Latest / Im Krisenmodus / Warum Kolumbianer im Ukraine-Krieg kämpfen: Geld und Überzeugung
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- 0:02Wir hatten uns auf das Schlimmste vorbereitet. Aber als wir an die Front kamen, war es noch schlimmer.
- 0:08Dominik kommt aus Kolumbien, fast 10.000 Kilometer von der Ukraine entfernt.
- 0:13Und jetzt kämpft er hier, an der Front.
- 0:16Warum zieht jemand freiwillig in einen Krieg, der nicht sein eigener ist?
- 0:21Wegen einer Überzeugung, wegen des Geldes oder wegen beidem?
- 0:26Ich habe vier Kolumbianer getroffen, die in ukrainischer Uniform kämpfen.
- 0:31Sie erzählen von Drohnen, von Angst, vom Winter und davon, warum sie sagen,
- 0:37der Krieg war schlimmer als alles, was sie sich vorgestellt hatten.
- 0:43Im Krisenmodus, der Podcast aus Krisen- und Kriegsgebieten aller Welt mit Journalist Jan Jessen.
- 0:52Hallo, ich bin Jan Jessen, Politikchef der NRZ und Kriegs- und Krisenreporter
- 0:56für die Funke Mediengruppe.
- 0:58Meine Berichte lest ihr in der NRZ, der Berliner Morgenpost,
- 1:01dem Hamburger Abendblatt und auf all unseren Onlineportalen.
- 1:06In dieser Folge geht es um Männer, die tausende Kilometer gereist sind,
- 1:10um in der Ukraine zu kämpfen. Kolumbianer an der Front.
- 1:14Sie kämpfen für ein Land, das nicht ihr eigenes ist. Sie sprechen von Gerechtigkeit,
- 1:19von Geld, von Hoffnung auf ein besseres Leben und von einem Krieg,
- 1:24der alle ihre Erwartungen übertroffen hat.
- 1:26Wir treffen sie nicht irgendwo in einer Kaserne, nicht hinter Schreibtischen,
- 1:29sondern draußen in einem Waldstück in der Region Dnepro, im östlichen Zentrum
- 1:34des Landes, mitten im ukrainischen Sommer.
- 1:36Es ist heiß, es ist stickig, es ist grün, es wirkt fast friedlich.
- 1:41Und gerade deshalb wirkt es so widersprüchlich, was diese Männer erzählen.
- 1:46Zwischen den Bäumen stehen vier Soldaten in ukrainischer Uniform.
- 1:50Sie lachen, rauchen, machen Witze.
- 1:54Einer von ihnen steht auf Krücken. Keiner von ihnen kommt aus der Ukraine.
- 1:59Ihre echten Namen nennen sie nicht. Für mich heißen sie Sombras,
- 2:02Logotor, Koko und Dominik. Das sind ihre Funknamen.
- 2:06Das ist ganz häufig so bei Geschichten über Soldaten der ukrainischen Streitkräfte,
- 2:12dass sie nicht ihre richtigen Namen nennen aus Sicherheitsgründen,
- 2:15sondern ihre Punktnamen.
- 2:17Schnell wird klar, das sind keine Männer, die aus Abenteuerlust hier gelandet sind.
- 2:22Aber ihre Geschichte lässt sich auch nicht mit einem einzigen Wort erklären.
- 2:26Die erste Frage ist natürlich, warum seid ihr eigentlich hier?
- 2:32Mich hat die Ungerechtigkeit hierher gebracht. Und ja, auch das Geld.
- 2:46Ich wollte helfen und meinen Beitrag leisten. Das ist ein eines von mir,
- 2:50das ich wollte, als Soldat in anderen Ländern machen. Der Grund,
- 2:54dass ich hier in Ucranien bin, ist, dass ich nicht mit den Justiziensten,
- 2:57mit den Diktaten, mit den Kommunismus.
- 3:00Ich bin auch hier, um mir zu Hause ein besseres Leben zu ermöglichen.
- 3:12Und ich habe gesehen, was in der Ukraine passiert. Außerdem wollte ich auch Adrenalin.
- 3:24Schon in den ersten Antworten steckt fast die gesamte Ambivalenz dieser Geschichte.
- 3:29Die Männer, die wirken eigentlich ganz entspannt, ruhig, haben viel gelacht,
- 3:35haben Spaß gehabt, ganz offensichtlich, sich auch mit einem Journalisten zu
- 3:39treffen, insbesondere auch die Art und Weise, wie wir da kommuniziert haben.
- 3:44Denn alle vier haben kein Ukrainisch gesprochen.
- 3:47Mussten uns also dann mit spanischen Übersetzungsprogrammen behelfen.
- 3:52Ich habe Englisch gesprochen, das eben auf Spanisch übersetzen lassen und zurück.
- 3:58Also da hatten sie irgendwie sehr viel Spaß dran. Ich habe am Anfang versucht,
- 4:00ein bisschen Spanisch zu sprechen, kann es aber überhaupt nicht.
- 4:03Und das war so ein bisschen ein Dorobner. Also wir hatten dann doch relativ viel Spaß.
- 4:07Das macht das Ganze natürlich so ein bisschen surreal, weil diese Leute in den
- 4:11Tagen, bevor ich sie getroffen habe, noch gekämpft haben und die Hölle auf dem
- 4:15Schlachtfeld erlebt haben.
- 4:17Die Männer, die sprechen über Ungerechtigkeit, über Solidarität mit der Ukraine,
- 4:21aber eben auch über Geld.
- 4:24Über ein besseres Leben in der Heimat, über den Traum, Soldat zu sein und sogar über Adrenalin.
- 4:29Wer nur auf das Geld schaut, wird sagen, naja gut, das sind eben Söldner.
- 4:32Wer nur auf ihre Aussagen hört, wird sagen, das sind Freiwillige,
- 4:35die für eine gerechtere Welt streiten.
- 4:39Wahrscheinlich trifft beides nicht ganz zu.
- 4:41Kolumbien hat jahrzehntelang bewaffnete Konflikte erlebt.
- 4:44Ihr werdet euch erinnern, die linken Organisationen wie die FARC beispielsweise,
- 4:52die da jahrelang, jahrzehntelang gekämpft hat auf der anderen Seite das Militär.
- 4:56Es gab zehntausende Tote in diesen bürgerkriegsähnlichen Geschichten und jetzt
- 5:01sind diese Konflikte befriedet und viele ehemalige Soldaten und Polizisten mit Kampferpaarung,
- 5:08binden Arschlecht zurück in die Gesellschaft und auch keine bezahlte Arbeit mehr.
- 5:12Gleichzeitig sucht die Ukraine dringend erfahrene Kämpfer und zahlt deutlich
- 5:15mehr, als viele in Kolumbien verdienen könnten. Wir haben schon öfter in diesem
- 5:19Podcast darüber gesprochen, dass die Ukraine massive Rekrutierungsprobleme hat.
- 5:23Wir können euch ja auch das ein oder andere Stück, was wir dazu gemacht haben,
- 5:26in die Shownotes reinpacken.
- 5:29In genau dieser Gemengelage bewegen sich die Männer, die wir hier treffen,
- 5:32zwischen politischer Überzeugung, zwischen Lebensperspektive,
- 5:35zwischen Sold, zwischen einem Krieg, der weit weg ist und doch plötzlich ihr Alltag wird.
- 5:39Ich bin Militär in Kolumbien seit vier Jahren. Ich habe Experienzen im Kampf
- 5:45hier in Ucranien seit drei Monaten. Ich bin hier in Ucranien seit vier Jahren.
- 5:50Mein Motiv ist auch, mich in der Arena zu legen, damit die Glück in Ucranien.
- 5:56Zu sein. Aber hier sind wir für die Freiheit von Ucranien.
- 5:59Einige dieser Männer haben militärische Erfahrung, so wie Coco,
- 6:02er war schon Soldat in Kolumbien und Dominik sagt, jetzt kämpft er eben hier
- 6:07für die Freiheit der Ukraine.
- 6:09In Kolumbien selbst ist das hoch umstritten. Präsident Gustavo Petro hat der
- 6:13Ukraine vorgeworfen, Kolumbianer als Kanonenfutter zu missbrauchen und tatsächlich der Blutzoll ist hoch.
- 6:19Hunderte Kolumbianer sollen in diesem Krieg bereits ums Leben gekommen sein.
- 6:23Genaue Zahlen gibt es allerdings nicht. Aber wenn man beispielsweise in Kiew,
- 6:27der Hauptstadt der ukrainischen, über den Maidan geht, da gibt es so ein großes
- 6:32Gedenkfeld mit tausenden von Fahnen. Jede Fahne steht für einen Gefallenen.
- 6:37Und da sieht man eben auch viele Fahnenporträts von Gefallenen aus Lateinamerika.
- 6:43Also es sind nicht nur Kolumbianer übrigens vor Ort, sondern auch Menschen aus
- 6:46Brasilien, aus Venezuela, aus anderen lateinamerikanischen Ländern.
- 6:50Es gibt auch viele europäische Freiwillige auf Seiten der Ukraine.
- 6:54Ich habe beispielsweise vor Jahren mal einen deutschen Menschen getroffen,
- 6:58einen ehemaligen Bundeswehrsoldaten, der sich den ukrainischen Streitkräften
- 7:02angeschlossen hat, sich aber mittlerweile das Leben genommen hat,
- 7:05weil er mit dem Stress an der Front nicht zurechtgekommen ist und mit den ganzen
- 7:07Traumata, die er da erlitten hat.
- 7:09Es gibt Söldner aus Großbritannien, aus den USA, aus Frankreich.
- 7:14Also das ist ein Vielvölkergemisch, was sich da an die Seite der Ukrainer gestellt hat.
- 7:20Ich habe diese Menschen natürlich dann auch gefragt, ob der Krieg so ist,
- 7:24wie sie ihn erwartet hatten.
- 7:27Ich wusste nicht genau, was mich hier erwartet. Aber ich wusste, es wird hart.
- 7:36Vieles von dem, was man in Videos sieht, stimmt. So sieht das Schlachtfeld wirklich aus.
- 7:49Der Krieg hier ist anders, technologischer, vor allem wegen der Drohnen.
- 7:57Wir hatten uns auf das Schlimmste vorbereitet, aber als wir in die Front kamen,
- 8:00war es noch schlimmer. Es war eine sehr harte Erfahrung, aber wir haben gelernt,
- 8:05unsere Angst unter Kontrolle zu halten.
- 8:09Sie haben sich das Schlimmste vorgestellt und trotzdem war es noch schlimmer.
- 8:15Sagen Männer, die bereits Militärerfahrung hatten, die also schon erlebt haben,
- 8:19wie Kämpfe ablaufen, wie das ist, wenn Menschen getötet werden oder wenn man selber töten muss.
- 8:23Und trotzdem ist die Ukraine etwas komplett anderes. Das haben ja auch andere,
- 8:28Menschen erzählt, die ich getroffen habe, die jetzt in der Ukraine kämpfen aus.
- 8:32Beispielsweise habe ich ja gerade erzählt, der Mensch aus Deutschland oder auch,
- 8:36ein US-Söldner, den ich getroffen habe.
- 8:39Und der wesentliche Unterschied, auch darüber haben wir ganz oft schon in diesem
- 8:42Podcast gesprochen. Auch da packen wir euch ein paar Folgen in die Shownotes rein.
- 8:46Der wesentliche Unterschied heißt Drohnen.
- 8:48Heute wirst du ganz oft gesehen, bevor du überhaupt weißt, dass du entdeckt
- 8:52worden bist. Wer sich bewegt, kann Sekunden später sterben.
- 8:56An der Front gibt es mittlerweile eine 40 Kilometer tiefe Todeszone,
- 9:00wo es wirklich ultragefährlich ist, lebensgefährlich ist, sich zu bewegen.
- 9:06Und das Schlachtfeld ist oft ein Raum, in dem du beobachtet wirst,
- 9:09bevor du überhaupt weißt, dass du in Gefahr bist.
- 9:11Indem du nicht nur vor Artillerie in Deckung gehst, sondern vor den Augen der
- 9:14Luft, vor einer Technologie, die dich sieht, verfolgt und tötet.
- 9:17Das ist natürlich anders als in herkömmlichen Kriegen, wo eben mit Artillerie
- 9:22gearbeitet wird, mit Mörsern gearbeitet wird und ähnlichen Dingen,
- 9:25wo also ein Geschoss angeflogen kommt und irgendwo landet.
- 9:27Und wenn du Pech hast, bist du dann eben getroffen und tot oder verwundet.
- 9:31Aber eine Drohne verfolgt die Menschen eben.
- 9:35Bevor wir hierher kamen, waren wir bereits darüber informiert,
- 9:38dass der Krieg hier anders ist.
- 9:40Ein Krieg, der stark von Drohnen geprägt wird. Die Männer klingen relativ nüchtern
- 9:45abgeklärt, als hätten sie etwas gesehen, das man nicht gut in Worte fassen kann,
- 9:49und sich deshalb auf kurze, harte Sätze beschränkt.
- 9:52Dominik muss darüber gar nicht lange reden. Man sieht die Folgen,
- 9:55er steht auf Krücken, Blitter einer Explosion, haben sie seinen Knie verletzt, hat er mir erzählt.
- 10:01Und vielleicht erklärt das auch, warum die Männer so schnell von Winter sprechen,
- 10:05von Kälte, Schmerzen, von Körperlichkeit. Weil Krieg für sie nicht nur eine
- 10:09Strategie ist, nicht nur Geopolitik, sondern etwas, das direkt in den Körper einschlägt.
- 10:15Aktuell muss man sagen, ist dieser Krieg so festgefahren wie selten zuvor.
- 10:19Wir sehen einen massiven Stellungskrieg an der Front, also da bewegt sich relativ
- 10:24wenig, auch in dem Zuständigkeitsbereich dieser kolumbianischen Männer, die ich getroffen habe.
- 10:29Das war so im Südosten des Landes, also wie gesagt in der Region Dnepro,
- 10:34aber daneben deutlich südöstlicher von der eigentlichen Regionalhauptstadt.
- 10:40Die Front, wo ich die Männer getroffen habe, war ungefähr 30 Kilometer entfernt
- 10:44von dem Platz, wo wir waren.
- 10:46Und da ist es mittlerweile so, dass die Russen kaum noch nach vorne kommen,
- 10:52sehr viel Personal opfern, sehr viel Material opfern, aber trotzdem relativ
- 10:57wenig Geländegewinne machen.
- 11:00Es gab Anfang des Jahres die Befürchtung, dass es eine größere russische Sommeroffensive
- 11:04geben könne. Davon ist aktuell noch nichts zu sehen, beziehungsweise die offensive
- 11:09Bemühungen der Russen sind aufgehalten worden.
- 11:13Was allerdings passiert ist, dass die Ukraine es immer besser schafft,
- 11:16mit Langstrecken drohen und Kurzstrecken drohen,
- 11:19die russische Logistik zu stören und kaputt zu machen und vor allem eben auch
- 11:23die Gas- und Ölproduktion als dem
- 11:26Schmiermittel der russischen Kriegsmaschinerie, dass die zerstört wird.
- 11:32Also da passiert gerade sehr, sehr viel, gerade hinter der Front,
- 11:35also im russischen Hinterland und das könnte möglicherweise diesen Krieg auch ändern.
- 11:42Die Kolumbianer kämpfen in den Reihen der 31. mechanisierten Brigade.
- 11:47Und vor Ort, als ich mit ihnen gesprochen habe, war auch ein ukrainischer Offizier
- 11:51ein stellvertretender Battalionskommandeur, der mir auch über eine Übersetzer
- 11:56erklärt hat, wie die Brigade auf diese Männer blickt.
- 11:59Das ist wichtig, weil sich daran eine zweite Frage entscheidet.
- 12:02Zieht die Kolumbianer für die
- 12:04ukrainische Armee nur ein Notbehelf oder ein echter Teil des Verwandtes?
- 12:12Was ihre Motivation betrifft, sagen sie immer, dass sie hergekommen sind,
- 12:16um dem befreundeten ukrainischen Volk dabei zu helfen, sich gegen die russische
- 12:20Invasion zu verteidigen.
- 12:21Was ihre militärischen Fähigkeiten und Fertigkeiten angeht, merkt man das.
- 12:26Die Männer kommen, insbesondere junge Männer. Manche bringen bereits Kampferfahrungen mit, andere nicht.
- 12:31Aber alle durchlaufen eine Ausbildung
- 12:33und zeigen bei der Erfüllung ihrer Kampfeinsätze sehr gute Leistungen.
- 12:36Über die Kolumbianer kann ich sagen, dass sie wirklich eine wertvolle Unterstützung sind.
- 12:45Für die Brigade sind die Kolumbianer längst Teil ihrer Einheit.
- 12:49Und auch das ist interessant. Die Sprachbarriere, die auf den ersten Blick riesig
- 12:52wirkt, ich habe ja gesagt, keiner von den vier Jungs hat ukrainisch gesprochen,
- 12:57scheint im Alltag kleiner zu sein, als man denkt.
- 13:01Mit Übersetzungs-Apps arbeiten wir. Es gibt einige Kolumbianer,
- 13:04die ein wenig Russisch oder Ukrainisch verstehen, mit denen kommunizieren wir dann auch so.
- 13:09Die meisten sind auch ziemlich lernfähig und bringen sich nach und nach selbst Ukrainisch bei.
- 13:13Diejenigen, die schon länger hier sind, können sich inzwischen bereits recht
- 13:16gut auf Ukrainisch verständigen.
- 13:18Am Gefechtsstand, an der Funkstelle, von der aus der Kampfeinsatz geführt wird,
- 13:22sitzt ebenfalls ein Ausländer.
- 13:24Genauer gesagt ein Kolumbianer. Er versteht die Befehle und koordiniert die
- 13:28Einsätze seiner Kameraden.
- 13:32Auch das erzählt viel über diesen Krieg natürlich. Er ist längst nicht mehr
- 13:35nur ein Krieg zwischen zwei Armeen eines Landes.
- 13:38Er ist auch ein Krieg, in dem Kämpfer aus aller Welt in Einheiten eingebunden
- 13:41werden, indem sie Sprachen mischen, Biografien kreuzen und die militärischen
- 13:45Notwendigkeiten neue Wirklichkeiten schaffen.
- 13:48Die Männer selbst beschreiben das Verhältnis zu den Ukrainern erstaunlich unaufgeregt,
- 13:52nicht euphorisch, nicht verklärt, aber doch eindeutig positiv.
- 13:59Sie misshandeln uns nicht.
- 14:03Sie behandeln uns nicht wie Kinder, sondern wie Soldaten. Sie behandeln uns gut.
- 14:13Das ist sicherlich kein warmer Wohlfühlton und deshalb wirkt er eben auch glaubwürdig.
- 14:17Die Männer sagen nicht, es sei alles nur einfach oder freundlich.
- 14:20Sie sagen eben, das Militär ist hart, es gibt Befehle, es gibt einen rauen Ton,
- 14:25aber sie fühlen sich nicht misshandelt, nicht gedemütigt, nicht wie Menschen zweiter Klasse.
- 14:31Das macht die Sache komplizierter. Diese Männer kommen wegen des Geldes,
- 14:34manche von ihnen jedenfalls auch, aber sie beschreiben sich selbst nicht als
- 14:38Wegwerfkräfte, sondern als Soldaten. unter Soldaten.
- 14:42Und dann gibt es natürlich noch eine zweite Wahrheit. Kolumbianer kämpfen nicht
- 14:46nur für die Ukraine. Auch Russland rekrutiert Männer aus Kolumbien.
- 14:50Auch darüber haben wir in einer der vorherigen Folgen schon gesprochen.
- 14:53Es gibt in den Reihen der russischen Armee sehr, sehr viele Menschen,
- 14:56auch aus Lateinamerika.
- 14:59In einem Kriegsgefangenencamp im Westen des Landes habe ich beispielsweise Menschen
- 15:04aus Kolumbien, aber auch aus Venezuela oder Kuba getroffen.
- 15:08Und ganz viele Söldner aus Afrika, aus Nigeria, aus Kenia und aus anderen Ländern,
- 15:13oder aus Ländern wie Indien oder Nepal, Sri Lanka oder Bangladesch.
- 15:19Aber im Umkehrschluss heißt das, ein Kolumbianer kann in diesem Krieg auf einen
- 15:23anderen Kolumbianer schießen.
- 15:25Vielleicht ohne es überhaupt zu wissen.
- 15:28Ich frage die Männer, was das für sie bedeutet.
- 15:33Auf dem Schlachtfeld weißt du nicht, wer vor dir steht.
- 15:38Ob Russe oder Kolumbianer.
- 15:41Wer russische Uniform trägt, ist ein Feind. Auch wenn er aus unserem Land kommt.
- 15:53Das sind natürlich Sätze, die sitzen bleiben. weil sie zeigen,
- 15:55wie Krieg Kategorien verschiebt. Herkunft, Sprache, Nationalität,
- 15:59all das verliert auf dem Schlachtfeld an Bedeutung, wenn jemand auf der anderen Seite steht.
- 16:05Für die Männer, die ich getroffen habe, ist die Logik brutal einfach.
- 16:08Wer russische Uniform trägt, der ist ein Gegner.
- 16:12Auch wenn er aus dem selben Land kommt, auch wenn er dieselbe Sprache spricht.
- 16:17Wer vielleicht sogar dieselbe Geschichte mitbringt.
- 16:19Und auch der ukrainische Offizier, mit dem ich gesprochen habe,
- 16:22sieht das letztlich genauso nüchtern.
- 16:27Sie alle sehen das als ihre Arbeit an und betrachten den Gegner als Gegner.
- 16:32Es gibt einen Feind, es gibt den Befehl, den Feind zu vernichten.
- 16:35Und sie führen diesen Befehl aus.
- 16:39Der Feind ist der Feind. Dieser Satz klingt bei den Ukrainern militärisch,
- 16:45bei den Kolumbianern klingt er existenziell.
- 16:50Als ich vor diesem Treffen weggefahren bin, hatte ich keine einfache Antwort.
- 16:53Natürlich denkt man, naja, also warum riskieren Menschen, die aus einem vergleichsweise
- 16:59sicheren Land kommen? Natürlich ist Kolumbien immer noch massive Kriminalität und Gewaltprobleme.
- 17:05Aber im Unterschied zur Ukraine ist es natürlich vergleichsweise friedlich.
- 17:09Was bringt Menschen dazu, in so ein Land wie die Ukraine zu gehen,
- 17:13das Leben zu riskieren für eine Sache, die eigentlich nicht die eigene ist?
- 17:18Und ich bin bei sowas immer so ein bisschen zwiegespalten. Auf der einen Seite
- 17:21kann ich das verstehen, dass das Geld natürlich auch reizvoll ist.
- 17:25Ich verdiene das zehnfache dessen, was ein durchschnittlicher kolumbianischer
- 17:29Mensch verdient, wenn sie in den ukrainischen Streitkräften sind.
- 17:33Ich kann es auch verstehen, dass jemand sagt, ich will gegen Ungerechtigkeiten vorgehen.
- 17:40Aber wie gesagt, es ist natürlich immer ein bisschen schwierig,
- 17:44wenn man solchen Leuten spricht. Ich habe ja gerade auch erzählt von der Begegnung
- 17:47mit Mika. Das war der Deutsche, den ich vor Jahren getroffen habe,
- 17:51der in der Ukraine gekämpft hat.
- 17:52Am Anfang auch gewirkt hat wie ein Idealist.
- 17:55Er hat gesagt, er kämpft gegen das Böse, gegen den russischen Aggressor,
- 18:00der die Ukraine einfach überfallen hat.
- 18:02Oder Männer hat sich Mika eben eine Handgranate vor das Gesicht gehalten und
- 18:06die gezündet, weil er total traumatisiert war und nicht mehr klargekommen ist.
- 18:10Und das ist natürlich auch was, was da mitschwingt, wenn man mit diesen Männern
- 18:13spricht. die in der Situation, als wir sie getroffen haben, eben so unglaublich relaxed waren,
- 18:19die man nicht angemerkt hat auf den ersten Blick, was sie für eine Hölle erlebt
- 18:23haben, durch welches Grauen sie gegangen sind.
- 18:27Die Frage ist natürlich auch, was nehmen diese Männer mit nach Hause,
- 18:30wenn sie denn nach Hause kommen, wenn sie diesen Krieg überleben?
- 18:33Und wie ist das dann, wenn sie plötzlich wieder ins Zivilen Leben geworfen werden?
- 18:37Und das sind so Fragen, die man sich sicherlich immer stellt,
- 18:41wenn man solchen Leuten begegnet.
- 18:43Und auf die es wahrscheinlich erst Monaten oder Jahren Antworten geben wird.
- 18:50Was natürlich alle diese Männer verbindet, ist, sie haben einen Krieg erlebt,
- 18:53der schlimmer war, als sie ihn sich vorgestellt hatten. Vielleicht bleibt deshalb
- 18:57genau ein Satz besonders hängen, nicht der über Waffen, nicht der über Politik,
- 19:00sondern der über den Winter.
- 19:06Winter, als Tourist ja, als Soldat nein.
- 19:12Der Winter sieht schön aus, im Fernsehen, aber hier zu bleiben, nein.
- 19:20Im Winter an der Front zu sein, ist sehr kompliziert.
- 19:27Man hat das Gefühl, als würden einem die Finger abbrechen. Diese Männer sind
- 19:32fast 10.000 Kilometer gereist.
- 19:34Heute ist der Krieg in der Ukraine ihr Alltag.
- 19:37Sie sprechen über Sold, über Gerechtigkeit, über Kameradschaft.
- 19:40Vor allem aber sprechen sie über einen Krieg, der alles übertroffen hat,
- 19:43was sie sich vorgestellt hatten. Vielleicht erklärt genau das ihre Geschichte
- 19:46besser als jede politische Debatte.
- 19:50Das war diese Folge von Im Krisenmodus. Produziert wurde sie von Alexander Baumeister.
- 19:56Er ist auch Journalist und arbeitet für einen Radiosender der Funke Mediengruppe.
- 20:00Wenn euch der Podcast gefällt, folgt uns, bewertet uns und schreibt euch gerne
- 20:05eure Meinung über diese Menschen, deren Stimmen ihr gerade gehört habt,
- 20:08an inkrisenmodus.funkemedien.de.
- 20:12Das war für euch auf. Bis bald. Ciao, ciao. Im,
- 20:18Krisenmodus, der Podcast auf.