Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Also sprach Zarathustra - 3. Theil - 4 - Vor Sonnen-Aufgang
Transcript
- 0:00Also sprach Zarathustra ein Buch für alle und keinen dritter Teil
- 0:04Unterkapitel 4 vor Sonnenaufgang.
- 0:09Dieses Unterkapitel beginnt in den frühen Morgenstunden,
- 0:12Zarathustra hat die ganze Nacht wach gelegen und auf ein großes
- 0:16Unglück gewartet, aber das Unglück kam nicht, die Nacht
- 0:20blieb hell und still und stattdessen kam ihm das Glück
- 0:23immer näher. Gegen Morgen muss Zarathustra
- 0:26über sich selbst lachen. Er scherzt, dass ihm das Glück
- 0:29nur deshalb nachläuft, weil er nicht den Frauen nachläuft, denn
- 0:33das Glück verhalte sich wie eine Frau.
- 0:36Dann wendet er sich dem Himmel zu, es ist die Zeit kurz vor dem
- 0:40Sonnenaufgang, eine sehr stille und feierliche Zeit, Zarathustra
- 0:45blickt nach oben und spricht zu dem reinen, tiefen Himmel, den
- 0:48er als einen Lichtabgrund bezeichnet, ein Abgrund ist
- 0:52normalerweise etwas dunkles und Bedrohliches, das in die Tiefe
- 0:55geht. Aber hier ist es ein Abgrund aus
- 0:58Licht, der unendlich hoch über ihm steht.
- 1:01Wenn Zarathustra in diesen endlosen Himmel schaut, spürt er
- 1:04eine tiefe Verbindung, er sagt, dass er seine eigene Tiefe und
- 1:08seine eigene Unschuld in diesen Himmel hineinwirft, der Himmel
- 1:12ist für ihn wie ein Spiegel seiner eigenen Seele, er spricht
- 1:15davon, dass der Himmel seine Schönheit noch verbirgt und
- 1:18nicht in Worten zu ihm spricht, aber genau das ist es, was
- 1:22Zarathustra schätzt, er und der Himmel sind alte Freunde.
- 1:26Sie teilen alles miteinander, den Kummer, das Grauen, aber
- 1:30auch die Sonne. Sie müssen nicht miteinander
- 1:32reden, weil sie zu viel wissen, sie schweigen sich an und
- 1:36tauschen ihr Wissen nur durch ein Lächeln aus.
- 1:40Der Philosoph Nietzsche beschreibt hier einen Zustand
- 1:43der Vollkommenen Einsicht, Zarathustra hat eine Stufe
- 1:46erreicht, auf der menschliche Worte nicht mehr ausreichen und
- 1:50auch nicht mehr nötig sind, die absolute Wahrheit und Reinheit,
- 1:54die der Himmel darstellt. Lässt sich nicht in Sprache
- 1:56fassen, sondern nur in stiller, ruhiger Verbundenheit fühlen.
- 2:01Dann wechselt zarathustras Stimmung, er spricht von den
- 2:05Dingen, die den Himmel beflecken, er hasst die
- 2:08ziehenden Wolken, er nennt sie schleichende Raubkatzen, diese
- 2:12Wolken nehmen ihm und dem Himmel das größte Weg, nämlich das
- 2:16unbegrenzte Ja und Amen sagen. Um diesen Begriff zu verstehen,
- 2:20muss man wissen, dass das ja sagen einer der wichtigsten
- 2:24Gedanken von Friedrich Nietzsche ist.
- 2:26Es bedeutet, das Leben genau so zu bejahen und zu akzeptieren,
- 2:30wie es ist, mit all seinen Freuden, aber auch mit all
- 2:33seinem Schmerz und Leiden. Man soll nicht auf ein besseres
- 2:37Leben nach dem Tod hoffen, sondern dieses irdische Leben
- 2:40voll und ganz annehmen, die Wolken stehen symbolisch für
- 2:44Menschen oder Gedanken, die Zweifeln und zögern.
- 2:48Es sind die halben, die weder richtig segnen noch richtig
- 2:51fluchen können. Es sind Menschen, die keine
- 2:55klaren Entscheidungen treffen und die reine, klare Wahrheit
- 2:58verschleiern. Zarathustra sagt, er würde
- 3:01lieber in einer dunklen Tonne oder in einem tiefen Abgrund
- 3:04sitzen, als sich einen Himmel anzusehen, der von diesen
- 3:07zweifelnden Wolken schmutzig gemacht wird, er würde am
- 3:10liebsten mit Blitzen und Donner auf sie einschlagen, um sie zu
- 3:13vertreiben. Lärm und Gewitter sind ihm
- 3:16lieber als diese vorsichtige, unentschlossene Ruhe.
- 3:19Zarathustra ruft aus, dass er ein Segnender und ein ja
- 3:22sagender geworden ist. Ein Segnender zu sein, bedeutet
- 3:26für ihn, dass er über jedem Ding steht wie ein eigener Himmel,
- 3:30ergibt den Dingen ihre Freiheit zurück, er tauft alle Dinge am
- 3:34Brunnen der Ewigkeit, er sagt, dass sie jenseits von Gut und
- 3:38Böse stehen, gut und böse. Sind für Nietzsche nur von
- 3:43Menschen erfundene Begriffe, die wie feuchte Schatten oder
- 3:46ziehende Wolken die wahre Natur der Welt verdecken.
- 3:50Wenn Zarathustra die Dinge segnet, befreit er sie von
- 3:52diesen moralischen urteilen. Nun kommt Zarathustra zu dem
- 3:56philosophischen Höhepunkt dieses Textes, er erklärt, wie die Welt
- 4:00wirklich funktioniert, er sagt, dass über allen Dingen der
- 4:04Hemipotutu der Himmel Zufall, der Himmeltobel Korota Himmel,
- 4:07Unschuld, der Himmel. Himmel ungefähr.
- 4:10Und der Helbe, die Himmelübermut stehen.
- 4:13Das Wort ungefähr ist ein altes Wort und bedeutet hier so viel
- 4:18wie der reine Zufall. Das ungeplante Nietzsche wendet
- 4:21sich hier ganz stark gegen die christliche Religion und gegen
- 4:25viele andere Philosophien, diese behaupten oft, dass es einen
- 4:28Gott gibt, der einen festen Plan hat oder dass die Welt sich nach
- 4:32einem ewigen, vernünftigen Willen auf ein bestimmtes Ziel
- 4:35zubewegt, Zarathustra sagt. Nein, das stimmt nicht.
- 4:41Es gibt keinen ewigen Willen, der alles lenkt, die Welt ist
- 4:45nicht wie eine Maschine, die einen bestimmten Zweck erfüllen
- 4:47muss, er hat die Dinge von der Knechtschaft unter dem Zwecke
- 4:50erlöst. Die Welt ist unschuldig und
- 4:53frei, alles, was passiert, ist ein großes göttliches Spiel des
- 4:57Zufalls. Zarathustra gibt zu, dass es ein
- 5:00klein wenig Vernunft und Weisheit in der Welt gibt, diese
- 5:04Vernunft ist wie ein Gewürz, das über die Sterne gestreut ist.
- 5:08Aber diese Vernunft existiert nur, um die Welt noch bunter und
- 5:12verrückter zu machen. Die höchste und seligste
- 5:15Sicherheit findet Zarathustra darin, dass die Dinge am
- 5:18liebsten auf den Füßen des Zufalls tanzen.
- 5:21Das Leben ist also kein strenger Marsch nach einem göttlichen
- 5:24Plan, sondern ein freier, wilder und unvorhersehbarer Tanz am
- 5:29Ende des Unterkapitels merkt Zarathustra, dass der Himmel
- 5:31anfängt zu leuchten und rot zu werden, die Sonne geht auf.
- 5:36Er fragt den Himmel scherzhaft, ob er rot wird, weil er sich
- 5:39schämt. Er fragt, ob der Himmel
- 5:41vielleicht Schamhaft ist, weil nun der Tag kommt, der Tag steht
- 5:45bei Nietzsche oft für die Laute, geschäftige und oberflächliche
- 5:49Welt der Menschen, die tiefe, stille Zweisamkeit zwischen
- 5:53Zarathustra und dem reinen Himmel der Nacht ist nun vorbei,
- 5:57die Welt des Tages ist oft oberflächlicher als die Nacht je
- 6:00gedacht hat, manche Dinge, die man in der Nacht tief im Herzen
- 6:04spürt. Dürfen am Tag nicht laut
- 6:06ausgesprochen werden, weil der Tag nun anbricht, müssen
- 6:10Zarathustra und der Himmel sich voneinander verabschieden.
- 6:13Zarathustra preist noch einmal dieses wunderbare Glück vor dem
- 6:16Sonnenaufgang und beendet seine Rede.