Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Zweites Hauptstück - 95-100
Transcript
- 0:00Unterkapitel 95 Moral des Reifen Individuums bisher dachte man
- 0:07moralisch zu sein, heißt unpersönlich zu sein, also sich
- 0:10selbst für andere Aufzuopfern. Nietzsche sieht das anders, er
- 0:15glaubt, dass wir vor einer Wende stehen, man wird erkennen, dass
- 0:18der größte Nutzen für alle dann entsteht, wenn jeder einzelne
- 0:21sich selbst zur höchstmöglichen Vollkommenheit entwickelt, wenn
- 0:25man aus sich eine ganze Person macht, bringt das allen mehr,
- 0:28als wenn man sich aufopfert. Man arbeitet für die anderen,
- 0:31indem man an seinem eigenen höchsten Vorteil arbeitet.
- 0:34Das ist die Moral des Reifen Individuums, es geht nicht mehr
- 0:38um Selbstaufopferung, sondern um Selbstentwicklung zum Wohle
- 0:42aller Unterkapitel, 69, Sitte und sittlich.
- 0:50In diesem Abschnitt untersucht Nietzsche den Ursprung dessen,
- 0:52was wir Moral nennen. Er stellt die These auf, dass
- 0:55Moralu moralisch sein oder sittlich sein.
- 0:59Ursprünglich nichts anderes bedeutet, als Gehorsam zu
- 1:02zeigen. Es geht dabei um den Gehorsam
- 1:04gegenüber alten Gesetzen oder Traditionen, die man auch Sitten
- 1:08nennt. Nietzsche erklärt, dass es dabei
- 1:10völlig egal ist, ob man diese Regeln gerne befolgt oder nur
- 1:14mit Mühe. Entscheidend ist allein, dass
- 1:17man sie befolgt, wer dies tut, wird als gut bezeichnet, ein
- 1:22guter Mensch ist also jemand, der wie von der Natur gegeben
- 1:26oder durch lange Erziehung gelernt.
- 1:28Die Traditionen leicht und gerne einhält.
- 1:31Ein wichtiger Punkt ist hier, wie sich die Bedeutung von Gut
- 1:34wandelt. Anfangs nannte man jemanden gut,
- 1:37weil er nützlich für die Gemeinschaft war, indem er die
- 1:40Sitten befolgte, später, als sich die Sitten änderten, nannte
- 1:44man vor allem diejenigen gut, die wohlwollend oder hilfreich
- 1:46waren. Im Gegensatz dazu steht das Böse
- 1:50für Nietzsche bedeutet böse ursprünglich nicht sittlich oder
- 1:54unsittlich. Das heißt, wer gegen die
- 1:57Tradition verstößt, wer neue Wege geht oder sich dem
- 2:00Herkommen widersetzt, gilt als böse.
- 2:03Dabei ist es unwichtig, ob dieser neue Weg vernünftig oder
- 2:06dumm ist. Allein der Bruch mit der
- 2:08Tradition wird verurteilt der Grund dafür ist, dass in alten
- 2:11Gemeinschaften jede Handlung, die dem Nachbarn oder der Gruppe
- 2:14schadet, als böse empfunden wurde.
- 2:17Nietzsche räumt hier mit einem Missverständnis auf, wir glauben
- 2:21oft, der Unterschied zwischen Gut und böse sei der Unterschied
- 2:24zwischen selbstlos. Unegoistisch und Eigensüchtig
- 2:29egoistisch Nietzsche sagt aber, das sei falsch.
- 2:33Der eigentliche Gegensatz ist die Bindung an die Tradition auf
- 2:35der einen Seite und die Lösung von der Tradition auf der
- 2:38anderen Seite. Die Traditionen selbst sind
- 2:41entstanden, um eine Gemeinschaft zu erhalten, oft basierend auf
- 2:44Aberglauben oder Zufällen, die man falsch gedeutet hat.
- 2:48Wer sich von diesen Traditionen löst, gilt als gefährlich für
- 2:51die Gemeinschaft und wird deshalb bestraft.
- 2:54Moral ist also ursprünglich die Ehrfurcht vor dem Altertum und
- 2:57der Tradition Unterkapitel 97 die Lust in der Sitte ja, hier
- 3:06erklärt Nietzsche, warum Menschen an Sitten und Bräuchen
- 3:08festhalten und führt dies auf das Gefühl der Lust zurück.
- 3:12Er beschreibt, dass Gewohnheit eine wichtige Quelle für
- 3:15Wohlbefinden ist. Wenn wir etwas tun, dass wir
- 3:18gewohnt sind, fällt es uns leichter, wir können es besser,
- 3:21und weil es uns leicht fällt, empfinden wir dabei Lust.
- 3:24Außerdem wissen wir aus Erfahrung, dass das Gewohnte
- 3:27bisher funktioniert hat. Es ist also nützlich.
- 3:30Eine Sitte ist demnach die Verbindung von dem, was angenehm
- 3:33ist, und dem, was nützlich ist, wenn man sich an eine Sitte
- 3:37hält, muss man nicht mehr nachdenken oder Entscheidungen
- 3:40treffen, was ebenfalls als angenehm empfunden wird.
- 3:44Nietzsche beschreibt weiter, dass Sitten durch Zwang
- 3:46entstehen können, wenn jemand macht hat, zwingt er anderen
- 3:49seine Gewohnheiten auf, um seine eigene Art zu leben
- 3:52durchzusetzen. Auch eine Gemeinschaft zwingt
- 3:55den Einzelnen, sich anzupassen. Hier begehen die Menschen laut
- 3:58Nietzsche einen Denkfehler, nur weil man sich mit einer Sitte
- 4:02wohlfühlt oder weil man mit ihr überlebt hat, glauben die
- 4:05Menschen, diese Sitte sei notwendig und die einzig
- 4:08richtige Art zu leben, sie halten ihre Gewohnheit für eine
- 4:12Bedingung des Daseins, besonders in frühen Kulturen hatten die
- 4:16Menschen große Angst vor Veränderungen, weil sie die
- 4:18wahren Ursachen von Ereignissen nicht verstanden.
- 4:21Sie glaubten, dass alles seinen gewohnten Gang gehen muss, damit
- 4:24kein Unglück geschieht. Selbst wenn eine Sitte hart oder
- 4:28schmerzhaft ist, wird sie beibehalten, weil sie als
- 4:31nützlich gilt. Mit der Zeit wird aber auch die
- 4:34härteste Sitte zur Gewohnheit und erzeugt dadurch wieder ein
- 4:37Gefühl der Lust. Unterkapitel, 89 Lust und
- 4:43sozialer Instinkt in diesem Unterkapitel geht es darum, wie
- 4:48der Umgang mit anderen Menschen unsere Gefühle verändert.
- 4:51Nietzsche sagt, dass durch soziale Beziehungen eine neue
- 4:54Art der Lust entsteht. Der Mensch empfindet nicht mehr
- 4:57nur Lust an sich selbst, sondern gewinnt Freude durch den Kontakt
- 5:00zu anderen. Nietzsche vermutet, dass dies
- 5:03schon bei Tieren beginnt, zum Beispiel wenn sie miteinander
- 5:06spielen. Besonders wichtig ist aber auch
- 5:09die Sexualität und die Beziehung zwischen den Geschlechtern, die
- 5:12Menschen füreinander interessant macht, wenn Menschen zusammen
- 5:16sind und ähnliche Dinge tun, entsteht ein Gefühl der
- 5:19Sicherheit. Man fühlt sich wohler, wenn man
- 5:21sieht, dass der andere das gleiche empfindet.
- 5:24Das gemeinsame Erleben mindert Misstrauen und Neid, wenn man
- 5:28sieht, dass der andere sich wohlfühlt, fühlt man sich selbst
- 5:31auch wohl. Dies gilt auch für negative
- 5:34Dinge, wenn Menschen gemeinsame Leiden, gefahren oder Feinde
- 5:38haben, weckt das die Fantasie und das Mitgefühl, man erkennt,
- 5:42dem anderen, geht es wie mir, darauf baut sich laut Nietzsche
- 5:46die älteste Form eines Bündnisses auf.
- 5:49Der Sinn eines solchen Bündnisses ist es, gemeinsam
- 5:52Bedrohungen abzuwehren und Unlust zu vermeiden.
- 5:56Aus diesem gemeinsamen Streben nach Sicherheit und Lust wächst
- 5:59der soziale Instinkt, es geht also im Kern darum, gemeinsam
- 6:02negative Gefühle zu vermeiden und Positive zu verstärken.
- 6:08Unterkapitel 99 das Unschuldige an den sogenannten bösen
- 6:13Handlungen Nietzsche trifft hier eine sehr provokante Aussage.
- 6:19Alle Handlungen, die wir böse nennen, sind eigentlich
- 6:22unschuldig. Er begründet das damit, dass
- 6:25jede Handlung aus dem Trieb zur Selbsterhaltung entspringt.
- 6:28Wir handeln, um Lust zu gewinnen oder Schmerz zu vermeiden.
- 6:32Diese Motivation ist natürlich und nicht böse.
- 6:35Nietzsche sagt, dass es so etwas wie Schaden zufügen, nur um
- 6:38Schaden zuzufügen, gar nicht gibt.
- 6:41Niemand fügt einem anderen Schmerz zu, nur damit dieser
- 6:44Schmerzen hat. Der Schmerz des anderen ist
- 6:47immer nur ein Mittel zum Zweck, zum Beispiel, um sich selbst zu
- 6:50schützen oder um Rache zu üben in einem Zustand, bevor es
- 6:54Staaten und Gesetze gab, war es völlig normal, andere Lebewesen
- 6:58zu töten oder zu verletzen, um das eigene Überleben zu sichern,
- 7:02so wie wir heute noch gedankenlos eine Blume pflücken
- 7:06oder durch den Wald gehen, dass wir bestimmte Handlungen heute
- 7:09als böse Empfinden, liegt an einem Irrtum.
- 7:13Wir glauben fälschlicherweise, dass der andere, der uns
- 7:16schadet, einen freien Willen hat.
- 7:18Wir denken, er hätte sich frei entscheiden können, uns nicht zu
- 7:21schaden, dieser Glaube, dass er es aus reiner Willkür getan hat,
- 7:26macht uns wütend und lässt uns die Handlung als Böse
- 7:29verurteilen, doch Nietzsche argumentiert, wenn ein Löwe
- 7:33einen Menschen frisst, nennen wir das nicht böse, weil wir
- 7:36wissen, er muss es tun, wenn wir verstehen, dass auch Menschen
- 7:40aus Notwendigkeit und trieben handeln.
- 7:42Erkennen wir Ihre Unschuld? Moral entsteht erst, wenn eine
- 7:46größere Macht wie der Staat oder die Gesellschaft den Einzelnen
- 7:49zwingt, sich Regeln unterzuordnen, um Strafen zu
- 7:53entgehen. Fügt man sich später, wird
- 7:56dieser Zwang zur Gewohnheit, dann zum freien Gehorsam und
- 7:59schließlich fast zum Instinkt, wenn das Befolgen der Regeln
- 8:02schließlich mit Lust verbunden ist, nennt man es Tugend, unter
- 8:08Kapitel 100 Scham. Nietzsche definiert Scham als
- 8:14ein Gefühl, das immer dort auftritt, wo es ein Mysterium
- 8:17oder Geheimnis gibt. In alten Kulturen gab es
- 8:20religiöse Bereiche, die nicht jeder betreten durfte, wenn man
- 8:24sich diesen heiligen Orten näherte, empfand man scheu und
- 8:27Angst. Dieses Gefühl wurde später auf
- 8:29andere Bereiche übertragen, besonders auf die Sexualität und
- 8:33die geschlechtlichen Beziehungen, diese wurden wie
- 8:36ein heiliger Bezirk behandelt, der den Blicken, vor allem den
- 8:39Blicken der Jugend entzogen werden sollte.
- 8:42Diese Geheimhaltung erzeugte das Gefühl der Scham.
- 8:45Nietzsche zieht Parallelen zur Architektur und Religion sowie
- 8:49bestimmte Bereiche in Tempeln. Nur für Eingeweihte waren.
- 8:52So wurden auch Bereiche des menschlichen Lebens tabuisiert,
- 8:55auch die Vorstellung der Seele als etwas innerliches und
- 8:58Verborgenes gehört dazu, weil die Seele lange Zeit als etwas
- 9:02Göttliches und unberührbares galt, empfinden wir Scham, wenn
- 9:05unser Innerstes Bloßgelegt wird. Scham ist also ursprünglich die
- 9:09Angst vor dem Eindringen in einen geschützten heiligen
- 9:12Bereich.