Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 3. Theil - 6 - Auf dem Ölberge
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- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen dritter Teil
- 0:04unter Kapitel 6 auf dem Ölberge. Schon der Titel Dieses Kapitels
- 0:11hat eine ganz besondere Bedeutung, die man verstehen
- 0:13muss. Der Ölberg ist aus der Bibel
- 0:16bekannt, es ist der Ort, an dem Jesus vor seiner Verhaftung und
- 0:19seinem Tod große Todesangst litt und zu Gott betete, dass dieser
- 0:23ihm sein schweres Schicksal ersparen möge.
- 0:26Friedrich Nietzsche wählt diesen Titel ganz absichtlich, dreht
- 0:29aber die Bedeutung des Ortes komplett um.
- 0:32Sein Hauptdarsteller Zarathustra leidet auf seinem Ölberg nicht,
- 0:35und er unterwirft sich auch keinem Gott, im Gegenteil,
- 0:38Zarathustra ist voller trotz Kraft und Lebensfreude, für ihn
- 0:43ist der Ölberg ein sonniger Platz hoch oben in den Bergen,
- 0:47an dem er über seine Feinde und über das Mitleid der Menschen
- 0:50lacht. Das Kapitel beginnt damit, dass
- 0:53Zarathustra den Winter beschreibt.
- 0:55Er nennt den Winter einen schlimmen Gast, der bei ihm zu
- 0:58Hause sitzt. Die Kälte ist so stark, dass
- 1:01zarathustras Hände von dem Händedruck dieses Gastes ganz
- 1:04blau anlaufen, der Winter steht hier als Sinnbild für eine
- 1:07harte, feindselige und entbehrungsreiche Zeit, er
- 1:11bedeutet Kälte und Einsamkeit für die Seele, aber Zarathustra
- 1:15jammert nicht darüber, er ehrt diesen harten Gast, lässt ihn
- 1:19aber in seiner Höhle allein sitzen und rennt hinaus an die
- 1:22frische Luft. An seinen geliebten sonnigen
- 1:24Platz auf dem Ölberg. Zarathustra erzählt, dass er den
- 1:28strengen Winter eigentlich sehr schätzt.
- 1:31Er freut sich darüber, dass die eisige Kälte, die Fliegen und
- 1:34Mücken vertreibt und sie verstummen lässt.
- 1:37Diese kleinen Insekten sind bei Nietzsche ein bekanntes Bild,
- 1:40sie stehen für kleine, aufdringliche und nervige
- 1:43Menschen, die einem mit ihrem Geschwätz und ihrer ständigen
- 1:46Einmischung die Energie rauben. Der Winter macht all diesen Lärm
- 1:49endlich still weiterhin, sagt Zarathustra.
- 1:53Dass er lieber friert und mit den Zähnen klappert als zu den
- 1:56sogenannten Feuergötzen zu beten.
- 1:58Mit diesen Dickbäuchigen Feuergötzen meint Nietzsche zum
- 2:01Beispiel einen warmen Kachelofen, aber auch jede Form
- 2:04von Bequemlichkeit und Religion. Er verachtet Menschen, die sich
- 2:08aus Feigheit oder Schwäche immer nur ein warmes, gemütliches
- 2:12Plätzchen und einfachen Trost suchen.
- 2:15Zarathustra will hart bleiben, er ist lieber der Feind des
- 2:18Winters und lacht ihm mutig ins Gesicht, als dass er schwach und
- 2:22wehleidig wird. Selbst in der Nacht bleibt er
- 2:24stark. Er kriecht ohne Angst in sein
- 2:27einfaches, kaltes Bett und lacht dort noch in seinen Träumen.
- 2:31Er ist sogar stolz auf seine Armut und auf sein bescheidenes
- 2:34Lager, denn Reichtum und Luxus würden ihn nur abhängig machen.
- 2:38Jeden Morgen beginnt er mit einer Art fröhlicher Bosheit und
- 2:42trotz der Kälte mit einem kalten Bad, worüber sein strenger Gast,
- 2:46der Winter, nur grimmig brummen kann, dann wendet sich
- 2:50Zarathustra dem Himmel zu. Erwartet ungeduldig auf den
- 2:53Sonnenaufgang und spricht zu dem hellen, aber eiskalten
- 2:56Winterhimmel, den er einen weißköpfigen Greis nennt.
- 3:00Dieser Himmel ist stumm und verbirgt seine Warme Sonne,
- 3:04Zarathustra erkennt in diesem winterlichen, stummen Himmel ein
- 3:07Spiegelbild seiner eigenen Seele, er sagt, dass er genau
- 3:11diese Kunst des Schweigens gelernt hat, er hält seine
- 3:14wahren tiefen Gedanken und seine innerste Freude vor den anderen
- 3:18Menschen versteckt. Er zeigt der Welt nur eine Maske
- 3:21aus Kälte und Eis, genau wie der Winterhimmel.
- 3:25Zarathustra erklärt sehr deutlich, warum er sich hinter
- 3:27diesem Eis verstecken muss, er vergleicht sich mit jemandem,
- 3:31der pures Gold verschluckt hat, wenn er seinen inneren Reichtum,
- 3:35sein großes Glück und seine überschwängliche Liebe offen
- 3:38zeigen würde, dann würden die Menschen vor Neid verrückt
- 3:41werden, sie würden versuchen, ihm bildlich gesprochen die
- 3:44Seele aufzuschlitzen, um an diesen Reichtum zu kommen.
- 3:48Neidische und schwache Menschen können es nicht ertragen, wenn
- 3:51jemand wirklich frei und über alle Massen glücklich ist.
- 3:54Aus diesem Grund zeigt Zarathustra den Menschen nur
- 3:57seine harten, kalten Gipfel. Sie sollen ruhig denken, dass er
- 4:01ein armer, frierender Einsiedler ist, der in den Bergen leidet,
- 4:05wenn die Menschen glauben, dass er leidet, dann empfinden sie
- 4:08Mitleid mit ihm, sie seufzen und bedauern ihn, weil sie denken,
- 4:12er würde in der Kälte der Erkenntnis und der Einsamkeit
- 4:15erfrieren. Doch genau hier zeigt sich
- 4:18zarathustras größte List und sein Spott.
- 4:22Das Mitleid ist in Nietzsches Philosophie eine der schlimmsten
- 4:24Eigenschaften überhaupt. Mitleid macht Menschen klein, es
- 4:28schwächt sie, und es ist im Grunde eine Beleidigung für
- 4:31denjenigen, der bemitleidet wird, weil man ihn als Opfer
- 4:35betrachtet. Zarathustra will auf keinen Fall
- 4:38das Mitleid dieser kleinen Menschen, er lässt sie in dem
- 4:41Glauben, er würde frieren, damit sie ihn in Ruhe lassen.
- 4:45Er flieht vor ihren Überheizten Stuben und ihrem erdrückenden
- 4:48Mitleid. Und während die schwachen
- 4:51Menschen unten im Tal sitzen und ihn bedauern, rennt er oben auf
- 4:54seinem sonnigen Ölberg mit warmen Füßen kreuz und quer
- 4:57umher, singt, ist glücklich und lacht aus vollem Herzen.
- 5:02Überall dieses Mitleid.