Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 1. Theil - 22 - Von der schenkenden Tugend
Transcript
- 0:00Unter Kapitel 22 von der Schenkenden Tugend Zarathustra
- 0:06verlässt die Stadt, die er liebt und die den Namen die bunte Kuh
- 0:10trägt. Viele seiner Schüler folgen ihm,
- 0:12um ihn auf seinem Weg zu begleiten, an einer Wegkreuzung
- 0:16bleibt Zarathustra stehen und erklärt ihnen, dass er von nun
- 0:19an alleine weitergehen möchte, er ist ein Freund des
- 0:22Alleinseins, zum Abschied überreichen ihm seine Schüler
- 0:26ein Geschenk, einen goldenen Stab.
- 0:28Der Griff des Stabes stellt eine Sonne dar, um die sich eine
- 0:31Schlange wickelt. Dieses Bild auf dem Stab ist ein
- 0:35wichtiges Symbol in Nietzsches Philosophie, die Sonne steht für
- 0:39das Ausstrahlen von Licht, leben und Energie, die Schlange ist
- 0:43ein Symbol für Klugheit und irdische Weisheit, zusammen
- 0:47stehen sie für eine Weise kraftvolle und lebensbejahende
- 0:50Art des Gebens. Zarathustra freut sich sehr über
- 0:53dieses Geschenk. Er stützt sich auf den Stab und
- 0:56beginnt zu seinen Schülern über die höchste aller Tugenden zu
- 0:59sprechen, die sogenannte schenkende Tugend.
- 1:03Zarathustra fragt seine Schüler, warum Gold als der höchste Wert
- 1:06angesehen wird, er erklärt es damit, dass Gold selten ist,
- 1:10hell glänzt und eine milde, freundliche Ausstrahlung hat,
- 1:13vor allem aber ist es ein Symbol, weil es sich selbst
- 1:16verschenkt, genauso verhält es sich mit der höchsten Form der
- 1:19menschlichen Tugend. Die schenkende Tugend ist für
- 1:23Nietzsche keine aufopfernde, mitleidige Nächstenliebe im
- 1:25christlichen Sinne, bei der man sich selbst verleugnet.
- 1:29Vielmehr bedeutet sie, dass ein Mensch so reich an geistiger
- 1:32Kraft, wissen und Lebensfreude geworden ist, dass er überfließt
- 1:37dieser Mensch zieht zwar wie ein Magnet alle positiven Werte,
- 1:40schätze und Erkenntnisse der Welt an sich, aber nicht, um sie
- 1:43aus Gier für sich zu behalten, er sammelt sie in seiner Seele,
- 1:47damit sie geläutert als Geschenke der Liebe wieder aus
- 1:50ihm herausströmen können. Zarathustra bezeichnet dieses
- 1:53Verhalten als eine heilige und gesunde Form der Selbstsucht.
- 1:57Es ist ein Egoismus, der sich selbst stark und reich macht, um
- 2:01anderen etwas abgeben zu können. Demgegenüber stellt er die
- 2:04Kranke und arme Selbstsucht, das ist die Gier der schwachen
- 2:08Menschen, die immer nur haben wollen, weil sie innerlich leer
- 2:11sind, sie blicken wie Diebe auf das, was andere haben.
- 2:16Diese kranke Selbstsucht entspringt aus einem Gefühl des
- 2:18Mangels und der Schwäche. Die schenkende Tugend hingegen
- 2:22kommt aus einem Gefühl der Fülle und der Stärke.
- 2:25Sie erhöht den Menschen und bereitet den Weg für eine höhere
- 2:28Form des Lebens. Nach diesen Worten schweigt
- 2:31Zarathustra eine Weile, er blickt seine Schüler liebevoll
- 2:35an, doch als er wieder zu sprechen beginnt, hat sich seine
- 2:38Stimme verändert, er wird nun eindringlicher und bittet seine
- 2:42Schüler, beschwörend der Erde treu zu bleiben, der Begriff der
- 2:47Erde treu bleiben, ist ein zentraler Gedanke bei Nietzsche.
- 2:51Er fordert die Menschen auf, das echte körperliche Leben im hier
- 2:54und jetzt zu bejahen. Man soll nicht auf ein Leben
- 2:57nach dem Tod auf den Himmel oder auf himmlische Versprechungen
- 3:00hoffen. Zarathustra warnt davor, die
- 3:03eigene Energie und die eigenen Tugenden an überirdische
- 3:06religiöse Träume zu verschwenden.
- 3:09In der Vergangenheit, so erklärt er, haben die Menschen ihre
- 3:12geistige Kraft oft an solche himmlischen Illusionen verloren.
- 3:16Zarathustra fordert sie auf. Diese verflogenen Tugenden
- 3:19zurück auf die Erde und zurück in den menschlichen Körper zu
- 3:22holen. Die Erkenntnis und der Geist
- 3:25sollen dazu dienen, der Erde und dem menschlichen Dasein einen
- 3:28neuen Sinn zu geben. Er erinnert seine Schüler daran,
- 3:32dass die Menschheit ein fortlaufendes Experiment ist.
- 3:35Wir schleppen viele alte Irrtümer und Fehler der
- 3:37Vergangenheit mit uns herum, aber wir haben die Fähigkeit,
- 3:41uns selbst zu reinigen und aus diesen Fehlern zu lernen.
- 3:45Die Schüler sollen selbst zu wissenden und zu Gestaltern
- 3:48werden, die neue Werte für die Erde erschaffen.
- 3:51Dann schweigt Zarathustra erneut, er wiegt den goldenen
- 3:54Stab in der Hand und trifft eine harte Entscheidung, er sagt
- 3:58seinen Schülern, dass er nun wirklich alleine gehen wird und
- 4:01er befiehlt ihnen, ebenfalls wegzugehen, mehr noch, sie
- 4:05sollen sich gegen ihn, ihren eigenen Lehrer wehren, er warnt
- 4:10sie davor, dass er sie vielleicht getäuscht haben
- 4:12könnte. Mit dieser Aufforderung drückt
- 4:15Nietzsche aus, dass ein echter Lehrer keine blinden Anhänger
- 4:18will. Ein Schüler zahlt es seinem
- 4:20Lehrer schlecht heim, wenn er immer nur ein Schüler bleibt und
- 4:23ihn unkritisch verehrt. Wer blind verehrt, läuft Gefahr,
- 4:26dass sein Idol irgendwann wie eine Statue in sich
- 4:29zusammenstürzt. Zarathustra möchte freie
- 4:32selbstständige Denker, seine Schüler sollen ihn verlieren und
- 4:36stattdessen sich selbst finden, erst wenn sie sich von ihm
- 4:39gelöst haben und ihren eigenen Weg gehen.
- 4:42Wird er zu Ihnen zurückkehren, um sie mit einer neuen, reiferen
- 4:45Liebe zu lieben? Zarathustra freut sich auf
- 4:48diesen zukünftigen Moment des Wiedersehens, er nennt diesen
- 4:52Moment den großen Mittag in Nietzsches Bildersprache ist der
- 4:56große Mittag der Zeitpunkt, an dem die Sonne am höchsten steht
- 4:59und keine Schatten mehr wirft, es ist der Moment der größten
- 5:02Klarheit und Wachheit. An diesem Punkt steht der Mensch
- 5:06genau in der Mitte seines Weges zwischen dem Tier und dem
- 5:09Übermenschen. Der Übermensch ist bei Nietzsche
- 5:12die Vision eines zukünftigen, völlig freien und schöpferischen
- 5:15Menschen, der alle alten, lebensfeindlichen Werte
- 5:18überwunden hat. Wenn dieser große Mittag
- 5:20erreicht ist, wird der Mensch seinen eigenen Untergang feiern,
- 5:24weil er weiß, dass dieser Untergang nur ein Übergang zu
- 5:27etwas Höherem ist. Zarathustra beendet seine Rede
- 5:30mit der festen Überzeugung, dass alle alten Götter tot sind und
- 5:34dass nun der Weg frei ist für den Übermenschen.
- 5:37Mit diesem letzten großen Ziel vor Augen verlässt Zarathustra
- 5:40seine Schüler und tritt seinen eigenen Weg an.