Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 4 - 282-288
Transcript
- 0:00Unterkapitel 282 der Gang in diesem kurzen Aphorismus stellt
- 0:07Nietzsche fest, dass man auch an der Art und Weise, wie große
- 0:10Geister denken, ihre Herkunft aus dem einfachen Volk oder
- 0:14Halbpöbel erkennen kann. Es ist der Gang und Schritt
- 0:18ihrer Gedanken, der sie verrät, sie können nicht auf eine
- 0:21vornehme, elegante Weise denken. Als Beispiel nennt er Napoleon,
- 0:26der sich sehr darüber ärgerte, dass er bei feierlichen Anlässen
- 0:29wie Krönungen nicht fürstenmäßig und legitim gehen konnte.
- 0:34Sein Gang verriet immer den Anführer einer Kolonne, stolz
- 0:37und hastig zugleich ähnlich verhält es sich mit
- 0:40Schriftstellern, die versuchen, einen altertümlichen, getragenen
- 0:43Stil nachzuahmen, sie rauschen mit den faltigen Gewändern der
- 0:48Periode um ihre Füße, also ihre einfache Herkunft zu verdecken.
- 0:53Es geht ihm darum, dass die Art des Denkens und des Ausdrucks
- 0:56tiefere Wurzeln hat, die sich nicht einfach verbergen lassen.
- 1:00Unterkapitel, 283, vorbereitende Menschen Nietzsche begrüßt die
- 1:08Anzeichen für den Anbruch eines männlicheren kriegerischen
- 1:11Zeitalters, in dem die Tapferkeit wieder zu Ehren
- 1:14kommen wird. Dieses Zeitalter soll den Weg
- 1:17für ein noch höheres Zeitalter Bahnen, das den Heroismus in die
- 1:21Erkenntnis trägt. Das bedeutet, es wird eine Zeit
- 1:25kommen, in der man kriege, um der Gedanken und ihrer Folgen
- 1:28Willen führt. Für dieses zukünftige Zeitalter
- 1:32bedarf es vorbereitender, tapferer Menschen.
- 1:35Diese Menschen entstehen nicht aus dem Nichts, sondern müssen
- 1:38sich aus der heutigen Zivilisation entwickeln.
- 1:41Nietzsche beschreibt sie als Menschen, die es verstehen,
- 1:43schweigend, einsam und entschlossen zu sein, sie suchen
- 1:48danach, das in ihnen zu überwinden, was schwach ist Sie
- 1:51besitzen Heiterkeit, Geduld, Schlichtheit und verachten die
- 1:55große Eitelkeit. Sie sind großmütig im Sieg und
- 1:58haben ein scharfes Urteil. Diese Menschen haben ihre
- 2:01eigenen Feste, ihre eigene Arbeit und ihre eigene Trauer,
- 2:06sie sind gewohnt zu befehlen, aber auch bereit zu gehorchen,
- 2:10beides mit Stolz, sie sind gefährdeter, fruchtbarerer,
- 2:15glücklicherer Menschen. Das Geheimnis für ein erfülltes
- 2:19Leben, so Nietzsche, lautet gefährlich leben.
- 2:24Er ruft dazu auf, Städte am Vesuv zu bauen, Schiffe in
- 2:27unerforschte Meere zuschicken und im Krieg mit sich selbst und
- 2:30anderen zu leben. Man soll Räuber und Eroberer
- 2:33sein, solange man nicht Herrscher und Besitzer sein
- 2:36kann. Die Zeit des passiven
- 2:38Versteckens ist vorbei, die Erkenntnis selbst wird nach der
- 2:42Macht greifen und herrschen wollen.
- 2:45Unterkapitel 284 der Glaube an sich Nietzsche stellt fest, dass
- 2:53nur wenige Menschen einen wirklichen Glauben an sich
- 2:55selbst haben und von diesen wenigen haben ihn die einen als
- 2:59eine Art nützliche Blindheit oder geistige Verfinsterung.
- 3:03Sie könnten es nicht ertragen, sich selbst bis auf den Grund zu
- 3:06sehen, die anderen müssen sich diesen Glauben an sich selbst
- 3:10erst erwerben, alles, was sie gutes, Tüchtiges und Großes tun.
- 3:14Ist für sie ein Argument gegen den inneren Skeptiker?
- 3:18Sie müssen diesen Zweifler in sich überzeugen oder überreden,
- 3:21und das erfordert beinahe Genie. Diese Menschen nennt er die
- 3:25Großen selbst ungenügsamen, weil sie sich nie mit sich selbst
- 3:29zufrieden geben und immer wieder nach Bestätigung ihres eigenen
- 3:32Wertes streben. Unterkapitel 285 Excelsior.
- 3:40Dieses Kapitel ist ein eindringlicher Monolog, der die
- 3:43Haltung eines Menschen beschreibt, der sich von allen
- 3:46Sicherheiten und Tröstungen Lossagt.
- 3:48Der Titel Exelsia bedeutet höher hinaus und drückt das
- 3:53unaufhaltsame Streben dieses Menschen aus, er wird niemals
- 3:57mehr beten, anbeten oder im endlosen Vertrauen ausruhen, er
- 4:01verweigert es, sich vor einer letzten Weisheit, Güte oder
- 4:04Macht stehen zu bleiben und seine Gedanken abzuschirmen.
- 4:08Er hat keinen Wächter oder Freund mehr für seine 7
- 4:11Einsamkeiten. Er lebt ohne die Hoffnung auf
- 4:14einen tröstenden Ausblick, ohne die Erwartung eines Vergelters
- 4:18oder Verbesserers. Er akzeptiert, dass es keine
- 4:21höhere Vernunft und keine Liebe in dem gibt, was ihm geschieht,
- 4:25sein Herz findet keine Ruhe statt mehr, wo es nur finden und
- 4:29nicht mehr suchen muss, er wehrt sich gegen jeden endgültigen
- 4:33Frieden und bejaht stattdessen die Ewige Wiederkunft von Krieg
- 4:36und Frieden. Die zentrale Frage lautet, Wer
- 4:40gibt ihm die Kraft für diese totale Entsagung?
- 4:43Nietzsche stellt fest, dass bisher niemand diese Kraft
- 4:46hatte, er verwendet das Bild eines Sees, der sich eines Tages
- 4:50weigerte, Abzufließen und einen Damm baute, seitdem steigt
- 4:54dieser See immer höher, vielleicht, so die Hoffnung
- 4:57Nietzsches, wird gerade diese Entsagung die Kraft verleihen,
- 5:00die Entsagung selbst zu ertragen, vielleicht wird der
- 5:04Mensch von da an immer höher steigen.
- 5:06Wo er nicht mehr in einen Gott ausfließt es ist die Vision
- 5:10eines Menschen, der seine ganze Kraft in sich selbst sammelt und
- 5:13dadurch über sich hinauswächst. Unterkapitel 286 Zwischenrede in
- 5:22diesem sehr kurzen Kapitel, das wie eine Art Vorwort für die
- 5:25folgenden Gedanken wirkt, spricht Nietzsche über
- 5:28Hoffnungen. Er sagt zu seinen Lesern, dass
- 5:31sie von diesen Hoffnungen nichts verstehen oder spüren werden.
- 5:34Wenn sie nicht bereits selbst ein inneres Leuchten, eine
- 5:37eigene positive Erwartung in sich tragen.
- 5:40Er vergleicht dies mit dem Glanz und der Wärme einer Morgenröte,
- 5:44die man selbst erlebt haben muss, um sie zu verstehen.
- 5:48Er stellt klar, dass er niemanden zu neuen Einsichten
- 5:50zwingen kann, er kann nur an etwas erinnern, das bereits im
- 5:54Leser schlummert, er fragt rhetorisch, ob seine Leser von
- 5:58ihm erwarten, dass er Steine in Bewegung setzt oder Tiere in
- 6:01Menschen verwandelt. Damit meint er, dass er keine
- 6:04Wunder wirken kann. Er sagt, wenn die Leser sich
- 6:07innerlich noch wie Steine und Tiere fühlen, also unbeweglich
- 6:12und ohne tiefere Einsicht, dann können sie nicht von ihm
- 6:15erwarten, verwandelt zu werden, stattdessen müssen sie zuerst
- 6:19ihren eigenen Orpheus finden, wichtige Begriffe erklärt
- 6:23Orpheus in der griechischen Mythologie war Orpheus ein
- 6:27Sänger und Dichter, dessen Musik so wunderschön war.
- 6:30Dass er damit nicht nur Tiere und Menschen, sondern sogar
- 6:33Steine und Bäume bewegen und verzaubern konnte, wenn
- 6:37Nietzsche sagt, man solle seinen eigenen Orpheus suchen, meint er
- 6:41damit, dass jeder Mensch in sich selbst die transformative,
- 6:44künstlerische und schöpferische Kraft finden muss, die ihn
- 6:48innerlich bewegt und zur Veränderung anregt.
- 6:51Zusammengefasst sagt Nietzsche hier, ich kann euch nur den Weg
- 6:54weisen, aber gehen müsst ihr ihn selbst.
- 6:58Meine Worte werden nur dann Früchte tragen.
- 7:00Wenn ihr bereits offen und bereit für eine tiefgreifende
- 7:03Veränderung seid, Unterkapitel 287 Lust an der Blindheit?
- 7:11Dieses Kapitel ist aus der Perspektive einer Figur
- 7:14geschrieben, die Nietzsche der Wanderer nennt.
- 7:17Dieser Wanderer steht oft symbolisch für den Philosophen
- 7:20oder den freien Geist, der sich auf einer ständigen Reise der
- 7:23Erkenntnis befindet. Der Wanderer führt ein
- 7:27Zwiegespräch mit seinen eigenen Gedanken.
- 7:29Die er wie einen Schatten bei sich hat.
- 7:32Er sagt zu seinen Gedanken, zeigt mir, wo ich gerade stehe,
- 7:36aber verratet mir auf keinen Fall, wohin mein Weg mich führt,
- 7:41er drückt damit eine tiefe Liebe für die Ungewissheit der Zukunft
- 7:44aus, er möchte die Zukunft nicht kennen, er erklärt auch warum,
- 7:49er will nicht aus Ungeduld oder aus dem ständigen Vorgeschmack
- 7:52auf Dinge, die vielleicht kommen werden, zugrunde gehen.
- 7:56Damit meint er, dass die ständige Beschäftigung mit der
- 7:59Zukunft und das Warten auf ein bestimmtes Ziel das Leben in der
- 8:02Gegenwart zerstören kann. Es erzeugt eine Art inneren
- 8:06Stress, den er vermeiden möchte, in einfachen Worten, dieses
- 8:10Kapitel ist ein Loblied auf die Reise selbst, nicht auf das
- 8:14Ankommen der ideale Philosoph, der Wanderer findet seine Freude
- 8:19und Freiheit nicht darin, ein Ziel zu erreichen, sondern
- 8:22darin, den Weg mit all seinen Unbekanntheiten zu genießen.
- 8:27Es geht darum, im Moment zu leben und das Unbekannte zu
- 8:30umarmen, anstatt sich von der Erwartung der Zukunft lähmen zu
- 8:34lassen. Unterkapitel 288 Hohe Stimmungen
- 8:42Nietzsche beginnt mit der Beobachtung, dass die meisten
- 8:45Menschen nicht wirklich an das glauben, was er hohe Stimmungen
- 8:48nennt. Damit meint er Zustände von
- 8:51intensivem, Erhabenem und kraftvollem fühlen.
- 8:54Momente, in denen man sich besonders lebendig, kreativ und
- 8:58stark fühlt. Die meisten Menschen, so
- 9:01Nietzsche, kennen solche Momente so überhaupt nur für sehr kurze
- 9:05Zeit, vielleicht für eine Viertelstunde.
- 9:08Er räumt ein, dass es einige wenige Menschen gibt, die solche
- 9:12Zustände aus eigener Erfahrung länger kennen, aber die Idee
- 9:15eines Menschen, der eine solche hohe Stimmung nicht nur hat,
- 9:19sondern ist, der also dauerhaft in einem solch erhöhten Zustand
- 9:23lebt. Das sei bisher nur ein schöner
- 9:25Traum, eine entzückende Möglichkeit.
- 9:29Die Geschichte, so sagt er, hat uns bisher noch kein sicheres
- 9:33Beispiel für einen solchen Menschen geliefert, doch dann
- 9:36richtet er den Blick in die Zukunft, er spekuliert, dass es
- 9:40eines Tages möglich sein könnte, Bedingungen zu schaffen, unter
- 9:43denen solche Menschen geboren werden können.
- 9:47Für diese zukünftigen weiterentwickelten Seelen wäre
- 9:50das, was wir heute als seltene und fast schockierende Ausnahme
- 9:53empfinden, der Normalzustand. Ihr Leben wäre eine ständige
- 9:58Bewegung zwischen Hoch und Tiefpunkten, ein Gefühl, als
- 10:01würde man unentwegt auf Treppen steigen und gleichzeitig auf
- 10:05Wolken ruhen. Zusammengefasst beschreibt
- 10:08Nietzsche hier die Vision einer zukünftigen, höheren Form des
- 10:12Menschseins. Dieser neue Mensch würde nicht
- 10:15nur gelegentlich erhabene Bewusstseinszustände besuchen,
- 10:18sondern sie dauerhaft bewohnen. Dieser Zustand ist aber keine
- 10:22ruhige Glückseligkeit, sondern eine dynamische, kraftvolle und
- 10:26lebendige Bewegung zwischen den emotionalen Polen des Lebens.