Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Ecce Homo - 1: Warum ich so weise bin. 4-5
Transcript
- 0:00Echse homo, wie man wird, was man ist Unterkapitel 1.
- 0:05Warum ich so Weise bin Abschnitt 4 Nietzsche erklärt hier, dass
- 0:13er die Kunst, Menschen gegen sich aufzubringen, nie
- 0:15verstanden hat. Auch diese Eigenschaft verdankt
- 0:18er seinem unvergleichlichen Vater, er hat sich selbst dann
- 0:22nicht unbeliebt gemacht, wenn es ihm aus bestimmten Gründen sehr
- 0:25nützlich oder wertvoll erschienen wäre.
- 0:28Er fügt hinzu, dass er nicht einmal gegen sich selbst
- 0:30Vorbehalte oder schlechte Gefühle hat, auch wenn das nach
- 0:33streng christlichen Maßstäben unbescheiden oder sündig wirken
- 0:36mag, wenn man sein ganzes Leben von allen Seiten betrachtet,
- 0:39wird man bis auf eine einzige Ausnahme keine Spur davon
- 0:43finden, dass jemals jemand einen bösen Willen gegen ihn gehegt
- 0:46hätte, eher findet er, dass die Menschen ihm gegenüber oft etwas
- 0:50zu viel guten Willen gezeigt haben, selbst bei Menschen, mit
- 0:54denen alle anderen nur schlechte Erfahrungen machen.
- 0:57Hat Nietzsche ausschließlich gute Erfahrungen gemacht?
- 1:00Er behauptet von sich, dass er jeden noch so wilden Bären
- 1:03zähmen und die Albernsten Narrenartig machen könne.
- 1:06Als Beispiel nennt er seine 7 Jahre als Lehrer.
- 1:10Nietzsche unterrichtete an der obersten Klasse des Pädagogiums
- 1:12in Basel das Fach Griechisch in all dieser Zeit hatte er nie
- 1:17auch nur einen einzigen Anlass, eine Strafe gegen einen Schüler
- 1:20zu verhängen, unter seiner Leitung waren selbst die
- 1:23faulsten Schüler fleißig. Er erklärt dieses Phänomen
- 1:27damit, dass er dem Zufall immer gewachsen ist.
- 1:30Er muss nicht vorbereitet sein, um Herr der Lage zu sein.
- 1:33Wenn man den Menschen als ein Musikinstrument betrachtet, so
- 1:36kann dieses Instrument noch so sehr verstimmt sein.
- 1:38Nietzsche gelingt es immer, diesem Instrument einen schönen
- 1:41Ton zu entlocken, wenn das einmal nicht der Fall wäre, dann
- 1:45müsste er schon krank sein. Nietzsche berichtet, dass er von
- 1:48diesen menschlichen Instrumenten oft selbst gehört hat, dass sie
- 1:52noch nie zuvor so gut geklungen hätten.
- 1:55Das schönste Beispiel hierfür war für ihn der Jung verstorbene
- 1:58Heinrich von Stein. Dieser kam nach vorheriger
- 2:01höflicher Erlaubnisfrage für 3 Tage zu Nietzsche nach Sils
- 2:05Maria in die Schweiz von Stein, erklärte jedem, dass er nicht
- 2:09wegen der schönen Landschaft des Engadins dorthin gereist sei,
- 2:13dieser ausgezeichnete Mann war tief in die Welt von Richard
- 2:15Wagner und in die Gedankenwelt des Philosophen Eugen Düring
- 2:19verstrickt. Nietzsche beschreibt dies als
- 2:21einen Sumpf. Doch während dieser 3 Tage bei
- 2:24Nietzsche schien Heinrich von Stein wie verwandelt, als hätte
- 2:27ihn ein Sturmwind der Freiheit erfasst.
- 2:30Er wirkte wie jemand, der plötzlich auf seine eigene wahre
- 2:33Höhe gehoben wird und Flügel bekommt.
- 2:36Nietzsche sagte ihm bescheiden, das liege nur an der guten
- 2:40Bergluft, da man sich 6000 Fuß über Bayreuth befinde.
- 2:43Bayreuth steht hier als Sinnbild für die Welt Richard Wagners,
- 2:47doch Heinrich von Stein wollte ihm nicht glauben und wusste,
- 2:50dass es Nietzsches Einfluss war. Wenn in Nietzsches leben doch
- 2:53einmal kleine oder große Missetaten an ihm verübt wurden,
- 2:57so war der Grund dafür niemals ein böser Wille.
- 3:00Wenn überhaupt, so müsste er sich über den guten Willen der
- 3:03Menschen beklagen, denn dieser gut gemeinte Wille hat in seinem
- 3:06Leben großen Unfug angerichtet. Nietzsche erklärt, dass seine
- 3:10Lebenserfahrungen ihm das Recht geben, gegenüber allen
- 3:13sogenannten selbstlosen Trieben und gegenüber der bereiten
- 3:17Nächstenliebe zutiefst misstrauisch zu sein.
- 3:20Nächstenliebe und Mitleid gelten ihm als Schwäche.
- 3:24Sie sind das Unvermögen, reizen, Widerstand zu leisten.
- 3:27Er stellt klar, das Mitleid wird nur bei Décadon als Tugend
- 3:31betrachtet, ein Décadon ist für Nietzsche ein Mensch oder eine
- 3:35Kultur im Zustand des Niedergangs, des Verfalls und
- 3:38der biologischen oder geistigen Schwäche.
- 3:40Nietzsche wirft den mitleidigen Menschen vor, dass sie kein
- 3:43Schamgefühl, keine Ehrfurcht und kein Zartgefühl für menschliche
- 3:47Distanzen besitzen. Für ihn riecht das Mitleid im
- 3:50Handumdrehen nach Pöbel, also nach der breiten, ungebildeten
- 3:53Masse. Und es sieht schlechten Manieren
- 3:55zum Verwechseln ähnlich. Mitleidige Hände können in
- 3:59bestimmten Situationen geradezu zerstörerisch in ein großes,
- 4:02schweres Schicksal eingreifen, sie stören die notwendige
- 4:06heilende Einsamkeit eines verwundeten Menschen und greifen
- 4:08unerlaubt in das persönliche Recht auf schwere Schuld ein,
- 4:12das Mitleid zu überwinden, rechnet Nietzsche zu den
- 4:15vornehmen edlen Tugenden. Er verweist auf sein Buch.
- 4:19Also sprach Zarathustra. Dort hat er eine Szene
- 4:22geschrieben, in der ein großer Notschrei an Zarathustra
- 4:25herangetragen wird, das Mitleid überfällt Zarathustra wie eine
- 4:29letzte Sünde und will ihn von seiner eigenen großen Aufgabe
- 4:32abbringen, aber in diesem Moment der Versuchung, Herr über sich
- 4:35selbst zu bleiben, die eigene Aufgabe sauber zu halten, von
- 4:38all den viel niedrigeren und kurzsichtigeren Antrieben, die
- 4:41in diesen sogenannten selbstlosen Handlungen stecken,
- 4:44das ist die ultimative Probe. Es ist vielleicht die letzte
- 4:48Prüfung, die ein Mensch wie Zarathustra ablegen muss.
- 4:51Es ist sein eigentlicher Beweis von wahrer Kraft.
- 4:55Abschnitt 5 Nietzsche erklärt, dass er auch in einem weiteren
- 5:00Punkt, genau wie sein Vater ist und gewissermaßen dessen Leben
- 5:03nach einem viel zu frühen Tod fortsetzt.
- 5:06Nietzsche hat nie unter Menschen gelebt, die ihm völlig
- 5:09gleichgestellt waren, daher ist ihm der Begriff der Vergeltung,
- 5:13also das Prinzip von Rache oder Ausgleich für eine Tat.
- 5:16Völlig fremd und unzugänglich. Genauso fremd ist ihm der
- 5:20Begriff der gleichen Rechte. Nietzsche glaubt nicht an die
- 5:24Gleichheit der Menschen, für ihn gibt es starke, höher stehende
- 5:27Menschen und schwache, niedrigere Menschen, weil er
- 5:31diese Gleichheit ablehnt, verbietet er sich selbst jede
- 5:34Form von Gegenmaßnahme, wenn ihm eine kleine oder auch eine sehr
- 5:38große Dummheit angetan wird, er ergreift keine Schutzmaßnahmen,
- 5:42er verteidigt sich nicht und er versucht nicht, sich zu
- 5:45rechtfertigen. Nietzsches Art der Vergeltung
- 5:48sieht ganz anders aus. Er versucht einer Dummheit, die
- 5:52gegen ihn begangen wurde, so schnell wie möglich eine schlaue
- 5:55und kluge Handlung hinterherzuschicken.
- 5:58So könne man die Dummheit vielleicht noch einholen und
- 6:01ungeschehen machen. Er beschreibt das mit einem
- 6:03anschaulichen Bild, wenn ihm eine saure Geschichte passiert,
- 6:08schickt er, bildlich gesprochen, einen Topf mit süßer Konfitüre,
- 6:11um die Sache zu bereinigen. Wenn jemand ihm etwas Schlimmes
- 6:15antut, dann reagiert er auf seine Weise.
- 6:17Er findet schon bald eine Gelegenheit, dem Übeltäter sogar
- 6:20seinen Dank auszusprechen, manchmal sogar genau für diese
- 6:23Missetat, oder er bittet den Übeltäter um einen kleinen
- 6:26gefallen. Das ist klug, denn jemanden um
- 6:29etwas zu bitten, verpflichtet diesen Menschen oft viel mehr,
- 6:32als ihm einfach etwas zu geben. Nietzsche ist der Ansicht, dass
- 6:36das allergröbste Wort oder der Allergröbste Brief immer noch
- 6:40gutartiger und anständiger ist als reines Schweigen.
- 6:43Menschen, die Schweigen, anstatt ihren Ärger auszudrücken, fehlt
- 6:47es nach Nietzsches Meinung fast immer an seelischer Feinheit und
- 6:50an Höflichkeit des Herzens. Schweigen ist für ihn immer ein
- 6:54heimlicher Einwand gegen den anderen, seinen Ärger einfach
- 6:58hinunter zu schlucken, führt unweigerlich zu einem schlechten
- 7:01Charakter und verdirbt zudem den Magen.
- 7:04Er behauptet, dass alle Schweiger Dyspeptisch sind,
- 7:07Dyspeptisch bedeutet, an schmerzhaften
- 7:09Verdauungsstörungen zu leiden. Nietzsche verknüpft hier
- 7:13körperliche Gesundheit untrennbar mit dem geistigen und
- 7:15charakterlichen Verhalten. Er möchte, dass man die Grobheit
- 7:19und Direktheit nicht unterschätzt, ein ehrliches,
- 7:22grobes Wort ist für ihn bei weitem die menschlichste Form
- 7:25des Widerspruchs in einer Zeit, die er als Verweichlicht
- 7:29empfindet, ist Grobheit für ihn eine der ersten und wichtigsten
- 7:32Tugenden. Nietzsche schließt diesen
- 7:34Abschnitt mit dem Gedanken, dass es ein großes Glück sein kann,
- 7:38Unrecht zu haben, vorausgesetzt. Man ist innerlich reich und
- 7:42stark genug, um dies zu ertragen.
- 7:44Ein Gott, der auf die Erde käme, sollte gar nichts anderes tun,
- 7:48als Unrecht zu erleiden. Ein Gott sollte nicht die
- 7:51gerechte Strafe auf sich nehmen, sondern vielmehr die Schuld
- 7:55selbst. Erst das wäre im tiefsten Sinne
- 7:58eine wahrhaft göttliche Tat.