22:06Wäre das was für dich? Nee, aber ehrlich gesagt auch, weil ich
- 22:10Privatsphäre total wichtig finde. Wenn ich mir vorstelle, dass am Samstag, egal
- 22:15wer, einfach bei mir klingelt, es könnte tatsächlich sogar jemand sein, den
- 22:19ich sehr gerne mag, da würde mich das schon stören. Aber das
- 22:22ist natürlich trotzdem total wichtig. Das interessiert mich auch: Wie seid ihr
- 22:27dann vorgegangen? Wie lief das dann? Also innerhalb von diesem Stadtviertel haben
- 22:32sich die Teams einfach aufgeteilt. Wir sind dann auch direkt zu einem
- 22:35der etwas höheren Wohnblöcke gegangen. Ich fand, das war ein bisschen ein
- 22:39schräger Moment, weil dieser Wohnblock war wirklich komplett umzäunt. Um dort reinzukommen
- 22:44musste erst das Tor geöffnet werden. Du musstest wirklich jemanden finden, der
- 22:47beim Klingeln aufmacht. Ob der alle Klingeln gleichzeitig gedrückt, wie früher beim
- 22:51Klingelstreich? So ungefähr. Wir standen vor dieser riesigen Klingelanlage und haben so
- 22:56kurz so: "Okay, welche Klingeln drücken wir als Erstes?" Daniel hat geklingelt.
- 23:04Niemand ist reingegangen. Also nächste Klingel. Klingelton: "Hallo, wer ist da? Hallo,
- 23:16hier ist Jon. Ich bin hier, wir wollen Tür-zu-Tür gespr..."
- 23:20Ich drücke. Sie drücken. Ja, und damit waren wir im Haus.
- 23:28Daniel und Jon sind dann direkt zu der Frau gegangen, die da
- 23:30geöffnet hat. Ich hab mich im Hintergrund gehalten und gewartet. Das war
- 23:33auch die Absprache mit LAMSA. Denn natürlich ist dieser Moment des ersten
- 23:37Kontakts und auch das Gespräch danach sehr sensibel. Diese Frau wollte dann
- 23:41nicht mit den beiden sprechen. Also mussten sie erst mal an einigen
- 23:46weiteren Türen klingeln. Steht jetzt neun zu fünf für neunmal nicht redebereit
- 23:52und fünfmal nicht aufgemacht. Mhm, wobei ich nicht... Nee, neun zu
- 23:56sechs. Wir haben jetzt die letzte Person auch gefragt, warum. Weil jetzt
- 24:02wirklich jeder nicht mit uns reden wollte. Und ich glaub, wir waren... 00:24:05.000 --> 00:24:11.000 Ja, ich denke, das meinte sie gerade, dass Leute hier oft
- 24:11von Tür zu Tür gehen und versuchen, Sachen zu verkaufen oder Menschen
- 24:14irgendwas anzudrehen. Und ich glaube, dass sie deswegen alle ein bisschen scheu
- 24:19sind und skeptisch. Mhm. Und schmiedet das jetzt eure Motivation oder
- 24:26ich weiß noch nicht so richtig. Ich habe jetzt schon noch den
- 24:28Drang, eher den Drang, einen Erfolg zu haben. Ja, haben sie auch
- 24:33durchgezogen. Es wurde an vielen weiteren Türen geklingelt. Und wir waren dann
- 24:38wirklich schon irgendwann am zweiten Hauseingang, als sie plötzlich irgendwie die Treppe
- 24:43runterkam, wo ich gewartet habe, und meinte, wir hätten gerade ein wirklich
- 24:46gutes Gespräch mit einer älteren Frau, die gerade vom Einkaufen kam. Und
- 24:50ich bin daraufhin die Treppe hoch, habe diese Frau noch mal abpassen
- 24:53können. Und sie war ein bisschen überrumpelt von allem, aber natürlich total
- 24:57nett. Und ich wollte dann auch noch mal wissen, was sind denn
- 25:00die Themen, die sie gerade so beschäftigen? Dass es im Bundestag so
- 25:05abgeht, ja, ist sehr denkwürdig. Also, es geht eigentlich auf keine
- 25:12Kuhhaut mehr. Es sind einfach zu viele Menschen im Bundestag. Viel
- 25:18zu viele. Und jeder möchte was sagen, jeder möchte Recht haben und
- 25:23nichts funktioniert zum Schluss. Der Bundestag und auch der Landtag sollen natürlich
- 25:27auch die Vielfalt der Menschen in Deutschland abbilden. Aber trotzdem, ich höre
- 25:29so raus, sie würden sich vielleicht weniger Streit, mehr Kompromissbereitschaft wünschen. Ja,
- 25:35auf jeden Fall. Und sie sollen das, was sie beantragen, auch hinterdenken.
- 25:42Da wird irgendwas mitunter in den Raum geschmissen, wo man sagt, ja,
- 25:48haben die das überhaupt nachgedacht? Also, welche Folgen das auch wirklich für
- 25:53die normale Bevölkerung hat, quasi. Ja, genau. Gibt's da eine vielleicht auch
- 25:57ganz konkrete Sache, das zum Beispiel beschlossen wurde, und ich dachte mir,
- 26:01um Gottes Willen, wie sollen wir das leisten, stemmen? Was passiert
- 26:05dann? Ich meine, man will die Gesundheitsreform noch weiter voranziehen. Aber da
- 26:11sind auch so einige Sachen bei, wie kann ich den Psychologen 3
- 26:17bis 5 Prozent Gehalt kürzen? Und dann muss man sich doch nicht wundern,
- 26:23dass dann wieder einer in die Massen in die Stadt mit dem
- 26:26Auto reinfährt und Leute tötet. Es bräuchte eigentlich viel mehr Therapieplätze. Und
- 26:32jetzt wird genau da gekürzt. Und da befürchten Sie, dass es dann
- 26:35noch schlimmer wird? Natürlich wird es dann noch schlimmer, weil den Leuten
- 26:38nicht geholfen werden kann. Und die Leute gehen immer mehr in eine
- 26:43Depression rein. Was kein Wunder ist, denn der Leistungsdruck wird immer höher.
- 26:49Oder die Perspektiven werden den Leuten genommen. Du kriegst keine Arbeitsstelle oder
- 26:54nur Halbtags, nützt dir nichts. Sparen musst du trotzdem. Reicht nicht zum
- 27:00Leben und nicht zum Sterben. Da muss man sich nicht wundern, wenn die
- 27:03Leute dann noch mehr Krankschreibungen haben oder noch mehr in eine EU
- 27:09Rente gehen, weil sie einfach nicht können. Oder bis 70 arbeiten. Halleluja.
- 27:16Was ich hier interessant finde, ist, dass es auch mal wieder zeigt,
- 27:19wie sehr die Bundespolitik eigentlich so abstrahlt. Und wie doll sie sich
- 27:23eben auch auf das politische Verständnis der Menschen da draußen auswirkt. Das
- 27:28hat mir auch Rhein Grob erzählt, als ich mit ihm in der
- 27:31Wissenschaftsfolge gesprochen habe. Das finde ich interessant, weil das natürlich ein supergroßer
- 27:36Einflussfaktor ist vor einer Landtagswahl, der aber ganz woanders stattfindet. Ganz genau.
- 27:42Ging mir auch so bei dem Gespräch. Haben Sie das Gefühl, dass
- 27:45aufgrund von all dem, was Sie gerade beschrieben haben, unsere Gesellschaft frustrierter
- 27:50negativer wird? Ja, also wenn man März nicht irgendwann aufhält, ich weiß
- 27:55nicht, wo das alles noch hinführen soll für das deutsche Volk. Also
- 27:58nicht nur das deutsche Volk, für Deutschland allgemein, für alle, die dort
- 28:02wohnen. Und so mit Blick auf Sachsen-Anhalt, gibt es da was,
- 28:05was Sie beschäftigt? Wir haben ja nun mal auch die Landtagswahl, da
- 28:08sind ja noch mal ein bisschen andere Themen relevant. Nee, bei den
- 28:11Landtagswahlen bin ich wirklich erst mal raus. Da hatte ich mich jetzt
- 28:15gar nicht so beschäftigt. Trotzdem eine letzte Frage: Wenn Sie sich was
- 28:18wünschen könnten, was würden Sie sich wünschen, was sich ändern sollte? Ja,
- 28:23dass die Kindergarten- und Krippenplätze erst mal nicht so teuer sind, damit
- 28:28die Familien sich das auch leisten können. Und ja, dass man die
- 28:33Betriebe mit in die Pflicht zieht, dass die Kindergarten- und Krippenplätze
- 28:38mit anbieten. Weil dann würde es auch viel zufriedenere Mitarbeitende geben. Also
- 28:43am Ende hat es ja dann irgendwie doch ein Thema getroffen. Kita
- 28:47ist ja Landespolitik. Und ich finde, was ich total interessant fand in
- 28:52dem Gespräch hier und was man auch sonst in unserer Arbeit merkt,
- 28:55wenn man es schafft, ins Gespräch zu kommen und über das Meckern
- 28:58am Anfang hinaus, was ja grundsätzlich auch erst mal okay ist, zu
- 29:02meckern, dann schafft man es schon, noch mal Perspektiven zu öffnen und
- 29:06einfach Menschen und dem, was sie denken und was sie sich wünschen
- 29:10näher zu kommen. Insgesamt haben die Ehrenamtlichen wie Jon und Daniel an
- 29:14diesem Tag an 163 Türen in Ständer geklingelt. An vielen Türen haben
- 29:19sie niemanden getroffen. 47 Mal waren die Menschen gar nicht redebereit, 25
- 29:24Mal aber schon. Und das klingt jetzt vielleicht erst mal nicht viel,
- 29:27aber für Lamsa ist wirklich jedes Gespräch wertvoll. Die Projektleiterin Heike Kanter
- 29:32hat mir dazu auch noch mal im Nachgang geschrieben: Auch wenn es
- 29:35nur ein kurzer Kontakt an der Tür ist, ist überhaupt in den
- 29:38Dialog zu kommen für uns das A und O. Es lohnt sich,
- 29:41Gespräche zu führen. Dazu ein Zitat: Schön, dass Sie da waren. Das
- 29:45gibt mir das Gefühl, dass an mich gedacht wird. Untertitel im Auftrag
- 29:49des ZDF für funk 2017. Marie, du hast ja vorhin gesagt, dass
- 29:56Lamsa zehn Forderungen aufgestellt hat. Was hat das denn damit auf sich?
- 30:01Also, Lamsa wurde ja als Dachverband der Migrantenorganisationen vor allem auch dazu
- 30:06gegründet, öffentlich Probleme anzusprechen, Sichtbarkeit von Migrantinnen und Migranten zu schaffen. Jetzt
- 30:11mit Blick auf die bevorstehende Landtagswahl hat Lamsa das natürlich noch einmal
- 30:15verstärkt. Und eben bereits im vergangenen Oktober diese zehn Forderungen an die
- 30:20demokratischen Parteien und die zukünftige Landesregierung aufgestellt. Die standen zum Beispiel auch
- 30:26auf den Frühstücksbrettchen drauf. Mittlerweile sind es sogar elf Forderungen, denn das
- 30:31Papier wurde vor wenigen Wochen überarbeitet. Da steht eben so was drin,
- 30:35wie bedingungslose Menschenwürde, Gleichbehandlung im Erwerbs- und Berufsleben, kulturelle Selbstbestimmung, politische
- 30:42Partizipation für alle oder Mehrsprachigkeit als gesellschaftliche Ressource. Ich bin gleich am
- 30:49ersten Punkt hängen geblieben, denn in Artikel eins des Grundgesetzes steht ja,
- 30:52die Menschenwürde ist unanpassbar. Was meint Lamsa denn, wenn sie eine bedingungslose
- 30:57Menschenwürde einfordern? Na ja, sie kritisieren, dass die Debatte um Zuwanderung z. B.
- 31:02zunehmend auf wirtschaftliche Verwertbarkeit reduziert wird. Also im Sinne von: Wir
- 31:08brauchen sie, weil wir haben ja Fachkräftemangel. Zitat: Wer als nützlich gilt,
- 31:12darf bleiben. Und das widerspricht eben dem Grundgesetz, denn die Menschenwürde bemesse
- 31:16sich nicht nach der Funktion für den Arbeitsmarkt. Jetzt muss man fairerweise
- 31:21einräumen, da könnten wir uns jetzt auch an die eigene Nase fassen,
- 31:24denn das haben wir ja in dieser Folge auch gemacht. Aber eigentlich
- 31:26nur, um zu verdeutlichen, dass wir eigentlich keine Debatte darüber führen müssen,
- 31:31ob wir Migration wollen, sondern wenn dann, wie wir mit Menschen mit
- 31:35Migrationsgeschichte leben wollen. Ja, ich finde, das ist ein total wichtiger Punkt,
- 31:39wenn man sich aus dieser Perspektive die Debatten über Zuwanderung, den Arbeitsmarkt
- 31:44und Fachkräftemangel ansieht, entsteht einfach wirklich ein Wir und Sie. Dabei leben und
- 31:50arbeiten wir alle gemeinsam in dieser Gesellschaft. Was Lamsa hier aber vor
- 31:54allem auch kritisiert, ist, dass rechtsextreme Positionen sich in der Debatte mittlerweile
- 31:59etabliert haben und Menschen z. B. als Bedrohung und Kostenpunkt angesehen werden.
- 32:05Ja, und da kann man dann natürlich schon sagen, dass die im
- 32:07Grundgesetz verankerte Menschenwürde nicht beachtet wird. Genau. Ganz konkret fordert Lamsa deshalb
- 32:13z. B. ein dauerhaft finanziertes Programm zur Demokratieförderung und politischen Bildung, weil
- 32:18genau das in Zeiten wie diesen wichtiger denn je ist und nicht
- 32:21jede Legislatur neu verhandelt werden sollte. Dieses Papier mit zehn Forderungen haben
- 32:27wir auch an alle demokratischen Parteien, die im Landtag vertreten sind, auch
- 32:31zugesandt. Dringend, was wir brauchen, ist z. B. ein Landes-Antidiskriminierungsgesetz. Das
- 32:39fordert Lamsa auch schon seit längerer Zeit. Und was wir brauchen, ist
- 32:42auch die Vielfältigkeit und Mehrsprachigkeit und Transkulturalität als Leitprinzip im Bereich Bildung
- 32:54in den Verwaltungen. Das ist auch sehr wichtig. Und wir brauchen eine
- 32:58Lösung im Bildungsbereich, wie mit Diskriminierung und Diskriminierungsfällen umgegangen wird, z. B.
- 33:05eine unabhängige Beschwerdestelle. Und sie fordern auch eine Ministerin oder einen Minister
- 33:10mit Migrationshintergrund. Schließlich haben etwa zehn Prozent der Bevölkerung in Sachsen-Anhalt
- 33:15diesen. Und genau das müsse sich auch im Landtag und bei Entscheidungsträgern
- 33:18widerspiegeln, die schließlich die Interessen der Bevölkerung vertreten sollen. Du hast ja
- 33:23vorhin gesagt, dass es mittlerweile elf Forderungen gibt. Um was wurde das
- 33:27denn ergänzt? Da geht es um die Anerkennung von Migranten in Organisationen
- 33:32wie die, die Lamsa vertritt. Und natürlich Lamsa selbst. Sie fordern diese
- 33:36als gleichwertige politische Akteure anzuerkennen und zu finanzieren. Die Kritik dahinter ist
- 33:41und ich finde, das geht nicht nur an die Politik, sondern auch
- 33:44wieder ein bisschen an uns Medienschaffende. Migrantenorganisationen werden meist nur bei migrationsspezifischen
- 33:51Fragen kontaktiert, also auf diesen einen Themenbereich reduziert. Dabei leisten sie auch
- 33:56zivilgesellschaftliche Arbeit. Und Lamsa fordert eben hier die Anerkennung, dass diese Organisationen
- 34:03einen Beitrag zu Fragen wie Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Bildung, Diskriminierungsschutz leisten und
- 34:10entsprechend auch finanziert werden sollten. Dass sie eben sehr viele andere Aufgaben
- 34:13erfüllen, zeigen ja auch beispielsweise die Tür-zu-Tür-Gespräche, die du
- 34:16begleitet hast. Ich würde gern noch mal auf die andere Seite der
- 34:21Tür sozusagen schauen, auf die Menschen in Sachsen-Anhalt, die vielleicht Sorgen
- 34:25und Ängste beim Thema Migration haben. Denn ohne die geht es ja
- 34:28nicht. Also nachhaltige Integration ist ja davon abhängig, dass alle an einem
- 34:33Strang ziehen. Also jeder Einzelne, wir als Gesellschaft und natürlich auch die
- 34:36Politik. Das Institut der deutschen Wirtschaft schreibt: Die Zuwanderung sichert Deutschlands Fachkräftebasis
- 34:42und stärkt die Innovationskraft. Integration in Arbeit und Bildung ist dabei entscheidend.
- 34:47Es ist hier wieder so ein bisschen Reduzierung auf den Nutzen. Aber
- 34:50es bedeutet auch im Umkehrschluss, von gelungener Integration profitieren eben nicht nur
- 34:54Zugewanderte, sondern auch Alteingesessene, unsere Wirtschaft und wir als gesamte Gesellschaft. Aber
- 35:00es ist eben so ein bisschen wie mit der Demokratie. Darüber haben
- 35:03wir ja letzte Woche schon gesprochen. Dieser gemeinsame Aushandlungsprozess, der ist natürlich
- 35:08nicht immer einfach. Das stimmt. Für mich bleibt, wir nähern uns ja
- 35:13hier dem Ende der Folge, vor allem der Gedanke, dass sich hier
- 35:16– also mit hier meine ich Lamsa – Menschen engagieren aus einer betroffenen Perspektive
- 35:20heraus. Also die erleben Rassismus und Ausgrenzung und auch, dass quasi sie
- 35:26zum Wahlkampfthema werden. Und trotz solcher Erfahrungen, die du, ich, die meisten
- 35:30von uns einfach nicht haben, engagieren sie sich sehr aktiv dagegen und
- 35:35auch noch für unsere Demokratie, für Sachsen-Anhalt. Und ich glaube, da
- 35:40passt auch sehr gut eine Antwort, die mir Unrah Dressler noch gegeben
- 35:44hat auf eine Frage. Ich habe sie nämlich gefragt, wie sie eigentlich
- 35:47reagiert, wenn sie mit diesen ganzen Narrativen und Vorurteilen konfrontiert wird, über
- 35:52die wir in dieser Folge gesprochen haben. Und sie meinte, sie antwortet
- 35:55darauf mit einer Gegenfrage: Kennen Sie tatsächlich eine migrantische Person? Kennen Sie
- 36:01Ihre migrantische Nachbarn? Sitzen Sie tatsächlich zu Hause? Sind Sie tatsächlich arbeitslos?
- 36:09Wer bringt Ihnen die Pakete nach Hause? Wer bedient Sie an der
- 36:13Kasse in der Kaufhalle? Wer arbeitet in den Industrien? Das sind so
- 36:19meine Fragen, ja. Also, welche Menschen begegnen Ihnen in Ihrem Alltag? Wenn
- 36:24Sie einen Döner kaufen, wenn Sie bei McDonald's vorbeifahren und dort einen
- 36:29Burger kaufen, wer bedient Sie? Welche Menschen sind da? So, das ist
- 36:33meine Antwort. Da sind die Menschen mit Migrationshintergrund, die tagtäglich wie alle
- 36:39anderen Menschen arbeiten und ihren Beitrag für die Gesellschaft leisten. Ich finde
- 36:46"Puh" ist an dieser Stelle genau der richtige Ausdruck. Denn für mich
- 36:50wird diese Folge sicher noch nachhallen. Ich weiß nicht, wie es bei
- 36:55dir ist. Auf jeden Fall, ich muss ganz ehrlich sagen, gerade wenn
- 36:59ich mir vorstelle, dass es Menschen in Sachsen-Anhalt gibt, die da
- 37:02ihr Leben gestalten, die sich einbringen, die sich engagieren, die arbeiten, Steuern
- 37:06bezahlen, die einfach Angst haben um ihre Zukunft, die sich da nicht
- 37:10sicher fühlen, dann bewegt mich das schon sehr. Ja, mich auch. Und
- 37:14so zum Nachhallen, Nachdenken. Für mich ist da immer ein ganz schöner
- 37:19Ort, einfach die Natur, irgendwie draußen sein. Vielleicht habe ich da einen
- 37:23passenden Ort für alle, wo das gut geht. Oder besser nicht ich,
- 37:27sondern Thorsten Zugehör. Er ist der Oberbürgermeister der Lutherstadt Wittenberg. Ich habe
- 37:32ihn letztens zum Interview getroffen. Er hat mir als große Empfehlung seinen
- 37:36Lieblingsort in Sachsen-Anhalt verraten. Also, mein Lieblingsort kann ich immer wieder
- 37:41sagen, wenn ich mal länger auf Reisen bin, dann komme ich nach
- 37:43Hause und dann wohne ich in einem wunderbaren Ortsteil in Wittenberg, in
- 37:48Pratau, direkt an der Elbe. Das ist die Elbwiese. Das ist das, wo
- 37:54Himmel und Erde sich berühren. Und das ist für mich ein ganz
- 37:58wunderbarer Ort, weil man da einen weiten Blick hat und trotzdem Natur
- 38:04und Ruhe genießen kann. Also die Elbwiesen, heute bei gefühlten 58 Grad
- 38:10in diesem Studio, klingt das wirklich ganz bezaubernd und vielleicht ja auch
- 38:13ein guter Ausflugstipp mit dem Fahrrad, jetzt wo dann die Sommerferien beginnen.
- 38:17Wir nutzen währenddessen die Sommerferien, um das Thema Bildung einmal näher anzuschauen.
- 38:22Neben Migration und Wirtschaft sehen laut Infratest DIMAP nämlich die Menschen in
- 38:25Sachsen-Anhalt dieses Thema auch als ein sehr wichtiges politisches Problem an.
- 38:31Genau. Und eines der Themen, das ja wirklich Ländersache ist und deswegen
- 38:35umso spannender vor der Landtagswahl mal genauer zu schauen, wo liegen denn
- 38:39eigentlich die großen Probleme? Gerade ist ja der Bildungsbericht 2025 herausgekommen. Und
- 38:44welche Lösungen schlagen die Parteien auf Landesebene denn vor? Das wird spannend.
- 38:49Ich freue mich drauf. Bis nächste Woche. Untertitel im Auftrag des ZDF
- 39:03für funk 2017. Anne Koslowski, Agnay Podcastredaktion, Leonard Schubert, Coverdesign, Claudia Dölling
- 39:16und Anja Krämer von Sisters of Design. Originalmusik: Florian Sievers. Audioproduktion: Benjamin
- 39:24Serdani, Stanley Baldauf und Tim Schmutzler. Projektleitung: Christian Bollert. Copyright Untertitel im
- 39:41Auftrag des ZDF für funk 2017.