Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 5 - 370-373
Transcript
- 0:00Unterkapitel 370 Was ist Romantik in diesem sehr
- 0:06wichtigen Abschnitt setzt sich Nietzsche mit dem Begriff der
- 0:08Romantik auseinander und korrigiert seine eigene frühere
- 0:11Meinung ergibt zu, dass er den philosophischen Pessimismus des
- 0:1519. Jahrhunderts wie den von
- 0:17Schopenhauer und die deutsche Musik wie die von Wagner früher
- 0:21fälschlicherweise als Zeichen einer überlegenen Stärke und
- 0:24Lebensfülle angesehen hatte. Nun erkennt er, dass er ihren
- 0:27wahren Charakter verkannt hat. Ihre Romantik, um zu erklären,
- 0:32was er unter Romantik versteht, führt er eine grundlegende
- 0:35Unterscheidung ein. Er sagt, jede Kunst und
- 0:38Philosophie kann als ein Heil und Hilfsmittel für das Leben
- 0:41verstanden werden, das bedeutet, Kunst und Philosophie entstehen
- 0:46immer aus einem Leiden heraus, aber es gibt 2 grundverschiedene
- 0:50Arten von Leidenden, die an der Überfülle des Lebens leidenden,
- 0:55das sind Menschen, die so voller Kraft und Lebensenergie sind.
- 0:58Dass sie auch die schrecklichen und widersprüchlichen Seiten des
- 1:01Lebens aushalten und sogar bejahen können.
- 1:05Sie wollen eine Kunst, die diese Fülle ausdrückt, diese Kunst
- 1:08nennt Nietzsche dionysisch, sie schließt auch eine tragische
- 1:12Sicht auf das Leben mit ein, der Dionysische Gott und Mensch ist
- 1:16für ihn der Inbegriff dieser Haltung, er ist so reich an
- 1:19schaffender Kraft, dass er Selbstzerstörung und das
- 1:22hässliche als Teil des Lebens umarmen kann, die an der
- 1:26Verarmung des Lebens leidenden. Das sind Menschen, deren
- 1:30Lebenskraft geschwächt ist. Sie suchen in der Kunst und
- 1:33Philosophie entweder Ruhe, Frieden und Erlösung von sich
- 1:37selbst oder aber Betäubung, Rausch und Wahnsinn, um ihr
- 1:41leeres Dasein zu entfliehen. Dieser zweiten Art von Bedürfnis
- 1:45entspricht laut Nietzsche alle Romantik.
- 1:48Schopenhauer und Wagner sind für ihn die berühmtesten Vertreter
- 1:51dieser romantischen Haltung. Ihre Kunst und Philosophie
- 1:54entspringen einem Mangel an Leben und Zielen darauf ab,
- 1:57dieses Manko zu kompensieren. Der Romantiker sehnt sich nach
- 2:01milde Frieden und einem gütigen Gott, der die Kranken heilt, er
- 2:05braucht auch die Logik und eine klare, verständliche Ordnung der
- 2:09Welt, weil ihm das Sicherheit und Vertrauen gibt.
- 2:12Romantik ist für Nietzsche also im Kern eine Flucht vor der
- 2:15harten Realität des Lebens, eine Sehnsucht nach einer
- 2:18optimistischeren, einfacheren Welt.
- 2:21Nietzsche schließt mit der Ankündigung eines anderen
- 2:23Pessimismus, den er den dionysischen Pessimismus nennt.
- 2:27Dieser Pessimismus entsteht nicht aus Schwäche, sondern aus
- 2:30Stärke, er ist die Fähigkeit der Hässlichkeit und dem Widersinn
- 2:35des Lebens ins Auge zu blicken, ohne daran zu zerbrechen und
- 2:38trotzdem ja zum Leben zu sagen. Unter Kapitel 317 wir
- 2:44unverständlichen hier spricht Nietzsche im Namen einer Gruppe,
- 2:48zu der er sich selbst zählt. Die Philosophen und freien
- 2:52Geister das Kapitel ist eine Art stolze Erklärung darüber, warum
- 2:57sie von anderen missverstanden werden und warum dieses
- 3:00Missverständnis notwendig und sogar ein Zeichen von Ehre ist.
- 3:04Er beginnt mit der Frage, haben wir uns je darüber beklagt,
- 3:07missverstanden, verkannt, verwechselt, verleumdet, verhört
- 3:12und überhört zu werden? Die Antwort ist ein klares Nein,
- 3:16er sagt, dies sei ihr Schicksal, ihr los.
- 3:20Und zugleich ihre Auszeichnung. Sie würden sich selbst nicht
- 3:23genug ehren, wenn es anders wäre.
- 3:25Der Grund für dieses ständige Missverständnis liegt darin,
- 3:29dass sie sich fortwährend verändern und wachsen.
- 3:32Nietzsche verwendet das kraftvolle Bild eines Baumes,
- 3:35sie wachsen nicht nur an einer Stelle oder in eine Richtung,
- 3:38sondern überall gleichzeitig nach oben, zum Himmel, nach
- 3:43unten in die Tiefe, in die Wurzeln des Bösen.
- 3:47Sie schlagen alte Rinden ab und häuten sich jedes Frühjahr.
- 3:51Sie werden immer jünger, zukünftiger, höher und stärker.
- 3:55Diese ständige Metamorphose macht es unmöglich, sie zu
- 3:57fassen oder zu definieren, sie sind keine fertigen
- 4:01Persönlichkeiten, sondern ein andauernder Prozess, daher
- 4:05können sie auch nicht auf eine einzelne Handlung oder ein
- 4:08einzelnes Wesensmerkmal reduziert werden, sie tun nicht
- 4:11nur eine Sache, sie sind nicht nur eine Sache, ihre Natur ist
- 4:15es zu wachsen. Dieses Schicksal des ständigen
- 4:18Wachstums nennt er ihr Verhängnis der Höhe.
- 4:21Er vergleicht sich und seine Mitstreiter mit Menschen, die
- 4:24auf hohen Bergen leben und dadurch den Blitzen immer näher
- 4:27sind. Dieses gefährliche, aber
- 4:30erhabene Schicksal wollen sie nicht mit anderen teilen, es ist
- 4:33etwas, das sie für sich behalten, als Zeichen ihrer
- 4:36besonderen Stellung, das Kapitel ist somit eine poetische und
- 4:40selbstbewusste Umdeutung von Einsamkeit und
- 4:42Unverständlichkeit in ein Zeichen von Stärke und adliger
- 4:46Distanz. Unterkapitel 372 warum wir keine
- 4:52Idealisten sind in diesem letzten Abschnitt erklärt
- 4:56Nietzsche den fundamentalen Unterschied zwischen den alten
- 4:59Philosophen und den modernen Denkern, zu denen er sich zählt.
- 5:04Die alten Philosophen, so sagt er, hatten eine große Furcht vor
- 5:07den Sinnen, die Welt der sinnlichen Wahrnehmung war für
- 5:11sie gefährlich und verführerisch.
- 5:13Sie glaubten, die Sinne würden sie aus dem kalten, klaren Reich
- 5:16der Ideen in eine Welt locken, in der ihre Tugenden wie Schnee
- 5:20in der Sonne schmelzen würden. Philosophieren bedeutete für
- 5:24sie, sich die Wachs in die Ohren zu stecken, um die
- 5:27verführerische Musik des Lebens nicht zu hören, Nietzsche nennt
- 5:31diesen alten Glauben, dass alle Musik sirenenmusik sei, einen
- 5:35Aberglauben, er geht sogar so weit, das philosophieren, diese
- 5:39alten Denker als eine Art Vampyrismus zu bezeichnen.
- 5:43Sie waren für ihn herzlos, weil sie sich vom Leben abwandten und
- 5:46ihm gleichsam das Blut aussaugten, um ihre blutleeren
- 5:49Ideen zu nähren. Übrig blieben nur Knochen und
- 5:52Geklapper, seine Metapher für leere Begriffe, Kategorien und
- 5:56Worte wir modernen hingegen, so Nietzsche, urteilen genau
- 6:01umgekehrt, wir sind Sensualisten nicht nur in der Theorie,
- 6:05sondern vor allem in der Praxis. Für uns sind die Ideen die
- 6:09gefährlicheren Verführerinnen als die Sinne.
- 6:12Ideen, so kalt und leblos sie auch scheinen mögen, leben immer
- 6:15vom Blute des Philosophen. Sie zehren von seinen Sinnen.
- 6:20Warum aber haben die modernen diese Furcht vor den Sinnen
- 6:23verloren? Nietzsche gibt eine provokante
- 6:26Antwort, vielleicht sind wir modernen nur nicht gesund genug,
- 6:30um platos Idealismus nötig zu haben, damit meint er, dass der
- 6:34Idealismus, also die Flucht in eine Welt der reinen Ideen, eine
- 6:38Art Vorsichtsmaßnahme für Menschen war.
- 6:40Die von einer überreichen und gefährlichen Gesundheit und
- 6:43starken Sinnen geprägt waren. Die alten Philosophen mussten
- 6:47ihre übermächtigen Sinne zügeln, wir modernen hingegen brauchen
- 6:50diese Zügelung nicht mehr, weil unsere Sinne und unsere
- 6:53Lebenskraft vielleicht schwächer geworden sind, wir fürchten die
- 6:57Sinne nicht, weil sie uns nicht mehr so stark bedrohen, es ist
- 7:00eine ironische und selbstkritische Analyse des
- 7:03modernen Geistes, der seine Offenheit für die Sinne
- 7:06vielleicht nicht seiner Stärke, sondern seiner Schwäche
- 7:08verdankt. Unterkapitel 373 Wissenschaft
- 7:15als Vorurteil in diesem Abschnitt hinterfragt Nietzsche
- 7:19die Wissenschaft und die Menschen, die sie betreiben, die
- 7:22Gelehrten. Er behauptet, dass die
- 7:25Wissenschaft nicht so neutral und objektiv ist, wie sie oft
- 7:28dargestellt wird, stattdessen sei sie selbst eine Art Glaube,
- 7:31ein Vorurteil. Nietzsche meint, dass die
- 7:34meisten Gelehrten aus dem geistigen Mittelstand kommen.
- 7:37Das bedeutet, Sie sind keine Extremen oder wagemutigen
- 7:40Denker. Deshalb beschäftigen sie sich
- 7:42seiner Meinung nach auch nicht mit den wirklich großen Tiefen
- 7:46und vielleicht beunruhigenden Fragen des Lebens.
- 7:49Stattdessen suchen Sie in der Wissenschaft nach Sicherheit und
- 7:52Bestätigung, ihre Arbeit ist oft von einem unbewussten Wunsch
- 7:56getrieben, dass die Welt geordnet und verständlich sein
- 7:59möge, als Beispiel nennt er den englischen Philosophen Herbert
- 8:03Spencer. Nietzsche empfindet dessen Ideen
- 8:06als fast schon ekelerregend optimistisch.
- 8:10Spencer glaubte, dass sich am Ende alles zum Guten entwickeln
- 8:12würde, zum Beispiel durch eine Versöhnung von Egoismus und
- 8:16Altruismus. Für Nietzsche ist das eine naive
- 8:20und beschönigende Sicht auf das Leben, die den harten Wahrheiten
- 8:23ausweicht, der Kern von Nietzsches Kritik ist folgender
- 8:27die Annahme, dass die Welt für den menschlichen Verstand
- 8:30vollständig durchschaubar und in menschlichen Werten messbar ist
- 8:34ist selbst keine bewiesene Tatsache.
- 8:36Es ist ein Glaube, ein Vorurteil.
- 8:39Die Wissenschaftler, die das annehmen, sind also nicht
- 8:42voraussetzungslos, sondern gehen von einem Glauben aus, den sie
- 8:46selbst nicht hinterfragen, sie glauben an den Wert der Wahrheit
- 8:49und der Wissenschaft, ohne zu fragen, woher dieser Glaube
- 8:52kommt.