Latest / Raumrauschen / Dezemberstille
Transcript
- Hallo und herzlich Willkommen zu Raumrauschen. Wir erzählen uns hier am digitalen Lagerfeuer persönliche Geschichten und blicken hinter die Texte der AutorInnen. Schön, dass ihr dabei seid. Hallo und herzlich willkommen wieder zum Raumrauschen-Podcast. Heute ist wieder die Annika bei mir zu Besuch. Hallo Annika, grüß dich. Hallo, danke, dass ich wieder hier sein darf. Sehr schön. Wir fangen heute wieder an mit den Wertvoll-Ich-Fragen, mit dem Check-In, wo ihr das Ganze bestellen könnt oder auch online findet, verlinke ich in den Shownotes. Liebe Annika, hier habe ich wieder die schönen Check-In-Fragen. Du darfst eine ziehen und dann fangen wir mal an. Die Frage ist, du hast einen Wettbewerb gewonnen, was wäre deine Siegerpose? Ich weiß es nicht. Ich würde wahrscheinlich irgendeiner Person, die mir am Herzen liegt, einfach in die Arme fallen. Wenn das als Siegerpose zählt, dann würde ich damit gehen. Ja, finde ich auch. Also beim Fußballspielen sieht man das ja, wenn die Spieler ein Tor geschossen haben, die machen nicht alle unbedingt den Ronaldo, sondern fangen dann an, sich erstmal gegenseitig zu umarmen oder sich bei dem zu bedanken, der einem den richtigen Pass gegeben hat. Von daher, eine herzliche Umarmung ist deine Siegerpose. Perfekt. Und dann nimmst du gleich noch jemand anderen mit in diese Pose und der lässt sich wieder umarmen. Sehr schön. Du hast uns heute wieder ein Gedicht mitgebracht. Wie heißt dieses Gedicht denn? Das Gedicht heißt Dezemberstelle. Dann hören wir einmal in dieses Gedicht rein. Dezemberstille. Mir fällt es schwer, sie zu ertragen, diese Stille um mich herum. Doch manchmal glaube ich, ich sollte es wagen, zu lernen, in ihr auszuharren. Ich fürchte mich und kann es nicht, dass alles um mich leise ist, weil jede Stille für mich auch irgendwie laut ist. Doch da gab es ihn, den Moment der Stille, als ich einfach saß und hörte in mich hinein. Ich hörte mich, meinen Atem, mein Herz und ich war allein. Allein in diesem Raum, Leere lag in der Luft. Und doch war etwas zum Greifen nah. Es war im Dezember in jenem Jahr, als die Stille erneut über mich kam. Als ich wieder gemerkt habe, du bist wirklich nicht mehr da. Und zum ersten Mal blieb dort wirklich Stille. Und kein Ton, der den Raum erfüllt, keine Stimme, die das Schweigen um mich herum umhüllt. Und zum ersten Mal höre ich mich ganz klar und nehme ganz bewusst wahr, ich bin hier, ich bin da. Annika, was bedeutet für dich Stille? Für mich bedeutet Stille jetzt etwas anderes als noch vor ein paar Jahren. Während ich eine Zeit lang einfach Probleme hatte, Stille auszuhalten und ständig immer irgendwie die drei Fragezeichen gehört habe oder andere Hörspiele wie die fünf Freunde, habe ich für mich irgendwann herausgefunden, dass Stille mir Ruhe schenkt und mir Frieden gibt, dass ich in Stille endlich mir selbst zuhören kann und endlich meine Gedanken sortieren kann, dass ich mir selbst nah sein kann und gleichzeitig aber auch viel besser den Menschen um mich herum nah sein kann oder auch Gott nah sein kann, wenn ich in Stille bin. In der Vorbesprechung zu diesem Text haben wir auch nochmal darüber gesprochen, wo dieses Gedicht entstanden ist und magst du uns nochmal kurz mitnehmen in diesem Prozess? Sehr gerne. Ich bin damals tatsächlich in meine Heimatkirche gegangen. Ich war vorher auf dem Friedhof und bin dann dort hineingegangen und habe mich hingesetzt. Es war im Dezember, das heißt rechts und links standen schon die Tannenbäume geschmückt und die Krippe war schon halb aufgebaut. Und ich habe mich einfach in eine Kirchenbank gesetzt und habe der Stille Raum gegeben und habe dann irgendwie gedacht, wow, das ist das erste Mal gerade, dass ich diese Stille genießen kann oder dass ich zum ersten Mal seit einiger Zeit diese Stille genießen kann. Und dann habe ich mein Handy rausgezückt und dachte, das schreibe ich jetzt in ein Gedicht um. Das kann ich mir sehr gut vorstellen, dass man gerade in einem Kirchenraum auch genau diese Stille finden kann, die einem helfen kann, auch zur Ruhe zu kommen. Der Text, die Dezemberstille, ich kann es ja so sagen, nachdem wir schon einige Geschichten und Gedichte von dir gehört haben, reiht sich ein. Als wir wirklich angefangen haben, so in Kontakt zu kommen und zu gucken, wie geht es eigentlich, kannst du dir vorstellen, bei Raumrauschen was zu veröffentlichen und mit mir auch darüber noch zu reden. Hast du mir diesen Text vorgestellt als Teil einer, ich sage jetzt mal Trilogie, nämlich als letzten Teil von den Geschichten und dem Gedicht, was wir bisher schon gehört haben. Da reiht sich ein in diesen Prozess, den du uns als Trauerprozess auch mitgenommen hattest. Und hier wird für mich deutlich, in diesem letzten Text, in diesem letzten Gedicht, dass du einen Wandel genommen hast. Du hast auch gerade so schön bei der Einstiegsfrage gesagt, Stille ist für dich jetzt was ganz anderes. Magst du uns im Gesamtkontext nochmal mitnehmen, also wenn wir jetzt alle drei Texte hier zusammenfassen, was dieser Text nochmal ganz prägnant für dich macht? Ich würde sagen, diese kleine Reise durch meine Texte war ja zum Ersten diese Realisierung, okay, ich mache jetzt etwas alleine oder ich bin jetzt alleine und muss gucken, wie kann ich selbstständig irgendwie mein Leben leben ohne eine geliebte Person. Und im zweiten Schritt gab es diesen Moment, wie kann ich zwischen all diesem Leid und dieser Trauer irgendwie auch diese positiven Gefühle zulassen? Wie kann ich damit irgendwie weiterleben? Wie kann ich weitermachen? Wie sieht mein Weg aus? finde ich, dass es im dritten Text halt mehr darum geht, bei mir selbst anzukommen und mich selbst mehr in den Fokus zu setzen, nicht aus egozentrischen Gründen, sondern tatsächlich einfach, um zu merken, mein Leben funktioniert auch ohne das Leben dieser Person, die in meinem Leben verstorben ist. Dass ich genauso stark bin wie vorher auch und dass ich genauso die Kraft habe. Und all das, all diese positiven Attribute stecken in mir und die sind immer noch da und die kann ich irgendwie zu etwas Positivem umwandeln. Und das ist so, oder das Gedicht handelt genau von diesem Moment zu merken. Hier ist gerade Stille im Raum, die ich selbst befüllen kann mit neuen Inhalten, mit neuen Geräuschen, mit neuen Tönen, mit einer neuen Stimme, mit meiner Stimme. Und das Ich bin ich und ich darf sein. Und das ist so für mich eine ganz große Erkenntnis, die ich in diesem Moment für mich gewonnen habe. Ich finde das auch sehr eindrucksvoll, wie du in diesem gesamten Prozess, also aus den ganzen Texten, diese Veränderung wahrnimmst oder diesen Prozess, dass du erst, klingt alles sehr metaphorisch, sehr verkopft und die Gedanken, die sprechen dich da direkt von außen und innen an. Und hier gibt es diesen leiblichen, für mich leiblichen Moment, wo du auch zur Ruhe kommst und wo die Stille auch akzeptiert wird. Also wenn ich jetzt hier lese, ich hörte mich, meinen Atem, mein Herz und ich war allein, dann ist es ein für mich sehr inniger Moment des Leiblichen. Also das, was wirklich deine Körpersprache und deinen Körperrhythmus auch dir sagen möchte. Würdest du dem so zustimmen, meiner Interpretation, meinen Gedanken dazu? Ich würde vor allen Dingen sagen, dass ich im Einklang mit mir selbst war. Also diese körperliche Dimension war total im Reinen mit meiner geistigen Situation, wenn man es so nennen möchte. Und ich habe zum ersten Mal irgendwie das Gefühl gehabt, ich bin gerade vollständig bei mir und kann so jetzt in Zukunft für mich agieren und handeln und irgendwie weitere Prozesse angehen. Jetzt muss ich selber kurz überlegen. Also vor allem diejenigen, die diese Podcast-Folge zum ersten Mal hören, den empfehle ich wärmstens noch, die Geschichten von Annika zu lesen, die da heißen, du bist überall und doch nicht hier und Veränderung. Und dann kriegt man auch ein Gesamtbild von den Gedanken, die wir jetzt hier gemeinsam haben und uns auch teilen. Wenn du den Text, dieses Gedicht nochmal für sich alleine nimmst, gibt es einen Satz oder eine Stelle, die dir ganz besonders leicht gefallen ist zu schreiben? Also wo du sagst, da ist so das beflügelnde Moment vielleicht auch und das sollte der Hörer, die Hörerin oder der Leser, die Leserin ganz besonders im Augenmerk haben, so ganz subjektiv? Ich mag total die Verse und zum ersten Mal höre ich mich ganz klar. Ich finde, das ist für mich so der Moment, in dem ich gemerkt habe. Boah krass, ich kann auf einmal irgendwie ganz anders mit mir selbst und meinen Gefühlen andocken und kann Dinge ganz anders und neu begreifen, weil ich zum ersten Mal mir selbst Raum schenke. So, es rauscht nicht mehr an mir vorbei und alles ist irgendwie so super laut, sondern ich habe diese Stille und diese Stille ist nicht nur äußerlich, sondern zum ersten Mal auch innerlich und das ist für mich so ein Zeichen von so einem sehr friedlichen Moment des Zufriedenseins und der streitet für mich halt diese Zufriedenheit aus, die ich auch in dem Gedicht Veränderung irgendwie nochmal versucht habe einzubetten. Und das ist etwas, was irgendwie so sehr positiv in mir noch resoniert. Und ich finde auch, du strahlst das auch aus, so eine innere Zufriedenheit und auch neben der Aufregung, dass wir jetzt hier eine Aufnahme machen, trotzdem eine gewisse Ruhe. Du hast gesagt, dass dieser Text in einem Kirchraum entstanden ist. Jetzt würde ich einfach mal ganz konkret fragen, wie nimmst du denn so Kirchräume jetzt wahr? Findest du diesen Moment in allen Kirchen, die dir begegnen oder würdest du sagen, da gibt es besondere Orte für dich? Ich liebe Kirchräume. Ich finde, wenn ich von Stille spreche, dann gibt es verschiedene Arten von Stillen. Ich weiß nicht, ob das der Plural ist. Aber wenn ich zum Beispiel in den Dom gehe, man hört dieses Rauschen von den ganzen TouristInnen. Super viele Menschen laufen den ganzen Tag durch den Dom und es ist an sich leise und andächtig, aber trotzdem ist der Aachener Dom sehr laut, zumindest in den BesucherInnenzeiten. Trotzdem gibt es dann diese Seitenkapelle, die Umgangskapelle oder Sakramenzkapelle, in die ich mich sehr oft setze und dann sitze ich da und plötzlich höre ich nichts mehr. Dieses ganze Rauschen, was vorher irgendwie spürbar war, was hörbar war, ist auf einmal vorbei. Weil es super ruhig wird in dieser Kapelle. Und das ist für mich ein sehr großer Kontrast. Aber jedes Mal, wenn ich da drin sitze, komme ich zur Ruhe und kann innehalten in einem hektischen Alltag, in einem hektischen Leben, sage ich jetzt mal. Man kann in eine Kirche gehen und es ist einfach ruhig. Da ist irgendwie diese besondere Stille. Und die trägt mich manchmal einfach total stark. Und bisher kann ich sagen, ja, in allen Kirchen, in denen ich war, habe ich diesen Moment spüren können. Ob das jetzt in jeder Kirche so ist, das weiß ich nicht. Aber Kirchen haben für mich einfach etwas Besonderes. Und jeder Stein erzählt irgendwie eine Geschichte. Und ich finde das einfach besonders. Ja, danke dir, Annika, für all die Ausführungen, für ja auch diese Trilogie an Geschichten, die du uns gegeben hast, die ja jetzt ein bisschen den Abschluss findet. Und ich würde dich jetzt nochmal als so letzte Frage vorm Ende fragen, wie du jetzt für dich diese Trilogie an Geschichten, diese ersten drei Geschichten, Gedichten für dich nochmal so wahrnimmst. Ob du damit jetzt sagst, da ist ein Kapitel abgeschlossen oder ob du sagst, das ist ein Doppelpunkt für dein Leben und damit, dass du es geteilt hast, hast du nochmal eine neue Ebene erreicht, wie du mit dem Prozess der Trauer, aber auch mit der Begegnung und auch vor allem mit dir selbst weitermachst. Ich finde es ja so super spannend, dass ich erst durch die Zusammenarbeit mit dir gemerkt habe, diese drei Texte ergeben für mich irgendwie eine Trilogie. Das war inhaltlich für mich irgendwie vorher schon klar, aber erst jetzt ergibt es für mich nochmal so viel mehr Sinn, diesen Dreischritt zu haben. Und natürlich ist das etwas, was, ich will nicht sagen, verarbeitet ist, aber es ist natürlich schon ein Prozess gewesen, in dem ich mich befand, in dem Moment, in dem ich diese Texte geschrieben habe. Ich habe meine Gedanken, meine Gefühle in Worte gefasst. Jetzt den Schritt zu haben, diese Texte mit anderen Menschen zu teilen, ist für mich auf jeden Fall nochmal ein nächster Step, weil ich vor allen Dingen auch ein Mensch bin, der nicht häufig und auch nicht oft davon spricht. Und diesen Inhalt oder das, was man daraus lesen kann, mit anderen Menschen zu teilen, wenn auch abstrakterweise, ist für mich schon was Besonderes und hilft mir, glaube ich, auch für mich nochmal mehr, ich will nicht sagen, Abschluss zu finden, weil das ist nicht mein Ziel, aber damit irgendwie anders leben zu lernen und das, finde ich, ist irgendwie ein wunderschönes, oder zumindest eine wunderschöne Idee in meinem Kopf gerade, weil es auch etwas ist, was ich mit anderen Menschen teilen kann und nicht nur auf meinen eigenen Schultern irgendwie lasten muss. Und das mag ich, dieses Gefühl, man ist nicht allein auf der Welt und man kann mit Menschen interagieren und irgendwie sich austauschen und das finde ich eigentlich ganz schön. Boah, danke dir für diese schönen Worte, auch nochmal für dieses indirekte Lob. Ich bin da sehr happy, dass du auch diesen Schritt gewagt hast, mit mir auf diese Reise zu gehen und über diese drei tollen Geschichten auch zu sprechen. Von daher danke ich dir sehr, dass das jetzt, dass du damit einen Next Step gegangen bist und genau, bevor wir uns ganz verabschieden, nach dem Check-In gibt es auch den Check-Out, lass uns mal gemeinsam schauen, welche Karte du als nächstes ziehen darfst. Und die Karte schreibt, eine Erkenntnis, die ich heute mitnehme. Ja, es ist die Erkenntnis, dass es manchmal schön ist, mit seinen eigenen Worten Raum einzunehmen und miteinander irgendwie ins Gespräch zu kommen und miteinander irgendwie in Begegnung zu sein und irgendwie das Lebendige aufrecht zu erhalten. Ja, dann danke ich dir, dass du diesen Raum auch eingenommen hast, in den ich dich eingeladen habe. Wir wünschen jetzt allen Hörerinnen und Hörern natürlich noch einen guten Abschluss. Vielleicht seid ihr auch so neugierig und lest nochmal die anderen Geschichten im Ganzen. Und liebe Annika, danke dir, dass du heute in der Folge dabei warst. Und ich bin schon sehr gespannt und voller Freude, was wir als nächstes von dir noch hören oder lesen werden. Bis dahin, alles Gute dir. Mach's gut. Dankeschön. Ciao. Den Blog und die Geschichte findet ihr unter www.raumrauschen.de. Folgt uns auf Instagram unter raumrauschen-ac. Raumrauschen ist ein Angebot der Berufungspastoral im Bistum Aachen. Musik Robert Niegel, Produktion, Social Media und Podcast Agentur Kunden fokussiert.