Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Menschliches, Allzumenschliches I - Erstes Hauptstück - 22-27
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- 0:00Unterkapitel 22 Unglaube an das Monumentum aere Perennius der
- 0:06lateinische Titel bedeutet ein Denkmal dauerhafter als Erz, das
- 0:11ist ein Zitat des römischen Dichters Horas, der damit
- 0:15meinte, dass seine Dichtung ewig hält.
- 0:17Nietzsche überträgt das auf die Gesellschaft, wenn der Glaube an
- 0:21eine ewige, metaphysische Welt, ein Jenseits, eine ewige Seele
- 0:25aufhört, verändert sich das Verhalten der Menschen.
- 0:29Früher bauten Menschen riesige Kathedralen oder gründeten
- 0:32Institutionen, die Jahrhunderte überdauern sollten.
- 0:35Sie taten das, weil sie an eine Ewigkeit glaubten, sie dachten,
- 0:39dass es für ihr Seelenheil gut ist, wenn sie der Kirche etwas
- 0:42spenden, das ewig hält, wenn dieser Glaube wegfällt, denkt
- 0:46der Mensch kurzfristiger, er sieht nur noch seine eigene
- 0:50kurze Lebenszeit, er will die Früchte seines Baumes selbst
- 0:53pflücken und nicht Bäume pflanzen, die erst in 100 Jahren
- 0:56Schatten spenden. Das ist ein Nachteil der
- 0:59Aufklärung. Die großen, dauerhaften Werke
- 1:02könnten seltener werden. Nietzsche fragt sich, ob die
- 1:05Wissenschaft jemals so viel Vertrauen erwecken kann wie
- 1:08früher die Religion, damit Menschen wieder an langfristigen
- 1:10Projekten arbeiten. Er hofft, dass die Erkenntnis,
- 1:13dass bestimmte Dinge wie Gesundheit oder Bildung
- 1:16dauerhaft wahr und gut sind, die Menschen dazu motivieren wird,
- 1:20auch wieder ewige Werke zu gründen, aber im Moment sieht er
- 1:24eher einen modernen Menschen. Der sich kein festes Haus mehr
- 1:27bauen will, weil er sich darin wie lebendig eingemauert fühlt.
- 1:33Unterkapitel 23 Zeitalter der Vergleichung Dies ist ein sehr
- 1:39wichtiges Kapitel für das Verständnis der modernen Welt.
- 1:42Nietzsche sagt, je weniger die Menschen an feste Traditionen
- 1:45gebunden sind, desto unruhiger werden sie innerlich und
- 1:48äußerlich. Früher lebten Menschen in einer
- 1:51festen Kultur, sie kannten nur ihre eigenen Sitten und
- 1:54Gebräuche. Heute aber strömen alle Kulturen
- 1:58aufeinander ein. Wir kennen die Sitten aller
- 2:00Völker und aller Zeiten, das nennt Nietzsche Das Zeitalter
- 2:04der Vergleichung wir vergleichen alles mit allem, wir probieren
- 2:09verschiedene Lebensstile aus, wie wir Kleidung anprobieren.
- 2:13Das gab es früher nicht, da war der Stil durch den Ort
- 2:16vorgeschrieben. Das hat vor und Nachteile.
- 2:19Der Nachteil ist die Unruhe, nichts steht mehr fest.
- 2:23Der Vorteil ist wir können auswählen.
- 2:26Wir können entscheiden, welche Formen und Sitten wir behalten
- 2:29wollen und welche wir ablegen, absterben lassen.
- 2:33Nietzsche sieht hier eine große Aufgabe für die Menschheit.
- 2:36Wir müssen verstehen, dass wir in diesem Zeitalter leben, wir
- 2:40sollten nicht jammern, dass die alten Traditionen kaputt gehen,
- 2:43stattdessen sollten wir die Freiheit nutzen, aus all den
- 2:46Möglichkeiten die Besten auszuwählen, um eine neue,
- 2:48höhere Kultur zu schaffen. Die zukünftigen Generationen
- 2:52werden uns dafür danken, dass wir diesen schwierigen Prozess
- 2:55des Auswählens durchgemacht haben.
- 2:58Unter Kapitel 24 Möglichkeit des Fortschritts kann die Menschheit
- 3:04wirklich Fortschritte machen ein Gelehrter der alten Kultur würde
- 3:08vielleicht sagen, Nein, früher war alles besser, wir haben
- 3:13unsere Größe verloren. Nietzsche widerspricht dem er
- 3:17sagt. Wenn wir aufhören, an die alte
- 3:19religiöse Kultur zu glauben, dann wird der Weg frei für
- 3:22echten Fortschritt. Früher hat sich die Kultur
- 3:25unbewusst und zufällig entwickelt wie eine Pflanze, die
- 3:29wild wächst. Jetzt aber können wir Menschen
- 3:32beschließen, unsere Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen,
- 3:36wir können bewusst Bedingungen schaffen, unter denen Menschen
- 3:39besser entstehen und leben können.
- 3:42Er nennt Beispiele, bessere Erziehung, bessere Ernährung.
- 3:46Eine ökonomische Verwaltung der ganzen Erde, das sinnvolle
- 3:49Nutzen der menschlichen Arbeitskraft.
- 3:52Nietzsche sagt, diese neue bewusste Kultur tötet zwar die
- 3:56alte, unbewusste Kultur, die eher wie ein Tier oder
- 3:59Pflanzenleben war, und sie zerstört auch das Misstrauen
- 4:03gegen den Fortschritt, er glaubt fest daran, Fortschritt ist
- 4:07möglich, es wäre dumm, das zu leugnen, nur weil man romantisch
- 4:11an der Vergangenheit hängt. Wir müssen nur begreifen, dass
- 4:14wir diesen Fortschritt jetzt selbst machen müssen und nicht
- 4:17auf Gott oder den Zufall warten dürfen.
- 4:21Unterkapitel 25 privat und Weltmoral früher glaubten die
- 4:28Menschen, dass ein Gott die Welt lenkt und am Ende alles gut
- 4:31ausgehen lässt. Deshalb musste sich der Einzelne
- 4:34nur darum kümmern, in seinem kleinen Umfeld gut zu sein, um
- 4:38das große Ganze kümmerte sich ja Gott.
- 4:41Das war die alte Moral. Nietzsche erwähnt hier
- 4:44namentlich Kant, da dieser Glaube an eine göttliche Lenkung
- 4:47nun schwindet, ändert sich die Aufgabe.
- 4:50Jetzt müssen die Menschen selbst ökumenische, also
- 4:54weltumspannende Ziele setzen, wir müssen die Verantwortung für
- 4:57das Schicksal der Erde übernehmen, die alte, naive
- 5:00Ansicht war, wenn jeder an sich arbeitet und brav ist, wird es
- 5:04dem Ganzen schon gut gehen, ähnlich wie die Theorie des
- 5:07Freihandels in der Wirtschaft. Nietzsche bezweifelt das.
- 5:11Er meint, dass es in Zukunft vielleicht gar nicht
- 5:13wünschenswert ist, dass alle Menschen gleich handeln.
- 5:16Für die großen Ziele der Menschheit könnte es nötig sein,
- 5:19dass bestimmte Gruppen spezielle Aufgaben übernehmen, vielleicht
- 5:23sogar Aufgaben, die nach alter Moral als Böse oder hart gelten,
- 5:28damit wir die Menschheit nicht durch falsche Planung zugrunde
- 5:31richten, brauchen wir dringend wissen, wir brauchen eine
- 5:35wissenschaftliche Kenntnis darüber, was Kultur überhaupt
- 5:38braucht, um zu gedeihen. Das ist die riesige Aufgabe für
- 5:42die großen Geister des kommenden Jahrhunderts.
- 5:44Den Maßstab finden nachdem wir die Welt gestalten wollen unter
- 5:49Kapitel 26 die Reaktion als Fortschritt in diesem Abschnitt
- 5:55erklärt Nietzsche ein scheinbares Paradoxon wie können
- 5:58Rückschritte in der Geschichte eigentlich Fortschritte sein?
- 6:02Er nennt dies Reaktion. Nietzsche beobachtet, dass es
- 6:06manchmal Geister oder Persönlichkeiten gibt, die sehr
- 6:08kraftvoll sind. Aber eigentlich veraltete
- 6:11Ansichten vertreten. Sie beschwören vergangene Phasen
- 6:14der Menschheit noch einmal herauf.
- 6:17Ein berühmtes Beispiel dafür ist Martin Luther und die
- 6:20Reformation. Luther wirkte zu einer Zeit, als
- 6:23der freie Geist der Renaissance gerade erwachte, durch Luther
- 6:27wurde das religiöse und moralische Empfinden des
- 6:30Mittelalters noch einmal neu belebt, ein anderes Beispiel aus
- 6:34Nietzsches Zeit ist der Philosoph Arthur Schopenhauer.
- 6:37Obwohl das Christentum als wissenschaftliche Erklärung der
- 6:40Welt eigentlich schon erledigt war, brachte Schopenhauer das
- 6:43christliche Weltgefühl und die mittelalterliche Sichtweise
- 6:46durch seine Philosophie noch einmal zur Geltung.
- 6:49Nietzsche sagt nun, dass dies gut und nützlich war, warum,
- 6:54weil diese Reaktionen beweisen, dass die neuen Wege, wie die
- 6:57Aufklärung oder die reine Wissenschaft noch nicht stark
- 7:00genug waren, es fehlte noch etwas.
- 7:04Durch Leute wie Schopenhauer wurden wir gezwungen, uns noch
- 7:06einmal tief in diese alten Gefühle und Sichtweisen
- 7:08hineinzuversetzen. Das ist ein Gewinn für die
- 7:11Gerechtigkeit der Geschichte, wir können das Christentum und
- 7:15vergangene Epochen nur dann wirklich verstehen und fair
- 7:18beurteilen, wenn wir sie noch einmal durchlebt haben.
- 7:21Erst wenn wir diese alten Denkweisen wirklich verstanden
- 7:24und dann korrigiert haben, können wir die Fahne der
- 7:26Aufklärung wirklich weitertragen.
- 7:28Der Rückschritt war also notwendig, um Anlauf für den
- 7:31wirklichen Fortschritt zu nehmen.
- 7:34Unterkapitel 27 Ersatz der Religion hier kritisiert
- 7:40Nietzsche die Idee, dass die Philosophie als ein Ersatz für
- 7:42die Religion dienen soll, besonders für das einfache Volk.
- 7:46Manche Denker meinten, man müsse der Philosophie einen religiösen
- 7:49Anstrich geben, um die Menschen nicht zu überfordern, wenn sie
- 7:52ihren Glauben verlieren. Nietzsche hält das für falsch,
- 7:56ergibt zu, dass der Übergang von Religion zu wissenschaftlichem
- 7:59Denken hart und gefährlich sein kann.
- 8:02Aber er sagt, wir sollten nicht versuchen, die Bedürfnisse, die
- 8:06die Religion befriedigt hat, einfach weiter zu füttern.
- 8:09Stattdessen sollten wir diese Bedürfnisse selbst abbauen und
- 8:12ausrotten. Ein Beispiel dafür ist die
- 8:15Seelennot oder die Angst vor Sünde im Christentum.
- 8:19Diese Ängste basieren auf Irrtümern der Vernunft, man
- 8:23sollte sie nicht trösten oder befriedigen, sondern den
- 8:26Menschen zeigen, dass diese Ängste unbegründet sind, damit
- 8:29sie verschwinden. Die Philosophie soll also nicht
- 8:32wie die Religion trösten, sondern aufklären und Irrtümer
- 8:36beseitigen. Für den Übergang empfiehlt
- 8:39Nietzsche die Kunst. Die Kunst kann helfen, das Herz
- 8:41zu erleichtern, wenn es von Gefühlen überladen ist.
- 8:45Sie ist viel besser geeignet als eine Philosophie, die sich als
- 8:48Religion verkleidet, um die Menschen langsam in die Freiheit
- 8:51der Wissenschaft zu führen.