Latest / BZ am Ohr / Warum begeistert der ESC soviele Menschen, Dr. Eurovision?
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- Könnt ihr euch noch daran erinnern, wie Lena Meyer-Landrud 2010 den Eurovision Song Contest gewonnen hat? Mein heutiger Gesprächspartner Irving Wolter weiß noch ganz genau, wie heise er damals war, weil er vor Freude so laut gejubelt hat. Es war das erste Mal, dass einer seiner Lieblingssongs auf dem ersten Platz landete. Und das, obwohl er den Musikwettbewerb zu diesem Zeitpunkt schon sehr lange verfolgt hat. Er ist nämlich schon seit seiner Kindheit begeistert vom ESC. Damals, Mitte der 70er Jahre, zwang ihn seine Mutter noch dazu, die Shows im Fernsehen anzugucken. Heute ist Irving Wolter nicht nur ein großer ESC-Fan, sondern auch ein echter Experte und als Dr. Eurovision bekannt, weil er die erste Doktorarbeit überhaupt über den Musikwettbewerb geschrieben hat. Er arbeitet unter anderem auch als freier Autor für Eurovision.de, der offiziellen deutschen Webseite für den ESC. Ich konnte mir also schon vorstellen, wie viel Irving Wolter zu erzählen hat. Aber als jemand, der selbst ein großer ESC-Fan ist, war ich am Ende trotzdem total fasziniert davon, was für einen tiefen Einblick er hat. Hättet ihr zum Beispiel erklären können, warum der ESC jedes Jahr über 150 Millionen Menschen vor die Fernseher zieht? Oder was eigentlich der Zweck dieser aufwendig produzierten Veranstaltung ist? Ich habe aus dem Gespräch mit Dr. Eurovision super viel mitnehmen können und werde den diesjährigen ESC nochmal aus einer ganz anderen Perspektive wahrnehmen. Und das nicht nur, weil er in Basel und damit quasi direkt vor unserer Haustür stattfindet. Mein Name ist Savannah Kosma, ich bin Redakteurin der Badischen Zeitung und ihr hört BZ am Ohr. Ja, Herr Wolter, schön, dass Sie heute bei uns zu Gast im Podcast sind. Ich freue mich sehr. Ich freue mich auch, Frau Kosma. Und einen herzlichen, wunderschönen guten Tag an alle Hörerinnen und Hörer da draußen. Sie beschäftigen sich ja schon super lange mit dem Eurovision Song Contest. Sie sind nicht nur ein großer Fan, sondern gelten auch als der Experte, wenn es um den Musikwettbewerb geht. Sie sind als Dr. Eurovision bekannt, weil Sie eine Doktorarbeit zu dem Thema verfasst haben. Die erste. Die erste überhaupt. Super, gut, dass Sie es gleich sagen. Der Titel dieser ersten Eurovision-Doktorarbeit überhaupt lautet Kampf der Kulturen, der Eurovision Song Contest als Mittel national kultureller Repräsentation. Bevor wir da später nochmal genauer drüber sprechen, würde ich Sie gerne fragen, was Sie denn persönlich so sehr am ESC fasziniert. Das ist eine sehr, sehr gute Frage und es sind, glaube ich, viele Antworten, die ich darauf geben kann, weil sich die Faszination für den Wettbewerb im Laufe der Jahre teils verstärkt, teils komplett verändert hat. Also als einer Junge war das für mich, als Kind einer binationalen Familie, meine Mutter kommt aus Frankreich, Pflicht, den Eurovision Song Contest zu gucken. Ich musste zumindest immer so lange wach bleiben, bis Frankreich gesungen hat und mitjubeln. Bei meinem ersten Song Contest, an den ich mich erinnern kann, 1975, war das Ganze relativ schnell vorbei, weil Deutschland und Frankreich waren Startnummer drei und vier. Das war dann ein kurzes Vergnügen, dann bin ich eingeschlafen. 76 war es dann ein bisschen später und dann hat Frankreich auch nur knapp verloren gegen das Vereinigte Königreich. Und da war plötzlich, habe ich meine Mutter in einem Zustand gesehen, wo ich sie vorher noch nicht erlebt hatte. Also sie war wirklich sehr, sehr aufgebracht. Und ja, darauf war es dann umgekehrt. Da hat dann Frankreich das Vereinigte Königreich geschlagen. Da war dann alles wieder wunderbar. Aber da wuchs langsam so diese Begeisterung, weil ich merkte, das macht was mit Menschen, dieser Wettbewerb. Und 1979 habe ich das das erste Mal auf Thomant aufgenommen. Damals noch richtig mit einem großen Thomant-Gerät, kann man sich heutzutage kaum noch vorstellen. Und dann war ich angefixt. Das war so toll, die vielen Sprachen, die Länder, von denen ich teilweise gar nicht wusste, dass es die gibt. Die Musik, die was Exklusives hatte, weil die meisten der Songs hat man ja hinterher im Radio nicht mehr gehört. Das hat sich dann im Laufe der Jahre dann immer weiter verstanden. Verstärkt, bis ich dann den Fanclub in Finnland kennengelernt habe, den internationalen. Die hat mich dann gebeten, doch eine deutsche Niederlassung zu gründen. So war ich plötzlich Fanclub-Präsident und 1992 habe ich dann das erste Mal die Möglichkeit gehabt, dann bei einem Eurovision Song Contest live vor Ort dabei zu sein mit einer Akkreditierung. Und dann habe ich festgestellt, das ist ein komplett anderer Wettbewerb als das, was ich bisher am Samstag gesehen hatte, weil das, was da in der Woche vorher mit den Proben passiert, mit dem Austausch zwischen den Delegationen, das ist so unglaublich spannend und zeigt einfach, wie viel Europa in diesem Eurovision Song Contest tatsächlich steckt. Wie sind Sie denn damals mit dem finnischen Eurovision Fanclub in Kontakt gekommen? Ich habe dem Bayerischen Rundfunk geschrieben, der damals noch für die deutsche Vorentscheidung fiederführend war. Und die haben mir neben einem Packen mit sämtlichen Teilnehmerlisten der Vorjahre eine Liste gegeben mit AnsprechpartnerInnen. Damals waren es, glaube ich, vier oder fünf, die auf der Liste standen. Und da war eben diese OGAE International in Finnland. Da habe ich hingeschrieben und habe monatelang nichts gehört. Und irgendwann flatterte dann das erste Club-Magazin ins Haus. Und das war, das kann man sich wirklich nicht vorstellen. Es war ja nicht nur, dass es kein Internet gab, sondern in den normalen Medien, Programmzeitschriften, Tageszeitungen, kam der Eurovision-Socotest so gut wie gar nicht vor. Und plötzlich hatte ich da ein Fan-Magazin, wo alles im Detail besprochen wird und Hintergrundinformationen. Und dann so, boah, das war ein wirklich ganz einschneidendes Erlebnis. Und ja, dann war das natürlich auch eine Ehre. Ich darf den Deutschen Fanclub gründen und habe dann erst mal die ersten Mitglieder im Kreis meiner Klassenkameraden akquiriert. Waren Sie da mit erfolgreich? Ja, das ist tatsächlich auch sehr bezeichnend, dass es die beiden einzigen Mädchen mit Migrationshintergrund waren, die sich für den Eurovision Song Contest interessiert haben. Und mit denen konnte ich über das Thema sprechen und denen dann auch neue Songs vorspielen und die fanden das ganz toll und kannten dann eben auch, die eine aus Portugal, die andere aus der Türkei, die kannten eben auch die Song Contest Beiträge. Und schon damals habe ich gemerkt, die Bedeutung des Wettbewerbs in anderen Ländern ist viel größer als in Deutschland. Würden Sie sagen, dass der Eurovision Song Contest in Deutschland, ich hätte jetzt fast gesagt, stiefmütterlich behandelt wird, aber so soll es jetzt gar nicht gemeint sein, dass vielleicht die Bedeutung des Eurovision Song Contest in Deutschland nicht erkannt wird? Es ist, glaube ich, eine historische Last, mit der wir an diesen Song Contest gegangen sind in der Vergangenheit. Und davon hat sich Deutschland noch immer nicht so ganz erholt. Klar, der erste Wettbewerb 1956, das war gerade mal zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Da konnte man natürlich als deutscher Künstler nicht so ohne weiteres Nationalstolz auf die Eurovisionsbühne bringen. Das hat dazu geführt, dass immer so eine gewisse, wie soll ich sagen, intellektuelle Distanz in den deutschen Beiträgen herrschte und seitens der Fernsehmacher auch immer der Anspruch, etwas zu schicken, wo wir zeigen, dass wir das Volk der Dichter und Denker sind. Während andere Länder damit ja überhaupt kein Problem hatten, ihre Hauptstädte zu besingen oder der allererste Eurovision-Beitrag, The Focus van Holland aus den Niederlanden, der besingt, dass die niederländischen Vögel schöner singen als die Vögel aus Frankreich oder aus Japan. Was jetzt so rein kommerziell gesehen nicht unbedingt der schlauste Schachzug ist, aber zeigt, dass der Eurovision Song Contest einfach eine Bühne dafür ist, um auch Nationalgefühle zu präsentieren. Und Deutschland hat sich eben viele, viele Jahre damit schwergetan und das ist tatsächlich bezeichnend, dass unser erster ESC-Sieg mit ein bisschen Frieden erfolgt ist, weil das war eine Botschaft, die konnten wir Europa tatsächlich so vermitteln, dass es glaubwürdig war. Mehr als ein bisschen Frieden hätte man 1982 wahrscheinlich nicht geglaubt. Und dann hat Lena sozusagen nochmal den zweiten Kuh gelandet, in dem sie so ein neues deutsches Fräuleinwunder personifiziert hat, als wir dann schon so ein bisschen lockerer geworden waren durch das Sommermärchen und dann auch gesehen haben, ach, man kann ja doch mal mit einem deutschen Fähnchen wedeln, ohne gleich ein Adolf-Bärchen zu tragen. Ja, 2010 war das, als Lena mit Satellite gewonnen hat. Genau, und das war, oh Gott, was war ich heiser. Ich habe so gebrüllt, ich habe das wirklich nicht für möglich gehalten. Also nicht nur, weil Deutschland gewonnen hat, das war schön, das zu erleben, aber es war tatsächlich auch in dem Jahr mein absoluter Lieblingstitel. Und das war das erste Mal, dass mein Lieblingstitel den Song Contest gewonnen hat. Insofern ist das wirklich unauslöschlich in meiner Erinnerung eingebrannt. Ich finde es auf jeden Fall sehr schön, wie enthusiastisch Sie vom ESC erzählen und Sie sind mit Ihrer Begeisterung für den Wettbewerb ja auch absolut überhaupt nicht alleine. Ich kann mich an dieser Stelle auch als ESC-Fan outen. Ja, Sie sind überall. Das stimmt, man muss überall mit Ihnen rechnen. Und vor allem muss man auch vor den Fernsehgeräten mit Ihnen rechnen. Wenn man sich die Einschaltquoten aus dem vergangenen Jahr anschaut, da haben 160 Millionen Menschen das Finale live vor ihren Fernsehern verfolgt. Und in der Zeit, in der TV-Inhalte ja überwiegend asynchron und digital konsumiert werden über Streamingdienste oder Mediatheken, ist das ja schon eine beachtliche Zahl. Warum oder wie schafft es der Eurovision Song Contest denn so viele Menschen in seinen Bann zu ziehen? Ja, er hat natürlich 70 Jahre Zeit gehabt, sich zu diesem medialen Ereignis zu entwickeln. Aber es gibt da schon einige Eckpfeiler, möchte ich sagen, die dazu führen, dass er für die Menschen so einen großen Stellenwert hat. Das eine ist, dass er so ein bisschen so was ist wie Weihnachten und Ostern im Fernsehalltag. Das ist so ein singuläres Ereignis. Man weiß, es kommt jedes Jahr, irgendwann im Mai. Und wenn es dann da ist, dann ist das halt so, ja, nicht umsonst sind die Zeitrechnungen der ESC-Fans ja immer von Mai bis Mai. Das heißt, wenn man dann vom letzten Song Contest spricht im September, dann meint man das Jahr davor. Also das ist immer sehr lustig. Dazu kommen natürlich Faktoren wie nationale und kulturelle Identifikation. Das haben wir in Deutschland selten, aber in anderen Ländern ist das viel, viel stärker, wenn die wirklich nationale Stars hinschicken, Wenn die Titel im Rennen haben, die im eigenen Land sehr erfolgreich sind oder mit einer für die Menschen sehr wichtigen Botschaft daherkommen. Sei es in folkloristischer Art, sei es in den Texten, da haben die Zuschauerinnen und Zuschauer natürlich einen ganz anderen Bezug dabei. Und dann kann man auf der einen Seite sozusagen mitfiebern, auf der anderen Seite hat man natürlich auch diese Abgrenzungsmechanismen, dass man dann vor dem Fernseher sitzt und dann so, oh, guck mal die, ach, was die da schon wieder auf die Bühne gestellt haben, na, die Österreicher wieder. Das gehört ja auch dazu, dass man auch so ein bisschen was zum Lästern hat, was aber letztlich eine Komponente von kultureller Abgrenzung ist. Man versichert sich sozusagen seine eigene kulturelle Identität, indem man die kulturellen Erzeugungen der anderen so ein bisschen auf jeden Fall deutlich macht, dass die nicht dazugehören zu der eigenen. Dann der Wettbewerbscharakter. Die Menschen lieben Wettbewerbe. Wir haben diese Punktevergabe, die einen ganz einzigartigen Spannungsbogen erzeugt. Und diese ganze Struktur dieser Sendung hat sich ja seit 1956 nicht wesentlich verändert. Das ist ja auch noch so ein Faktor. Also diese Abfolge mit Kommentar und Musik und Filmchen, das ist einfach so im kollektiven Bewusstsein drin. Das sind alles Faktoren, die da mit rein spielen, aber alle alleine natürlich nicht ausreichend. In der Kombination ist das wichtig und die Europäische Rundfunkunion achtet sehr darauf, dass das Ganze immer auch, einen zeitgemäßen Anstrich behält, dass auch junges Publikum da herangeführt wird und damit etwas anfangen kann, damit nicht, wie bei den sonstigen öffentlich-rechtlichen Inhalten, der Inhalt mit dem Publikum dahin scheidet. Obwohl dieser Eurovision Song Contest ganz viele tolle Sachen vereint, Sie haben sie gerade alle angesprochen, gibt es dennoch eine große Anzahl der Menschen, die die ganze Veranstaltung immer wieder kritisieren? Zum einen, weil sie finden, dass das alles eher trashig ist, dass die Musikinhalte fragwürdig sind, qualitativ, vielleicht auch minderwertig, wie auch immer. Aber auch, weil immer wieder kritisiert wird, dass der ESC mit seiner ganzen durchchoreografierten Glanz- und Glamour-Show eine heile Welt darstellt, die es aktuell gar nicht mehr gibt oder die es vielleicht auch noch nie gegeben hat. Und da ploppt auch immer wieder die Frage auf, ob der ESC denn tatsächlich so unpolitisch ist, wie er immer vorgibt zu sein. Wenn wir uns beispielsweise das vergangene Jahr angucken, als der ESC in Malmö ausgetragen wurde und Tausende von Menschen auf die Straße gegangen sind, weil sie wegen des Gaza-Kriegs gegen die Teilnahme Israels protestiert haben und auch die israelische Teilnehmerin selbst, die da auf der Bühne steht und ausgebucht wird von den Zuschauerinnen und Zuschauern in der Halle, Sind die ganzen Kritikpunkte, die um diesen ESC herum schwirren, aus Ihrer Sicht gerechtfertigt? Die Frage ist, ob man Dinge kritisieren kann, die offensichtlich sind. Natürlich ist der Eurovision Song Contest politisch. Wie soll denn ein Wettbewerb, bei dem Länder gegeneinander antreten und sich gegenseitig Punkte geben, nicht politisch sein? Selbst wenn das nicht wäre, wäre alleine, also das ganze Setup würde dazu führen, dass die Leute es unterstellen, dass er politisch ist. Das ist ja eigentlich das, was wir erleben. Viele Abstimmungsmechanismen, die wir da sehen, werden als politisch gebrannt, obwohl die eigentlich eher was mit kultureller Nähe zu tun haben. Die eigentliche Frage ist, was bringt der Eurovision Song Contest denn für einen Mehrwert? Es ist klar, dass er niemals alle Geschmäcker treffen kann. Die Erwartungshaltung wundert mich manchmal, wenn ich sehe, wie wenig Künstlerinnen und Künstler über einen längeren Zeitraum sich in den Charts halten. Und dann erwartet man, dass bei diesem kleinen Ausschnitt, ich meine, es sind Jahr für Jahr kommen zehntausende neue Songs auf den Markt und versickern auf Spotify. Und dann erwartet man von diesen 37, 38 Songs, die da im Songcontest sind, dass die alle Superhits sind. Das kann eigentlich nicht sein. Man kann eigentlich froh sein, wenn dann ein oder zwei Titel richtig durchstarten in den Charts. Und man sollte ja auch nicht vergessen, dass die nationalen Karrieren ja auch wichtig sind und nicht nur die internationalen. Nicole ist das beste Beispiel. Die hat international nie wirklich was gerissen, aber die ist immer noch gut im Geschäft. Oder auch Lena. Ich meine, welcher Castingstar kann von sich behaupten, schon eine 15-jährige Karriere hinter sich zu haben? Und das mit dem Politischen, ganz im Ernst, das ist doch eigentlich das, was wir reizvoll finden an dem Song Contest. Das ist ja doch auch schön, wenn man da mal so die eine oder andere verschlüsselte Botschaft da entdeckt. Das muss ja jetzt nicht unbedingt mit der Faust aufs Auge sein, aber so ein bisschen die Kreativität der Komponisten und TextdichterInnen zu sehen, um da bestimmte Sachen zu transportieren, das finde ich immer sehr reizvoll. Deswegen habe ich mich ja auch mit diesem Phänomen intensiv beschäftigt. Die Sache mit Israel, da gebe ich Ihnen vollkommen recht, das war letztes Jahr keine schöne Dimension und das habe ich so auch noch nie erlebt. Weil der Eurovision Song Contest für mich immer auch eine Möglichkeit war, Europa zu leben, wie es sein könnte. Beziehungsweise auch über Europa hinaus, weil wir natürlich eben auch Länder haben, die nicht zum Kontinent gehören, aber eben zur europäischen Rundfunktion. Deswegen dürfen die am Song Contest teilnehmen. Es ist ja eben auch kein Europa Vision, sondern ein Eurovision. Das ist ein bisschen anders definiert. Aber letztlich ist es immer möglich gewesen, politische Widerstände oder Gegensätze zu überbrücken, dass dann hinter den Kulissen dann auch griechische und türkische KünstlerInnen gemeinsam gefeiert haben oder armenische und aserbaidschanische KünstlerInnen sich die Hand gegeben haben. Das war niemals ein Problem. Und im letzten Jahr habe ich das erste Mal so eine Ausgrenzungssituation erlebt mit der israelischen Sängerin. Man kann seine politische Meinung haben und es bleibt jedem unbenommen seine eigene Haltung zu dem Konflikt. In Gaza und insgesamt in Israel und in der Westbank zu haben. Aber man sollte immer noch offen sein, um darüber zu sprechen. Ich glaube, die Künstlerinnen, die letztes Jahr so auf Boykott gekocht haben und vermieden haben, ein Foto mit der israelischen Künstlerin beispielsweise zu machen, die hätten besser daran getan zu sagen, hallo, ich bin so und so, ich finde es scheiße, was in deinem Land abgeht, aber lass uns drüber sprechen. Das ist für mich der Spirit of Eurovision und der war im letzten Jahr wirklich fast ausgeschaltet, Wo ich mir dann gedacht habe, hat das was mit Politik zu tun oder ist das doch irgendwie so ein tief verwurzelter Antisemitismus, der da um sich greift? Ich habe da keine Antwort gefunden. Ich kann nur hoffen, dass es in diesem Jahr anders wird, auch wenn Israel natürlich die Ereignisse vom 7. Oktober wieder zum Thema machen wird. Was auch wieder verständlich ist, denn das ist ein traumatisierender Moment gewesen in der Geschichte dieses Landes und jedes andere Land hätte das auch gemacht. An dieser Stelle ist eine kleine Ergänzung nötig, denn als ich mich mit Irving Wolter unterhalten habe, war noch nicht bekannt, dass der ESC auch in diesem Jahr wieder von anti-israelischen Protesten begleitet werden wird. Mittlerweile haben Aktivisten zum Boykott des ESC und zu Demos in Basel aufgerufen. Sie fordern die Europäische Rundfunkunion dazu auf, Israel unter anderem wegen des Vorgehens im Gaza-Krieg vom Musikwettbewerb auszuschließen. Die Basler Polizei behält die Lage im Blick und bereitet sich entsprechend auf mögliche Proteste vor. Im Vordergrund stehe es, die Sicherheit für alle zu garantieren, teilte mir ein Sprecher der Behörde mit. Zum Thema wird es ja dieses Jahr vor allem, weil eine Überlebende des Hamas-Massakers auf der Bühne stehen wird für Israel. Genau und das, wie soll ich sagen, auf der einen Seite denke ich mir auch so, es ist sozusagen Buen mit Ansage, weil da passieren natürlich auch Dinge, die, selbst wenn man Israel-Unterstützer ist. Wo man sagen kann, das ist nicht in Ordnung, was die israelische Regierung da macht und das kann man auch gerne zur Sprache bringen. Und jetzt ist es aber eben zum zweiten Jahr in Folge, dass das eben zum Thema gemacht wird. Es ist eine Entscheidung, die der Sender getroffen hat, in Ordnung, aber die haben eigentlich ganz andere Sorgen beim israelischen Fernsehen, weil die unter ständigem Beschuss der Netanjahu-Regierung sind. Und ich glaube, die sind mittlerweile so geschwächt, dass sie eben die Sachen machen müssen, die die Regierung gerne von ihnen möchte, weil denen sonst komplett der Geldhahn zugedreht wird. Und das ist überhaupt die größte Bedrohung für den Eurovision Song Contest, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Europa immer stärker unter Beschuss gerät und auf diese Weise irgendwann nicht mehr die Ressourcen da sein werden, um diese Sendung überhaupt noch zu produzieren. Es ist ja auch eine dezidierte Entscheidung der European Broadcasting Union, die den ESC veranstaltet, zu sagen, wir sind unpolitisch. Ja, aber es ist natürlich eine strategische Entscheidung. Also letztlich sind die ja wie so eine Kindergärtnerin in einem Haufen völlig mit Süßigkeiten und Koffein gefüllter Fünfjähriger, die sich gegenseitig verklocken wollen oder vielleicht auch gemeinsam spielen wollen. Und die muss halt Ordnung da schaffen. Wenn man dann zu sehr sagt, okay, jeder kann machen, was er will, dann kommen dann eben Beiträge, die propagandistisch sind. Dann kommen Beiträge, die andere Länder verunglimpfen und das kann es natürlich auch nicht sein. Es gibt ja so schon genügend diplomatische Verwicklungen und die sind oft genug dazu gezwungen, Strafen zu machen. Zu verhängen, beispielsweise als in Aserbaidschan nachverfolgt worden ist, welche aserbaidschanischen Staatsbürger Punkte für Armenien gegeben haben. Und dann stand bei denen irgendwann mal der Geheimdienst vor der Tür und fragte, was denen einfiel, hier dem Feind Punkte zu geben. Und da hat die EBU dann gesagt, sorry, also so geht das nicht. Da gibt es jetzt erstmal eine Geldstrafe. Aber ausschließen wollen sie die natürlich auch nicht, denn letztlich ist die EBU eine Mitgliederorganisation. Die brauchen die Mitgliedsbeiträge und die wollen natürlich auch, dass möglichst viele Mitglieder daran mitwirken, diese große Schau auf die Beine zu stellen. Sonst ginge das ja alles gar nicht. Man hat sich aber tatsächlich durchgerungen und Russland und Belarus ausgeschlossen. Nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Ist das richtig? Ja, man hat die nicht ausgeschlossen. Also es gab halt einfach sehr, sehr großen Druck von anderen europäischen Rundfunkanstalten, die sich solidarisch mit der Ukraine gezeigt haben und die gesagt haben, wenn Russland dabei ist, dann ziehen wir uns zurück. Und da war das einfach so ein Instrument der Schadensbegrenzung. Und es ist ja auch diplomatisch gar nicht so leicht zu kommunizieren, weil sie sind, die IBU beruft sich ja darauf, dass sie eine Organisation der Rundfunkanstalten ist. Und sie ist ja keine Länderorganisation. Und warum sollte sie ihre Rundfunkanstalt, ihr Mitglied bestrafen dafür, dass die Regierung des Landes so eine Scheiße macht? Das wäre ja eigentlich sowas wie sippenhaft und das ist nicht zulässig. Deswegen hat man gesagt, okay, das Land bringt gerade den Ruf des Song Contests in Misskredit, deswegen ist Russland suspendiert. Und dann hat russland also der russische sender hat dann hat dann eigenständig gesagt dann treten wir aus der ebu aus wobei offiziell wo noch kein schriftlicher austrittsantrag erfolgt ist also theoretisch könnten die wieder teilnehmen und hinterher sind dann noch mal so ein paar. Nachvollziehbare Begründungen gestrickt worden, unter anderem, dass sich eben das russische Staatsfernsehen nicht mehr wirklich an öffentlich-rechtliche Grundprinzipien hält. Das ist ein Propagandasender geworden, genauso wie das belarussische Fernsehen, das ja Interviews von, Oppositionellen ausgestrahlt hat, die unter Zwang entstanden sind und das widerspricht halt den Grundprinzipien der freien Presse und deswegen hat die EU gesagt, nee, sorry, also unter den Die Voraussetzung könnt ihr nicht mehr Mitglied bei uns sein. Ich denke, an dieser Stelle wäre es vielleicht ein guter Punkt, um uns Ihre Doktorarbeit noch mal ein bisschen genauer anzuschauen. Die haben Sie 2006 veröffentlicht und ich wiederhole noch mal den Titel. Kampf der Kulturen, der Eurovision Song Contest als Mittel national kultureller Repräsentation. Inwiefern ist der ESC denn ein Kampf der Kulturen? Das klang gerade eben immer mal so ein bisschen an in den Ausführungen, die Sie uns gerade gegeben haben. Aber ich nehme mal an, Sie haben den Titel ja auch nicht ohne Grund gewählt. Ja, ich meine, als die Doktorarbeit entstanden ist, da war natürlich Huntington voll im Schwange mit seinem Kampf der Kulturen, wobei da ging es ja eher so ein bisschen zwischen westlichen und orientalischen Gesellschaften und beim Eurovision Song Contest. Ist es tatsächlich immer ein Kampf der Kulturen, beziehungsweise immer wieder ein Kampf der Kulturen, wenn Länder den Eurovision Song Contest nutzen, um ihre eigene Kultur darzustellen auf der Bühne, aber auch um eigene Kultur zu konstruieren. Das finde ich auch noch einen sehr, sehr spannenden Aspekt. Weil viele, gerade nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, kleinere östliche Länder, die in der westlichen Wahrnehmung überhaupt kein Stereotyp hatten, kein Klischee, weder positiv noch negativ, obwohl eher negativ, die hatten halt noch diese post-sowjetische Aura. Und die haben den Song Contest sehr, sehr intensiv genutzt, um sich ein europäisches Image zu verpassen. Naja, und dann kennen wir natürlich die vielen Beiträge, die einen starken folkloristischen Einschlag haben, wo dann gezeigt wird, was es dann vielleicht auch an Nischen oder Minderheiten in den einzelnen Ländern gibt, was da musikalisches Weltkulturerbe ist. Die Portugiesen haben natürlich, als Fado ausgezeichnet worden ist, als Immaterie-Skulturerbe, haben sie natürlich einen Fado dahin geschickt und die Kroaten haben natürlich eine Klappa hingeschickt, als sie dann diesen Titel bekommen haben. Sie haben sich beide nicht qualifiziert fürs Finale. Das ist natürlich immer ein bisschen riskant, wenn man eine Folklore hat, die nicht so massenkompatibel ist. Aber ich finde, das macht den Reiz des Wettbewerbs aus, weil man erweitert dadurch einfach seinen Horizont. Wenn wir mal auf die Anfänge des Eurovision Song Contest zurückblicken, muss man ja sagen, dass es doch eher eine kleinere Veranstaltung war. Also 1956, als der ESC zum ersten Mal in Lugano in der Schweiz ausgetragen wurde, haben sieben Länder daran teilgenommen. Und das Ziel des Wettbewerbs damals, also der Wettbewerb wurde damals ins Leben gerufen, um einen jährlichen Anlass für die Zusammenarbeit der europäischen Fernsehanstalten zu schaffen. Für mich hört sich das jetzt eher im Gegenteil nach einem Kampf an. Also man wollte den Kampf vermeiden, sondern eher zusammenarbeiten. Dieser verbindende Charakter ist dem ESC auch fast 70 Jahre später noch anzumerken, Aber gleichzeitig gibt es da ja diese kämpferischen Elemente, wie Sie sie jetzt gerade schon beschrieben haben und auch immer dieses Konfliktpotenzial. Was würden Sie denn sagen, ist heute der Zweck des Eurovision Song Contest? Naja, also die Fernsehzusammenarbeit ist natürlich immer noch primär. Das darf man nicht außer Acht lassen. Es ist eine Veranstaltung der Europäischen Rundfunkunion, die sie zusammen mit ihren Mitgliedsrundfunkanstalten auf die Beine stellt und das kann sie halt eben nur, weil es so viele Rundfunkanstalten sind. Man muss sich das ja so vorstellen, dass jede Rundfunkanstalt einen bestimmten Prozentsatz der Gesamtsumme bestreitet. Und so ein Songcontest kostet ja schon von der reinen Produktion her so zwischen 15 und 18 Millionen Euro. Und da hätten private Rundfunkanstalten einfach ein Problem. Das könnten die nicht so ohne weiteres... Auf die Beine stellen. Deswegen ist der Song Contest ja auch immer so eine Art Visitenkarte, um zu zeigen, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk auf die Beine stellen kann, wozu der in der Lage ist. Auch bei Verhandlungen, um Übertragungsrechte von Fußball-Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen dann gute Karten zu haben. Und Deutschland gehört da tatsächlich auch zu einer der fünf größten Geldgeberinnen und Geldgeber. Ja, aber das ist ja auch nur gerecht, weil die Anteile, die die einzelnen Rundfunkanstalten tragen müssen, hängen davon ab, wie viel Bevölkerung das Land hat und wie intensiv die Angebote der Eurovision insgesamt genutzt werden. Die Eurovision ist ja nicht nur der Eurovision Song Contest, sondern ein Gemeinderfernsehprogrammaustausch der Europäischen Rundfunkunion. Ohne Eurovision hätten wir keine Tagesschau, ohne Eurovision hätten wir keine Sportübertragung. Das gehört alles mit dazu und Deutschland nutzt halt sehr viel Eurovisionsangebote und Bilder. Und entsprechend ist der Anteil, den Deutschland zahlt, größer, weil auch mehr Leute davon profitieren. Natürlich will die IBU auch, dass diese Länder, die eine große Bevölkerung haben, immer dabei sind. Deswegen haben wir ja auch diese Big Five-Regel, die ich persönlich nicht so sonderlich kreativitätsfördernd finde. Die müssen wir vielleicht einmal kurz erklären, diese Big-Five-Regel. Ja, gerne. Also es ist so, dass Deutschland, Frankreich, das Vereinigte Königreich, Spanien und Italien, dass die automatisch bei jedem joholischen Song Contest dabei sind, weil eben die Furcht ist, dass wenn eins dieser Länder im Semifinale rausfliegt, dass dann das Interesse. Beim Publikum so stark abebbt, dass die vielleicht mittelfristig nicht mehr dabei sein wollen und dann würde einfach ein sehr, sehr großer Finanzierungspart wegfallen. Diese Lösung sieht von außen nicht so ganz fair aus, aber sie ist pragmatisch. Nun ist es so, dass die Fernsehzusammenarbeit ist das eine. Das andere ist auch, glaube ich, nochmal ein junges Publikum auf öffentlich-rechtliche Inhalte überhaupt zu lenken. Und die EBU versucht da ja auch ganz viel nochmal zu zeigen, was Eurovision eigentlich ist und mit Nachrichteninhalten und Informationen über Fake News. Da hat öffentlich-rechtlicher Rundfunk natürlich eine gewisse Verantwortung in unserer Demokratie. Das sind Dinge, die im Hintergrund mit eine Rolle spielen. Das große friedliche europäische Fest, das wir da ja immer vermuten hinter dem Song Contest, das ist sicherlich eine schöne Begleiterscheinung. Aber ich glaube nicht, dass das wirklich ein Ziel der Macherinnen und Macher ist, weil es einfach von so vielen Faktoren abhängt. Das kann man ja offensichtlich nicht so richtig steuern, wie wir letztes Jahr gesehen haben. Bei Dingen, die so viel Geld kosten, sollte man realistischerweise immer gucken, dass da vielleicht noch andere Sachen dahinter stecken außer ideellen Gründen. Wenn wir das vielleicht noch einmal kurz zusammenfassen können, was wäre dann aus Ihrer Sicht das Hauptziel oder der Hauptzweck, den der ESC aktuell verfolgt? Also der Hauptzweck ist sicherlich zu zeigen, welche Medienpower in öffentlich-rechtlichen Rundfunk steckt, weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk in ganz Europa unter Beschuss steht und dann braucht man den Eurovision Song Contest sozusagen als Flaggschiff des öffentlich-rechtlichen Systems, um zu zeigen, guck mal, wir machen das und das ist für so viele Leute wichtig. Und wir haben die technische Power, deswegen werden ja auch ständig technische Innovationen beim Song Contest umgesetzt, um zu zeigen, was da alles möglich ist. Ich bin mir sicher, in ein paar Jahren werden wir beim Eurovision Song Contest das erste Mal Geruchsfernsehen haben. Die sind da sehr drauf erpicht, neue Sachen da reinzubringen. Das ist der Vordergrund, dass die da zusammenarbeiten können und sich gegenseitig unterstützen können und letztlich eben ein Gesicht zu haben. Denn wer wüsste sonst, was die Europäische Rundfunkunion ist und was die macht? Eurovisionen verbinden alle automatisch mit dem Eurovision Song Contest. Ja, das ist eine schöne Verbindung, aber deswegen ist die EBU ja auch sehr daran interessiert, dass diese eine Verbindung, die sie haben, nicht auch noch irgendwie den Bach runtergeht. Stichwort technische Innovationen, von denen Sie gerade auch schon gesprochen haben. Ich finde, da können wir gerne weitermachen. Sie haben vorhin gesagt, dass sich der ESC an für sich in seiner Grundstruktur nicht großartig verändert hat, aber in der Art und Weise, wie er produziert wird oder wurde, natürlich super stark. Allein wenn man sich die jetzige geplante Bühne in Basel anschaut, die nimmt hier Dimensionen an. Das kann man sich, glaube ich, erst vorstellen, wenn das Ganze dann mal aufgebaut ist in der Halle. Und wenn wir uns, nehmen wir Nicole, wenn wir uns an Nicole zurückerinnern, die da auf einer ganz schlichten Bühne mit ihrer Gitarre saß und eigentlich keine Bühnenshow hatte. In welcher Hinsicht oder welchen Wandel hat es denn in der Produktion des ESC gegeben? Vielleicht auch im Hinblick auf die Musik? Ja, das ist natürlich eine Veränderung, die Hand in Hand ging mit Veränderungen in der Musiklandschaft allgemein. Wir dürfen den Song Contest ja auch nicht musikalisch komplett losgelöst vom sonstigen Musikgeschehen betrachten. Und die Veränderungen, die Ende der 90er Jahre im Reglement stattgefunden haben, dass man beispielsweise auf das Live-Orchester verzichtet hat, die sind ja auch dem Wunsch geschuldet, musikalische Produktionen dahin zu stellen, die eben nicht mit dem Orchester so umgesetzt werden können oder eben, wo es dann ein bisschen komplexer ist. Es wurde immer gesagt, der Song Contest wäre so weit weg vom eigentlichen Popmusikgeschehen. Das stimmt aber, wenn man sich die Charts anschaut, stimmt es aber gar nicht, weil die meisten ESC-Teilnehmerbeiträge finden sich dann in den jeweiligen nationalen Charts und was will man mehr. Also selbst in Deutschland hatten wir dann eben bis in Mitte der 80er Jahre war eigentlich fast jeder deutsche Beitrag gut platziert. Und dann ging es so Ende der 80er, Anfang der 90er so ein bisschen bergab, dann. Wandelte sich der Song Contest so ein bisschen in so eine New Age-ige Richtung, dann kamen die ganzen osteuropäischen Länder und brachten so ihre eigenen Einflüsse mit rein, die dann für den Westen sehr weird waren und ja, sehr fremd. Und dann Ende der 90er hat dann auch oft Betreiben des deutschen Unterhaltungschefs Jürgen Mayer Bär, wurden dann eben massive Veränderungen durchgeführt. Beispielsweise, wie gesagt, Orchester abgeschafft, aber dass man eben auch auf Englisch singen durfte, weil viele Länder ein Problem hatten, die ganze musikalische Vielfalt ihrer Szene in Landessprache abzubilden. In Norwegen beispielsweise wurde dann eben nicht auf Norwegisch Rockmusik oder Popmusik gemacht, sondern eher nur diese etwas mystisch-skandinavischen New Age-Geschichten. Und das war denen dann auf Dauer auch ein bisschen zu langweilig und die wollten halt mal was anderes schicken. Durch die Öffnung für die englische Sprache hat es natürlich schon tendenziell mehr Rockmusik gegeben beim Song Contest. Den richtigen Break haben wir dann Anfang der 2000er gesehen, als dann die Osteuropäer ihre Showkultur auf die Bühne gebracht haben. Weil es ist ja so, dass wir in Westeuropa Fernsehen anders sehen, als das in Ost- und Südosteuropa der Fall ist. Da ist Fernsehen schon sehr früh ein Begleitmedium gewesen. Also wie Radio, das läuft den ganzen Tag nebenbei. Und da muss man halt wirklich was auf die Bühne bringen, beziehungsweise auf den Bildschirm, damit die Leute von der Suppe hochgucken. Dann haben wir dann plötzlich eine Ruslaner gehabt aus der Ukraine, die da mit ihren Wild Dances. und da sind den Leuten hier alle Gesichtszüge entglitten, weil sie gar nicht auf die Idee kamen, so etwas auf die Bühne zu stellen. Da kamen halt immer mehr und das war dann eben auch die Zeit, wo dann die Türkei gewonnen hat, wo Griechenland gewonnen hat, die dann eben mit diesen Elementen gespielt haben, die zum Teil auch aus der heimischen Folklore kommen. Und auf die Idee war, wäre man in Deutschland gekommen, würde man heutzutage auch noch nicht kommen. Das ist sehr bedauerlich. Wir haben es noch niemals geschafft, irgendeinen Titel auf Bayerisch oder auf Friesisch oder irgendein Mundarzt zu schicken. Nicht mal, also Bayerisch hatten wir zumindest schon mal in der nationalen Vorentscheidung, aber wir hatten niemals einen Song auf Sorbisch. Das gehört zu Deutschland, aber macht keiner. Wohingegen die Ersten, die schicken dann eine sechsköpfige Band, die singen Inverro, das von 20.000 Leuten gesprochen wird und dann sind die da stolz wie Hulle, dass die dann eben ihre Minderheit da präsentiert sehen. Da ist aber natürlich auch nochmal der Unterschied bei den nationalen Musikmärkten, wo beispielsweise eine typische Balkanballade, wie wir sie kennen, wie Moditva oder so, die ist eben im serbischen Radio läuft sowas Tag und Nacht, also das gehört halt zum Radioalltag und zum Medienalltag dazu und bei uns sind halt Songkontestbeiträge häufig so auf den Anlass zugeschnitten und dann passen die nicht so in den Hörflow. Sie sehen, es ist eigentlich komplex. Man kann gar keine Gesamtschau erstellen, weil es teilweise in den Ländern so unterschiedlich ist. Aber ich glaube, der größte gemeinsame Nenner ist, dass der Fokus von der eigentlichen Gesangsperformance sehr, sehr stark auf andere Faktoren gerückt ist, eben weil dieses Phänomen, das Fernsehen nebenbei Medium ist. Jetzt auch im Zeitalter des Internets noch viel stärker der Fall ist, weil viele junge Leute sich das hier auf dem Computer anschauen. Und nebenbei dann eben nochmal auf Instagram schauen und irgendeine WhatsApp-Nachricht schicken oder was weiß ich machen. Und dann braucht man natürlich eine spektakuläre Show, um die Aufmerksamkeit und dann hoffentlich auch die Stimmen der Zuschauerinnen und Zuschauer zu finden. Haben Sie damit gerade auch schon die Erklärung dafür geliefert, was ein erfolgreicher ESC-Song mitbringen muss, um den Wettbewerb am Ende auch gewinnen zu können? Ja, also ich glaube, so einfach ist es nicht, weil sonst hätten ja schon viel, viel mehr Leute mit ihrer Strategie Erfolg haben müssen. Ich kenne doch den einen oder anderen, der an dem idealen ESC-Song verzweifelt ist. Ich glaube, die einzige Strategie, die man fahren kann, ist, dass man dahintersteht, was man macht und dass es möglichst was komplett anderes ist, als das, was im Vorjahr gewonnen hat. Weil die Leute erwarten vom Song Contest etwas Unerwartetes, weil da ja selbst auch eine unerwartete Größe in der Medienlandschaft ist. Das ist halt so was Singuläres und wenn ich mich da schon drei Stunden oder vier Stunden vor den Bildschirm setze und wenn ich dann schon für meine Familie den Käseigel gebaut habe und eben die ganzen Party-Utensilien auch gebaut habe, dann will ich da auch wirklich was ganz Besonderes sehen. Und nicht ein Song, der genauso klingt wie der Vorjahressieger oder eine Frau, die genauso halbnackt mit fünf Tänzern durch die Gegend gewirbelt wird wie 20.000 andere vorher. Das ist das Geheimnis und das kann aber auch komplett ohne Show passieren. Das haben wir ja bei Salvador Sobral gesehen aus Portugal, der nach. In einem Umfeld, wo sehr, sehr viel auf der Bühne passiert ist. Und dann steht er dann da und im Hintergrund hat man so eine schöne Waldkulisse und singt da einfach. Und natürlich ist er auch eine Type. Das hat natürlich eine sehr besondere Ausstrahlung. Aber da musste nichts explodieren, der brauchte keine Pyro. Und dann hat er eine riesenhohe Punktzahl bekommen, die niemand vermutet hätte. Also komplettes Geheimrezept gibt es nicht, aber ich glaube, wenn man das liebt, was man macht und nicht so sehr auf die anderen schielt, hat man da schon mal ganz gute Karten. Die Liebe zum ESC, die kann man Stefan Raab, glaube ich, durchaus zuschreiben. Er hat sich dieses Jahr eher auch wieder dem Vorentscheid angenommen in Deutschland und aber und Tünner gecastet, die mit ihrem Song Baller antreten werden. Glauben Sie denn, dass dieser Song zumindest ansatzweise Aussicht auf Erfolg haben könnte? Also ich feiere ihn. Ich habe wirklich das erste Mal seit Lena wieder Hoffnung, dass das was werden könnte. Klar, das ist kein Selbstläufer, weil es sind einfach neben dem Song und neben den Künstlerinnen und Künstlern sind da einfach noch so viele andere Faktoren. Es gibt eine sportliche Komponente. Wie ist die Tagesform? Wie ist die Startreihenfolge? Also da hatte zum Beispiel Lena auch wirklich eine ganz optimale Positionierung damals im Starterfeld. Das war ihr ja im letzten Drittel, ne? Ja, und dann hatte sie eben davor einen sehr überinszenierten Song und danach einen Song mit einer jungen Frau aus Portugal, die eine sehr gute und starke Stimme hatte, die aber dann eben drei Minuten mehr oder weniger durchgeschrien hat. Und da war dann irgendwie klar, dass die Erinnerung bei Lena geblieben ist. Und wenn man dann so einen Moment findet und jetzt nicht platziert wird zwischen zwei der Favoriten, das könnte natürlich auch passieren und man dann in so eine Vergessenheitslücke fällt oder auch sehr ungünstig ist eine Positionierung nach einer Werbepause. Wir kennen das in Deutschland ja nicht, da wird ja keine Werbung gezeigt, Aber in Europa wird dann immer, wenn, also in vielen anderen Ländern wird immer, wenn es dann eine Schalte in den Greenroom gibt oder wenn die Moderatorinnen irgendwie länger was erzählen, dann gibt es da Werbung. Und wenn man danach kommt, dann hat man Pech gehabt, weil dann sind die Leute, die auf Klo gegangen sind oder in die Küche, um nochmal Bier zu holen, die kriegen dann den Song nicht mit. Das ist dann ein etwas ungünstigerer Startplatz. Unabhängig davon haben wir zumindest jetzt mal ein ordentliches Grundkapital, möchte ich sagen, mit Abo und Tina. Das ist ein eingängiger Song, der dann auch, wenn ich mir so den fünften oder sechsten Recap von allen Songs anhöre, dann ist es natürlich sehr, sehr, bleibt sehr in Erinnerung, dieses Balalalala. Das ist toll. Ich kann halt nicht sagen, wie Tina singt, weil ich sie noch nie singen gehört habe. Also zumindest mit funktionierender Stimme. Das ist das große Fragezeichen. Was Potenzial ist da für ein Sieg? Und das habe ich seit Lena nicht mehr gespürt. Das ist ja auf jeden Fall schon mal ein Anfang. Wenn wir vielleicht zum Abschluss einen Blick nach Basel werfen, wo der ESC in diesem Jahr ausgetragen wird, würde ich Sie gerne fragen, was Sie sich denn von dem diesjährigen Eurovision Song Contest erhoffen, was Sie auch erwarten. Der Ablauf dieses ganzen Wettbewerbs ist ja auch streng vorgegeben. Es gibt die Eröffnungszeremonie auf dem türkisenen Teppich, dann kommen die Halbfinalshows, die Proben zwischendrin und am Ende dann die finale Punktevergabe. Das ist ja alles ein mehr oder weniger ritualisiertes Event. Was kann man da erwarten? Was kann man da vielleicht auch als Zuschauerin oder Zuschauer noch überraschendes erwarten? Also ich glaube, ich setze sehr, sehr große Hoffnungen in Hesselbrugger als Moderatorin, weil ich mag sie sehr und ich kann mir vorstellen, dass da eine Moderation bei rauskommt, an die wir uns noch in ein paar Jahren gerne zurückerinnern. Das so vom Umfeld. Ich wünsche mir, gerade nach den Erfahrungen aus Malmö, dass Basel ein entspannteres Umfeld bietet, das nicht so politisch-ideologisch aufgeladen ist wie Malmö, dass natürlich durch die große Palästinenser-Community dort einfach so eine Grundspannung hatte in der Eurovisionszeit. Da wurde ja auch sehr, sehr massiv zu Boykotts aufgerufen im Vorfeld. Und da hoffe ich, dass die neutrale Schweiz da einen etwas entspannteren Rahmen liefert. Ansonsten bin ich fest davon überzeugt, dass das produktionstechnisch erste Sahne wird und die IBU hat ihren Sitz in Genf. Also der Song Contest ist Home Again sozusagen. Im doppelten Sinne gleich. Der erste E-Tag hat ja auch in der Schweiz stattgefunden. Da glaube ich also nicht, dass sie sich deine Blöße geben werden und dass das irgendwie eine langweilige Show wird. Im Gegenteil, das wird sicher toll. Und auch in Vorbereitung auf das 70-jährige Jubiläum im nächsten Jahr, wo auch immer das dann gefeiert wird. Gibt es denn etwas, auf das Sie sich persönlich am meisten freuen? Käse-Fondue? Nein, damit täte ich Basel-Unrecht. Das ist ja jetzt nicht baselspezifisch. Ach, ich freue mich insgesamt auf einen Songcontest in der Schweiz, weil ich eben noch keinen in der Schweiz erlebt habe. Das ist für mich immer schön, wenn ich zum ersten Mal in ein Land komme, wo der Songcontest lange Zeit nicht stattgefunden hat und sehe, was es mit den Leuten macht, weil das ist ja schon, man merkt, die Leute sind stolz und dann fährt man mit dem Taxi und dann erzählt einem der Taxifahrer so, ah, jetzt ist Song Contest und ja, toll und dann sind die Läden geschmückt und haben entsprechende Dekorationen. Das finde ich immer besonders reizvoll und dann lasse ich mich überraschen, was Basel noch an wunderbaren Ecken zu bieten hat, denn ich war zwar schon ein paar Mal dort, aber ich habe noch nie die Muße gehabt, mir wirklich alles anzuschauen und ich hoffe, ich werde natürlich nicht dazu kommen, aber ich hoffe, die Hoffnung stirbt zuletzt und ich hoffe, dass ich dann da noch ein bisschen schöne Ecken und Winkel und bin auch dankbar, wenn die Hörerinnen und Hörer mir ein paar Tipps geben können, was ich in Basel unbedingt machen muss, können sie das dann gerne kommentieren. Das lässt sich bestimmt einrichten. Ich glaube, damit haben wir auch einen guten Abschluss gefunden. Sie haben bestimmt bei dem einen oder anderen ESC-Fan jetzt auf jeden Fall die Vorfreude nochmal so richtig gezündet. Und ich hoffe auch bei den Menschen, die dem ESC bislang noch nicht so viel abgewinnen konnten. Ich hoffe, die werden jetzt bestimmt auch mit einem anderen Blick an die ganze Sache rangehen. Vielen Dank, dass Sie heute unser Gesprächspartner im Podcast waren und sich die Zeit dafür genommen haben. Sehr, sehr gerne. Und wer Fragen hat, der kann sich immer vertrauensvoll an Dr. Eurovision wenden. Wenn ich es nicht weiß, werde ich es versuchen, es herauszufinden.