Latest / Wir lesen... Bücher Kapitel für Kapitel besprochen / Hörbuch: "Die Alternative für Deutschland" von Kian Sobek - Kapitel 3
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- 0:01Kapitel 3 die Triage um 03:00 Uhr nachts hatte die Station
- 0:06ihren eigenen Puls und Jasmin Demir kannte ihn besser als
- 0:10ihren eigenen. Es war ein Puls aus Geräuschen,
- 0:13die kein Laie auseinander hielt und die für sie so deutlich
- 0:16waren wie Worte, das gleichmäßige Saugen der Beatmung
- 0:19in Zimmer 4, ein Atem, der nicht ihr gehörte und den sie trotzdem
- 0:23mitatmete. Das Ticken der Spritzenpumpen,
- 0:26jede in ihrem eigenen Takt, ein Rhythmus, der stimmte, solange
- 0:29er gleichmäßig blieb und der zur Bedrohung wurde, sobald einer
- 0:33aus der Reihe fiel, das Ferne Klingeln einer Rufanlage, dass
- 0:36jemand gleich beantworten würde, sie oder Mehmet oder die neue,
- 0:40deren Namen sie sich noch nicht gemerkt hatte, weil die Neuen
- 0:43selten lange blieben. Sie ging den Flur entlang und
- 0:47ihre Schuhe machten kein Geräusch, weil sie gelernt
- 0:49hatte, kein Geräusch zu machen, weil der Schlaf der Kranken das
- 0:52kostbarste war, was die Station zu vergeben hatte.
- 0:55Kostbarer als die Medikamente, von denen immer etwas fehlte.
- 0:59Der Flur lag im Halbdunkel, nur die Notbeleuchtung, ein mattes
- 1:03Grün über den Türen und in diesem Grün sahen alle Gesichter
- 1:06aus wie schon ein wenig tot. Auch die der Lebenden, auch ihr
- 1:09eigenes, wenn sie sich im Glas der Stationstür spiegelte, im
- 1:13Vorbeigehen eine Frau Anfang 30, mit dunklen Augen und einem
- 1:17Mund, der das Lächeln tagsüber aufsparte, weil nachts niemand
- 1:20da war, dem es galt, 3 Pflegekräfte für 26 Betten.
- 1:25So war der Plan und der Plan war eine Lüge, denn die neue war im
- 1:28Grunde keine ganze Kraft, die musste man führen, anleiten,
- 1:32hinter der musste man Herräumen und Mehmet hatte rücken.
- 1:36Das sagte er nicht, aber sie sah es sah, wie er sich an den
- 1:39Bettrahmen abstützte, wenn er einen Patienten drehte, und so
- 1:42waren es eigentlich anderthalb Kräfte für 26 Betten und Jasmin
- 1:46war die Ganze war immer die Ganze war die, ohne die es nicht
- 1:49ging, und sie wusste es und sie hasste, dass sie es wusste, weil
- 1:53das wissen sie hielt, wo das Gehen vernünftiger gewesen wäre.
- 1:56In Zimmer 7 lag Herr Adler 86 seit 11 Tagen eine
- 2:00Lungenentzündung, die nicht weichen wollte und ein Herz, das
- 2:03müde war, einfach nur müde, so wie ein Mensch müde wird, wenn
- 2:07er lange genug gelebt hat. Sie ging zu ihm nicht, weil die
- 2:10Anzeige es verlangte, die Anzeige war ruhig, sondern weil
- 2:13sie immer um diese Zeit zu ihm ging, weil er um diese Zeit
- 2:16manchmal wach lag und die Decke ansah und Angst hatte.
- 2:20Die Angst der Alten in der Nacht, die keinen Namen hat und
- 2:23kein Gesicht, nur das Wissen, dass es bald sein wird,
- 2:26irgendwann, vielleicht heute. Er war wach, seine Augen fanden
- 2:30sie im grünen Halbdunkel, können sie nicht schlafen, sagte sie,
- 2:35keine Frage, eine Feststellung, und sie nahm seine Hand, die auf
- 2:39der Decke lag, dünn, kühl, die Haut wie Papier, das man zu oft
- 2:43gefaltet hatte, und sie hielt sie nicht fest.
- 2:46Nur eine Hand auf einer Hand, ein Gewicht.
- 2:48Eine Wärme, eine Temperatur, die sagte, da ist noch jemand.
- 2:52Sie hatte gelernt, dass die Hand mehr konnte als die meisten
- 2:56Medikamente, dass eine gehaltene Hand einen Blutdruck senken
- 2:59konnte, einen Atem vertiefen, und das Stand in keiner
- 3:02Leitlinie, das hatte ihr keine Schule beigebracht, das hatte
- 3:05sie selbst gelernt, in 1000 Nächten, an 1000 Händen, von
- 3:08denen viele später kalt geworden waren.
- 3:11Sie blieb, bis sein Atem ruhiger ging, bis die Augen schwerer
- 3:14wurden. Und dann legte sie die Hand
- 3:16zurück auf die Decke, behutsam, wie man etwas zerbrechliches
- 3:19ablegt, und ging hinaus und draußen im grünen Flur stand für
- 3:24einen Moment nur die Müdigkeit, ihre eigene, die sie tagsüber
- 3:27wegschob und die nachts kam und sich an sie lehnte wie ein Tier
- 3:31auf dem Stützpunkt brannte das einzige helle Licht der Station,
- 3:35eine Insel aus Weiß im Grünen Dunkel.
- 3:38Und dort lag seit dem Spätdienst ein Blatt Papier, das nicht
- 3:42dorthin gehörte. Sie hatte es schon gesehen, am
- 3:45Anfang der Schicht hatte es überflogen und weggelegt, weil
- 3:48keine Zeit gewesen war, und jetzt in der Stille um 3, nahm
- 3:52sie es noch einmal in die Hand, es war ein gutes Papier, das
- 3:56fiel ihr zuerst auf, noch vor den Worten, ein dickes, mattes
- 4:00Papier, kein Kopierpapier, oben ein Logo, das sie nicht kannte,
- 4:04schlicht modern. Ein Wort, das aus 2 Silben
- 4:07bestand und nach nichts klang, nach Beratung, nach Effizienz.
- 4:11Nach einer dieser Firmen, die es überall gab und die niemand je
- 4:15gesehen hatte, darunter in einer freundlichen, gut lesbaren
- 4:19Schrift. Die Überschrift Handreichung zur
- 4:21vorausschauenden Ressourcenplanung, Empfehlungen
- 4:24zur Priorisierung Elektiver und planbarer Leistungen.
- 4:28Sie las es langsam. Sie las es zweimal und beim
- 4:32zweiten Mal spürte sie, wie etwas in ihr stiller wurde.
- 4:35Die Art von Stille, die einkehrt, wenn ein Monitor einen
- 4:38Ton von sich gibt, den man noch nie gehört hat und von dem man
- 4:41trotzdem sofort weiß, dass er nichts Gutes bedeutet.
- 4:43Es war höflich, das war das erste, es war ungeheuer höflich,
- 4:48es stand nirgends, dass jemand etwas nicht bekommen solle, es
- 4:51stand überall, dass alles gerechter, planbarer,
- 4:54verlässlicher werde. Es ging, betonte das Papier
- 4:57gleich im ersten Absatz, ausdrücklich, nicht um die
- 5:00Notfallversorgung. Die bleibe selbstverständlich
- 5:03und uneingeschränkt nach medizinischer Dringlichkeit.
- 5:06Es ging um das andere, um das planbare, um die Frage, werden
- 5:10knappen Rehaplatz bekam, wenn 2 ihn brauchten und nur einer frei
- 5:13war, wer auf die Warteliste für den geplanten Eingriff vorrückte
- 5:17und wer wartete, wer das Anschlussbett bekam und wer noch
- 5:20eine Nacht auf der überfüllten Station blieb.
- 5:23Lauter Entscheidungen, die man jeden Tag traf, die sie jeden
- 5:26Tag traf, halb aus dem Bauch, halb aus Erfahrung, unter Druck
- 5:29in Sekunden und die nun sagte, das Papier einer einheitlichen,
- 5:33transparenten, fairen Logik folgen sollten, einem Index,
- 5:37einer Zahl. Sie verstand nicht alles.
- 5:40Manches war in einer Sprache geschrieben, die sie an die
- 5:43Beipackzettel teurer Geräte erinnerte, an Wörter, die viel
- 5:46zu sagen Schienen und nichts. Aber sie verstand genug, sie
- 5:50verstand, dass irgendwo in irgendeinem Rechner eine Zahl
- 5:53entstehen würde für jeden Menschen, in jedem Bett, und
- 5:55dass diese Zahl mitentscheiden würde, wer zuerst drankam und
- 5:59sie verstand, mit der kalten Klarheit der dritten
- 6:01Nachtstunde, dass eine Zahl, die Mitentscheidet, wer zuerst
- 6:04Drankommt in einem Beruf wie ihrem ein anderes Wort hatte,
- 6:07ein altes, ehrliches, schreckliches Wort.
- 6:10Das in keiner einzigen Zeile dieses höflichen Papiers vorkam.
- 6:14Triage sie kannte das Wort, sie kannte die Sache.
- 6:18Triage war das, was man tat, wenn ein Bus verunglückte und 20
- 6:22Verletzte kamen und 3 Betten frei waren.
- 6:25Wenn die Not so groß war, dass das Sortieren das Barmherzigste
- 6:28wurde, was man tun konnte. Triage war für die Katastrophe,
- 6:32Triage war für den einen schrecklichen Tag, von dem man
- 6:35jahrelang nicht sprach, was sie in der Hand hielt, war etwas
- 6:38anderes. Es nahm das Werkzeug der
- 6:40Katastrophe und machte es zum Alltag.
- 6:43Es nahm die Ausnahme und schrieb sie auf gutes, mattes Papier mit
- 6:46einem freundlichen Logo und nannte sie Planung.
- 6:49Die Pflegedienstleitung kam nicht in der Nacht, sie kam am
- 6:52Morgen kurz nach der Übergabe, wenn die Tagschicht schon da war
- 6:56und die Nachtschicht noch nicht gegangen in dem schmalen
- 6:59Fenster, in dem die Station doppelt besetzt und niemand
- 7:02wirklich zuständig war und das war kein Zufall, das hatte
- 7:05Jasmin im Lauf der Jahre verstanden.
- 7:08Man brachte die schweren Dinge im Gedränge, wenn die Müden
- 7:11gehen wollten und die frischen noch nicht angekommen waren,
- 7:14weil im Gedränge niemand die Zeit fand, eine Frage zu Ende zu
- 7:17denken. Frau Henske war keine schlechte
- 7:19Frau, das machte es schwerer, nicht leichter, eine schlechte
- 7:23Frau hätte man verachten können und Verachtung wärmte
- 7:26Verachtung, gab Kraft, Frau Henske war müde, wie sie alle
- 7:30eine Pflegefachkraft gewesen, bevor sie ins Büro aufgestiegen
- 7:33war. Eine, die noch wusste, wie sich
- 7:36ein Bett anfühlte, dass man allein drehte und die jetzt
- 7:38zwischen der Station und der Verwaltung saß wie zwischen 2
- 7:41Mühlsteinen und an beiden zerrieben wurde.
- 7:44Sie verteilte die Blätter, dieselben, die Jasmin nachts
- 7:47gelesen hatte, an jeden im Stützpunkt eines, und sie tat es
- 7:50mit einer Stimme, die zu beschäftigt klang, um
- 7:53Widerspruch zu erwarten, das kommt jetzt von oben, sagte sie,
- 7:57eine Handreichung erstmal keine Vorschrift, eine Empfehlung.
- 8:01Es geht nur um die planbaren Sachen, die Rehaplätze, die
- 8:03Wartelisten, die Verlegungen. Nichts an der Akutversorgung
- 8:07ändert sich gar nichts, das will ich gleich gesagt haben, sie
- 8:11sagte es schnell, den Satz von der Akutversorgung, sie sagte
- 8:14ihnen, wie man etwas sagt, das man auswendig gelernt hat, weil
- 8:18man wusste, dass die Frage kommen würde und ihr zuvorkommen
- 8:21wollte, ihr tragt nur ein paar Angaben ein, das System macht
- 8:25den Rest, es soll euch entlasten, damit nicht immer ihr
- 8:28die schwarzen Peter habt entlasten.
- 8:31Jasmin sah auf das Blatt in ihrer Hand und dann auf Frau
- 8:33Henske und sie sah, dass Frau Henske selbst nicht ganz
- 8:36glaubte, was sie sagte, dass sie den Satz vom Entlasten trug, wie
- 8:39man eine Tasche trägt, die einem ein anderer in die Hand gedrückt
- 8:42hat, an einem Bahnsteig mit der Bitte, sie nur kurz zu halten.
- 8:46Es war nicht ihre Tasche, aber sie hielt sie eine der
- 8:50Tagschwestern Gisela, eine Ältere, die nichts mehr zu
- 8:53verlieren hatte, weil sie in 2 Jahren in Rente ging, fragte das
- 8:57Naheliegende. Und diese Angaben, die wir
- 9:00eintragen, was passiert damit, wer rechnet das?
- 9:03Ein Dienstleister sagte Frau Henske das Macht eine Firma, die
- 9:07haben das System gebaut, steht doch oben das Logo, sie tippte
- 9:11auf das Blatt, auf das schlichte moderne Wort, das nach nichts
- 9:14klang, ist alles geprüft, alles datenschutzkonform, da müssen
- 9:18wir uns keine Gedanken machen, da müssen wir uns keine Gedanken
- 9:21machen. Jasmin hatte in ihrem Leben
- 9:23gelernt, dass dieser Satz fast immer das Gegenteil dessen
- 9:26bedeutete, was er sagte. Dass er ein Pflaster war, dass
- 9:29man über eine Stelle klebte, an der man gerade nicht hinsehen
- 9:32wollte, aber sie sagte nichts, sie hörte sich selbst nichts
- 9:35sagen, und das war das Erste, was ihr an diesem Morgen
- 9:38wirklich zu schaffen machte. Mehr als das Papier.
- 9:41Dass sie den Mund nicht aufmachte, sie, die sonst den
- 9:44Mund aufmachte, die berüchtigt war dafür, die sich mit
- 9:46Oberärzten angelegt hatte, mit der Apotheke, mit der Technik,
- 9:50immer dann, wenn es um einen Patienten ging.
- 9:53Sie machte den Mund nicht auf, und sie wusste auch warum, und
- 9:56das war das bittere in den letzten Monaten, hatte sich
- 10:00etwas verschoben, leise unter der Oberfläche der Tage, ein
- 10:03Klima, das man nicht messen konnte und doch auf der Haut
- 10:06spürte. Man fragte sie neuerdings öfter,
- 10:09woher sie wirklich komme, sie. Sie, die in dieser Stadt geboren
- 10:12war, die den Dialekt Reiner sprach als die meisten, die hier
- 10:16am Stützpunkt standen, deren Vater 40 Jahre die Buße dieser
- 10:19Stadt gefahren hatte, durch jede Schicht, bei jedem Wetter.
- 10:22Sie wurde gefragt, woher sie wirklich komme und in der Frage
- 10:26lag neuerdings ein Unterton, der vorher nicht dagewesen war.
- 10:29Kelter, Prüfender, ein Unterton, der sagte, Wir behalten uns vor,
- 10:33dich später noch einmal anders einzuordnen.
- 10:36Und wer so gefragt wurde, der überlegte zweimal, ob er der
- 10:39Erste sein wollte, der bei einer Sache von oben den Mund
- 10:42aufmachte. Wer seine Zugehörigkeit beweisen
- 10:44musste, die anderen geschenkt bekamen, der hielt den Kopf
- 10:47unten instinktiv, wie man den Kopf einzieht, wenn etwas über
- 10:50einen Hinwegfliegt. Es war keine Feigheit, sie hätte
- 10:54es Feigheit genannt, bei sich selbst streng, wie sie zu sich
- 10:58selbst streng war. Aber es war etwas älteres,
- 11:01tieferes, Klügeres als Feigheit. Es war der Selbstschutz eines
- 11:05Körpers, der gelernt hat, dass auffallen gefährlich ist und der
- 11:08schneller schützt, als der Kopf denken kann.
- 11:11Also schwieg sie und steckte das Blatt in die Kitteltasche und
- 11:13ging zur Übergabe und in der Übergabe ging es um Herrn Adler,
- 11:17dessen Lunge sich nicht besserte, und um eine Verlegung,
- 11:19die schon zweimal verschoben worden war.
- 11:21Eine alte Patientin, die einen Reha Platz brauchte und keinen
- 11:24bekam. Und Jasmin hörte zu und nickte
- 11:27und schrieb mit und in ihrer Tasche lag das Papier wie ein
- 11:30kalter Stein und sie spürte sein Gewicht durch den Stoff den
- 11:33ganzen Vormittag. Erst am Mittag in der
- 11:36Viertelstunde, die sie Pause nannten und die keine war, las
- 11:39sie das Blatt ein drittes Mal allein im Personalraum neben dem
- 11:43Automaten, der seit Wochen keinen Kaffee mehr gab.
- 11:46Nur heißes Wasser, das nach Kaffee roch.
- 11:49Und sie kam an die Stelle, die sie nachts überlesen hatte, weil
- 11:51sie zwischen 2 harmlosen Absätzen stand, kleingedruckt,
- 11:55beiläufig, eine von vielen Variablen in einer Aufzählung
- 11:58von Variablen, die in den Index eingingen.
- 12:01Es war eine Liste von Faktoren. Alter, das Verstand sie.
- 12:05Alter spielte immer eine Rolle, das war traurig, aber nicht
- 12:08falsch. Erfolgsaussicht der Behandlung
- 12:11auch das, das Tat man ohnehin, dann aber kamen Dinge, die
- 12:15nichts mit dem Körper zu tun hatten, der im Bett lag,
- 12:18voraussichtliche wiedereingliederungsfähigkeit
- 12:21regionale Verankerung. Beitrag zur Daseinsvorsorge
- 12:25Wörter, die wie Verwaltung klangen und etwas anderes
- 12:27meinten. Und je länger sie sie ansah,
- 12:29desto deutlicher trat unter den freundlichen Wörtern etwas
- 12:32hervor. Kein Gesicht, eher die Form
- 12:34eines Gesichts unter einem Tuch, und sie verstand, ohne es
- 12:37beweisen zu können, dass diese Faktoren nicht fragten, wie
- 12:40krank ein Mensch war, sondern wie nützlich, nicht wie sehr er
- 12:43Hilfe brauchte, sondern wieviel er noch zurückzahlen würde.
- 12:47Sie dachte an Herrn Adler. 86 keine
- 12:50Wiedereingliederungsfähigkeit, kein Beitrag zur
- 12:52Daseinsvorsorge, nicht mehr seit Jahren nicht mehr eine müde
- 12:56Lunge, ein müdes Herz, eine Hand, die nachts gehalten werden
- 13:00wollte. Sie dachte an die Zahl, die ein
- 13:02Rechner irgendwo aus ihm machen würde und an die Stelle, an die
- 13:05diese Zahl ihn schieben würde, ganz nach unten, höflich,
- 13:09lautlos, auf einer Warteliste, die er nicht sah und von der er
- 13:12nie erfahren würde. Und ihr wurde kalt von den
- 13:15Fingern aufwärts, eine Kälte, die nichts mit dem Personalraum
- 13:18zu tun hatte, sie steckte das Blatt zurück in die Tasche, sie
- 13:22sagte immer noch nichts zu, niemandem.
- 13:24Aber an diesem Mittag neben dem Automaten, der nur noch heißes
- 13:27Wasser gab, traf sie eine Entscheidung, ohne sie als
- 13:30Entscheidung zu erkennen. So wie man die wichtigsten
- 13:33Entscheidungen trifft, sie würde sich die Namen merken, die
- 13:36Fälle, die Daten, sie würde nicht den Mund aufmachen, noch
- 13:40nicht, dazu war sie nicht dumm genug und nicht mutig genug,
- 13:44aber sie würde hinsehen, sie würde die Zahlen lesen, die man
- 13:47aus den Menschen machte, und sie würde sich merken, was sie sah,
- 13:50es war das Gegenteil von Schweigen, getarnt als
- 13:53Schweigen. Sie wusste es noch nicht, aber
- 13:56Ihre Hände wussten es schon, die Hände, die gelernt hatten,
- 13:59schneller zu schützen, als der Kopf denken konnte und die nun
- 14:02ganz von selbst anfingen, etwas festzuhalten. 2 Nächte später
- 14:06lief das Papier nicht mehr auf Papier, es lief im System,
- 14:10Jasmin merkte es nicht an einer Ankündigung, es gab keine,
- 14:13sondern an einer neuen Maske auf dem Bildschirm des
- 14:16Stationsrechners, einem Feld, das vorher nicht dagewesen war,
- 14:20klein, unscheinbar, neben den Stammdaten jedes Patienten.
- 14:24Priorisierungswert eine Zahl grau hinterlegt, Ausgegraut,
- 14:29nicht editierbar, die einfach da war, fertig berechnet,
- 14:32Hereingeflossen aus irgendwoher, aus dem Rechner der Firma mit
- 14:36dem Namen aus 2 Silben und neben der Zahl ein kleiner Pfeil, der
- 14:40nach oben zeigte oder nach unten, je nachdem und sonst
- 14:43nichts, keine Erklärung, kein wie kein warum man sah die Zahl,
- 14:48man sah den Pfeil, man sah nicht, woraus sie gemacht waren.
- 14:51Frau Lehmann lag in Zimmer 1171 Jahre eine Hüfte, die man ihr
- 14:56vor 12 Tagen ersetzt hatte. Ein Eingriff, der gut verlaufen
- 14:59war, an dem nichts Außergewöhnliches war, außer
- 15:02dass die Frau allein lebte im 4. Stock ohne Aufzug in einer
- 15:06Wohnung, in die sie ohne Reha nicht zurück konnte, nicht
- 15:09zurück durfte, weil eine Frau mit einer frischen Hüfte und 4
- 15:12Stockwerken ohne Reha keine Patientin mehr war, sondern ein
- 15:15nächster Notfall, der nur auf seinen Termin wartete.
- 15:18Sie brauchte einen Anschlussplatz, eine Reha, ein
- 15:21Bett. In einer dieser Einrichtungen am
- 15:22Stadtrand, in denen man wieder gehen lernte.
- 15:25Sie brauchte ihn seit 5 Tagen und seit 5 Tagen rutschte er,
- 15:29Jasmin hatte das hundertmal gesehen in all den Jahren, das
- 15:33Rutschen eines Platzes, das war nichts neues, Plätze waren immer
- 15:36knapp gewesen, rehabetten waren immer Mangelware, aber früher
- 15:40hatte das Rutschen ein Gesicht gehabt, einen Namen, einen
- 15:43Grund, den man anrufen und beschimpfen konnte.
- 15:46Früher hatte am anderen Ende der Leitung ein müder Mensch
- 15:48gesessen, der einem sagte, tut mir leid, wir sind voll.
- 15:52Versuchen Sie es Montag, jetzt saß am anderen Ende eine Zahl.
- 15:57Jasmin tat, was sie immer tat. Sie ging die Liste durch, sie
- 16:01rief die Reha an, sie kämpfte mit der freundlichen
- 16:04Hartnäckigkeit, die sie sich für solche Anrufe antrainiert hatte
- 16:08und die Frau am anderen Ende, eine Kollegin, im Grunde eine,
- 16:12die denselben Mangel verwaltete wie sie, sagte den Satz, der neu
- 16:15war, den Jasmin so noch nie gehört hatte.
- 16:19Frau Lehmann ist im System, aber sie kommt nicht nach vorn, ihr
- 16:23Wert ist zu niedrig. Tut mir leid, das liegt nicht an
- 16:26mir, das rechnet die Stelle. Das liegt nicht an mir, das
- 16:30rechnet die Stelle. Jasmin hielt den Hörer und sah
- 16:34durch die Glasscheibe in Zimmer 11, wo Frau Lehmann auf der
- 16:37Bettkante saß, mühsam vornübergebeugt und versuchte
- 16:40allein nach ihren Hausschuhen zu angeln.
- 16:43Eine alte Frau, die niemandem zur Last fallen wollte und
- 16:46gerade dadurch zur Last wurde, in der Rechnung einer Maschine,
- 16:49die das nicht zur Last fallen, nicht zu gewichten wusste, eine
- 16:52niedrige Zahl. Jasmin wusste jetzt, woraus die
- 16:55niedrige Zahl gemacht war. Sie hatte die Faktoren gelesen,
- 16:59klein gedruckt, zwischen 2 harmlosen Absätzen 71, allein
- 17:04keine Wiedereingliederung in ein Erwerbsleben, kein Beitrag mehr
- 17:07zu irgendetwas, das man Vorsorge nannte.
- 17:10Die Frau hatte 40 Jahre in einer Wäscherei gestanden, hatte die
- 17:14Bettwäsche dieser Stadt gewaschen, auch die der Klinik,
- 17:16in der sie jetzt lag, und nicht nach vorn kam.
- 17:19Das stand in keinem Feld, dafür gab es keine Variable.
- 17:23Und damit sie es nicht falsch verstehen, sagte die Frau am
- 17:25anderen Ende noch, und ihre Stimme wurde eine Spur wärmer,
- 17:28als reiche sie einen Trost über die Leitung, der keiner war.
- 17:32Es ist ja nicht so, dass das Bett leer steht, es ist heute
- 17:35früh vergeben worden, einer mit gutem Wert, da ging es ganz
- 17:38schnell, 2 Tage sauber durch, es läuft ja alles, es läuft sogar
- 17:43besser als früher, das sagen hier alle, es läuft nur bei
- 17:46ihrer Frau Lehmann noch nicht. Noch nicht.
- 17:49Da war es wieder, das kleine Wort, das die Türen offen hielt,
- 17:52damit niemand sah, dass sie zu waren.
- 17:55Und während sie den Hörer noch am Ohr hatte, fiel Jasmin, der
- 17:58Mann aus Zimmer 9 ein, der vor wenigen Tagen gegangen war.
- 18:02Herr Wolter 64 dieselbe Hüfte, fast derselbe Operationstag, nur
- 18:07dass neben seinem Namen der kleine Pfeil nach oben gezeigt
- 18:10hatte und sein Anschlussplatz am zweiten Tag gekommen war.
- 18:13Beinahe unangefordert wie von selbst.
- 18:16Ein Platz in der guten Einrichtung am Wasser, ein Mann
- 18:19mit einer Frau zu Hause, mit einer Werkstatt, die auf ihn
- 18:22wartete, mit einer Zusatzversicherung und einem
- 18:24Namen, der seit 3 Generationen an derselben Straße stand.
- 18:29Seine Tochter hatte am Tag der Verlegung eine Schachtel
- 18:31Pralinen auf den Stützpunkt gestellt und gesagt, sie könne
- 18:34gar nicht sagen, wie dankbar sie sei.
- 18:37Es sei alles so schnell gegangen, so unkompliziert, man
- 18:40höre ja immer nur Schlechtes über das Gesundheitswesen, und
- 18:43dabei funktioniere es doch, wenn man es nur ließe.
- 18:46Alle hatten genickt, auch Jasmin hatte genickt, die Pralinen
- 18:50hatten 2 Schichten gehalten. Und niemand auf der Station
- 18:53hatte gefragt, warum es bei dem einen 2 Tage dauerte und bei der
- 18:56anderen nicht aufhörte zu dauern.
- 18:58Denn das Schnelle bedankte sich laut mit Pralinen und Händedruck
- 19:02und einer Tochter, die strahlte und das langsame saß stumm
- 19:05hinter einer Glasscheibe und angelte nach seinen Hausschuhen.
- 19:09Es war dieselbe Liste und sie hatte 2 enden und nur das eine
- 19:12Ende hatte eine Stimme. Jasmin legte auf, sie blieb
- 19:16einen Moment stehen am Stützpunkt im weißen Insellicht,
- 19:19und in ihr arbeitete etwas ein Druck, der nach oben wollte, ein
- 19:22Satz, der heraus wollte, der Laute, klare, zornige Satz, den
- 19:26sie früher gesagt hätte, zu Frau Henske, zum Oberarzt, zu wem
- 19:29auch immer, sie machte den Mund nicht auf.
- 19:32Sie spürte, wie sie ihn nicht aufmachte, spürte den alten
- 19:35Reflex, den Kopf einzuziehen, und sie verachtete sich ein
- 19:38wenig dafür und tat es trotzdem, weil die Verachtung billiger war
- 19:41als das, was das aufmachen gekostet hätte.
- 19:44Stattdessen tat sie das andere. Sie ging in den Personalraum,
- 19:48holte aus ihrem Spind ein kleines Heft.
- 19:50Eines, das sie sich am Tag zuvor gekauft hatte.
- 19:52In dem Schreibwarenladen beim Bahnhof, ohne sich Recht
- 19:56einzugestehen, wofür ein schmales schwarzes Heft wie ein
- 20:00Kalender unauffällig, und sie setzte sich für 2 Minuten auf
- 20:04den Hocker neben dem Automaten, der nur noch heißes Wasser gab,
- 20:07und sie schrieb kein Name ganz, sie war nicht naiv, sie wusste,
- 20:11was Daten waren und was man damit anstellen konnte, sie
- 20:14schrieb Frau L. Zieh 11 Hüfte allein viert OG
- 20:19sie schrieb das Datum, sie schrieb Reha angefordert, Tag 5
- 20:23abgelehnt, Begründung wert zu niedrig, telefonisch bestätigt
- 20:27und darunter nach einem kurzen Zögern, in dem ihre Hand
- 20:30schneller Begriff als ihr Kopf eine zweite Zeile, die andere
- 20:34Hälfte der Rechnung Herr W. Zieh 9 gleiche OP, gleiche Woche
- 20:40Platz nach 2 Tagen Pfeil oben. Denn eine Liste, die man nur von
- 20:44unten las, bewies nichts. Erst die beiden Enden
- 20:47nebeneinander zeigten, dass es dieselbe Liste war, dass das
- 20:51Schnelle des einen und das Warten der anderen aus derselben
- 20:53Rechnung kamen. 2 Schalen, eine Waage, mehr nicht ein paar
- 20:57Zeilen in einer Handschrift, die fester war, als sie sich fühlte,
- 21:01es war nichts, es war ein Satz in einem Heft, es würde
- 21:04niemandem helfen, nicht Frau Lehmann, die morgen noch immer
- 21:07auf der Bettkante sitzen und nach ihren Hausschuhen angeln
- 21:09würde. Und doch fühlte es sich an, als
- 21:12hätte sie zum ersten Mal seit Wochen wieder Boden unter den
- 21:15Füßen, einen schmalen, harten Streifenboden, gerade breit
- 21:19genug, um darauf zu stehen. Sie tat etwas, nicht das
- 21:23Richtige, noch nicht nicht das Mutige, aber sie hörte auf, nur
- 21:28zuzusehen, wer aufschreibt, was geschieht, hat schon aufgehört,
- 21:32es ganz hinzunehmen. Sie steckte das Heft zurück in
- 21:35den Spind, tief unter ihre Sachen, und sie wusste in dem
- 21:39Moment, in dem ihre Hand das Heft losließ, dass sie eine
- 21:42Linie überschritten hatte, eine dünne, unsichtbare, von der sie
- 21:45nicht hätte sagen können, in welchem Gesetz sie stand oder ob
- 21:49sie überhaupt in einem Stand. Die Linie zwischen dem, was zur
- 21:52Arbeit gehörte, und dem, was man heimlich tat.
- 21:55Auf der anderen Seite dieser Linie war es kälter und
- 21:57einsamer, aber man konnte dort wenigstens stehen.
- 22:00Gegen 4 in der tiefsten Stunde ging sie noch einmal zu Herrn
- 22:04Adler. Er schlief nicht, er schlief in
- 22:07diesen Nächten selten, als spare er den Schlaf für später auf,
- 22:10für die lange Variante, seine Augen fanden sie im grünen
- 22:14Halbdunkel, und er lächelte ein kleines schiefes Lächeln, das
- 22:18mehr Mühe kostete als ein Lächeln kosten sollte.
- 22:21Sie sind noch da, sagte er, Ich bin noch da, sie sind immer da.
- 22:26Er sagte es nicht als Vorwurf und nicht als Dank, eher als
- 22:29Feststellung, wie man das Wetter feststellt und dann nach einer
- 22:33Pause, in der nur die Beatmung aus dem Nebenzimmer den Takt
- 22:36hielt. Meine Frau war auch so eine,
- 22:39eine, die immer da war, man merkt es erst, wenn sie nicht
- 22:42mehr da ist. Wieviel das war dieses Dasein,
- 22:45wieviel Arbeit, das war, von der man nichts gesehen hat.
- 22:49Jasmin nahm seine Hand, die kühle Papierne Hand, und hielt
- 22:52sie. Und sie dachte an die Zahl, die
- 22:54irgendwo in einem Rechner aus diesem Mann gemacht wurde, aus
- 22:57diesem Mann mit seiner toten Frau und seinem schiefen Lächeln
- 23:00und seiner müden Lunge. Eine Zahl, die ganz weit unten
- 23:04stand, weil dieser Mann nichts mehr zurückzahlen würde, nichts
- 23:07mehr beitrug, nichts mehr wieder eingegliedert werden konnte in
- 23:10irgendein Leben, das man messen und verrechnen konnte, eine
- 23:14niedrige Zahl, und sie hielt seine Hand fester, ein Gewicht.
- 23:18Eine Wärme, eine Temperatur, die sagte, hier in diesem Zimmer in
- 23:23dieser Stunde zählt deine Zahl nichts.
- 23:25Hier zählt nur, dass du wach liegst und Angst hast und dass
- 23:28eine Hand da ist. Es war das Einzige, was sie dem
- 23:31Papier entgegensetzen konnte in dieser Nacht, eine Hand auf
- 23:35einer Hand. Es war lächerlich wenig, es war
- 23:38alles, was sie hatte. Und während sie da saß und der
- 23:41alte Mann unter ihrer Hand ruhiger atmete, verstand sie,
- 23:45ohne die Worte dafür zu haben, dass das System, das sie auf
- 23:48gutem, mattem Papier in ihre Station getragen hatten und die
- 23:51Hand, die sie hielt, von nun an gegeneinander stehen würden.
- 23:54Jede Nacht, an jedem Bett, und dass sie sich würde entscheiden
- 23:57müssen, irgendwann, auf welcher Seite.
- 23:59Ihre Hände waren. Noch hatte sie sich nicht
- 24:02entschieden, aber das Heft lag schon im Spind.
- 24:06Und Ihre Hände, das spürte sie, hatten längst gewählt, bevor ihr
- 24:09Kopf den Mut dazu fand. Der Morgen kam Grau durch die
- 24:12Fenster, wie jeder morgen und mit ihm die Tagschicht, und
- 24:16Jasmin gab über Bett für Bett, Zahl für Zahl und bei Zimmer 11
- 24:20bei Frau Lehmann sagte sie nur die nackten Fakten, Reha
- 24:23angefordert, abgelehnt, neuer Versuch heute und die Kollegin
- 24:27nickte und schrieb mit und niemand sagte das Wort, das
- 24:30unter allem lag, das alte, ehrliche, schreckliche Wort, das
- 24:33in keiner Zeile des Papiers vorkam und das doch in jedem
- 24:36Feld stand, in jeder ausgegrauten Zahl, in jedem
- 24:40kleinen Pfeil, der nach unten zeigte.
- 24:42Jasmin zog ihre Jacke an und ging hinaus in den Grauen Morgen
- 24:46und in ihrer Tasche, leicht und schwer zugleich, lag der Gedanke
- 24:50an das schwarze Heft im Spind, und sie wusste, dass sie
- 24:53wiederkommen würde in der nächsten Nacht und in der
- 24:56übernächsten, und dass das Heft mit ihr wachsen würde, Zeile um
- 24:59Zeile, Name um Name, Zahl um Zahl, bis es eines Tages voll
- 25:04genug wäre, um etwas zu wiegen. Sie wusste nur noch nicht, auf
- 25:08welcher Waage.