Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Fünftes Hauptstück - 264-269
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- 0:00Unter Kapitel 264 der Geistreiche entweder überschätzt
- 0:06oder unterschätzt. In diesem Abschnitt untersucht
- 0:10Nietzsche, wie geistreiche Menschen wahrgenommen werden,
- 0:13mittig, geistreich meint er Menschen, die witzig,
- 0:16schlagfertig und voller Ideen sind, oft im Gegensatz zu streng
- 0:20wissenschaftlichen Forschern unwissenschaftliche, aber
- 0:23begabte Menschen schätzen jedes Anzeichen von Geist sehr hoch
- 0:26ein. Es ist ihnen dabei egal, ob der
- 0:29geistreiche Mensch auf dem Weg zur Wahrheit ist oder auf einer
- 0:32falschen Fährte. Sie wollen vor allem eines gut
- 0:36unterhalten werden, der Mensch, mit dem sie verkehren, soll sie
- 0:40mit seinem Witz anspornen, entflammen und zu ernst oder
- 0:44Scherz mitreißen, der Geist dient ihnen als Schutzamulett
- 0:48gegen die Langeweile, wissenschaftliche Naturen
- 0:50dagegen wissen, dass die Begabung, viele Einfälle zu
- 0:53haben, streng gezügelt werden muss, sie darf nicht wild
- 0:57wuchern. Sondern muss durch den Geist der
- 0:59Wissenschaft kontrolliert werden.
- 1:01Nicht das, was glänzt und aufregend scheint, ist wichtig,
- 1:04sondern die oft unscheinbare Wahrheit, die Wahrheit ist wie
- 1:08eine Frucht, die man mühsam vom Baum der Erkenntnis schütteln
- 1:11muss, ein wissenschaftlicher Mensch wie zum Beispiel
- 1:14Aristoteles darf keinen Unterschied machen zwischen
- 1:17langweiligen und geistreichen Phänomenen, sein innerer
- 1:21Antrieb, sein Dämon. Führt ihn durch die Wüste der
- 1:25trockenen Fakten genauso wie durch die spannenden tropischen
- 1:28Landschaften des Wissens. Sein Ziel ist es, überall nur an
- 1:32dem wirklichen, dem haltbaren und dem Echten seine Freude zu
- 1:35haben, egal ob es unterhaltsam ist oder nicht, daraus ergibt
- 1:39sich ein Konflikt, unbedeutende Gelehrte verachten und
- 1:42verdächtigen oft alles geistreiche, weil sie neidisch
- 1:45sind oder es nicht verstehen, umgekehrt haben geistreiche
- 1:49Leute wie zum Beispiel fast alle Künstler.
- 1:52Oft eine Abneigung gegen die Wissenschaft, weil sie ihnen zu
- 1:55trocken und mühsam erscheint. Nietzsche zeigt hier also das
- 1:59Spannungsfeld zwischen unterhaltsamem Scharfsinn und
- 2:01ernster, nüchterner Wissenschaft auf, Unterkapitel 265 die
- 2:08Vernunft in der Schule in diesem Abschnitt beschäftigt sich
- 2:13Nietzsche mit der wichtigsten Aufgabe der Schule, er sagt,
- 2:16dass die Schule vor allem eines Lehren muss, strenges und
- 2:20logisches Denken. Die Schüler sollen lernen,
- 2:23vorsichtig zu urteilen und folgerichtige Schlüsse zu
- 2:25ziehen. Das bedeutet, dass man Dinge
- 2:28genau untersucht, bevor man sich eine Meinung bildet.
- 2:31Nietzsche meint, dass die Schule deshalb Themen vermeiden sollte,
- 2:34die nicht mit Vernunft und Logik greifbar sind, wie zum Beispiel
- 2:38die Religion. Er geht davon aus, dass die
- 2:41menschlichen Bedürfnisse und Gewohnheiten später im Leben den
- 2:44strengen Bogen des Denkens ohnehin wieder etwas lockern
- 2:46werden, aber solange die Schule Einfluss auf junge Menschen hat.
- 2:50Muss sie das erzwingen, was den Menschen besonders auszeichnet?
- 2:54Vernunft und Wissenschaft? Nietzsche zitiert hier
- 2:57zustimmend Johann Wolfgang von Goethe, der Vernunft und
- 3:00Wissenschaft als die allerhöchste Kraft des Menschen
- 3:03bezeichnete. Nietzsche bezieht sich auch auf
- 3:05den Naturforscher Karl Ernst von Bär, dieser hat festgestellt,
- 3:10dass der Unterschied zwischen Europäern und Asiaten in der
- 3:13Bildung liegt. Europäer haben gelernt, Gründe
- 3:16für ihren Glauben anzugeben, sie haben in der Schule.
- 3:19Schule des konsequenten und kritischen Denkens gelernt.
- 3:22Das bedeutet, sie hinterfragen Dinge und suchen nach beweisen.
- 3:26In Asien hingegen, so behauptet Nietzsche hier, können die
- 3:29Menschen oft nicht zwischen einer Dichtung, also einer
- 3:32erfundenen Geschichte, und der Wirklichkeit unterscheiden, sie
- 3:36wissen nicht, ob ihre Überzeugungen auf eigenen
- 3:38Beobachtungen beruhen oder nur auf Fantasie.
- 3:41Nietzsche zieht daraus den Schluss, dass es die Vernunft in
- 3:44der Schule war, die Europa erst zu dem gemacht hat, was es ist
- 3:49Er warnt davor, dass Europa Gefahr läuft, wieder auf den
- 3:52Stand des Mittelalters zurückzufallen und damit wieder
- 3:55ein Stück Asien zu werden, wenn es diesen wissenschaftlichen
- 3:58Sinn verliert. Das Mittelalter sieht Nietzsche
- 4:00hier als eine Zeit, in der der wissenschaftliche Geist der
- 4:03Griechen verloren gegangen war, unter Kapitel 266 unterschätzte
- 4:11Wirkung des gymnasialen Unterrichts Nietzsche spricht
- 4:15hier über den Wert des Gymnasiums.
- 4:17Also der höheren Schule. Er glaubt, dass man den wahren
- 4:21Nutzen des Gymnasiums oft an der falschen Stelle sucht, man
- 4:25sollte nicht darauf schauen, was die Schüler dort an Inhalten
- 4:28lernen, die sie später ohnehin wieder vergessen könnten.
- 4:31Der wahre Wert liegt darin, dass die Schüler lernen, sich Dinge
- 4:34anzueignen, die sie eigentlich gar nicht lernen wollen, sie
- 4:38lernen etwas gegen ihren eigenen Widerwillen, das härtet sie ab
- 4:42und diszipliniert ihren Geist. Nietzsche nennt das eine.
- 4:46Unverlierbare Beute damit meint er, dass die Fähigkeit, sich
- 4:50durch schwierige Aufgaben Durchzubeißen, für das ganze
- 4:53Leben bleibt, auch wenn der eigentliche Stoff vergessen
- 4:56wird. Er kritisiert jedoch die Art und
- 4:59Weise, wie klassische Literatur, also die Werke der alten
- 5:02Griechen und Römer, unterrichtet wird.
- 5:05Er findet es absurd, dass unreife junge Menschen Texte
- 5:07lesen müssen, für die sie noch gar kein Verständnis haben.
- 5:11Lehrer legen oft ihre eigenen, langweiligen Interpretationen
- 5:14über diese großen Werke wie einen Mehltau.
- 5:18Das ist ein Pilz, der Pflanzen befällt und grau aussehen lässt.
- 5:23Der einzige Wert, den Nietzsche in diesem klassischen Unterricht
- 5:26sieht, ist die formale Übung. Die Schüler müssen sich mit
- 5:30einer abstrakten, schwierigen Sprache auseinandersetzen, sie
- 5:33lernen Begriffe, Kunstausdrücke und Methoden, die sie in ihrem
- 5:37Alltag zu Hause oder auf der Straße nie hören würden.
- 5:40Das zwingt ihren Verstand dazu, sich einer wissenschaftlichen
- 5:43Betrachtungsweise anzupassen. Nietzsche sagt ganz klar, ohne
- 5:47diese strenge Zucht und Erziehung ist es nicht möglich,
- 5:50aus einem reinen Naturkind einen gebildeten Menschen zu machen.
- 5:55Unterkapitel 267 viele Sprachen lernen hier, kritisiert
- 6:02Nietzsche das Lernen von vielen Fremdsprachen, er sagt, dass das
- 6:06Lernen vieler Sprachen das Gedächtnis mit Worten füllt.
- 6:09Statt mit Tatsachen und Gedanken das Gedächtnis ist aber wie ein
- 6:13Behälter, der nur eine begrenzte Menge aufnehmen kann.
- 6:17Wenn dieser Behälter voll mit Vokabeln ist, passt kein
- 6:19wirkliches Wissen mehr hinein. Außerdem sieht er noch ein
- 6:23weiteres Problem, wer viele Sprachen lernt, täuscht oft vor,
- 6:27Fähigkeiten zu besitzen, die er gar nicht hat, es verleiht ein
- 6:31gewisses Ansehen im gesellschaftlichen Verkehr, das
- 6:34aber oft oberflächlich ist. Schlimmer noch, es hindert
- 6:37Menschen daran, gründliche Kenntnisse zu erwerben, weil sie
- 6:40zu viel Zeit mit Sprachen verbringen.
- 6:42Am gefährlichsten findet Nietzsche jedoch, dass das
- 6:45Lernen fremder Sprachen das Gefühl für die eigene
- 6:48Muttersprache zerstört. Er vergleicht das mit einer Axt,
- 6:51die an die Wurzel des feinen Sprachgefühls gelegt wird.
- 6:54Als Beweis führt er an, dass die beiden Völker, die die größten
- 6:57Stilisten, also die besten Schreiber, hervorgebracht haben,
- 7:01nämlich die Griechen und die Franzosen, keine fremden
- 7:04Sprachen lernten. Nietzsche gibt aber zu, dass der
- 7:07moderne Handel und Verkehr es notwendig machen, sprachen zu
- 7:11lernen. Er nennt das ein notwendiges
- 7:14Übel, er blickt in eine ferne Zukunft und vermutet, dass es
- 7:18irgendwann eine neue, universelle Sprache geben wird,
- 7:21zuerst für den Handel und dann für den gesamten geistigen
- 7:24Austausch. Trotzdem fragt er sich, warum
- 7:27die Sprachwissenschaft ein ganzes Jahrhundert damit
- 7:29verbracht hat, Sprachen zu studieren.
- 7:31Anstatt einfach das Notwendigste und Beste an jeder Sprache
- 7:34herauszufinden, um die Kommunikation zu erleichtern.
- 7:38Unterkapitel 268 zur Kriegsgeschichte des Individuums
- 7:45in diesem kurzen Abschnitt vergleicht Nietzsche das Leben
- 7:48eines einzelnen Menschen mit der Geschichte von Kulturen.
- 7:52Er sagt, dass ein einzelnes Menschenleben oft mehrere
- 7:54Kulturstufen durchläuft. Dieser Prozess führt zu
- 7:58Konflikten, die er als Kampf beschreibt.
- 8:01Besonders deutlich wird das im Verhältnis zwischen den
- 8:03Generationen, also zwischen Vater und Sohn, da sie sehr eng
- 8:08miteinander verwandt sind und sich nahestehen, wird dieser
- 8:11Kampf besonders scharf geführt, jede Seite kennt das Innere der
- 8:15anderen Seite sehr gut und zieht es rücksichtslos in den Streit
- 8:18mit hinein. Nietzsche meint, dass in einem
- 8:21einzigen Individuum, also in einem einzelnen Menschen, eine
- 8:24Art Kulturkampf stattfindet, wenn ein Mensch sich
- 8:27weiterentwickelt. Schreitet er über seine früheren
- 8:30Entwicklungsstufen hinweg? Dabei geschieht oft eine
- 8:33grausame Ungerechtigkeit, weil die neue Phase die alten Phasen
- 8:37und deren Ziele nicht mehr versteht und geringschätzt
- 8:41Unterkapitel 269 um eine Viertelstunde früher.
- 8:48Nietzsche beschreibt hier einen Typus von Mensch, der seiner
- 8:51Zeit voraus ist, aber nur ein ganz kleines bisschen.
- 8:55Er spricht von jemandem, der Ansichten vertritt, die heute
- 8:57noch ungewöhnlich sind, aber schon in kurzer Zeit,
- 9:01metaphorisch gesprochen, in einer Viertelstunde zur
- 9:04allgemeinen Meinung werden. Solche Menschen haben die
- 9:07Meinung der Öffentlichkeit, bevor sie überhaupt öffentlich
- 9:10geworden ist. Nietzsche sagt, dass ihre
- 9:12Ansichten deshalb trivial, also alltäglich und gewöhnlich
- 9:15werden, trotzdem werden diese Menschen oft viel lauter
- 9:19gefeiert und haben mehr Ruhm als die wirklich großen und
- 9:22überlegenen Geister, die ihrer Zeit weit voraus sind.
- 9:25Und deren Ideen erst viel später verstanden werden.
- 9:28Der Ruhm derer, die nur einen kleinen Schritt voraus sind, ist
- 9:31oft unverhältnismäßig groß.