Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 4. Theil - 16 - Unter Töchtern der Wüste 2
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen vierter Teil
- 0:04Unterkapitel 16 unter Töchtern der wüste, Abschnitt 2 in diesem
- 0:13Abschnitt des Buches singt der Wanderer, der zugleich der
- 0:16Schatten von Zarathustra ist, ein Lied.
- 0:19Er hat zuvor die Harfe des alten Zauberers an sich genommen, nun
- 0:23trägt er den anderen Gästen, die sich in zarathustras Höhle
- 0:26versammelt haben, sein Lied vor. Es ist ein sehr bildhaftes,
- 0:30lustiges, aber auch sehr tiefgründiges Lied.
- 0:34Der Sänger tut darin so, als wäre er ein europäischer
- 0:36Reisender, der weit weg in den Orient gereist ist und sich nun
- 0:40in einer Wüstenoase befindet. Das Lied beginnt mit einem der
- 0:43bekanntesten Sätze von Friedrich Nietzsche überhaupt, die Wüste
- 0:47wächst weh dem, der Wüsten birgt, das bedeutet in einfacher
- 0:51Sprache, die Wüste steht hier als ein Sinnbild für den
- 0:55Nihilismus. Nihilismus ist ein Begriff aus
- 0:58der Philosophie und beschreibt den Zustand, in dem alle
- 1:01bisherigen Werte, Überzeugungen und der Sinn des Lebens verloren
- 1:05gegangen sind. Alles wirkt leer und
- 1:08bedeutungslos, wenn der Sänger sagt, die Wüste wächst, dann
- 1:12meint er damit, dass sich diese innere Lehre, die Sinnlosigkeit
- 1:15und der Verlust von Werten in der modernen Welt immer weiter
- 1:18ausbreiten, der Zusatz weh, dem, der Wüsten birgt, ist eine
- 1:23eindringliche Warnung. Es bedeutet, dass es ein
- 1:26furchtbares Schicksal ist, wenn ein Mensch diese absolute Lehre
- 1:29und Bedeutungslosigkeit in seinem eigenen Herzen und in
- 1:32seinem Inneren trägt. Es zerstört den Menschen von
- 1:35innen heraus nach dieser dunklen Warnung beginnt der eigentliche,
- 1:39fast schon lustige Teil des Liedes, der Sänger ruft ha
- 1:43feierlich in der Tat feierlich und macht sich damit über das
- 1:48typische Verhalten der Europäer lustig.
- 1:51Er sagt sein feierlicher und ernster Auftritt sei würdig für
- 1:54einen afrikanischen Löwen oder einen moralischen Brüllaffen.
- 1:57Damit drückt Nietzsche aus, dass die europäische Gewohnheit alles
- 2:01immer schrecklich ernst, streng und moralisch zu nehmen,
- 2:04eigentlich oft nur noch lächerlich, tierisch und laut
- 2:07wirkt. Der Sänger wendet sich dann den
- 2:10Töchtern der Wüste zu, also den jungen Mädchen, die in dieser
- 2:13Oase leben. Er freut sich sehr darüber, dass
- 2:16es ihm als erstem Europäer vergönnt ist, unter Palmen zu
- 2:20den Füßen dieser lieblichen Freundinnen zu sitzen.
- 2:23Er beschreibt die Oase als einen winzigen, aber wundervollen Ort
- 2:26in der großen Wüste, er vergleicht sich selbst mit der
- 2:29biblischen Figur Jona, der von einem riesigen Walfisch
- 2:33verschluckt wurde, nur dass der Sänger hier nicht von einem
- 2:36echten Wal, sondern von dem lieblichen Maul dieser winzigen
- 2:40Oase verschluckt wurde, er fühlt sich dort sehr wohl.
- 2:44Gleichzeitig kann der Sänger seine europäische Herkunft nicht
- 2:47ablegen. Er macht sich selbstironisch
- 2:49darüber lustig, dass er aus Europa kommt und deshalb extrem
- 2:53zweifelsüchtig ist. Er sagt, er zweifle an den
- 2:56Dingen noch mehr als eine ältere, verheiratete Frau.
- 2:59Das ist ein Spott auf die Angewohnheit der europäischen
- 3:02Menschen und Denker, immer alles zerdenken, analysieren und
- 3:06hinterfragen zu müssen, anstatt einfach den schönen Moment zu
- 3:10genießen. Er beschreibt dann, wie er von
- 3:12den beiden Mädchen der Oase. Die er Doodoo und Suleika nennt,
- 3:16umgeben ist. Er nennt sie Mädchenkatzen, weil
- 3:20sie ruhig, anschmiegsam und geheimnisvoll sind.
- 3:24Er sagt auch, dass er von ihnen umschwingst wird, eines Sphinx
- 3:29ist ein Fabelwesen aus der Antike, das oft mit einem
- 3:31Löwenkörper und einem Menschenkopf dargestellt wird
- 3:34und dafür bekannt ist, dass es den Menschen schweigend Rätsel
- 3:37aufgibt. Wenn der Sänger sagt, er werde
- 3:39Umschwingst, meint er damit, dass die Mädchen eine stille,
- 3:42geheimnisvolle und rätselhafte Anziehungskraft auf ihn ausüben,
- 3:46ohne viele Worte zu machen. Der Sänger atmet tief die
- 3:49köstliche, leichte und von der Sonne durchstrahlte Luft der
- 3:53Oase ein, es ist eine Luft, die völlig frei ist von den schweren
- 3:57Sorgen um die Zukunft und von den dunklen Erinnerungen, die in
- 4:00Europa so normal sind, während er diese wunderbare Luft trinkt,
- 4:04schaut er einer Palme zu. Die Palme biegt und wiegt sich
- 4:08im Wind, ganz so wie eine Tänzerin, die ihre Hüften
- 4:12schwingt. Er verliert sich in einer
- 4:14albernen und poetischen Fantasie, er stellt sich vor,
- 4:17dass diese Palmentänzerin schon viel zu lange auf nur einem
- 4:20einzigen Bein gestanden hat, er scherzt, dass sie ihr zweites
- 4:24Bein wohl vergessen oder verloren haben muss, er bedauert
- 4:27den Verlust dieses lieblichen anderen Beins und fragt sich, wo
- 4:32es wohl trauern mag. Er malt sich aus, dass
- 4:34vielleicht ein schreckliches gelbes, Blondgelocktes
- 4:37Löwenungeheuer, dieses zierliche Bein abgenagt haben könnte.
- 4:41Nach dieser träumerischen Phantasie ändert sich plötzlich
- 4:44die Stimmung des Sängers, seine europäische strenge Erziehung
- 4:47bricht wieder aus ihm heraus, er ruft den Mädchen zu, sie sollen
- 4:52bloß nicht weinen, er ermahnt sich, selbst stark zu sein und
- 4:56ein Mann zu sein, er ruft nach der Ertugendwürde und der
- 5:00Europäerwürde. Unter Tugend versteht man eine
- 5:03Eigenschaft, die als moralisch besonders gut und vorbildlich
- 5:06gilt, wie zum Beispiel Anstand oder Disziplin.
- 5:10Er fordert, sich selbst auf den Blasebalg der Tugend wieder zu
- 5:13betätigen, ein Blasebalg ist ein Gerät, mit dem man Luft pumpt,
- 5:17um ein Feuer lauter und größer brennen zu lassen.
- 5:20Nietzsche nutzt dieses Bild, um spöttisch zu zeigen, dass der
- 5:24Europäer seine Moral und seinen Anstand oft nur künstlich
- 5:27aufbläst, indem er viel heiße Luft produziert.
- 5:31Der Sänger kündigt an, dass er nun noch einmal richtig
- 5:34moralisch brüllen möchte wie ein moralischer Löwe vor den Mädchen
- 5:38der Wüste. Sarkastisch fügt er hinzu, dass
- 5:41dieses moralische Tugendgeheul für die Europäer wichtiger ist
- 5:45als jede echte Inbrunst oder jede ehrliche Leidenschaft es
- 5:49ist die allerliebste Beschäftigung der moralischen
- 5:51Menschen, anderen lauthals vorzuschreiben, was gut und was
- 5:55böse ist Er beendet sein Lied mit der resignierten
- 5:58Feststellung, dass er eben ein Europäer ist und seiner eigenen
- 6:01Natur nicht entkommen kann. Er kann nicht anders, als selbst
- 6:05in einer so schönen und freien Oase wieder in das alte, steife
- 6:08und moralisierende Muster zurückzufallen.
- 6:11Er ruft, Gott helfe mir Amen, ganz am Ende des Textes wird das
- 6:17Lied durch die Wiederholung des ersten Satzes abgeschlossen,
- 6:20wieder heißt es, die Wüste wächst weh, dem, der Wüsten
- 6:24birgt. Damit wird die scheinbar lustige
- 6:27und lockere Stimmung des Liedes wieder von dem sehr ernsten
- 6:30philosophischen Gedanken eingeholt.
- 6:32Es ist eine stetige Erinnerung daran, dass das heranrücken der
- 6:35Bedeutungslosigkeit und der Verlust aller lebendigen Werte
- 6:39das eigentliche große Problem ist, vor dem Nietzsche die
- 6:42Menschheit warnen möchte.