Latest / Friedrich Nietzsche Podcast in Deutsch / Die fröhliche Wissenschaft - Buch 4 - Vorrede + 276-281
Transcript
- 0:00Buch 4. Vorrede Sanctus Januarius in
- 0:07diesem einleitenden Gedicht zu Buch 4 feiert Nietzsche den
- 0:10Heiligen Januarius. Dieser Heilige steht hier
- 0:13symbolisch für einen Neuanfang und eine Verwandlung.
- 0:17Nietzsche beschreibt ihn als jemanden, der mit einem
- 0:19Flammenspeer das Eis seiner Seele bricht, dieses Bild des
- 0:24schmelzenden Eises steht für die Befreiung von alten starren
- 0:27Gedanken und Gefühlen. Die Seele, nun befreit, strömt
- 0:31wie ein reißender Fluss zum Meer, ihrer höchsten Hoffnung.
- 0:35Das bedeutet, sie strebt nach neuen großen Zielen.
- 0:39Nietzsche beschreibt einen Zustand, in dem man sich immer
- 0:41heller und gesünder fühlt und aus einem inneren Antrieb heraus
- 0:45frei und liebevoll handelt, er preist die Wunder des Januarius,
- 0:49der für ihn den schönsten Januar symbolisiert, der Januar ist der
- 0:53erste Monat des Jahres und steht hier für einen kompletten
- 0:57Neubeginn. Eine Art Wiedergeburt des
- 0:59Geistes das Gedicht wurde im Januar 1882 in Genua
- 1:04geschrieben, was die persönliche Bedeutung dieses Neuanfangs für
- 1:07Nietzsche unterstreicht. Er fühlt sich erneuert und
- 1:11voller Tatendrang bereit, alte Lasten abzuwerfen und in eine
- 1:15neue Phase seines Denkens und Lebens einzutreten.
- 1:19Unterkapitel 276 zum neuen Jahre.
- 1:25In diesem Kapitel spricht Nietzsche direkt über seine
- 1:28Vorsätze und Wünsche für das neue Jahr.
- 1:31Er beginnt mit dem berühmten Satz Ich lebe noch, ich denke
- 1:34noch, was für ihn bedeutet, dass das Leben untrennbar mit dem
- 1:38Denken verbunden ist. Er bekräftigt damit die
- 1:40Wichtigkeit des bewussten Nachdenkens, sein zentraler
- 1:44Wunsch für das neue Jahr ist es, das Notwendige im Leben nicht
- 1:48nur zu akzeptieren, sondern es als schön zu empfinden.
- 1:52Er möchte lernen, die Dinge, die unvermeidbar sind.
- 1:55Also das Schicksal nicht als Last, sondern als etwas Schönes
- 1:59zu sehen. Diesen Gedanken fasst er in dem
- 2:02berühmten Begriff Amor Fati zusammen, was aus dem
- 2:06Lateinischen kommt und Liebe zum Schicksal bedeutet, das ist für
- 2:10ihn die höchste Form der Lebensbejahung.
- 2:13Nietzsche möchte keinen Kampf mehr gegen das Hässliche führen
- 2:16und auch niemanden mehr anklagen, nicht einmal
- 2:18diejenigen, die andere Anklagen, seine einzige Form der Ablehnung
- 2:23soll das Wegsehen sein. Also das bewusste Ignorieren des
- 2:27negativen. Stattdessen will er sich auf das
- 2:30schöne und Notwendige konzentrieren.
- 2:33Sein größtes Ziel ist es, ein ja sagender zu werden, das
- 2:37bedeutet, er will das Leben in all seinen Facetten annehmen und
- 2:41bejahen, mit all seinen Höhen und Tiefen, Freuden und leiden,
- 2:47er strebt nach einer vollständigen Akzeptanz der
- 2:49Realität, ohne etwas ablehnen oder verändern zu wollen.
- 2:55Unterkapitel, 277 persönliche Providenz Nietzsche beschreibt
- 3:02hier einen Zustand, den er als einen Höhepunkt des Lebens
- 3:05bezeichnet. Wenn man diesen Punkt erreicht
- 3:08hat, fühlt man eine große Freiheit und hat eigentlich die
- 3:11Vorstellung einer höheren Macht, die alles zum Guten lenkt,
- 3:14hinter sich gelassen. Doch genau in diesem Moment, so
- 3:18Nietzsche, lauert die größte Gefahr wieder in eine Art
- 3:22Unfreiheit zurückzufallen. Der Gedanke an eine persönliche
- 3:26Providenz, also die Vorstellung, dass eine höhere Macht, eine Art
- 3:30Schicksal oder Gott persönlich über einen Wacht und alles, was
- 3:35einem widerfährt, einen tieferen Sinn hat und letztlich zum
- 3:38Besten dient, wird plötzlich wieder sehr verlockend.
- 3:42Das Leben selbst scheint diesen Gedanken ständig zu bestätigen,
- 3:46egal was passiert, ob Gutes oder Schlechtes, der Verlust eines
- 3:50Freundes, eine Krankheit, ein Zufall.
- 3:53Alles scheint im Nachhinein einen Sinn zu ergeben, als hätte
- 3:56es genauso geschehen müssen. Nietzsche fragt, ob es eine
- 4:00gefährlichere Verführung gibt, als an eine solche kleine,
- 4:03fürsorgliche Gottheit zu glauben, die sich um jedes
- 4:06Detail kümmert. Er vergleicht dies mit den
- 4:09Göttern des antiken Philosophen Epikur, die sich nicht um die
- 4:12Menschen scherten, doch anstatt diesem Glauben an eine höhere
- 4:16Macht nachzugeben, schlägt Nietzsche eine andere Haltung
- 4:19vor. Wir sollten anerkennen, dass wir
- 4:22selbst es sind. Die den Ereignissen einen Sinn
- 4:24geben. Es ist unsere eigene Fähigkeit,
- 4:27die Dinge zu interpretieren und zu unserem Vorteil zu nutzen,
- 4:30die uns diesen Eindruck einer höheren Führung vermittelt.
- 4:34Er warnt davor, diese eigene Fähigkeit zu überschätzen.
- 4:38Manchmal spielt uns der liebe Zufall in die Hände und führt
- 4:41uns auf Wege, die wir selbst nicht hätten planen können.
- 4:45Diese zufälligen Fügungen können so wunderbar sein, dass selbst
- 4:49die Weiseste Vorsehung keine schönere Musik komponieren
- 4:52könnte. Es ist also eine Mischung aus
- 4:54eigener Stärke und der Annahme des Zufalls.
- 4:59Unterkapitel 278 der Gedanke an den Tod Nietzsche beschreibt ein
- 5:06Gefühl von melancholischem Glück, das ihn überkommt, wenn
- 5:09er sich mitten im geschäftigen Treiben des Lebens befindet,
- 5:12umgeben von den Bedürfnissen, Geräuschen und Wünschen der
- 5:16Menschen. Er beobachtet das Leben in
- 5:19seiner vollen Intensität, sieht das Genießen, die Ungeduld.
- 5:23Und das Begehren doch ihm ist bewusst, dass all dieses Laute
- 5:27und lebendige Treiben bald still sein wird.
- 5:30Hinter jedem Menschen steht sein dunkler Weggefährte, der Tod,
- 5:35dieses Bewusstsein der Vergänglichkeit vergleicht er
- 5:38mit der Stimmung kurz vor der Abfahrt eines
- 5:40Auswandererschiffes alle sind aufgeregt, haben sich viel zu
- 5:44sagen, aber hinter all dem Lärm wartet der Stille unendliche
- 5:48Ozean, der sie bald verschlingen wird.
- 5:51Die Menschen, so Nietzsche, leben in der Illusion, dass die
- 5:55Zukunft alles sei und das bisherige wenig zähle.
- 5:59Sie eilen und lärmen, um sich gegenseitig zu übertrumpfen, und
- 6:03der Erste in dieser Zukunft zu sein.
- 6:05Dabei übersehen Sie, dass Tod und Stille das einzig sichere
- 6:09und gemeinsame in ihrer Zukunft sind.
- 6:12Seltsamerweise, stellt er fest, verbindet diese gemeinsame
- 6:15Gewissheit des Todes die Menschen nicht, sie fühlen sich
- 6:18nicht als Bruderschaft des Todes.
- 6:21Nietzsche selbst aber findet Glück darin, zu sehen, dass die
- 6:24Menschen den Gedanken an den Tod verdrängen.
- 6:26Er möchte sogar dazu beitragen, den Gedanken an das Leben noch
- 6:29hundertmal Denkenswerter zu machen, also das Leben noch
- 6:33lebenswerter erscheinen zu lassen.
- 6:36Unter Kapitel 279 Sternenfreundschaft in diesem
- 6:44sehr persönlichen Text reflektiert Nietzsche über eine
- 6:46zerbrochene Freundschaft, er stellt fest, Wir waren Freunde
- 6:51und sind uns fremd geworden. Doch er sieht darin nichts,
- 6:54wofür man sich schämen müsste. Im Gegenteil, Es ist ein
- 6:58natürlicher und richtiger Prozess.
- 7:00Er vergleicht sich und seinen ehemaligen Freund mit 2
- 7:03Schiffen, die jeweils ihr eigenes Ziel und ihre eigene
- 7:06Bahn haben, sie können sich auf ihrer Reise kreuzen und
- 7:10gemeinsam eine schöne Zeit verbringen, so wie die beiden
- 7:13Schiffe, die im selben Hafen unter derselben Sonne liegen,
- 7:16und es scheint, als hätten sie ein gemeinsames Ziel erreicht.
- 7:20Doch dann treibt eine allmächtige Gewalt die
- 7:23unterschiedlichen Lebensaufgaben und Ziele sie wieder
- 7:27auseinander, in verschiedene Meere und unter verschiedene
- 7:30Sonnen. Vielleicht, so sinniert er,
- 7:33werden sie sich nie wiedersehen, oder wenn doch, werden sie sich
- 7:37nicht mehr erkennen, weil die unterschiedlichen Erfahrungen,
- 7:40die sie verändert haben, dass sie sich fremd werden müssen,
- 7:43ist für Nietzsche ein Gesetz über uns.
- 7:46Aber gerade dadurch werden sie sich gegenseitig ehrwürdiger.
- 7:51Der Gedanke an ihre frühere Freundschaft wird dadurch sogar
- 7:54Heiliger. Er stellt sich eine unsichtbare,
- 7:56riesige Kurve oder Sternenbahn vor, in der ihre
- 8:00unterschiedlichen Wege nur kleine Teilstrecken sind.
- 8:03Aus dieser kosmischen Perspektive betrachtet gehören
- 8:06sie also doch zusammen, allerdings, so schließt er, ist
- 8:10das menschliche Leben zu kurz und unsere Wahrnehmung zu
- 8:13begrenzt, um diese große Verbindung wirklich zu erfassen.
- 8:17Wir können nur Freunde im Sinne dieser erhabenen Möglichkeit
- 8:20sein. Deshalb will er an ihre
- 8:22Sternenfreundschaft glauben, selbst wenn sie auf der Erde
- 8:25Feinde sein müssten. Unterkapitel 280 Architektur der
- 8:31erkennenden Nietzsche kritisiert, dass es in den
- 8:35großen Städten an Orten des Nachdenkens fehlt, er wünscht
- 8:39sich Stille und weite weitgedehnte Orte mit langen
- 8:42Hallengängen, die Schutz vor schlechtem Wetter bieten und
- 8:45frei von Lärm sind. An solchen Orten sollte selbst
- 8:48das laute Beten eines Priesters als unpassend empfunden werden.
- 8:52Er sehnt sich nach Bauwerken, die die Erhabenheit des
- 8:55Sichbesinnens und Beiseitegehens ausdrücken, die Zeit, in der die
- 8:59Kirche das Monopol auf das Nachdenken hatte und ein
- 9:02nachdenkliches Leben automatisch ein religiöses Leben war, ist
- 9:07für ihn vorbei, die Architektur der Kirchen drückt diesen alten
- 9:11Gedanken aus. Kirchliche Bauten, selbst wenn
- 9:14man sie von ihrer religiösen Funktion befreit, sprechen eine
- 9:18zu pathetische und befangene Sprache.
- 9:21Sie sind für ihn Häuser Gottes und Prunkstätten eines
- 9:24überweltlichen Verkehrs und daher ungeeignet für die
- 9:27Gedanken von Gottlosen wie ihm. Stattdessen wünscht er sich,
- 9:31dass wir unsere Gedanken in Stein und Pflanze übersetzen,
- 9:34wir sollten in Hallen und Gärten spazieren gehen, die unsere
- 9:38eigenen Werte und unser eigenes Denken widerspiegeln.
- 9:42Es geht ihm um die Schaffung einer neuen Architektur, die dem
- 9:45modernen, nachdenklichen Geist entspricht.
- 9:49Unterkapitel 281 das Ende zu finden wissen.
- 9:55Nietzsche beschreibt hier eine Eigenschaft, die er bei den
- 9:58Meistern des ersten Ranges beobachtet, diese Meister
- 10:02zeichnen sich dadurch aus, dass sie sowohl im Großen als auch im
- 10:05Kleinen auf vollkommene Weise ein Ende finden können.
- 10:09Ein solches Ende kann das Ende einer Melodie.
- 10:11Eines Gedankens der fünfte Akt einer Tragödie oder eine
- 10:15politische Handlung sein. Diese Meister führen ihre Werke
- 10:19zu einem ruhigen und stolzen Abschluss, der stimmig und
- 10:22vollendet wirkt. Im Gegensatz dazu werden die
- 10:25ersten der zweiten Stufe, also die weniger talentierten, gegen
- 10:29Ende unruhig, ihr Abschluss ist nicht harmonisch und gelassen,
- 10:34Nietzsche vergleicht den perfekten Abschluss mit dem
- 10:36Anblick der Bucht von Genua bei Portofino, wo das Gebirge auf
- 10:40eine Weise ins Meer abfällt, die.
- 10:42Die wie das vollendete Ende einer Melodie wirkt.
- 10:45Es geht um die Kunst, den richtigen Schlusspunkt zu
- 10:48setzen, der dem Werk seine endgültige Form und Schönheit
- 10:51verleiht.