Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Fünftes Hauptstück - 282-290
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- 0:00Unter Kapitel 282 Klagelied Nietzsche stimmt hier ein
- 0:06Klagelied über den Zustand seiner Zeit an.
- 0:09Er beobachtet, dass eine ganz bestimmte Lebensweise verloren
- 0:12geht, nämlich die sogenannte Vita Contemplativa, das ist ein
- 0:17lateinischer Begriff und bedeutet das beschauliche Leben,
- 0:20also ein Leben, das dem Nachdenken, der Ruhe und der
- 0:23Betrachtung gewidmet ist. Er kritisiert, dass unsere Zeit
- 0:27große Denker und Moralisten wie Pascal.
- 0:29Epiktet oder Seneca kaum noch liest und schätzt.
- 0:33Stattdessen herrschen Arbeit und Fleiß, diese werden oft so
- 0:37übertrieben, dass sie wie eine Krankheit wüten, weil den
- 0:40Menschen die Zeit und die Ruhe zum Nachdenken fehlen,
- 0:43beschäftigen sie sich nicht mehr ernsthaft mit anderen Meinungen,
- 0:46sie begnügen sich einfach damit, diese Meinungen zu hassen, statt
- 0:49sie zu prüfen. Durch die enorme Beschleunigung
- 0:52des Lebens gewöhnen sich die Menschen daran, Dinge nur noch
- 0:55halb oder falsch zu sehen und vorschnell zu urteilen.
- 0:59Nietzsche vergleicht den modernen Menschen mit einem
- 1:02Reisenden, der Land und Leute nur flüchtig aus dem Fenster
- 1:04einer fahrenden Eisenbahn kennenlernt.
- 1:07Eine selbstständige und vorsichtige Haltung beim
- 1:09Erkennen der Wahrheit gilt heute fast als eine Art Verrücktheit,
- 1:14der freie freie Geist, also der unabhängige Denker, wird
- 1:17schlecht geredet, gelehrte wollen ihn am liebsten in einen
- 1:21engen Fachbereich sperren, damit er dort fleißig wie eine Ameise
- 1:24arbeitet. Anstatt den Überblick über die
- 1:26gesamte Kultur zu behalten und Wege für die Zukunft
- 1:29aufzuzeigen, Unterkapitel 283 Hauptmangel der tätigen Menschen
- 1:39hier beschreibt Nietzsche das Hauptproblem von sehr
- 1:41geschäftigen aktiven Menschen. Er meint damit zum Beispiel
- 1:45Beamte, Kaufleute oder Gelehrte. Diesen Menschen fehlt oft die
- 1:50höhere Tätigkeit, nämlich die individuelle Tätigkeit.
- 1:54Sie verhalten sich nicht wie einzigartige Persönlichkeiten,
- 1:57sondern eher wie Vertreter einer Gattung oder Art.
- 2:00In diesem Sinne nennt Nietzsche sie sogar faul, weil sie nicht
- 2:03an ihrer eigenen Persönlichkeit arbeiten, das Unglück dieser
- 2:07tätigen Menschen ist, dass ihr Handeln oft unvernünftig ist.
- 2:11Ein Beispiel ist der Bankier, der immer mehr Geld anhäuft, man
- 2:15darf nicht nach dem Sinn dieser rastlosen Tätigkeit fragen, denn
- 2:18sie folgt einer stumpfen Mechanik.
- 2:21Nietzsche sagt. Diese Menschen rollen wie ein
- 2:23Stein, rollt stur den Gesetzen der Mechanik folgend, ohne
- 2:27eigenen Willen oder Verstand. Nietzsche teilt die Menschen in
- 2:312 Gruppen ein, wie es schon zu allen Zeiten der Fall war,
- 2:35Sklaven und freie wer nicht 2 Drittel seines Tages für sich
- 2:39selbst hat, ist für Nietzsche ein Sklave, dabei ist es egal,
- 2:44ob dieser Mensch ein Staatsmann, ein Kaufmann, ein Beamter oder
- 2:47ein Gelehrter ist. Wer keine Zeit für sich selbst
- 2:50hat, ist unfrei. Unterkapitel 284 zugunsten der
- 2:56Müßigen in diesem Abschnitt verteidigt Nietzsche den
- 3:00Müßiggang. Er stellt fest, dass das
- 3:03beschauliche Leben heutzutage so gering geschätzt wird, dass
- 3:06selbst gelehrte versuchen, mit den tätigen Menschen im Wettlauf
- 3:09zu bleiben, sie schämen sich fast für ihre Muße, die im
- 3:12Lateinischen Otium genannt wird, Nietzsche aber sagt, dass Muße
- 3:16und Müßiggang etwas Edles sind. Wenn man sagt, Müßiggang sei der
- 3:20Anfang aller Laster, so muss man auch sagen, dass er sich
- 3:24zumindest in der direkten Nachbarschaft aller Tugenden
- 3:26befindet. Der müßige Mensch, der Zeit zum
- 3:29Nachdenken hat, ist für Nietzsche immer noch ein
- 3:32besserer Mensch als der rein tätige Mensch, der nur
- 3:35blindlings arbeitet, er fragt provokant, ob man wirklich
- 3:38glaube, dass er mit seiner Kritik am tätigen Menschen nur
- 3:42die Faulpelze meine, damit deutet er an, dass wahrer
- 3:46Müßiggang geistige Arbeit bedeutet.
- 3:48Nicht einfach nur nichts tun Unterkapitel 285 die moderne
- 3:56Unruhe Nietzsche blickt hier nach Westen, insbesondere auf
- 4:01Amerika und den Einfluss auf Europa.
- 4:04Er stellt fest, dass die moderne Unruhe und Bewegtheit immer
- 4:08größer wird, die Bewohner Europas wirken im Vergleich zu
- 4:11den Amerikanern fast noch ruhig und genießend, obwohl auch sie
- 4:15schon wie Bienen und Wespen durcheinander fliegen.
- 4:18Diese ständige Bewegung wird so groß, dass eine höhere Kultur
- 4:21gar keine Zeit mehr hat, ihre Früchte reifen zu lassen.
- 4:25Es ist, als ob die Jahreszeiten viel zu schnell aufeinander
- 4:29folgen würden. Nietzsche warnt davor, dass
- 4:31unsere Zivilisation wegen dieses Mangels an Ruhe in eine neue
- 4:35Barbarei abgleitet. Zu keiner Zeit haben die rein
- 4:38tätigen, also die Ruhelosen, mehr gegolten als heute, deshalb
- 4:42ist es notwendig, den Charakter der Menschheit zu korrigieren
- 4:45und das beschauliche Element wieder zu stärken.
- 4:48Jeder Einzelne, der in seinem Herzen und Kopf ruhig und
- 4:51beständig bleibt, darf sich sagen, dass er nicht nur ein
- 4:54gutes Temperament hat, sondern eine allgemein nützliche Tugend
- 4:57besitzt. Er erfüllt damit sogar eine
- 4:59höhere Aufgabe, indem er diese Ruhe bewahrt.
- 5:04Unterkapitel 286 inwiefern der Tätige Faul ist Nietzsche
- 5:11vertritt hier die Meinung, dass jeder Mensch über alle Dinge, zu
- 5:15denen eine Meinung möglich ist. Auch eine eigene Meinung haben
- 5:18sollte, denn jeder Mensch ist ein einmaliges Wesen und nimmt
- 5:22eine neue, nie dagewesene Stellung zu den Dingen ein.
- 5:26Doch die Faulheit, die tief in der Seele des tätigen Menschen
- 5:29liegt, verhindert dies. Der tätige Mensch schöpft das
- 5:33Wasser nicht aus seinem eigenen Brunnen, sondern übernimmt
- 5:36fremde Meinungen, Nietzsche vergleicht die Freiheit der
- 5:39Meinung mit der Gesundheit, beide sind individuell.
- 5:44Es gibt keinen allgemeinen Begriff für Gesundheit, der für
- 5:47alle gilt. Was den einen gesund macht, kann
- 5:50den anderen krank machen, genauso verhält es sich mit der
- 5:53Freiheit des Geistes, Wege und Mittel, die für höher
- 5:56entwickelte Naturen zur Freiheit führen können, für andere
- 6:00Menschenwege zur Unfreiheit sein, Unterkapitel, 287, Zensor
- 6:08Vitae. Die Überschrift dieses
- 6:11Abschnitts ist lateinisch und bedeutet Richter des Lebens oder
- 6:15Prüfer des Lebens. Nietzsche beschreibt hier einen
- 6:18langen inneren Prozess über eine lange Zeit hinweg schwankt der
- 6:22Mensch zwischen Liebe und Hass zum Leben, er vergisst nichts
- 6:26und trägt den Dingen alles nach, sowohl das Gute als auch das
- 6:30Böse. Am Ende dieses Prozesses steht
- 6:33ein Zustand, in dem die Seele voll von Erfahrungen ist.
- 6:36Dann wird der Mensch das Dasein nicht mehr verachten oder
- 6:39hassen. Aber er wird es auch nicht mehr
- 6:41leidenschaftlich lieben. Er steht sozusagen darüber.
- 6:45Seine Stimmung gleicht dann der Natur im Sommer oder Herbst.
- 6:49Sie ist ruhig, beobachtend und nicht mehr von extremen Gefühlen
- 6:52wie Reiner Freude oder reiner Trauer getrieben, er betrachtet
- 6:56das Leben mit einem milden, prüfenden Blick, Unterkapitel,
- 7:01288, Nebenerfolg. Nietzsche spricht hier darüber,
- 7:08was passiert, wenn jemand ernsthaft versucht, geistig frei
- 7:11zu werden. Dieser Mensch wird ganz ohne
- 7:14Zwang seine Neigung zu Fehlern und Lastern verlieren, auch
- 7:17Ärger und Verdruss werden ihn immer seltener befallen.
- 7:21Der Grund dafür ist einfach, sein Wille richtet sich nun auf
- 7:24etwas anderes, nämlich auf das Erkennen und verstehen der Welt,
- 7:29das wird ihm wichtiger als alles andere.
- 7:32Er möchte in einem dauerhaften Zustand sein, in dem er am
- 7:35besten fähig ist, Dinge zu erkennen.
- 7:38Laster und ständiger Ärger würden diesen Zustand stören,
- 7:41deshalb fallen sie von ihm ab, wie ein Nebeneffekt seiner
- 7:44geistigen Entwicklung. Unterkapitel 289 Wert der
- 7:51Krankheit selbst eine Krankheit kann einen Wert haben Nietzsche
- 7:57beschreibt den Menschen, der krank im Bett liegt.
- 8:00In dieser Situation erkennt der Mensch oft erst, dass er
- 8:02normalerweise an seinem Beruf, seinen Geschäften oder seiner
- 8:06Gesellschaft krank ist. Im normalen Alltag verliert er
- 8:10durch die Hektik jede Besonnenheit über sich selbst.
- 8:13Die Krankheit zwingt ihn zur Ruhe und zur Muße.
- 8:16Aus dieser erzwungenen Pause gewinnt er eine Weisheit, die er
- 8:20im gesunden, geschäftigen Zustand niemals gefunden hätte,
- 8:24er erkennt, was ihm wirklich fehlt und wie sehr der Alltag
- 8:27ihn seiner selbst beraubt. Unterkapitel 290 Empfindung auf
- 8:34dem Lande in diesem kurzen Abschnitt geht es um die Wirkung
- 8:38der Umgebung auf die Seele. Nietzsche sagt, dass der Mensch
- 8:42feste und ruhige Linien am Horizont seines Lebens braucht,
- 8:45so wie man sie in der Natur bei Gebirgen oder Wäldern findet,
- 8:48wenn diese ruhigen Linien fehlen, wird der innerste Wille
- 8:51des Menschen selbst unruhig, er wird zerstreut und begehrlich,
- 8:56so wie es das Wesen des Städters ist.
- 8:59Ein solcher Mensch hat kein Glück in sich und kann auch kein
- 9:02Glück geben. Die äußere Ruhe der Landschaft
- 9:05ist also notwendig für die innere Ruhe und das Glück des
- 9:09Menschen.