Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 28
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- 0:01Kapitel 28 was er trug 3 Tage nach der Beerdigung stand der
- 0:06Topf noch auf dem Herd. Niklas hatte ihn nicht
- 0:09weggeräumt, er war jeden Tag in die Wohnung gegangen, die 3
- 0:12Stockwerke hoch, die er ein Leben lang gestiegen war, und
- 0:15jeden Tag hatte er vor dem Herd gestanden und den Topf
- 0:18angesehen, in dem ein Rest eingetrocknet war, die letzte
- 0:21Suppe, die seine Mutter gekocht hatte, bevor sie nicht mehr
- 0:23aufgestanden war, und er hatte ihn nicht angerührt.
- 0:26Solange der Topf dort stand, war etwas noch nicht zu Ende.
- 0:30Er wusste, dass das nicht stimmte, sein Körper wusste es
- 0:33trotzdem anders, Trauer war nicht das, was er gedacht hatte,
- 0:36er hatte gedacht, sie sei ein Schmerz, etwas scharfes, dass
- 0:39man irgendwo spürt, und das vergeht, sie war kein Schmerz,
- 0:43sie war ein Gewicht. Sie saß überall und nirgends in
- 0:47den Armen, in den Beinen, im Nacken.
- 0:49Eine Schwere, die sich nicht abladen ließ, die er mit sich
- 0:52Herumtrug, von der Wohnung zur Bahn, von der Bahn in die leeren
- 0:56Tage und die mit jedem Schritt schwerer wurde statt leichter.
- 1:00Er aß nicht. Er hatte keinen Hunger.
- 1:02Zum ersten Mal in seinem Leben, und das war das Fremdeste an dem
- 1:05Ganzen, dass der Hunger, der ihn sein Leben lang begleitet hatte,
- 1:08der immer dagewesen war im Magen, in den Gedanken einfach
- 1:12weg war und an seiner Stelle nur dieses Gewicht, er war nicht
- 1:16mehr im Lager gewesen seit der Nacht mit dem Foto nicht mehr,
- 1:20sie hatten ihn angerufen, einmal, zweimal, Mike
- 1:22wahrscheinlich oder einer von Mikes Leuten, und er hatte nicht
- 1:26abgenommen. Er hatte nichts gesagt, nichts
- 1:29erklärt, war einfach nicht mehr hingegangen, hatte die Routen
- 1:32liegen lassen, die Mannschaft, den Namen, den er sich dort
- 1:35aufgebaut hatte, alles. Er wusste, dass das nicht
- 1:38reichte, dass man nicht einfach verschwand aus so etwas, dass
- 1:41sie kommen würden, fragen würden, dass es ein danach geben
- 1:44würde, aber das danach war ihm gleich.
- 1:47Was ihm nicht gleich war, lag in seiner Tasche in dem Telefon,
- 1:50dass er nicht mehr aus der Hand legte.
- 1:51Das Foto, dass er nicht lesen konnte und dass er trotzdem
- 1:54ansah, 20 mal am Tag, als könnte er beim 21.
- 1:57Mal verstehen, was darauf stand. Er verstand es nicht, aber er
- 2:01wusste, was es war, das war genug, bei der Beerdigung waren
- 2:04wenige gewesen, eine Nachbarin, ein Paar von früher aus der
- 2:09Halle, in der seine Mutter ausgegeben hatte, mit
- 2:11Gesichtern, die er kaum kannte. Niemand von der Bewegung, und
- 2:15das war gut, denn wenn einer von ihnen gekommen wäre mit dem
- 2:18Gesicht, dass sie aufsetzten, dieses warme, anteilnehmende
- 2:21Gesicht, hätte Niklas etwas getan, das er nicht hätte
- 2:24zurücknehmen können. Sandra hatte ihm geschrieben,
- 2:27eine Nachricht, lang, warm, voller der richtigen Worte, dass
- 2:31sie an ihn denke, dass es ihr so Leid tue, dass seine Mutter eine
- 2:34starke Frau gewesen sei. Er hatte sie gelesen und nichts
- 2:37gefühlt. Oder doch etwas etwas Kaltes,
- 2:41weil er jetzt wusste, was er in der Nacht im Lager begriffen
- 2:43hatte, dass sandras Wärme echt war und dass sie nichts
- 2:47bedeutete, dass man warm sein konnte und trotzdem die Liste
- 2:50weiterreichen, die seine Mutter nach hinten schob, dass die
- 2:53guten Worte und das Sterben aus denselben Händen kamen.
- 2:56Er hatte nicht geantwortet, es gab nichts zu antworten, die
- 3:00Wärme, an der er sich ein Jahr lang gewärmt hatte, war jetzt
- 3:03das kälteste, was er kannte. An diesem Abend hielt er es in
- 3:06der Wohnung nicht aus. Der Topf, die Stille, das
- 3:09Fenster, an dem seine Mutter gesessen hatte, er ging hinaus
- 3:13ohne Ziel, lief durch die Siedlung, in der er aufgewachsen
- 3:16war, die Plattenbauten, die im letzten Sommerlicht standen, wie
- 3:20immer gleichgültig grau, und er lief, weil das Laufen das
- 3:24einzige war, was das Gewicht für Augenblicke verschob, von einer
- 3:28Stelle zur anderen, so dass es sich wie Bewegung anfühlte und
- 3:31nicht wie Stillstand. Er kam am alten Einkaufszentrum
- 3:35vorbei. Er wollte nicht dorthin, seine
- 3:37Füße trugen ihn, die alte Rute, die er als Junge gegangen war
- 3:41und später mit den Lieferungen, und er ging um die Ecke in den
- 3:45Hof hinter dem Gebäude, wo die Laderampen waren und die
- 3:48Container und der Platz, an dem sich abends die Jungen trafen,
- 3:51die er kannte, die Jüngeren, die noch nicht drin waren in der
- 3:53Bewegung, aber drumherum an der Peripherie die Wärme suchend, so
- 3:58wie er sie gesucht hatte, der Platz war leer, fast leer.
- 4:02Er sah es erst, als er näher kam, im letzten Licht etwas am
- 4:05Boden an der Wand, wo der Hof am dunkelsten war, ein Bündel.
- 4:09Zuerst dachte er, weggeworfenes Zeug, ein Sack, dann bewegte es
- 4:14sich ein Mensch. Zusammengerollt auf dem Asphalt,
- 4:18die Arme über dem Kopf und Niklas blieb stehen, 3 Schritte
- 4:22entfernt und etwas in ihm das alte Lagerwissen, das die Lage
- 4:25einschätzt, bevor der Kopf sie versteht, sagte ihm, was hier
- 4:29geschehen war, noch bevor er das Blut sah, das Dunkel auf dem
- 4:33hellen Asphalt stand, er kannte das Gesicht nicht, den Namen,
- 4:37das Gesicht einer von den Jungen vom Platz.
- 4:40Einer, der manchmal dabei gewesen war, am Rand einer von
- 4:43denen, die er als Aufsteiger kaum beachtet hatte, weil sie
- 4:46unten waren, und er oben, weil sie noch suchten, was er schon
- 4:50gefunden zu haben glaubte. Ein junge 16, vielleicht mit
- 4:54einem hellen, unauffälligen Gesicht, das jetzt nicht mehr
- 4:57unauffällig war, weil über der einen Augenbraue die Haut
- 5:00aufgeplatzt war und das Blut die Hälfte des Gesichts dunkel
- 5:03färbte. Niklas stand da, 3 Schritte
- 5:06entfernt. Und in ihm geschah etwas, das er
- 5:08nicht steuerte. Ein Erkennen, das tiefer ging
- 5:11als der Verstand, das durch das ganze Gewicht der letzten Tage
- 5:14hindurch schlug und einen einzigen klaren Punkt traf.
- 5:17Er kannte diese Lage, er kannte sie von innen, der Junge am
- 5:20Boden, der dazugehören gewollt und den die Wärme ausgespuckt
- 5:23hatte, das war er selbst vor einem Jahr, vor 10 Jahren, das
- 5:27war jeder, der je gefroren hatte und an das falsche Feuer
- 5:30gegangen war, Niklas ging die 3 Schritte.
- 5:33Hey, sagte Niklas und kniete sich hin neben den Jungen,
- 5:36langsam mit den Bewegungen, die man bei einem verletzten Tier
- 5:39macht, das vor Angst noch zubeißen kann.
- 5:42Hey, ich tu dir nichts. Der Junge zuckte zusammen,
- 5:46rollte sich enger, die Arme fester über den Kopf und aus ihm
- 5:50kam ein laut, kein Wort, nur ein Gepresstes einatmen, das in der
- 5:54Brust einen Widerstand fand. Und Niklas hörte den Widerstand
- 5:57und wusste, dass da etwas kaputt war.
- 5:59Eine Rippe vielleicht mehr, weil er das Geräusch kannte, weil er
- 6:03es schon gehört hatte, bei anderen bei sich, ich bin es
- 6:07nur, sagte er, obwohl der Junge nicht wissen konnte, wer ich
- 6:10war, obwohl es nichts bedeutete, aber die Stimme bedeutete etwas,
- 6:15die ruhige Stimme, und der Junge hielt einen Moment still und
- 6:19zwischen den Armen hindurch sah ein Auge ihn an, ein einziges,
- 6:22das andere war zu verklebt. Und in dem einen Auge stand die
- 6:26nackte Angst eines Menschen, der nicht weiß, ob der, der über ihm
- 6:29kniet, ihm aufhilft oder Nachtritt.
- 6:32Sie sind weg, sagte Niklas, die anderen, die sind weg, ich tu
- 6:36dir nichts, hörst du, ich helf dir hoch.
- 6:38Er sah die Frage in dem einen Auge, die misstrauische, und er
- 6:41verstand sie, weil er wusste, wie Niklas aussah, von außen ein
- 6:45junger Mann, kräftig mit dem kurzen Haar und der Jacke, die
- 6:48hier alle trugen, einer, der genauso einer von denen hätte
- 6:51sein können, die das getan hatten.
- 6:53Der Junge konnte nicht wissen, dass er es nicht war.
- 6:56Der Junge konnte nur das Gesicht lesen und die Stimme und Niklas
- 7:00hielt beides so ruhig, wie er konnte und streckte die Hand
- 7:03aus, langsam, offen, mit der Handfläche nach oben, damit der
- 7:06Junge sah, dass nichts darin war, kannst du dich bewegen.
- 7:10Der Junge versuchte es, er löste die Arme vom Kopf vorsichtig und
- 7:14versuchte sich aufzustützen und der Schmerz schlug ihm die Luft
- 7:17weg. Niklas sah es, sah das Gesicht,
- 7:20das sich verzog, den Mund, der sich öffnete und aus dem Nichts
- 7:23kam. Außer dem gepressten Atem, und
- 7:26er schob sich näher, legte dem Jungen eine Hand unter den
- 7:28Rücken, vorsichtig, stützte, langsam nicht hauruck, atme,
- 7:35atme flach, das tut weniger weh. Er wusste das vom Lager, von den
- 7:40Bandscheiben, von den Rippen, die man sich an den Kanten der
- 7:43Container holte. Er kannte den Körper im Schmerz,
- 7:46kannte die Tricks, mit denen man ihn bewegte.
- 7:48Ja, so komm, es dauerte lange, der Junge kam auf die Knie, dann
- 7:54mit Niklas Arm unter der Schulter auf die Füße
- 7:57schwankend, und er war leichter, als Niklas gedacht hatte, ein
- 8:01dünner Junge, mehr Kind als Mann unter der Jacke, die ihn größer
- 8:04gemacht hatte. Er stand gestützt, das Gewicht
- 8:07halb auf Niklas und das Blut tropfte von seinem Kinn auf den
- 8:10Asphalt und er sagte etwas leise das erste Wort, das er sagte,
- 8:14und es war kein deutsches Wort. Niklas verstand es nicht, aber
- 8:18er verstand, was es war, er hatte die Sprache oft genug
- 8:22gehört in der Stadt, in der Bahn, von den Frauen mit den
- 8:25Tüten und den Kindern, die Sprache, über die sie am Platz
- 8:28Witze gemacht hatten, die Sprache derer.
- 8:31Und in dem Moment, in dem er sie hörte aus dem Mund dieses
- 8:34Jungen, der dazugehören gewollt hatte, fügte sich das letzte
- 8:37zusammen. Das, was er seit der Nacht im
- 8:39Lager mit sich trug, das ganze Bild.
- 8:41Der Junge war einer von denen, über die sie redeten, der Junge
- 8:45hatte versucht dazuzugehören, so wie Niklas, und die Wärme, die
- 8:49echte, die ihn hineingelassen hatte, hatte ihn ausgespuckt in
- 8:52dem Moment, in dem sie hörte, was er war, und hatte ihn liegen
- 8:55lassen, blutend hinter dem Einkaufszentrum, es war derselbe
- 8:58Mechanismus. Niklas hatte kein Wort dafür.
- 9:02Er dachte nicht in Mechanismen, aber er spürte es körperlich.
- 9:05Die Übereinstimmung, was den Jungen hier zu Boden geschlagen
- 9:09hatte und was seine Mutter nach hinten gerechnet hatte, bis sie
- 9:12starb, war dasselbe Ding, es sortierte, es, nahm die einen
- 9:16herein und stieß die anderen aus, und am Ende, wenn man genau
- 9:20hinsah, waren die, die es ausstieß, immer dieselben, die
- 9:24Schwachen, die Kranken, die von woanders, die, die nichts
- 9:27brachten, die, die nicht nützten.
- 9:29Seine Mutter und dieser Junge standen in derselben Spalte und
- 9:32Niklas hatte für die Spalte gearbeitet.
- 9:34Ein Jahr lang hatte die Kisten gefahren, hatte die Wärme
- 9:38weitergegeben, komm, sagte er rauer, als er wollte, du kannst
- 9:43hier nicht bleiben. Er brachte ihn aus dem Hof,
- 9:47langsam, Schritt für Schritt den Arm des Jungen über seiner
- 9:50Schulter, und der Junge ließ es geschehen.
- 9:52Zu schwach, um etwas anderes zu tun, und sagte nach einer Weile
- 9:56auf Deutsch jetzt mit einer Stimme, die kaum trug, meine
- 9:59Mutter und dann eine Adresse, Einestraße, eine Nummer, die
- 10:03Niklas kannte, weil es eine der Straßen am Rand war, eine, von
- 10:07denen, in die er Pakete gefahren hatte, sie nahmen ein Taxi.
- 10:11Niklas hielt eines an am Rand der Hauptstraße und der Fahrer
- 10:14sah den blutenden Jungen und wollte erst nicht.
- 10:17Und Niklas sagte etwas leise in einem Ton, den er aus dem Lager
- 10:20hatte, und der Fahrer ließ sie ein.
- 10:23Während der Fahrt saß der junge Zusammengesunken gegen die Tür,
- 10:26die Hand an den Rippen und atmete flach, wie Niklas ihm
- 10:30gesagt hatte, und einmal an einer roten Ampel drehte er den
- 10:33Kopf und sah Niklas an, mit dem einen offenen Auge, lange
- 10:37Prüfend, und fragte, warum. Niklas wusste keine Antwort oder
- 10:42er wusste eine, aber sie war zu groß für den Moment, zu groß für
- 10:45Worte. Sie hatte mit einem Topf zu tun,
- 10:47der auf einem Herd stand und mit einem Foto in seiner Tasche und
- 10:51mit einer Spalte, in der 2 Menschen standen, die er beide
- 10:53nicht hatte retten können, der eine zu spät, der andere
- 10:56vielleicht gerade noch rechtzeitig, er sagte nichts
- 10:59davon, er sah aus dem Fenster auf die Stadt, die im letzten
- 11:03Licht vorbeizog, und sagte schließlich leise, weil dich
- 11:07sonst keiner holt. Es war die ganze Wahrheit, die
- 11:10er hatte, weil dich sonst keiner holt.
- 11:13Es war das, was er sich gewünscht hatte, sein ganzes
- 11:16Leben, dass einer kommt und einen holt, und es war nie
- 11:19jemand gekommen, bis Sandra gekommen war mit der falschen
- 11:22Wärme und jetzt zum ersten Mal war Niklas der, der kam und
- 11:26holte, und es war das erste seit Tagen, das das Gewicht in ihm
- 11:30für einen Moment leichter machte, nicht weg, aber
- 11:32leichter, als trüge er es jetzt für etwas und nicht nur an sich
- 11:36selbst. Die Frau riss die Tür auf, bevor
- 11:39sie geklingelt hatten, als hätte sie hinter ihr gestanden,
- 11:42gewartet und als sie ihren Sohn sah, gestützt auf einen Fremden,
- 11:46das halbe Gesicht voll Blut, geschah etwas in ihrem Gesicht,
- 11:49das Niklas nie vergessen würde, es brach nicht zusammen, es
- 11:53wurde hart, es wurde in einer einzigen Sekunde zu dem Gesicht
- 11:56eines Menschen, der gelernt hat, das Zusammenbrechen ein Luxus
- 11:59ist, den man sich nicht leisten kann, solange noch etwas zu tun
- 12:02ist. Sie sprach mit dem Jungen
- 12:04schnell in der alten Sprache und der Junge antwortete Leise und
- 12:09ließ sich von ihr Hineinführen. Und Niklas blieb in der Tür
- 12:12stehen, unschlüssig, ein Fremder, der nicht wusste, ob er
- 12:16gehen oder bleiben sollte. Die Frau brachte den Jungen zum
- 12:19Sofa. Legte ihn hin mit Bewegungen,
- 12:22die schnell waren und sicher und kam zurück und erst jetzt sah
- 12:26sie Niklas richtig an und in ihrem Blick lag dieselbe Frage,
- 12:30die der Junge im Taxi gestellt hatte, nur härter,
- 12:32misstrauischer. Die Frage einer Mutter, die
- 12:35wissen muss, wer der Mann ist, der ihr Kind blutend nach Hause
- 12:38bringt, wer hat das getan, sagte sie, ihr Deutsch war genau
- 12:42sorgfältig, jedes Wort an seinem Platz und gerade die Sorgfalt
- 12:46machte es kälter, ich nicht, sagte Niklas.
- 12:49Ich hab ihn nur gefunden hinter dem Einkaufszentrum, die anderen
- 12:53waren schon weg, sie sah ihn an, lange mit einem Blick, der ihn
- 12:56abtastete, sein Gesicht, seine Jacke, das kurze Haar, alles,
- 13:00was ihn zu einem von denen machen konnte, die es getan
- 13:03hatten, und Niklas hielt den Blick aus, weil er ihn verdient
- 13:06hatte, weil er, wenn er ehrlich war, lange genug auf der Seite
- 13:09gestanden hatte, von der die Tritte kamen.
- 13:11Dann langsam veränderte sich etwas in ihrem Gesicht nicht
- 13:14vertrauen, dafür war es zu früh, aber das Nachlassen eines
- 13:18Verdachts, und sie sagte leider. Kaiser danke, er sollte zum
- 13:22Arzt, sagte Niklas die Rippen, da ist was kaputt, das hört man
- 13:26am Atem vielleicht mehr. Die Frau nickte knapp, und
- 13:30Niklas Verstand, was das Nicken bedeutete, weil er die Welt
- 13:33kannte, aus der es kam. Dass sie wusste, dass er recht
- 13:36hatte und dass der Arzt eine Sache war, über die sie erst
- 13:39nachdenken musste, weil ein Arztbesuch für Menschen wie sie
- 13:42nie nur ein Arztbesuch war, sondern ein Formular, eine Frage
- 13:46nach dem Status, ein Eintrag irgendwo ein Risiko, auch das
- 13:50Gehörte zu der Spalte, auch das er hätte gehen können.
- 13:55Er hatte getan, was zu tun war, hatte den jungen Heimgebracht,
- 13:58mehr schuldete ihm niemand, aber er ging nicht gleich.
- 14:02Er stand in der Tür der fremden Wohnung, die nach einer anderen
- 14:05Welt roch, nach fremdem Essen und nach Sauberkeit und nach der
- 14:09Enge zweier Menschen auf zu wenig Raum.
- 14:11Und er sah den Jungen auf dem Sofa, das aufgeplatzte Gesicht,
- 14:15die Mutter, die sich darüber beugte, mit einem feuchten Tuch
- 14:19und etwas an dem Bild, hielt ihn fest, weil es ein Bild war, das
- 14:22er kannte, von innen, von früher, eine Mutter, die sich
- 14:26über ein Kind beugt, in einer zu kleinen Wohnung am Rand einer
- 14:30Stadt, die sie nicht wollte. Seine Mutter hatte sich so über
- 14:33ihn gebeugt. Jetzt stand ein Topf auf ihrem
- 14:36Herd, den niemand mehr ausleerte, wenn was ist, sagte
- 14:40er und schrieb seine Nummer auf einen Zettel, den die Frau ihm
- 14:43wortlos reichte, ruft an wegen dem Arzt, ich kenn jemand, er
- 14:48kannte niemanden, aber er würde jemanden finden.
- 14:51Es war das Erste, was er seit Tagen wollte, etwas finden, das
- 14:55half. Er ging die Treppe hinunter in
- 14:57die Nacht und draußen auf der Straße blieb er stehen und holte
- 15:01das Telefon heraus. Und das Gewicht war noch da.
- 15:03Das Gewicht würde lange bleiben, aber es hatte sich verschoben,
- 15:06war zu etwas anderem geworden, zu einer Richtung, er sah das
- 15:10Foto an, dass er nicht lesen konnte, die Spalten, die
- 15:13Kriterien, den Namen aus 2 Silben, und er dachte an den
- 15:16Jungen auf dem Sofa und an seine Mutter unter der Erde und an die
- 15:20Spalte, in der sie beide standen, und er wusste jetzt.
- 15:23Mit einer Klarheit, die er noch nie besessen hatte.
- 15:26Wofür das Foto war es war nicht nur seins, das war der Fehler
- 15:31gewesen, den er die ganzen Tage gemacht hatte, dass er es
- 15:34angesehen hatte, wie etwas, das ihm gehörte, seinen Schmerz,
- 15:37seine Mutter, seine Rache, aber das Ding auf dem Foto tat nicht
- 15:41nur seiner Mutter etwas an, es tat es dem Jungen an, es tat es
- 15:45der Frau mit dem genauen Deutsch an und der Irina, von der
- 15:48vielleicht jemand sprach und allen.
- 15:50Die in der falschen Spalte standen und solange das Foto in
- 15:53seiner Tasche lag, in seinem Telefon tat es nichts, half es
- 15:57niemandem, war es nur ein Bild, an dem er sich festhielt wie an
- 16:00einem Schmerz. Er musste es jemandem geben, der
- 16:03etwas damit anfangen konnte, jemandem, der die langen Wörter
- 16:06lesen konnte, die ihm abglitten, jemandem, der das machte, was
- 16:10Niklas nicht konnte, aus einem Bild eine Wahrheit, die andere
- 16:13sahen Brand. Der Name kam zurück.
- 16:16Klar, jetzt nicht mehr als ferne Erinnerung, sondern als Ziel,
- 16:21die Frau von der Zeitung, die im Winter am Nordring gewesen war,
- 16:24bei der Donnerstagssprechstunde in der alten Sparkasse.
- 16:27Er hatte damals den Resopaltisch aufgebaut und die Klappstühle,
- 16:30den Wasserkocher gefüllt, den Karton mit den Formularen
- 16:33Hereingetragen, und dann hatte er an der Seite gestanden, falls
- 16:36etwas fehlte. Sie hatte hinten an der Wand
- 16:39gesessen, 2 Stunden lang mit einem kleinen Block auf dem
- 16:42Knie, und sie war die einzige im Raum gewesen, die etwas
- 16:44aufschrieb. Sie hatte ihn nicht gefragt, sie
- 16:47hatte ihn nicht einmal angesehen, ihr Blick war über
- 16:50ihn hinweggegangen wie über einen Stuhl, wie über die
- 16:52Heizung, später hatte er ihren Namen unter einem Artikel
- 16:56gefunden, den er zur Hälfte verstand, Lena Brandt, er wusste
- 17:00nicht, ob sie sich an ihn erinnerte, und er ahnte, dass
- 17:03sie es nicht tat. Er wusste nicht, ob sie ihm
- 17:05zuhören würde, einem wie ihm, einem, der bei denen gewesen
- 17:09war. Aber sie schrieb Dinge auf, und
- 17:11sie war die Einzige, die ihm einfiel, und er wusste mit dem
- 17:14festen, klaren Teil von sich, der in der Nacht im Lager
- 17:17entstanden war, dass er zu ihr gehen würde.
- 17:19Morgen, übermorgen, sobald er sie fand.
- 17:22Er steckte das Telefon ein und ging durch die Stadt nach Hause,
- 17:24durch die warme Nacht, in der das blaue Licht der Bildschirme
- 17:27in den Fenstern stand und zum ersten Mal seit der Beerdigung
- 17:30trug er das Gewicht nicht mehr nur, sondern trug es
- 17:32irgendwohin. Das war der Unterschied.
- 17:35Ein Gewicht, das man trägt, drückt einen zu Boden, ein
- 17:38Gewicht, das man irgendwohin trägt, ist eine Last.
- 17:42Und eine Last kann man tragen, weil sie ein Ende hat, einen
- 17:45Ort, an dem man sie ablegt, er würde sie bei Lena Brandt
- 17:48ablegen, und dann würde er sehen, ob aus dem, was er ein
- 17:51Jahr lang gefahren hatte, ohne es zu wissen, etwas werden
- 17:54konnte, das es wieder gut machte, nicht für seine Mutter,
- 17:57für die war es zu spät, das würde es immer sein, sondern für
- 18:01den Jungen auf dem Sofa. Für die nächsten, für die, die
- 18:05noch in der falschen Spalte standen und auf einen warteten,
- 18:08der kam und sie holte.