Latest / Gin And Talk / Marieke Reimann über Ostdeutschland, Anerkennung und Macht
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- 0:00Speaker 0: mal abgesehen davon, dass das ja auch damit zusammenhängt, welche Familienbilder wurden transportiert, aber auch welche Bilder aus dem Osten zu sagen wurden transportiert beziehungsweise eben nicht dargestellt.
- 0:09Speaker 0: Ich habe mich schon dann frühzeitig gefragt, warum findet das, was mich umgibt, nirgendwo statt.
- 0:15Speaker 0: Wir sind halt mit Eltern aufgewachsen und mit Armbrotgesprächen, wo es darum ging, wie kriegen unsere Eltern möglichst schnell einen neuen Job, weil sie nun mal gerade arbeitslos geworden sind, also das Gebiet der ehemaligen DDR, war das Gebiet von allen Gebieten sozusagen in Osteuropa, die Sowjetunion war ja dann auch Passé, was am meisten mit einer erhöhten Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat.
- 0:38Speaker 0: Also da, wo wir drei Komma drei Millionen Arbeitsplätze noch hatten, um neunzig herum hatten wir dann auf einmal sechshunderttausend.
- 0:45Speaker 0: Du hast ein totales Ungleichgewicht zwischen einerseits der Bevölkerungsbeteiligung aus deutscher Biografien und dem, wie sich das widerspiegelt in den Machteliten und Chefs dessen des heutigen Deutschlands.
- 0:57Speaker 1: Herzlich willkommen.
- 0:58Speaker 1: Mein Name ist Daniel Fürg und ich freue mich sehr, euch heute zu einer neuen Episode Gen and Talk begrüßen zu dürfen.
- 1:05Speaker 1: Mein heutiger Gast ist Marike Reimann.
- 1:08Speaker 1: Sie ist Journalistin, Autorin und eine der prägnantesten Stimmen, wenn es um ostdeutsche Perspektiven, Repräsentation und gesellschaftliche Teilhabe geht.
- 1:18Speaker 1: Geboren in Rostock, aufgewachsen in der Nachwendezeit, setzt sie sich seit Jahren dafür ein, dass ostdeutsche Biografien sichtbarer werden.
- 1:26Speaker 1: in den Medien, in der Politik, in unserer Erinnerungskultur.
- 1:30Speaker 1: Denn auch thirty-fünf Jahre nach der Wiedervereinigung bestehen tiefgreifende Unterschiede zwischen Ost und West, die nicht nur gefühlt, sondern auch messbar sind.
- 1:40Speaker 1: Ich wollte von ihr wissen, warum so viele strukturelle Ungleichheiten bis heute bestehen, wie man ihnen begegnen kann und was es bräuchte, um wirklich auf Augenhöhe zusammenzuwachsen.
- 1:52Speaker 1: Wenn dir diese Episode von Gen & Talk gefällt, folge uns bei Spotify, Apple Podcast oder wo auch immer du gerne Podcast hörst und hinterlasse uns eine gute Bewertung.
- 2:01Speaker 1: Diese und viele weitere Episoden findest du auch als Videopodcast auf unserem YouTube-Kanal.
- 2:07Speaker 1: Jetzt aber viel Spaß beim Zuhören, schön, dass ihr alle wieder mit dabei seid.
- 2:20Speaker 1: Herzlich willkommen an unseren Bartresen.
- 2:23Speaker 1: Herzlich willkommen
- 2:25Speaker 0: zu einer neuen Folge Gin
- 2:27Speaker 1: and Talk.
- 2:29Speaker 1: Mach es dir gemütlich, lehne dich zurück und tauche ein in die verrucht düstere Atmosphäre unserer Studiobahn.
- 2:45Speaker 1: Liebe Marike, ich freue mich sehr, dass wir uns heute treffen können, um über Ostdeutschland zu sprechen, um über Vereinigung zu sprechen, um über die Verrenzen zu sprechen, Prägungen.
- 2:56Speaker 1: und vielleicht auch ein bisschen über transgenerationale Traumatter.
- 2:59Speaker 1: Herzlich willkommen.
- 3:00Speaker 0: Danke für die Einladung.
- 3:02Speaker 1: Wir sind ja beide quasi eine Generation und fast gleich alt.
- 3:07Speaker 1: Sind wir?
- 3:08Speaker 1: Ja.
- 3:08Speaker 1: Ich weiß nicht, wie alt du bist.
- 3:09Speaker 1: Ja, älter als ich.
- 3:10Speaker 1: Ach so, verdammt.
- 3:11Speaker 1: Aber ich glaube gar kein Ganzes.
- 3:12Speaker 1: Du musst doch nochmal genau nachschauen, aber... Genau.
- 3:17Speaker 1: Aber das heißt, wir haben ja, wir sind ja in dieser deutschen Geschichte und auch in dieser... Wiedervereinigungsgeschichte haben wir das ja alle beide ungefähr gleich mitbekommen, aber aus unterschiedlichen Perspektiven.
- 3:30Speaker 1: Ich so als klassischer Wessi in München und du als geborene Ostdeutsche.
- 3:36Speaker 1: Wann hast du eigentlich zum ersten Mal realisiert, dass es das überhaupt gibt?
- 3:43Speaker 1: Also, dass da überhaupt eine Unterscheidung war und vielleicht auch kulturell irgendwie noch ist.
- 3:50Speaker 1: Weil wenn man erst mal so aufwächst, denkt man sich ja wahrscheinlich, also reflektiert man das ja nicht.
- 3:55Speaker 1: Man kennt den Status quo und wo man da so rein geboren wird und denkt jetzt da nicht so wahnsinnig drüber nach erst mal.
- 4:01Speaker 1: Es
- 4:02Speaker 0: gibt zwei einschneidende Punkte sozusagen in meiner Realisation, dass da irgendwie was stattgefunden hat.
- 4:09Speaker 0: Ich erinnere mich gut daran, dass meine Mutti hat mich immer aus der Krippe abgeholt und dann später aus dem Kindergarten, nicht so meine Schwester.
- 4:16Speaker 0: Ich erinnere mich gut daran, dass plötzlich, wir sind nämlich immer danach, zu so einem Backstand gegangen und da habe ich meistens ein Rosinenbrötchen gekriegt.
- 4:24Speaker 0: gab es dann nicht mehr jeden Tag, weil auf einmal das Rosinenbrötchen sehr viel teurer wurde.
- 4:30Speaker 0: Und ich, das als Kind sozusagen überhaupt nicht verstehen konnte, warum ich jetzt nicht jeden Tag noch irgendwie ein Brötchen mupfeln darf, bevor ich nach Hause gehe.
- 4:36Speaker 0: Meine Mutter meinte dann, ich paraphrase jetzt, ihre genauen Worte weiß natürlich nicht mehr, aber dass das mit der Wende zusammenhängt und mit der Wiederverein jetzt alles teurer sei.
- 4:45Speaker 0: Und ich erinnere mich daran, dass ich vor dem Fernsehsitze und versuche, meine sehr kleinen Schwester zu erklären, warum das Sandmännchen jetzt zu einer anderen Sendezeit kommt und der Sender anders heißt.
- 4:55Speaker 0: Und da habe ich gesagt, ja, das hängt damit zusammen, dass es in DDR nicht mehr gibt, dass jetzt das Sandmännchen zu einer anderen Uhrzeit kommt.
- 5:01Speaker 0: Also, das sind die zwei Dinge, an denen ich sozusagen als sehr kleines Kind, ich bin ja siebenundachtzig geboren, das sozusagen als erstes gemerkt habe.
- 5:09Speaker 0: Viel später und dann als Heranwachsen habe ich es natürlich an anderen Dingen gemerkt.
- 5:13Speaker 0: Wir waren in einem Haushalt, in dem meine Mutter zwar sozusagen wenig Geld zur Verfügung hatte, aber das Geld, was wir zur Verfügung hatten, war für Medien da oder für Bildung, sag ich mal.
- 5:23Speaker 0: Und wir hatten eine Lokalzeitung, wir hatten auch den Spiegel.
- 5:25Speaker 0: Und ich habe immer festgestellt, dass das, was im Spiegel steht oder was auch abends in der Tagesschau kam, wenig mit der Realität zu tun hatte, was sozusagen meine Realität war, nämlich aufzuwachsen in der Platte, in Rostock, mit einer alleine zehn Mutter, die zum Teil zwei Jobs hatte.
- 5:41Speaker 0: Mal abgesehen davon, dass das ja auch damit zusammenhängt, welche Familienbilder wurden transportiert, aber auch welche Bilder aus dem Osten sozusagen wurden transportiert bzw.
- 5:49Speaker 0: eben nicht dargestellt.
- 5:51Speaker 0: Ich habe mich schon dann frühzeitig gefragt, warum findet das, was mich umgibt, nirgendwo statt.
- 5:56Speaker 0: Das sind so die ersten Erinnerungen, die ich daran habe, dass ich mich gewusst irgendwie damit auseinandergesetzt habe.
- 6:02Speaker 1: Wir Wessis sind ja so ein bisschen damit aufgewachsen.
- 6:05Speaker 1: Ich hab übrigens Elko Sascha Kowalczyk schon wahnsinnig mit meinen Faschalisierungen gemacht.
- 6:09Speaker 1: Ja, glaub ich.
- 6:12Speaker 1: Aber er musste da durch.
- 6:14Speaker 1: Nee, wir sind ja oftmals damit aufgewachsen, dass gesagt wurde.
- 6:18Speaker 1: Und das war ja auch so ein bisschen dieses Narrativ.
- 6:21Speaker 1: Der Osten wurde befreit und alle haben drauf gewartet.
- 6:25Speaker 1: Und alle wollten das und alles war doof bei denen und wir haben alles besser gemacht.
- 6:30Speaker 1: Und wie hat Gregor Gysi mal zu mir gesagt, dann haben ... die alles drüber gestürbt und gar nicht nachgefragt, was eigentlich gut im Osten vielleicht auch lief, was man hätte lassen sollen.
- 6:39Speaker 1: Und daraus ist so eine Frustration vielleicht entstanden, dass nicht gehört werden, dass nicht ernst genommen werden.
- 6:47Speaker 1: So zumindest mal hier meine leihenhafte westdeutsche Sicht darauf.
- 6:52Speaker 1: Wie siehst du das denn?
- 6:54Speaker 0: Also erst mal müssen wir vielleicht sagen so, ich finde es total sympathisch, dass du als Wessi dich Wessi nennst sozusagen, man gibt sich ja selbst gerade als weiß haben man aus dem Westen jetzt eher wenig Zuschreibungen im Leben, weil man, das habe ich selten erlebt, deswegen sehr sympathisch.
- 7:09Speaker 0: Wenn wir so von den Ostdeutschen sprechen, vielleicht müssen wir das nochmal kurz vorwegnehmen, dass das natürlich sozusagen, was meinen wir damit in diesem Podcast?
- 7:18Speaker 0: oder was mein ich, wenn ich Ostdeutsche sage?
- 7:20Speaker 0: Es kommt immer auf den Referenzrahmen irgendwie drauf an.
- 7:24Speaker 0: Das der Referenzrahmen wäre jetzt für mich in unserem Gespräch.
- 7:27Speaker 0: Wir reden über Menschen, die Sozialisationserfahrung gemacht haben durch Eltern, die in der DDR groß geworden sind oder die halt in ihrer Familie Transformationserfahrung gemacht haben im Sinne von, die haben Biografiebrüche, Wendelerlebnisse in ihrer Familie erlebt.
- 7:42Speaker 0: Und das wäre sozusagen der Referenzrahmen Ostdeutsche.
- 7:44Speaker 0: Und da geht es eigentlich schon los, dass man dann sagt, diese Gruppe ist ja keine homogene Masse.
- 7:51Speaker 0: Aber oft passiert das, was auch anderen Massen, sozusagen, oder anderen Minoritäten, sag ich mal, an der Stelle passiert, dass dann so pauschalisierte Zuschreibungen gemacht haben.
- 8:00Speaker 0: Also Muslime, zum Beispiel, ein Liter von Segen und andere Menschen mit Einwanderungshistorie auf alle Fälle auch.
- 8:07Speaker 0: So, und jetzt musst du mir die Frage noch mal stellen, weil ich wollte erst mal so das vorwegnehmen.
- 8:11Speaker 0: Was war deine Frage noch mal?
- 8:13Speaker 1: Naja, dass wir sozusagen diese ... Vielleicht auch ein bisschen arrogante Erhaltung hatten zu sagen, wir machen ja ihr alles besser.
- 8:22Speaker 1: Wir sind ja die Demokratie und die sind die Diktatur.
- 8:25Speaker 1: Und wir wissen alles besser.
- 8:27Speaker 1: Deshalb sind wir sowas wie die Missionare der guten Sache und kippen da jetzt mal alles über die ehemalige DDR oben drüber.
- 8:36Speaker 1: Alle unsere Systeme, alle unsere Vorstellungen davon, wie Dinge zu funktionieren haben.
- 8:42Speaker 1: Und ich stelle mir das aus.
- 8:44Speaker 1: wenn ich versuche, mich in quasi diese ostdeutsche Mentalität hineinzuversetzen, stelle ich mir das wahnsinnig schrecklich vor, weil ja, auf der einen Seite natürlich gab es viele schlechte Dinge in der DDR.
- 8:56Speaker 1: Aber wenn da trotzdem einer von außen kommt und sagt, ich ändere jetzt mal alles, ich kippe euch jetzt einfach mal an meine ganzen Vorstellungen darüber, das muss doch wahnsinnig frustrierend auch irgendwie sein, weil alles war ja nicht schlecht, so kann man es ja nicht einfach sagen.
- 9:10Speaker 0: Na ja, wir können schon festhalten, dass natürlich ... Die DDR als Staat war eine sozialistische Diktatur.
- 9:16Speaker 0: Und das sehen auch alle Ostdeutschen so, denke ich.
- 9:19Speaker 0: Darauf kann man sich schon verständigen.
- 9:21Speaker 0: Aber das Momentum, was du ansprichst, ist natürlich ein entscheidendes gewesen um neun, achtzig, neunzig herum.
- 9:27Speaker 0: Also wir haben dann erst mal die friedliche Revolution gehabt mit den ganzen Montagsdemos.
- 9:31Speaker 0: Im Prinzip ein über zwei, drei Jahre sozusagen angewachsene Moment der Selbstermächtigung vieler DDR-Bürger und Bürgerinnen, Freiheitskämpferinnen.
- 9:42Speaker 0: die sich sozusagen aus einer Diktatur heraus und aus einer Situation heraus, in der sie was verändern wollten.
- 9:47Speaker 0: Und Ziel war auch erstmal sozusagen eine Verbesserung in der DDR, nicht eine Auflösung der DDR, sich selbst ermächtigt haben, die Mut hatten auf die Straße zu gehen.
- 9:56Speaker 0: Und dieses Moment der Selbstermächtigung dieses Volkes hat man sozusagen in der Retrospective als Deutschland, sag ich mal, vielleicht nicht ganz gut genutzt, weil das hätte ja, das hätte ja der Punkt sein können.
- 10:10Speaker 0: indem man sagt, gut, wir stellen nicht nur die DDR auf dem Prüfstand, sondern auch die alte BRD.
- 10:15Speaker 0: Und wir schaffen zusammen, als zwei Völker, die eigentlich eins waren und wieder eins werden sollen, ein neues Deutschland.
- 10:22Speaker 0: Das heißt, wir hinterfragen nicht nur die DDR, sondern wir hinterfragen auch die BRD.
- 10:27Speaker 0: Und das, was passiert ist, ist, dass die DDR, das wissen wir, steht im Artikel eins des Einheitsvertrags, der BRD beigetreten ist und sozusagen die Chance verpasst wurde, darüber nachzudenken, ob man ein gemeinsames Grundgesetz schafft, ob man andere Dinge vielleicht, die in der DDR gut gelaufen sind, also Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt, Gleichberechtigung in Partnerschaften, dann auch Kinderbetreuung, medizinische Versorgung etc.
- 10:53Speaker 0: Es gab ja Dinge, die durchaus sozusagen, wo die DDR sich mal ein Stück weit moderner aufgestellt war, und ich denke auch an das Abtreibungsrecht zum Beispiel, wo man durchaus sagen hätte können, wir gucken mal, ob wir nicht zusammen eine neue Verfassung schaffen.
- 11:07Speaker 0: Das ist nicht passiert.
- 11:09Speaker 0: Und gleichzeitig waren aber viele DDR-Bürgerinnen, glaube ich, sehr froh darum, dass natürlich mit der Neuentwicklung, die ihnen da bevorstand, dann natürlich ihnen viel mehr Freiheiten bevorstanden.
- 11:23Speaker 0: Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Reisefreiheit, die Freiheit sich einfach selbst sich zu entwickeln.
- 11:28Speaker 0: Was dann aber ganz schnell natürlich auf die Tagesordnung trat, war diese biografische Entwertung des Lebens vieler.
- 11:35Speaker 0: dessen, was sie bis dahin erreicht haben, dessen, was sie beruflich vielleicht auf die Beine gestellt haben, die Netzwerke, die zusammengebrochen sind, das Vermögen, sofern sie überhaupt eins hatten, dann entwertet wurde.
- 11:46Speaker 0: Das sind so Dinge, die natürlich dazu geführt haben, dass ich oder viele Freunde von mir, alle Freunde von mir, die sind, wir sind halt mit Eltern aufgewachsen und mit Armbrotgesprächen, wo es darum ging, wie kriegen unsere Eltern möglichst schnell einen neuen Job?
- 12:02Speaker 0: weil sie nun mal gerade arbeitslos geworden sind.
- 12:05Speaker 0: Das Gebiet der ehemaligen DDR war das Gebiet von allen Gebieten sozusagen in Osteuropa, die Sowjetunion war ja dann auch passé, was am meisten mit einer erhöhten Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat.
- 12:17Speaker 0: Also da, wo wir drei Komma drei Millionen Arbeitsplätze noch hatten um neunzig herum, hatten wir dann auf einmal sechshunderttausend.
- 12:24Speaker 0: Also diese Masse an Leuten, die ihren Job verloren haben, weil Unternehmen sozusagen die es so nicht mehr gab, Jobs so nicht mehr gab.
- 12:32Speaker 0: dass das alles weggefallen ist, die sie erst mal umorientieren mussten, beruflich.
- 12:36Speaker 0: Und dann aber auch finanziell, das war natürlich ein einprägsames Erlebnis.
- 12:40Speaker 0: Und da muss man erst mal mit klar kommen.
- 12:43Speaker 0: Also dieser Neustart, der wurde so ein bisschen verpasst.
- 12:46Speaker 0: Ein Neustart für ein neues Deutschland, der war im Prinzip das Überstülpen der BRD über die DDR.
- 12:54Speaker 0: Und so ist es ja im Prinzip bis heute, dass sozusagen das, was gilt in Deutschland, ist die westliche Norm und die Ausrichtung nach Westen.
- 13:01Speaker 0: Das sehen wir nicht zuletzt auch auf dem politischen Fokus, wenn es um globalisierte Problemdarstellung geht.
- 13:08Speaker 1: Und das ja bis hin zu Personalien, also privatisierte Unternehmen in Ostdeutschland, die von westdeutschen Investoren aufgekauft werden sind.
- 13:18Speaker 1: Westdeutsche, die in Führungsrollen in ostdeutsche Unternehmen gekommen sind.
- 13:23Speaker 1: Und wir damit ja sofort zum Staat sozusagen auch eine ungleiche Verteilung von Macht selbst in Ostdeutschland haben.
- 13:31Speaker 0: Ja, das zieht sich ja bis heute durch.
- 13:33Speaker 0: Also wir haben bis heute haben wir im Niedriglohnsektor, dreißig Prozent der Ostdeutschen arbeiten im Niedriglohnsektor.
- 13:39Speaker 0: Wenn es um Vermögensverteilung geht, dann brauchen wir uns nun mal da angucken, wer ruft, wo Erbschaftssteuer ab.
- 13:46Speaker 0: Und wir wissen alle, wenn es um Vermögensaufbau, Erweiterung und dadurch auch Macht-Einfluss in Deutschland geht, dann geht es zu seventy-fünf Prozent darum.
- 13:54Speaker 0: Was hast du durch dein familiäres Erdbeug schon an Vermögen mitbekommen?
- 13:59Speaker 0: Und nur zwei Prozent der Erbschaftssteuer werden in der ehemaligen DDR in den neuen Bundesländern abgerufen, ausgenommen von Berlin.
- 14:06Speaker 0: Das heißt, als ostdeutscher Erbs du eigentlich nix sozusagen.
- 14:09Speaker 0: Und das zeigt ja schon sozusagen, wie sind die Wohlstandsverhältnisse.
- 14:14Speaker 0: Man kann auch noch dazu tun, dass der Unterschied im Bruttolohn nach wie vor riesig ist, also ein Einkommen.
- 14:21Speaker 0: In Deutschland sind rund in Ostdeutschlands knapp achtundundzwanzig Euro weniger als in Westen.
- 14:27Speaker 0: Das Haushaltsvermögen eines durchschnittlichen westdeutschen Haushalts ist doppelt so hoch wie das eines Ostdeutschens.
- 14:34Speaker 0: Also das sind so Zahlen, die darf man nicht einfach wegignorieren, weil die sind auch Feiern dieses Jahr, für mon dreißig Jahre Wiedervereinigung.
- 14:41Speaker 0: Und das sind einfach strukturelle Unterschiede, die noch total da sind.
- 14:45Speaker 0: Ostdeutsche arbeiten.
- 14:47Speaker 0: Länger arbeiten mehr, verdienen weniger, kriegen weniger Rente und haben natürlich dadurch auch eine höhere Chance auf Altersarmut.
- 14:55Speaker 0: Und natürlich gibt es PÖAPÖ, also sozusagen eine Angleichung.
- 14:59Speaker 0: Und es gibt natürlich eine Verbesserung und das ist ja auch gut.
- 15:03Speaker 0: Aber wir sind halt noch lange nicht auf Augenhöhe.
- 15:06Speaker 0: Und das merkt man auch, wenn es darum geht, du hast Elitentransfer gerade schon angesprochen, das zieht sich bis heute durch.
- 15:11Speaker 0: Wenn wir uns angucken, wenn wir Ostdeutsche so definieren, Du bist Ostdeutsch, weil du in der DDR sozialisierte oder geborene Eltern hast, dann sind wir zwischen zwanzig und fünfundzwanzig Prozent von Menschen, die nach ostdeutscher Biografie haben, heutzutage.
- 15:25Speaker 0: So, das ist ein Viertel der Gesellschaft in Deutschland.
- 15:28Speaker 0: Wenn wir aber auf die Eliten gucken, dann hast du Pimal Daum zwölf Prozent der Eliten, also der Chefsessel, Chefinnsessel in Wirtschaft, Politik, Medien, Wissenschaft.
- 15:39Speaker 0: Du brauchst ja auch nur mal, es gibt kein ostdeutsches Dachsunternehmen.
- 15:42Speaker 0: Zum Beispiel, wie kann das sein, für um dreißig Jahre nach der Wende?
- 15:45Speaker 0: Es gibt von viertzig deutschen Dachsunternehmens keines aus dem Osten.
- 15:49Speaker 0: Du hast von zweihundert- achtenfünfzig Dachsvorständen eine Frau, die mit ostdeutscher Biografie in den Chefsessen des Dachsvorständen sitzt.
- 15:58Speaker 0: Du hast hundertneun Universitäten in Deutschland.
- 16:01Speaker 0: Merkst du nicht, ich könnte eh wie so weiter machen.
- 16:02Speaker 0: Du hast hundertneun Universitäten, Hochschulen in Deutschland, drei davon.
- 16:07Speaker 0: In ganz Deutschland sind mit ostdeutschen Direktoren Direktorinnen besetzt.
- 16:11Speaker 0: Wir haben jetzt eine Bundesregierung, die im Vergleich zur Verehring-Bundesregierung ein bisschen aufgestockt hat.
- 16:16Speaker 0: Wir haben zumindest drei Ministerposten, die mit ostdeutscher Biografie durchaus ja auch bewusst besetzt worden sind.
- 16:23Speaker 0: Und wenn ich in die Medienlandschaft gucke, dann sieht es dann noch düsterer aus.
- 16:26Speaker 0: Also in der Geschäftsleitung des ZDFs gibt es keinen einzigen Menschen mit einer ostdeutschen Biografie.
- 16:32Speaker 0: Bei den Intendanten in der ARD ist einer von zehn.
- 16:35Speaker 0: mit ostdeutscher Biografie überraschend.
- 16:37Speaker 0: beim MDR und bei den überregionalen Medien in der Privatwirtschaft, also ich rede von sowas wie Zeit, Spiegel, FAZ, Süddeutsche Zeitung, gibt es einen einzigen ostdeutschen Chefredakteur.
- 16:47Speaker 0: Und was wirklich Absurdes oder was wirklich traurig ist, ist, dass auch alle Medien, die im Osten für Ostdeutsche, also für die neuen Bundesländer sozusagen gemacht werden, auch die werden alle von westdeutschen Verlagen mit westdeutschem Sitzen, westdeutscher Geschäftsführung geleitet.
- 17:04Speaker 0: Also du hast ein totales Ungleichgewicht zwischen einerseits der Bevölkerungsbeteiligung ostdeutscher Biografien und dem, wie sich das widerspiegelt in den Machteliten und Chefsessen des heutigen Deutschlands.
- 17:17Speaker 1: Das heißt, wir dürfen sie eigentlich nicht wundern, wenn genau dann auch in Ostdeutschland wir so eine starke und ich meine gar nicht mal zwingend rechtsradikale oder rechte Wählerbewegung, sondern generell eine Wählerbewegung, die gegen den Status quo erstmal ist.
- 17:36Speaker 1: Also die sich sagt, all das was ja vielleicht schief gelaufen ist, ist bedingt durch Parteien wie die CDU, durch Parteien wie in Teilen auch die SPD.
- 17:46Speaker 1: Und wir wollen jetzt endlich auch mal irgendwie fair behandelt werden oder integriert werden oder ein funktionierendes Land haben sozusagen, eine funktionierende Wirtschaft haben und endlich mal wegkommen von dieser vielleicht auch Beformundung.
- 18:03Speaker 1: Oder ist das zu einfach gedacht?
- 18:05Speaker 0: Also das ist eine vielschichtige Frage, über die man ganze Bücher schreiben kann und muss.
- 18:13Speaker 0: Das eine ist ja die dreißig, fünfundreißig, vierzig Prozent Menschen, die sozusagen AfD wählen.
- 18:21Speaker 0: Man kann schon davon ausgehen, dass davon einige Wähler und Wählerin bestimmt auch rechtsextrem sind.
- 18:28Speaker 0: Wir haben generell ein Problem in Deutschland, wir haben generell ein Rechtsextremismusproblem in Deutschland, in Ost und West.
- 18:34Speaker 0: Das hängt mit der, ich sag mal, nicht gelungenen Aufarbeitung nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen.
- 18:39Speaker 0: Das ist ein Thema in Ost und West.
- 18:42Speaker 0: Und dann kommt dazu der Faktor, den du auch benannt hast, dass die Frage danach, warum gerade im Osten sozusagen vermehrt Menschen AfD wählen, ist eigentlich die Frage danach, Was ist den etablierten demokratischen Parteien in den letzten fünfunddreißig Jahren nicht gelungen in der Ansprache von Ostdeutschen, sodass sie nicht wählen?
- 19:04Speaker 0: Und das hat viel damit zu tun, dass die Probleme, die ich gerade schon benannt habe, die es immer noch gibt, diese wirtschaftliche Ohnmacht zum Teil, diese strukturellen Ungleichheiten, dass die einfach nicht klar benannt wurden und nicht werden.
- 19:17Speaker 0: Und dann dazu, darüber dann sozusagen, Die Ostdeutschen gleichzeitig sich mit einer Art Hohen auseinandersetzen müssen, die ihnen in den überregionalen Medien vor allen Dingen vermittelt werden, wo diese Probleme gar nicht benannt werden.
- 19:31Speaker 0: Die dienen da gar nicht als Ausgangsgrundlage, von der aus wir in eine Berichterstattung kommen, sondern die finden da zum Teil, woher fanden da, jetzt bricht es so ein bisschen auf, fanden da zum Teil gar nicht statt.
- 19:41Speaker 0: Naja, und wenn du dann permanent liest... Oder nicht darüber liest, was dich sozusagen im Alltag umtreibt, dass du eben nicht dieses Vermögen hast, was vielleicht Westdeutsche haben, worauf du erst mal aufbauen kannst, um für deine Kinder eine andere Art von Zukunft zu gewährleisten.
- 19:56Speaker 0: Und gleichzeitig musst du dich damit auseinandersetzen, dass du eh rechtsextremen bist und du wirst pauschalisiert und stereotypisiert dargestellt, wenn überhaupt über dich berichtet wird.
- 20:05Speaker 0: Dann hast du vielleicht irgendwann nicht nur nicht mehr Bock, diese Medien zu konsumieren, entfernst dich also von diesen... etablierten überregionalen Medien.
- 20:13Speaker 0: Was gut wäre, wenn du dabei blieb bist, um sozusagen andere politische Diskurse verfolgen zu können und weiter dich bilden zu können, aber wenn du sozusagen dich da selbst nicht abgebildet findest oder falsch abgebildet findest, hast du vielleicht einfach keine Lust mehr, die zu konsumieren.
- 20:28Speaker 0: Das ist jedenfalls das, was ich in meinem Alltag erlebt habe, was mir Leute darauf antworten, wenn sie sagen, ich habe keinen Bock mehr, ARDZDF zu gucken, Zeit zu lesen oder eine Lokalzeitung zu abonnieren.
- 20:38Speaker 0: Genau, das ist das eine Problem.
- 20:40Speaker 0: Das andere Problem ist sozusagen die Ansprache der Parteien selbst.
- 20:44Speaker 0: Wie ist es ihnen nicht gelungen, eine gute Kommunikation mit Problemen zu finden, wo sie glaubhaft machen?
- 20:53Speaker 0: Wir haben das auf dem Schirm, was euch umtreibt und wir versuchen das auch anzugehen.
- 20:59Speaker 0: Und das ist bis heute nicht wirklich gelungen.
- 21:02Speaker 0: Wir hatten zwar sechzehn Jahre lang eine Bundeskanzlerin, sag ich mal, mit Ostbiografie, aber die wusste natürlich auch, dass die Wahlen im Westen gewonnen werden.
- 21:10Speaker 0: Gerade als CDU-Vorsitzende werden die im Westen gewonnen und nicht mit ostdeutschen Themen.
- 21:14Speaker 0: Und jetzt langsam fängt Angela Merkel ja an, darüber zu sprechen, wie es ist, als ostdeutsche Frau sozusagen Bundeskanzlerin gewesen zu sein.
- 21:23Speaker 0: Was es gebraucht hätte nach der Wende, und da komme ich vielleicht zum dritten Punkt, ist eine Repräsentation, eine öffentliche Repräsentation.
- 21:30Speaker 0: die das so als Gegenüberstellung dessen, was du da gerade erlebst, an hohen, an wirtschaftlicher Ohnmatt und so, dass du trotzdem so Erfolgsbeispiele hast.
- 21:39Speaker 0: Du hast Ostdeutsche mit einer Ostbiografie, die exemplarisch für Erfolg stehen im widervereinigten Deutschland, also Rollmodels.
- 21:47Speaker 0: Vorbilder, die in Wirtschaft, Politik, Medien nicht sich sofort assimiliert haben, weil das ist das, was passiert ist oft.
- 21:54Speaker 0: Ostdeutsche, die natürlich schnell in Westen gegangen sind, um da erfolgreich zu sein, habe ich ja auch gemacht.
- 22:00Speaker 0: Also ich bin diesen Weg ja im Prinzip auch gegangen, wie so viele andere, was aber viele andere nach den Neunzigern direkt gemacht haben, ist, dass sie nicht für ihre Ostdeutsche Geographie bewusst eingestanden sind, weil sie genau wussten, dass sie dann einen doofen Spruch kriegen.
- 22:14Speaker 0: Wie ist es denn, hinter der Mauer zu leben oder hier im Teil der Ahnungslosen zu sein?
- 22:18Speaker 0: Also immer so, du hast das, das ist zumindest die Erzählung, die ich kennengelernt habe von älteren Ostdeutschen, aus Wirtschaft, Medien, Politik.
- 22:26Speaker 0: Du hast das erstmal so ein bisschen links liegen lassen.
- 22:29Speaker 0: dass du welche Biografie du hast, weil du erfolgreich sein wolltest, weil du irgendwie selbst gucken musstest.
- 22:33Speaker 0: Wenn du da dann vielleicht noch mit Dialekt behaftet, irgendwo aufgetaucht bist, war das eher nichts, was dich was zum Vorteil gereicht hat, sag ich mal.
- 22:42Speaker 0: Also es ist eine eine schwierige Gemängelage, die man so einfach nicht beantworten kann.
- 22:48Speaker 0: Man könnte es auch ganz ganz paradox beantworten und sagen im Prinzip ziehen die neuen Bundesländer Ja, damit gleich, was um uns herum alle anderen Länder auch betrifft.
- 23:00Speaker 0: Also gucken wir nach Frankreich, gucken wir in die Niederlande, gucken wir nach Polen, gucken wir in die USA, gucken wir ja auch oft genug.
- 23:07Speaker 0: Dann ist sozusagen Ostdeutschland im internationalen Trend.
- 23:11Speaker 0: Und Eher Westdeutschland, das ist ja auch eine Theorie, die Stefan Mao in seinem einen Buch bemüht.
- 23:16Speaker 0: Eher Westdeutschland ist sozusagen da noch nicht ganz so rechts.
- 23:21Speaker 0: oder rechtsextrem, gewillt und gewillt, wie viele andere Regionen in Europa schon sind.
- 23:27Speaker 0: Also es gibt viele verschiedene Ansichten und Punkte.
- 23:30Speaker 0: Dazu müssen wir nochmal einen eigenen Podcast machen.
- 23:33Speaker 1: Ja, wenn ich dir so zuhör, wäre es dann nicht eigentlich nur konsequent, sich einfach mal hinzustellen, auch auf politischer Ebene sich hinzustellen und einfach mal zu sagen, hey, ganz ehrlich, lass uns mal ehrlich sein.
- 23:48Speaker 1: Wir haben es halt einfach verbockt.
- 23:51Speaker 1: über die letzten fünf und dreißig Jahre.
- 23:54Speaker 1: und lasst uns mal gemeinsam versuchen es irgendwie besser zu machen irgendwie diesen diese Fehler die da auch gemacht worden sind irgendwie wieder hin zu bekommen und wirklich eine vereinigung zu schaffen also die leute wirklich einmal abholen auf augenhöhe und nicht nur immer von oben herab zu sagen, ja, da ist ein Problem, hier ist ein Problem, in der Osten immer noch nicht da, woher hin sollte, weil... all diese Vorurteile und diese Dinge, die ja auch unfairerweise dann teilweise über den Leuten ausgeschüttet werden.
- 24:24Speaker 1: Also müsste man nicht so konsequent sein, und statt jetzt hier, um die dreißig Jahre zu feiern, zu sagen, ja, super, dass wir die Wiedervereinigung an sich haben, rein faktisch.
- 24:37Speaker 1: Aber lasst uns das doch vielleicht auch mal zum Anlass nehmen, nochmal darüber nachzudenken, wie wir es besser machen können und damit die Leute vielleicht auch abholen, weil sie sich denken, endlich sagt mal einer, dass nicht alles super war.
- 24:48Speaker 0: Das wird ja hier und da bericht das so ein bisschen auf.
- 24:51Speaker 0: In den vergangenen fünf Jahren nehme ich das wahr, dass das Ansätze sind, die so medial auf alle Fälle mehr so durchdringen, weil hier und da wird das gesagt, ich glaube, ein Problem ist, ostdeutsche Themen sind nicht populär.
- 25:04Speaker 0: Also du hast in einem Deutschland, wo die Medienelite und die Machtelite Westdeutsch ist, dann brauchst du viel sozusagen Schulterschluss mit anderen.
- 25:13Speaker 0: auch besten Westdeutschen, die das mit dir unterstreichen.
- 25:18Speaker 0: Wir haben das ja gerade erlebt bei Budo Ramello, der nochmal ein bisschen unvorsichtig sozusagen den Vorstoß wagte, zu sagen, wollen wir nicht nochmal über eine andere Hymne und Flagge nachdenken.
- 25:28Speaker 0: Naja, also das, was medial daraus gemacht wurde, ist, jetzt will er uns auch noch unsere Flagge und unsere Hymne nehmen.
- 25:33Speaker 0: Dieser linke Mensch, was soll denn das?
- 25:35Speaker 0: Und das hat nochmal gezeigt sozusagen, Das ist ja durchaus ein Thema und das war schon immer Thema, genauso wie jeder zweite Ostdeutsche, der die Wende miterlebt hat, sagt, na ja, man hätte über ein anderes Grundgesetz schon mal nachdenken können, was ich auch eingangs gesagt habe.
- 25:48Speaker 0: Das ist schon was, was natürlich Aussies nochmal anders umtreibt als Wessis, weil sie da das als verpasste Chance wahrgenommen haben.
- 25:55Speaker 0: Ich glaube, dass das, du hast recht, man muss das auf alle Fälle mehr benennen.
- 25:59Speaker 0: Ich meine, ich bin das beste Beispiel, ich laufe auch rum und sage, man muss immer von der Faktenlage auskommen und nicht von so einer emotionalen Lage, die natürlich durch die Faktenlage irgendwie bedingt ist.
- 26:08Speaker 0: Aber wenn den Leuten nicht klar ist, von welchen strukturellen Ungleichheiten wir hier sprechen, dann können sie vielleicht auch nicht so ganz verstehen, dass es diese Ungleichheiten noch gibt.
- 26:16Speaker 0: und woraus denn diese Emotionen, die daraus entstehen bei vielen, bei einigen, woher die dann kommen.
- 26:23Speaker 0: Ich sehe gerade in der aktuellen Regierung da wenig Spielraum, auch vor allen Dingen mit den geopolitischen Themen, die wir haben, dass das jetzt in der Zukunft passieren könnte.
- 26:34Speaker 0: Gleichzeitig wäre es aber eine absolute Voraussetzung, möchte man Ostdeutsche, die vielleicht nicht mehr wählen oder die Rechtsextremen wählen, wieder gewinnen für seine Partei, dass man das nochmal auf ein Zettel bringt und dass man das nochmal zu einer öffentlichen Debatte macht.
- 26:51Speaker 0: Aber mit all den Themen, wie gesagt, rumherum, die wir haben, sehe ich dafür gerade wenig Raum, um so wichtiger wäre es, aber eigentlich sie anzusprechen.
- 26:58Speaker 1: Ich habe vor ein paar Wochen Gespräche mit Marco Wanderwitz gemacht und der sich ja inzwischen aus der aktiven Politik zurückgezogen hat, unter anderem auch deshalb, weil ja die Anfeindungen auch immer größer geworden sind, ist das vielleicht auch so ein Punkt, der dann noch da zu allem Überfluss obendrauf kommt, dass wir vielleicht sehr demokratisch denkende ostdeutsche Politiker und Politikerinnen haben, die aber vielleicht auch in ihren Communities sozusagen, in ihren Wahlkreisen, in ihren Bezirken dann auch mit wahnsinnig scharfen Anfeindungen kämpfen müssen und sich dann vielleicht auch noch zurückziehen, weil Sie ist einfach nicht mehr aushalten und damit dann auch quasi der AfD-Freie Bahn gemacht
- 27:48Speaker 0: wird.
- 27:48Speaker 0: Also erst mal ziehe ich meinen Hut davor, was Herr Wanderwitz versucht hat, da zu initiieren.
- 27:54Speaker 0: Der war ja einer von denen es war CDU-Akkordnet, der jetzt ist ja nicht mehr im Parlament, hat sich bewusst dafür entschieden, da jetzt rauszugehen, aus der Bedrohungslage heraus, aus seiner Familie zu schützen, sich selbst zu schützen.
- 28:06Speaker 0: Er war einer von den Initiatoren, Initiatoren, die da ... ein AfD Verbotsverfahren angestoßen haben und das hat ihm eben dann vor allen Dingen in seinem eigentlichen Wahlkreis nicht viele Freunde eingebracht.
- 28:20Speaker 0: Wir müssen jetzt gucken, was bedeutet das sozusagen?
- 28:23Speaker 0: Natürlich ist das eine sozusagen, dass du zunehmend rechtsextreme Strukturen vor allen Dingen im ländlichen Raum hast.
- 28:29Speaker 0: Da müssen wir aber eigentlich fragen, warum ist das so?
- 28:32Speaker 0: Und das ist auch nicht nur im Osten so, das ist auch in eher ländlichen Räumen, die mit weniger Wohlstand ausgestattet sind im Westen so.
- 28:39Speaker 0: Also brauchen wir uns nochmal Richtung Ruhrpott sozusagen auch einige Wahlergebnisse angucken.
- 28:44Speaker 0: Da blitzt das auch durch.
- 28:47Speaker 0: Das heißt, wir haben da eine ähnliche Ausgangslage in eigentlich verschiedenen Regionen, die aber ungefähr gleiche wirtschaftliche Voraussetzung oder eben nicht gute wirtschaftliche Voraussetzung haben und Vermögensvoraussetzung haben.
- 29:01Speaker 0: Wir müssen da dann wieder gucken, womit hängt das zusammen.
- 29:04Speaker 0: Ist das auch sehr pauschal?
- 29:05Speaker 0: Man kann nicht pauschal sagen, jemand, der aus ärmeren Verhältnissen kommt, wird dann irgendwie rechtsextrem.
- 29:10Speaker 0: Das weiß Gott nicht so.
- 29:11Speaker 0: Aber was heißt es, wenn du in einem ländlichen Raum aufwächst, wo es wenig Möglichkeiten für dich und deine Umgebung gibt und wo aber auch deine Umgebung schon so braun eingefärbt ist, dass das sozusagen deine Community ausmacht?
- 29:25Speaker 0: Und was bedeutet das für dich, wenn du dich gegen die Community auflehnt?
- 29:29Speaker 0: Ich glaube, das dürfen wir gerade bei Jugendlichen ... Nicht unterschätzen.
- 29:32Speaker 0: Es gibt dort diese Beispiele von Jugendlichen, die sagen, ja, an meiner Schule, da ist das Gang und Gebe, das Hakenkreuze gemacht werden, Hitlergrüße zur Begrüßung gemacht werden und so weiter.
- 29:41Speaker 0: Das sind alles Dinge.
- 29:42Speaker 0: Da müssen wir gucken, dass wir damit Unterstützung für Demokratieprojekte, Unterstützung für antifaschistische Arbeit auf dem Land sozusagen reingehen.
- 29:50Speaker 0: Das ist Aufgabe der Politik.
- 29:51Speaker 0: Was ist gerade passiert?
- 29:53Speaker 0: Sämtliche Fördermittel für Demokratieprojekte wurden gestrichen.
- 29:57Speaker 0: in ganz Deutschland, in vielen Regionen, in einer Zeit, wo wir beide gerade und wo in vielen anderen Podcasts und in vielen Medien darüber gesprochen wird, mein Gott, wir haben hier mit einem Ersterken von Rechtsextremismus seit knapp, wie seit knapp achtzig Jahren nicht mehr zu tun.
- 30:11Speaker 0: Was machen wir denn?
- 30:12Speaker 0: Ja, vielleicht wäre die erste Überlegung vielleicht nicht so viele Fördermittel zu streichen, sondern noch mehr reinzugeben.
- 30:18Speaker 0: Das ist so ein Punkt, wo ich sage, das Rechtsextremismus-Problem muss klar als deutsches Problem benannt werden, nicht als Ostdeutsches.
- 30:26Speaker 0: Damit müssen wir anfangen.
- 30:27Speaker 0: Da musst du gucken, in welchem Region kommt es wie zustande und wie kann ich Leute, die schon Zivilcourage zeigen, die Ehrenämter haben, die sich... zum Beispiel für queere Rechte oder für Rechte von Menschen mit Migrationshistorien oder für Behinderte oder einfach nur für ein friedliches Miteinander im Dorf oder im Ort einsetzen.
- 30:45Speaker 0: Wie kann ich die mehr unterstützen, dass die A nicht in eine Bedrohungslage kommen und B sich auch besser miteinander vernetzen können, dass sie merken, sie sind nicht allein?
- 30:54Speaker 0: Also, es wäre sozusagen an der Zeit, das mehr zu fördern und das Rechtsextremismus-Problem mehr zu benennen, weil wenn ich mir dann so Statistiken angucke oder die Präsentation von Statistiken.
- 31:06Speaker 0: in denen dann so getan wird, als wäre sozusagen Rechtsextremismus oder die Gefahr von Linksextremisten, die auch da ist.
- 31:16Speaker 0: Das streite ich gar nicht ab, wäre sozusagen aber genauso da und genauso schlimm prozentual.
- 31:21Speaker 0: Wenn das, wenn da so getan wird, das ist einfach, das entspricht nicht der Wahrheit.
- 31:25Speaker 0: Das größte Problem, was wir gerade im Land haben, ist das Problem von Rechtsextremen.
- 31:30Speaker 0: Und das muss klar benannt werden, das muss auch von Lokalpolitikern, die ich oft... höre auf verschiedenen Veranstaltungen, die dann einfach so das als Knallkörper abtun, als so Spinner oder so.
- 31:41Speaker 0: Das wird nicht klar benannt.
- 31:42Speaker 0: Nein, das sind keine Knallkörper, das sind ganze Communities, die Kartenabende in Dorf Kneipen machen, weil es einfach kein anderes Community-Angebot gibt.
- 31:51Speaker 0: Und dann gehen die Leute halt den Kneipen und denken, die machen wenigstens noch was, die sind noch präsent.
- 31:56Speaker 0: Ja, wenn die präsent sind und die etablierten demokratischen Parteien in diesem Ort aber nicht präsent sind, dann hat man das Problem, was man jetzt hat.
- 32:03Speaker 0: Und das muss man klar benennen und da muss man eigentlich jetzt dran, damit es nicht noch schlimmer wird.
- 32:09Speaker 1: Wenn ich in, auch manchmal in Linzig oder in Regionen in Ostdeutschland unterwegs bin, was ich mich oft frage, ist, was ist denn, was wiegt am Ende schwerer, die Angst vor dem Abgehängt werden, vor dem irgendwie allein gelassen werden, oder die Frustration... dass es irgendwie so keine Perspektive gibt, dass das niemand hilft, dass es keiner sieht, keiner versteht, keiner vielleicht ernst nimmt, also wahrgenommen von den Menschen.
- 32:40Speaker 0: Was da schwerer wiegt.
- 32:43Speaker 0: Ich glaube, das kommt total auf die Region an.
- 32:45Speaker 0: und da sind wir wieder bei dem Thema, was ist Ostdeutschland?
- 32:48Speaker 0: Also das Ostdeutschland, was wir medial nach wie vor stark wahrnehmen, ist sozusagen... Ein weißer, abgehängter Ossi, der aus seiner eigenen Kraft heraus nicht dazu in der Lage ist, so fleißig zu arbeiten und so viel Vermögen aufzubauen wie ein Westdeutscher.
- 33:05Speaker 0: Das ist so eine Darstellung.
- 33:07Speaker 0: Die Wahrheit ist, dass es fünf ganz unterschiedliche Bundesländer sind, Magdeburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt Sachsen und Thüringen, die mit ihren regionalen Eigenheiten eigentlich noch mal eine eigene, nicht eigentlich, da bedarf es eine eigene Betrachtung jemand aus.
- 33:23Speaker 0: McPomben ist ganz anderer Prägung als jemand, der in Thüringen aufgewachsen ist.
- 33:28Speaker 0: Das kommt noch mit dazu.
- 33:29Speaker 0: Na klar, das ist das, was ich vorhin beschrieben habe.
- 33:32Speaker 0: Du hast diesen Referenzrahmen der ausdeutschen Sozialisierung durch deine Eltern, durch deine Lehrerinnen, was auch immer.
- 33:39Speaker 0: Du bist aber gleichzeitig, bin ich auch Rostockerin, ich bin nicht Erfutterin.
- 33:43Speaker 0: Ich habe zwar eine irgendeine Normal studiert, was auch in Thüringen ist.
- 33:46Speaker 0: Aber du hast ja, und die Sozialwissenschaft spricht ja von Nested Identities.
- 33:50Speaker 0: Je nachdem, in welchem Raum du bist, hast du sozusagen die und die Zuschreibungen, die der Raum aus dir macht.
- 33:57Speaker 0: Und bin ich in den USA, bin ich Europäerin, bin ich in Frankreich, bin ich Deutsche, da wird nicht zwischen Ost und West unterschieden.
- 34:02Speaker 0: Also vielleicht müssen wir da schon anfangen, nochmal zu gucken, in welchen Regionen bewegen wir uns.
- 34:07Speaker 0: In Potsdam hast du eine ganz andere Wirtschaftskraft als in Cottbus.
- 34:11Speaker 0: So, du bist aber im gleichen Bundesland.
- 34:13Speaker 0: Also das sind so verschiedene Dinge, die da ... Betrachtung finden.
- 34:17Speaker 0: Und deine Frage war jetzt, was wiegt schwerer, der Verdruss oder die Angst, glaube ich?
- 34:23Speaker 0: Das kommt immer darauf an, welche Erfahrungen hast du gemacht und welche Erfahrungen hat deine Familie gemacht?
- 34:27Speaker 0: und auch wie gehst du damit um?
- 34:30Speaker 0: Jemand, der, und das ist ja auch das, was die Sozialwissenschaft beschreibt, jemand, der vielleicht für eine Ausbildung oder für ein Studium weggegangen ist, der ist per se wahrscheinlich in seiner Wahrnehmung des Lebens erstmal liberaler eingestellt.
- 34:44Speaker 0: weil er andere Eindrücke hatte, weil er mit Menschen mit anderen Biografien zu tun hatte, als jemand, der vielleicht auch nicht die Möglichkeiten hatte, wegzugehen, weil er irgendwie halt in dem Ort, in dem er aufgewachsen ist, bleiben musste, aus welchen Gründen auch immer.
- 35:00Speaker 0: Aber der hat dann per se auch weniger mit anderen Eindrücken zu tun, hat aber nach Sozialwissenschaft.
- 35:06Speaker 0: Natürlich läuft er dann auch Gefahr durch Neues, was auf ihn zutrifft, mehr Ängste zu entwickeln.
- 35:12Speaker 0: Ergo, dann vielleicht eher rechtsextremen, ich sag nicht zu werden, aber rechtsextremen zu wählen, weil ihm da versprochen wird, du brauchst keine Angst zu haben.
- 35:21Speaker 0: Das ist jetzt eine sehr, eine sehr unverein Skizze dessen, aber es ist sozusagen das, wo man vielleicht hingucken muss.
- 35:30Speaker 0: Also, wo kommt der Mensch her und welchen Erfahrungsschatz hat er, damit immer erst mal anzufangen.
- 35:34Speaker 0: Deswegen, man kann das nicht so pauschalisieren.
- 35:37Speaker 0: Aber natürlich, wenn ich jetzt auf mein eigenes Leben gucke, es war... zum Beispiel total klar, dass ich immer Vollzeit arbeite, weil um mich herum, ich bin mit Frauen aufgewachsen, die auch immer Vollzeit gearbeitet haben.
- 35:49Speaker 0: Und mir war auch klar, ich wollte immer in den überregionalen Medien Deutschlands arbeiten, um als Journalistin da halt Fuß zu fassen.
- 35:56Speaker 0: Ja gut, und jetzt kam ich aus Rostdorf.
- 35:58Speaker 0: Das war jetzt schon eine Großstadt in Mecklenburg-Vorpommern.
- 36:02Speaker 0: Und selbst da hätte es wenig möglich, es hätte keine Möglichkeit gegeben, sozusagen dort in überregionalen Medien zu arbeiten.
- 36:08Speaker 0: Also war mir klar, ich muss irgendwie rübermachen in den Westen, um da beruflich weiterzukommen.
- 36:16Speaker 0: Und das ist ja schon mal was, wenn du sozusagen, wenn du das schon weißt, dass das sozusagen dein Weg ist, dann musst du, glaube ich, mit einer anderen Offenheit ins Leben gehen als das anderen Orts.
- 36:28Speaker 0: Das war jetzt irgendwie ein bisschen viel drum herum geredet.
- 36:31Speaker 1: Ja, alles gut.
- 36:32Speaker 1: Wenn wir mal so ein bisschen in die Zukunft schauen.
- 36:36Speaker 1: Was denkst du denn, wo könnten wir denn wirklich ganz konkret ansetzen, um, um Dinge besser zu machen, wenn wir jetzt wirklich so eine weißes Blatt hätten und überlegen müssten, was könnte besser werden für die nächsten fünf und dreißig Jahre?
- 36:52Speaker 1: Was, was wird da so auf deiner Wunschliste, auf deinem Wunschzettel stehen?
- 36:56Speaker 0: Also wenn ich von dem Ist-Zustand jetzt ausgehe, dann wäre so mein Wunsch.
- 37:01Speaker 0: Was brauchen wir oder wo wollen wir hin?
- 37:03Speaker 0: Einmal dieses klare Benennen.
- 37:05Speaker 0: und auch das Aussprechen der strukturellen Ungleichheiten, dass auf alle Fälle, dass man da überhaupt dahin kommt, okay, das ist nichts gefühliges, die sind nicht einfach irgendwie, die fühlen sich nicht abgehängt oder so, sondern die sind auch wirklich strukturell nicht auf Augenhöhe mit dem, was westdeutsche Haushalte verdienen oder an Möglichkeiten haben.
- 37:25Speaker 0: Das ist das eine, dann daraus eine folgende Ansprache auf Augenhöhe.
- 37:31Speaker 0: Dann ein Interesse der vor allem Bundespolitik an ostdeutschen Themen.
- 37:36Speaker 0: Nicht nur dieses, oh wir müssen, wir brauchen jetzt noch schnell ein paar Minister, die Ostbiografie haben, aber die schon lange im Westen wohnen, aber wenn man googelt, dann steht da noch keine Ahnung, Blutwegslust oder so, sondern die tatsächlich auch eine Ostsozialisierung haben und dafür einstehen für ostdeutsche Themen.
- 37:51Speaker 0: Das wäre wirklich wichtig, glaube ich, dass die etablierten demokratischen Parteien aus Deutschland auch wieder als Wählerinnen zurückgewinnen.
- 37:58Speaker 0: Dafür müssen sie ihre Kommunikation aber auch anders aufstellen.
- 38:01Speaker 0: Also da reicht es dann nicht, das über Pressemitteilung zu machen, sondern die müssen noch alle viel mehr auf TikTok, weil das ist wirklich, also Social Media ist das, wo AfD und andere rechtsextreme Kleinsparteien sich längst tümmeln und das als Kommunikationskanal seit über zehn Jahren für sich nutzen.
- 38:18Speaker 0: So, und da muss man wirklich schnell aufholen und nicht sagen, ich habe hier eine Bürgersprechstunde, warum kommt denn keiner?
- 38:23Speaker 0: Ach, vielleicht hat einfach niemand gewusst, dass es dich und deine Bürgersprechstunde gibt.
- 38:27Speaker 0: Vielleicht gehst du immer auf TikTok und versuchst, die modernen Kommunikationsmöglichkeiten, die es gibt, auch zu nutzen.
- 38:34Speaker 0: Es braucht die klare Benennung des Rechtsextremismusproblems, das habe ich gerade auch schon gesagt, von Ministerpräsidenten und Präsidentinnen in den ostdeutschen, aber auch westdeutschen Bundesländern.
- 38:42Speaker 0: Also es braucht nicht dieses ewige Bemühen der Hufeisentheorie, da können wir jetzt wirklich mal durchknacksen und wegschmeißen, sondern es braucht diese klare Benennung.
- 38:51Speaker 0: und was heißt das auch für uns alle in Deutschland.
- 38:54Speaker 0: Es braucht aber auch eine Förderung von Demokratieprojekten, vor allen Dingen im denschlichen Raum, also die Arbeit, die antifaschistische Arbeit.
- 39:02Speaker 0: zu stärken von Menschen.
- 39:03Speaker 0: Ich sag immer, es ist viel schwieriger, in Kleinstädten auf dem CSD rumzulatschen, zum Beispiel, oder einen Jugendclub zu initiieren, der links ist oder der nicht rechtsextreme ist, als wenn du mal von Berlin aus in eine Kleinstadt fährst und da auf dem CSD mitläufst, aber abends dich wieder in den Zug setzen kannst und dann abends im sicheren Berlin bist.
- 39:23Speaker 0: Also das ist sowas.
- 39:24Speaker 0: Es braucht so die Förderung von Demokratieprojekten, antifaschistisch Projekten in ländlichen Regionen.
- 39:30Speaker 0: Es braucht auch eine spezielle Förderung durch Stipendien- und Förderprogramme, so wie das Voice of Brandenburg zum Beispiel gerade macht.
- 39:37Speaker 0: Da bin ich auch Mentorin, wo klar erkannt wird, ähnlich wie das bei Förderprogrammen von Menschen mit Einwanderungshistorien ist, gibt es einfach auch für Ostdeutsche weniger gute Anschlussmöglichkeiten an Jobs im Journalismus zum Beispiel.
- 39:52Speaker 0: Du musst viel, viel mehr aufbregen, an Nebenjobs machen.
- 39:55Speaker 0: Es ist viel schwieriger, sozusagen den Zugang zu schaffen zu diesen Meist noch sehr akademischen, elitären Jobs.
- 40:01Speaker 0: Das heißt, es bräuchte viel mehr Förderprogramme, die das anerkennen und die dann auch für ein Stipendium zum Beispiel sorgen.
- 40:08Speaker 0: Stipendium ist auch so ein Stichwort.
- 40:10Speaker 0: Es gibt in Deutschland eine unglaublich große Stipendien-Landschaft mit unglaublich viele Stiftungen usw.
- 40:16Speaker 0: Aber viele Aussies, und mir geht das heute noch so, wissen gar nicht um Stiftungen und Stipendien, weil dir dieses Netzwerk, was deine Eltern ja oft haben, die dann sagen, hey, bewirb dich doch mal da, weil Hans Georg ist da irgendwie im Vorstand, der hat gesagt, das wär doch was für dich und so.
- 40:30Speaker 0: Das hast du nicht, du weißt nicht um diese Stipendien.
- 40:32Speaker 0: Und deine Lehrer und Lehrerin wissen das auch nicht.
- 40:35Speaker 0: Das heißt, so ein explizites Reingehen von Stiftungen oder etablieren von neuen Stipendienprogrammen, das wär auch was, was wichtig wäre, dann braucht es... Rollmodels habe ich auch schon an anderer Stelle gesagt, die mit Ostdeutscher Biografie bewusst vorangehen und sagen, hey, ich bin Ossi und ich habe es geschafft und ihr könnt das auch.
- 40:54Speaker 0: Ich mache hier die Türen auf für euch und hol mir ein paar Schitzdörmchen ab, damit ihr sozusagen es zukünftig leichter habt und was es auch nochmal braucht.
- 41:03Speaker 0: Und dann bin ich auch fertig mit meiner Aufzählung.
- 41:06Speaker 0: Ist eine andere Art von Erinnerungskultur.
- 41:08Speaker 0: Und das ist wirklich ein, glaube ich, ganz wichtiger Faktor.
- 41:11Speaker 0: Weil im Moment besteht unsere Erinnerungskultur daraus, dass wir jedes Jahr am dritten Zehnten in ein anderes Bundesland gehen und da viele Eliten aus Politik und Gesellschaft den dritten Zehnten feiern.
- 41:23Speaker 0: Es wurde übrigens auch schon oft vergessen, da mehrere Ostdeutsche einzuladen.
- 41:27Speaker 0: Das habe ich auch schon öfter erlebt, dass da dann in diesen Räumen gar keine Ostdeutschen eingeladen waren, was natürlich auch absurd ist.
- 41:32Speaker 0: Aber eine andere Art von Erinnerungskultur, da meine ich zum Beispiel auch das Ostkultur.
- 41:38Speaker 0: mehr eine Rolle spielt, dass Ostarchitektur mehr eine Rolle spielt.
- 41:41Speaker 0: Wir haben das vor paar Jahren erlebt, als der Palasterepublik in Berlin abgerissen wurde.
- 41:46Speaker 0: Es war eine Riesendiskussion zwischen Macpom und Thüringen und in Berlin natürlich selbst.
- 41:51Speaker 0: Es war aber irgendwie kaum eine Diskussion bei denjenigen, die schon längst beschlossen hatten, dass der Palasterepublik abgerissen werden sollte.
- 41:58Speaker 0: Und so ist es mit vielen... Häusern oder mit vielen Plätzen geschehen, sozusagen Straßen, die anders heißen, Plätze, die anders heißen, Häuser, die es nicht mehr gibt.
- 42:08Speaker 0: Sozusagen, die Heimat, mit der du aufgewachsen bist, die macht auch ganz viel aus, sozusagen die Umgebung, mit der du aufgewachsen bist, die Schule, die so aussieht, wie sie noch aussieht, der Wald, mit dem du aufgewachsen bist, keine Ahnung.
- 42:20Speaker 0: Aber Heimat ist ganz viel, wie sieht meine Umgebung aus?
- 42:23Speaker 0: Wie sind die Punkte, an denen ich mich, an die ich mich gerne zurück erinnere?
- 42:27Speaker 0: Und... Wenn dann die ganzen Häuser, mit denen du in deiner Jugend aufgewachsen bist, die es einfach nicht mehr gibt, weil sie abgerissen wurden, warum auch immer, das ist auch ein großes Thema, dann ist das sozusagen auch ein Anhaltspunkt dafür, dass das nicht gewollt war, diese Art von Erinnerung.
- 42:42Speaker 0: Und natürlich ist dann die Argumentation immer, die DDR war eine Diktatur, man soll sich nicht an eine Diktatur erinnern.
- 42:49Speaker 0: Ich weiß aber auch nicht, warum ich mich permanent ans Kaiserreich erinnern soll, wenn ich durch Berlin fahre.
- 42:53Speaker 0: Also das können wir auch mal zur Debatte stellen.
- 42:56Speaker 0: Und dass das nicht Diktatur war sozusagen das politische Konstrukt, aber in diesem politischen Konstrukt haben ja Leben stattgefunden.
- 43:03Speaker 0: Und diese Leben haben sich nicht permanent damit beschäftigt, was jetzt hier die SED-Diktatur gemacht hat.
- 43:08Speaker 0: Also das ist sozusagen auch nochmal ein Aufwerten von Ostkultur.
- 43:12Speaker 0: Dazu gehört nicht nur Architektur, dazu gehört auch Musik, dazu gehört auch Sport.
- 43:16Speaker 0: Ich habe schon oft erlebt.
- 43:18Speaker 0: dass vielen vor allen Dingen im Westen überhaupt nicht klar ist, dass natürlich es eigene Bands gab.
- 43:23Speaker 0: Ich erinnere mich an eine Situation, wo ich bei einem großen Medium in Deutschland gearbeitet habe und Reignhard Lakomi gestorben ist, kennst du den?
- 43:29Speaker 1: Habe ich schon mal gehört zumindest.
- 43:31Speaker 0: Hast du schon mal gehört?
- 43:32Speaker 0: Das ist sozusagen der, ich sag mal, Ostdeutsche Rolf Sukowski.
- 43:36Speaker 0: Das ist der, der Traumzauberbaum gemacht hat zusammen mit seiner... Frau und Traumzauberbaum ist so eine Platte, mit der es jeder irgendwie groß geworden ist, also jeder, der irgendwie Kind war, um die Wendezeit herum hat und auch davor hat diese Lieder gehört und kennt Reinhard Lacomi als Liedermacher.
- 43:54Speaker 0: Und ich erinnere mich gut daran, dass das, als der Stab erst mal kein Thema sein sollte in der Zeitung, bei der ich gearbeitet habe, dass das geht nicht.
- 44:02Speaker 0: Ihr habt hier auch aus deutsches Publikum, ihr müsst zumindest schreiben, dass der gestorben ist.
- 44:07Speaker 0: Und solche Situationen hatte ich schon öfter in meinem Leben.
- 44:09Speaker 0: Oder ich denke an Sigmund Jain, weißt du, wer das ist?
- 44:12Speaker 1: Der sagt mir auf jeden Fall auch was.
- 44:14Speaker 1: Ist
- 44:14Speaker 0: der erste Deutsche, der ins All geflogen
- 44:16Speaker 1: ist.
- 44:16Speaker 1: Ach so, ja
- 44:16Speaker 0: klar.
- 44:18Speaker 0: Das ist sozusagen auch was, das wissen viele nicht.
- 44:20Speaker 0: Aber der erste Deutsche, der ins All geflogen ist, kam aus der DDR und war Sigmund Jain.
- 44:24Speaker 0: Und auch solche Geschichten sozusagen einfach mehr zu erzählen und auch fassbar zu machen, gar nicht so als, hey, wir hatten im Osten auch was Cooles und jetzt schluckt das, du weißt sie, sondern... um da auch wieder auf so ein gemeinschaftliches historisches Verständnis zu kommen.
- 44:36Speaker 0: Wir waren nur mal vierzig Jahre getrennt und man muss diese vierzig Jahre unterschiedlich erzählen.
- 44:41Speaker 0: Aber was gerade auch nach der Wende oft passiert ist, dass man eben die, ich erinnere mich an Siebziger, Achtziger Shows im Fernsehen und da hat DDR keine Rolle gespielt.
- 44:49Speaker 0: Als hätt es Musik und Kultur und Kunst in der DDR nicht gegeben.
- 44:52Speaker 0: Es hat dann immer Hippie-Zeit und Konerolle gespielt, aber alles andere, was sozusagen ... in dem anderen deutschen Staat stattgefunden hat, hat dann im Fernsehen nicht stattgefunden.
- 45:01Speaker 0: Und ich habe dann gedacht, hey, meine Eltern haben nie was dazu gesagt.
- 45:04Speaker 0: Also so eine andere Art von Erinnerungskultur bräuchte es auf alle Fälle auch.
- 45:09Speaker 1: Das heißt eigentlich auch vor allem die Identität der ostdeutschen Kultur auch irgendwo ernst nehmen und integrieren und im besten Fall irgendwo ein auch gesamtdeutsches Verständnis dieser gemeinschaftlichen Kultur seit der Wiedervereinigung.
- 45:28Speaker 1: auf diesen beiden Fundamenten sozusagen aufzubauen und nicht nur so zu tun.
- 45:33Speaker 1: Die eine Seite ist halt jetzt Westdeutschland, da bauen wir jetzt alles drauf auf und das andere war davor, sondern zu sagen, wir haben diese beiden Fundamente und bauen darauf die Zukunft auf.
- 45:43Speaker 0: Ich würde es gar nicht Fundament nennen, sondern einfach gegenseitiges Interesse ohne so erhobenen Zeigefinger.
- 45:50Speaker 0: Also das würde ich mir wünschen, weil das, und das fängt ja in den Schulbüchern schon an, in meinem eigenen Geschichtsbuch in Rostock war es so.
- 45:57Speaker 0: dass sozusagen die Epoche DDR, das war Mauerbau, Mauer Tote, Stasi-Diktaktur und Mauerfall so.
- 46:06Speaker 0: Und dann hatten wir nicht mal richtig Zeit, das weiß ich noch ganz genau, das richtig durchzuarbeiten.
- 46:10Speaker 0: Ich war dann aber noch in so einem extra Projekt, bla bla bla, was es zumindest gibt, wo man sich dann nochmal mit so Leben in der DDR auseinandersetzen konnte.
- 46:17Speaker 0: Von vielen Freunden, die ich aus dem Westen kenne.
- 46:21Speaker 0: oder die westsozialisiert sind, die hatten das gar nicht in der Schule oder nicht so richtig oder halt wirklich nur Mauer, Bau, Mauerfall, Mauer, Tote und Stasi und mehr wissen sie halt nicht.
- 46:30Speaker 0: Also und das ist doch voll schade, weil es gibt doch so viel, was dazwischen passiert ist und was zwischenmenschlich geschehen ist, was für Menschen auch eine Bedeutung hatte.
- 46:41Speaker 0: Sei es jetzt mal Jugendweihe, viele im Westen wissen nicht, was Jugendweihe ist.
- 46:44Speaker 0: Ich sag mal so, das ist das nichtkirchliche Pendant zur Firmung.
- 46:48Speaker 0: oder Kommunion, das gibt es heute noch.
- 46:50Speaker 0: Das ist einfach was, da bist du dann pauschal irgendwie erwachsen geworden.
- 46:54Speaker 0: Das gibt es heute noch.
- 46:57Speaker 0: Das sind doch so Traditionen und Werte, die damit verknüpft sind.
- 47:00Speaker 0: Das ist doch auch interessant, sich damit zu beschäftigen.
- 47:02Speaker 0: und das ein bisschen mehr zu öffnen und von so einem erhobenen Zeigefinger und so einem verkniffenen, verbissenem Gesicht wegzukommen, sondern zu sagen, hey, ja, ich hab schon viel über deine Historie gehört, aber meine war so.
- 47:15Speaker 0: Und vielleicht möchtest du, dass ich dir die Geschichte erzähle.
- 47:18Speaker 0: Das würde ich mir wünschen.
- 47:19Speaker 0: Und dafür trete ich ja auch ein, dass man diese Geschichten mehr zeigt und dass die irgendwie mehr Gehör finden.
- 47:26Speaker 0: Und das kommt auch langsam in den Medien.
- 47:27Speaker 0: Also, ich mein, es gibt jetzt ... seit paar Jahren schon diese Kategorie mittendrin in den Tagesthemen, die exemplarisch dafür steht, dass jeden Tag in der sehr populären Sendung Tagesthemen immer ein paar Minuten dafür freigemacht werden, dass Geschichten aus sehr, sehr regionalem erzählt werden.
- 47:44Speaker 0: Das ist nicht nur Ostdeutschland, aber eben auch.
- 47:46Speaker 0: Und dann auf einmal hast du da Bad Oberrand drin oder so eine Kleinstadt neben Rostock oder du hast eine ganz andere Städte oder Örtchen mit drin, wo du denkst, oh, da hätte ich ja sonst niemals was von erfahren in den Tagesthemen, weil sonst natürlich der Fokus sehr global ist in dieser Nachrichtensendung.
- 48:01Speaker 0: Und ich finde, so was gibt es jetzt pö ja pö mehr, weil natürlich dadurch, dass auch mehr ostdeutsche Autoren und Autorinnen oder Menschen wie ich dann in Position kommen, wo sie das für selbstverständlich halten, dass man auch darüber spricht, dass irgendwie sichtbarer machen können.
- 48:16Speaker 0: Also, ja, vielleicht so dieser Hoffnungsschimmer zum Schluss, dass es sich langsam bessert.
- 48:22Speaker 1: Ja, vielleicht konnten wir da ja so ein bisschen mit gutem Beispiel heute vorangehen.
- 48:25Speaker 1: Ja.
- 48:25Speaker 1: Und ein paar Impulse an unsere Hörerinnen und Hörer geben.
- 48:30Speaker 1: Ich danke dir sehr, dass du dir die Zeit genommen hast.
- 48:32Speaker 1: Und ich hab das Gefühl, wir müssen irgendwann noch meine zweite Episode machen.
- 48:35Speaker 0: Dann so in fünf Jahren.
- 48:37Speaker 0: Hat sich was verändert oder nicht?
- 48:39Speaker 0: Wo stehen wir jetzt?
- 48:40Speaker 0: Genau.
- 48:40Speaker 0: Ja.
- 48:41Speaker 0: Gerne.
- 48:41Speaker 0: Danke fürs Gespräch.
- 48:42Speaker 1: Danke.
- 48:44Speaker 1: Das war es leider schon.
- 48:46Speaker 1: Die letzte Runde ist ausgetrunken, das Gespräch zu Ende.
- 48:50Speaker 1: Vielen Dank fürs Zuhören.
- 48:53Speaker 1: Bitten im Rücksicht auf die Nachbarn und sei leise, wenn du die Bar verlässt.
- 48:57Speaker 1: Aber vergiss auf keinen Fall, den abonnieren Button zu klicken.