Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 3. Theil - 2 - Vom Gesicht und Räthsel
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen dritter Teil
- 0:05unter Kapitel 2 vom Gesicht und Rätsel.
- 0:10Dieses Kapitel beginnt damit, dass Zarathustra auf einem
- 0:13Schiff über das Meer reist. Unter den Seeleuten hat es sich
- 0:16schnell herumgesprochen, dass er an Bord ist.
- 0:19Sie sind neugierig auf ihn, Zarathustra schweigt jedoch die
- 0:23ersten 2 Tage, weil er sehr traurig ist.
- 0:26Erst danach bricht er sein Schweigen.
- 0:29Er wendet sich an die Matrosen, weil er sie für mutige Entdecker
- 0:32und abenteuerlustige Menschen hält, die es mögen, Rätsel zu
- 0:35lösen. Er erzählt ihnen von einer ganz
- 0:38besonderen Vision, die er hatte, eine Vision ist ein starkes
- 0:42inneres Bild oder ein Wachtraum er nennt diese Vision das
- 0:46Gesicht des Einsamsten, wobei das Wort Gesicht hier in der
- 0:49alten Bedeutung für eine Vision oder eine Erscheinung steht.
- 0:53Zarathustra beschreibt, wie er in seiner Vision einen sehr
- 0:56einsamen und steilen Bergpfad in der Dämmerung hinaufsteigt.
- 1:00Das gehen fällt ihm unglaublich schwer, der Weg ist steinig und
- 1:04unangenehm, aber das Schlimmste ist, dass etwas Schweres auf
- 1:07seinen Schultern sitzt, es ist ein Zwerg, der halb wie ein
- 1:10Zwerg und halb wie ein Maulwurf aussieht.
- 1:14Dieser Zwerg ist ein Symbol und steht für den sogenannten Geist
- 1:17der Schwere, der Geist der Schwere ist einer der
- 1:20wichtigsten Begriffe bei Nietzsche.
- 1:23Er verkörpert alle negativen, bedrückenden Gedanken der
- 1:25Menschen. Er steht zum Beispiel für alte
- 1:28moralische Regeln, für Traurigkeit, für den Glauben an
- 1:31die Sünde und für alles, was den Menschen nach unten zieht und
- 1:35ihn daran hindert, frei und leicht zu leben.
- 1:38Dieser Zwerg tröpfelt Zarathustra Worte in die Ohren,
- 1:41die so schwer sind wie flüssiges Blei, er verspottet Zarathustra
- 1:46und sagt ihm, dass er zwar hoch hinaus will.
- 1:48Aber wie ein hochgeworfener Stein am Ende doch wieder nach
- 1:52unten fallen muss. Der Zwerg meint damit, dass alle
- 1:55großen menschlichen Ziele zum Scheitern verurteilt sind.
- 1:58Doch Zarathustra gibt nicht auf, er spürt eine tiefe innere
- 2:02Kraft, die er Mut nennt, er erklärt den Seeleuten, dass Mut
- 2:06der beste Kämpfer gegen jede Form von Mutlosigkeit ist.
- 2:10Mut greift an und schlägt jeden Schmerz und sogar den Tod
- 2:13nieder. Für Nietzsche ist dieser Mut die
- 2:16entscheidende Kraft, um das Leben trotz all seiner Leiden
- 2:19voll und ganz zu bejahen. Mit diesem Mut bleibt
- 2:23Zarathustra stehen und fordert den Zwerg heraus, er ruft halt
- 2:28Zwerg, ich oder du, damit zeigt er seine Stärke, der Zwerg
- 2:34springt von seinen Schultern und setzt sich auf einen Stein, sie
- 2:38befinden sich nun genau an einem Torweg, über diesem Tor steht
- 2:42das Wort Augenblick. Dieser Augenblick steht für die
- 2:46Gegenwart, also das genaue jetzt, in dem Wir leben.
- 2:50An diesem Tor treffen 2 Wege aufeinander, der eine Weg führt
- 2:54unendlich lang zurück in die Vergangenheit, der andere Weg
- 2:58führt unendlich lang nach vorne in die Zukunft.
- 3:01Zarathustra fragt den Zwerg, ob diese beiden endlosen Wege sich
- 3:05für immer widersprechen, dann erklärt er seinen schwersten
- 3:08Gedanken, die sogenannte Ewige Wiederkunft desgleichen.
- 3:12Dieser Begriff ist das absolute Kernstück von Nietzsches
- 3:15Philosophie in diesem Buch. Zarathustra sagt, Wenn die Zeit
- 3:19unendlich ist, dann muss doch alles, was überhaupt passieren
- 3:22kann, auf diesem langen Weg aus der Vergangenheit schon einmal
- 3:25passiert sein, und das bedeutet auch, dass alles, was jetzt
- 3:29gerade in diesem Augenblick geschieht, in der unendlichen
- 3:32Zukunft immer und immer wieder geschehen muss, alles wiederholt
- 3:37sich in einem ewigen Kreislauf. Der Zwerg macht sich dieses
- 3:40Konzept zu leicht und sagt einfach, dass die Zeit eben ein
- 3:44Kreis ist. Zarathustra wird wütend über
- 3:47diese Vereinfachung. Er erklärt, dass dieser Gedanke
- 3:50eigentlich extrem erdrückend ist.
- 3:52Denn wenn sich wirklich alles wiederholt, dann wiederholt sich
- 3:55nicht nur das Gute, sondern auch jeder Schmerz, jede Dummheit,
- 3:59alles leid und jede Schwäche des Menschen unendlich oft diesen
- 4:04Gedanken zu ertragen, ist die größte Prüfung für einen
- 4:07Menschen. Während Zarathustra diesen
- 4:09dunklen Gedanken ausspricht, hört er in seiner Vision
- 4:12plötzlich einen Hund heulen. Dieses Heulen erinnert ihn an
- 4:16seine Kindheit, mit einem Schlag verändert sich die Landschaft in
- 4:19seinem Traum, er steht nun allein zwischen wilden Klippen
- 4:23im fahlen Mondschein, vor sich sieht er einen jungen Hirten auf
- 4:27dem Boden liegen, der Hirte windet sich, zuckt und würgt,
- 4:33sein Gesicht ist vor Schmerzen und Ekel völlig verzerrt.
- 4:36Aus dem Mund des Hirten hängt eine dicke, schwere schwarze
- 4:39Schlange. Die Schlange hat sich tief im
- 4:42Rachen des Hirten festgebissen. Diese Schlange ist ein weiteres
- 4:46wichtiges Symbol, sie steht für den extremen Ekel vor dem Leben
- 4:50und für das Würgen, dass der schreckliche Gedanke an die
- 4:52ewige Wiederkunft auslöst. Der Gedanke, dass all das Kleine
- 4:56und schlechte immer wiederkehrt, kriecht wie eine Schlange in den
- 4:59Menschen und droht ihn zu ersticken.
- 5:02Zarathustra rennt zu dem Hirten und versucht mit aller Kraft,
- 5:05die Schlange aus seinem Hals zu reißen, aber es gelingt ihm
- 5:09nicht, in seiner großen Verzweiflung und aus tiefstem
- 5:12Ekel und Mitleid schreit Zarathustra dem Hirten zu, beißt
- 5:16zu, beißt den Kopf ab, der Hirte hört auf, Zarathustra, er beißt
- 5:22mit ganzer Kraft zu, trennt den Kopf der Schlange ab und spuckt
- 5:25ihn weit weg, dann springt der Hirte auf, in diesem Moment ist
- 5:30er nicht mehr derselbe. Er ist kein gewöhnlicher Hirte
- 5:34und kein gewöhnlicher Mensch mehr.
- 5:36Er ist verwandelt, er strahlt hell und er lacht.
- 5:40Dieses Lachen ist laut Zarathustra kein normales
- 5:42menschliches Lachen mehr, es ist das Lachen des sogenannten
- 5:46Übermenschen, der Übermensch ist bei Nietzsche das große Ziel der
- 5:49menschlichen Entwicklung, es ist ein Mensch, der sich selbst und
- 5:53alle alten Ängste überwunden hat, der Übermensch ist jemand,
- 5:57der das Leben so unendlich stark liebt und bejaht, dass er sogar
- 6:00den schrecklichsten Gedanken. Die ewige Wiederholung allen
- 6:03Leids, symbolisiert durch die schwarze Schlange nicht nur
- 6:06ertragen, sondern aktiv überwinden, kann das Abbeißen
- 6:10des Schlangenkopfes ist die absolute Lebensbejahung.
- 6:14Durch diesen Befreiungsschlag kann der Mensch zum Übermenschen
- 6:17werden und völlig befreit lachen.
- 6:20Zarathustra beendet seine Erzählung vor den Seeleuten, er
- 6:23ist tief bewegt, er sehnt sich unbeschreiblich nach diesem
- 6:27hellen Lachen des Hirten, dass er in seiner Vision gehört hat.
- 6:31Er weiß, dass er selbst noch mit seinem eigenen Ekel kämpft und
- 6:34diesen leuchtenden Zustand des befreiten Übermenschen erst noch
- 6:37erreichen muss. Diese Sehnsucht lässt ihm fortan
- 6:40keine Ruhe mehr.