Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 4. Theil - 19 - Das Nachtwandler-Lied 8-12
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen vierter Teil
- 0:05Unterkapitel 19 das nachtwandlerlied, Abschnitt 8
- 0:13Zarathustra spricht in die dunkle Nacht hinein und ruft der
- 0:16Welt zu, dass der Schmerz, den Gott empfindet, noch viel tiefer
- 0:20ist als der Schmerz der Welt. Er bittet, die Welt nicht nach
- 0:23ihm zu greifen, sondern sich dem göttlichen Schmerz zuzuwenden.
- 0:28Zarathustra sieht sich selbst in diesem Moment nur noch wie ein
- 0:31trunkenes süßes Musikinstrument, eine Leier, die in der
- 0:34Mitternacht spielt. Er vergleicht sich auch mit
- 0:37einer unheimlichen Glocke oder dem Rufen einer Unke in der
- 0:39Nacht, die von niemandem wirklich verstanden wird,
- 0:43dennoch spürt er den Inneren Zwang vor den sogenannten
- 0:46höheren Menschen zu sprechen, auch wenn diese für seine wahren
- 0:49Botschaften taub sind mit den höheren Menschen meint Nietzsche
- 0:53jene Menschen, die zwar klüger und gebildeter sind als die
- 0:56breite Masse. Aber immer noch nicht die
- 0:58höchste Stufe der Entwicklung, den sogenannten Übermenschen,
- 1:01erreicht haben. Zarathustra ruft aus, dass die
- 1:05Jugend, der Mittag und der Nachmittag vergangen sind diese
- 1:09Tageszeiten stehen sinnbildlich für die früheren, helleren und
- 1:12vielleicht naiveren Phasen des Lebens und der Menschheit.
- 1:16Nun ist der späte Abend, die Nacht und schließlich die tiefe
- 1:20Mitternacht hereingebrochen. Er lauscht in die Nacht und
- 1:23vergleicht das Heulen des Windes mit dem Winseln und Bellen eines
- 1:26Hundes. Die Mitternacht selbst wirkt auf
- 1:29ihn wie ein lebendiges Wesen, das seufzt, lacht, Röchelt und
- 1:34nach Luft schnappt. Er wundert sich darüber, wie
- 1:37nüchtern und klar diese Mitternacht plötzlich zu ihm
- 1:39spricht, obwohl sie doch wie eine betrunkene Dichterin wirkt.
- 1:43Er fragt sich, ob sie ihren Rausch überwunden hat und nun
- 1:46überwach geworden ist. Er stellt sich vor, wie die
- 1:49tiefe Mitternacht in ihren Träumen.
- 1:51Ihre eigenen Schmerzen wieder keut, ähnlich wie eine Kuh ihr
- 1:55Futter, aber noch viel mehr als ihren Schmerz.
- 1:58So erkennt Zarathustra Keut die Mitternacht, ihre Freude, ihre
- 2:02Lust wieder. Hier formuliert Nietzsche einen
- 2:05zentralen Gedanken, auch wenn das Leid und der Schmerz der
- 2:09Welt unendlich tief sind, so ist die Freude, die Lebenslust noch
- 2:13viel tiefer als jedes Herzeleid. Die Freude durchdringt das
- 2:17Dasein noch grundsätzlicher als der Schmerz.
- 2:20Abschnitt 9 Zarathustra wendet sich nun an einen Weinstock.
- 2:26Ein starkes Bild für die Fülle des Lebens und auch für den
- 2:29Rausch. Er fragt den Weinstock, warum
- 2:31dieser ihn preist, obwohl Zarathustra ihn doch gerade mit
- 2:34einem Messer beschnitten hat. Zarathustra nennt sich selbst
- 2:38grausam, da er den Weinstock bluten lässt.
- 2:41Der Weinstock antwortet sinngemäß, dass alles, was
- 2:43vollkommen und vollkommen reif geworden ist, sterben möchte,
- 2:47das Reife Leben akzeptiert sein Ende.
- 2:50Deshalb wird das scharfe Messer des Winzers, das den Schnitt
- 2:53setzt, sogar gesegnet. Anders verhält es sich mit
- 2:56allem, was noch unreif ist. Das Unreife klammert sich an das
- 2:59Leben und will unter keinen Umständen vergehen, das Leid und
- 3:04der Schmerz rufen immer geh weg, verschwinde aber alles, was
- 3:08leidet, möchte tief in sich weiterleben, um irgendwann reif,
- 3:12fröhlich und voller Sehnsucht zu werden, es sehnt sich nach
- 3:16etwas, das weiter entfernt, höher und heller ist.
- 3:20Das Leidende möchte sich fortpflanzen, es möchte Erben
- 3:23und Kinder hinterlassen, weil es mit sich selbst in seinem
- 3:26gegenwärtigen Zustand nicht zufrieden ist.
- 3:29Die Freude, die Lust ist jedoch völlig anders.
- 3:33Die Lust will keine Erben und keine Kinder, die Lust will nur
- 3:37sich selbst. Sie verlangt nach der Ewigkeit
- 3:40und nach der ewigen Wiederkunft, die Ewige Wiederkunft ist eine
- 3:44der wichtigsten philosophischen Ideen Nietzsches.
- 3:47Es ist die Vorstellung, dass sich das gesamte Leben mit jedem
- 3:50noch so kleinen Detail unendlich oft genauso wiederholt, wie es
- 3:54bereits geschehen ist. Die wahre tiefe Lebensfreude
- 3:58liebt das Leben so sehr, dass sie wünscht, dass alles ewig und
- 4:02unverändert immer wieder zurückkehrt, während der Schmerz
- 4:06das Herz brechen und verschwinden will, ruft die
- 4:09Freude dem Leben zu, dass es für immer bleiben soll, Abschnitt
- 4:1410. Zarathustra wendet sich wieder
- 4:17den höheren Menschen zu und fragt sie, was sie nun von ihm
- 4:20denken. Sehen Sie in ihm einen
- 4:23Wahrsager, einen Träumer, einen Betrunkenen, einen traumdeuter
- 4:27oder gar die Mitternachtsglocke selbst?
- 4:30Er fragt sie, ob sie nicht den Duft der Ewigkeit riechen können
- 4:34in diesem erhabenen Moment spürt Zarathustra, dass seine Welt
- 4:38vollkommen geworden ist. Die Gegensätze der Welt heben
- 4:41sich auf, die Mitternacht wird für ihn gleichzeitig zum hellen
- 4:45Mittag. Der Schmerz verwandelt sich in
- 4:47Lust. Ein Fluch ist gleichzeitig ein
- 4:49Segen. Die dunkle Nacht leuchtet wie
- 4:52eine Sonne und ein weiser Mann erkennt, dass er auch ein Narr
- 4:55ist. Nietzsche zeigt hier, dass man
- 4:58das Leben nicht in einfache Kategorien von Gut und Böse oder
- 5:02hell und dunkel trennen kann. Alles gehört zusammen,
- 5:06Zarathustra enthüllt ein großes Geheimnis.
- 5:09Wenn ein Mensch in seinem ganzen Leben nur ein einziges Mal
- 5:12wirklich und aus tiefstem Herzen ja zu einem Moment der Freude
- 5:16gesagt hat, dann hat er damit unweigerlich auch ja zu allem
- 5:20leid und allem Schmerz gesagt. Alle Dinge in der Welt sind fest
- 5:24miteinander verkettet, verflochten und ineinander
- 5:28verliebt, man kann sich nicht nur die guten Dinge
- 5:30herauspicken, wenn man sich jemals gewünscht hat, dass ein
- 5:34flüchtiger glücklicher Augenblick bleibt oder noch
- 5:36einmal passiert. Dann hat man damit das gesamte
- 5:39Universum mit all seiner Geschichte zurückgewünscht.
- 5:42Die höheren Menschen sollen verstehen, wenn man die Welt
- 5:45wirklich liebt, dann liebt man sie ewig und zu jederzeit und
- 5:49selbst zum Schmerz muss man dann sagen Vergeh, aber komm wieder,
- 5:54denn die tiefste Freude verlangt nach der unendlichen Ewigkeit
- 5:57all dieser verwobenen Dinge. Abschnitt 11 zarathustra erklärt
- 6:04weiter, was diese tiefe Freude, diese Lust alles begehrt.
- 6:08Sie will die Ewigkeit für absolut alle Dinge, sie will das
- 6:12Süße wie den Honig, aber auch das bittere und gärende wie die
- 6:16Hefe, sie will die rauschhafte Mitternacht, sie will aber auch
- 6:20die Gräber, den Trost der Tränen an den Gräbern und das
- 6:24leuchtende Abendrot, das den Tag beendet.
- 6:27Es gibt nichts, was die Lebenslust nicht will, sie ist
- 6:31viel durstiger, herzlicher, hungriger, aber auch
- 6:34schrecklicher und geheimnisvoller als jedes Leid.
- 6:38Die Lust will sich selbst so sehr, dass sie quasi in sich
- 6:41selbst beißt. In ihr kämpft der Wille des
- 6:44Ringes, was wiederum ein Sinnbild für den ewigen
- 6:46Kreislauf der Zeit und die Ewige Wiederkunft ist.
- 6:50Die Lust ist so unendlich reich, dass sie Gegensätze in sich
- 6:53vereint, sie will die Liebe, aber sie will auch den Hass, sie
- 6:58ist so übervoll, dass sie sich verschenkt und geradezu darum
- 7:01bettelt, dass jemand ihre Gaben annimmt, sie bedankt sich sogar
- 7:05bei demjenigen, der von ihr nimmt.
- 7:07Und es stört Sie nicht einmal, wenn sie gehasst wird.
- 7:10Gerade weil die Lebensfreude so unerschöpflich reich ist, sehnt
- 7:13sie sich nach Dingen, die negativ erscheinen.
- 7:16Sie dürstet nach dem Leid, nach der Hölle, nach dem Hass, nach
- 7:20der Schande und nach den gebrochenen, verkrüppelten
- 7:22Existenzen, sie sehnt sich nach der Welt, genauso wie sie ist,
- 7:27mit all ihren Fehlern. Zarathustra sagt den höheren
- 7:30Menschen, dass diese unbändige und selige Lebenslust sich sogar
- 7:34nach ihnen und ihrem Scheitern sehnt.
- 7:37Die ewige Freude braucht das Missratene und fehlerhafte, um
- 7:40ganz zu sein, weil die Freude sich selbst bejaht, nimmt sie
- 7:44das Herzeleid willig in Kauf. Zarathustra ruft aus, dass die
- 7:48höheren Menschen dies endlich lernen müssen, die wahre Freude
- 7:52verlangt nicht nach einem flüchtigen Ende des Leids, die
- 7:55Freude verlangt nach der Ewigkeit, nach der tiefen,
- 7:58grenzenlosen Ewigkeit aller Dinge, Abschnitt 12.
- 8:05Zarathustra fragt die höheren Menschen, ob sie sein Lied nun
- 8:08gelernt und verstanden haben. Er fordert sie auf, gemeinsam
- 8:11mit ihm seinen Rundgesang zu singen.
- 8:14Ein Rundgesang ist ein Lied, das im Kreis gesungen wird und
- 8:17theoretisch nie endet, was wieder perfekt zur Idee der
- 8:20Ewigen Wiederkunft passt. Er sagt ihnen, dass das Lied den
- 8:24Namen noch einmal trägt und sein eigentlicher Sinn in alle
- 8:28Ewigkeit lautet. Dann folgt der Text des Liedes
- 8:32selbst, das die tiefsten Erkenntnisse zarathustras in
- 8:35poetischer Form zusammenfasst. Das Lied ruft den Menschen an
- 8:39und ermahnt ihn, aufmerksam zu sein.
- 8:41Es fragt, was die tiefe Mitternacht spricht, die
- 8:44Mitternacht sagt, dass sie geschlafen hat und nun aus einem
- 8:47tiefen Traum erwacht ist. Sie hat erkannt, dass die Welt
- 8:51tief ist, viel tiefer als der klare, rationale Verstand des
- 8:54Tages es sich jemals vorstellen könnte.
- 8:58Die Welt ist geprägt von einem tiefen weh, einem großen
- 9:01Schmerz. Doch die Mitternacht erkennt
- 9:03auch, dass die Lebensfreude, die Lust noch viel tiefer in den
- 9:06Grund der Welt reicht als dieser Schmerz.
- 9:09Der Schmerz ruft aus Vergeh er möchte ein Ende haben und
- 9:14verschwinden, doch jede wahre Freude begehrt das Gegenteil,
- 9:18die Lust will kein Ende, die Lust will die Ewigkeit, und zwar
- 9:22eine sehr tiefe, unendliche Ewigkeit.
- 9:25Die das gesamte Dasein mit allem Licht und allem Schatten für
- 9:28immer bejaht.