Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 4 - 325-332
Transcript
- 0:00Unterkapitel 325 was zur Größe gehört hier stellt Nietzsche die
- 0:07Frage, was einen Menschen wirklich groß macht.
- 0:10Seine Antwort ist provokant, Größe besteht nicht darin,
- 0:13Schmerz ertragen zu können, das sei nichts Besonderes, das
- 0:17könnten auch schwache Frauen oder Sklaven meisterhaft wahre
- 0:21Größe zeigt sich in etwas anderem, in der Fähigkeit,
- 0:24großen Schmerz zu verursachen und die Verantwortung dafür zu
- 0:28tragen. Nietzsche meint damit nicht
- 0:30einfach nur Grausamkeit, es geht um die innere Stärke, die man
- 0:34braucht, um tiefgreifende Veränderungen herbeizuführen.
- 0:38Wer etwas Neues und Großes erschaffen will, muss oft alte
- 0:41Werte zerstören, dieser Prozess kann für andere schmerzhaft
- 0:45sein, die wirklich große Person ist nun diejenige, die diesen
- 0:49notwendigen Schmerz zufügen, die Schreie der Leidenden hören und
- 0:53trotzdem nicht an Schuldgefühlen, zweifeln oder
- 0:56innerer Zerrissenheit zugrunde gehen kann.
- 0:59Zur Größe gehört also eine enorme Härte gegen sich selbst
- 1:02und andere, um ein höheres Ziel zu erreichen.
- 1:05Es ist die Fähigkeit, die schwere Last der Verantwortung
- 1:08für die Konsequenzen des eigenen Handelns zu tragen.
- 1:12Unterkapitel 326 die Seelenärzte und der Schmerz Nietzsche
- 1:20kritisiert hier scharf diejenigen, die er Seelenärzte
- 1:23nennt, damit meint er moralprediger, Priester und
- 1:27Theologen. Er sagt, ihr gemeinsames
- 1:29Vorgehen besteht darin, den Menschen einzureden, dass sie
- 1:32von Grund auf schlecht, krank und sündhaft seien und dringend
- 1:36eine radikale Heilung bräuchten. Eine Heilung, die natürlich nur
- 1:39diese Ärzte anbieten können. Über Jahrhunderte hinweg sei
- 1:44diese Botschaft so oft wiederholt worden, dass die
- 1:46Menschen am Ende selbst daran geglaubt haben, dass es ihnen
- 1:49schlecht geht und das Leben eine Qual ist.
- 1:53In Wahrheit, so Nietzsche, ist das Gegenteil der Fall.
- 1:56Der Mensch ist von Natur aus Lebenssicher verliebt in das
- 2:00Leben und unglaublich erfinderisch, wenn es darum
- 2:02geht, Schmerz und Unglück zu überwinden.
- 2:05Das ständige Gerede über Leid sei eine maßlose Übertreibung,
- 2:09er zählt auf, wie viele Mittel wir gegen den Schmerz haben,
- 2:12Betäubungen, die fieberhafte hast der Gedanken, eine ruhige
- 2:16Umgebung, gute wie schlechte Erinnerungen, Absichten,
- 2:20Hoffnungen und viele Arten von Stolz und Mitgefühl, wir
- 2:25verstehen uns gut darauf. Süßigkeiten auf unsere
- 2:27Bitternisse zu Träufeln. Bei den höchsten Graden des
- 2:30Schmerzes tritt sogar von selbst Ohnmacht ein.
- 2:34Nietzsche wirft den Moralpredigern also vor, den
- 2:36Menschen ein unnötiges Leiden einzureden, um sie von sich
- 2:40abhängig zu machen unter Kapitel 327 Ernst nehmen hier greift
- 2:49Nietzsche die verbreitete Vorstellung an, dass tiefes
- 2:52Denken immer ernst und freudlos sein muss.
- 2:55Für die meisten Menschen, so beschreibt er es, ist der
- 2:58Verstand wie eine schwere, knarrende Maschine, die nur
- 3:01mühsam in Gang zu bringen ist. Wenn Sie diese Maschine
- 3:04benutzen, also ernsthaft nachdenken, nennen Sie das, die
- 3:08Sache ernst nehmen. Dabei verlieren sie sofort Ihre
- 3:11gute Laune. Aus dieser Erfahrung entsteht
- 3:14ein Vorurteil, das Nietzsche zitiert, wo Lachen und
- 3:17Fröhlichkeit ist. Da taugt das denken nichts.
- 3:21Nietzsche will genau dieses Vorurteil widerlegen.
- 3:25Sein gesamtes Buch, Die fröhliche Wissenschaft ist ein
- 3:28Versuch zu zeigen, dass tiefes Denken und Fröhlichkeit
- 3:32zusammengehören. Er plädiert für eine
- 3:34Philosophie, die leicht tänzerisch und lachend ist, ohne
- 3:38dabei oberflächlich zu sein. Ernsthaftigkeit und
- 3:41Verbissenheit sind für ihn kein Zeichen von Tiefe, sondern oft
- 3:45von geistiger Schwerfälligkeit, Unterkapitel, 328, der Dummheit
- 3:52Schaden tun. In diesem Abschnitt vergleicht
- 3:56Nietzsche 2 grundlegend verschiedene Lehren, die den
- 3:59Menschen gepredigt wurden. Die erste Lehre ist die der
- 4:02Moralisten und der Religion, sie lautet Deine Selbstsucht ist das
- 4:08Unheil deines Lebens. Diese Predigt, so Nietzsche, hat
- 4:12dem Egoismus geschadet, denn sie hat ihm sein gutes Gewissen
- 4:15genommen und ihn zur Wurzel allen Übels erklärt.
- 4:18Die zweite Lehre ist die der antiken Philosophen, allen voran
- 4:22Sokrates. Ihre Botschaft war eure
- 4:26Gedankenlosigkeit und Dummheit sind der Grund, weshalb ihr so
- 4:29selten zum Glück findet. Nietzsche will nicht
- 4:33entscheiden, welche dieser beiden Lehren richtiger ist.
- 4:37Stattdessen analysiert er ihre Wirkung so wie die Moralisten
- 4:41der Selbstsucht geschadet haben, so haben die Philosophen der
- 4:44Dummheit geschadet, sie haben der Dummheit ihr gutes Gewissen
- 4:47genommen, indem sie sie als Ursache des Unglücks
- 4:50darstellten. Nietzsche zeigt hier, wie
- 4:52mächtig solche grundlegenden Urteile sind, da sie unser
- 4:55gesamtes Selbstverständnis und unsere Werte formen.
- 5:00Unterkapitel, 329, Muße und Müßiggang Nietzsche beklagt hier
- 5:07die moderne Arbeitsmoral, die er als eine Krankheit der neuen
- 5:10Welt bezeichnet, er beschreibt eine atemlose hast der Arbeit,
- 5:14die von Amerika nach Europa überschwappt.
- 5:17Die Symptome dieser Krankheit sind für ihn offensichtlich.
- 5:20Die Menschen schämen sich heutzutage für die Ruhe und die
- 5:23Muße. Langes Nachdenken verursacht
- 5:26fast schon Gewissensbisse, man lebt mit der Uhr in der Hand und
- 5:30ist mit Blick auf die Börsennachrichten das Motto
- 5:33lautet Lieber irgendetwas tun als nichts.
- 5:37Diese ständige Eile hat verheerende Folgen, sie zerstört
- 5:41das Gefühl für Form, für Schönheit und für die Amelodie
- 5:44der Bewegungen in der Kommunikation wird nur noch eine
- 5:47plumpe Deutlichkeit gefordert. Weil keine Zeit mehr bleibt für
- 5:50Zeremonien, für geistreiche Unterhaltungen, für Umwege oder
- 5:54für das, was die Römer Ozium nannten.
- 5:57Die edle, geistvolle Freizeit. Die neue Tugend ist Effizienz,
- 6:02etwas in kürzerer Zeit zu erledigen als ein anderer
- 6:06Nietzsche stellt dem die Werte der Antike gegenüber.
- 6:09Damals hatte die Arbeit ein schlechtes Gewissen, ein
- 6:12vornehmer Mensch arbeitete nicht, er verbarg seine Arbeit,
- 6:16das Leben eines freien Mannes bestand aus Ozium.
- 6:19Muße und Bellum Krieg Nietzsche kritisiert diese Umkehrung der
- 6:23Werte zutiefst und sieht darin einen Verlust an Kultur und
- 6:27Lebensqualität. Unter Kapitel 330 Beifall in
- 6:34diesem sehr kurzen Abschnitt spricht Nietzsche über das
- 6:37Bedürfnis nach Anerkennung und Applaus.
- 6:39Er stellt fest, dass ein Denker, also jemand, der tiefgründige
- 6:43Gedanken entwickelt, eigentlich keinen Beifall von anderen
- 6:46Menschen braucht. Die einzige Bedingung dafür ist,
- 6:49dass dieser Denker sich seines eigenen Wertes und seiner
- 6:52eigenen Leistung absolut sicher ist.
- 6:55Wenn er sich sozusagen selbst applaudieren kann, ist der
- 6:58Applaus von außen nicht mehr notwendig.
- 7:00Allerdings gibt Nietzsche zu, dass es fast unmöglich ist, auf
- 7:03diese Selbstbestätigung vollständig zu verzichten.
- 7:07Er zitiert den römischen Geschichtsschreiber Tacitus, der
- 7:09einmal schrieb, dass der Wunsch nach Ruhm das letzte ist, wovon
- 7:13sich selbst die weisesten Menschen trennen können.
- 7:16Nietzsche scheint dem zuzustimmen.
- 7:18Er sagt damit, dass dieser Drang nach Anerkennung tief im
- 7:21Menschen verwurzelt ist, selbst bei denjenigen, die scheinbar
- 7:24darüber stehen. Die Kernaussage ist also ein
- 7:27wirklich unabhängiger Geist, braucht keine Bestätigung von
- 7:30außen, aber diesen Grad der Unabhängigkeit erreicht fast
- 7:33niemand vollständig, der Wunsch von anderen für seine Leistungen
- 7:37anerkannt zu werden, bleibt fast immer bestehen, Unterkapitel
- 7:42331. Lieber taub als betäubt
- 7:47Nietzsche beschreibt hier die moderne Welt als einen riesigen,
- 7:50lauten Marktplatz. Früher, so meint er, reichte es
- 7:54aus, einen guten Ruf zu haben, um als Denker oder Künstler
- 7:57wahrgenommen zu werden, heute aber sei der Markt, also die
- 8:01Öffentlichkeit, so groß und überfüllt geworden, dass ein
- 8:04guter Ruf allein nicht mehr genügt, man müsse schreien, um
- 8:08überhaupt gehört zu werden. Die Konsequenz daraus ist, dass
- 8:12selbst Menschen mit guten Kehlen.
- 8:14Also mit wertvollen und klugen Gedanken sich überschreien
- 8:17müssen, um aufzufallen. Die besten waren also die
- 8:21tiefsten Ideen, werden oft von heiseren Stimmen angeboten, das
- 8:25bedeutet, dass die Art und Weise, wie man seine Ideen
- 8:28präsentiert, nämlich laut und Marktschreierisch, wichtiger
- 8:31geworden ist als die Qualität der Ideen selbst.
- 8:34Er stellt resigniert fest, dass es heute anscheinend kein Genie
- 8:37mehr ohne Marktschreierei und Heiserkeit gibt, für einen
- 8:40Denker, so schließt er, ist dies ein schlimmes Zeitalter.
- 8:44Er muss lernen, sich zwischen dem Lärm der einen und dem Lärm
- 8:48der anderen Meinung seine eigene Stille zu bewahren.
- 8:51Er muss sich so lange taub stellen, bis er wieder seine
- 8:54eigene innere Stimme hören kann, wenn er das nicht lernt, so
- 8:57warnt Nietzsche, läuft er Gefahr, vor lauter Ungeduld und
- 9:01Kopfschmerzen an diesem Lärm zugrunde zu gehen, errät dem
- 9:05Denker also, sich vor der betäubenden Wirkung des
- 9:07öffentlichen Lärms zu schützen, selbst wenn das bedeutet, für
- 9:10die Welt taub zu werden. Unterkapitel 332 die böse Stunde
- 9:19dieses Kapitel ist eine sehr kurze und persönliche Reflexion
- 9:22über einen Moment des Zweifels, den wohl jeder Philosoph einmal
- 9:26erlebt. Nietzsche beschreibt eine böse
- 9:28Stunde, einen düsteren Augenblick, in dem ein Denker
- 9:31von einem niederschmetternden Gedanken heimgesucht wird.
- 9:35Dieser Gedanke lautet, Was liegt an mir, wenn man mir nicht auch
- 9:39meine schlechten Argumente glaubt.
- 9:41Dieser Satz drückt eine tiefe Verzweiflung aus.
- 9:44Der Philosoph erkennt in diesem Moment, dass sein Wert für die
- 9:47Welt vielleicht nur davon abhängt, dass die Leute ihm
- 9:50glauben, egal ob seine Argumente gut oder schlecht sind, es geht
- 9:55nicht um die Wahrheit, sondern nur um die Wirkung, die er
- 9:58erzielt in diesem Moment der Selbstzweifel, so erzählt
- 10:02Nietzsche weiter, fliegt ein kleines, schadenfrohes Vögelchen
- 10:06an ihm vorbei und zwitschert ihm eine noch tiefere, fast zynische
- 10:10Frage zu. Was liegt an dir, was liegt an
- 10:13dir? Diese Frage des Vogels verstärkt
- 10:16den Zweifel des Philosophen ins Unermessliche, sie stellt nicht
- 10:20nur den Wert seiner Arbeit in Frage, sondern seine gesamte
- 10:23Existenz. Was macht es schon aus, ob er
- 10:26existiert oder nicht, was bedeutet sein ganzes Denken und
- 10:29schreiben im großen ganzen, es ist ein Moment, in dem der
- 10:33Philosoph mit seiner eigenen Bedeutungslosigkeit konfrontiert
- 10:36wird und erkennt, wie klein und unwichtig er im Universum sein
- 10:39könnte.