Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Viertes Hauptstück - 210-215
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- 0:00Unterkapitel 210 ruhige Fruchtbarkeit Nietzsche spricht
- 0:06hier über die geborenen Aristokraten des Geistes, also
- 0:09Menschen mit einer natürlichen, geistigen Vornehmheit.
- 0:12Diese Menschen sind nicht übermäßig eifrig oder gehetzt,
- 0:15ihre Schöpfungen und Werke erscheinen ruhig und natürlich
- 0:18so wie reife Früchte an einem ruhigen Herbstabend vom Baum
- 0:21fallen, sie fallen, ohne dass man hastig nach ihnen greift,
- 0:25und sie werden nicht durch etwas Neues verdrängt.
- 0:27Im Gegensatz dazu steht das ununterbrochene Verlangen,
- 0:30ständig etwas Neues schaffen zu wollen.
- 0:33Nietzsche bezeichnet diesen Drang als gemein, er deutet auf
- 0:37Eifersucht, Neid und Ehrgeiz hin, wenn man wirklich etwas ist
- 0:41und innere Größe besitzt, hat man es nicht nötig, ständig
- 0:44etwas zu machen, man kann auch untätig sein und tut doch sehr
- 0:49vieles, gibt eine Art von Mensch, die noch höher steht als
- 0:51der bloß produktive Mensch, der ständig Ergebnisse liefern muss,
- 0:56Unterkapitel. 200 101 Achilles und Homer Nietzsche zieht hier
- 1:04einen Vergleich zwischen dem Helden Achilles und dem Dichter
- 1:07Homer aus der griechischen Sage. Der eine, Achilles, hat das
- 1:11Erlebnis und die Empfindung, der andere, Homer, beschreibt dieses
- 1:15Erlebnis, ein wirklicher Schriftsteller verleiht den
- 1:18Gefühlen und Erfahrungen anderer Menschen nur Worte, er ist ein
- 1:22Künstler darin, aus den wenigen Hinweisen, die er hat, sehr viel
- 1:26zu erraten. Künstler sind laut Nietzsche
- 1:29keineswegs immer die Menschen mit den großen Leidenschaften,
- 1:32aber sie geben sich oft so, als wären sie es.
- 1:35Sie tun dies aus dem unbewussten Gefühl heraus, dass man ihre
- 1:38dargestellten Leidenschaften zum Beispiel in einem Gemälde oder
- 1:41Roman eher glaubt, wenn ihr eigenes Leben dazu passt.
- 1:45Man muss sich nur gehen lassen und sich nicht beherrschen,
- 1:48seinen Zorn und seine Begierden offen zeigen, und schon glaubt
- 1:52alle Welt, man sei sehr leidenschaftlich.
- 1:55Aber die wirkliche Tiefwühlende Leidenschaft, die einen Menschen
- 1:59innerlich auffrisst, ist etwas anderes.
- 2:02Wer diese echte Leidenschaft erlebt, schreibt darüber gewiss
- 2:05keine Dramen, Romane oder Musikstücke, Künstler sind oft
- 2:09zügellose Menschen, soweit sie eben keine Künstler sind, aber
- 2:12das ist etwas anderes als die tiefe, echte Leidenschaft,
- 2:17Unterkapitel, 212 alte Zweifel über die Wirkung der Kunst.
- 2:24In diesem Abschnitt hinterfragt Nietzsche kritisch die Theorien
- 2:26über die Wirkung von Kunst, insbesondere die des
- 2:29griechischen Philosophen Aristoteles.
- 2:32Aristoteles glaubte an die sogenannte Katharsis, also eine
- 2:35Art Reinigung, er meinte, dass Zuschauer im Theater durch das
- 2:39Miterleben von Furcht und Mitleid diese Gefühle entladen
- 2:42und danach ruhiger und kälter nach Hause gehen.
- 2:46Nietzsche bezweifelt das, er fragt, Machen Geistergeschichten
- 2:50uns wirklich weniger furchtsam und weniger abergläubisch?
- 2:54Es stimmt zwar, dass bei körperlichen Vorgängen, wie zum
- 2:57Beispiel beim Liebesgenuss, der Trieb nach der Befriedigung
- 3:00vorübergehend nachlässt. Aber auf Dauer wird ein Trieb
- 3:03durch Übung und Befriedigung eher stärker, nicht schwächer.
- 3:07Es ist möglich, dass Mitleid und Furcht im Einzelfall durch eine
- 3:10Tragödie kurzzeitig gemildert werden, aber insgesamt könnten
- 3:14diese Gefühle durch die ständige Beschäftigung mit der Tragödie
- 3:17größer werden. Nietzsche gibt hier dem
- 3:20Philosophen Plato recht. Plato meinte, dass man durch die
- 3:23Tragödie insgesamt ängstlicher und Rührseliger wird.
- 3:26Der Dichter der Tragödie selbst bekommt dadurch eine düstere und
- 3:30furchtsame Weltsicht und eine weiche, schnell weinende Seele.
- 3:34Nietzsche stellt abschließend die Frage, welches Recht unsere
- 3:38heutige Zeit überhaupt hat, auf diese große Frage platos nach
- 3:42dem moralischen Einfluss der Kunst zu antworten, haben wir
- 3:45überhaupt noch Kunst, die einen solchen Einfluss hat?
- 3:49Unterkapitel? 213 Freude am Unsinn Nietzsche
- 3:56stellt die Frage, wie der Mensch Freude am Unsinn haben kann.
- 3:59Er stellt fest, dass fast überall auf der Welt, wo es
- 4:02Glück gibt, auch Freude am Unsinn existiert, das Vergnügen
- 4:06daran entsteht, weil wir normalerweise Sklaven der
- 4:08Notwendigkeit und der Zweckmäßigkeit sind.
- 4:12Wir müssen uns immer vernünftig verhalten und Erfahrungen
- 4:14folgen, wenn wir nun diese Erfahrung ins Gegenteil
- 4:17verkehren. Wenn wir Zweckmäßiges zwecklos
- 4:20machen oder Notwendiges beliebig, dann ergötzt uns das.
- 4:24Wichtig ist dabei, dass dieser Vorgang keinen wirklichen
- 4:26Schaden anrichtet und nur aus Übermut in der Vorstellung
- 4:29geschieht, es befreit uns für einen Moment von dem Zwang,
- 4:32immer vernünftig sein zu müssen, wir sehen in der Notwendigkeit,
- 4:36sonst unsere strengen Herren, wenn wir nun spielen und lachen,
- 4:40geschieht das, weil das erwartete, das uns normalerweise
- 4:44bange Macht und anspannt, sich harmlos entlädt.
- 4:48Nietzsche nennt dies die Freude der Sklaven am Saturnalienfeste
- 4:52das Saturnalienfest war ein römisches Fest, bei dem die
- 4:55Sklaven für kurze Zeit symbolisch frei waren und die
- 4:58Rollen getauscht wurden. Unterkapitel 214 Veredelung der
- 5:04Wirklichkeit hier erklärt Nietzsche, wie Menschen ihre
- 5:08Triebe und sogar Krankheiten durch ihre Vorstellungskraft
- 5:11veredeln, also wertvoller machen können.
- 5:14Als Beispiel nennt er den Aphrodisischen trieb.
- 5:17Also den Geschlechtstrieb, indem die Menschen in diesem Trieb
- 5:20eine Gottheit sahen und ihn mit großer Dankbarkeit als etwas
- 5:23wirkendes in sich fühlten, wurde dieser Trieb im Laufe der Zeit
- 5:26mit höheren Vorstellungen verbunden und dadurch
- 5:29tatsächlich veredelt. Auf diese Weise haben einige
- 5:32Völker Krankheiten zu großen Hilfskräften ihrer Kultur
- 5:35gemacht, Nietzsche nennt als Beispiel die Griechen, sie
- 5:39litten in früheren Jahrhunderten an großen Nervenepidemien, die
- 5:42Krämpfe und Kontrollverlust verursachten, ähnlich der
- 5:45Epilepsie. Oder dem Falschstanz aus diesen
- 5:49Krankheiten heraus entwickelten sie den herrlichen Typus der
- 5:51Bacchantin eine Bacchantin war eine Anhängerin des Gottes
- 5:55Dionysos, die in religiöser Ekstase tanzte.
- 5:58Nietzsche sagt, die Griechen besaßen keineswegs eine grobe,
- 6:01unerschütterliche Gesundheit, ihr Geheimnis war es vielmehr,
- 6:05selbst die Krankheit als einen Gott zu verehren, wenn sie nur
- 6:08macht über den Menschen hatte. Sie gaben dem Leiden einen
- 6:11göttlichen Sinn unter Kapitel. 215 Musik in diesem Abschnitt
- 6:20beschäftigt sich Nietzsche mit der Frage, warum Musik eine so
- 6:23starke Wirkung auf unser Inneres hat.
- 6:25Er widerspricht der gängigen Meinung, dass Musik von Natur
- 6:28aus die direkte Sprache der Gefühle sei, viele Menschen
- 6:32glauben, dass Musik ohne Umwege sofort das Herz anspricht,
- 6:35Nietzsche sagt jedoch, das sei ein Irrtum, Musik an sich, also
- 6:40die reinen Töne, hat keine tiefere Bedeutung für unser
- 6:42Inneres. Er erklärt, dass die starke
- 6:45emotionale Wirkung der Musik erst durch eine sehr lange
- 6:48Gewohnheit entstanden ist. Früher war Musik immer eng mit
- 6:52Poesie, also mit Gedichteten Worten verbunden.
- 6:55Durch diese Verbindung haben sich die Menschen daran gewöhnt,
- 6:58dass bestimmte Rhythmen oder Lautstärken der Musik bestimmte
- 7:01Gefühle symbolisieren, wenn die Musik also rhythmisch bewegt ist
- 7:05oder laut und leise wird, verstehen wir das heute
- 7:07automatisch als Ausdruck von Gefühlen, weil wir es über
- 7:10Jahrtausende so gelernt haben. Wir bilden uns jetzt nur ein,
- 7:14die Musik würde direkt zu uns sprechen.
- 7:17Dabei verstehen wir eigentlich nur eine über lange Zeit
- 7:20gelernte Symbolik. Nietzsche führt weiter aus, dass
- 7:23dramatische Musik, wie wir sie heute kennen, erst möglich
- 7:26wurde, als die Tonkunst diesen riesigen Schatz an Symbolen
- 7:30erobert hatte. Das geschah durch Vokalmusik wie
- 7:33Lieder und Opern, erst dadurch lernte die reine
- 7:36Instrumentalmusik, Geschichten zu erzählen oder Gefühle
- 7:39darzustellen. Nietzsche spricht dann über die
- 7:42sogenannte absolute Musik. Das ist Musik, die nur Austönen
- 7:46besteht, ohne Text und ohne begleitende Handlung.
- 7:50Er sagt, diese ist entweder reine Form, die uns einfach nur
- 7:53Spaß macht, weil sie im Takt klingt, oder verschiedene
- 7:56Lautstärken hat, oder sie ist eine Art Täuschung, wenn wir bei
- 8:01absoluter Musik tiefe Gefühle empfinden, dann nur, weil wir
- 8:04uns ohne den Text immer noch die Symbole und Bedeutungen
- 8:07hinzudenken, an die wir gewöhnt sind.
- 8:10Unser Verstand hat diese Bedeutung erst in die Musik
- 8:12hineingelegt. Von Natur aus ist Musik genauso
- 8:16wenig voller Bedeutung wie Architektur, die ja auch nur
- 8:19Linien und Massen ist und physikalischen Gesetzen folgt,
- 8:22uns aber trotzdem bedeutungsvoll erscheint.