Latest / DAZWISCHEN Der Sachsen-Anhalt-Podcast / Demokratiebildung in Sachsen-Anhalt: Wie lernen wir Demokratie?
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- 0:00Es gibt eine Stimmung in Teilen der Wählerschaft, die irgendwie geprägt ist von Feindseligkeit gegenüber demokratischen Parteien. Und wenn es der Politik,
- 0:07wenn es der Verwaltung, aber auch der Zivilgesellschaft nicht gelingt, dieser Stimmung zu begegnen und Menschen wieder zu gewinnen fürs Mitmachen, fürs Aktivsein, sich
- 0:13konstruktiv einzubringen, dann fehlt es der Demokratie an Leben und Beteiligung.
- 0:17Und das wäre im Worst Case der Tod auf Raten. Der, der hier so entschlossen mahnt, dass Menschen sich für eine pluralistische Demokratie einsetzen
- 0:23sollten, ist Pascal Begrich. Er ist Geschäftsführer vom Miteinander e.V., einem der bekanntesten zivilgesellschaftlichen Vereine in Sachsen-Anhalt im Bereich Demokratiearbeit. Und ich
- 0:29finde, Demokratiearbeit ist ein total interessantes Wort, denn ja, Demokratie ist Arbeit.
- 0:34Sie ist kein Fest im steingemeißelten Zustand, sondern eine fortwährende Entwicklung, und für die braucht es Einsatz. Der Soziologe Oskar Neckt hat ja mal
- 0:39über die Demokratie gesagt: „Demokratie ist die einzige politisch verfasste Gesellschaftsordnung, die
- 0:43gelernt werden muss.“ Aber wie lernen wir eigentlich Demokratie? Stimmt es, dass
- 0:49Demokratie zerbricht, wenn wir uns nicht für sie einsetzen? Und was passiert,
- 0:55wenn Demokratiebildungsprojekte wegfallen, weil sie nicht mehr gefördert werden? Darüber sprechen wir
- 1:01heute bei Dazwischen. Vorher schauen wir nochmal zurück. Anne hat wie immer
- 1:12eure Nachrichten und Kommentare im Blick. Anne, was kam denn in der
- 1:16vergangenen Woche rein? Ja, Carla aus Magdeburg hat ein Lob für den
- 1:20Podcast dargelassen und speziell etwas zur Grenzerfahrungsfolge geschrieben. Sie arbeitet nämlich beim
- 1:26Landesbeauftragten für die Aufarbeitung der SED-Diktatur in Sachsen-Anhalt und hat
- 1:30uns gebeten, auf deren Angebot hinzuweisen. Sie beraten und unterstützen dort nämlich
- 1:36Menschen, die von SED-Unrecht betroffen waren, und bieten auch Hilfe bei
- 1:40der Einsicht in Stasi-Akten an. Carla sagt, viele Menschen sind betroffen,
- 1:44kennen die Angebote aber nicht. Deshalb war ihr das ein großes Anliegen.
- 1:48Wichtiger Hinweis und irgendwie auch schön zu sehen, dass immer noch Menschen
- 1:52neu in unserem Podcast einsteigen und auch die alten Folgen hören. Es
- 1:56gab aber auch noch Feedback zu unserer vorletzten Folge mit Arne Semsrott.
- 2:00Detlef hat geschrieben: „Möglicherweise hat sich die AfD in meinem Fall ins
- 2:04Knie geschossen, denn Arne Semsrott hatte ich bis dahin überhaupt nicht auf
- 2:08dem Schirm.“ Und ebenfalls ein Feedback zum Interview mit Arne Semsrott gab
- 2:12es von Michael. Der schreibt: „Es macht total Mut, weil es zeigt,
- 2:16wie stark der zivile Widerstand gerade ist und wie man selbst aktiv
- 2:20werden kann, anstatt nur frustriert zuzuschauen. Das hat mir richtig gute Energie
- 2:24gegeben.“ Das ist doch auch mal richtig schönes Feedback. Das freut uns
- 2:27natürlich sehr. Habt ihr auch Feedback für uns? Lob, Anmerkungen, Hinweise oder
- 2:32konstruktive Kritik? Dann schreibt uns immer gerne. Ihr findet uns wirklich so
- 2:36gut wie überall in sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Mastodon. Da
- 2:40einfach nach detektor.fm suchen oder kommentiert einfach auf eurer Lieblings-Podcast-
- 2:44Plattform. Oder schreibt uns eine Mail. Die Adresse lautet dazwischen@detektor.fm. So, Leonard, ich habe in der letzten Folge ja schon verraten,
- 2:49dass ich dich in dieser Folge mit in den Burgenlandkreis nehme und
- 2:52zwar in den östlichsten Zipfel, fast schon nach Thüringen. Dort in der
- 2:56Gemeinde Elsterauer liegt Spora. Und von dem Ort hast du vielleicht schon
- 3:00mal gehört, denn da gibt es zwar nur so ungefähr 900 Einwohner,
- 3:03aber die stellen richtig viel auf die Beine und haben schon total
- 3:06viele Preise dafür bekommen. Und die Menschen in Spora, die haben ein
- 3:10ganz besonderes Projekt für Kinder. Seit 2021 gibt es die Kinderbürgermeister bei
- 3:15uns. Die Kinder haben eine Stimme bei uns im Dorf, erlernen politisches
- 3:20Interesse und Demokratie. Die lernen nicht zu meckern, sondern einfach selber was
- 3:25zu tun und zu machen. Die konnten schon selber in der Verwaltung
- 3:29beim hauptamtlichen Bürgermeister reinschnuppern und dort einen Tag verbringen. Die erlernen ganz
- 3:35viel Selbstbewusstsein, was fürs Leben wichtig ist. Und ja, die lernen sich
- 3:40durchzusetzen bei uns im Dorf. Und das ist gut so. Also bei
- 3:43uns unterhält sich eine Fünfjährige halt mit einer 80-Jährigen, was wir
- 3:47im Dorf machen können. Und das ist eine absolute Bereicherung. Diese Sprachnachricht
- 3:52haben wir von Katharina aus Spora bekommen. Sie ist da Ortsbürgermeisterin. Und
- 3:57eigentlich hatte ich mich mit ihr und den beiden Kinderbürgermeistern zum Interview
- 4:00verabredet. Aber wie das manchmal so ist, die bereiten da schon wieder
- 4:03irgendeinen Wettbewerb vor, haben total viel zu tun. Und dann hat das
- 4:06eben leider nicht geklappt. Ja, das klingt auf jeden Fall total spannend
- 4:09und ich finde irgendwie auch ganz schön, weil gerade Kommunalpolitik ist ja
- 4:12so ein Bereich, der uns eigentlich direkt betrifft, wo wir direkt sehen,
- 4:15was umgesetzt wird, wo wir direkt davon betroffen sind, ganz unmittelbar. Und
- 4:19trotzdem ist das so ein Bereich, zu dem ganz viele Menschen gar
- 4:21nicht so einen richtigen Zugang haben. Und dass jetzt die
- 4:24Kinder das eben machen können, so ganz greifbar, ganz direkt und sich da einbringen
- 4:27können, klingt auf jeden Fall erst mal ziemlich cool. Wie ist man
- 4:30denn in Spora auf die Idee mit diesem Kinderbürgermeister gekommen? Herr Spora
- 4:34muss sich wie viele kleine Ortschaften auch die Frage stellen: Wie halten
- 4:37wir unsere jungen Leute hier und wie halten wir auch unseren Ort
- 4:41lebendig? Ja, demografischer Wandel, Landflucht, das ist ja eine große Herausforderung in
- 4:45Sachsen-Anhalt. Darüber haben wir auch in der Folge übers Dorfsterben schon
- 4:49gesprochen. Hört also gern noch rein, wenn ihr das noch nicht gemacht
- 4:51habt. Fazit der Folge war ja: Man kann den Bevölkerungsrückgang gerade in
- 4:55den ländlichen Regionen eigentlich nicht mehr wirklich aufhalten. Aber starker Zusammenhalt und
- 5:00gemeinsames Mitgestalten hilft zumindest, dass nicht noch mehr Leute weggehen. Und in
- 5:05Spora, wie sicherlich in vielen kleinen Orten auch, kam diese Frage noch
- 5:09mal verschärft auf 2021 während der Corona-Pandemie. Da sind ganz viele
- 5:14gemeinsame Aktivitäten, auch so Vereinsveranstaltungen, weggefallen. Und dann hat man sich gedacht:
- 5:19„Gut, also wenn wir irgendwie wollen, dass die Kinder und Jugendlichen hierbleiben,
- 5:22dass die auch nach Corona wieder in die Vereine gehen, dann müssen
- 5:25wir die stärker mit einbeziehen.“ Und dazu nochmal Katharina: „Wir können jammern,
- 5:29dass wir kein Geld haben in der Kommune oder in unserer Region.
- 5:32Das wollen wir aber nicht. Wir wollen sagen, wir gucken selber, dass
- 5:35wir irgendwo Geld herkriegen. Wir haben Wettbewerbe gemacht, haben uns überall angemeldet, gucken
- 5:40nach jedem kleinen Förderprojekt, was wir am Spielplatz machen können. Die Kinder
- 5:44entscheiden dann, was bauen wir auf dem Spielplatz, werden halt in Entscheidungen
- 5:48mit einbezogen. Die kommen mittlerweile auf uns zu und sagen: „Das und
- 5:51das brauchen wir im Jugendclub“ oder „das und das brauchen wir auf
- 5:54dem Sportplatz.“ Und ich glaube, die Kinder, die sind mittlerweile alle in
- 5:59irgendwelchen Vereinen bei uns im Dorf und die haben da auch Lust.
- 6:03Die helfen bei jedem Fest mit, die kümmern sich um das Essen,
- 6:06haben meistens so einen Süßigkeitenstand. Seit 2021 gibt es also immer zwei
- 6:11Kinderbürgermeister in Spora. Im Moment sind es zwei Mädchen, beide 15 Jahre
- 6:15alt, und die lernen in Spora ganz praktisch Mitbestimmung, aber eben, wie
- 6:19wir auch gerade gehört haben, auch Verantwortung. Und das sind wichtige Grundprinzipien
- 6:23unserer Demokratie. Ja, du hast ja ganz am Anfang schon den Soziologen
- 6:27Oskar Neck zitiert und er sagt: „Wir müssen Demokratie lernen.“ Aber warum
- 6:31eigentlich? Naja, eigentlich müsste es ja heißen: Wenn wir Demokratie wollen, müssen
- 6:35wir sie lernen und lehren. Denn jemand, der ein totalitäres System zum
- 6:39Beispiel haben möchte, der muss Demokratie natürlich überhaupt gar nicht lernen. Totalitäre
- 6:43Systeme sind ziemlich einfach zu verstehen. Du hast eine Partei oder einen
- 6:47Führer und der besitzt eben die entscheidende Macht und sagt allen anderen,
- 6:50was zu tun ist. Bei der Demokratie ist es ein bisschen komplizierter,
- 6:54weil es einfach so verschiedene Ebenen gibt und man eben gemeinsam nach
- 6:58Lösungen sucht, die dann möglichst auch alle einschließen. Wir haben darüber mit
- 7:02Benjamin Höhne gesprochen, Politikwissenschaftler an der TU Chemnitz, und der sagt: „Naja,
- 7:07ich würde zunächst einmal sagen, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit ist, sondern Demokratie
- 7:12davon lebt, dass sie Unterstützung in der Bevölkerung findet. Man muss immer
- 7:17wieder auch für Demokratie werben. Demokratische Prozesse sind oft langwierig, schwierig. Mitunter
- 7:24kommen nur Minimalkompromisse dabei raus. Und das ist auch sehr, sehr kompliziert
- 7:28geworden. Demokratie findet in einem Mehrebenensystem statt heutzutage. Das heißt, das ist
- 7:33nicht nur die kommunale Ebene, sondern die ist verbunden mit der Landesebene,
- 7:36der Bundesebene. Europa hat mitzureden und da gibt es starke Interaktionen. Und
- 7:41das ist teilweise so kompliziert, dass selbst Politikwissenschaftler nicht mehr an jeder
- 7:45Stelle in jedem Detail durchblicken. Von daher braucht es Bildung. Und die
- 7:51beginnt, da sind sich Experten einig, am besten so früh wie möglich,
- 7:55also schon im Kindesalter. Und deswegen steht auch im 16. Kinder-
- 8:00und Jugendbericht der Bundesregierung: Demokratische Bildung wird als zentrale Voraussetzung für eine
- 8:06stabile Demokratie verstanden. Das, was Benjamin Höhne da beschreibt, kann ich gut
- 8:15verstehen. Für mich ist das auch so, obwohl ich mich viel mit
- 8:18Demokratie beschäftige, finde ich manche Sachen schwer zu greifen. Und jetzt reden
- 8:23wir ja über frühe demokratische Bildung, also sogar schon im Kindesalter. Und
- 8:27demokratische Bildung, ja, ist wichtig, aber ist natürlich auch irgendwie ein abstrakter
- 8:32Begriff. Was heißt das denn konkret oder wie lernen denn Kinder Demokratie?
- 8:36Ja, also du brauchst jetzt Kinder natürlich nicht versuchen, die verschiedenen Ebenen
- 8:40der kommunalen bis hoch zur internationalen Politik zu erklären. Also das macht
- 8:44irgendwie wenig Sinn. Für meine siebenjährige Tochter sind selbst die Unterschiede zwischen
- 8:48so Staat, Bundesland und Land noch total abstrakt. Aber was man
- 8:52Kindern schon super früh beibringen kann in der Familie oder auch in
- 8:56der Kita, das sind die Grundlagen für demokratische Prozesse. Also ohne dass
- 9:00man das jetzt so nennen muss. Ein ganz einfaches Beispiel: Werden Kinder
- 9:04bei Entscheidungen mit einbezogen? Dürfen die ihre Meinung äußern? Werden unterschiedliche Ansichten
- 9:09da auch irgendwie respektiert? Erleben die da eine Fairness, eine Solidarität im
- 9:13Umgang? Diese Art der Auseinandersetzung mit Kindern, das kann ich aus eigener
- 9:17Erfahrung sagen, die kann super anstrengend sein, ist aber total wichtig, damit
- 9:21sie frühzeitig grundlegende Werte wie Rücksichtnahme, Mitbestimmung und eben auch den Umgang
- 9:26mit Vielfalt lernen. Ja, dieses Gefühl, mitbestimmen zu können und von Anfang
- 9:31an ernst genommen zu werden, aber auch Widerspruch auszuhalten, macht, meiner Erfahrung
- 9:35nach, ja auch sehr viel dafür aus, wie man so auf Politik
- 9:39und das Leben guckt. Denn das Gefühl, sich einbringen zu können, ist
- 9:43ja auch irgendwie das Gegenteil von diesem Ohnmachtsgefühl und dem Gefühl, übersehen
- 9:46zu werden, was manche Menschen haben. Genau, man nennt das auch Selbstwirksamkeit.
- 9:50Also dieses Gefühl: Meine Stimme, die macht einen Unterschied. Und das ist
- 9:54super essentiell in der Demokratie. Und dann spielt für Demokratiebildung, du
- 9:58hast ja gerade angesprochen, wie du das mit deiner Tochter machst, aber
- 10:01wahrscheinlich spielt ja auch die Schule eine große Rolle, oder? Im besten
- 10:04Fall ja. Aber wie ist halt die Frage? Dazu braucht es wirklich
- 10:08gute Methoden. Denn ob ich jetzt wirklich ein besseres Verständnis von Demokratie
- 10:12bekomme, wenn ich im Unterricht irgendwelche Dinge auswendig lerne, das bezweifle nicht
- 10:17nur ich, das bezweifelt auch Benjamin Höhne. Ich bin dann jetzt nicht
- 10:20so ein Freund davon, dass man, ja, nicht die Abläufe in
- 10:24den Verfassungsinstitutionen erklärt und dort in die Details geht, die eher was
- 10:29für vielleicht politikwissenschaftliche Feinschmecker sind, sondern eher Werte. Und das ist der
- 10:35glaube ich entscheidende Punkt, auch ein Stück weit wegzukommen von der bloßen
- 10:38Weitergabe, von der bloßen Vermittlung demokratischer Werte hin zur Praxis von Demokratie.
- 10:45Das kann in der Klasse sein, über gelebte Demokratie, über Klassensprecher. Also eine
- 10:50Demokratie erfahrbar machen, das ist was ganz Essentielles, weil damit oftmals das
- 10:55Gefühl der politischen Selbstwirksamkeit einhergehen kann. Das heißt, ich, der da mitmacht,
- 11:00habe das Gefühl: Meine Stimme wird gehört, die bewirkt irgendwie was, Prozesse
- 11:04verändern sich zum Positiven. Das ist super wichtig, dass die Menschen, man
- 11:08hat auch junge Menschen, so ein Gefühl bekommen. Ja, und aus meiner
- 11:11eigenen Erfahrung kann ich sagen, auch wenn man am Ende nichts Positives
- 11:14erreicht, aber dieses Gefühl, zusammen an was zu arbeiten und zusammen gehört
- 11:18zu werden, zusammen sich für was einzusetzen, Kompromisse auszuhandeln, das macht ja
- 11:22alles total viel aus. Einfach damit man das Gefühl hat: Ja, es
- 11:26gibt Möglichkeiten, wie ich mich zumindest theoretisch einbringen kann, und das ist
- 11:29irgendwie wichtig. Wie läuft es denn an den Schulen so im Moment?
- 11:32Ich habe vorhin schon den 16. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung
- 11:36angesprochen und der kritisiert sehr klar Defizite in der politischen Bildung an
- 11:41Schulen. Man würde da zu wenig Unterrichtszeit für aufwenden und es gäbe
- 11:45auch große Unterschiede zwischen den Bundesländern. Empfohlen werden in dem Bericht mindestens
- 11:49zwei Wochenstunden politische Bildung in den Klassen 5 bis 10 sowie mehr
- 11:54demokratische Mitbestimmung an Schulen. Bei uns in der Schule war das eigentlich
- 11:57ganz in Ordnung. Ich erinnere mich, bei uns gab es natürlich Klassensprecher,
- 12:01Schulsprecher und so weiter. Ich war auch selbst manchmal Klassensprecher. Das fand
- 12:05ich immer spannend, weil ja, man hat viel gesehen, was so geklärt
- 12:08worden ist, wie es geklärt worden ist, auch was in anderen Klassenstufen
- 12:12so Probleme waren. War natürlich auch dann spannend, bei den älteren Schülern
- 12:15zu gucken, wie die dann so mit dem Rektor diskutieren und verhandeln.
- 12:18Und dann wurde vielleicht doch eine neue Toilette mal gebaut oder so.
- 12:21Es gab an unserer Schule aber tatsächlich auch, glaube ich, so eine
- 12:24Luxussituation, weil wir hatten relativ viele Angebote, auch über AGs und so
- 12:28weiter, wie man sich relativ aktiv ins Schulleben einbringen konnte. Eben mal
- 12:32eine Wand gestalten oder irgendwie beim Schulessen mal mitkochen oder Streitschlichtungs-AG
- 12:37und Probleme lösen oder so. Da gab es immer schon Möglichkeiten, wie
- 12:40man auch in Prozesse ganz aktiv direkt eingreifen konnte, auch wenn man
- 12:43jetzt nicht so gewählter Schulsprecher war oder so was. Also die Ebene
- 12:47hat bei uns, glaube ich, auch gut funktioniert. Ich war auch Klassensprecherin,
- 12:51fand das auch irgendwie ein wichtiges Instrument, war dann später auch mal
- 12:54so stellvertretende Jahrgangssprecherin und erinnere mich auch, dass wir da öfter mal
- 12:57so beim Direktor saßen und dann uns ganz wichtig gefühlt haben, weil
- 13:01wir da so Dinge besprochen haben, die den Schülerinnen und Schülern auf
- 13:05der Seele lagen. Also ja, das ist so die eine Ebene, die
- 13:08dieser Jugendbericht oder Kinder- und Jugendbericht aufmacht. Und die andere, das
- 13:12sind eben zwei zusätzliche Wochenstunden, in denen es eben in der Schule
- 13:16um politische Bildung geht. Wie ist es dann gedacht? Also ist das
- 13:20dann als eigenes Fach gedacht oder soll das eher abgedeckt werden von
- 13:24anderen Fächern, wie zum Beispiel Sozialkunde oder Politik oder so? Ja, das
- 13:27wird jetzt in dem Bericht nicht ganz explizit geschrieben. Da steht, das
- 13:31könnte im Sachkundeunterricht, Politik oder Geschichte stattfinden. Wichtig wäre eben, dass junge
- 13:36Menschen wirklich verstehen, wie unser Staat aufgebaut ist, wie die Demokratie und
- 13:40auch Wahlen funktionieren, was im Grundgesetz steht und auch, wie man politische
- 13:44Themen kritisch hinterfragen und auch vielleicht verschiedene Standpunkte verstehen kann, damit man
- 13:49eben in der Lage ist, sich eine eigene Meinung zu bilden und
- 13:51die auch begründen zu können. War das bei euch im Unterricht Thema?
- 13:55Hattet ihr so was? Ich würde sagen schon. Und ich hatte da
- 13:58glaube ich auch viel Glück, weil es hing bei uns so ein
- 14:00bisschen von den Lehrkräften ab. Und ich hatte zum Glück, glaube ich,
- 14:03auch einige sehr gute Lehrerinnen und Lehrer, denen wirklich wichtig war, dass
- 14:06wir verstehen, worum geht's da. Die mit uns diskutiert haben, die mit
- 14:10uns auch mal so Beispiele, Experimente ausprobiert haben und eben das so
- 14:15auf eine von dieser abstrakten Ebene, wie funktioniert das denn, runtergeholt haben,
- 14:19sodass ich wirklich auch verstanden habe und wir als Klasse auch irgendwie
- 14:22mehr verstanden haben, was soll das bedeuten. Aber das war, glaube ich,
- 14:25nicht standardmäßig immer eingebaut. Das war schon so im Lehrplan so ein
- 14:29bisschen vorgesehen, aber hing eben dann doch so ein bisschen auch von
- 14:32den Leuten ab. Also ich erinnere mich auf jeden Fall auch, dass
- 14:34wir so legislative, exekutive, judikative besprochen haben, dass wir uns auch das
- 14:39Grundgesetz angeschaut haben. Und wir haben tatsächlich auch so Planspiele gemacht, wo
- 14:44wir also verschiedene Standpunkte einnehmen sollten und dann irgendwie eine Lösung finden
- 14:48mussten. Aber jetzt ist natürlich auch meine Schulzeit und ich glaube, deine
- 14:51auch, mein lieber Leonard, schon eine Weile her. Deswegen wollte ich mal
- 14:54wissen, wie Schülerinnen und Schüler das heute erleben und habe in Halle
- 14:57mit der 14-jährigen Julia und der 15-jährigen Maja gesprochen. Die
- 15:00sind beide Schülersprecherinnen und sagen, also so Mitsprache hätten sie an ihrer
- 15:05Schule eigentlich schon ziemlich viel, aber mit der politischen Bildung sind sie
- 15:08eben eher unzufrieden. In der Schule lernt man Mathe, Deutsch, Englisch. Warum
- 15:14aber nicht das Leben? Also es ist ja im Endeffekt das Wichtigste,
- 15:19eigentlich, weil du lebst damit. Jeder hat andere Ansichten. Das ist eigentlich
- 15:24das Wichtigste und das wird viel zu wenig thematisiert. Wir haben Fächer
- 15:28wie Sozialkunde, Politik. Da kommt nicht so viel zu dem Thema rum,
- 15:35wie ich mir wünschen würde. Ich habe Julia und Maja übrigens im
- 15:38Rahmen eines Demokratiebildungsprojekts der Bürgerstiftung Halle getroffen und sowas ist auch noch
- 15:43ein wichtiger Baustein für die Frage: Wann und wie lernen wir eigentlich
- 15:47Demokratie? Das Projekt heißt Barcamp Dazwischenfunken und hat Schülerinnen und Schüler zwischen
- 15:5214 und 18 Jahren dazu eingeladen, an einem Tag in verschiedenen Workshops
- 15:57über die Themen zu sprechen, die ihnen wichtig sind. Wie muss man
- 16:00sich denn dieses Barcamp vorstellen? Wie viele Schülerinnen und Schüler waren da?
- 16:03Also ich war ehrlich gesagt schon ein bisschen neidisch, weil das war
- 16:05wirklich sehr, sehr cool. Also ich bin da angekommen, da steckten gerade
- 16:09alle Jugendlichen in so verschiedenen Sessions, die sie sich vorher ausgesucht hatten.
- 16:13Also Themen waren da zum Beispiel Nachhaltigkeit, Mental Health oder Schulklima. Und
- 16:18dann kamen die da zur Mittagspause da raus und plötzlich war der
- 16:21große Raum voll mit 60 jungen Menschen zwischen 14 und 18 aus
- 16:26allen möglichen Schulformen mit allen möglichen Hautfarben. Und die waren immer noch
- 16:29so total vertieft in die Gespräche, die sie da eben vorher geführt
- 16:32haben. Das, was sie in ihren Sessions besprochen haben, wurde dann den
- 16:36anderen Gruppen vorgestellt. Und da waren auch Politiker und Politikerinnen mit dabei,
- 16:39mit denen die Jugendlichen danach auch ins Gespräch kommen konnten. Also es
- 16:42war für viele schon ein ziemlich besonderer Tag. Das Barcamp ist, wie
- 16:45gesagt, ein Projekt der Bürgerstiftung Halle. Was ich ganz cool fand, auch
- 16:49bei denen hat noch ein ganz junger Mensch daran gearbeitet, dass es
- 16:52dieses Barcamp gab, nämlich die 18-jährige Lina, die da gerade ihr
- 16:55FSJ macht. Und die hat mir im Gespräch Folgendes gesagt: „Ja, es
- 16:59ist immer wichtig, von allen die Stimmen zu hören. Und viele denken
- 17:03auch, dass Jugendliche ab 16 noch nicht dafür bereit sind, zu wählen
- 17:08oder seine Stimme zu teilen. Aber das, also nach allem, was ich
- 17:11heute gehört habe, kann ich dem eigentlich nur widersprechen. Also vor allem
- 17:15auch 14, 15-Jährige haben sich schon sehr viel auseinandergesetzt. Aber sie
- 17:21sagt eben auch, wie die Schülersprecherinnen ja eben auch schon erwähnt haben,
- 17:25dass die Schule da echt noch mehr leisten muss, um jungen Menschen
- 17:28einen besseren Zugang zu ermöglichen. Viel zu wenig. Auch heute ist wieder
- 17:33so durchgekommen, dass viele gesagt haben: „Ich bin total überfordert mit Wahlprogrammen
- 17:38und ich wünsche mir mehr Mitbestimmung oder dass mehr Aufklärung auch schon
- 17:44früher passiert, dass das schon von früh an mit gelernt wird.“ Also
- 17:49wir haben jetzt über Mitbestimmen und Ernstnehmen im Kindesalter gesprochen, mit Gestaltung
- 17:54an der Schule und auch politische Bildung. Aber zwischendurch fielen auch schon
- 17:58Begriffe wie Kinder- und Jugendräte. Das ist ja dann schon ein
- 18:01richtiges demokratisches Instrument. Genau, Kinder- und Jugendräte vertreten ja die Interessen
- 18:06junger Menschen in einer Stadt oder Gemeinde und ermöglichen so Mitbestimmung und
- 18:10sind ein wichtiger Teil dieser demokratischen Bildung, über die wir heute sprechen.
- 18:13Die Mitglieder werden meist von Jugendlichen gewählt oder entsandt, treffen sich dann
- 18:18regelmäßig, diskutieren Anliegen und formulieren Vorschläge, sprechen zum Beispiel mit dem Stadtrat,
- 18:23mit der Verwaltung oder auch mit anderen politischen Gremien. Und so typische
- 18:28Themen sind Schulwege, Freizeitangebote, Sport- und Jugendtreffs, Umweltschutz oder Veranstaltungen. In
- 18:33Sachsen-Anhalt gibt es zahlreiche eigenständige Kinder- und Jugendräte, Jugendparlamente oder
- 18:38Jugendbeiräte auf kommunaler Ebene, zum Beispiel in Halle, aber auch in kleineren
- 18:43Orten wie Bernburg oder Schönebeck. Und da erfahren Kinder und Jugendliche im
- 18:47besten Fall dann schon sehr konkret, was ihre Stimme eigentlich verändern kann.
- 18:51Ganz genau. Also wir haben jetzt verschiedene Bausteine benannt: Kinder schon frühzeitig
- 18:55in Entscheidungen mit einbeziehen, mitbestimmen lassen, Mitgestaltung an Schulen leben und dort
- 19:00auch politische Bildung stärken und Demokratiebildungsprojekte und eben auch Angebote wie
- 19:05Kinder- und Jugendräte. Das, was die Kinder und Jugendlichen aus unseren
- 19:09Beispielen lernen dürfen, haben einige Erwachsene vielleicht so noch nie erlebt. Und
- 19:13das ist ja tatsächlich ein Problem, was wir erleben, dass viele Menschen
- 19:16sich aktuell in der Politik nicht oder nicht gut repräsentiert fühlen. Es
- 19:20gibt Frust. Menschen fühlen sich übersehen und das kann eben auch die
- 19:24Bereitschaft stärken, extreme Parteien zu wählen. Anne Semsrott hat in der vorletzten
- 19:28Folge darum auch darüber gesprochen, wie wichtig es ist, die demokratische Beteiligungsmöglichkeit
- 19:33von Menschen zu verbessern und sich ganz direkt einzubringen. Genau. Und an
- 19:37dieser Stelle möchte ich verraten, dass das Zitat von Oskar Neck, den
- 19:40wir ja heute schon ein paar Mal zitiert haben, noch weitergeht. Er
- 19:43sagt: „Demokratie ist die einzige politisch verfasste Gesellschaftsordnung, die gelernt werden
- 19:48muss. Immer wieder, tagtäglich und bis ins hohe Alter hinein.“ Also wir
- 19:53müssen da unser ganzes Leben auch dranbleiben. Und deswegen brauchen wir in
- 19:56den aktuellen Zeiten, in denen die Demokratie immer wieder so unter Beschuss
- 20:00gerät, möglichst viele Ansätze, Demokratie zu lernen, sagt Benjamin Höhne. Mittel
- 20:05und langfristig glaube ich sehr wohl, dass Bürgerräte und verschiedene andere Einrichtungen,
- 20:10die BürgerInnenräten ähneln, positive Effekte haben. Das zeigt auch die Forschung. Die
- 20:16sollte man jetzt aber auch nicht überschätzen. Also insofern ja durchaus in
- 20:20diese Richtung was machen, aber nicht nur auf große Bürgerräte-Projekte setzen,
- 20:25sondern an ganz vielen Stellen dafür sorgen, dass Menschen wieder zusammenkommen und
- 20:30am besten face to face und nicht über Social Media. Das ist
- 20:40ja auch ein sehr wichtiger Punkt. Ja, das ist ein wichtiger Punkt.
- 20:45Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Ja, das ist ein wichtiger Punkt.
- 20:48Das erleben wir schon länger, nicht nur in Sachsen-Anhalt. Im Grunde
- 20:53mit dem Einzug der AfD in den Landtag sind Demokratieprojekte ein Stück
- 20:59weit im Visier dieser Rechtsaußenpartei. Das hängt damit zusammen, dass die AfD
- 21:04andere Vorstellungen vom politischen System hat, sich abgrenzt oder abwendet von der
- 21:10pluralistischen Parteiendemokratie. Das ist der AfD einen Dorn im Auge, weil sie
- 21:14argumentiert, und das ist auch ein Punkt, dass sie das einzig wahre
- 21:19Sprachrohr der Bevölkerung ist und sich dafür einsetzen möchte, dass die Bevölkerung
- 21:24wieder mehr gehört wird oder Gehör findet gegenüber den politischen Eliten, die
- 21:28angeblich ja nur an sich selbst denken. Also das ist ein Stück
- 21:31weit der größere Rahmen. Und jetzt konkret gab es dann schon in
- 21:35der Vergangenheit, dass Fragen im Parlament zu Demokratieprojekten gestellt wurden, weil die
- 21:42AfD eben weiß, dass wenn in der Gesellschaft es Kräfte gibt, die
- 21:47sich für Demokratie, für eine vielfältige Demokratie einsetzen, dass das natürliche Barrieren
- 21:53sind, die sich der AfD und ihren Einflussnahmeversuchen quasi entgegenstellen. Gleichzeitig verspricht. 00:22:47.000 --> 00:22:51.000 Die AfD aber viel mehr Mitbestimmung. Es gibt ja zum Beispiel im
- 22:51Wahlprogramm den Punkt „mehr direkte Demokratie wagen“, Stichwort Volksabstimmung und digitale Beteiligungsplattformen.
- 22:57Wollen die auch. Und dass bei Petitionen, die über 3000 Unterschriften bekommen,
- 23:01man ein Rederecht im Landtag erhält. Ja, klingt erst mal nicht so
- 23:05schlecht. Das finde ich insofern schon spannend, weil wir ja in dieser
- 23:08Folge schon ganz viel darüber gesprochen haben, dass man Demokratie lernen muss,
- 23:12dass man verstehen können muss, wie das System funktioniert, dass man in
- 23:15der Lage sein muss, Dinge kritisch zu hinterfragen, um sich seine eigene
- 23:18Meinung bilden zu können. Und vor allem, dass in einer pluralistischen Demokratie
- 23:23für alle das Ganze möglich sein sollte. Also es sollte für alle
- 23:26möglich sein, sich das anzueignen. Und da muss man einfach sagen, wenn
- 23:30man sich das Wahlprogramm der AfD anschaut, tut sie alles dafür, dass
- 23:33das eben nicht mehr passiert. Also die Schule soll entpolitisiert werden, Integration
- 23:38und Inklusion sollen nicht mehr stattfinden. Man will da wieder mehr Elitenförderung. Auch
- 23:43an den Hochschulen sollen die Studierenden immer weniger Mitspracherecht haben. Fördergelder für
- 23:47Demokratiebildungsprojekte sollen gestrichen werden. Also wo lernen die Menschen dann noch diese
- 23:53Fähigkeiten, die sie brauchen, um tatsächlich in der Lage zu sein, mitzubestimmen
- 23:57und mitzugestalten? Und vor allen Dingen alle. Also es geht hier wirklich
- 24:00darum, dass eben alle Teil dieses demokratischen Prozesses sind. Und das ist
- 24:04nicht das, was die AfD möchte. Das kann man im Wahlprogramm nachlesen.
- 24:09Genau. Und dieses Problem, das ist allerdings jetzt nicht ein Problem, was
- 24:12wir jetzt nur ganz aktuell haben. Das gibt es im Osten schon
- 24:15viel länger, sagt Benjamin Höhne. Gerade in Ostdeutschland, in Sachsen-Anhalt, wie
- 24:20in anderen ostdeutschen Bundesländern fehlen dann auch Träger demokratischer Werte. Da denke
- 24:26ich insbesondere an die großen Organisationen wie Gewerkschaften, wie Kirchen, aber auch
- 24:32Parteien, die im Osten schwächer sind. Von daher fehlt es dann im
- 24:37Osten eben an diesen Kräften, die sich für Demokratie einsetzen, die Demokratie
- 24:42auch innerhalb ihrer eigenen Organisation leben. Und das hat schon seit 1990
- 24:48dazu beigetragen, dass rechte Akteure versucht haben, dort eine Art Raumergreifung zu
- 24:56praktizieren. Ein wichtiger Aspekt davon ist ja auch, dass die Menschen, die
- 24:59noch die DDR erlebt haben, jetzt auch nicht unbedingt die gleichen Demokratieerfahrungen
- 25:04gemacht haben wie die Menschen, die in der BRD aufgewachsen sind. Also
- 25:08als nach dem Krieg die Demokratie kam, die BRD gegründet wurde, kam
- 25:12dann auch ein Wirtschaftswunder und erst mal viel Wohlstand, während man im
- 25:15Osten ja erst einmal mit der DDR ein autoritäres System verfolgte. Und
- 25:19dann die Wiedervereinigung jetzt nicht unbedingt als einen demokratischen Prozess wahrgenommen hat,
- 25:23wo man viel mitzureden hatte. Und danach setzte erst mal die Massenarbeitslosigkeit
- 25:27ein. Genau, und da hatten viele, glaube ich, erst mal ganz andere
- 25:30Sorgen. Und deswegen sagt Benjamin Höhne auch, dass vielen Menschen in Ostdeutschland
- 25:34bis heute dieses Gefühl der politischen Selbstwirksamkeit fehlt. Und wir haben ja
- 25:39schon darüber gesprochen, dass das eine total wichtige Grundlage ist, um Demokratie
- 25:43als wertvoll anzusehen. Ohne dieses Gefühl läuft es ja eigentlich darauf hinaus,
- 25:48dass man vielleicht mal alle vier oder fünf Jahre die Möglichkeit hat,
- 25:50seine Stimme abzugeben und ansonsten eigentlich nur getrieben ist von Entscheidungen, die
- 25:55irgendwo an irgendeiner anderen Stelle getroffen werden. Ja, und dann spielt vielleicht
- 25:59auch eine Rolle, dass man mal gelernt hat, dass die eigene Meinung
- 26:01gar nicht so erwünscht ist, sondern im Zweifelsfall vielleicht sogar gefährlich, dass
- 26:05kritisches Denken auch gefährlich sein kann. Das macht natürlich was mit den
- 26:09Erfahrungen, auch die Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Also ich kann das schon irgendwie
- 26:13nachvollziehen. Aber gleichzeitig denke ich, man kann da jetzt ja schlecht stehen
- 26:16bleiben. Wir müssen ja irgendwie auch nach vorne gucken. Also was machen
- 26:19wir denn damit? Also ich glaube, schnelle Lösungen gibt es dafür nicht.
- 26:23Es ist wie Oskar Neckt schon sagt: Demokratie muss man lernen bis
- 26:26ins hohe Alter. Das geht nur, wenn Menschen das Gefühl bekommen, ich
- 26:30kann selbstwirksam sein. Ich kann mit meiner Stimme etwas verändern. Und da
- 26:34haben wir so ein Problem, weil es gibt eben viele Menschen, die
- 26:37da schon resigniert haben. Das sagt Pascal Begrich, Geschäftsführer vom Miteinander e.V.,
- 26:41den wir ja ganz am Anfang der Folge schon mal gehört
- 26:44haben. Das ist eines der Probleme, die wir haben, nicht nur in
- 26:47Sachsen-Anhalt, aber auch und gerade in Sachsen-Anhalt, dass es eben
- 26:51viele Menschen gibt, die sich zurückgezogen haben aus diesen öffentlichen Aushandlungsprozessen, die
- 26:57gar keine Sinn darin sehen oder gar keine Gelegenheit finden, um sich
- 27:02irgendwie einzubringen. Und das sind dann eben Menschen, die schwer erreichbar sind
- 27:07und die auch leichter das Potenzial haben, eben in anderen, die nicht
- 27:13ihrem Weltbild entsprechen, den Feind zu sehen und nicht sozusagen den Mitmenschen,
- 27:17mit denen man gemeinsam Dinge gestalten kann. Der Miteinander e.V. ist
- 27:23einer der bekanntesten zivilgesellschaftlichen Vereine in Sachsen-Anhalt im Bereich Demokratiearbeit und
- 27:28Rechtsextremismusprävention. Er bekommt Gelder aus dem Förderprogramm „Demokratie leben“, das der AfD
- 27:33ja ein Dorn im Auge ist. Sie argumentiert, dass mit Steuergeldern politische
- 27:37Gegner bekämpft würden und stellt die Neutralität vieler geförderter Projekte grundsätzlich in
- 27:42Frage. Ja, und dieses grundsätzlich, das sagt, da finde ich schon ziemlich
- 27:47viel aus. Benjamin Höhne hat sich das mal genauer angeschaut. Ja, ich
- 27:51hoffe auch, dass bei dem „Demokratie leben“-Programm noch nicht das letzte
- 27:54Wort gesprochen ist, dass man noch mal sehr kritisch über die Reform
- 27:57des Programms schauen wird und auch anerkennt, dass gerade im Osten damit
- 28:02bei Streichung von Fördermitteln oftmals die einzigen Akteure, die im Feld sind
- 28:06und gegen Rechte die Fahne hochhalten, betroffen sind. Das würde ich als
- 28:11Appell schon auch als Wissenschaftler weitergeben, da sehr behutsam mit umzugehen und
- 28:17sich nicht irgendwie von den Karren sperren zu lassen, den im Grunde
- 28:20die AfD bewegt. Weil sie hat ein Interesse daran, dass zivilgesellschaftliche Organisationen
- 28:26geschwächt sind. Und die AfD hat in Sachsen-Anhalt über solche Fördermittel
- 28:29wie „Demokratie leben“ da schon ziemlich viel Spielraum, obwohl es eigentlich Gelder
- 28:34vom Bund sind. Das zeigt ein Beispiel aus Salzwedel. Da hatte man
- 28:37im vergangenen Jahr schon die Zusage für über eine Million Euro aus
- 28:40diesem „Demokratie leben“-Programm, wollte damit ein Jugendforum organisieren, eine Koordinationsstelle für
- 28:46Demokratieförderung aufbauen, aber auch ganz einfache Jugendprojekte, lokale Initiativen und Vereine unterstützen.
- 28:52Und dafür gab es nur eine Voraussetzung, nämlich dass die Stadt einen
- 28:55Eigenanteil von 4500 Euro pro Jahr trägt. Und obwohl dieses Geld schon
- 29:01eingeplant war, hat der Stadtrat, vor allem eben AfD und CDU, das
- 29:05Geld dann abgelehnt. Das bedeutet, da fallen dann für solche Projekte einfach
- 29:09über eine Million Euro weg, die eigentlich schon zugesagt waren. Ja, und
- 29:12das ist ja natürlich für Projekte und Initiativen ein enorm verstörendes Zeichen.
- 29:17Und das sagt auch Pascal Begrich vom Miteinander e.V.: Viele Träger
- 29:22wie wir, auch als Miteinander e.V., sind gerade in Ostdeutschland und
- 29:26in Sachsen-Anhalt angewiesen bisher auf öffentliche Förderung, sei es nun des
- 29:31Landes oder der Kommunen oder auch des Bundes. Ohne diese Förderung können
- 29:36viele Angebote an Schulen, an Jugendclubs, an sozialen Einrichtungen oder auch Weiterbildungsangebote
- 29:43für Verwaltung gar nicht stattfinden. Und Pascal Begrich sagt auch, und
- 29:48das haben wir ja so auch schon in unserer Folge zum Ehrenamt
- 29:50besprochen: Wenn wir mündige Bürger und Bürgerinnen haben mit sozialen Kompetenzen, die
- 29:55engagiert sind, die sich einbringen, dann hat das auch einen wirtschaftlichen Mehrwert.
- 30:00Denn zum einen spart das Land ja Geld für Aufgaben, die es
- 30:03sonst selbst übernehmen müsste. Und zum anderen werben viele der Träger, die
- 30:07im Bereich Demokratieförderung Geld vom Land Sachsen-Anhalt erhalten, wiederum Gelder ein,
- 30:12beispielsweise europäische Gelder oder eben Bundesmittel, wie ja auch bei „Demokratie leben“.
- 30:17Aber jetzt wird es sicher auch Menschen da draußen geben, die sagen:
- 30:19„Ja, aber wir wollen die Demokratie ja auch gar nicht mehr. Deswegen
- 30:23braucht es das alles eben auch gar nicht.“ Ich finde ja, es
- 30:26darf natürlich jeder erst mal seine Meinung haben, würde aber an der
- 30:29Stelle dann doch mal die Frage stellen: Was ist denn eigentlich die
- 30:31Alternative? Also natürlich gibt es alternative Gesellschaftsformen. Bei einer Autokratie oder im
- 30:37Speziellen der Diktatur muss man sich dann halt immer im Klaren darüber
- 30:40sein: Sobald das einmal läuft, ist man dem quasi ausgeliefert. Wenn es
- 30:44dann nicht mehr so läuft, wie man sich das vorgestellt hat, hat
- 30:47man da auch kein Mitspracherecht, keine Wahlen. Also wenn man sowas will,
- 30:51sollte man sich sehr sicher sein, dass der Diktator oder die Partei
- 30:55auch langfristig genau das umsetzt, was man möchte. Und man muss damit
- 30:59leben, dass es auch egal ist, wenn andere nicht so leben wollen.
- 31:02Genau. Dann gibt es noch sowas wie Technokratie, wo Experten und Fachleute
- 31:07regieren, oder Meritokratie, wo eben die besten oder die leistungsfähigsten führen sollen.
- 31:12Da hast du dann wahrscheinlich aber auch relativ schnell Probleme mit einer
- 31:15Form von Elitenpolitik. Und das wiederum wirft man den Parteien ja jetzt
- 31:19schon vor, kann also auch nicht so richtig das sein, was die
- 31:22Leute wollen. Dann gibt es ja noch Anarchie, also kein Staat, keine
- 31:25zentrale Regierung. Die Menschen organisieren sich freiwillig selbst. Ja, das klingt erst
- 31:29mal nach maximaler Freiheit, aber natürlich auch nach ganz anderen Aushandlungsprozessen. Also
- 31:36welche Regeln gelten denn dann noch für alle? Wie handelt man die
- 31:39eigentlich miteinander aus? Wie gehen wir mit Menschen um, die jetzt gerade
- 31:43vom Sozialsystem leben? Gäbe es das dann noch, wenn jeder entscheiden könnte,
- 31:47ob er oder sie da einzahlt? Ich würde mal mutmaßen, bei dem
- 31:50derzeitigen Stand der gesellschaftlichen Spaltung wäre Anarchie sehr vorübergehend und eher so
- 31:55eine Art Machtvakuum, bevor dann jemand die Macht an sich reißt. Das
- 31:59zumindest wären jetzt so meine ersten Gedanken zu dieser Frage: Was gäbe
- 32:02es überhaupt für Alternativen zur Demokratie? Ja, das ist jetzt natürlich auch
- 32:05wieder sehr, sehr kurz angerissen und wahrscheinlich schreien jetzt auch alle, die
- 32:08irgendwie ein Fan von einer dieser Staatsideen sind: „Oh Gott, das habt
- 32:13ihr ganz falsch dargestellt. Es ist ganz schrecklich. Wieso habt ihr das
- 32:15nur gemacht?“ Ich finde es trotzdem wichtig, sich da kurz Gedanken darüber
- 32:19zu machen: Wie wollen wir denn eigentlich leben? Und warum ist die
- 32:21Demokratie eigentlich für uns wichtig? Welche Alternativen gibt es denn? Das ist
- 32:26natürlich wichtig, vielleicht auch gerade, um sich den Wert der Demokratie noch
- 32:29mal vor Augen zu führen. Und vielleicht habt ihr da draußen ja
- 32:32auch Gedanken dazu. Dann schreibt uns gerne und zwar an dazwischen@
- 32:36detektor.fm. Und Katja, dann lass uns doch mal festhalten: Wir wollen
- 32:41Demokratie. Wir wollen, dass alle Menschen Mitspracherecht haben und die Gesellschaft mitgestalten
- 32:45können. Und dafür braucht es Demokratiebildung in Familien, in Kitas, an Schulen,
- 32:50aber auch in Jugendbeiräten und in Demokratiebildungsprojekten. Bist du denn zuversichtlich, dass
- 32:55wir das hinbekommen? Ja, ich bin ja eigentlich wirklich optimistisch. Aber das
- 33:02ist schon nicht so ganz einfach. Also ich glaube, es braucht so
- 33:05eine Zuversicht und ein Vertrauen in demokratische Prozesse. Und ich weiß, Zuversicht
- 33:10ist eben in diesen Zeiten nicht besonders leicht. Wir haben Kriege, wir
- 33:14haben Klimawandel. Es gibt den riesigen Abstand zwischen Arm und Reich. Der
- 33:18wird auch noch immer größer. Das ist natürlich Mist. Und die Politik
- 33:21hat Dinge verpennt. Die hat nicht immer gut kommuniziert. Es gab da
- 33:25Fehler. Dann hat man eben auf die großen Fragen dieser Zeit noch
- 33:28keine besonders guten Antworten. Da fällt jetzt auch so Vertrauen in staatliche
- 33:32Organisationen und Institutionen auch nicht immer leicht. Und mit Vertrauen meine ich
- 33:35jetzt nicht, dass man alles hinnimmt und das nicht hinterfragt. Ganz im
- 33:39Gegenteil. Ich bin dafür, selbst ganz aktiv mitzudenken, zu hinterfragen und auch
- 33:44laut zu sagen, wenn einem Dinge nicht gefallen. Denn das ist ja
- 33:47genau der Vorteil von Demokratie. Und das sagt auch Pascal Begrich vom
- 33:50Miteinander e.V.: Mich macht sogar zuversichtlich, dass Leute ihrer Besorgnis Ausdruck
- 33:55geben, dass sie sagen: „Hier ist vieles schwierig und herausfordernd.“ So, das
- 34:01kann aber nicht die Lösung sein. Das zeigt mir, dass es so
- 34:05ein Grundpotenzial noch gibt, konstruktiv das Zusammenleben in Sachsen-Anhalt voranzubringen, und
- 34:12darauf können und müssen wir bauen. Ja, ihr merkt, eine große Folge
- 34:22mit einem sehr großen Thema: Demokratie. Absolut nicht in eine Folge zu
- 34:26fassen, aber mit sehr, sehr wichtigen Punkten, die wir hier, glaube ich,
- 34:29besprechen konnten. Und damit sind wir leider auch schon fast am Ende
- 34:33dieser Folge angekommen, über Demokratie und Demokratiebildung. Aber wir haben euch natürlich
- 34:38wie in jeder Folge noch einen Veranstaltungstipp mitgebracht. Denn es sagt ja
- 34:42keiner, dass Demokratiebildung nicht auch Spaß machen kann. Und wir haben ja
- 34:46auch in der Wirtschaftsfolge schon gesagt, dass Politikerinnen und Politiker ehrlicher mit
- 34:50ihren Wählern sein müssen. Und das passiert in der Fackabnei-Tour für
- 34:54die Demokratie durch Sachsen-Anhalt, organisiert wird die vom Politikberater Martin Fuchs.
- 34:59Und der lädt euch alle herzlich ein: „Wir kommen nach Sachsen-Anhalt
- 35:04und haben etwas ganz Besonderes vor. Eine Fackabnei für die Demokratie-Tour.
- 35:08Was ist das? Jeden Abend stehen fünf PolitikerInnen aus allen demokratischen Parteien
- 35:14auf einer Bühne und sprechen nur über ihre persönlichen und politischen Fehler,
- 35:18über ihr Scheitern. Ihr bekommt Einblicke in einen Politikalltag, den ihr so
- 35:22sonst nie bekommen würdet. Ich würde mich freuen, euch auf einen dieser
- 35:26Abende zu sehen: Am 30.06. in Zeitz, am 01.07. in
- 35:31Stendal und am 02.07. in Bitterfeld-Wolfen. Alle Informationen gibt es
- 35:36auf www.fackabnei.de. Ja, und mehr dazu findet ihr natürlich
- 35:42auch in unserem Newsletter sowie auch mehr Informationen zur Demokratiebildung. Wenn ihr
- 35:47den noch nicht abonniert habt, dann macht das auf jeden Fall ganz
- 35:49schnell. Und wenn ihr noch Veranstaltungstipps habt oder Orte, die man
- 35:52in Sachsen-Anhalt gesehen haben muss oder vielleicht engagierte Menschen kennt, denen
- 35:56ihr schon immer mal Danke sagen wolltet, dann schreibt uns doch eine
- 35:59Mail oder schickt uns eine Sprachnachricht, einfach an dazwischen@detektor.fm.
- 36:05Nächste Woche ist dann auch Marie wieder da. Die arbeitet nämlich schon
- 36:08ganz fleißig am nächsten großen Thema. Wir stellen uns die Fragen: Wie
- 36:12blicken Migranten und Migrantinnen auf die bevorstehende Landtagswahl? Wie erleben sie die
- 36:16Stimmung im Land und welche Themen sind ihnen wichtig? Bis dahin: Dieser
- 36:28Podcast ist eine Kooperation von detektor.fm und dem Media Forward Fund.
- 36:33Podcast Hosts: Marie Landes und Katja Schmidt. Community-Redakteurin: Anne Koslowski. Arkneig.
- 36:41Podcast Redaktion: Leonard Schubert. Cover Design: Claudia Dölling und Anja Krämer von
- 36:47Sisters of Design. Originalmusik: Florian Sievers. Audioproduktion: Benjamin Serdani, Stendi Baldauf und
- 36:55Tim Schmutzler. Projektleitung: Christian Bollert.