Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 23
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- 0:01Kapitel 23 die Nachrichten aus Washington die Nachricht kam aus
- 0:06dem Westen über den Ozean, und sie kam, wie die großen
- 0:09Nachrichten immer kamen, nicht als ein Ereignis, sondern als
- 0:13ein Riss in der Gewissheit, von dem niemand sofort die tiefe
- 0:16ermessen konnte. Theo hörte sie am Morgen im
- 0:20Radio beim Tee, und er hörte sofort, dass etwas anders war.
- 0:24Weil die Stimmen, die sonst von Washington Sprachen, mit der
- 0:27gelangweilten Routine, mit der man von einem Nachbarn spricht,
- 0:30dessen Macken man kennt, an diesem Morgen nicht gelangweilt
- 0:33klangen, sondern vorsichtig tastend mit jener Vorsicht, die
- 0:36Journalisten anlegen, wenn sie etwas berichten müssen, dessen
- 0:40Folgen sie nicht überblicken. Es ging um die Frage, wer dort
- 0:43drüben eigentlich noch regierte, wer regieren würde, wer regieren
- 0:46durfte. Eine Frage nach Amtsfähigkeit,
- 0:49nach Nachfolge, nach den Mechanismen einer Verfassung,
- 0:52die 200 Jahre gehalten hatte und von der sich nun herausstellte,
- 0:55dass auch sie nur Papier war, so wie alles Papier war, wenn die
- 0:59Menschen aufhörten, sich an das zu halten, was darauf stand.
- 1:02Theo stellte den Tee ab und hörte zu, und in ihm regte sich
- 1:06etwas, das er kannte. Ein altes Gefühl, dass er zum
- 1:08ersten Mal mit 27 gehabt hatte, an einem Novemberabend des
- 1:12Jahres 1989, als er vor einem Fernseher gestanden und
- 1:16zugesehen hatte, wie eine Mauer, von der man ihm sein halbes
- 1:19Leben lang gesagt hatte, sie werde noch in 100 Jahren stehen,
- 1:23in einer einzigen Nacht zu einem Stück Geschichte wurde, über das
- 1:26Menschen kletterten. Das war die erste große Lehre
- 1:30seines Lebens gewesen, die Lehre, die er 40 Jahre lang
- 1:33versucht hatte, an Kinder weiterzugeben, die ihm nicht
- 1:36glaubten, weil sie in einer Welt aufwuchsen, die ihnen fest
- 1:39erschien. Dass das Feste flüssig werden
- 1:41kann, schnell über Nacht, dass die Ordnungen, unter denen wir
- 1:44leben und die wir für die Natur selbst halten, nichts sind als
- 1:47Vereinbarungen, dünn wie Eis, das gerade trägt, bis es eines
- 1:51morgens nicht mehr trägt. Jetzt trug ein anderes Eis nicht
- 1:54mehr. Die Ordnung, die diesmal flüssig
- 1:57wurde, war nicht die seiner Jugend.
- 1:59Die enge, graue, Eingemauerte, es war die, die danach gekommen
- 2:03war, die er für die endgültige Gehalten hatte.
- 2:05In einem Anflug von Naivität, für den er sich nun schämte, die
- 2:09westliche Ordnung, der Schirm aus der Ferne, unter dem dieses
- 2:13Land 70 Jahre gestanden hatte, so selbstverständlich, dass man
- 2:16vergaß, dass es ihn gab, wie man die Statik eines Hauses
- 2:19vergisst, in dem man wohnt, bis ein Riss durch die Wand läuft.
- 2:23Er war 1962 geboren hinter der Mauer in eben dieser Stadt, als
- 2:28sie noch ein anderes Land gewesen war, mit einem anderen
- 2:30Namen, einer anderen Fahne, einem anderen großen Bruder, der
- 2:34über ihm wachte, von Osten diesmal nicht von Westen.
- 2:37Er hatte als Kind gelernt, dass diese Ordnung ewig sei, dass es
- 2:41keine andere geben werde, dass die Welt in 2 Hälften zerfiel
- 2:44und man in der einen geboren wurde und in ihr starb.
- 2:48Und dann mit 27, war die ewige Ordnung an einem Abend zerfallen
- 2:52und Theo hatte Begriffen am eigenen Leib, was kein Buch ihm
- 2:55hätte beibringen können, dass es keine ewigen Ordnungen gibt,
- 2:59dass jede Gewissheit, unter der ein Mensch aufwächst, nur die
- 3:02Gewissheit seiner eigenen kurzen Spanne ist.
- 3:04Eine Schicht, die sich über Ältere gelegt hat und über die
- 3:07sich neue legen werden. Er hatte damals geglaubt, das
- 3:10sei ein einmaliges Glück gewesen, ein Riss, der sich nur
- 3:13einmal im Leben öffnet. Und er hatte sein restliches
- 3:16Leben in der neuen Ordnung verbracht, der westlichen, und
- 3:19sie für die endgültige gehalten, weil der Mensch nicht anders
- 3:22kann als die Ordnung seiner mittleren Jahre für die Natur zu
- 3:25halten. Jetzt mit 64, mit einem
- 3:28reparierten Herzen, erlebte er es ein zweites Mal.
- 3:32Und es war anders, diesmal mit 27 hatte der Riss nach Freiheit
- 3:35gerochen. Mit 64 roch er nach etwas, das
- 3:39Theo nicht benennen konnte, weil es noch keinen Namen hatte, weil
- 3:43es ein Geruch war, den die Zukunft erst tragen würde.
- 3:46Die Stadt las den Riss auf 2 Arten und Theo, der den ganzen
- 3:50Tag durch die Stadt ging, weil sein Herz die Bewegung verlangte
- 3:54und sein Kopf die Beobachtung hörte, beide, die eine Hälfte,
- 3:58las Katastrophe. Er hörte es im café, in dem er
- 4:01saß. In den Gesprächen am Nebentisch,
- 4:03in den Stimmen der Älteren, die gelernt hatten, dass der Schirm
- 4:06aus dem Westen der Garant von allem war, von Frieden, von
- 4:10Wohlstand, von der einfachen, beruhigenden Gewissheit, dass
- 4:13jemand Größeres über einem Stand, der im Ernstfall
- 4:16eingriff. Für sie brach mit der Nachricht
- 4:19aus Washington nicht eine ferne Regierung zusammen, sondern der
- 4:22Boden unter den eigenen Füßen, die Garantie, unter der sie ihr
- 4:26ganzes Leben gebaut hatten. Sie sprachen von Krieg, von
- 4:29Chaos, von dem Ende der Sicherheit und in ihren Stimmen
- 4:33war die nackte Angst von Menschen, denen man die Statik
- 4:36ihres Hauses wegnimmt und sagt, ihr müsst jetzt selbst sehen,
- 4:39wie ihr stehen bleibt. Theo verstand ihre Angst, weil
- 4:43sie konkret war, weil sie ein Fundament hatte.
- 4:46Über Nacht waren die Zahlen gefallen, die Renten, die
- 4:49Ersparnisse, das wenige, das diese Menschen für sicher
- 4:52gehalten hatten, taumelte, weil die Märkte taumelten, weil
- 4:55niemand mehr wusste, ob die Verträge galten, die Bündnisse
- 4:58hielten, die Garantien standen, es war kein abstraktes
- 5:02Unbehagen. Es war ein Brief von der Bank,
- 5:05eine Nachricht über das Aktiendepot, eine Schlagzeile
- 5:08über Truppen, die sich bewegten oder nicht bewegten.
- 5:11Niemand wusste es genau, und das Nichtwissen war das Schlimmste,
- 5:14weil ein Mensch mit einer bekannten Gefahr leben kann und
- 5:17an einer Unbekannten zugrunde geht.
- 5:19Die andere Hälfte las Befreiung, das waren die Jüngeren meist und
- 5:23die Zornigen, und Theo hörte sie ebenso an anderen Tischen in
- 5:27anderen Tonlagen. Dass es Zeit werde, dass man
- 5:30sich viel zu lange untergestellt habe, dass ein Kontinent, der so
- 5:33alt sei und so reich, sich nicht ewig von jenseits des Ozeans
- 5:36beschützen lassen könne wie ein Kind, dass das Ende des Schirms
- 5:40vielleicht der Anfang von etwas eigenem sei, einer Mündigkeit,
- 5:43die man sich über Jahrzehnte abgewöhnt hatte.
- 5:46In ihren Stimmen, war keine Angst, sondern etwas, das fast
- 5:49wie Vorfreude klang, die Vorfreude von Menschen, die ein
- 5:52zu enges Haus verlassen, ohne genau zu wissen, was draußen
- 5:56ist. Und Theo, der zwischen den
- 5:58Tischen saß, mit seinem Kaffee, den er nicht mehr trinken durfte
- 6:01und trotzdem trank, weil ein Mann irgendwo eine Grenze ziehen
- 6:04muss, hörte beiden zu und gab keiner recht.
- 6:07An einem der Nebentische saß ein Mann, den Theo unterrichtet
- 6:10hatte, vor 20 Jahren ein guter Schüler, damals, wach, neugierig
- 6:15und jetzt ein müder Mitvierziger mit einer Baufirma und 2 Kindern
- 6:19und einer Wut, die Theo erschreckte.
- 6:22Er erkannte Theo, kam herüber und sie sprachen.
- 6:25Und der Mann sagte fast triumphierend, jetzt sei es
- 6:28endlich vorbei mit dem Diktat aus Übersee, jetzt könne man
- 6:31endlich machen, was richtig sei für das eigene Land, ohne dass
- 6:35einem ständig jemand hineinrede. Und Theo, der diesen Mann als
- 6:39Jungen gekannt hatte, als er noch Fragen gestellt hatte statt
- 6:41Antworten gegeben, hörte unter dem Triumph die alte Wunde, die
- 6:45Kränkung dessen, der sich sein Leben lang klein gefühlt hatte,
- 6:48bevormundet, übersehen und der jetzt im Zusammenbruch der
- 6:51großen Ordnung eine Genugtuung fand.
- 6:53Eine späte Theo widersprach nicht, er hatte vor langer Zeit
- 6:57aufgehört, in cafés zu widersprechen, weil das
- 6:59widersprechen nichts brachte, weil ein Mensch seine Wut nicht
- 7:02an der Tür eines Kaffees ablegt. Aber er dachte, während er dem
- 7:06Mann zuhörte, dass die Befreiungserzählung und die
- 7:09Katastrophenerzählung oft gar nicht von verschiedenen Menschen
- 7:12kamen, sondern von denselben, dass in ein und demselben Herzen
- 7:16die Angst vor dem Sturz und die Lust am Sturz zusammenwohnten
- 7:19untrennbar und dass die Politik, die jetzt regierte, genau diese
- 7:23Mischung verstanden hatte, besser als alle anderen, die
- 7:26Angst zu schüren und die Lust zu bedienen im selben Atemzug.
- 7:30Denn das war die Versuchung, der ein Historiker am meisten
- 7:33Misstrauen musste. Die einfache Lesart die
- 7:36Geschichte hatte Theo sein Leben lang gewusst und sein Leben lang
- 7:39nicht vermitteln können, war nie eine Geschichte von Katastrophe
- 7:43oder Befreiung, sie war immer beides zugleich, ineinander
- 7:46verschränkt, untrennbar, und wer sie zu einem von beiden
- 7:49vereinfachte, hatte sie schon verfälscht. 1989 war Befreiung
- 7:54gewesen und für die, deren Leben in dem grauen Land verankert
- 7:57war, deren Renten und Gewissheiten und Biografien über
- 8:00Nacht entwertet wurden, war es auch Katastrophe gewesen.
- 8:03Ein Sturz, von dem mancher sich nie erholte und aus diesem nie
- 8:07verhallten Sturz, das wusste Theo besser als die meisten, war
- 8:10ein Teil der Bitterkeit erwachsen, die heute 40 Jahre
- 8:13später, in den kalten Farben blühte, Befreiung und
- 8:16Katastrophe waren keine Gegensätze.
- 8:20Sie waren Geschwister, die immer zusammenkamen und nur die Zeit,
- 8:23viel Zeit, mehr Zeit als ein einzelnes Leben hatte, entschied
- 8:27am Ende, welches von beiden das Ältere gewesen war.
- 8:30Also verweigerte er sich, er saß in dem café und dachte mit dem
- 8:33langen Blick, der ihm geblieben war, als alles andere ihm
- 8:36genommen worden war, dass die ehrliche Antwort auf die Frage
- 8:39Katastrophe oder Befreiung nicht die eine und nicht die andere
- 8:42war, sondern ein drittes, das schwerer auszuhalten war als
- 8:45beide, wir wissen es nicht. Wir wissen es nicht und wir
- 8:49werden es lange nicht wissen. Und vielleicht werden es erst
- 8:51die Wissen, die jetzt Kinder sind, wenn sie alt sind und
- 8:54zurückblicken auf das, was in diesem Sommer begann.
- 8:57Das war die unbequemste Wahrheit, die ein Mensch
- 8:59ertragen konnte, unbequemer als jede Katastrophe und jede
- 9:03Befreiung, dass man in einem Moment lebte, dessen Bedeutung
- 9:06man nicht kannte, dass man eine Schicht Ablagerte, von der man
- 9:09nicht wusste, ob spätere sie als die dunkle oder die helle lesen
- 9:12würden und doch, und hier richtete sich in Theo etwas auf.
- 9:16Leise gegen seine eigene Vorsicht und doch sah er unter
- 9:19der Ungewissheit eine Möglichkeit, die ihn nicht
- 9:21losließ, wenn der Schirm sich schloss, dann musste der, der
- 9:24jahrzehntelang darunter gestanden hatte, lernen, im
- 9:27Regen zu stehen, das war hart, das war gefährlich, aber es war
- 9:32auch das, was einen Menschen, ein Volk, einen Kontinent
- 9:35erwachsen machte, die Notwendigkeit, für sich selbst
- 9:37einzustehen, wenn der große Beschützer Fortfiel.
- 9:41Vielleicht dachte Theo, und er traute dem Gedanken nicht ganz,
- 9:45weil er zu schön war. Vielleicht zwang dieser Schock,
- 9:47der alle erschreckte, Europa zu etwas, dass es freiwillig nie
- 9:51geworden wäre, zur Mündigkeit, vielleicht war das Ende der
- 9:54Gewissheit der Anfang der Verantwortung vielleicht, und
- 9:58das war der Eintrag, den er an diesem Abend seiner Liste
- 10:00hinzufügen würde, vorsichtig mit einem Fragezeichen, weil ein
- 10:04ehrlicher Mann seine Hoffnungen mit Fragezeichen versieht.
- 10:07Vielleicht wurde etwas geboren in diesem Sommer, das niemand
- 10:10gewollt hatte und das besser war als das, was starb.
- 10:13Er wusste es nicht, das war das ehrliche, aber er hatte 1989
- 10:18erlebt, dass aus dem Einsturz einer Ordnung etwas wachsen
- 10:21konnte, das man vorher nicht für möglich gehalten hatte, und er
- 10:25hatte auch erlebt, dass es Jahrzehnte dauerte und Opfer
- 10:28forderte und nie so kam, wie die Hoffnung es sich ausmalte,
- 10:31beides war wahr, beides musste man tragen, es war schon dunkler
- 10:35gewesen, es war schon heller geworden.
- 10:37Und keines von beiden war je von selbst gekommen.
- 10:40Am Abend rief Lena an, und sie sprach nicht über Washington,
- 10:44nicht direkt, sie sprach über das, was Washington mit der
- 10:46Stadt machte, weil Lena anders als ihr Vater nie beim Großen
- 10:50blieb, sondern immer dahin ging, wo das Große konkret wurde, wo
- 10:54es einem Menschen weh tat. Es trifft die Firmen, sagte sie,
- 10:58und diesmal nicht mal direkt, das ist das Verrückte.
- 11:01Kennst du Veit, die Präzisionsteile?
- 11:04Die haben letztes Jahr die Amerikaner verloren wegen der
- 11:07Zölle. Das war noch nachvollziehbar, da
- 11:09stand es wenigstens im Zolltext. Jetzt verlieren sie Brasilien,
- 11:13Brasilien, sagte Theo, sie liefern dorthin, oder sie haben
- 11:17geliefert. Er hörte Papierrascheln, sie
- 11:20hatte Notizen vor sich, wie immer, wenn sie etwas erst beim
- 11:23Erzählen verstand. Und Washington hat Brasilien mit
- 11:26Strafzöllen belegt. Das läuft seit Monaten, das hast
- 11:29du mitbekommen. Das brasilianische Werk hängt am
- 11:32US Geschäft. Als der Satz stieg, war deren
- 11:34Kalkulation tot. Vorletzte Woche haben Sie
- 11:37Insolvenz angemeldet, und da hängen jetzt Aufträge drin, die
- 11:40aus dieser Region kommen und Rechnungen, die nie bezahlt
- 11:43werden. Sie lachte kurz, ohne Freude,
- 11:46Papa, verstehst du, was da passiert ist?
- 11:49Eine Regierung in Washington entscheidet etwas über ein Land
- 11:52in Südamerika aus Gründen, die mit Handel nicht viel zu tun
- 11:55haben und die Rechnung landet in einer Halle, in der 80 Leute
- 11:58arbeiten, 30 Kilometer von hier, kein Mensch dort hat je an diese
- 12:02Halle gedacht. Nicht einer.
- 12:04Es war nicht mal gegen sie gerichtet.
- 12:06Theo sagte lange nichts und die Auftragsbücher lehren sich, die
- 12:09Banken werden nervös und genau in dem Moment, sie machte eine
- 12:12Pause und Theo hörte, dass sie an ihre Story dachte, an das
- 12:16Bein, das sie nicht greifen konnte, genau in dem Moment ist
- 12:18die einzige Hand, die noch Aufträge verteilt, die des
- 12:21Landes. Verstehst du was das heißt, wer
- 12:24jetzt überleben will, muss zur Landesgesellschaft.
- 12:26Es gibt keine andere Tür mehr. Der Schock von drüben treibt sie
- 12:30alle der einen Hand in die Arme, die ohnehin schon zu viel hält.
- 12:34Theo verstand, er verstand es, mit der Klarheit, mit der er die
- 12:37großen Mechanismen verstand, und es schauderte ihn, weil es so
- 12:41sauber war, so kalt, so ohne einen Täter.
- 12:44Dass ein Beben am anderen Ende der Welt, eine Krise, die
- 12:48niemand hier gemacht hatte, sich Fortpflanzte über Ozeane, über
- 12:51Zollschranken, durch Lieferketten, bis es in einer
- 12:54Werkhalle in einer namenlosen Stadt einen Menschen vor eine
- 12:57Entscheidung stellte, die keine war, unterschreiben oder
- 13:00untergehen. Die Hand, die die Stadt
- 13:02sortierte, musste niemanden zwingen, sie musste nur warten,
- 13:06bis die Welt die Menschen zu ihr trieb und die Welt in diesem
- 13:09Sommer trieb sie. Und noch etwas fiel ihm an
- 13:12dieser Geschichte auf und er sprach es aus, weil es sein
- 13:15Beruf gewesen war, Muster zu benennen.
- 13:17Auch die unbequemen, die Zölle gegen Brasilien hatten nie einem
- 13:21Handelsbilanzstreit gegolten, sie waren verhängt worden, als
- 13:24dort ein Gericht gegen einen ehemaligen Präsidenten
- 13:27verhandelte, einen Verbündeten dessen, der die Zölle verhängte,
- 13:30und der Zusammenhang war nicht einmal verschleiert worden, man
- 13:33hatte ihn ausgesprochen offen, in aller Ruhe, das war das neue
- 13:37daran, dachte Theo. Nicht, dass Handel als Waffe
- 13:40diente, das war so alt wie der Handel, sondern dass man ein
- 13:43Gericht damit beschoss, öffentlich und dass es niemanden
- 13:46mehr aus dem Sessel hob. Merk dir das, sagte er zu seiner
- 13:49Tochter, nicht wegen der Firma, wegen der Reihenfolge.
- 13:53Erst nimmt man einem Gericht die Ruhe, dann nimmt man ihm die
- 13:56Zuständigkeit, wenn Du eines Tages vor einem Gericht stehst
- 14:00mit deiner Geschichte, und das wirst du, das ist der einzige
- 14:03Ort, an dem so etwas endet. Dann wird jemand versuchen, den
- 14:07Preis dafür so hoch zu treiben, dass die Richter ihn nicht
- 14:10zahlen wollen. Sieh dir an, wie es in Brasilien
- 14:13gemacht wurde, sie werden es hier nicht anders machen, sie
- 14:16werden es nur höflicher machen, es war das, was er in 40 Jahren
- 14:20am schwersten hatte vermitteln können, weil seine Schüler immer
- 14:23nach den großen Schuldigen gesucht hatten, nach dem einen
- 14:26Bösen, auf den man zeigen konnte, dass die Geschichte fast
- 14:29nie so funktioniert, dass sie selten einen Täter hat im Sinn
- 14:32eines Menschen, der das böse will, sie hat Mechanismen.
- 14:35Sie hat drücke, die sich fortpflanzen, von Ferne durch
- 14:39Märkte und Verträge und Lieferketten, bis sie an einer
- 14:42ganz konkreten Stelle ankommen, in einem ganz konkreten
- 14:45Menschen, der dann tut, was der Druck verlangt und sich dabei
- 14:48nicht einmal böse fühlt, sondern bloß vernünftig, bloß gezwungen,
- 14:52bloß ohne Wahl. Das war das eigentlich
- 14:55schreckliche, dass Theo nie in ein Tafelbild hatte fassen
- 14:58können. Nicht die Bosheit, sondern die
- 15:00Abwesenheit von Bosheit, die saubere mechanische Art, in der
- 15:03ein Unglück sich vollzieht, ohne dass irgendwo jemand es gewollt
- 15:06hätte. Und nun lief dieser Mechanismus
- 15:09wieder vor seinen Augen, in seiner eigenen Stadt, und er
- 15:12trieb eine Frau, die Theo nicht kannte, deren Namen er gerade
- 15:16zum ersten Mal aus dem Mund seiner Tochter hörte, an einen
- 15:18Schreibtisch, an dem sie etwas unterschreiben sollte, das sie
- 15:21nicht unterschreiben wollte. Es gibt eine, sagte Lena Leiser,
- 15:25auf die ich gewartet habe, eine Firma, ein Mensch, der weiß, was
- 15:29die Maschine wirklich ist, weil er sie mitbaut.
- 15:32Die hat bisher geschwiegen, aber wenn der Export jetzt wegbricht,
- 15:36wenn sie ganz unter Druck kommt, Papa, ich weiß nicht, ob das gut
- 15:40oder schlecht ist, vielleicht bricht sie, vielleicht redet sie
- 15:43dann oder vielleicht unterschreibt sie endgültig und
- 15:46ist für immer verloren. Ich weiß es nicht, es hängt
- 15:49alles an dem, was der Schock aus ihr macht.
- 15:52Theo schwieg eine Weile mit dem Telefon am Ohr und sah aus dem
- 15:56Fenster auf die Stadt, in der das blaue Licht der Bildschirme
- 15:59in den Fenstern stand. Auf jedem dieselben Nachrichten
- 16:02aus Washington, dieselbe Ungewissheit, und er dachte
- 16:05daran, dass die großen Beben, von denen die Geschichtsbücher
- 16:08sprachen, in Wahrheit immer aus Millionen kleiner Entscheidungen
- 16:11bestanden, die einzelne Menschen in einzelnen Räumen trafen,
- 16:15unter einem Druck, den ferne Hände auf sie legten.
- 16:18Und dass das, was später als Schicksal gelesen würde, als
- 16:21Lauf der Dinge, in Wahrheit eine Frau in einer Glaskanzel war,
- 16:24die einen Stift in der Hand hielt und nicht wusste, ob sie
- 16:27unterschreiben sollte. Hör zu, sagte er schließlich, du
- 16:32kannst nicht steuern, was der Schock aus ihr Macht, das liegt
- 16:35nicht bei dir, aber du kannst da sein, wenn der Moment kommt, du
- 16:39kannst dafür sorgen, dass sie, wenn sie bricht, jemanden
- 16:42findet, der sie auffängt, statt jemanden, der sie ausnutzt.
- 16:46Mehr kann man nicht tun. Lena, Man kann den Sturm nicht
- 16:48aufhalten, man kann nur dafür sorgen, dass die, die er trifft,
- 16:52nicht allein sind, wenn er sie trifft.
- 16:54Er legte auf und blieb am Fenster stehen und spürte sein
- 16:58Herz, das müde pochen, das hier aussetzte und dort stolperte die
- 17:02Uhr, die nicht mehr richtig ging.
- 17:05Draußen verschob sich die Welt im Osten und im Westen zugleich.
- 17:092 Beben, die auf dieselbe kleine Stadt Zuliefen, und mittendrin
- 17:13die Menschen, jeder mit seinem Stift, seinem Heft, seiner
- 17:16Liste, seiner kleinen, unmöglichen Entscheidung.
- 17:20Theo war alt, und sein Herz war kaputt, und er würde das Ende
- 17:23der Geschichte nicht erleben, die in diesem Sommer begann,
- 17:26aber er konnte noch dies. Die Schichten ordnen, solange er
- 17:30Zeit hatte, den Schlüssel halten, bis das Schloss kam und
- 17:33denen, die nach ihm noch lange leben würden, die Liste
- 17:36hinterlassen, auf der Stand, dass es schon dunkler gewesen
- 17:39war, viel dunkler, und dass es trotzdem immer wieder heller
- 17:42geworden war, nicht von selbst, nie von selbst, sondern weil ein
- 17:46Paar nicht aufgehört hatten zu graben, wenn es Nacht war.
- 17:49Es war kein Trost, der einen wärmte.
- 17:51Es war ein härterer Trost, der einen aufrecht hielt.
- 17:54Nicht das Versprechen, dass alles gut wird, sondern das
- 17:57Wissen, dass nichts von selbst gut wird und dass also alles,
- 18:01was je gut geworden war, das Werk von Menschen gewesen war,
- 18:04von gewöhnlichen, ängstlichen, sterblichen Menschen, die sich
- 18:08gefunden hatten und nicht weggesehen in einer dunklen
- 18:10Stunde. Theo hatte sein Leben lang nach
- 18:13diesem Trost gesucht, ohne ihn zu finden, hatte ihn in den
- 18:16Büchern gesucht und in der Geschichte und am Ende sogar im
- 18:19Spott in der Liste, die er aus Galgenhumor begonnen hatte und
- 18:23jetzt am Ende mit dem reparierten Herzen, fand er ihn
- 18:26nicht in einem Buch, sondern in einem Heft, das eine Pflegekraft
- 18:30führte, in 2 Karten, die seine Tochter nebeneinander gelegt
- 18:33hatte, in einem Schlüssel, den ein alter Richter ihm in die
- 18:37zitternde Hand gedrückt hatte. Der Trost war nicht, dass es
- 18:40besser würde. Der Trost war, dass es ein Paar
- 18:43gab, die es versuchten und dass er so lange sein Herz noch
- 18:46schlug. Einer von ihnen sein durfte.
- 18:49Er ging zu seinem Schreibtisch, nahm die Liste und schrieb unter
- 18:52all die leisen Verbesserungen der vergangenen Jahrzehnte eine
- 18:56neue Zeile, die erste seit langem, und sie war keine
- 18:59Verbesserung, sie war eine Wette, und er versah sie, wie es
- 19:03einem ehrlichen Mann zukam, mit einem Fragezeichen, vielleicht
- 19:06lernt ein Kontinent in diesem Sommer, auf eigenen Beinen zu
- 19:10stehen. Dann legte er den Stift hin und
- 19:13in der Dunkelheit hinter dem Fenster über der namenlosen
- 19:16Stadt hingen ein paar Sterne, hart und klein, das Licht von
- 19:20etwas, das schon erloschen war, als es sich auf den Weg machte
- 19:23und das trotzdem noch leuchtete, immer noch unbeirrt über einer
- 19:27Welt, die nicht wusste, ob sie unterging oder erwachte.