Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 2. Theil - 22 - Die stillste Stunde
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen zweiter Teil
- 0:04Unterkapitel 22 die stillste Stunde in diesem Abschnitt des
- 0:10Buches wird ein sehr persönlicher und emotionaler
- 0:12Moment im Leben von Zarathustra beschrieben.
- 0:15Er spricht zu seinen Freunden und Schülern, ist dabei aber
- 0:18sichtlich aufgewühlt und traurig.
- 0:21Zarathustra erklärt Ihnen, dass er sie verlassen muss, um wieder
- 0:24in seine Einsamkeit zurückzukehren.
- 0:27Er vergleicht sich selbst mit einem Bären, der ungern in seine
- 0:30Höhle zurückgeht, weil er die Gesellschaft seiner Freunde
- 0:33eigentlich genießt. Zarathustra berichtet von einem
- 0:36Erlebnis, dass er am vorangegangenen Abend hatte, er
- 0:40nennt diesen Moment seine stillste Stunde, damit meint
- 0:44Nietzsche einen Zustand der tiefsten inneren Einkehr, indem
- 0:47man mit seinem eigenen Gewissen und seinen tiefsten Ängsten
- 0:50konfrontiert wird, ohne dass Lärm von außen einen ablenken
- 0:53könnte. Zarathustra beschreibt diese
- 0:56Erfahrung als eine Begegnung mit einer grausamen Herrin, die zu
- 0:59ihm sprach, ohne eine hörbare Stimme zu benutzen.
- 1:02Er erzählt, dass er sich fühlte wie jemand, der kurz vor dem
- 1:05Einschlafen erschrickt, weil er das Gefühl hat, der Boden unter
- 1:08seinen Füßen würde nachgeben. Dies ist ein Gleichnis, also ein
- 1:13bildhafter Vergleich für den Moment, in dem alte Sicherheiten
- 1:16verloren gehen und man sich einer neuen, erschreckenden
- 1:19Wahrheit stellen muss. In diesem Gespräch mit der
- 1:22lautlosen Stimme geht es um zarathustras Aufgabe als Lehrer.
- 1:26Die Stimme fragt ihn, du weißt es, Zarathustra, Zarathustra ist
- 1:30erschrocken und antwortet nicht, die Stimme wirft ihm vor, dass
- 1:34er die Wahrheit zwar kenne, sie aber nicht aussprechen wolle.
- 1:38Zarathustra wehrt sich und sagt, er habe nicht die Kraft dazu,
- 1:42hier wird deutlich, dass Zarathustra vor einer großen
- 1:44Aufgabe zurückschreckt, es geht dabei um die Lehre von der
- 1:47ewigen Wiederkunft. Das ist eine zentrale Idee von
- 1:51Nietzsche. Die Vorstellung, dass alles im
- 1:53Universum sich unendlich oft genau gleich wiederholt, diese
- 1:57Vorstellung ist so gewaltig und schwer zu ertragen, dass selbst
- 2:00Zarathustra davor zittert. Die lautlose Stimme fordert ihn
- 2:04auf, sprich dein Wort und Zerbrich das bedeutet, dass er
- 2:09seine Lehre verkünden soll, selbst wenn ihn diese Wahrheit
- 2:12innerlich zerstört oder ihn sein bisheriges Leben kostet.
- 2:16Zarathustra versucht, Ausreden zu finden.
- 2:19Er sagt, er sei nicht würdig genug und warte auf jemanden,
- 2:22der bedeutender ist als er. Doch die Stimme bleibt streng
- 2:26und sagt ihm, dass er nicht demütig genug sei.
- 2:29Nietzsche versteht unter Demut hier nicht Unterwürfigkeit,
- 2:32sondern die Bereitschaft, sich einer harten Wahrheit zu beugen,
- 2:35ohne das eigene Ego in den Vordergrund zu stellen.
- 2:39Zarathustra entgegnet, dass er den Menschen seine Botschaft
- 2:42schon verkündet habe, sie ihn aber nicht hören wollten oder
- 2:45ihn verspottet hätten. Die Stimme antwortet darauf mit
- 2:49einem berühmten Satz Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen,
- 2:53lenken die Welt. Das bedeutet, dass die wirklich
- 2:56wichtigen und weltverändernden Ideen nicht laut herausgeschrien
- 2:59werden müssen, sie kommen leise und unauffällig, verändern das
- 3:03Denken der Menschen, aber viel nachhaltiger als jeder Lärm die
- 3:07Stimme erklärt Zarathustra, dass er wie ein Schatten dessen sein
- 3:10muss, was noch kommen wird, er soll den Übermenschen
- 3:14ankündigen. Der Übermensch ist bei Nietzsche
- 3:17ein Ziel für die Menschheit, ein Mensch, der seine eigenen Werte
- 3:21erschafft, der nicht mehr von alten religiösen oder
- 3:23moralischen Regeln abhängig ist und der das Leben mit all seinen
- 3:27Schwierigkeiten voll und ganz bejaht.
- 3:30Zarathustra schämt sich jedoch, er fühlt sich noch nicht bereit,
- 3:34die Stimme sagt ihm daraufhin, dass er erst noch einmal zum
- 3:37Kind werden müsse, das Kind steht bei Nietzsche für die
- 3:41dritte Stufe der geistigen Entwicklung.
- 3:43Zuerst ist man ein Kamel, das alle Lasten und Regeln der
- 3:46Gesellschaft trägt. Dann wird man zum Löwen, der man
- 3:49nein sagt und sich seine Freiheit erkämpft.
- 3:53Schließlich wird man zum Kind, das unschuldig ist, die
- 3:56Vergangenheit vergisst und aus einem inneren Spiel heraus etwas
- 3:59völlig Neues erschafft. Zarathustra erkennt am Ende des
- 4:02Gesprächs, dass seine Früchte zwar reif sind, er selbst aber
- 4:06noch nicht reif für seine Früchte ist.
- 4:09Er hat die Lehre zwar im Kopf. Aber er hat sie noch nicht so
- 4:12tief in sein Wesen aufgenommen, dass er sie als Vorbild vorleben
- 4:15kann. Er muss also wieder in die
- 4:17Einsamkeit, um mürbe zu werden, was hier bedeutet, dass er
- 4:21Reifen und weicher gegenüber seinem eigenen Schicksal werden
- 4:24muss, nachdem Zarathustra diese Geschichte seinen Freunden
- 4:28erzählt hat, bricht er in Tränen aus, er leidet unter dem
- 4:31bevorstehenden Abschied, seine Freunde versuchen ihn zu
- 4:35trösten, aber er bleibt zunächst wie weggetreten.
- 4:38Als er wieder zu sich kommt, hat sich sein Blick verändert.
- 4:42Er wirkt nun entschlossen, er weiß, dass er gehen muss, um
- 4:45seine Aufgabe zu erfüllen. In der Nacht verlässt er seine
- 4:49Freunde heimlich und geht allein fort, dieses Kapitel zeigt den
- 4:53inneren Kampf eines Menschen, der eine große Verantwortung
- 4:56trägt und erkennt, dass er an sich selbst noch weiter arbeiten
- 4:59muss, bevor er anderen wirklich helfen kann.
- 5:02Es ist ein Übergang von der Lehre für andere hin zur Arbeit
- 5:06an der eigenen Seele.